31. Mai 2018

Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe

Copy & Paste. Das italienische Genrekino lebt(e) seit Jahrzehnten vom schamlosen kopieren, einfügen und remixen. Auch Dario Argento. Der zuvor als Drehbuchautor in Erscheinung getretene Regisseur orientiert sich in seinem Debüt Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe klar an Vorbildern. Der Unterschied zu seinen Kollegen ist, dass es hier mit Respekt geschieht. Orientierte sich der Giallo in den 60ern, seit Mario Bavas das Subgenre begründende Filmen La ragazza che sapove troppo (aka The Girl Who Knew Too Much) und Blutige Seide, am manches Mal arg gemächlichen britischen und deutschen Krimi, steht Argento für den italienischen Thriller Anfang der 70er für den Aufbruch zu neuen Ufern. Er entstaubt den Giallo, frischt ihn auf, fügt ihm Elemente hinzu, die sich in unzähligen folgenden Werken wiederfinden. Mit seinem Debüt legt Argento eine Blaupause vor, an der sich nachfolgende Regisseure mit ihren Werken orientieren.

"This italian fellow is starting to make me nervous." - Die Worte von Alfred Hitchcock, nachdem er Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe sah. Kennt man die Filme des Master of Suspense, ist der Einfluss dessen auf Argento bei seinem Erstlingswerk unübersehbar. Die Geschichte bietet schon das erste für den Briten typische Motiv, das ein vollkommen unbehelligter, unschuldiger Mensch urplötzlich in einen Kriminalfall hineingezogen wird. Bei Argento ist das Sam Dalmas, ein in Rom Urlaub machender Autor, der Nachts bei einem Spaziergang Zeuge eines versuchten Mordes an der Galeristengattin Monica Ranieri wird. Durch sein versuchtes Eingreifen verhindert er diesen so, dass die schwer verletzte Frau überlebt und versucht fortan, die Polizei und den ermittelnden Kommissaren Morosini bei der Lösung des Falls zu helfen. Er stößt auf eine zuerst zusammenhanglos erscheinende Serie von Morden an jungen Frauen und ein geheimnisvolles Bild, welches etwas mit diesen zu tun haben scheint. Der Mörder bekommt Wind von der Sache und versucht fortan, Sam und seiner Freundin Giulia nach dem Leben zu trachten.

Violence and sexy suspense. Der Kern, die Grundformel und -aussage des (traditionell ausgerichteten) Giallo, welche dessen unbändigen Willen nach Stilisierung von Mord und Sex mit diesem Film festgelegt wurde. Hintergründig wird sie von Argento definiert und in wenigen Szenen angewandt. Der gesellschaftliche Wandel, der Einfluss der friedlichen Protestbewegungen seit 1968, schlägt sich merklich ab diesem Jahr auch in der Popkultur nieder. Das triviale Kino selbst wird ebenfalls von den auf ihm lastenden dicken Staubschichten letzter, überholten Moralvorstellungen befreit. Sex und Gewalt drängen aus dem Untergrund, dessen mehr oder minder halbprofessionellen Low Budget-Werken, hervor; das katholische Italien befreit sich auch mit Hilfe solcher Filmemacher wie Argento von einer Fessel der Zensur. Wie bei Hitchcock erhalten einfache Krimigeschichten einen psychologischen Unterbau. Weniger mit der Tiefe des Engländers verbunden. Italienische Filmemacher orientieren sich an den dem Subgenre seine Bezeichnung schenkende Groschenromankrimis mit seinen gelben Einbänden. Sie setzen die psychosexualisierten Motive der Täter spekulativ ein. Argento hält sich in Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe weitgehend zurück, lässt den Morden an weiteren Opfern des unbekannten Täters einiges an Raum und inszeniert eine Tötung wie eine stilisierte Vergewaltigung.

Wie bei Hitchcock ist das gezeigte Bild der Frau auch bei Argento nicht das allerbeste. Eine Feindlichkeit gegenüber dem Geschlecht, wie sie dem Italiener damals vorgeworfen wurde, kann man ihm nicht komplett abstreiten. Der Film wirkt manchmal wie das Abbild einer leichten Angst vor stark wirkenden Frauen. Ihnen wird mit dem Protagonisten das typische Bild des markanten Mannes entgegengestellt; kantig, ein guter Job für Darsteller Tony Musante. Ein, wie man sagt, damals schwieriger Geselle. Infolgedessen ist er nicht nur Hobbyermittler. Er ist auch Held für seine Freundin, der schützenswerten Frauenfigur, die den Killer, das wortwörtlich schwarze Phantom, stärker als Bedrohung etabliert. Dazwischen spielt Argento mit Wahrnehmung und Erinnerung. Motive, die er in seinem Profondo Rosso etabliert. Es ist nicht nur die vage Annahme des Kommissaren, dass Salmas vielleicht was mit dem versuchten Mord an Ranieri zu tun hat. Der Autor jagt den Mörder und dieses eine Detail, das fehlende Puzzlestück, mit dem er alle Indizien verbinden kann. Once again: Hitchcock.

Und was macht der deutsche Verleih daraus? Bryan Edgar Wallace. Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe wurde als Verfilmung eines Stoffs des Wallace-Sohnes vermarktet, der eigentlich mehr mit Spionagegeschichten unterwegs war und dessen Werke man im Zuge der Edgar Wallace-Filmreihe versuchte, ebenfalls im Kino zu etablieren. Was macht die deutsche Synchro daraus? eine gutklassige, zu Beginn leicht besorgniserregende Synchronisation, wenn Rainer Brandt auf Tony Musante arg flapsig um die Ecke stapft. Die Sorge wird groß, dass, wie andere Werke des Sprechers und Dialogbuchautoren, die deutsche Sprachversion arg kalauernd ausfällt. Es hält sich in Grenzen. Ausgerechnet die obskuren Nebenfiguren werden hierdurch in ihren Eigenschaften verstärkt. Na servus! Was macht aber nun Argento aus dem Film? Es ist mehr als eine Fingerübung, obwohl, und da liegt eine Schwäche, Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe unentschlossen wirkt. Das, was der Giallo in späteren Jahren bietet, ist da: die stilisierten Mordszenen, hier noch nicht so groß ausgedehnt; eine ansprechende Fotografie, weit weg von späteren Verspieltheiten des Regisseurs, wie sie z. B. Profondo Rosso bietet. Ein tief verwurzeltes Trauma, das den Mörder den Antrieb für seine Taten bietet.

Argento sucht mit diesem Film seinen Weg, zeigt aber dem Kenner seiner späteren Werke deutlich, in welche Richtung es noch gehen sollte. Den Suspense eines Hitchcocks erreicht er nur selten. Die spannendsten Szenen werden von klassischen Spannungsszenen des Krimis, teils sogar am gothischen Horror orientiert, beeinflusst. Nebelschwaden wabern durch die dunkle Stadt, in Hut und Mantel gehüllte Polizisten erscheinen wie mögliche Meuchelmörder in einer nächtlichen Stadt, die in ihrer Ausleuchtung an den Film Noir erinnert. Die Orientierungslosigkeit, das Suchen nach der filmischen Identität Argentos hält den Film manchmal auf. Man merkt, dass er sich noch ausprobieren will. Was der Italiener hier schon gefunden hat, ist das Talent für spannende Sequenzen, die hier durch einen experimentellen, dissonanten Score von Ennio Morricone verstärkt werden. In vielerlei Hinsicht ist Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe ein Übungsfilm, der dafür sehr gelungen ausgefallen ist. Wenige schaffen zudem, für ein Subgenre eine Blaupause, beinahe ein Regelwerk aufzustellen. Argento gelingt es und trotz der starken Orientierung an Hitchcock blitzt hier schon seine eigene Handschrift auf, die er spätestens Mitte der 70er perfektionierte. Es ist ein toller, aufregender Startschuss für die Hochphase des Giallo mit minimalen Schwächen.