7. Mai 2018

Der blutige Pfad Gottes

Gleich vorneweg: Der blutige Pfad Gottes, dieser "geile", "hammergeniale" oder "absolut abgefahrene" Film der es beim durchschnittlichen Filmfreund über die Jahre zu einem Kultstreifen geschafft ist, ist kein guter Film. Um das "Bashing" zu beginnen muss ich leicht ausholen. Seien wir ehrlich: das Dilemma, das solche vergessenswerte Filme, die sich munter durch kleine und große Werke der vergangenen Jahrzehnte zitieren, begann doch mit diesem einen Mann, dessen kultische Verehrung von diesen Durchschnittsfilmleuten sich mir heute noch nicht erschlossen hat: Quentin Tarantino. Ich bin es nicht müde zu sagen, dass der Zauber seiner Filme, seine vielgepriesenen Qualitäten, genau dann ihren Glanz verlieren, wenn man Tarantinos Vorbilder, die er ja auch nur fröhlich zitiert, remixt, mashupped und mit leichter eigenen Note versieht, kennt und gesehen hat. Wenigstens hat Tarantino aber so viel Talent und hat beim VHS-Verschlingen zu damaligen Videothekarenzeiten so gut aufgepasst, dass er ja wirklich was kann. Man soll mich nicht falsch verstehen: Tarantino geht okay. Pulp Fiction ist wirklich ein Kultfilm und würde sich Tarantino und seine Fähigkeiten nicht so merklich geil finden und sich zusammenreißen, wären auch seine anderen Filme nicht nur okay bis sehenswert, sondern richtige Knaller.

Nach Tarantinos Erfolg kamen sie alle und machten Natural Born Killers, True Romance (wobei Tarantino bei beiden das Drehbuch verfasste...), U Turn, Thursday, Love and a .45 (eigentlich ein kleiner Geheimtipp) und wie sie alle heißen. Irgendwann tauchte dann der Kanadier Troy Duffy auf und präsentierte seine zwei heiligen Mörderbrüder, die als Vigilanten durch Boston stapfen und der Reihe nach Mafiagangster umnieten. Eigentlich war es ja nur ein Versehen, dass Connor und Murphy MacManus als rächendes Brüderpaar unterwegs ist und nach ihrem ersten Mord von FBI-Agent Paul Smecker verfolgt werden. In der Lieblingsbar aufgetauchte Mitglieder der russischen Mafia erhalten eine ordentliche Tracht Prügel, möchten sich am Tag darauf an den Brüdern rächen und beißen dann zufällig bei der Auseinandersetzung ins Gras. Da die Brüder scheinbar ohnehin wenig zu tun haben, finden sie urplötzlich eine neue Berufung, bekommen mit dem Mafialaufburschen Rocco noch einen dritten Mitstreiter und mischen die örtliche Unterwelt auf, indem sie einen Gangster nach dem anderen kalt machen.

Das Drehbuch verfasste Autor und Regisseur Duffy während seiner Tätigkeit als Türsteher in einer Bar. Ich persönlich nehme an, dass das Buch wegen großen Arbeitsaufkommen nebenher auf einen dünnen Block gekritzelt wurde. Der blutige Pfad Gottes bietet wenig Story, leider auch wenig Eigenständigkeit und wirklich hängenbleibende Szenen, um überhaupt punkten zu können. Der Kanadier orientiert sich merklich an seinen großen Vorbildern und ist bemüht, ein cooles Ding nach dem anderen zu präsentieren. Das geht leider äußerst selten auf. Duffys verkrampfte Regie hetzt gestresst von einer Szene zur anderen um in diesen die seine heilige Dreifaltigkeit Coolness, Gewalt und schrägen Humor voll aufzudrehen. Die Multiplikatoren erreichen dabei niemals das gewollt hohe Ergebnis. Die Coolness ist spürbar aufgesetzt, die damit verbundene Gewalt lässt kalt, da Duffys Buch es versäumt, seine Figuren wenigstens im Ansatz etwas feiner zu zeichnen und der Film von Anfang bis Ende unangenehm oberflächlich, weil äußerst flach, bleibt. Über den Humor will man gar nicht reden. Duffy klebt viele Klischees zusammen, lässt krawalligen Witz regieren der die weitere Laufzeit über anstrengend wird, aber in keinster Weise lustig ist. Gut zu bemerken am Nebencharakter Rocco, der einem in seiner hyperaktiven Darstellung schnell auf den Zeiger geht.

Das, was Duffy mit Der blutige Pfad Gottes versucht, kann Tarantino besser. Wenn man sich schlechte Kopien, ein faules und unmotiviertes Plagiat dessen Werke, was Duffys Film im Endeffekt ist, anschaut, wird einem dies erst wieder richtig bewusst. Die wenigen positiven Dinge können den Film kaum retten. Duffys sprunghafter Erzählstil, der in den Zeiten vorspringt um zuerst ausgesparte Stränge der Handlung als Rückblende nachzuerzählen, erweist sich überraschend nicht als fahrig oder angestrengt bemüht künstlerisch. Einer der wenigen Moves des Regisseurs, der wirklich cool ist. Zweiter großer Pluspunkt ist auf darstellerischer Seite Willem Dafoe, der den schrägen wie getriebenen FBI-Mann großartig overacted und immer einen Grinser auf seiner Seite hat, sobald er im Bild ist. Helfen tut dies dem Film wenig. Schnell verabschiedet man sich innerlich von diesem krachigen Gemälde des stilisierten Stumpfsinns, der sich nicht nur allein bei Tarantino, sondern (wie dieser selbst) an Gangsterfilmen der letzten Jahrzehnte oder Ansatzweise der Ästhetik der Heroic Bloodshed-Werken des Hong Kong-Kinos orientiert. Wenn alles zu Ende ist, atmet man erleichtert auf, diesen ärgerlichen Pfad des Copy & Paste-Kinos überhaupt beschritten zu haben. Kult ist das nur für Leute, die sich von dieser Film gewordenen Kopienoverkill ohne Gegenwehr überwältigen lassen und auf lauten Krawall ohne Sinn stehen. Sinnlos, cool und gut gibt's auch für mich - Der blutige Pfad Gottes gehört nicht dazu.