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Mittwoch, 7. November 2018

Spring

Aussteigen. Alles hinter und sich treiben lassen. Dem alltäglichen Grau mit seinen deprimierenden Seiten entfliehen um den Kopf frei zu bekommen; den persönlichen Fokus justieren. Justin Benson und Aaron Moorhead, nicht nur bei genreaffinen Filmfreunden durch ihre dritte (wenn man deren Beitrag zur Anthologie V/H/S: Viral außen vor lässt) gemeinsame Arbeit The Endless in aller Munde und von Jubelstürmen umzingelt, gleiten in ihrem Zweitwerk Spring mit ihrem Protagonisten Evan durch die Tage im sonnenumschlungenen Italien, nachdem zuvor in den heimischen USA sich der Mist aufgetürmt hat. Die totkranke, verstorbene Mutter wurde unter die Erde gebracht, nach einer Schlägerei in der Kneipe, in der Evan arbeitet, dort freundlich vor die Tür gesetzt, deswegen von der Polizei gehetzt und selbst beim gewollten Ablenkungssex mit einer Bekannten nicht zum Zug kommend, beschließt Evan, den Rat dieser Dame befolgend, das Land zu verlassen.

In Bella Italia angekommen, lernt er die schöne und geheimnisvolle Louise kennen. Sein beharrliches Werben zeigt Erfolg: zuerst bei ihr abgeblitzt, lenkt sie nach einiger Zeit ein und verabredet sich mit ihm zu einem Date. Es beginnt eine lockere Liebelei, von Louise wegen ungenannter Gründe stets auf eine gewisse Distanz gerückt. Diese Geheimniskrämerei steht unsichtbar zwischen den jungen Leuten, bis Evan durch einen Zufall die furchterregende, erschütternde Wahrheit und Geschichte von Louise erfährt. Die tragische Erkenntnis, mit der Evan konfrontiert wird, inszenieren Benson und Moorhead als krachigen Paukenschlag ihrer Geschichte. Die vagen Andeutungen über Louise und ihr Schicksal brechen zuvor fragmentarisch in den ruhigen Erzählton des Films. Spekulative Fetzen von Bildern rücken Spring in die Nähe von cronenbergschen Body-Horror, kürzere Szenen schlagen Bogen zu einer monströsen Zweitidentität der hübschen Frau.

Der Horror in Spring ist langsam, schleichend. Man kann wiederkehrende Vergleiche mit dem Werk H. P. Lovecrafts nachvollziehen, dessen Geschichten weit mehr beherbergen als gigantische, tentakelbewehrte Gottheiten. Es ist das im Hintergrund verborgene Grauen, das tief verborgene Ängste freilegt und wie ein Raubtier auf der Lauer liegt, um die Rationalität im geeigneten Augenblick umzureißen. Wie in ihrem jüngsten Genre-Konglomerat The Endless behandelt das Regisseur-Duo den phantastischen Teil der Geschichte als Nebensächlichkeit. Die bewusst kurzgehaltenen Szenen ordnen sie der Liebelei zwischen Evan und Louise unter; ausgedehnt in mäandernden Episoden spontanem Urlaubsalltags. Wie in The Endless interessieren sich Benson und Moorhead mehr noch für Zwischenmenschliches und die Tristheit des beständigen Lebenskreislaufs. Wurde dieses Konzept dort für mich bald zur Geduldsprobe, weil Benson und Moorhead die belanglos erscheinenden Szenen auf die Spitze treiben und ich (vielleicht vorschnell) den ganzen Film ab einem Punkt als gescheitert abgehakt habe, funktioniert es bei Spring recht gut.

Vielleicht war es für mich bei The Endless, jüngst im heimatlichen Programmkino innerhalb eines Halloween-Double Features gesehen, schon zu spät. Bei Spring war ich dennoch überrascht, wie das eigentlich gleiche Konzept viel besser funktioniert und runder erscheint. Benson und Moorhead gehen gelassener an die Umsetzung ihrer Geschichte, die sich weniger durchgeplant anfühlt. Der Stoff kann mehr atmen und sich entfalten. Die Symbiose mit dem phantastischen Anteil wirkt fließender. Was uns die beiden Regisseure wie Autoren kredenzen, bleibt sinniger, da die Geschichte in diesen Momenten fassbarer und weniger verquert-abstrakt wie in The Endless ist. Eher vertrauen die beiden hier konventionellen Formeln des Horrorkinos und ordnen sie eleganter, einfach gekonnter ihrem persönlichen Stil unter.

Spannend bleibt die Entwicklung von Benson und Moorhead, zeigen beide Filme - auch The Endless - wie gekonnt sie es verstehen, in ihren Geschichten vertraut wirkenden Alltag mit ihrem eigenen Verständnis von Horror und Schrecken zu verbinden und mit der Erwartungshaltung des Publikums spielen können. Entwickelt sich Spring doch irgendwann in eine gleißende Horrorromanze, einen längst verflogenen Urlaubsmoment zweier Menschen, die der Zufall zueinander führte. Das fühlt sich wie die phantastische Version von Richard Linklaters Before Sunrise mit mehr Blut und weniger Charme an. Spring ist eine aus Evans und Louise Leben gerissene Episode, welche beide vereint und von der Angst erzählt, sich auf die eigenen Empfindungen einzulassen. Es bedarf manchmal den Glauben an das Gute, vielleicht naiv, jedoch gnadenlos sympathisch, wie Evan und Louise einem tragischen Schicksal entgegenblicken und Benson und Moorhead im Finale die zu erwartenden Ereignisse auslassen und sich mit dem Ende als kleine Romantiker outen. Die Liebe überwindet alles, auch die tragischsten Schicksale, wenn man diesem chemischen Körperkonzentrat die Chance lässt, sich zu entfalten. Da ist es nebensächlich, was nun Evans Angebetete eigentlich ist. Liebe kann eine persönliche, innere Evolution hervorrufen, wenn man sie nur lässt. Was Spring hier vermittelt, bringt ausgerechnet der deutsche Untertitel hübsch auf den Punkt: Love is a monster. Sometimes.

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