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Donnerstag, 13. Februar 2020

Die Nacht der blutigen Wölfe

Eigentlich kann man trefflich darüber diskutieren, inwieweit Paul Naschy innerhalb seiner cineastischen Sagen über seine tragische Figur Waldemar Daninsky eine eigene Linie gefunden hat. Merklich spürt man in seinen Filmen beispielsweise die Einflüsse der englischen Hammer Studios mit ihrem schweren, erhabenen Gothic Horror-Filmen. Wie schon in meiner Besprechung zum kürzlich gesehenen Nacht der Vampire geschrieben, ist das Einbetten solcher Elemente in die zeitgenössische Gegenwart der 60er und 70er Jahre eine dem geringen Budget verschuldete Entscheidung. Es schenkt Naschys Filmen dieser Zeit maximales Pulp-Flair, das mich im Falle von Nacht der Vampire durch die hölzern vorgetragene Liebesgeschichte rettete. Bierernst vorgetragene Geschichten mit einem naiven Charme können mich mit ihrem einfach getricksten Kirmes-Horror leider allzu schnell um den Finger wickeln. Die eben genutzte Umschreibung ist nicht mal negativ gemeint; was ich an Naschys Output an Daninsky-Filmen kenne, kommt einer filmischen, leicht chaotischen Geisterbahn gleich, die beileibe nicht erschreckt, aber durch ihre naiv vorgetragene Story gut unterhalten kann.

Die Nacht der blutigen Wölfe, sechster Eintrag in Naschys Daninsky-Chroniken, wird verglichen mit dem gemächlichen Ritt durch Nacht der Vampire zur wilden Maus. Die kurz gehaltene Exposition des Films führt uns zuerst nach Rumänien, als der normalerweise in London ansässige Geschäftsmann Imre Kostaz in sein dort gelegenes Heimatdorf  zurückkehrt. Beim Besuch der Gräber seiner Eltern werden er und seine hübsche Frau Justine Opfer eines Überfalls, bei dem Imre ums Leben kommt. Justine wird vom von den Dorfbewohnern als Monster umschriebenen Herren des nahe gelegenen schwarzen Schlosses gerettet, bei dem es sich natürlich um Waldemar Daninsky handelt, welcher mit den Räubern kurzen Prozess macht. Einer des verbrecherischen Trios kann entkommen, hetzt die Dorfbewohner gegen Daninsky auf, schafft es dessen als Hexe verleumdete Haushälterin zu köpfen und mit geschickter Polemik einen Lynchmob Richtung Daninskys Behausung anzuführen. Dieser kann sich mit Justine nach London retten und wird von dieser in die Klinik des mit ihrem verblichenen Gatten befreundet gewesenen Henry Jekyll komplimentiert.

Nutzte man die Szenerie in Rumänien trefflich dafür, den iberischen Schmalspur-Gothic in herrlich abgeranzter Kulisse zu kredenzen, wandelt sich der Film in Swingin' London zu früher, bunt gemischter Europloitation. In Jekylls Klinik analysiert dieser den auf Waldemar lastenden Fluch, den Justine in Rumänien beobachten konnte, ausführlich. Er kommt zum Schluss, dass man sein trauriges Werwolf-Dasein, seine nach außen gekehrte, animalische Boshaftigkeit, mit etwas viel bösartigerem bekämpfen müsste und injiziert ihm ein Serum, das aus den damaligen Experimenten seines Vaters stammt. Seiner Auffassung nach kommt es bei Waldemars Verwandlung in Mr. Hyde zu einem Kampf dieser beiden boshaften Auswüchse der dunklen Seite seines Menschseins und würde zuerst den Werwolf verbannen um dann mit einem zweiten Serum Hyde verschwinden zu lassen. Leider wird das theoretisch einfach klingende Unterfangen sabotiert und lässt Daninsky als schmierig-lüsternen und gewalttätigen Mr. Hyde durch London morden.

Der gotische Grusel macht Platz für dezent blutig ausgeführte Metzeleien, Folter und Sadismus. Auch Molina und sein Regisseur Leon Klimovsky ordnen sich den Veränderungen in der Gesellschaft und im phantastischen Kino der damaligen Jahre unter. Blutige, verunstaltete Leiber gehen eine Melange ein mit in die Kamera gehaltenen Nuditäten; zumindest, wenn man die internationale Version des Films schaut. Wegen des damals in Spanien amtierenden Franco-Regimes wurde einerseits eine Version für den spanischen Markt und die strenge Zensur des Landes gedreht, bei dem in den Angriffen von Daninsky bzw. später Hyde die weiblichen Opfer züchtig und angezogen bleiben. In der internationalen Version reißen beide klassischen Horror-Gestalten den Opfern die Kleidung nahezu so geschickt vom Leib, dass alle im Eva-Kostüm ihren Odem im Film aushauchen. Die Nacht der blutigen Wölfe hantiert selbstzweckhafter mit diesen Dingen und drängt die hier existente zarte Bande zwischen Daninsky und Justine fast an den Rand.

Eher dient die emotionale Annäherung zwischen beiden und eine dazu kommende verschmähte Liebe als dünner, roter Faden durch das temporeich vorgetragenen Monster-Mashup und seine kontinuierlich eingesetzten Schauwerte. Die Nacht der blutigen Wölfe ist verglichen mit Nacht der Vampire bei gleichermaßen simpler Ausarbeitung und Gestaltung seiner Story präziser beim Herausarbeiten seiner Money Shots; beseelt vom Geiste der swingenden 60s besitzt der Film einen strammeren Rhythmus und streift die Schwerfälligkeit beim Versuch, dem Grusel eine dramatische Komponente hinzuzufügen, gekonnt ab. Das manche Szene einen durchaus (manchmal unfreiwilligen) amüsanten Unterton besitzt, darf man hierbei nicht ignorieren. Beinahe bedauert man, dass der offensichtlichere und simplere Film keinen größeren Fokus auf die dramatische Seite seiner Geschichte legt. In dessen allgemeinen Irrsinn hätte man daraus eine durchaus interessante Zugabe zu dessen Mischung aus naivem Grusel und pulpiger Exploitation erspinnen können. Unter dem Strich bleibt eine kurzweilige, über die Jahre etwas angestaubte, aber nicht minder amüsante wie grundsympathische Fahrt durch das Monsterpanoptikum des umtriebigen Spaniers Jacinto Molina, der laut einigen Quellen weltweit der einzige Darsteller war, der alle klassischen Filmmonster verkörperte. Jene sympathische Ausstrahlung, der man auch ein Stückweit die Begeisterung Naschys für den klassischen Horror erster glorreicher Jahre anmerkt, trug in mir den Entschluss, noch tiefer in die Welt von Señor Hombre Lobo einzutauchen.

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