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Dienstag, 11. Februar 2020

Parasite

Anfang 2019 war es Jordan Peele, der mit seinem Horrorfilm Wir (hier besprochen) in einem Genrewerk über den tief klaffenden Graben zwischen arm und reich referierte und den Aufstand aus dem Untergrund mit den Formeln des postmodernen Invasions- und Terrorkinos schilderte. Ende 2019 schickte der Südkoreaner Bong Joon-ho dann den frisch gebackenen Oscar-Gewinner Parasite in die Kinos dieser Welt, um - auch nicht weit von genre-narrativen Elementen entfernt - ebenfalls die tief schürfenden Unterschiede einer Zweiklassengesellschaft zum Thema zu machen. Die Invasion der armen Leute gestaltet der Südkoreaner weniger krachig wie Peele; Bong Joon-ho lässt die vierköpfige Familie der Kims die reichen Parks gewitzt infiltrieren. Es beginnt damit, dass Sohn Ki-woon die Chance erhält, Englisch-Nachhilfelehrer von deren Tochter zu werden. Die dafür erforderliche Identifikation als Student, der er nicht ist - zusammen mit dem Rest seiner Familie hält er sich mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs über Wasser - bastelt ihm seine Schwester Ki-jung via Bildbearbeitungssoftware zusammen.

Bei den ersten Nachhilfestunden in der imposanten Villa der Parks entgeht Ki-woon nicht, dass Yeon-kyo Park, die Mutter seiner Schülerin, leicht beeinflussbar ist. Mit perfiden und wahnwitzigen Aktionen verschafft sich dadurch der Rest seiner Familie als frisch eingestelltes Personal Zugang zu deren Heim und erschleicht sich das Vertrauen der reichen Familie, die abgelenkt durch ihre eigenen Probleme aus ihrer neureichen Welt, nicht bemerkt, welches Spiel die Kims mit ihnen spielen. Geblendet von der imposanten Kulisse ihrer Wirkungsstätte und dem verlockenden, im Vergleich zum eigenen anscheinend sorgenfreien Leben treiben es die Kims immer weiter und erliegen nahezu den Verlockungen des Luxus. Der Plan und dessen Verlauf erscheinen nahezu perfekt, bis die zuvor rausgeekelte ehemalige Haushälterin der Parks eines Nachts auftaucht, in welcher die Kims die Villa der zu einem Camping-Ausflug ausgeflogenen Familie für ein ausgelassenes Gelage nutzt.

Der Verlauf dieser Nacht bringt tiefgreifende Veränderungen im Leben der beiden porträtierten Familien und in der Stimmung des Films mit sich. Ist Parasite bis dahin eine gallige Sozialsatire, die leicht überspitzt die wortwörtlich ganz unten, in einer verfallenen Kellerwohnung hausenden Kims in das Leben der privilegierten Kims crashen lässt, switcht das Drehbuch die Story in einen clever konstruierten Thriller um, der durch den manipulativen Erzählstil der ersten Hälfte den Zuschauer längst auf seiner emotionalen Seite hat. Das schwere Leben der sozial benachteiligten Menschen und rational betrachtet abwegige Wendungen erscheinen hierdurch schlüssig; Bong Joon-ho drückt seinen Finger tief in eine unbemerkt geöffnete Wunde und lässt diese durch den Verlauf seiner Geschichte schmerzlich brennen. Vordergründig lässt er mit Blick auf die südkoreanische Gesellschaft kein gutes Haar an dieser und stellt die darin besser gestellten als vordergründig harmlose Menschen dar, die in ihrer Blase existierend, mit ganz eigenen Problemen kämpfend, vor sich hin vegetieren. Entfremdung in der eigenen Familie, Traumata, Neurosen: First World Business Sickness, von der die Kims parasitär ihren sich erhöhenden Lebensstandarf füttern.

Bong Joon-ho vermeidet es, in seinem Film zugunsten der Kims einseitig auf die Geschichte zu blicken. Zugegen haben sie durch die unsentimentale Darstellung ihres Alltags und den gewieften, bitterbösen Plan die Sympathie des Zuschauers auf ihrer Seite; unsympathisch sind ihre reichen Epigone keineswegs. Die harmlosen Parks erscheinen freundlich, gleichzeitig nahezu unbemerkt gleichgültig gegenüber ihren Untergebenen, von denen sie sich gleichermaßen parasitär ernähren: ohne ihre Vereinnahmung der Kims, wäre beinahe gar kein geregeltes Leben für die Familie möglich. Der Hund frisst den eigenen Schwanz. Parasite strickt daraus ein erschütterndes Thrillerdrama, in dem feine Risse in der heiteren Fassade entstehen. Verborgen brodelnde Missgunst, Hass gegenüber den Privilegierten, nebenbei geäußerte Aussagen über den Muff der Kellerleute die wie Gleichgültigkeit und Arroganz gegenüber den sozial schwächeren klingt, obwohl es vielleicht gar nicht so böse gemeint ist, kochen hoch und kulminiert in einem hochdramatischen Massaker bei der aufgestaute Wut und Emotionen ungefiltert in Leiber gestoßen und geschlagen wird.

Nach Snowpiercer und Okja, in denen der Südkoreaner ebenfalls Klassenkampf und Kapitalismuskritik einbaute und daraus eine düstere Gesellschaftsdystopie bzw. eine überzogene, bunte gemischte Kritiktüte zeichnete, schaltet er in Parasite einen Gang zurück, scheint seinen Stil gefunden zu haben und ist dann am besten, wenn er gleichzeitig leichtfüßig und messerscharf beide sozialen Schichten beobachtet und mit schwarzem Humor angereichert der Gesellschaft damit den Spiegel vorhält. Fast bedauerlich, wenn er in der zweiten Hälfte wieder lauter wird, als hätte ihn die in den Kims und anderen benachteiligten, traurigen Figuren seiner Geschichte schlummernde Wut übermannt. Das lässt die Tonalität des Films sachte beben und schafft darin Unebenheiten, über die er stolpert. Richtig ins Straucheln gerät er deswegen nicht. Elegant hält er sich auf den Beinen; spätestens wenn ein sintflutartiger Regen die Existenz von Ki-woons Familie fast gänzlich hinfort spült und die Ausweglosigkeit gepaart mit steigernder, gespürter Ungerechtigkeit in Gewalt gewandelt wird, kriecht Bong Joon-ho mit seiner Geschichte zurück ins emotionale Bewusstsein seiner Zuschauer. Parasite ist hierbei angenehm zurückhaltend im Versuch, diesen mit einer Moral zu indoktrinieren bzw. zu beeinflussen.

Lieber beobachtet Bong Joon-ho bis zum Schluss und lässt uns mit den aus den Verstrickungen der Geschichte entstandenen Konsequenzen allein zurück. Das mag nicht jedem gefallen und scheint für manche im Gefälle beider Filmteile weiterhin zu grob. Im dargestellten System, in dem wir alle leben, gibt es nur eben kein Zuckerschlecken. Der viel zitierte Ponyhof existiert weder in Castrop-Rauxel, München, Palermo oder irgendwo in Südkorea. Der Kapitalismus frisst kontinuierlich weiter die sozial Schwachen auf und lässt Menschen mit gut gepolstertem Konto, sinnbildlich durch den Wohnort der Parks gezeigt, über dem niederen Volk thronen. Scheint der Regisseur in früheren Werken mit Stilistiken, Genres und Formeln der Narration experimentiert zu haben, hat er nun seinen eigenen Weg gefunden und seine Handschrift verfeinert. Parasite ist eine scharfe, ob seiner Laufzeit  von gut zwei Stunden niemals langweilig werdende Beobachtung einer Gesellschaft zweier Klassen, die aufeinander losgelassen, überspitzt ausgedrückt sich gegenseitig niedermetzelt. Die vorherrschende Kontrolle funktioniert noch; Bong Joon-ho gelingt es mit seinem dezent überspannten Bogen dies aufzuzeigen und gleichzeitig eine wunderbar böse, sympathische und bewegende Geschichte zu erzählen.

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