Sonntag, 8. Mai 2011

Die Nacht der rollenden Köpfe

Zusammen mit ihren Eltern wartet Katja auf einer Aussichtsplattform irgendwo in Rom auf ihren Freund Alberto, der schon ziemlich auf sich warten lässt. Wie gut, dass man mit den dortigen Münzferngläsern in dessen Wohnung schauen und so kontrollieren kann, ob er sich schon auf den Weg gemacht hat oder noch daheim rumlungert. Allerdings wird sie so Zeuge eines kaltblütigen Mordes an einer Frau. Den kurz darauf fliehenden Mörder kann sie allerdings nicht recht erkennen und verliert ihn durch die abgelaufene Zeit des Fernglases diesen auch schnell aus den Augen. Entgegen der bitte ihres Verlobten hält sie sich allerdings nicht aus der Sache raus und meldet ihre Beobachtung der Polizei. Bei dem Opfer handelte es sich laut der Presse um eine bekannte Ballett-Tänzerin. Zudem druckt die Zeitung auch noch ein Nahe des Tatorts gemachtes Foto ab, welches wohl den Mörder bei der Flucht und wie er mit einem Maroni-Verkäufer dabei zusammenstößt, zeigt. Einige Zeit später wird eben jener Verkäufer, der dabei wohl das Gesicht des Täters erkannt hat, ermordet aufgefunden. Während Alberto durch einige widersprüchliche Aussagen selbst bald ins Visier der Polizei gerät, wird bald eine weitere Tänzerin tot aufgefunden und die Jagd nach dem unheimlichen Mörder geht weiter. Dabei geraten Katja als auch ihr Verlobter immer mehr in Gefahr.

Mit einer ähnlichen Situation, wie sie schon James Stewart in Alfred Hitchcocks Das Fenster zum Hof (1954) erlebt, stürzt Maurizio Pradeux seinen hier weiblichen Protagonisten in eine für das Anfang der 70er langsam auflebende Giallogenre recht konventionell umgesetzte Geschichte. Konventionell in dem Sinne, das hier nach einem recht geradlinig aufgebauten Script aufgebaut wird, dass noch eher dem am Kriminalfilm angehauchten Giallo der 60er angelegt ist als an den mehr in die Thrillerrichtung tendierenden Produktionen der 70er Jahre. So toll auch der vom deutschen Verleih ausgewählte Titel ist, mit rollenden Köpfen sollte man hier nicht wirklich rechnen. Auch wenn der erste der insgesamt zwei Gialli des 1931 in der italienischen Hauptstadt geborenen Regisseurs einige - für die damalige Zeit - graphisch schon recht herb umgesetzte Morde zu bieten hat, so bietet der Film an und für sich eher solide Hausmannskost.

Man hält sich hier dabei nicht mal mit ellenlangem Vorgeplänkel auf: kurz nachdem die Titel am Zuschauer vorübergezogen sind, wirft Katja auch schon die Münze in das Fernglas und wenige Momente später wird auch schon der Mord an der Tänzerin bemerkt. Die insgesamt vier Drehbuchautoren drücken also schön aufs Gas, drosseln dann allerdings wenig später doch ein klein wenig das Tempo. Nicht wirklich die beste Idee, kommt Die Nacht der rollenden Köpfe so nicht mehr wirklich schwungvoll in Gang. Glücklicherweise ist der Erzählstil hier nicht gänzlich schwerfällig, auch wenn dies für spannungsvollere Szenen ein gewisser Nachteil ist. Pradeux zeigt schon Geschick dabei, diese wirkungsvoll umzusetzen, nur in der Gesamtheit wird die Geschichte durch die Drosselung des Erzähltempos einfach ausgebremst.

Dabei kann Die Nacht der rollenden Köpfe mit allen Ingredienzien des klassischen Giallokinos aufwarten. Alleine schon der Mörder ist mit schwarzer Kleidung, großen Hut und den obligatorischen schwarzen Handschuhen ausgestattet. Meistens haucht er seinen Opfern mit einem großen Rasiermesser das Leben aus. Hierbei hält man sich gar nicht sehr zurück. Die Morde sind für die damalige Zeit sehr detailfreudig und äußerst blutig umgesetzt. Hier spricht der Film eindeutig die Sprache der 70er Jahre, als in das Genre immer mehr nackte Leiber und auch so mancher deftiger Mord einzogen. Die angesprochenen nackten Leiber kommen hier ebenfalls nicht zu kurz. Susan Scott, eigentlich Nieves Navarro und Frau des Regisseurs Luciano Ercoli, wird hier - wie schon in den Filmen ihres Mannes - mit ihren wohligen Rundungen ins rechte Licht gerückt. Die herbe und so nicht uninteressante Schönheit wird hier etwas von ihrem Partner Robert Hoffmann an den Rand gedrängt. Schnell legt man den Fokus der Handlung auf diesen und macht ihn dabei sogar zu einem der Verdächtigen. Hoffmann macht seine Sache ordentlich, aber das letzte Quentchen fehlt doch, um ihn zu einem überzeugenden Protagonisten zu machen. Er spielt ein wenig zu unterkühlt und Frau Scott kommt einfach etwas lockerer rüber.

Die Nacht der rollenden Köpfe verpasst es außerdem, hier liegt auch das größte Manko, einfach das Whodunit-Element, die beinahe immer wichtigste Zutat eines Giallo, richtig umzusetzen. Auch wenn die Identität des Mörders bis zum Ende recht gut gehütet ist, so begeht man den Fehler, keinen wirklichen Verdächtigen zu präsentieren oder hier mehrere Personen zur Auswahl zu stellen. Der Killer bleibt ein Phantom, dass immer dann auftaucht, wenn ein Zeuge der ersten Tat beginnt, unbequem zu werden. Eine große Bedrohung bleibt er jedoch nicht und die in der Geschichte vorkommenden Figuren werden alle eher grob umrissen und bleiben so, eigentlich bis auf das Hauptpaar Katja und Alberto, sehr blasse Charaktere. Niemand scheint wirklich einen wahren Grund für die Morde zu haben. Die Hinweise auf die Identität werden Häppchenweise serviert, was nicht wirklich schlecht ist, doch für das sehr einfache Konstrukt der Geschichte ist dies ebenfalls nicht förderlich. Man tritt etwas auf der Stelle, was die Spannung im gleichen Sinne trübt.

Dies ist nunmal ein Ärgernis, welches den Gesamteindruck des Films schmälert. Rein technisch präsentiert Pradeux sein Werk ordentlich, dabei verleiht er ihm einen leicht schmutzigen Touch, welcher sich wiederum positiv auf die Atmosphäre auswirkt. Die eventuell sogar etwas angestaubte Krimicharakteristik des Films wird so hier und da durch eine gesunde Portion Sleaze aufgelockert und zeigt, zu was Pradeux' Kollegen noch in den nächsten Jahren fähig sein sollten. Dies gibt der Nacht der rollenden Köpfe einen ganz eigenen Stil, der wirklich zu gefallen weiß. Aber mehr als ordentliches und sauber routiniert getrickstes Entertainment ist hier leider wirklich nicht drin, auch wenn man sieht, dass Pradeux die Charekteristika des Genres kennt und auch mit ihnen umzugehen weiß. Mit den wilden Kameraschwenks im Finale begeht er sogar eigene Wege, die zwar noch etwas unsicher wirken, dem Film aber auch gut zu Gesicht stehen. Da dies aber am Ende der ganzen Geschichte geschieht, kann man einfach sagen, dass dies einfach zu spät ist. Es ist ein für die damalige Zeit eben typischer Giallo, der aber - man kann es nicht anders sagen - doch eine Spur zu typisch ist. Auch altbekanntes kann natürlich gute Unterhaltung bieten und Die Nacht der rollenden Köpfe ist gerade durch seinen leicht raueren Stil durchaus einen Blick wert, stolpert dann aber doch über die Treppenstufe zur Königsklasse und bleibt so im Überdurchschnitt stecken.


Die Köpfe auf Filmundo rollen lassen und nach weiteren Gialli stöbern!
Share:

Mittwoch, 4. Mai 2011

Nachts kommt Charlie

Kleine, verschlafene Nester sind im amerikanischen Horrorfilm prädestiniert, vom Schrecken heimgesucht zu werden. So auch in dieser kleinen Low Budget-Produktion, in der des Nächtens in der Kleinstadt Pakoe ein maskierter Killer sein unwesen treibt und mit scharfem Werkzeug seinen Opfern die Rübe vom Hals säbelt. Dies versetzt die Bürger in Angst und Schrecken und vor allem die Eltern junger Teenager, die bevorzugte Zielgruppe des Killers, sind in heller Aufruhr. So auch der örtliche Gerichtsmediziner, welcher sich sehr um das Wohl seiner Tochter Tanya sorgt, als diese eines Abends zu einer Party möchte. Während der Suche nach dem Mörder fällt der Verdacht bald auf den entstellten Gärtner Charlie Puckett. Dieser wird vom ermittelnden Sheriff Carl auch schnell gestellt und verhaftet, doch so einfach ist der Fall dann doch nicht, wie der Polizist bald feststellen muss.

Wobei man als Zuschauer aber auch alsbald feststellen muss, dass titelgebender Charlie allerdings die Spannung und den Grusel bei sich in der Scheune gelassen hat, wenn er zu nachtschlafener Zeit durch die Straßen der Kleinstadt latscht. Nichts gegen Low Budget-Streifen, selbst in dieser Sektion gibt es wirklich durchaus gut gemachte Filme, doch Nachts kommt Charlie sieht man schon sehr schnell an, dass man ihn eiligst und das auch recht lieblos runtergekurbelt hat, um mal schnell die pralle Geldkuh zu melken. Man darf allerdings bezweifeln, dass hier wirklich genug Moneten eingenommen wurden. So ein Slasher bietet sich ja auch an, kostengünstigen Horror zu fabrizieren, ja selbst die großen Vorbilder wie etwa Carpenters Halloween haben ja nicht die Welt gekostet und wurden ein riesiger Erfolg. Doch im Falle von Tom Logans Film ist Hopfen und Malz verloren.

Nicht mal unfreiwillige Komik ist hier ausreichend vorhanden, um wenigstens etwas zu belustigen. Trashappeal ist vorhanden, aber an die psychotronischen und ungemein erheiternden Werke eines Al Adamson oder auch Ted V. Mikels reicht dieses Werk keineswegs heran. Deren Streifen hatten wenigstens noch irgendwie Charme und Flair, bei Nachts kommt Charlie packt einem vor so viel Drögheit das kalte Grausen. Die recht billige Videooptik setzt den Film auf ein ziemlich niedriges Level und man darf die meiste Zeit dabei zuschauen, wie entweder der Killer einigen tumben Teens nachjagt und diese um die Ecke bringt oder der werte Sheriff der Stadt versucht, dem Mörder auf die Spur zu kommen. Dabei reiht man dann bekannte Versatzstücke des Genres nach Schema F aneinander, zitiert ganz lose sogar mal die Vorbilder wie eben Halloween oder sogar mal Hitchcocks Psycho und fabriziert dabei eine ganz neue Form der Langeweile, die man so noch nicht erlebt hat.

Wenn es mit dem Suspense nicht wirklich klappt, hätte man ja bei einem Slasherfilm wenigstens noch die Hoffnung, dass er mit einigen netten Effekten aufwarten kann. Auch in dieser Kategorie herrscht Fehlanzeige. Einige Morde geschehen Offscreen und wenn man dann dem guten Charlie doch mal beim Meucheln zuschauen darf, so passiert das dann doch relativ blutarm. Überraschend ist aber, dass man sich trotz dieser vielen negativen Punkte, mit denen dieser Horrorschmarrn punktet, dem ganzen nicht verwehren kann. Hier kann man dann gerne den alten Spruch bemühen, dass dieses Werk wie ein schlimmer Unfall ist. Auch wenn man eigentlich gar nicht möchte, so muss man doch hinsehen. So viel Einfallslosigkeit, kompakt in 76 Minuten untergebracht, hat man wirklich noch nicht erlebt. Wenn dann dem Buchautoren doch mal eine tolle Idee in die Birne geschossen ist, dann ist diese so wahnwitzig, dass die Twists den Film auch nicht mehr am Leben halten können. Mit Logik und plausiblen Erklärungen nach der Intention des Mörders ist es ja in solchen Filmen eh nicht weit her, aber Nachts kommt Charlie kann mit einer besonders schrägen glänzen. Man hätte lieber nach einem besseren Autoren suchen sollen. Nachts kommt Charlie bleibt so das einzigste Drehbuch von Bruce Carson, der eigentlich Stunt Coordinator ist und in diesem Beruf unter anderem auch am Set von Wes Cravens A Nightmare on Elm Street gearbeitet hat.

Beim Killer selbst, meist im Slashergenre sowieso der eigentliche Star des Films, hat man sich dann ganz grob an Jason aus dem zweiten Teil der Freitag der 13.-Reihe orientiert. Mit Sack über dem Ömme und, wohl um etwas Akzente zu setzen, Taucherbrille sowie einfachen Hillbilly-Klamotten am Leib darf der gute Charlie den Darstellern an den Leib. So richtig bösartig oder sogar bedrohlich kommt der Gute aber beim besten Willen nicht rüber. Das einzigste, was hier wirklich Schrecken verbreitet, sind die Klamotten und die Frisuren der übrigen Schauspielerriege. Diese fangen den grausigen Zeitgeist, der zu Beginn der 90er Jahre herrschte, wirklich hervorragend ein. Alles andere als hervorragend sind dabei allerdings die Leistungen der Mimen. Man gleicht sich dem bescheidenen Gesamteindruck des Films an und liefert entweder übertrieben schlechte oder gar keine Bemühungen ab, sich schauspielerisch hervorzutun. Wen man übrigens doch mal einen Blick auf Nachts kommt Charlie werfen möchte, so solle man bitteschön doch lieber die englische Originalfassung schauen. Die deutsche Synchronisation ist sowas von lieblos und schlecht dahingerotzt, dass es den Film noch um einiges schlechter erscheinen lässt, als er ohnehin schon ist. Wer hier auf seine Kosten kommen möchte, der muss schon wirklich stahlharte Nerven haben und trasherprobt sein und hat selbst dann außerordentlich große Probleme damit, sich wirklich bei so einem Billigststück Horrorfilm zu amüsieren.


Bei Filmundo die VHS und anderen Horrorschlock abgreifen.
Share:

Sonntag, 10. April 2011

Die letzten Zwei vom Rio Bravo

Der 1964 entstandene Film des Römers Mario Caiano ist, obwohl er heute wohl nur noch wirklichen Kennern und Fans des Genres ein Begriff sein dürfte, nicht einfach nur ein weiterer Spaghettiwestern bzw. gar kein mal so unwichtiges Werk. Immerhin hat man es Die letzten Zwei vom Rio Bravo in gewisser Weise zu verdanken, dass der damals noch völlig unbekannte Sergio Leone seinen damals revolutionären Film Für eine Handvoll Dollar drehen konnte. Beide wurden gleichzeitig abgedreht und letzterer, der den Italowestern ja definieren sollte, von den Produzenten sträflicherseits als Abfallwerk angesehen. Doch diese Ingoranz gegenüber Leones Film hatte ja auch was gutes. Er konnte die Kulissen und Kostüme der größeren Produktion benutzen und man ließ ihm vollkommen freie Hand. Leone setzte dies auch um und die Geburtsstunde des Italowestern war angebrochen. Wie ironisch, dass auf den alle Hoffnungen gelegte Die letzten Zwei vom Rio Bravo kein wirklich großer Erfolg, die B-Ware von Leone allerdings auch dank der Mund-zu-Mund-Propaganda ein weltweiter Kassenschlager wurde.

Vergleicht man nun die beiden Filme miteinander, so könnten die Unterschiede nicht größer sein. Der Protagonist bei Leone ist ein Antiheld, der nicht nur gute, sondern sehr wohl auch schlechte Züge mit sich bringt. Das ganze Setting ist dreckig und düster, der Film bringt sogar einen geringen nihilistischen Schlag mit sich. Wie viele darauf folgende Italowestern ist Für eine Handvoll Dollar eben die komplette Umkehr der so typischen Züge eines Western, der damals wie heute noch für einiges an Faszination sorgen kann. Der Film von Caiano hingegen steht noch in Tradition der klassischen Wildwest-Abenteuer, wie man sie aus dem Mutterland des Genres gewohnt ist. Wobei man allerdings auch hier mal so ganz kurz einen europäischen bzw. italienischen Einschlag entdecken kann. Doch ein so richtig räudig, dreckiges Stück Film sieht anders aus. Auch wenn man mit dem charismatischen Deutschen Horst Frank einen guten Darsteller für die Figur des Billy Carson gefunden hat, der auch nicht dem wirklich gewohnten Bild des Westernbösewichts entspricht.

Billy ist die ganze Zeit über komplett in Schwarz gekleidet, ein skrupelloser Mensch, der aber auch immer ein kleines Büchlein mit sich trägt, aus dem er dann zum passenden Zeitpunkt fromme Lebensweisheiten zum Besten gibt. Diese trägt er meistens seinem Bruder George vor, mit dem er gemeinsam ein großes Ding dreht. Während Pat Garrett, der Sheriff des Städtchens River Town Hochzeit feiert und die ganze Stadt dieser beiwohnt, raubt das Brüderpaar die Bank aus und bringt so die Einwohner River Towns um ihre Ersparnisse. Man setzt sich nach Mexiko ab, immerhin kann man ihnen dort ja nichts mehr wollen, doch die beiden Brüder haben nicht mit Garrett gerechnet. Dieser setzt noch während seiner Trauung zur Verfolgung der beiden an und macht sich dann, obwohl er keinerlei Befugnisse dort hat, auch nach Mexiko auf, um den beiden Räubern endlich das Handwerk zu legen. Er schnappt Billy und George auch, muss allerdings auf der Hut vor der örtlichen Polizei und einer Gruppe von Banditen sein, die es auf das erbeutete Geld abgesehen haben.

So nimmt die Die letzten Zwei vom Rio Bravo also die berühmte Geschichte von Billy the Kid und Pat Garrett auf, auch wenn der Billy einen anderen Nachnamen als gewöhnlich trägt. Zudem läßt man auch die schlechten Züge von Garrett weg und orientiert sich lieber an Cowboy-Heldenepen von fast Wayne'schen Ausmaßen. Garrett wird vom damals schon gut über 50 Jahre alten Rod Cameron gespielt, der in dank seines wettergegerbten Gesichts und seiner Ausstrahlung auch gut in die Rolle paßt. Auch wenn er durch sein fortgeschrittenes Alter nicht gerade der agilste ist, kann er aber in anderen Punkten glänzen. Sein Schauspiel geht in Ordnung, Cameron - obwohl gebürtiger Kanadier - macht sich einfach gut als Ur-Amerikanischer Held mit dem Herz am rechten Fleck. Die amoralischen Züge, die sich seit Leones erstem Dollar-Film im Genre so heimisch fühlen, haben hier nichts verloren. Garrett ist ein aufrechter, gesetzestreuer Mann der entgegen der Hinweise seiner Hilfssheriffs sich auch alleine nach Mexiko aufmacht, um dort die Schurken einzufangen und ins Kittchen zu bringen. Dabei läßt man auch schon mal seine frisch getraute Braut im Brautkleid stehen, immerhin ruft die Pflicht, das Böse zur Strecke zu bringen.

Dabei schafft es Caiano dank seiner routinierten Arbeit und einem schön dicken, finanziellen Polster ein durchaus ansprechendes Westernabenteuer abzuliefern. Man kann sich an der sehr konservativ ausgelegten Figur Camerons stören, doch dafür kann Caiano im rechten Moment den Zuschauer durch gut ausgearbeitete Spannungsmomente bei der Stange halten. Auch wenn der Pat Garrett hier natürlich ein oberschlauer Fuchs ist, den beiden Bösewichten bzw. Horst Frank, immer einen Schritt voraus ist. So vereitelt er nach der Festnahme und dem Abtransport der beiden Brüder desöfteren einen Fluchtversuch. Das hier gebotene sprachliche und psychische Duell zwischen Billy und Pat ist zwar recht gut gemacht, aber gerade Frank erscheint trotz einiger guter Momente den ganzen Film über doch ein klein wenig kraftlos. Er spielt mit angezogener Handbremse, auch wenn er seine Rolle trotzdem noch recht fies rüberbringt. Ihm gegenüber steht mit Kollege Angel Arranda ein junger Bursche, richtig "handsome", der seinen Bruder George und damit die interessanteste Figur verkörpert. Eigentlich möchte er seinem großen Bruder nur nacheifern, scheitert aber an seinem nicht gerade ausgeprägten Mut. Trotz des Einfluss von Billy auf ihm, so scheint er doch eigentlich ein guter Junge zu sein. Sein moralischer Zwiespalt ist gewiss nichts neuartiges und ward auch in vielen US-Produktionen gesehen, doch Arranda spielt voller Inbrunst und gerade im Marsch durch die unwirtliche mexikanische Wüste macht er seine Rolle als fast verdurstender, verzweifelter Kerl wirklich sehr gut.

Leider läßt das Buch hier die ganze Sache etwas schleifen, denn aus dieser Dreierkonstellation hätte man durchaus mehr rausholen können. Zu Schade, dass Frank nicht zwar eben gut, aber nicht sehr gut aufgelegt war. So hätte er mit seinem darstellerischen Können bestimmt noch manches aus so mancher Szene rausholen können. Selbst die sich hinzugesellenden mexikanischen Banditen sind da nur nettes Beiwerk, um nochmal etwas Pfeffer in die Sache zu bringen. Der Oberboss Santero ist zwar ein geldgieriger, gewalttätiger Mensch, doch auch ihm fehlt es noch an Ecken und Kanten, wie es dann die Charaktere in späteren Italowestern hatten. Er und seine Kumpanen sind ein klares Element der Spannungs- und Geschichtssteigerung, um dem Film auch nochmal eine etwas andere Wendung zu bringen. Doch spätestens hier macht Die letzten Zwei vom Rio Bravo keinen Hehl mehr daraus, dass man sich einfach an den US-Vorbildern orientiert. Garrett macht bei einer Farmerin, dargestellt von der späteren TV-Moderatorin Vivi Bach, und ihrem jungen Bruder Rast und hier erstrahlt der Film in einem klischeehaften Glanz, den so manch anderer Western nicht besser hinbekommen hätte. Dabei umschifft man allerdings die kitschigen Komponenten doch noch sehr gut um nicht ganz im moralinsauren Sumpf unterzugehen.

Auch nimmt er gegen Ende wieder an Fahrt auf und zieht die Zügel wieder an. So ist die Hinzunahme von Santero und Co. auch ein Gewinn für die ganze Story, die ansonsten leider etwas zu sehr vor sich hingedümpelt wäre. Zwar präsentiert man ein etwas vorhersehbares Finale, dass zur ganzen Charakteristik des Films trotzdem gut paßt. Die letzten Zwei vom Rio Bravo ist ein leichtbekömmliches Westernabenteuer mit bösen Leuten, die vom übergroßen Vertreter des Guten übermannt wird, dass mit einer schönen Ausstattung und vor allem auch schönen Locations glänzen kann. Die Landschaften sind sehr schön eingefangen, auch die Bildsprache an und für sich ist sehr ansprechend und kann zudem mit kräftigen Farben glänzen. An der Kamera befand sich übrigens - versteckt hinter einem Pseudonym - der spätere Regisseur Massimo Dallamano. Da waren auch hinter der Kamera Routiniers am Werke, die einen noch sehr stark vom klassischen Western beeinflußten Film ablieferten, der mit moralisch klar definierten Figuren aufwartet. Garrett läuft zwar mit dreckigen und staubigen Klamotten herum, aber er bleibt ganz klar in seinen Handlungen ein wahrer Saubermann. Nichtsdestrotrotz ist Die letzten Zwei vom Rio Bravo ein rundum zufriedenstellender und sauber gemachter Euro- bzw. Italowestern, der sich sehen lassen kann.


Cowboy-Freund? Dann jetzt diesen und weitere Western jetzt auf Filmundo abgreifen.
Share:

Montag, 4. April 2011

Necronos - Tower of Doom

Lassen wir doch mal etwas die Zahlen sprechen. Für diese deutsche Independent- bzw. Amateur-Produktion hat man zwei Monate für den Location-Check gebraucht, der Aufbau der Kulissen hat nochmal einen Monat mehr gedauert. Was einem bei dem Film erwartet, sagen folgende Zahlen. Den benötigten 500 Gramm künstlichen Spinnweben stehen 100 Meter (künstliche) Gedärme und mehr als 300 Liter Kunstblut gegenüber, die für die Produktion gebraucht wurden. Zwei Burgen, eine Burgruine, unterschiedliche Stellen am ansonsten so friedlichen Rheinufer und einige Wohnungen mussten als Drehorte herhalten. Dabei sollte man sich immer vor Augen halten, dass es sich bei Necronos wie Eingangs schon erwähnt um eine Low Budget-Produktion ohne professionellen Hintergrund handelt. Abwertend von einigen immer als "Wald und Wiesen-Horror" bezeichnet, um das ganze aufzuwerten kann man es eben Indie-Horror nennen oder so neutral wie möglich einen Fan- oder auch eben Amateurfilm.

Es ist dabei ja sehr verständlich, dass so manche Fans nicht einfach nur mehr den alten und neuen Horrorstoff, der da so monatlich auf den Markt schwappt, goutieren wollen. Dass sie der Tatendrang packt und auch mal einen Film machen wollen. Dieser Umstand besteht ja fast schon so lange wie das Medium Film selbst. Trotzdem sieht es nach all den Jahren in Deutschland, anders als vielleicht in den USA, immer noch sehr mau mit dem filmischen (Fan-)Nachwuchs aus. Da kam in den 80ern der zwischen Splatter, tiefsten Underground und Autorenfilm pendelnde Jörg Buttgereit mit Nekromantik (1987) und einigen anderen Werken um die Ecke, der immer noch recht alleine für sich steht und die Kollegen meilenweit hinter sich läßt. Irgendwann kam dann die zweite Garde, die heute noch Filme macht aber von den Fans der Szene entweder geliebt oder gehasst werden, egal ob diese Olaf Ittenbach, Timo Rose, Andreas Bethmann, Andreas Schnaas oder Jochen Taubert heißen. Wobei den letzten zwei weitgehend von jedem jegliches Talent abgesprochen wird. Der Nachwuchs dieser germanischen Splatter-Veteranen steht allerdings schon in den Startlöchern.

Einer davon heißt Marc Rohnstock, welcher mit Necronos - Tower of Doom seinen dritten Langfilm fertiggestellt hat. Die Anfangs ausgepackten Zahlen lassen ja schon mal staunen, mit welcher Sorgfalt und welchem Fleiß man hier versucht hat, den großen kleinen Streifen bzw. deren Machern aus dem Filmdschungel nachzueifern. Das Problem der deutschen Low Budget-Szeneproduktionen ist allerdings, dass ihnen jegliche Innovation und auch meist das Gespür für das Genre fehlt. Bis auf einige Ausnahmen hat man es vornehmlich mit Dämonen und/oder Zombies zu tun. Zweite sehr kostengünstige Variante einen eigenen Film zu drehen, ist das Slashergenre. Sicherlich, viele Ideen scheitern auch am mangelnden oder auch begrenzten Geld, doch vor zwanzig Jahren war es dem durch die Herr der Ringe-Verfilmung bekannt gewordenen Peter Jackson noch möglich, mit einigen Freunden am Wochenende in einem Zeitraum von gut drei Jahren sein Debüt Bad Taste zu realisieren. Da fragt man sich, wieso sowas in Deutschland eigentlich nicht möglich ist? So stellt man doch schon etwas gelangweilt fest, dass auch Necronos im Dämonen/Zombie-Einheitsbrei rumschwimmt.

Der titelgebende Hexenmeister wütete einst im finsteren Mittelalter, schloss einen Pakt mit dem Leibhaftigen und opfterte diesem in grausamen Ritualen so manche unschuldige Seele, um eine Armee von Untoten zu schaffen um somit die Menschheit zu unterjochen. Auf der Gegenseite stand ein dadurch nicht gerade erfreuter König, der einige seiner tapfersten Recken losschickte, um Necronos einzufangen. Dies gelang ihnen auch und ihm blühte die gerechte Strafe: seine zerstückelten Überreste wurden verbrannt und er somit für immer gebannt. Pustekuchen! In unserer Zeit hat er sich mit Hilfe von Goran, einem Blutdämonen, in einer Burg gemütlich gemacht und arbeitet daran für seinen Meister, wieder der Beelzebub persönlich, eine Armee von Untoten zu erstellen um die Macht über die Menschen zu erlangen. Um aber eine wirklich starke Streitmacht für die Umsetzung des Plans bereitstehen zu haben, sucht Necronos mit der Hilfe einer Hexe nach einer "Auserwählten": einer Jungfrau, die ebenfalls eine Hexe ist und in deren Blut besonders starke Kräfte innewohnen, mit denen dem diabolischen Gespann der Sieg über die Menschheit gewiss zu sein scheint.

Rohnstock müht sich, dieses ja durchaus bemüht fantasievoll ausgearbeitete Storykonstrukt auf insgesamt zwei Stunden zu Strecken. Doch so richtig durchdacht, feinfühlig oder sogar komplex ist die Geschichte alles andere. Der Einstieg gelingt noch recht gut mit der Erklärung der Vorgeschichte, welche mittels Texttafeln und Spielszenen dem Zuschauer nähergebracht wird. Man sollte allerdings nicht unbedingt ein großer Freund korrekter Rechtschreibung sein, findet man bei näherer Betrachtung auf den Tafeln schon den ein oder anderen Fehler. Schon hier macht der Regisseur auch klar, worum es in seinem Machwerk eigentlich geht. Drei nackte Frauen sind besudelt voller Blut an der Wand gekettet, während auf den Tischen seines Gemachs tote Leiber liegen. Einer Leiche entfernt er gerade einen Augapfel und wirft diesen in einen dampfenden Kessel. Man wartet eben nicht lange ab, und präsentiert dem Fan dass, was er auch erwartet. Eine ordentliche Schlachtplatte, Kunstblut im Minutentakt und Enthauptungen am laufenden Band. Zwischendurch ein schäbig aussehender Zombie und langsam kommt man auch auf das ganze Problem der deutschen Szene. Diese scheint immer noch im Jugendalter, scheint förmlich in ihrer pubertären Phase gefangen zu sein und dürstet so fernab jeglichen Anspruchs nach ordentlich Blut und Gekröse. Entweder traut man sich zu wenig, scheint sich nicht für anspruchsvolleren Stoff zu interessieren oder traut sich gar nicht zu, solchen umzusetzen.

So spult Rohnstock nach den Anfangscredits die übliche Leier an Dämonen, Zombies und ordentlich "Guts and Gore" ab. Wobei man ihm attestierten muss, dass dies einigermaßen routiniert geschieht. Die Technik hat man im Griff und glücklicherweise verzichtet man weitgehend darauf, die Geschichte in den angrenzenden Heimatwäldern, wie so viele Kollegen aus der Amateurszene es machen, spielen zu lassen. Mit noch etwas mehr Sorgfalt hätte man aus den Drehorten sogar noch etwas mehr rausholen können. Wie so viele andere Filme auch, krankt Necronos an dem Umstand, dass das Digitalvideo-Material in keinster Weise Atmosphäre transportieren kann. Man kann dies allerdings noch so einigermaßen umschiffen, auch wenn man der Dämonensaga die insgesamt eher kostengünstige Umsetzung ansieht. Hier wäre vielleicht weniger etwas mehr gewesen und so manches kleine Detail wächst zu einer amüsanten Unzulänglichkeit. So kann man sich schon die Frage stellen, wieso ein solch grausamer Blutdämon eigentlich die ganze Zeit einen Rollkragenpullover trägt. Im Gegenzug ist die Darstellung des Necronos ganz gut gelungen. Hier und da gelingt es dem Team um Rohnstock, aus den Gegebenheiten noch einiges rauszuholen. Doch man ermüdet den Zuschauer einfach viel zu schnell. Hartgesottene Splatterfans dürfen sich an den wiederkehrenden Kunstbluteskapaden erfreuen, wer noch etwas mehr als nur Gore erwartet, der erlebt Necronos als Geduldsprobe. Es geht halt einfach nur darum, dass der Hexenmeister entweder mit seinem Meister die Umsetzung des Plans bespricht oder seine Helferlein, Goran und eine Hexe, herumkommandiert ihm Opfer für seine Armee oder die Auserwählte zu finden.

Meist erlebt man dann, wie der Rollkragendämon irgendwelchen armen Unschuldigen nachstellt, einfägt und entweder an Ort und Stelle um die Ecke bringt oder erstmal noch zum Unterschlupf schleppt um diese dort dann zu malträtieren. Dies ist ohnehin ein gutes Stichwort. Necronos steht unter dem Einfluss der alten Horrorschule und neueren Produktionen aus der Richtung des Tortureporns, wobei man allerdings eher ältere Produktionen zitiert. Einer jungen Frau, welche sich doch nicht als die Auserwählte herausstellt, bekommt eine Pfählung zu spüren, bei der man an eine ähnliche Szene aus dem Überkannibalenschocker Cannibal Holocaust (1980) denken muss. Wenn dann in einer anderen Szene aus einem Skelett ein sogenannter Berserker erschaffen wird, so ist hier die tricktechnik für so eine kleine Produktion nicht nur recht annehmbar umgesetzt, sondern erinnert auch noch an die Menschwerdung Franks in Clive Barkers Hellraiser (1987). Allerdings sind selbst ansprechende Effektszenen eher mangelware. Recht stumpf wird öfters ein an eine Spielzeugausgabe erinnernder Hammer oder ähnliches dazu verwendet, den männlichen und weiblichen Opfern den garaus zu machen. Bald hat man dann genug gesehen und hofft das Ende herbei. Richtig qualvoll ist der Genuss ja nicht mal, doch die Geschichte des Films, wenn man diese denn so nennen darf, läßt sich zu schnell als Aufhänger für die Effektszenen entlarven.

Wäre Necronos etwas kürzer geraten, hätte man ihn noch als recht okaye Kiste einordnen können. Doch man hält sich bei manchen Dingen zu lange auf und insgesamt bietet man von allem zu wenig, um wirklich eine Runde Sache zu präsentieren. Auch wenn es löblich ist, einen wirklichen Protagonisten - bis auf den Hexenmeister - und somit keinen richtigen Helden einzuführen um so mal etwas andere Wege zu gehen: das einführen immer neuerer Figuren und deren Abtritt ist recht grob umgesetzt. Aus einem anfänglichen Opfer wird später kurzzeitig sowas wie der Held, eine ohnehin etwas zu spät eingeführte weibliche Figur die die vermeintliche weibliche Hauptfigur darstellt, wird plötzlich aus der Geschichte genommen und die richtige Hauptperson wird viel zu spät eingeführt. Bei Leuten mit mehr Talent und Gespür für richtige Stories wäre dieser Kniff sogar noch aufgegangen, allerdings ist dies bei einem deutschen Amateursplatterstreifen nicht wirklich schön zu betrachten. Das kann man auch bei den meisten Mimen sagen, deren hobbymäßiges "Schauspiel" das Geschehen auch nicht gerade positiver gestalten kann. Das Overacting der Hexendarstellerin Manoush, auch eine Mitproduzentin des Films, macht sogar noch Spaß, die Mimen des Necronos und des Teufels sind noch recht ordentlich und auch die weibliche Hauptdarstellerin kann noch überzeugen. Dafür hat Rohnstock einige bekannte Namen aus der Szene für Gastauftritte gewinnen können. Die Regiekollegen Timo Rose, Andreas Schnaas, Marcel Walz und Jochen Taubert müssen als Opfer herhalten, die aus dem Rose-Umfeld stammenden Darsteller Thomas Kercmar und Andreas Pape geben sich als König bzw. weiteres Opfer die Ehre.

Wenn Necronos dann sein Ende, dass im Gegensatz zu anderen Filmen dieses Kalibers doch sowas wie Innovation mit sich bringt, erreicht hat, bleibt man etwas unschlüssig zurück. So ganz kurz blitzt ja hier und da das Potenzial der Macher auf, doch man geht halt doch auf Nummer sicher und bleibt auf der Blut und Gedärme-Schiene. Hierfür ist natürlich auch ein Publikum vorhanden, welches diesen Film auch dankend aufnehmen wird. Laut den Machern selbst, möchte man mit seinem jüngsten Kind noch grenzwertiger sein, noch mehr wagen als bisher. Allerdings bleibt fraglich, ob man dass mit mehr als 300 Litern Kunstblut und stumpfen abspulen einfallsloser oder mal etwas einfallsreicherer Tötungsarten sein kann. In Zeiten, in denen (nicht nur) aus Serbien Filme kommen, die mehr als nur gut umgesetzt, hintersinnig und auch noch grenzwertig sind, ist das nicht selbstverständlich. Auch wenn A Serbian Film und Necronos selbstverständlich zwei vollkommen unterschiedliche paar Schuhe sind. Wenn Rohnstock sich mal vielleicht etwas mehr trauen und mit seinen Kumpanen einen Stoff entwickeln würde, der etwas außerhalb der sehr eng gesteckten Grenzen des deutschen Amateursplatterkosmos wandeln würde, dann wäre da sicher noch mehr drin. So ist der Tower of Doom nur eine recht mittelmäßige, bluttriefende Sache.
Share:

Freitag, 1. April 2011

Camorra - Ein Bulle räumt auf

Frisch aus Rom nach Neapel versetzt und kaum dort angekommen, erhält Kommissar Betti auch gleich schon einen ganz besonderen Gruß. Von einem Passanten angerempelt und dann fast von einem zackig dahinbrausenden BMW fast über den Haufen gefahren, empfiehlt ihm ein älterer Herr auf sich aufzupassen. Neapel sei immerhin ein heißes Pflaster. Hierbei handelt es sich allerdings nicht um einen freundlichen und aufmerksamen Zeitgenossen, sondern um den Boss der Camorra, von allen nur "Generale" genannt. Wie heiß es in Napoli hergeht, merkt Betti schon bald. Ein Kombinat aus Überfällen, Entführung, Schutzgelderpressung und Banküberfällen halten ihn und die Kollegen auf Trab. Der rauhe Bursche hat alle Hände voll zu tun und greift auch auf verdeckte Ermittler zurück, um den den kleinen und größeren Gaunern auf die Schliche zu kommen. In all dem Trubel hat er es auch bald noch mit dem zwielichtigen Capuano zu tun, der den "Generale" übers Ohr gehauen und nun um sein Leben zu fürchten hat. Doch mit seinen strikten und recht unkonventionellen Methoden hat Betti trotz aller Kritik seines Vorgesetzten Erfolg, auch wenn diese mit einigen Mühen verbunden sind.

Sie waren ja wirklich ein besonderes Gemisch, dieser Maurizio Merli und Umberto Lenzi. Unter der Regie von letzterem stand der blonde, leider viel zu früh von uns gegangene Mime mit den eisernen Gesichtszügen insgesamt vier mal vor der Kamera. Camorra - Ein Bulle räumt auf war dabei die erste Zusammenarbeit zwischen Lenzi und Merli. Ein Jahr zuvor gab Merli mit Verdammte, heilige Stadt (1975) seinen Einstand im Poliziotteschi und lieferte gleich einen Blueprint ab, wie in den weiteren Filmen dieser Machart der ermittelnde Kommissar bitteschön mit den Gangstern umzugehen hat. So dürfte es auch kein Zufall sein, dass er wie in seinem Bullenfilmdebüt auch hier den Rollennamen Betti innehat. Im 1976 entstandenen Cop Hunter schlüpfte er zum dritten und letzten Male in diese Rolle bzw. trug wenigstens noch einmal diesen Namen. Aber die Namen der Figuren, die Merli benutzt, sind eigentlich austauschbar. Mit seinen ersten zwei Filmen festigte er wortwörtlich Schlag auf Schlag sein Image als harter, unnachgiebiger Polizist der mit seinen ganz eigenen Methoden Erfolge bei der Verbrechensbekämpfung verbuchen kann.

So darf er auch hier wieder mächtig austeilen und zulangen, dass es eine wahre Pracht ist. Kaum ist das mitreißende und sehr schnell ins Ohr gehende Titelthema von Franco Micalizzi verklungen, macht Merli nicht nur gleich Bekanntschaft mit dem Oberhaupt der neapolitanischen Unterwelt. Ein kleinerer Bewohner eben dieser darf auch gleich mal den Herrn Kommissar kennenlernen. Und das so richtig. Am hellichten Tag will er da ein Auto klauen, hat aber nicht mit dem härtesten Scheitelträger südlich des Brenners gerechnet. Prompt bekommt er ein paar mal die Motorhaube sowie die eisernen Fäuste Bettis zu spüren. Da wird bei der Ankunft auf der Wache auch gleich von seinem Kollegen gewitzelt, dass Betti zu seinem Einstand nicht mit leeren Händen ankommen wollte. Hier macht dann Lenzi auch gleich mal die Verhältnisse klar, welcher Ton in den restlichen Minuten seines Films herrscht. Als der kleine Fisch abgeführt wird, bekommt dieser gleich nochmal an den Kopf geworfen, wie wenig seine Existenz doch überhaupt wert ist.

Man schafft klare Verhältnisse und folgt einem von vielen anderen Produktionen aus dem Genre einem ähnlichen moralischen Kodex. Das Gesetz ist mit normalen Methoden fast nicht in der Lage, dem "Abschaum", der da draußen auf den Straßen fleucht und die normalen, braven Bürger um den Schlaf bringt, beizukommen. Da muss man mit eiserner Hand durchgreifen, halt auch mal etwas ruppiger und direkter sein, ansonsten versteht das Gesindel ja gar nicht, dass mit der Polizei nicht zu spaßen ist. Worte, die das italienische Publikum der damaligen Zeit hören wollte, war man doch auch Aufgrund der in der realen Welt zunehmenden Gewalt und Verbrechensrate unzufrieden mit dem Polizeiapparat. Dabei ist Merli als Kommissar Betti in Camorra noch bei weitem nicht so konservativ eingestellt wie im direkt darauf folgenden Die Viper. Dort betritt man ja wirklich einen ganz schmalen Grat mit moralisch sehr fragwürdigen Einstellungen trotz aller Überzogenheiten, die das Werk zu bieten hat, den Zuschauer zu vergrämen. In letzterem Film gibt sich Merli noch verbissener, geht noch gnadenloser mit dem organisierten Verbrechen ins Gericht und tobt und poltert ohne Unterlass durch den Film. In Camorra trägt er zwar die gleichen Züge, ist allerdings irgendwo noch ein wenig menschlicher gezeichnet bzw. nicht allzu übermäßig von einem unnachgiebigen, ultrakonservativen Moralkodex überzeugt. Auch wenn ihm seine harte Methoden recht geben und so Erfolge verbucht werden können, die Handlung von Camorra läßt den guten Herren auch desöfteren an seiner Arbeit zweifeln.

Diese Arbeit erweist sich, zieht man noch einmal Die Viper heran, auch als einiges schwerer. Betti bezahlt einen hohen Preis, um einige der Banditen dingfest zu machen. Hier wird gezeigt, dass das Verbrechen trotz aller Erfolge der Polizei immer noch die Nase vorn hat. Gut organisiert, bekommen einige Helfer Bettis eine Abreibung, bei der diese letztendlich auf der Strecke bleiben. Wer singt oder falsches Spiel betreibt, bekommt eben eine entsprechende Antwort präsentiert. Aber Betti bekommt sie alle. Rein narrativ benutzt Lenzi hier ein Muster, wie es sein Kollege Marino Girolami schon in Verdammte, heilige Stadt angewandt hat. Auch wenn ein gewisser roter Faden handlungstechnisch durch den Film führt, so werden Nebenhandlungen recht episodenhaft eingeführt, diese mit der Haupthandlung verstrickt oder bleiben eben einfach nur eine Folge aus dem Leben des Kommissars Tanzi, wie er mal wieder den noch so kleinsten Fisch schnappt. Anders als in Merlis Bullenfilmdebüt oder anderen Werken, ist Camorra allerdings bei weitem nicht so ausgewogen aufgebaut. Der Hauptplot um den Generale und seinen Partner bzw. späteren Gegenspieler Capuano wird immer mal wieder kurz angerissen, dann für eine Nebenhandlung fallen gelassen um später dann wieder aufgenommen zu werden.

Auch wenn Lenzi ein äußerst ansprechender Film gelungen ist, so nimmt dieser Umstand dem gesamten Werk doch etwas an Tempo. Zudem könnte man ihn auch als kleine Fingerübung des Herren für Die Viper ansehen. Einiges, was dort wirklich sehr gut umgesetzt wurde, kann man auch schon in Camorra bewundern. Während in ersterem eine wirklich sehr tolle und intensiv umgesetzte Verfolgung über die Dächer der Stadt zu bewundern ist, so ist diese in Camorra zwar auch gut, aber eben nicht so wirklich mitreißend in Szene gesetzt. Langeweile kommt allerdings gewiss nicht auf. Dafür bietet der Flick dann doch noch einige gute Schauwerte und kann sein anfängliches Problem mit der Geschichte in den Griff bekommen. An Spannung mag es hier und da mangeln, einige gute Ideen lassen einen darüber aber hinwegschauen. Hätte man sich nicht so viele Nebenschauplätze bei der Geschichte aufgehalst, wäre die doch ganz ordentliche und durchaus auch deftige Action von noch durchschlagenderem Erfolg. Eines dürfte gewiss sein: dort wo Merli (und Lenzi) zu Gange sind, da ist der Umgangston nicht gerade sehr milde. Polizei als auch die Gangster schenken sich nichts. Gerade die Begegnung eines hochgenommenen Informanten mit einer Bowlingkugel ist dabei äußerst unfein anzuschauen.

Im Vergleich zu anderen Merli/Lenzi-Kollaborationen, den ohnehin etwas aus der Reihe tanzenden Von Corleone nach Brooklyn (1978) mal ausgenommen, ist Camorra aber trotz aller herben Ereignisse irgendwie noch etwas gebremst. Lenzi nimmt den Fuß vom Gas, läßt hier und da in die eher aufgeheizte Stimmung des Films sogar ganz leichte nachdenkliche Momente einfließen. Gerade das Ende sei hier ein weiteres Beispiel, auch wenn an dieser Stelle nicht viel darüber verraten sein soll. Sie stehen dem Film, keine Frage. Wo hat man das schon, dass der werte Herr Merli ganz kurz Zweifel an den eigentlich so durchschlagenden Methoden hat. Damit sei man, laut ihm an einer Stelle des Films, dem Verbrechen so eigentlich nicht beizukommen. Das mag man ihm gar nicht glauben, wenn man sich dann mal seine Aktionen anschaut, um dem Verbrechen einhalt zu gebieten. Es geht eben auch bei Camorra Schlag auf Schlag, die krummen Dinger geben sich die Klinke in die Hand und als bald ist dann auch schon wieder einer der härtesten von Italiens Filmbullen unterwegs.

Der handwerklich ordentlich geratene Film mit einigen schönen Einstellungen, allein schon die Motorradhetzereien durch den Verkehr Neapels sind äußerst packend umgesetzt, läßt durch die starke Präsenz von Herrn Merli sogar den Co-Star des Films, John Saxon, ein klein wenig blass aussehen. Meisterliche Darstellungskunst darf man hier natürlich nicht erwarten. Darauf legt man auch gar keinen Wert. Viele bekannte Gesichter aus anderen Poliziotteschi darf man aber übrigens begrüßen, doch es regiert hier eigentlich nur einer: Commisario Betti! Mit ein klein wenig entschlackter Storyline wäre der Streifen ein ganz großer Wurf. So ist es "nur" ein wirklich (sehr) guter. Es ist dann doch immer wieder eine Freude, dem guten Maurizio bei der Verbrecherhatz zuzuschauen und auch Camorra - Ein Bulle räumt auf ist wieder sehr vergnüglich.


Diesen oder weitere Knaller jetzt auf Filmundo abgreifen.
Share:

Sonntag, 20. März 2011

"Da würdest am liebsten... ja... Salto Mortale!" - Hinter den Kulissen des noch jungen DVD-Labels filmArt

Hier auf Allesglotzer wird, trotz des Namens gerade dem Nischenfilm, vorzugsweise aus Italien, gefröhnt und dieser in alle Einzelheiten zerpflückt. Der Laie kann sich denken, dass es natürlich auch hierfür eine Szene gibt. Das die Leute darin teilweise äußerst enthusiastisch zu Werke gehen, ihre ganze freie Zeit dem Hobby widmen und dieses sogar zum Beruf machen, dürften wohl nur die wenigsten ahnen. Um mal etwas mehr Licht ins Dunkel was Anbieter von Nischentitel angeht, zu bringen, präsentiere ich hier auf dem Blog ein Interview mit einem der Macher eines Labels, welches genau solche Filme veröffentlicht. Dabei schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: nicht nur, dass kleine Einblicke in die Szene gewährt werden, das betroffene Label filmArt ist sozusagen noch Grün hinter den Ohren und hat mit Zinksärge für die Goldjungen gerade seine allererste DVD veröffentlicht. So schauen wir uns auch gleichzeitig an, wie sich der Start im Geschäft der Heimkinoanbieter gestaltet.


Als allererstes: stellt euch doch einfach mal ein wenig vor. Wer steckt da eigentlich genau hinter filmArt?
Hallo und Danke für das Interview. Wer hinter filmArt steckt? Hinter dem Label stecken zwei junge Kerle. Einer kommt aus dem Gesundheitswesen, während der andere eher aus dem journalistischen Umfeld kommt und im audiovisuellen Bereich tätig ist. Wir haben schon immer von der Idee geträumt, irgendwann ein eigenes Label zu starten und sind schon von jeher Filmenthusiasten, die, was das angeht, in aller Herren Länder zu Hause sind.

Wann wurde die Idee, irgendwann mal ein Label zu starten dann allerdings konkret angepackt und umgesetzt?
Das war letztes Jahr, als an einem Punkt bei uns beiden gröbere Veränderungen im Leben anstanden. Bei meinem Partner war das da noch gar nicht so im Hinterkopf, bei mir war es dann allerdings so eine kleine Neuorientierung. Wie in jedem Leben, gibt es halt wie angesprochen Umbrüche, wo man sich Gedanken über die Zukunft macht oder wo man irgendwann mal stehen will und da hab ich mir nach einiger Zeit des Überlegens ein Herz gefaßt und es einfach gemacht.

Heißt das dann also, dass filmArt mittlerweile hauptberuflich läuft oder ist das im Moment noch eine größere Freizeitaktivität?
Wenn du es ganz genau nehmen willst, ist es im Moment eher so eine Sache nebenbei. Aber wir haben schon irgendwo unser Hobby zum Beruf gemacht und wir erhoffen uns da natürlich einen gewissen Erfolg. Wenn es irgendwann mal was größeres wird, dann sind wir da beide ziemlich froh darüber.

Beansprucht das Label und die Arbeit denn eigentlich viel Zeit?
Wenn man als Fan mit dem Gedanken da ran geht, dann stellt man sich das ja schon ganz easy vor. Man fragt sich dann zum Beispiel sowas wie "Warum kommt Film XY nicht auf DVD raus?" usw. und im ersten Moment hört sich das, wenn man noch keinen Einblick in die Materie hat, richtig einfach an, was es allerdings gar nicht ist. Als ob man eigentlich alles veröffentlichen könnte, wonach man Lust und Laune hat. In Wirklichkeit steckt da aber schon ein ganzer Batzen an Arbeit dahinter. Allein schon die ganzen Recherchen über die verschiedenen Rechteinhaber, dann die ganzen Verhandlungen, welche letztendlich auch eine Voraussetzung für einen Release sind. Vom Mastering bis hin zu Absprachen mit dem Mediendesigner, wie das Artwork auszusehen hat, Pläne was eigentlich auf die DVD an Bonusmaterial draufkommen soll usw. Man braucht definitiv Zeit, es erfordert schon einiges an Geschick bei der Planung. Man sollte die ganze Arbeitszeit nicht überschätzen, die da hintendran steht. Aber es ist alles noch mit dem eigentlichen Job vereinbar.

Jetzt ist es ja so, dass filmArt nicht unbedingt die massenkompatibelsten Filme bringt. Wie genau seid ihr im privaten auf diese Art von Filmen gekommen? Wie hat sich also euer Geschmack entwickelt?
Von uns war ich immer so der Actionfan und hab mit dem gängigen Stoff angefangen, den man so kennt. Also Streifen von Van Damme, Schwarzenegger, Lundgren und die ganzen B Action-Streifen oder US-Horror wie Freitag der 13. Ich zumindest hab einfach alles geschaut, was aus dem US-Bereich kam. Mein Partner war dabei von jeher der etwas offenere von uns beiden, der sich querbeet durch die ganze Welt geschaut hat. Jeder noch so kleine, verruchteste oder schrägste Film aus allen Ecken wie Spanien, Frankreich, Italien oder Asien: der hat sich einfach alles angeschaut. Als wir uns dann vor ca. sechs Jahren zu einer DVD-Börse kennenlernten, bin ich zum ersten Mal in Kontakt mit europäischem bzw. vor allem italienischen Stoff gekommen. Anfangs hab ich mich eher schüchtern und zurückhaltend mit der Materie auseinandergesetzt, doch dann hat mich das Fieber gepackt. Gerade was Gialli, Poliziotteschi oder auch Italowestern angeht, dann die Franzosenecke, dann das spanische Kino mit solchen Sachen wie zum Beispiel Arrebato, welcher ja auch vor kurzem von Bildstörung erschienen ist und wirklich eine super Veröffentlichung geworden ist. Respekt an die Jungs auf diesem Weg! Ich hab dann vermehrt diese Dinge auch geschaut und mein Geschmack hat sich dann nach und nach komplett gewandelt, mittlerweile bin ich eingefleischter Italofan und besonders die Poliziotteschi haben es mir da besonders angetan.

Das sieht man ja auch an eurer ersten Veröffentlichung Zinksärge für die Goldjungen...
Richtig, es ist zwar eine deutsch-italienische Co-Produktion, aber wird diesem Genre teils noch hinzugerechnet.

Jetzt ist ja filmArt allerdings noch ziemlich frisch und hat noch keinen Release vorzuweisen. Wie gestaltet sich hier die Zusammenarbeit mit den Lizenzgebern? Sind die da recht offen oder fragen die sich erstmal, was dieser "junge Hüpfer" eigentlich will?
Wenn du ein neues Label machst, kommt natürlich die Frage auf, welche Filme man bringen will und mit was man anfangen möchte. Es gibt ja genug unveröffentlichte Filme und auch als Fan fragt man sich ja teils, wo man diese so herbekommt. Als ich dann irgendwann den Zinksärge gesehen habe, habe ich mich sofort in den Film verliebt. Nach der Gründung von filmArt wurde nach den Rechten recherchiert, die in diesem Fall ja bei Kinowelt liegen. Diese haben wir dann angeschrieben, uns vorgestellt und gleichzeitig angefragt und die waren sehr kooperativ. Bisher haben wir auch was andere geplante Filme angeht, noch keine schlechte, sondern durchweg gute Erfahrungen gemacht. Und gerade die Veröffentlichung Nummer Eins, also Zinksärge, ist dabei auch noch ein persönliches Anliegen von mir.

Wenn du das mit dem persönlichen Anliegen gerade ansprichst: heißt das, dass wir von filmArt nur Filme erwarten können, die den beiden "Labelpapas" gefallen oder würdet ihr auch Filme bringen, hinter denen ihr nicht so ganz steht, aber einen kommerziellen Erfolg versprechen würden?
Ich bin ganz ehrlich: die ersten Titel werden Filme sein, die sich hoffentlich auch kommerziell rechnen, aber auch persönliche Favoriten von uns sind und die wir schon seit Jahren unserer Fanzeiten selbst gerne auf DVD gewünscht hätten, die aber bisher nie veröffentlicht wurden. Weswegen auch immer. Auf der anderen Seite: wenn wir uns die langfristige Arbeit von filmArt betrachten, dann müssen wir hier und da auch mal Titel bringen, die nicht unserem persönlichen Geschmack entsprechen. Sonst hast du ja gar keine Chance meiner Meinung nach. Aber wir werden versuchen, von den Fans gefragte Titel zu bringen.

Habt ihr filmtechnisch auch schon die Fühler ins Ausland ausgestreckt oder habt ihr euch erstmal nur auf den deutschen Markt und dessen Filme konzentriert?
Angefangen haben wir zwar im Inland, wobei wir aber auch schon einen rein im Ausland produzierten Film - den Agent 003 1/2 - lizensiert haben. Bei dieser VÖ arbeiten wir ja mit dem Andrew Leavold, dem Weng Weng-Fan überhaupt, zusammen. Ansonsten sind wir auch mit italienischen Lizenzgebern im Gespräch.

Wie vorhin schon angesprochen, ist das Label logischerweise nun ein großer Teil des alltäglichen Lebens geworden. Wie waren denn die Reaktionen von Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern? Waren die alle begeistert von der Idee oder haben auch einige ihre Skepsis geäußert?
Da war durch die Bank weg alles vertreten. Von "Du hast sie nicht mehr alle!" über "Mach doch was gescheites mit deinem Geld!" bis zu "Richtig geil! Bring doch gleich mal den und den Film auf DVD!".

Haben dich da so manche negative Äußerungen nicht mal selbst zum Zweifeln und ins Wanken gebracht?
Ja am Anfang schon, aber letztendlich war der Wille einfach da und stärker. Da musste ich mich erstmal orientieren wie das so abläuft und dann hab ich halt einfach angefangen.

Wenn man die Idee "Ich will ein DVD-Label starten" hat, wie setzt man diese dann als Anfangs einfacher Fan dann in die Tat um? Man hat ja bisher bestimmt noch keine großen Einblicke hinter die Kulissen der DVD-Anbieter gehabt. Wie konntest du einen Fuß in der Branche fassen?
Gut, als Fan hat man teils schon einige Einblicke in die Szene. Nicht unbedingt in die der Anbieter, ich meine die ganze Film- und Fanszene gesamt. Es geistern so einige Informationen herum, aber was handfestes ist das auch nicht. Das reicht nicht für das Geschäft. Bei einem meiner persönlichen Lieblingen stand ich dann zum Beispiel seit Jahren in Kontakt mit vielen Leuten und einer davon, hat sich dann mit Subkultur Entertainment auch selbstständig gemacht. Und von dem hab ich mir dann die ersten Gehversuche erklären lassen und ja, das hat dann funktioniert.

Würdest du also sagen, ohne den Griff unter die Arme von Subkultur wäre der Start für dich dann schwerer geworden oder hättest du das auch so gut meistern können?
Ja, das wäre dann eine ganze Spur schwerer geworden.

Was geht dann in einem vor, wenn man die Zusage bekommt und dann seinen ersten Film lizensiert hat? Was war das für ein Gefühl?
Wie gesagt: Zinksärge ist ja auch ein persönlicher Liebling von mir und das war doch schon ein absoluter Höhenflug. Das kannst du gar nicht beschreiben. Da würdest am liebsten.... ja... Salto Mortale! Das war schon geil!

Wie kann man sich das dann vorstellen, wenn der Film lizensiert ist? Kannst du den Lesern des Blogs ein paar kleine Einblicke in die Arbeit eines Labels geben, ohne große Branchengeheimnisse zu verraten?
Erstmal: Rechnung bezahlen! Dann den Releaseplan auf die Beine stellen und dann geht's los. Sprich: Mastering der DVD, Coverdesign, Vertriebswege werden geklärt usw.

Das sind ja schon viele Dinge, die man berücksichtigen muss. Suchst du dir da Leute von außerhalb oder wird alles selbst gemacht?
Für unsere Artwork ist zum Beispiel Benjo Media zuständig. Da haben wir echt einen wirklich guten Fang gemacht. Wir hoffen auch für die Zukunft auf eine weitere, gute Zusammenarbeit. Der Benni hat echt alle Tricks drauf! Ohne viel zu schleimen, ich würd ihn im Moment als Coverdesigner Nummer Eins bezeichnen. Er ist eben auch Designer und selbst Fan solcher Streifen. Der weiß also auch, was die Fans wollen. Er schafft den Spagat zwischen Anforderungen der Kaufhäuser, da diese eher moderne Cover wollen anstatt alte Plakatmotive und den Wünschen der Fans. Bei Zinksärge hat er das wirklich super gemacht. Das Mastering lassen wir auch von einem externen Studio machen, weil ganz ehrlich, da bin ich null bewandert. Aber die Jungs haben das voll drauf. Die haben auch meinen größten Respekt verdient.

Gab es während der Arbeit an Zinksärge auch schon mal Probleme, die das ganze Projekt nach hinten geworfen haben oder verlief alles recht reibungslos? 
Man soll auch die Arbeit an der Single-Disc nicht unterschätzen. Bis das Cover letztendlich so war, wie wir es so wollten, das war auch schon ein gewisser Aufwand. Dann steht natürlich auch noch die Special Edition des Films, die Nummer Eins der "Edition Deutsche Vita", an. Da sind Interviews mit Henry Silva und Horst Janson drauf und letzterer musste auch noch interviewt werden. Dann wurden Untertitel geschrieben. Das kostet natürlich Zeit. Die italienische Schnittfassung haben wir auch noch lizensiert, welche auch noch untertitelt werden muss. Das wird auch noch ein schöner Spaß und raubt natürlich Zeit. Da kann man schon von einigen kleinen Problemen sprechen, da die DVDs ja so schnell wie möglich veröffentlicht werden. Gerade wenn man parallel auch noch an weiteren Titeln wie dem Weng Weng-Film arbeitet. Dann hat man noch die nächsten Titel in der Pipeline, denen man sich noch etwas widmet. Also es wird nie langweilig.

Du hast ja gesagt, Zinksärge und die anderen Filme die bald kommen werden sind Herzensangelegenheiten von euch. Würdest du sagen, filmArt könnte jedes Genre das man sich so vorstellen kann, bringen oder gibt es welche wo du dann sagst, das möcht ich einfach nicht bringen?
Ich denke, der Labelname beschreibt unseren Geschmack ganz gut. Es gibt ja verschiedene Filmarten, die Genres treffen aufeinander und allgemein gesagt wollen wir uns keinem Genre verwehren. In beidseitigem Einvernehmen werden wir gänzlich die Finger eben von Pornos lassen. Ich denk, in den Filmen die wir bringen, wird natürlich auch nackte Haut zu sehen sein, dass läßt sich natürlich auch nicht vermeiden. Aber Hardcore ist dann nicht wirklich unser Ding.

Wie sieht es, mal etwas vorneweg gegriffen, für die Zukunft aus? Was ist von filmArt noch zu erwarten?
Du meinst Releasetechnisch? Also in naher Zukunft?

Ja genau. Konkreter gefragt: habt ihr außer Zinksärge und Agent 003 1/2 noch Titel in der Pipeline oder schaut ihr erst nach deren Veröffentlichung, was ihr als nächstes bringen könnt?
Also zwei weitere haben wir auf jeden Fall schon sicher, der fünfte ist quasi so gut wie "eingetütet". Kurz und knapp: die zwei nächsten kommen aus den Feldern des Eurocults und Italowestern. Und auch der fünfte wird ein Italiener.

Ihr habt ja auch relativ schnell nach der Gründung ein Labelforum im Italofilm- und Eurocult-Forum Dirty Pictures bekommen. Wie ist es eigentlich dazu gekommen?
Wir sind ja auch selbst Fans von solchen Filmen und kannten das Forum natürlich und haben dort auch immer fleißig gelesen. Als es zum Label kam, haben wir uns dann dort mit einem Labelaccount angemeldet und erste Infos zu den Zinksärgen gepostet. Recht schnell hat uns dann einer der Admins gefragt, ob wir uns nicht vorstellen könnten, ein Labelforum dort zu unterhalten. Immerhin ist da ja auch Subkultur vertreten. Wir waren baff von der Anfrage, aber gleichzeitig auch sehr angetan davon und haben zugestimmt. Wir haben eh eine Webseite geplant und finden, es ist ein schöner Service für die Fans, immer recht aktuelle Infos aus erster Hand zu bekommen.

Das heißt also, ihr seht die Forenarbeit, also die Arbeit an der Fanbasis, als wichtig an?Auf jeden Fall!

Wenn wir schon bei der Fanbasis sind: wie sind denn eigentlich so die Reaktionen von den Fans gewesen, was die ersten Ankündigungen angeht?
Um mal so ganz neutral wie möglich zu sein: die waren durch die Bank weg positiv. Wir sind zufrieden. Man siehts ja auch im Zinksärge-Thread. Die Resonanz würde ich jetzt schon als gut beschreiben. Ob es sich auch so im Verkauf erweißt, wird sich zeigen.

Und wie sieht es mit kritischen Stimmen aus?
Ja klar, die gab's auch. Gerade auch was die Verzögerung vom Weng Weng-Film angeht. Das wurde dann gefragt "An was liegt's, dass der verschoben wurde?". Da können wir zwar nicht alle interne Gründe rausposaunen, aber der Film wird definitiv kommen und wir versuchen da, das beste daraus zu machen, was es weltweit gibt.

Ihr seid ja in einem Forum vertreten und habt ein eine Präsenz dort. Wie steht ihr zum Thema Social Media, also Twitter, Facebook und Co.? Ist das für euch Schnickschnack den man nicht braucht oder steht ihr dem Thema offen gegenüber?
Ich würde es nicht so richtig als Schnickschnack bezeichnen. Sicher ist es das vielleicht schon irgendwo. Aber wenn du in so einer Branche tätig bist, dann musst du auch mit der Zeit gehen. Wenn ich alleine schon sehe, wieviele Milliarden Menschen auf Facebook angemeldet sind. Ich denke das ist auf jeden Fall eine Plattform, die nicht zu unterschätzen ist und man dort seine Produkte gut promoten kann. Eine Facebook-Seite ist auch auf jeden Fall geplant.

Du hast ja schon angesprochen, dass filmArt eine Kooperation mit dem Label Subkultur hat. Wie sieht es aus mit den anderen Anbietern aus dieser Nische? Gab es da auch schon erste Kontakte, Begegnungen oder stehen die noch aus?
Subkultur würd ich derzeit als Nummer Eins bezeichnen, was das angeht. Die Leute von Anolis haben uns zwar schon einmal gesehen, aber ich glaube die wissen nicht, wer wir sind. Aber ansonsten gab es noch keine weiteren Begegnungen. Okay, wir haben aber auch schon den Yazid Benfeghoul, einer der Macher der Deadline, kennengelernt. Das ist ja aber kein Labelvertreter.

Gibt es sowas wie einen Konkurrenzgedanken in der Szene oder ist das alles eine Art glückliche Familie?
Ich denke den Konkurrenzgedanken wird es schon geben. Wenn jetzt XY irgendeinen Film wegschnappt, der auch bei einem selbst gut ins Programm gepaßt hätte. Ich meine, Konkurrenz belebt ja auch irgendwo das Geschäft. Uns liegt aber nichts ferner, mit irgendwelchen Labels in den Krieg zu ziehen. Ich denke, uns verbindet ja auch die Materie Film. Jeder versucht halt auf seine Art und Weise, das Zeug zu vermarkten. Die einen Leben davon, für andere ist es eben noch ein Nebenjob. Wir könnten uns aber auch schön gerne Kooperationen mit größeren Anbietern wie Koch Media oder Camera Obscura vorstellen.

Wie angesprochen, veröffentlicht ihr ja Nischenfilme. Diese könnten ja teils durch ihren expliziten Charakter eventuell auch noch auf dem Index stehen. Seht ihr diese juristische Problematik in Deutschland mit den Indizierungen als eine Behinderung des Geschäfts an?
Natürlich sind wir mit der Materie vertraut, aber hatten bisher damit noch nicht wirklich zu tun. Weil wir eben noch keinen indizierten Film lizensiert haben. Wir würden uns aber durchaus rantrauen. Klar, das Bewerben des Films und der Vertriebsweg ist eingeschränkt, aber wir sind nicht abgeneigt, solche Filme zu veröffentlichen.

Andere Filme wiederum haben es ja selbst zu Videoboomzeiten in den 80ern leider nie nach Deutschland geschafft, auch wenn diese bei den Fans hoch im Kurs stehen. Könntet ihr euch vorstellen, einige dieser Perlen hierher zu holen?
Da würden wir echt abwägen, um welchen Film es sich dann dreht. Jüngst hat es ja Bildstörung vorgemacht, dass sich OmU-Titel doch rechnen könnten. Bei italienischen Filmen könnte das aber etwas schwerer werden. Aber wenn der Titel stimmt, dann würden wir das machen.

Als kleiner Zusatz: würdet ihr auch ganz frische, neue Produktionen bringen oder euch erstmal auf die Klassiker konzentrieren?Da hast du uns auf dem richtigen Fuß erwischt. Ich denke, da werden wir noch eine ganze Zeit lang die Finger davon lassen. Ich denke wir müssen uns erstmal etablieren. Es gibt ja auch bei den Klassikern noch viel zu entdecken und da werden wir uns in diesem Bereich noch eine ganze Weile aufhalten.

Gehen wir jetzt mal Weg vom Business und kommen zum privaten. Was macht für euch eigentlich diese Art Film fernab des Mainstreams aus? Was fasziniert euch daran?

Ja, also der ganze Unterhaltungswert erstmal. Das ist einfach Unterhaltung pur, gerade die Poliziotteschis zum Beispiel. Dann noch diese Soundtracks. Dieses Gesamtpaket einfach: da paßt einfach alles. Musik oder auch die Darsteller. Wie zum Beispiel Tomas Milian. Die waren da ja mit Leib und Seele dabei und wie der dann seine Rollen verkörpert, die kaufst du dem auch alle ab. Da geht mir halt das Herz auf. Aber auch Gialli, Italowestern oder auch andere Exploitationkracher: die haben halt ihren ganz eigenen Charme. Wenn du so manchen Italiener siehst, die sind auch 'ne gute Konkurrenz zu so manchem US-Film.

Wie groß ist eigentlich als Junglabelmacher die Angst vorm Scheitern?
Die ist wie in jedem anderen Beruf, in dem du dich selbstständig machst, da. Du musst halt schauen, wo du bleibst und was du mit deinem Geld, dass du zur Verfügung hast, anstellst. Wir gehen aber recht locker damit um und machen uns nicht großartig selbst verrückt.

Nennt doch noch einige persönliche Favoriten zum Abschluss. Ich nenne einige Genre und ihr eure Faves.

Italowestern:
Bei mir Leichen pflastern seinen Weg, bei meinem Partner ist es Keoma.

Poliziotteschi: Tote Zeugen singen nicht mit Franco Nero. Bei meinem Kumpel Verdammte, heilige Stadt.

Giallo:
Deep Red und beim Herrn Kollegen Der Killer von Wien.

Horror: Hmm... das ist Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies. Partner: Suspiria.

Action: Wenn ich mal so überlege Geballte Ladung. Der Kollege hat Last Man Standing als Favorit.

Komödie: Happy Gilmore. Partner: Die Ritter der Kokosnuss.

Drama:
The Panic in Needle Park. Partner: sehr, sehr viele und ganz spontan wurde da mal Der Riss rausgepickt.

Science-Fiction:
Aliens - Die Rückkehr. Bei meinem Kumpel Outland.

Und an dieser Stelle endet auch schon das Interview mit den beiden Machern von filmArt und ich hoffe, dem ein oder anderen Leser hat das ganze gefallen und diesem auch einen kleinen Einblick in die Abläufe eines DVD-Labels mit einem etwas anderen Filmangebot gewährt. Ganz herzlich möchte ich mich an dieser Stelle natürlich auch noch bei filmArt dafür bedanken, dass sie mir ihre kostbare Zeit geschenkt haben und sich bereit erklärten, mir für dieses Interview Rede und Antwort zu stehen. Dies kann man übrigens auch als Auftakt zu weiteren Interviews hier auf dem Blog ansehen. In diesem Sinne: stay tuned!
Share:

Donnerstag, 17. März 2011

Sado - Stoß das Tor zur Hölle auf

Um einen Horrorfilm richtig zu bewerben und dem Publikum näher zu bringen, scheute man nie vor superlativen. Da wurde dann der schrecklichste, grausamste, brutalste, furchterregendste oder auch spannendste Film aller Zeiten vollmundig angekündigt und nicht selten stellt man das Werk dann auch gleich auf eine Stufe mit anerkannten Klassikern. Die deutschen Verleihs glänzten dabei in den letzten Jahrzehnten mit so einigen markanten Sprüchen bzw. Werbemaßnahmen. Allerdings schaffte es in all' den Jahren dabei nur ein Film, laut Hinweis auf dem deutschen Kinoplakat, dass er sogar für die in Deutschland geltende höchste Freigabe ab 18 Jahren zu schrecklich war. "Der Verleih empfiehlt, nur Erwachsenen über 21 Jahren den Zutritt zu gestatten" prangte da also gut sichtbar auf dem Poster zu dem 1979 entstandenen und ein Jahr später in den deutschen Lichtspielhäusern gestarteten Sado - Stoß das Tor zur Hölle auf, bei dem auch schon der deutsche Titel sehr sensationsgierig anmutet und um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlt.

Und dises hat der Film nicht nur von den Zuschauern erlangt. Im Videoboom der 80er Jahre wurden auch schnell einige Jugendschützer auf den im Original betitelten Buio Omega aufmerksam und ließen das Werk zügig nach §131 StGB (Gewaltverherrlichung) beschlagnahmen. Dabei ist Sado gar nicht mal wie andere Filme der damaligen Zeit eine übermäßig blutige Angelegenheit. Nicht, dass der rote Lebenssaft hier nicht fließt, man kann ihn auch ohne großes Zögern in die Schublade der Splatterfilme stecken doch rein vom graphischen Gewaltfaktor hält man sich hier doch erstaunlich zurück. Allerdings ist das ganze Sujet äußerst unerquicklich, unangenehm und für einige konservative Zeitgenossen (damals wie heute) zudem mehr als nur geschmacklos und tabubrechend. Verantwortlich für so einen unangenehmen Film zeichnet sich der leider 1999 gestorbene Regisseur Aristide Massaccesi, der diesen unter seinem bekannten Pseudonym Joe D'Amato runterkurbelte. Dem auch als Kameramann tätig gewesenen Massaccesi, immerhin lernte er sein Handwerk unter anderem bei Mario Bava, eilte und eilt immer noch ein Ruf als Schmuddelfilmer hervor. Schon in seinen reinen Arbeiten an der Kamera und auch bei einigen seiner billigsten Werken blitzt allerdings mal mehr, mal weniger auch sein Talent hervor. Am ehesten spielt er dies noch in seinem Debütfilm Die Mörderbestien (1972) aus, den man als albtraumhaftigen, ganz leicht poetisch angehauchten Horrorfilm (allerdings selbst hier schon mit einigen blutrünstigen Effekten angereichert) beschreiben kann. Der später nur noch im Pornobusiness agierende Massaccessi war für den deutschen Jugendschützer allerdings keine Eintagsfliege. Mit Man-Eater (1980) und Absurd (1981) schaffte er es sehr locker, berühmt-berüchtigte Horrorflicks zu erschaffen und mit diesen auf die Liste der in Deutschland beschlagnahmten Filme zu gelangen.

Was macht Sado nun aber genau zu einem Film der genüßlich Schrecken und Ekel verbreitet? Alleine schon die von Giacomo Guerrini erdachte, und von Ottavio Fabbri in ein Drehbuch umgewandelte Geschichte ist starker Tobak: Anna, die Verlobte von Frank, einem reichen Schönling desses größtes Hobby das Ausstopfen toter Tiere ist, stirbt an einer mysteriösen Krankheit. Von diesem Schicksalsschlag schwer mitgenommen, gehen in seinem Kopf einige Lichter aus und veranlassen ihn dazu, diese nach der Beerdigung mitten in der Nacht wieder auszubuddeln und ihre Leiche wie die vielen Tiere zu präparieren. Die ausgestopfte, tote Verlobte lagert er dabei dann in seinem Bett. Sehr zum Missfallen seiner Haushälterin Iris, die es auf den Kerl abgesehen hat und die Verlobte schon zu Lebzeiten nicht sehr mochte. Allerdings hilft sie ihm auch, einen Zwischenfall mit einer amerikanischen Anhalterin zu vertuschen, welche er während dem Transport von Annas Leiche mitnahm. Als diese nach seligem Schlummern in Franks Bus aufwacht und diesem beim Präparieren von Anna ertappt, dreht dieser letztendlich so durch, dass er die Amerikanerin umbringt und diese dann mit Hilfe von Iris in Säure auflöst. Während die Beziehung zwischen Iris und Frank sowie dessen Geisteszustand immer seltsamere Züge annimmt und dies auch einige weitere unschuldige weibliche Wesen spüren müssen, taucht eines Tages Annas Schwester auf, welche der Toten ziemlich ähnlich sieht.

Trotz der von der Story aufgetischten Ungeheuerlichkeiten, gibt sich Sado zu Beginn noch sehr verhalten. Fast schon zaghaft steuert D'Amato auf die erste Schlüsselszene des Films zu und läßt sich erstmal etwas Zeit, die Figuren einzuführen. Doch der betuliche Reigen trübt. Auch wenn das Erzähltempo recht gedrosselt erscheint, so steuert Sado unentwegt auf das dunkle Schicksal seines Protagonisten zu. Die Szene die den Film bzw. dessen Geschichte erst so richtig ins Rollen bringt, Franks Ankunft am Krankenbett Annas in derer Todesstunde, ist dabei trotz des limitierten Könnens von Kieran Canter dramatisch recht adäquat von D'Amato umgesetzt. Schon hier und auch in späteren Szenen wünscht man sich ab und an einen anderen Hauptdarsteller, schafft es Canter doch meist nur gut auszusehen, als auch noch schauspielerische Glanzleistungen abzuliefern. Seine Trauer nach dem Tod seiner Verlobte ist schon sichtlich angestrengt und hat ihn wohl an die Grenzen seines Könnens geführt. Später ist seine Leistung als über den Tod der Liebsten nicht hinwegkommenden, dem Wahnsinn verfallen als ausreichend einzustufen. Schaut man allerdings der Tatsache ins Auge, dass Sado ein Remake (!) eines Psychothrillers aus den 60er Jahren ist, in dem Franco Nero die Hauptrolle inne hat, so ist es wahrlich nicht ganz leicht für Canter, sich an seinem Quasivorgänger zu messen. Allerdings rückt D'Amato anders als angesprochenen Das dritte Auge (1966) hier nicht den psychologischen Aspekt der Geschichte in den Vordergrund. So hätte der aus Irland stammende Canter noch mehr verloren.

Doch man hat ja noch Franca Stoppi als Franks Haushälterin Iris zur Hand, welcher man eine rundum gelungene Leistung attestieren kann. In ihrer sowohl in Aussehen als auch Verhalten streng daherkommenden Figur liegt etwas wahrlich diabolisches. Stoppi bekommt es wunderbar hin, die Boshaftigkeit und das dunkle in ihrem Charakter durch einen grauseligen Blick hervorzuheben und anzudeuten, dass sie eigentlich noch wahnsinniger als ihr Schützling Frank ist. Mit allen Mitteln versucht die Dame, sich in das Leben von diesem zu drängen und gibt für ihn (Ersatz-)Mutter, Geliebte und Gehilfin. D'Amato öffnet äußerst effektvoll einen Abgrund des menschlichen Verhaltens und erschuf mit seinem Buio Omega Jahre bevor aus dem fernen Osten immer heftigere Gewaltorgien mit immer weniger Sinn und Verstand herüberschwappte, die Mutter aller sogenannter Sickos. So abstrus das Szenario seines Films anmuten mag, so wirkungsvoll ist es allerdings umgesetzt. Wenn Frank seiner aufgebahrten Verlobten ein Mittel als Vorbereitung zur späteren Präparation spritzt, scheint D'Amato einen Hebel umgelegt zu haben, gibt er Vollgas und läßt Sado zu einem wahren Ungeheuer mutieren. Auch wenn man dem Film jeder Zeit ansieht, dass er mit wenigen, finanziellen Mitteln realisiert wurde, so ist gerade ab der Schändung von Annas Grab durch Frank und dem Transport derer Leiche zu sich ins Schloss diese etwas billig wirkende Atmosphäre ein wahrer Segen. Sado wird dadurch ein düsterer Look verliehen, das dunkle Schloss läßt leicht an selige Gothic Horror-Zeiten zurückdenken und der weitere Verlauf der Geschichte tut sein übriges.

Wie unbändig roh und mit welcher gnadenlosen Direktheit nun D'Amato agiert und dabei gleichzeitig die dünne Story durch die überwältigende Stumpfheit sogar noch recht gut zu kaschieren weiß, ist wirklich beachtlich. Vorher noch sehr zaghaft, entledigt sich Sado nun seiner "Schüchternheit". Was folgt, sind die angesprochenen Unglaublichkeiten, die zwei tragische Figuren zeigt, völlig losgelassen von Moral und Anstand. Es ist nicht abzustreiten, dass dabei einige Szenen äußerst selbstzweckhaft sind, um die Sensationlust und Gier des Publikums nach immer deftigeren Extremen zu befriedigen. Doch D'Amato schafft es in Sado, diese Extreme so auf die Spitze zu treiben, dass man den Film nur noch als "over the edge" bezeichnen kann. Kein Eisen ist zu heiß, dass es nicht angepackt wird. Gerade Franks über den Tod hinausgehende Liebe zu Anna geizt nicht mit einigen nekrophilen Andeutungen. Hier ist der Film dann allerdings äußerst zurückhaltend. Was D'Amato hier andeutet, wagt erst Jörg Buttgereit in seinem 1987 enstandenen Nekromantik zu zeigen. Dafür bleibt allerdings eine stark morbide Atmosphäre die den ganzen Film durchtränkt und auch trägt. Einziger Schwachpunkt ist hier allerdings nun, dass eben die Figuren wie auch die Geschichte nicht stärker ausgearbeitet wurden. An und für sich ist der Film nur eine Aneinanderreihung einiger äußerst unappektitlicher Szenen, ansatzweise wird auf das psychische Dilemma von Frank eingegangen. Aber man sollte eben nicht erwarten, dass ein Splatterfilm eben auch ein auf den Punkt gezeichnetes Psychogramm ist.

Verwehren kann man sich Sado dennoch nicht. Dafür ist seine Direktheit zu mitreißend ausgefallen. Selbst wenn er vom technischen Standpunkt her nur handwerklich zufriedenstellende Arbeit ist und D'Amato, der auch Chef an der Kamera war, gerade eben hier nicht noch etwas mehr sein Talent zu nutzen machte, kann er durch seine starke Atmosphäre gewinnen. Dies geschieht in Verbindung mit seinem ebenso sehr starken Soundtrack, der von der Kulttruppe Goblin beigesteuert wurde. Alleine schon sein Titelthema ist eine sehr tolle Arbeit der Mannen um Claudio Simonetti. Beim Finale schafft man es sogar noch, ein wenig den Pfad des traditionellen Horrors zu begehen und hier und da einige Gruselszenen mit einzubauen. Es ist eben ein Spiel der Extreme, dem man hier beiwohnt und das unverfroren dafür steht, die niederen Instinkte des Publikums anzusprechen. D'Amato macht daraus keinen hehl und schuf einen in vielen Augen einen sehr billigen Schundfilm. Doch er packt einen einfach durch seine Geradlinigkeit. Sado läßt die meisten Zuschauer hier zu Gaffern eines Unfalls werden. Trotz aller Schrecklichkeit kann man sich eben nicht dagegen wehren, trotzdem hinzuschauen. Und gerade in seiner Übertriebenheit und seiner gut ausgearbeiteten Atmosphäre bleibt er ungeachtet einiger Unzulänglichkeiten ein mehr als nur interessanter Horrorfilm, fernab jeglicher Fantastik, was ihn wohl gerade wegen seiner dadurch gesteigerten Realistik inmitten all seiner Unglaublichkeiten noch etwas heftiger werden läßt.


Diesen oder weitere Schocker jetzt auf Filmundo abgreifen.
Share: