Sonntag, 20. März 2011

"Da würdest am liebsten... ja... Salto Mortale!" - Hinter den Kulissen des noch jungen DVD-Labels filmArt

Hier auf Allesglotzer wird, trotz des Namens gerade dem Nischenfilm, vorzugsweise aus Italien, gefröhnt und dieser in alle Einzelheiten zerpflückt. Der Laie kann sich denken, dass es natürlich auch hierfür eine Szene gibt. Das die Leute darin teilweise äußerst enthusiastisch zu Werke gehen, ihre ganze freie Zeit dem Hobby widmen und dieses sogar zum Beruf machen, dürften wohl nur die wenigsten ahnen. Um mal etwas mehr Licht ins Dunkel was Anbieter von Nischentitel angeht, zu bringen, präsentiere ich hier auf dem Blog ein Interview mit einem der Macher eines Labels, welches genau solche Filme veröffentlicht. Dabei schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: nicht nur, dass kleine Einblicke in die Szene gewährt werden, das betroffene Label filmArt ist sozusagen noch Grün hinter den Ohren und hat mit Zinksärge für die Goldjungen gerade seine allererste DVD veröffentlicht. So schauen wir uns auch gleichzeitig an, wie sich der Start im Geschäft der Heimkinoanbieter gestaltet.


Als allererstes: stellt euch doch einfach mal ein wenig vor. Wer steckt da eigentlich genau hinter filmArt?
Hallo und Danke für das Interview. Wer hinter filmArt steckt? Hinter dem Label stecken zwei junge Kerle. Einer kommt aus dem Gesundheitswesen, während der andere eher aus dem journalistischen Umfeld kommt und im audiovisuellen Bereich tätig ist. Wir haben schon immer von der Idee geträumt, irgendwann ein eigenes Label zu starten und sind schon von jeher Filmenthusiasten, die, was das angeht, in aller Herren Länder zu Hause sind.

Wann wurde die Idee, irgendwann mal ein Label zu starten dann allerdings konkret angepackt und umgesetzt?
Das war letztes Jahr, als an einem Punkt bei uns beiden gröbere Veränderungen im Leben anstanden. Bei meinem Partner war das da noch gar nicht so im Hinterkopf, bei mir war es dann allerdings so eine kleine Neuorientierung. Wie in jedem Leben, gibt es halt wie angesprochen Umbrüche, wo man sich Gedanken über die Zukunft macht oder wo man irgendwann mal stehen will und da hab ich mir nach einiger Zeit des Überlegens ein Herz gefaßt und es einfach gemacht.

Heißt das dann also, dass filmArt mittlerweile hauptberuflich läuft oder ist das im Moment noch eine größere Freizeitaktivität?
Wenn du es ganz genau nehmen willst, ist es im Moment eher so eine Sache nebenbei. Aber wir haben schon irgendwo unser Hobby zum Beruf gemacht und wir erhoffen uns da natürlich einen gewissen Erfolg. Wenn es irgendwann mal was größeres wird, dann sind wir da beide ziemlich froh darüber.

Beansprucht das Label und die Arbeit denn eigentlich viel Zeit?
Wenn man als Fan mit dem Gedanken da ran geht, dann stellt man sich das ja schon ganz easy vor. Man fragt sich dann zum Beispiel sowas wie "Warum kommt Film XY nicht auf DVD raus?" usw. und im ersten Moment hört sich das, wenn man noch keinen Einblick in die Materie hat, richtig einfach an, was es allerdings gar nicht ist. Als ob man eigentlich alles veröffentlichen könnte, wonach man Lust und Laune hat. In Wirklichkeit steckt da aber schon ein ganzer Batzen an Arbeit dahinter. Allein schon die ganzen Recherchen über die verschiedenen Rechteinhaber, dann die ganzen Verhandlungen, welche letztendlich auch eine Voraussetzung für einen Release sind. Vom Mastering bis hin zu Absprachen mit dem Mediendesigner, wie das Artwork auszusehen hat, Pläne was eigentlich auf die DVD an Bonusmaterial draufkommen soll usw. Man braucht definitiv Zeit, es erfordert schon einiges an Geschick bei der Planung. Man sollte die ganze Arbeitszeit nicht überschätzen, die da hintendran steht. Aber es ist alles noch mit dem eigentlichen Job vereinbar.

Jetzt ist es ja so, dass filmArt nicht unbedingt die massenkompatibelsten Filme bringt. Wie genau seid ihr im privaten auf diese Art von Filmen gekommen? Wie hat sich also euer Geschmack entwickelt?
Von uns war ich immer so der Actionfan und hab mit dem gängigen Stoff angefangen, den man so kennt. Also Streifen von Van Damme, Schwarzenegger, Lundgren und die ganzen B Action-Streifen oder US-Horror wie Freitag der 13. Ich zumindest hab einfach alles geschaut, was aus dem US-Bereich kam. Mein Partner war dabei von jeher der etwas offenere von uns beiden, der sich querbeet durch die ganze Welt geschaut hat. Jeder noch so kleine, verruchteste oder schrägste Film aus allen Ecken wie Spanien, Frankreich, Italien oder Asien: der hat sich einfach alles angeschaut. Als wir uns dann vor ca. sechs Jahren zu einer DVD-Börse kennenlernten, bin ich zum ersten Mal in Kontakt mit europäischem bzw. vor allem italienischen Stoff gekommen. Anfangs hab ich mich eher schüchtern und zurückhaltend mit der Materie auseinandergesetzt, doch dann hat mich das Fieber gepackt. Gerade was Gialli, Poliziotteschi oder auch Italowestern angeht, dann die Franzosenecke, dann das spanische Kino mit solchen Sachen wie zum Beispiel Arrebato, welcher ja auch vor kurzem von Bildstörung erschienen ist und wirklich eine super Veröffentlichung geworden ist. Respekt an die Jungs auf diesem Weg! Ich hab dann vermehrt diese Dinge auch geschaut und mein Geschmack hat sich dann nach und nach komplett gewandelt, mittlerweile bin ich eingefleischter Italofan und besonders die Poliziotteschi haben es mir da besonders angetan.

Das sieht man ja auch an eurer ersten Veröffentlichung Zinksärge für die Goldjungen...
Richtig, es ist zwar eine deutsch-italienische Co-Produktion, aber wird diesem Genre teils noch hinzugerechnet.

Jetzt ist ja filmArt allerdings noch ziemlich frisch und hat noch keinen Release vorzuweisen. Wie gestaltet sich hier die Zusammenarbeit mit den Lizenzgebern? Sind die da recht offen oder fragen die sich erstmal, was dieser "junge Hüpfer" eigentlich will?
Wenn du ein neues Label machst, kommt natürlich die Frage auf, welche Filme man bringen will und mit was man anfangen möchte. Es gibt ja genug unveröffentlichte Filme und auch als Fan fragt man sich ja teils, wo man diese so herbekommt. Als ich dann irgendwann den Zinksärge gesehen habe, habe ich mich sofort in den Film verliebt. Nach der Gründung von filmArt wurde nach den Rechten recherchiert, die in diesem Fall ja bei Kinowelt liegen. Diese haben wir dann angeschrieben, uns vorgestellt und gleichzeitig angefragt und die waren sehr kooperativ. Bisher haben wir auch was andere geplante Filme angeht, noch keine schlechte, sondern durchweg gute Erfahrungen gemacht. Und gerade die Veröffentlichung Nummer Eins, also Zinksärge, ist dabei auch noch ein persönliches Anliegen von mir.

Wenn du das mit dem persönlichen Anliegen gerade ansprichst: heißt das, dass wir von filmArt nur Filme erwarten können, die den beiden "Labelpapas" gefallen oder würdet ihr auch Filme bringen, hinter denen ihr nicht so ganz steht, aber einen kommerziellen Erfolg versprechen würden?
Ich bin ganz ehrlich: die ersten Titel werden Filme sein, die sich hoffentlich auch kommerziell rechnen, aber auch persönliche Favoriten von uns sind und die wir schon seit Jahren unserer Fanzeiten selbst gerne auf DVD gewünscht hätten, die aber bisher nie veröffentlicht wurden. Weswegen auch immer. Auf der anderen Seite: wenn wir uns die langfristige Arbeit von filmArt betrachten, dann müssen wir hier und da auch mal Titel bringen, die nicht unserem persönlichen Geschmack entsprechen. Sonst hast du ja gar keine Chance meiner Meinung nach. Aber wir werden versuchen, von den Fans gefragte Titel zu bringen.

Habt ihr filmtechnisch auch schon die Fühler ins Ausland ausgestreckt oder habt ihr euch erstmal nur auf den deutschen Markt und dessen Filme konzentriert?
Angefangen haben wir zwar im Inland, wobei wir aber auch schon einen rein im Ausland produzierten Film - den Agent 003 1/2 - lizensiert haben. Bei dieser VÖ arbeiten wir ja mit dem Andrew Leavold, dem Weng Weng-Fan überhaupt, zusammen. Ansonsten sind wir auch mit italienischen Lizenzgebern im Gespräch.

Wie vorhin schon angesprochen, ist das Label logischerweise nun ein großer Teil des alltäglichen Lebens geworden. Wie waren denn die Reaktionen von Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern? Waren die alle begeistert von der Idee oder haben auch einige ihre Skepsis geäußert?
Da war durch die Bank weg alles vertreten. Von "Du hast sie nicht mehr alle!" über "Mach doch was gescheites mit deinem Geld!" bis zu "Richtig geil! Bring doch gleich mal den und den Film auf DVD!".

Haben dich da so manche negative Äußerungen nicht mal selbst zum Zweifeln und ins Wanken gebracht?
Ja am Anfang schon, aber letztendlich war der Wille einfach da und stärker. Da musste ich mich erstmal orientieren wie das so abläuft und dann hab ich halt einfach angefangen.

Wenn man die Idee "Ich will ein DVD-Label starten" hat, wie setzt man diese dann als Anfangs einfacher Fan dann in die Tat um? Man hat ja bisher bestimmt noch keine großen Einblicke hinter die Kulissen der DVD-Anbieter gehabt. Wie konntest du einen Fuß in der Branche fassen?
Gut, als Fan hat man teils schon einige Einblicke in die Szene. Nicht unbedingt in die der Anbieter, ich meine die ganze Film- und Fanszene gesamt. Es geistern so einige Informationen herum, aber was handfestes ist das auch nicht. Das reicht nicht für das Geschäft. Bei einem meiner persönlichen Lieblingen stand ich dann zum Beispiel seit Jahren in Kontakt mit vielen Leuten und einer davon, hat sich dann mit Subkultur Entertainment auch selbstständig gemacht. Und von dem hab ich mir dann die ersten Gehversuche erklären lassen und ja, das hat dann funktioniert.

Würdest du also sagen, ohne den Griff unter die Arme von Subkultur wäre der Start für dich dann schwerer geworden oder hättest du das auch so gut meistern können?
Ja, das wäre dann eine ganze Spur schwerer geworden.

Was geht dann in einem vor, wenn man die Zusage bekommt und dann seinen ersten Film lizensiert hat? Was war das für ein Gefühl?
Wie gesagt: Zinksärge ist ja auch ein persönlicher Liebling von mir und das war doch schon ein absoluter Höhenflug. Das kannst du gar nicht beschreiben. Da würdest am liebsten.... ja... Salto Mortale! Das war schon geil!

Wie kann man sich das dann vorstellen, wenn der Film lizensiert ist? Kannst du den Lesern des Blogs ein paar kleine Einblicke in die Arbeit eines Labels geben, ohne große Branchengeheimnisse zu verraten?
Erstmal: Rechnung bezahlen! Dann den Releaseplan auf die Beine stellen und dann geht's los. Sprich: Mastering der DVD, Coverdesign, Vertriebswege werden geklärt usw.

Das sind ja schon viele Dinge, die man berücksichtigen muss. Suchst du dir da Leute von außerhalb oder wird alles selbst gemacht?
Für unsere Artwork ist zum Beispiel Benjo Media zuständig. Da haben wir echt einen wirklich guten Fang gemacht. Wir hoffen auch für die Zukunft auf eine weitere, gute Zusammenarbeit. Der Benni hat echt alle Tricks drauf! Ohne viel zu schleimen, ich würd ihn im Moment als Coverdesigner Nummer Eins bezeichnen. Er ist eben auch Designer und selbst Fan solcher Streifen. Der weiß also auch, was die Fans wollen. Er schafft den Spagat zwischen Anforderungen der Kaufhäuser, da diese eher moderne Cover wollen anstatt alte Plakatmotive und den Wünschen der Fans. Bei Zinksärge hat er das wirklich super gemacht. Das Mastering lassen wir auch von einem externen Studio machen, weil ganz ehrlich, da bin ich null bewandert. Aber die Jungs haben das voll drauf. Die haben auch meinen größten Respekt verdient.

Gab es während der Arbeit an Zinksärge auch schon mal Probleme, die das ganze Projekt nach hinten geworfen haben oder verlief alles recht reibungslos? 
Man soll auch die Arbeit an der Single-Disc nicht unterschätzen. Bis das Cover letztendlich so war, wie wir es so wollten, das war auch schon ein gewisser Aufwand. Dann steht natürlich auch noch die Special Edition des Films, die Nummer Eins der "Edition Deutsche Vita", an. Da sind Interviews mit Henry Silva und Horst Janson drauf und letzterer musste auch noch interviewt werden. Dann wurden Untertitel geschrieben. Das kostet natürlich Zeit. Die italienische Schnittfassung haben wir auch noch lizensiert, welche auch noch untertitelt werden muss. Das wird auch noch ein schöner Spaß und raubt natürlich Zeit. Da kann man schon von einigen kleinen Problemen sprechen, da die DVDs ja so schnell wie möglich veröffentlicht werden. Gerade wenn man parallel auch noch an weiteren Titeln wie dem Weng Weng-Film arbeitet. Dann hat man noch die nächsten Titel in der Pipeline, denen man sich noch etwas widmet. Also es wird nie langweilig.

Du hast ja gesagt, Zinksärge und die anderen Filme die bald kommen werden sind Herzensangelegenheiten von euch. Würdest du sagen, filmArt könnte jedes Genre das man sich so vorstellen kann, bringen oder gibt es welche wo du dann sagst, das möcht ich einfach nicht bringen?
Ich denke, der Labelname beschreibt unseren Geschmack ganz gut. Es gibt ja verschiedene Filmarten, die Genres treffen aufeinander und allgemein gesagt wollen wir uns keinem Genre verwehren. In beidseitigem Einvernehmen werden wir gänzlich die Finger eben von Pornos lassen. Ich denk, in den Filmen die wir bringen, wird natürlich auch nackte Haut zu sehen sein, dass läßt sich natürlich auch nicht vermeiden. Aber Hardcore ist dann nicht wirklich unser Ding.

Wie sieht es, mal etwas vorneweg gegriffen, für die Zukunft aus? Was ist von filmArt noch zu erwarten?
Du meinst Releasetechnisch? Also in naher Zukunft?

Ja genau. Konkreter gefragt: habt ihr außer Zinksärge und Agent 003 1/2 noch Titel in der Pipeline oder schaut ihr erst nach deren Veröffentlichung, was ihr als nächstes bringen könnt?
Also zwei weitere haben wir auf jeden Fall schon sicher, der fünfte ist quasi so gut wie "eingetütet". Kurz und knapp: die zwei nächsten kommen aus den Feldern des Eurocults und Italowestern. Und auch der fünfte wird ein Italiener.

Ihr habt ja auch relativ schnell nach der Gründung ein Labelforum im Italofilm- und Eurocult-Forum Dirty Pictures bekommen. Wie ist es eigentlich dazu gekommen?
Wir sind ja auch selbst Fans von solchen Filmen und kannten das Forum natürlich und haben dort auch immer fleißig gelesen. Als es zum Label kam, haben wir uns dann dort mit einem Labelaccount angemeldet und erste Infos zu den Zinksärgen gepostet. Recht schnell hat uns dann einer der Admins gefragt, ob wir uns nicht vorstellen könnten, ein Labelforum dort zu unterhalten. Immerhin ist da ja auch Subkultur vertreten. Wir waren baff von der Anfrage, aber gleichzeitig auch sehr angetan davon und haben zugestimmt. Wir haben eh eine Webseite geplant und finden, es ist ein schöner Service für die Fans, immer recht aktuelle Infos aus erster Hand zu bekommen.

Das heißt also, ihr seht die Forenarbeit, also die Arbeit an der Fanbasis, als wichtig an?Auf jeden Fall!

Wenn wir schon bei der Fanbasis sind: wie sind denn eigentlich so die Reaktionen von den Fans gewesen, was die ersten Ankündigungen angeht?
Um mal so ganz neutral wie möglich zu sein: die waren durch die Bank weg positiv. Wir sind zufrieden. Man siehts ja auch im Zinksärge-Thread. Die Resonanz würde ich jetzt schon als gut beschreiben. Ob es sich auch so im Verkauf erweißt, wird sich zeigen.

Und wie sieht es mit kritischen Stimmen aus?
Ja klar, die gab's auch. Gerade auch was die Verzögerung vom Weng Weng-Film angeht. Das wurde dann gefragt "An was liegt's, dass der verschoben wurde?". Da können wir zwar nicht alle interne Gründe rausposaunen, aber der Film wird definitiv kommen und wir versuchen da, das beste daraus zu machen, was es weltweit gibt.

Ihr seid ja in einem Forum vertreten und habt ein eine Präsenz dort. Wie steht ihr zum Thema Social Media, also Twitter, Facebook und Co.? Ist das für euch Schnickschnack den man nicht braucht oder steht ihr dem Thema offen gegenüber?
Ich würde es nicht so richtig als Schnickschnack bezeichnen. Sicher ist es das vielleicht schon irgendwo. Aber wenn du in so einer Branche tätig bist, dann musst du auch mit der Zeit gehen. Wenn ich alleine schon sehe, wieviele Milliarden Menschen auf Facebook angemeldet sind. Ich denke das ist auf jeden Fall eine Plattform, die nicht zu unterschätzen ist und man dort seine Produkte gut promoten kann. Eine Facebook-Seite ist auch auf jeden Fall geplant.

Du hast ja schon angesprochen, dass filmArt eine Kooperation mit dem Label Subkultur hat. Wie sieht es aus mit den anderen Anbietern aus dieser Nische? Gab es da auch schon erste Kontakte, Begegnungen oder stehen die noch aus?
Subkultur würd ich derzeit als Nummer Eins bezeichnen, was das angeht. Die Leute von Anolis haben uns zwar schon einmal gesehen, aber ich glaube die wissen nicht, wer wir sind. Aber ansonsten gab es noch keine weiteren Begegnungen. Okay, wir haben aber auch schon den Yazid Benfeghoul, einer der Macher der Deadline, kennengelernt. Das ist ja aber kein Labelvertreter.

Gibt es sowas wie einen Konkurrenzgedanken in der Szene oder ist das alles eine Art glückliche Familie?
Ich denke den Konkurrenzgedanken wird es schon geben. Wenn jetzt XY irgendeinen Film wegschnappt, der auch bei einem selbst gut ins Programm gepaßt hätte. Ich meine, Konkurrenz belebt ja auch irgendwo das Geschäft. Uns liegt aber nichts ferner, mit irgendwelchen Labels in den Krieg zu ziehen. Ich denke, uns verbindet ja auch die Materie Film. Jeder versucht halt auf seine Art und Weise, das Zeug zu vermarkten. Die einen Leben davon, für andere ist es eben noch ein Nebenjob. Wir könnten uns aber auch schön gerne Kooperationen mit größeren Anbietern wie Koch Media oder Camera Obscura vorstellen.

Wie angesprochen, veröffentlicht ihr ja Nischenfilme. Diese könnten ja teils durch ihren expliziten Charakter eventuell auch noch auf dem Index stehen. Seht ihr diese juristische Problematik in Deutschland mit den Indizierungen als eine Behinderung des Geschäfts an?
Natürlich sind wir mit der Materie vertraut, aber hatten bisher damit noch nicht wirklich zu tun. Weil wir eben noch keinen indizierten Film lizensiert haben. Wir würden uns aber durchaus rantrauen. Klar, das Bewerben des Films und der Vertriebsweg ist eingeschränkt, aber wir sind nicht abgeneigt, solche Filme zu veröffentlichen.

Andere Filme wiederum haben es ja selbst zu Videoboomzeiten in den 80ern leider nie nach Deutschland geschafft, auch wenn diese bei den Fans hoch im Kurs stehen. Könntet ihr euch vorstellen, einige dieser Perlen hierher zu holen?
Da würden wir echt abwägen, um welchen Film es sich dann dreht. Jüngst hat es ja Bildstörung vorgemacht, dass sich OmU-Titel doch rechnen könnten. Bei italienischen Filmen könnte das aber etwas schwerer werden. Aber wenn der Titel stimmt, dann würden wir das machen.

Als kleiner Zusatz: würdet ihr auch ganz frische, neue Produktionen bringen oder euch erstmal auf die Klassiker konzentrieren?Da hast du uns auf dem richtigen Fuß erwischt. Ich denke, da werden wir noch eine ganze Zeit lang die Finger davon lassen. Ich denke wir müssen uns erstmal etablieren. Es gibt ja auch bei den Klassikern noch viel zu entdecken und da werden wir uns in diesem Bereich noch eine ganze Weile aufhalten.

Gehen wir jetzt mal Weg vom Business und kommen zum privaten. Was macht für euch eigentlich diese Art Film fernab des Mainstreams aus? Was fasziniert euch daran?

Ja, also der ganze Unterhaltungswert erstmal. Das ist einfach Unterhaltung pur, gerade die Poliziotteschis zum Beispiel. Dann noch diese Soundtracks. Dieses Gesamtpaket einfach: da paßt einfach alles. Musik oder auch die Darsteller. Wie zum Beispiel Tomas Milian. Die waren da ja mit Leib und Seele dabei und wie der dann seine Rollen verkörpert, die kaufst du dem auch alle ab. Da geht mir halt das Herz auf. Aber auch Gialli, Italowestern oder auch andere Exploitationkracher: die haben halt ihren ganz eigenen Charme. Wenn du so manchen Italiener siehst, die sind auch 'ne gute Konkurrenz zu so manchem US-Film.

Wie groß ist eigentlich als Junglabelmacher die Angst vorm Scheitern?
Die ist wie in jedem anderen Beruf, in dem du dich selbstständig machst, da. Du musst halt schauen, wo du bleibst und was du mit deinem Geld, dass du zur Verfügung hast, anstellst. Wir gehen aber recht locker damit um und machen uns nicht großartig selbst verrückt.

Nennt doch noch einige persönliche Favoriten zum Abschluss. Ich nenne einige Genre und ihr eure Faves.

Italowestern:
Bei mir Leichen pflastern seinen Weg, bei meinem Partner ist es Keoma.

Poliziotteschi: Tote Zeugen singen nicht mit Franco Nero. Bei meinem Kumpel Verdammte, heilige Stadt.

Giallo:
Deep Red und beim Herrn Kollegen Der Killer von Wien.

Horror: Hmm... das ist Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies. Partner: Suspiria.

Action: Wenn ich mal so überlege Geballte Ladung. Der Kollege hat Last Man Standing als Favorit.

Komödie: Happy Gilmore. Partner: Die Ritter der Kokosnuss.

Drama:
The Panic in Needle Park. Partner: sehr, sehr viele und ganz spontan wurde da mal Der Riss rausgepickt.

Science-Fiction:
Aliens - Die Rückkehr. Bei meinem Kumpel Outland.

Und an dieser Stelle endet auch schon das Interview mit den beiden Machern von filmArt und ich hoffe, dem ein oder anderen Leser hat das ganze gefallen und diesem auch einen kleinen Einblick in die Abläufe eines DVD-Labels mit einem etwas anderen Filmangebot gewährt. Ganz herzlich möchte ich mich an dieser Stelle natürlich auch noch bei filmArt dafür bedanken, dass sie mir ihre kostbare Zeit geschenkt haben und sich bereit erklärten, mir für dieses Interview Rede und Antwort zu stehen. Dies kann man übrigens auch als Auftakt zu weiteren Interviews hier auf dem Blog ansehen. In diesem Sinne: stay tuned!
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Donnerstag, 17. März 2011

Sado - Stoß das Tor zur Hölle auf

Um einen Horrorfilm richtig zu bewerben und dem Publikum näher zu bringen, scheute man nie vor superlativen. Da wurde dann der schrecklichste, grausamste, brutalste, furchterregendste oder auch spannendste Film aller Zeiten vollmundig angekündigt und nicht selten stellt man das Werk dann auch gleich auf eine Stufe mit anerkannten Klassikern. Die deutschen Verleihs glänzten dabei in den letzten Jahrzehnten mit so einigen markanten Sprüchen bzw. Werbemaßnahmen. Allerdings schaffte es in all' den Jahren dabei nur ein Film, laut Hinweis auf dem deutschen Kinoplakat, dass er sogar für die in Deutschland geltende höchste Freigabe ab 18 Jahren zu schrecklich war. "Der Verleih empfiehlt, nur Erwachsenen über 21 Jahren den Zutritt zu gestatten" prangte da also gut sichtbar auf dem Poster zu dem 1979 entstandenen und ein Jahr später in den deutschen Lichtspielhäusern gestarteten Sado - Stoß das Tor zur Hölle auf, bei dem auch schon der deutsche Titel sehr sensationsgierig anmutet und um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlt.

Und dises hat der Film nicht nur von den Zuschauern erlangt. Im Videoboom der 80er Jahre wurden auch schnell einige Jugendschützer auf den im Original betitelten Buio Omega aufmerksam und ließen das Werk zügig nach §131 StGB (Gewaltverherrlichung) beschlagnahmen. Dabei ist Sado gar nicht mal wie andere Filme der damaligen Zeit eine übermäßig blutige Angelegenheit. Nicht, dass der rote Lebenssaft hier nicht fließt, man kann ihn auch ohne großes Zögern in die Schublade der Splatterfilme stecken doch rein vom graphischen Gewaltfaktor hält man sich hier doch erstaunlich zurück. Allerdings ist das ganze Sujet äußerst unerquicklich, unangenehm und für einige konservative Zeitgenossen (damals wie heute) zudem mehr als nur geschmacklos und tabubrechend. Verantwortlich für so einen unangenehmen Film zeichnet sich der leider 1999 gestorbene Regisseur Aristide Massaccesi, der diesen unter seinem bekannten Pseudonym Joe D'Amato runterkurbelte. Dem auch als Kameramann tätig gewesenen Massaccesi, immerhin lernte er sein Handwerk unter anderem bei Mario Bava, eilte und eilt immer noch ein Ruf als Schmuddelfilmer hervor. Schon in seinen reinen Arbeiten an der Kamera und auch bei einigen seiner billigsten Werken blitzt allerdings mal mehr, mal weniger auch sein Talent hervor. Am ehesten spielt er dies noch in seinem Debütfilm Die Mörderbestien (1972) aus, den man als albtraumhaftigen, ganz leicht poetisch angehauchten Horrorfilm (allerdings selbst hier schon mit einigen blutrünstigen Effekten angereichert) beschreiben kann. Der später nur noch im Pornobusiness agierende Massaccessi war für den deutschen Jugendschützer allerdings keine Eintagsfliege. Mit Man-Eater (1980) und Absurd (1981) schaffte er es sehr locker, berühmt-berüchtigte Horrorflicks zu erschaffen und mit diesen auf die Liste der in Deutschland beschlagnahmten Filme zu gelangen.

Was macht Sado nun aber genau zu einem Film der genüßlich Schrecken und Ekel verbreitet? Alleine schon die von Giacomo Guerrini erdachte, und von Ottavio Fabbri in ein Drehbuch umgewandelte Geschichte ist starker Tobak: Anna, die Verlobte von Frank, einem reichen Schönling desses größtes Hobby das Ausstopfen toter Tiere ist, stirbt an einer mysteriösen Krankheit. Von diesem Schicksalsschlag schwer mitgenommen, gehen in seinem Kopf einige Lichter aus und veranlassen ihn dazu, diese nach der Beerdigung mitten in der Nacht wieder auszubuddeln und ihre Leiche wie die vielen Tiere zu präparieren. Die ausgestopfte, tote Verlobte lagert er dabei dann in seinem Bett. Sehr zum Missfallen seiner Haushälterin Iris, die es auf den Kerl abgesehen hat und die Verlobte schon zu Lebzeiten nicht sehr mochte. Allerdings hilft sie ihm auch, einen Zwischenfall mit einer amerikanischen Anhalterin zu vertuschen, welche er während dem Transport von Annas Leiche mitnahm. Als diese nach seligem Schlummern in Franks Bus aufwacht und diesem beim Präparieren von Anna ertappt, dreht dieser letztendlich so durch, dass er die Amerikanerin umbringt und diese dann mit Hilfe von Iris in Säure auflöst. Während die Beziehung zwischen Iris und Frank sowie dessen Geisteszustand immer seltsamere Züge annimmt und dies auch einige weitere unschuldige weibliche Wesen spüren müssen, taucht eines Tages Annas Schwester auf, welche der Toten ziemlich ähnlich sieht.

Trotz der von der Story aufgetischten Ungeheuerlichkeiten, gibt sich Sado zu Beginn noch sehr verhalten. Fast schon zaghaft steuert D'Amato auf die erste Schlüsselszene des Films zu und läßt sich erstmal etwas Zeit, die Figuren einzuführen. Doch der betuliche Reigen trübt. Auch wenn das Erzähltempo recht gedrosselt erscheint, so steuert Sado unentwegt auf das dunkle Schicksal seines Protagonisten zu. Die Szene die den Film bzw. dessen Geschichte erst so richtig ins Rollen bringt, Franks Ankunft am Krankenbett Annas in derer Todesstunde, ist dabei trotz des limitierten Könnens von Kieran Canter dramatisch recht adäquat von D'Amato umgesetzt. Schon hier und auch in späteren Szenen wünscht man sich ab und an einen anderen Hauptdarsteller, schafft es Canter doch meist nur gut auszusehen, als auch noch schauspielerische Glanzleistungen abzuliefern. Seine Trauer nach dem Tod seiner Verlobte ist schon sichtlich angestrengt und hat ihn wohl an die Grenzen seines Könnens geführt. Später ist seine Leistung als über den Tod der Liebsten nicht hinwegkommenden, dem Wahnsinn verfallen als ausreichend einzustufen. Schaut man allerdings der Tatsache ins Auge, dass Sado ein Remake (!) eines Psychothrillers aus den 60er Jahren ist, in dem Franco Nero die Hauptrolle inne hat, so ist es wahrlich nicht ganz leicht für Canter, sich an seinem Quasivorgänger zu messen. Allerdings rückt D'Amato anders als angesprochenen Das dritte Auge (1966) hier nicht den psychologischen Aspekt der Geschichte in den Vordergrund. So hätte der aus Irland stammende Canter noch mehr verloren.

Doch man hat ja noch Franca Stoppi als Franks Haushälterin Iris zur Hand, welcher man eine rundum gelungene Leistung attestieren kann. In ihrer sowohl in Aussehen als auch Verhalten streng daherkommenden Figur liegt etwas wahrlich diabolisches. Stoppi bekommt es wunderbar hin, die Boshaftigkeit und das dunkle in ihrem Charakter durch einen grauseligen Blick hervorzuheben und anzudeuten, dass sie eigentlich noch wahnsinniger als ihr Schützling Frank ist. Mit allen Mitteln versucht die Dame, sich in das Leben von diesem zu drängen und gibt für ihn (Ersatz-)Mutter, Geliebte und Gehilfin. D'Amato öffnet äußerst effektvoll einen Abgrund des menschlichen Verhaltens und erschuf mit seinem Buio Omega Jahre bevor aus dem fernen Osten immer heftigere Gewaltorgien mit immer weniger Sinn und Verstand herüberschwappte, die Mutter aller sogenannter Sickos. So abstrus das Szenario seines Films anmuten mag, so wirkungsvoll ist es allerdings umgesetzt. Wenn Frank seiner aufgebahrten Verlobten ein Mittel als Vorbereitung zur späteren Präparation spritzt, scheint D'Amato einen Hebel umgelegt zu haben, gibt er Vollgas und läßt Sado zu einem wahren Ungeheuer mutieren. Auch wenn man dem Film jeder Zeit ansieht, dass er mit wenigen, finanziellen Mitteln realisiert wurde, so ist gerade ab der Schändung von Annas Grab durch Frank und dem Transport derer Leiche zu sich ins Schloss diese etwas billig wirkende Atmosphäre ein wahrer Segen. Sado wird dadurch ein düsterer Look verliehen, das dunkle Schloss läßt leicht an selige Gothic Horror-Zeiten zurückdenken und der weitere Verlauf der Geschichte tut sein übriges.

Wie unbändig roh und mit welcher gnadenlosen Direktheit nun D'Amato agiert und dabei gleichzeitig die dünne Story durch die überwältigende Stumpfheit sogar noch recht gut zu kaschieren weiß, ist wirklich beachtlich. Vorher noch sehr zaghaft, entledigt sich Sado nun seiner "Schüchternheit". Was folgt, sind die angesprochenen Unglaublichkeiten, die zwei tragische Figuren zeigt, völlig losgelassen von Moral und Anstand. Es ist nicht abzustreiten, dass dabei einige Szenen äußerst selbstzweckhaft sind, um die Sensationlust und Gier des Publikums nach immer deftigeren Extremen zu befriedigen. Doch D'Amato schafft es in Sado, diese Extreme so auf die Spitze zu treiben, dass man den Film nur noch als "over the edge" bezeichnen kann. Kein Eisen ist zu heiß, dass es nicht angepackt wird. Gerade Franks über den Tod hinausgehende Liebe zu Anna geizt nicht mit einigen nekrophilen Andeutungen. Hier ist der Film dann allerdings äußerst zurückhaltend. Was D'Amato hier andeutet, wagt erst Jörg Buttgereit in seinem 1987 enstandenen Nekromantik zu zeigen. Dafür bleibt allerdings eine stark morbide Atmosphäre die den ganzen Film durchtränkt und auch trägt. Einziger Schwachpunkt ist hier allerdings nun, dass eben die Figuren wie auch die Geschichte nicht stärker ausgearbeitet wurden. An und für sich ist der Film nur eine Aneinanderreihung einiger äußerst unappektitlicher Szenen, ansatzweise wird auf das psychische Dilemma von Frank eingegangen. Aber man sollte eben nicht erwarten, dass ein Splatterfilm eben auch ein auf den Punkt gezeichnetes Psychogramm ist.

Verwehren kann man sich Sado dennoch nicht. Dafür ist seine Direktheit zu mitreißend ausgefallen. Selbst wenn er vom technischen Standpunkt her nur handwerklich zufriedenstellende Arbeit ist und D'Amato, der auch Chef an der Kamera war, gerade eben hier nicht noch etwas mehr sein Talent zu nutzen machte, kann er durch seine starke Atmosphäre gewinnen. Dies geschieht in Verbindung mit seinem ebenso sehr starken Soundtrack, der von der Kulttruppe Goblin beigesteuert wurde. Alleine schon sein Titelthema ist eine sehr tolle Arbeit der Mannen um Claudio Simonetti. Beim Finale schafft man es sogar noch, ein wenig den Pfad des traditionellen Horrors zu begehen und hier und da einige Gruselszenen mit einzubauen. Es ist eben ein Spiel der Extreme, dem man hier beiwohnt und das unverfroren dafür steht, die niederen Instinkte des Publikums anzusprechen. D'Amato macht daraus keinen hehl und schuf einen in vielen Augen einen sehr billigen Schundfilm. Doch er packt einen einfach durch seine Geradlinigkeit. Sado läßt die meisten Zuschauer hier zu Gaffern eines Unfalls werden. Trotz aller Schrecklichkeit kann man sich eben nicht dagegen wehren, trotzdem hinzuschauen. Und gerade in seiner Übertriebenheit und seiner gut ausgearbeiteten Atmosphäre bleibt er ungeachtet einiger Unzulänglichkeiten ein mehr als nur interessanter Horrorfilm, fernab jeglicher Fantastik, was ihn wohl gerade wegen seiner dadurch gesteigerten Realistik inmitten all seiner Unglaublichkeiten noch etwas heftiger werden läßt.


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Mittwoch, 16. März 2011

"A Brief History of Title Design" von Ian Albinson

In all den nun weit mehr als hundert Jahren, in denen das Medium Film existiert, hat sich nicht nur dieses in technischer wie auch narrativer Hinsicht verändert. Auch die Titelbilder des Films haben einen steten Wandel durchgemacht. Sehr schön tut diese Tatsache dieses kurze Video veranschaulichen, welches die Geschichte der Titelscreens behandelt und Ausschnitte aus über 50 Filmen aneinanderreiht. Geschaffen wurde es von Ian Albinson, der auf seinem Blog The Art of the Title Sequence über die künstlerischen Aspekte, Geschichten und Macher von Filmvorspännen schreibt. In diesem Video sind unter anderem die Titelbilder von Vertigo, King Kong, Sieben, The Pink Panther, Grand Prix, Natural Born Killers zu sehen.



Direktlink | via kraftfuttermischwerk
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Montag, 7. März 2011

Deadgirl

Die beiden Kumpels J.T. und Rickie beschließen die Schule zu schwänzen und verkrümeln sich dabei in eine leerstehende Psychiatrie, um dort ein paar Bierchen zu kippen und ihre überschüssige Energie loszuwerden. Als sie das Gebäude etwas genauer erkunden, stoßen sie im Keller nicht nur auf einen äußerst schlecht gelaunten, streunenden Hund sondern auch auf eine verrostete Tür. Nachdem sie diese aufgebrochen haben, finden sie im sich dahinter befindlichen Raum eine nackte, an einem Bett gefesselte und mit einer Plastikplane zugedeckte Frau. Die unbekannte sieht zwar nicht mehr wirklich frisch aus, ist allerdings immer noch lebendig. Und wie J.T. einige Tage später bemerkt auch nicht wirklich tot zu kriegen. Selbst als er Rickie seine Entdeckung zeigt und mit dessen Waffe auf die Unbekannte feuert, bleibt sie lebendig. J.T. macht aus der Frau seine persönliche Sexsklavin, während sein Kumpane Rickie mit dieser äußerst extremen Situation nicht wirklich klar kommt. Als allerdings mit Wheeler noch ein dritter in das Geheimnis der beiden eingeweiht wird, gehen die Probleme für die Jugendlichen erst richtig los.

In der Theorie hört sich die von Marcel Sarmiento und seinem Co-Regisseur Gadi Harel umgesetzte Geschichte gar nicht mal so übel an. Die Untotenschublade wurde in der Geschichte des Horrorfilms ja schon so oft geöffnet und durchwühlt, dass man darin kaum noch Innovation vorfinden kann. Nun schickten sich die beiden Regisseure im Jahr 2008 an, doch noch ein wenig Pepp in die schon sehr modrig wirkenden Zombiethematik zu bringen. Nur guter Wille allein genügt natürlich nicht, da muss schon auch ein wenig Talent und eben eine gute Idee mit dabei sein. Letztere ist dabei wirklich vorhanden, da man es nicht Horden, sondern nur einem Untoten zu tun hat. Dieser ist zwar ein wichtiger Punkt in der Geschichte von Deadgirl, doch geht es nicht vordergründig um das Prinzip des fressens und gefressen werden. Mit ihrem Film bieten die beiden Regisseure eine ungewöhnliche Mixtur aus Teenagerdrama und makabrer, nekrophil angehauchter Horrorstory. Coming of Age meets Sex and Guts and Violence. Mit so einem Stoff kann man fürwahr eigentlich wirklich tolle, ideenreiche Dinge anstellen.

Doch das Script krankt an seinem extrem. Diese zwei Seiten der Geschichte mögen zu Beginn nicht zusammenpassen. Der Aufbau geht recht flott vonstatten, der Film mag sogar mit seiner ruhigen Erzählweise und einem Stil, der passenderweise an Indie-Teendramen erinnert, so einiges Interesse beim Zuschauer erwecken. Die Bilder ändern sich bei der Ankunft der beiden Freunde im Keller rapide, das gewohnte Horrorszenario setzt ein und ist ebenfalls recht gut aufgebaut. Ja selbst die ersten schauerlichen Begegnung mit der Unbekannten fallen positiv aus. Doch nun scheint der weitere Verlauf des Stoffs genauso ahnungs- und ratlos zu werden die die Figur des Rickie. Dieser kommt mit dem Verhalten seines Kumpels nicht wirklich klar. Ganz simpel baut man die Protagonisten hier auf und bedient sich hier einer simplen Schwarz-Weiß-Zeichung. Rickie als moralische Instanz, J.T. als böser Gegenpart der auf das Geschwätz des Freundes wirklich wenig gibt. Die dunklen Fantasien, heraufbeschworen durch die Situation, eine fremde Person von der niemand zu wissen scheint vollkommen ausgeliefert und abhängig von den beiden Findern, nach oben gespült, übermannen diesen. Der Trieb siegt in diesem Falle über den Verstand.

Doch Deadgirl beginnt in diesem Dilemma rumzudümpeln, tritt auf der Stelle und schafft es auch sehr spät und schwerfällig, sich von dieser wegzubewegen. Der Fokus wird auf Rickie gelegt, dessen familiären und zwischenmenschlichen Probleme etwas näher beleuchtet werden. Bis dorthin darf man dem Konflikt zwischen den beiden Freunden folgen, der allerdings sehr dürftig ausgearbeitet wurde und so zu einigen Längen führt. Der gute Aufbau des Films wird hier schon fast zu nichte gemacht, da das Drehbuch in diesem Punkt wohl nicht viel herzugeben scheint. Die Mischung zwischen nekrophiler Untotenstory und Jugenddrama erweist sich als unglücklich. Man sollte dem Autoren und auch den Regisseuren danken, dass bei diesem Thema darauf verzichtet wurde, die Karte mit ordentlich Sex und Gore auszuspielen. Immerhin hätte man sich auch darauf beschränken können, dem Splatterfreak eine ordentlich kranke Sache aufzutischen und dem Trend der letzten Jahre, der selbst seinen Weg in den Mainstream gefunden hat (Hostel, Saw und Co. sei dank), zu folgen. Nun gehen zwei mutige Männer einen völlig anderen, angenehm anderen Weg, aber liefern mit ihrer Umsetzung der äußerst interessanten Geschichte eine eher laue Vorstellung.

Seine wirkliche Richtung findet Deadgirl erst spät. Da wurde Rickie mit seiner unglücklichen Liebe und deren eifersüchtigem Freund noch etwas näher betrachtet, da kam mit Wheeler ein äußerst tumber, aber für die Geschichte sehr erfrischender Charakter hinzu. Als dieser von J.T. in das Geheimnis eingeweiht wird, scheint es auch hinter der Kamera klick gemacht zu haben. Urplötzlich punktet das Werk mit einigen sehr schwarzhumorigen und natürlich auch makabren Einfällen. Dabei geht man den erfreulichen Weg und wird nie zu explizit, zeigt zwar auch ein wenig an rotem Lebenssaft, läßt aber durch seine Andeutungen auch das Kopfkino beim Zuschauer ordentlich arbeiten. Es funktioniert urplötzlich, als hätte man es geschafft, eine unsichtbare Barriere die beim Erzählen der Story im Weg stand, zu umgehen. Auch wenn hier der Film sich aufbäumt und den Weg in die Bedeutungslosigkeit nicht antritt, so muss man ihm und seinen Machern auch attestieren, dass dies leider etwas zu spät kommt. Eventuell war der dramatische Teil mit seinen Konflikten zwischen gut und böse sowie den Andeutungen in den Problemen Jugendlicher bei stark abweichendem, sozialen Gefüge doch etwas zu viel des Guten für das Script. Immerhin ist da ja auch noch der Horroranteil, der allerdings auch nicht wirklich gut ausgespielt werden kann.

Man sollte diesen Film allerdings eh nicht als reinen Horrorfilm ansehen. Der Aufhänger ist eben die untote Frau, sie gibt nur Gelegenheit für Sarmiento und Harel, sich auszutoben und ihre talentierten Jungdarsteller in ein düsteres Drama voller Abgründe zu schicken. Doch befriedigend ist dies nicht wirklich, auch wenn die guten Ansätze des Stoffs zu gewisser Begeisterung hinreisen können. Man tobt sich nämlich wie angesprochen schlicht und ergreifend viel zu spät aus. Das Ruder kann Deadgirl so nicht mehr herumreißen. Dafür ist die Geschichte dann doch zu kraftlos. Schade, wenn Innovation so sang- und klanglos im Mittelmaß untergeht, da trotz aufblitzendem Talent dieses einfach nicht ganz ausgeschöpft wurde oder man einfach nicht wußte, dieses zu nutzen.


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Sonntag, 20. Februar 2011

Gewalt über der Stadt

An einer Stelle in Gewalt über der Stadt wird der Schauplatz Turin als (italienische) "Hauptstadt des Verbrechens" bezeichnet und bei dem, was uns Regisseur Carlo Ausino um die Ohren haut, ist dies gar nicht mal so weit hergeholt. Die Ehegattin eines Arztes wird ermordet in einem Park aufgefunden. Nach einiger Zeit wird der Mord an ihr sowie der später an einem jungen Mädchen verübte mit einem Prostitutionsring in Verbindung gebracht, der Frauen mit Drogen gefügig macht, sie mit Männern verkuppelt und diese dann mit eindeutigen Fotos erpresst. An anderer Stelle überfällt eine Bande von Jugendlichen Kinos und Supermärkte. Und dann wären da auch noch ehemalige Handlanger eines französischen Syndikats, die zum Unmut der alteingesessenen Banditen in der Turiner Unterwelt mitmischen wollen. Viel zu tun für die Kommissare Moretti und Danieli, was bei letzterem auch schon mal das Eheleben in eine schwere Krise stürzt. Trotzdem versuchen die beiden Polizisten mit ihren Kollegen Ordnung in ihre Stadt zu tun. Geschieht dies nämlich nicht sofort, so gibt es da immer noch den "Rächer", der die großen und kleinen Ganove, gegen die die Polizei nichts unternommen hat, um die Ecke bringt.

Bei dieser ordentlichen Packung an kriminellen Machenschaften kann man dabei schon mal schnell den Überblick verlieren. Gott sei Dank hat aber niemand geringeres als der Italowestern-erprobte Mime George Hilton angeheuert und sorgt mit seinem Kumpanen Emanuel Cannarsa, dass in Turin nicht alles aus dem Ruder läuft. Die Erfolgsquote des Ermittlerduos ist zwar nicht gerade gering, aber man hat schon so seine Mühe. Damit sind jetzt nicht nur die beiden Cops gemeint. Auch der Zuschauer vor der heimischen Flimmerkiste ist arg gefordert, der Geschichte zu folgen. In seinem dritten von insgesamt gerade mal sechs Filmen schöpft Regisseur Ausino aus dem Vollen und merkt dabei allerdings nicht, dass der prall gefüllte Crime-Mix fast aus allen Nähten platzt. Komplexe Stories können natürlich gerade auch im Kriminalfilm ein schöner Segen sein, wenn einem einmal nicht nach simplen, geradelinigen Haudrauf-Geschichten ist. Doch Ausino, der für das Script sowie auch die Kameraarbeit verantwortlich ist, hat es schlicht und ergreifend zu gut gemeint. Der gute Mann hätte sich auf eine Sache konzentrieren sollen, auch wenn die drei von ihm angerissenen Baustellen erstmal ganz interessant eingeführt werden.

Doch er bleibt nicht strikt bei einer Sache sondern hüpft wild von einer Sache zur nächsten. Ausino schien entweder eine Konzentrationsschwäche gehabt zu haben oder wollte seine Geschichte so komplex wie nur möglich erzählen. Das ist sie auch, allerdings auch recht umständlich erzählt. Der Sprung zwischen die verschiedenen Handlungsstränge kann dabei ganz schön anstrengend werden und so richtig schlüssig erscheinen manche Dinge auch nicht gleich auf den ersten Blick. Figuren werden fröhlich neu eingeführt, deren genauere Rolle wird dann entweder erst viel später oder auch mal gar nicht aufgedeckt. Gut, wenn diese dann für irgendjemand anderen dann nur Kanonenfutter sind, dann wäre es ja gar nicht so schlimm. Nur wieso diese dann eigentlich genau über den Jordan wandern mussten, da ist Ausino dann dem Zuschauer eine Antwort schuldig. Das breit abgedeckte Feld Kleinkriminalität, organisierte Prostitution sowie die Konflikte innerhalb der Turiner Unterwelt werden dann hier und da auch zusammengeführt. Eine nette Idee, so richtig Struktur bringt dies nun auch wieder nicht.

Nicht alle Fragen bleiben offen, doch die späte und wendungsreiche Auflösung dieser hätte auf nicht ganz so kurvigem Weg erfolgen können. Manches hätte man auch etwas straighter angehen können. Allerdings ist Ausinos Ansatz interessant, anders als in vielen weiteren Poliziotteschi hier auch etwas auf das Privatleben eines der Cops einzugehen. Der durch Beruf kommende Konflikt in der Ehe von Ermittler Danieli erscheint im ersten Moment etwas ungewöhnlich, verleiht Gewalt über der Stadt aber auch eine schöne eigene Note. Emanuel Cannarsa ist dabei eine gute Wahl für die Rolle der Figur gewesen, gewinnt diese doch mit seinem etwas verbrauchten Look noch mehr an Glaubwürdigkeit. Der Job überschattet bei Danieli wie auch bei Moretti das Privatleben. Letzteren, die eigentliche Hauptfigur des Films, kommt dabei allerdings recht kurz. An einer Stelle läßt er aber seine Liebschaft für den Job beim Schlendern durch die Stadt für die Arbeit stehen. Ein böser Bursche wurde erkannt und natürlich muss sofort die Verfolgung aufgenommen werden. Da bleibt für sowas "Nebensächliches" wie das andere Geschlecht keine Zeit.

So wie die eiskalt abservierte Dame schaut man dann auch nach dem Genuss von Torino Violenta aus der Wäsche. Etwas irritiert und ahnungslos. Trotz der überfrachtenden Story, die den Film nahezu zu erdrücken scheint, sind einige gute Ansätze vorhanden. Neben den Einsichten in das Eheleben von Kommisar Danieli ist dies auch die vom Film transportierte Stimmung. Unheilvoll ist diese, dunkel gehalten und an einigen Stellen sogar ein wenig melancholisch angehaucht. Haben wir es hier mit Anflügen des Film Noirs zu tun? Nein, so schwarz gibt sich Gewalt über der Stadt nun nicht. Auch wenn George Hilton hier teils gewisse Ähnlichkeit mit den einsamen Helden aus der dunklen Phase Hollywoods hat. Langer Mantel, verbissene Mimik die hinter einer dunklen Sonnenbrille teils versteckt wird. Und wie so viele andere Darsteller auch, wird Hiltons Gesicht von einer prächtigen Rotzbremse geziert. Neben guter Leistung in der Schule scheint es beinahe Pflicht bei der Turiner Polizei zu sein, einen voluminösen Oberlippenbart sein Eigen zu nennen. Er ist ein wortkarger, aber hartnäckiger Polizist. Eine beinahe typische Figur für den italienischen Polizeifilm. Sein Partner scheint etwas milder in den Ansichten zu sein, auch wenn beide auf das Wohl des Turiner Bürgers bedacht sind. Nur wird auch hier in der Figurenzeichnung das Problem von Gewalt über der Stadt klar sichtbar. Wo man es anders nur mit überzogenen, klischeebelandenen - ja fast schon comichaften - Charakteren zu tun hat, hätte man hier Tiefe einbringen können.

Doch Ausino läßt so manches, kurz nachdem er es in die Hand genommen hat, einfach wieder fallen. Manches nimmt er dann wieder auf, anders fällt gänzlich unter den Tisch. Dies läßt so auch niemals wirklich Spannung oder Dynamik aufkommen. Selten hat man so gänzlich unaufregende Verfolgungsjagden wie hier gesehen. Der Fokus ist ohnehin nicht wirklich auf Action Nonstop ausgelegt, doch wenn diese dann aufkommt, ist das ganze sehr bemüht und versprüht keinen Funken Lebendigkeit. Der dunkle Grundton läßt Gewalt über der Stadt an solchen Stellen lethargisch erscheinen und selbst der Score von Stelvio Cipriani, ausgestattet mit schmissigem Titellied, geht wie so vieles einfach etwas unter. Da kann auch das ebenso düstere Ende nicht wirklich versöhnen. Mit wohlwollen kann man das Werk wirklich ganz knapp über dem Durchschnitt ansiedeln, da gerade die Optik bzw. technische Seite wirklich in Ordnung geht und einige kleine, tolle Einstellungen zu bieten hat. Das hilft aber einfach nicht über die Tatsache hinweg, dass Ausino sich in seiner eigenen Geschichte verheddert und das Geschehen fast schon schwerfällig erscheint. Die nichtgenutzten Möglichkeiten, die man hier einfach anders - wie schon beschrieben zu umständlich - anpackt, sind einfach zu viel des Guten. Mit einer entschlackten Story hätte man es hier mit einem tollen Werk zu tun. So bleibt Gewalt über der Stadt eher ein Film, bei dem es Schade drum ist, was man hätte alles aus dem Stoff machen können.
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Donnerstag, 10. Februar 2011

Killer Kid

Die Revolution wütet in Mexiko und damit die Rebellen der Regierung auch ordentlich Zunder geben kann, sind Waffenschmuggler eifrig dabei, ihr Diebesgut aus dem Bestand der US-Regierung an die Revolutionäre zu verkaufen. Der Handel an der amerikanisch-mexikanischen Grenze floriert. Einhalt soll diesem der Agent und Captain Morrison gebieten, der als Revolverheld Chamaco sich unter die Rebellen mischen soll. Schnell macht er es sich dabei in der Gruppe um den Führer El Santo gemütlich. Obwohl der Gringo nichts mit der Revolution zu tun hat, ist er nachdem El Santo und seinen Männern gegen die Regierungstruppen um den fiesen Hernandez geholfen hat, gerne bei diesen willkommen. Einzig und allein Vilar, einer der treuesten Gefolgsleute von Santo, traut dem Fremden nicht. Erst recht nicht, als auf der Flucht vor Hernandez Truppen urplötzlich der Wagen mit den Waffen samt Ladung zerstört wird. Es kommt zum Bruch zwischen Vilar und El Santo, was dazu führt, das der immer größenwahnsinniger werdende Vilar seinen einstigen Führer sogar entführt und die Macht an sich reißt. Chamaco, dessen Identität bei Mercedes, der Nichte von Santo, aufgeflogen ist, wird von dieser gebeten, ihren Onkel zu befreien.

Die mexikanische Revolution ist ein gerngesehener Gast im Italowestern. Sergio Leone widmete sich ihr in seinem Film Todesmelodie (1971), Politfilmer Damiano Damiani versah seinen Western Töte Amigo (1967) dabei ebenfalls mit einigen kritischen Untertönen. Aber: dies ist natürlich eher eine Ausnahme. Meist dient diese nur dafür, noch etwas mehr die Geschichten um Rache, Zaster usw. anzuheizen. Imemrhin wird die Zeit der Revolution in dem mittelamerikanischen Land als großer Trubel dargestellt. In diese Kategorie fällt auch der von Leopoldo Savona inszenierte Killer Kid, welcher in hiesigen Gefilden auch noch unter dem Titel Chamaco bekannt ist. Dieser ist einer von insgesamt fünf Western des in Lemora geborenen Regisseurs. Sein Hauptdarsteller war hier der vor allem durch Western bekannt gewordene Antonio Luiz de Teffe bzw. Anthony Steffen. Dieser war dann drei Jahre später auch in Savonas Spiel dein Spiel und töte, Joe mit von der Partie. Hier schlüpft der Sohn eines brasilianischen Botschafters in die Rolle des titelgebenden Killer Kid bzw. Chamaco, einem dienstbeflissenen Agenten der Amerikaner.

Steffen war nun nicht gerade der subtilste und filigranste Darsteller, manche Leute bezeichnen seine mimischen Fähigkeiten sogar als fast versteinert. Großartige Regungen innerhalb des Gesichts konnte man in seinen Filmen tatsächlich eher seltener ausmachen und so gibt er sich auch als Chamaco ziemlich eisern, was das angeht. Was ihm aber an mimischen Talent fehlt, macht er mit einer nicht zu unterschätzenden Präsenz bzw. Ausstrahlung wett. Dieser behilft er sich auch, allerdings liefert er im ganzen gesehen doch eher nur eine ordentliche Leistung ab. Schnell scheint es so, als passe sich Steffen dem ungemein durchschnittlichen Gesamteindruck des Werks an. So richtig mag die Rolle des Agenten, der für seinen Auftrag beinahe alles tut, auch nicht zu ihm passen. Der mit markanten Gesichtszügen gesegnete Steffen ist halt eher doch ein Rauhbein, seine Figur etwas zu glatt dargestellt. Selbst wenn er von Mercedes gebeten wird, ihrem von Vilar schon längst entführten Onkel aus dessen Fängen zu befreien, bleibt er standhaft, was bedeutet, dass es selbst hier keinerlei Schwankungen in seinem Handeln gibt. Ja, er hilft ihr brav, bleibt dabei aber auch eindeutig auf der Seite der US-Regierung. Er ist ein klassischer Held und kein im Italowestern so gern gesehener Antihero.

Aber gut, dafür hat man ja Ferndando Sancho. Wenn irgendwo am Set eines Westerns ein schmieriger, verschlagener Mexikaner gebraucht wurde: der rundliche Spanier war stets zur Stelle. Keine Überraschung also, dass genau er die Rolle des Vilars sprichwörtlich ausfüllt. Er stiehlt auch Steffen die Schau und ist der heimliche Star von Killer Kid. Es ist einfach schön anzuschauen, wie aus dem einfach gestrickten Gefolgsmann des El Santo ein immer mehr größenwahnsinniger und machtbesessener Gewalttäter wird, der Chamaco zudem keinen Meter weit traut. Allerdings der Abtritt für eine für den Film doch recht wichtige Rolle doch eher bescheiden. Da hätte etwas mehr pomp gutgetan. Allerdings kann es auch sein, dass Savona auch immer darauf achten musste, dass er sich nicht in seiner komplexen Story verzettelt. Es geht um Waffen, Geld und Machtspielchen und dabei läßt sich Savona nicht lumpen, zusammen mit Co-Autor Sergio Garrone ordentlich aufs Gas zu drücken.Dabei schlittert das Duo mit ihrer Geschichte fast ein wenig aus der Kurve und schlingert hin und her. An manchen Stellen ist das Handlungsgeflecht etwas zu wirr und man verheddert sich darin, den Unterhaltungscharakter des Werks noch mit hintersinnigen Aussagen etwas aufzuwerten. Doch dies mag nicht wirklich gelingen, auch wenn man zum Beispiel zu Beginn den Film den Revolutionären der damaligen Zeit widmet.

Ein großes Politikum wird der Film zu keinster Zeit, auch wenn er sich redlich bemüht. Das ist für den Stoff ein wenig zu dick aufgetragen, auch wenn es Savona gelingt, hier und da einige wirkungsvolle Szenen zu inszenieren. Die intensivste hat allerdings in der alten deutschen Fassung gefehlt. Hier landet der Tross von Santo und seinen Mannen zu einem Dorf, welches von den Regierungstruppen dem Erdboden gleich gemacht wurde. Die Häuser sind niedergebrannt und überall sieht man die hingerichteten Bewohner. Eine sehr düstere Szene, in der es zu einer Diskussion zwischen Vilar und Santo kommt, wie man überhaupt eine Revolution durchzuführen hat. Der gewaltbereite Vilar gehört da eher zur groben Hauruck-Fraktion, wobei Santo ein noch eher gemäßigter Aufständischer ist. Aber so richtig harmonisch wirkt sowas trotzdem nicht mit dem actionlastigen Hauptteil von Killer Kid. Wenigstens hat man sich bemüht, das ganze gut aussehen zu lassen. Auch wenn er nicht beständig durch ausgezeichnete oder außergewöhnliche Schnitt- oder Kameratechnik glänzt: der Revolutionswestern kommt ins keinster Weise wie eine schnöde Low Budget-Produktion daher. Savonas Film ist gut in Szene gesetzt, bietet hier und da mal einige nette Einstellungen und ist auch ansonsten handwerklich wirklich gut umgesetzt.

Nur die Feinarbeit hätte noch etwas genauer ausfallen können. Es tut dem Film einfach nicht gut, dass man Steffens wahre Rolle im Revolutionschaos preis gibt. Dies hätten Savona und Garrone etwas mehr oder auch länger im Dunkeln lassen sollen um noch etwas mehr Spannung in das Werk zu bringen. So hätte man auch der Geschichte etwas von ihren holprigen Sprünge in der Handlung nehmen können. Trotzdem kann Killer Kid eine gewisse Kurzweiligkeit mit sich bringen und zudem auch einigermaßen gut unterhalten. Ein richtiger Kracher ist er nicht, die Revolution hat schon schönere Kinder - auch im Italowestern - gezeugt, aber es macht doch noch genug Laune, Steffen, Sancho und Co. um die gestohlenene Waffen streiten zu sehen. Knappe überdurchschnittlich unterhaltende Westernkost mit handwerklich ausgereifter Inszenierung: so kann man Chamaco noch am besten beschreiben.


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Sonntag, 30. Januar 2011

Lebendig gefressen

Jemanden zum Fressen gern haben oder sogar zum Anbeißen finden: man sieht, der Kannibalismus ist selbst in Redewendungen des alltäglichen Sprachgebrauchs anzufinden. Nun kommen glücklicherweise die wenigsten Zeitgenossen darauf, ihre Rede auch in die Tat umzusetzen. Doch trotzdem: der Carnivor in uns macht auch vor dem Homo Sapiens nicht halt. Wenn auch nur im Sprachgebrauch und eventuell auch in der Fantasie. Um das am Menschen knabbern dann doch noch irgendwie umzusetzen, kann man sich ja künstlerischer Mittel wie zum Beispiel des Films bedienen, was man gerade in den güldenen Siebzigern ja zugern in Italien gemacht hat. Bis auf den noch recht lauen, eher am Abenteuerfilm orientierten Anfang entstanden so Orgien der selbstzweckhaften Gewaltdarstellung, dass man heute noch nach Genuss dieser Filme die olle Flimmerkiste kopfüber halten muss, damit der Schund sowie die vielen verbrauchten Liter an Kunstblut ablaufen können. Als sich nun 1980 Ruggero Deodato mit seinem Cannibal Holocaust anschickte, den ultimativen Kannibalenfilm abzuliefern, der neben heftigsten Gräueltaten doch tatsächlich auch noch Intelligenz, Sozialkritik und Hintersinn mit sich brachte, dachte sich irgendwo in Italien ein gewisser Umberto Lenzi bestimmt sowas wie "Moment mal, das kann ich aber auch!" Immerhin hat der Onkel Umberto 1972 mit seinem Mondo Cannibale dieses Subgenre innerhalb der Exploitationwelt begründet.

Gott sei Dank hat er sich nicht daran versucht, die Geschichte von Deodatos wüstem Meisterwerk zu kopieren sondern eigene, ganz absonderliche aber auch nicht minder uninteressante Wege zu gehen. Zu Beginn sehen wir, wie ein Menschenbürger asiatischer Abstammung seine Talente im "ins Rohr blasen" zeigt um so an den Niagarafällen und zweimal in New York Menschen mit Pfeilen zu töten, deren Spitzen in Kobragift getränkt waren. Im Zusammenhang mit diesen Morden steht nun die seit gut sechs Monaten vom Erdboden verschwundene Diana Morris, deren Schwester Sheila sich vom staubigen Alabama in den Big Apple begeben hat, um sich über diesen Sachverhalt von einem Polizeikommisaren aufklären zu lassen. Laut der Nachbarin Dianas soll diese in seltsamen Kreisen rund um einen Jonas verkehrt sein, welcher der Leiter einer obskuren Sekte ist, welche sich allen Zwängen der Zivilisation entsagt. In der Tasche des Asiaten, welcher nach seinem dritten Attentat bei der Flucht schnell Bekanntschaft mit einem Lastwagen schloss, fand die Polente zudem einen Super 8-Film der so grauslige Rituale, denen übrigens auch Sheilas Schwesterchen beiwohnt, zeigt, dass diese selbst der von Sheila hinzugezogene Professor diese nicht kennt. Potzblitz. Da braucht man also einen anderen Experten und das am besten vor Ort. Denn immerhin konnte ihr der grauhaarige und um ein seriöses Auftreten bemühte Herr noch dabei helfen, den ungefähren Aufenthaltsort von diesem Jonas ausfindig zu machen.

Die ganze Sause nimmt dann erst irgendwo im tiefsten Neuguinea, dort wird die Sekte um den Prediger vermutet, so richtig an Fahrt auf. Sheila sichert sich die Dienste von Mark, einem vor einigen Jahren aus dem Vietnamkrieg desertierten Amerikaner, welcher sie sicher durch den Dschungel geleiten soll. Der Herr mit Hang zu Whiskey, der erst mit einer größeren Geldsumme überredet werden konnte, sich mit der blonden Dame in das wilde, beinahe unerforschte Unterholz zu  schlagen, ist dann auch bald der Retter in der Not, als man in einem Dorf ankommt und dort einen zwielichtigen Alten antrifft. Nach kurzem Disput hilft der dem Duo mit Proviant, einem Kanu sowie zwei Führern aus, welche für eine fast reibungslose Reise durch die Wildnis garantieren sollen. Als Kenner des Subgenres weiß man allerdings, dass sowas wirklich nie reibungslos von statten geht. Erst macht man die Bekanntschaft mit einem Alligator, kentert und trifft im Dschungel auch schon bald auf die ersten Menschenfresser. Bei der Flucht vor diesen trifft man allerdings auch Anhänger von Jonas. Diese geleiten Mark und Sheila auch in ihr Dorf, in dem man nicht nur auf den irren, mit diktatorischen Zügen ausgestatteten Prediger, sondern auch auf Diana trifft. Doch auch hier sind Konflikte vorprogrammiert. Mit Jonas ist nicht gut Kirschen essen, er führt seine Sekte mit harter Hand, versucht Sheila in seine Griffel zu bekommen, während sie ja eigentlich mit Mark zusammen Diana aus den Fängen dieser religiös komplett zugenebelten Gemeinde zu befreien. Man kann sich vorstellen, das in der grünen Hölle noch ordentlich die Lutzie abgeht.

In der Tat macht Lenzi mit seinem Werk ja keine Gefangene und drückt ordentlich auf die Tube. Längen sind in Lebendig gefressen keine auszumachen, dafür ist diese Chose ziemlich straight umgesetzt. Schon der Epilog mit den drei vom Asiaten verübten Morde kann schon für so manche Erheiterung beim Zuschauer sorgen, so schön hat man noch nie irgendwelche Darsteller abnippeln sehen. Großer Sport, noch größeres Overacting. Auch wenn die drei vom Pfeil getroffenen Mimen nicht wirklich bekannte Gesichter sind, so hat Herr Lenzi doch einige bekannte Namen vor der Kamera versammeln können. Ein kleiner Coup dabei ist die Mitwirkung von Robert Kerman. Der hat im gleichen Jahr im schon angesprochenen Cannibal Holocaust mitgewirkt. Seine weibliche Partnerin ist die ebenfalls recht bekannte Genredarstellerin Janet Agren, deren bekanntester Film wohl immer noch der Fulci-Splatter Ein Zombie hing am Glockenseil (1980) sein dürfte. Mit zwei weiteren Darstellern kann Lenzi sogar noch eine Brücke zu seinem Mondo Cannibale schlagen, da diese schon dort mit von der Partie waren: einerseits der charismatische Ivan Rassimov, andererseits die burmesische Darstellerin Me Me Lai, die seit dem Kannibalenerstling ein kleines Abonnement auf Rollen in den Fressfilmen italienischer Machart zu haben schien. Und wie sie sich alle anstrengen... Eine Pracht ist das! Blondchen Janet darf Aufgrund ihres so braven und zivilisierten Auftretens der Rolle die meiste Zeit über durch die Tücken des harten Lebens im Dschungel so richtig schön leiden. Da werden Augen weit aufgerissen, geschrien und die Beine in die Hand genommen. Während des Aufenthalts in der Sekte darf sie sich auch gerne mal etwas zugedröhnt geben, da der gute Jonas versucht, sie gefügig zu machen. Dabei denkt sich Lenzi für Frau Agren bzw. deren Figur Sheila Dschungelprüfungen aus, auf die RTL für ihre C-Promi-Eventshow niemals kommen würde.

Was Frau Agren nun etwas zu arg auslebt, kaschiert Robert Kerman bestens. Er ist ein durch und durch cooler Held, ein rauher Kerl mit harter Schale. In so einem unnachgiebigen, grausamen Stück Film ist da nur konsequent, den eventuell vorhandenen weichen Kern dieser Figur gar nicht erst anzudeuten. Dieser Mark ist männlicher als alle anderen damals so bekannten kernigen Filmhelden, und da war Chuck Norris zudem auch noch ein kleines Licht. Der Kerl scheint ja geradezu nur aus in Testosteron eingelegtem Fleisch, durchzogen mit einer Extraportion Samenstränge, zu bestehen. Er säuft, er ist zu Beginn Teilnehmer an Armdrück-Wettkämpfen, ein Ex-Soldat, ganz und gar von sich überzeugt, strahlt Erfahrung aus, weiß in jeder Lebenslage einen Weg, also ein ganz clever Kerlchen und darf - wie sollte es anders sein - natürlich auch mit Sheila mausen! Die Männlichkeit der Figur wird in der deutschen Fassung zusätzlich dadurch unterstrichen, dass sie von Klaus Kindler, der deutschen Stimme von Clint "Dirty Harry" Eastwood, gesprochen wird. Lässig und locker steht, liegt und läuft Kerman nun durch die Szenerie, dass es in seinen Parts förmlich Eiswürfel aus der Glotze regnen könnte. Scheint er der Blueprint für den modernen Typus der "coolen Sau" zu sein? Na gut, vor ihm gab es ja auch Darsteller wie Steve McQueen oder James Dean, die man ja auch so titulieren kann. Nur Lenzi verleiht dieser Figur in seinem Buch ja schon fast den Status der ultimativen coolen Sau. Ein vollkommen überzogener Charakter in einem - wie sollte es auch anders sein - überzogenen Film.

Glänzen kann da schon eher Ivan Rassimov. Der leider schon verblichene Mime ist sowieso eine wahre Bereicherung für jeden Film und so gibt er hier einen Jonas, der - trotz aller angeblicher Frömmigkeit - wahrlich diabolisch rüberkommt. Allein nur schon dieser durchtriebene Blick, den er aufsetzt, kann den Wahnsinn dieser Figur wunderbar rüberbringen. Kleines Manko dabei ist, dass Rassimov ja schon fast zu wenig Zeit im Film bekommt. Eine Schande ist das, wo sich der kroatisch-stämmige Darsteller von seiner besten und somit bösesten Seite zeigen kann. Wenn er mit dabei ist, könnte man sich ja schon fast vor Dank schon mal in seine Richtung verbeugen, so gut macht er seine Sache. Mit dieser ganzen Geschichte um Jonas und dessen Sekte gibt Lenzi seinem Lebendig gefressen zudem eine sehr frische, eigenständige Note, die den Film wie Cannibal Holocaust von den anderen Werken aus dieser Schublade abhebt. Er kommt zwar nicht Ansatzweise in die Nähe von Deodatos Überwerk, doch es ist eben eine gewisse Andersartigkeit, die ihm gut zu Gesicht bekommt. Schließlich kann Lenzi hier auch noch klasse üben, wie das so ist, wenn man Sozialkritik in seine Filme einbaut. Religiöser Fanatismus, blinder Gehorsam der Masse, Manipulation und Machtmissbrauch. Heiße Eisen, komplexe Themen. Herrlich in eine Exploitationsuppe geschmissen und dabei so schlampig verarbeitet, dass es ja schon fast wieder Spaß macht. Wobei man hier etwas zu hart mit der Sache ins Gericht geht. Die Ansätze sind da, erspür- und nachvollziehbar, doch in die Tiefe kann das hier einfach nicht gehen. Dafür richtet das Buch sein Augenmerk doch viel mehr auf eine Nonstop-Actionshow, die man auch geboten bekommt.

Ständig passiert irgendwas und wenn dann doch fast sowas wie Leerlauf aufkommt dann greift Lenzi, leider wie auch so viele andere Kollegen, zum leidigen Thema Tiersnuff. Reale Tötungen wehrloser Kreaturen vor laufender Kamera: ein selbst heute noch in der Szene sehr polarisierendes Thema, worauf der Kannibalenfilm von vielen deswegen auch gemieden, sogar boykottiert wird. Sicherlich ist dies nicht unterstützenswert und verachtenswürdig, doch diese Filme entstanden zu einer Zeit, wo man allerdings noch nichts von sowas wie "Roten Listen" wusste, Tierschutz in den Kinderschuhen steckte und man mit vielem lockerer und ungezwungener umging. Es sind Relikte aus einer vergangenen Zeit und man sollte sich vor Augen führen, dass sowas heute nicht mehr möglich ist. Wenigstens greift man hier noch nicht ganz so oft darauf zurück, anders als in Lenzis einem Jahr später entstandenem Die Rache der Kannibalen. Man hält sich - soweit man das bei so einem heiklen Thema sagen kann - weitestgehend zurück und man montierte sogar eine Szene aus Sergio Martinos Die weiße Göttin der Kannibalen in den Film. Zimperlich ist man trotzdem nicht. In ärgster Weise dürfen die Kannibalen ihrem Werk fröhnen und somit den Hunger stillen. Dabei fällt auf das die meisten Opfer weiblichen Geschlechts sind und mit diesen ganz besonders unbarmherzig umgegangen wird. Einer Mahlzeit wird da sogar die Brust abgeschnitten und dann genüsslich verzehrt. Feministinnen hätten an dem Film sowieso keine Freude. Menschen mit Hang zu einer logisch und sorgfältig aufgebauten Story übrigens auch nicht.

Gerade aber diese Konstruiertheit und die daraus resultierende, schamlose Montage verschiedenster Versatzstücke macht den im Original Mangiati vivi! betitelten Film so herzerfrischend toll. Man kann ihn roh und ungeschliffen nennen. Ein ungehobeltes Stück auf Zelluloid gebannten Wahnsinns, der knietief in der Exploitation watet, daraus auch nie einen Hehl macht und sich wie die wilden auch unglaublich primitiv gibt. Doch auch die niederen Instinkte dürfen hier und da mal befriedigt werden und durch den kleinen Hauch eines Versuchs von Sozialkritik und etwas Anspruch in so etwas hineinzubekommen, schafft das Lebendig gefressen auch wirklich ganz gut. Action, Horror, Abenteuer - soviele Genre kommen hier zum Zug, da wurde wohl auch Lenzi vielleicht hier und da mal schwindelig beim Verfassen des Scripts. Teils ist der Film etwas holprig, gerade bei manchen übergängen in der Story. Es ist zu verschmerzen. Dafür schwelgt man hier in vielen Übertreibungen und versucht die gesamte Sparte des Kannibalenfilms auf die Spitze zu treiben. Dank Cannibal Holocaust ist dies zwar nicht ganz gelungen, aber manches funktioniert doch wirklich gut. Trashige Unglaublichkeiten machen Lebendig gefressen zu wirklich ganz großen Sport, den es zu begutachten gilt. Wo sonst hat man schon mal so eine filmische Schlachtplatte die versucht mit Kritik an Fanatismus im religiösen Bereich und an einigen auch damals schon aktiven Sekten zu koketieren? Lenzi konnte - gerade in seiner Poliziotteschi-Phase noch weitaus bessere Filme drehen - doch auch schon seine Kannnibalenepen können in gewisser Weise echt gut unterhalten. Lebendig gefressen kann dies durchaus.


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