16. August 2017

Too Beautiful To Die

Kalt. Glatt. Auf Hochglanz poliert. Hübsche Fassaden, deren trügerische Makellosigkeit ein tiefes Loch verbergen und von dessen Leere ablenken. Reich, schön, abgrundtief oberflächlich. Bret Easton Ellis' Roman American Psycho sowie die Jahre später erschienene Verfilmung des Skandalbuchs zeigen in beißendem Ton die ikonische Banalität der 80er Jahre innerhalb der High Society mit all' dem reichen Volk, die vor Schönheit, aber weniger vor Tiefgang strotzen. In Italien versuchte man filmisch mit dem hier bereits besprochenen Nothing Underneath die im Giallo ohnehin beliebte Modelszene heranzuziehen um innerhalb der lauen Thrillerstory ihre Praktiken und deren Oberflächlichkeit anzuprangern. Egal auf welcher Ebene: Carlo Vanzinas Film scheitert kläglich.

Alles bleibt zu vage. Weder als Kriminalstück, noch als funktionierender, fiktiver Bewegtbildpranger mag Nothing Underneath funktionieren. Der zweideutige Titel gibt gleichzeitig Auskunft darüber, warum sein Ansinnen scheitert: an der eigenen Oberflächlichkeit, die den Film schnell als gescheiterten Versuch einer beiläufig auch Kritik üben wollenden Neo-Giallo-Schmach identifizieren lässt. Anders ist da die drei Jahre später entstandene Fortsetzung. Bis auf den Originaltitel haben die Filme glücklicherweise nichts gemeinsam: Too Beautiful To Die ist eine ganze Spur konkreter. Der englische Titel ist ein erster Hinweis auf den streckenweise dezent zynischen Unterton, mit dem der Film arbeitet. Obwohl er sich typischer Klischees über die Modewelt, welche wieder als Schauplatz der Handlung auserkoren wurde, bedient.

Eine Vergewaltigung eines Models ist der Auftakt einer Mordserie am Set eines Musikvideo-Drehs. Die von Regisseur Alex auserkorene Sylvia soll der Blickfang und Star des Videos werden, doch nach ihrer Vergewaltigung auf der Privatparty eines reichen Geschäftsmannes wird sie von der Polizei am Tag darauf tot aus dem verunfallten Wagen ihres Agenten gezogen. Komplett verkohlt. Die auf der Party anwesenden, anderen Mädchen, Tänzer- bzw. Modelkolleginnen von Sylvia, müssen für ihr Schweigen mit dem Leben bezahlen. Nach und nach werden sie mit einem mehrschneidigem Messer, einem speziellen Requisit für den Videodreh, umgebracht. Auch die für Sylvia nachgerückte Lauren, welche eine Affäre mit Regisseur Alex anfängt, muss deswegen um ihr Leben fürchten.

Verspricht dies eigentlich einen geradlinigen Film mit konkretem Ziel, sieht es praktisch etwas anders aus. Im narrativen Aufbau und der Steigerung hin zum typischen Giallo lässt sich Too Beautiful To Die Zeit. Getreu der bewährten Maxime der italienischen Filmindustrie, mit einem Film ruhig mehrere aktuelle Strömungen zu verarbeiten, baut das Drehbuch die Grundsituation für die Giallo-Gaudi aus den späten 80ern schnell auf, aber bis aus Too Beautiful To Die ein richtiger Thriller wird, dauert es. Es überrascht, dass Regisseur Dario Piana nach gerade drei oder vier Szenen, mit denen er die Ausgangslage für seinen Thriller schafft, die Geschwindigkeit so stark drosselt und seinen Fokus mit manchmal unnötigem Geplänkel verstellt. Der Gedanke, sich den Figuren und den Machenschaften in der Modelszene zu widmen ist löblich, kommt aber nicht über schnödes Soap-Opera-Niveau hinaus.

Ein großes Glück für den Film ist, dass Regisseur Piana eigentlich aus der Werbung kommt. Die durchstilisierte Optik von Too Beautiful To Die kann zum Ersten schön von einigen Belanglosigkeiten ablenken bzw. diese aufhübschen und zum Zweiten ergibt sich damit eine vielleicht gar nicht mal gewollte Raffinesse des Films. Wenn Lauren als Ersatz für die getötete Sylvia bei deren Mitbewohnerin Leslie einzieht und in wenigen Szenen deren sich aufbauende Freundschaft gezeigt wird, erinnert das an eine im Werbefernsehen dargestellte heile Welt. Stilecht mit passendem 80er-Pop unterlegt. Wenn dann noch Toto mit ihrem Kuschelrocker "I Won't Hold You Back" eine Liebesszene zwischen Lauren und Alex untermalen, die im Stil entfernt an Erotikschmachthits wie Adrian Lynes 9 1/2 Wochen erinnert, hat der Film eine filmische Welt aufgebaut, die hinterher wortwörtlich zerschnitten wird. Wenn sich Piana auf die Absicht einen Giallo zu erzählen zurückbesinnt, stolpert er manchmal am angezogenen Erzähltempo. Es scheint, als wäre auch ihm bewusst, dass wertvolle Filmminuten vergeudet wurden.

Komplett gesehen, geht das Style Over Substance-Konzept des Films schön auf. In dieser zweiten Hälfte schaffen die durchgestylten Bilder und einige tolle Kamerafahrten ebenfalls, Schwächen zu kaschieren. Bis zu seinem Finale spult der Film solide inszenierte Thrillerkost ab, bei dem man trotz einigen bekannten Giallo-Elementen merkt, dass die Macher auch immer darauf achten, dass das eigene Produkt international gut vermarktbar ist und nicht zu italienisch wirkt. Dieser Spagat gelingt Piana einigermaßen, auch wenn Too Beautiful To Die seine Herkunft nie komplett verleugnen kann. Spätestens beim knalligen Finale, mit seiner konstruierten Auflösung stellt sich das bekannte Feeling eines Giallos wieder ein. Hier wird der Film auch am bösesten, zeigt er doch durch eine Äußerung des enttarnten Mörders, wie selbst heute noch das Business funktioniert. Die vor die Kamera gezogenen, unschuldigen Geschöpfe werden für die Zwecke ihrer Lenker so lange missbraucht, bis sie weggeworfen und ausgetauscht werden. Obwohl sie zu schön sind, müssen sie symbolisch den (Karriere-)Tod und im Falle von Too Beautiful To Die diesen auch wortwörtlich sterben. Hier funktioniert auch das Benutzen der eigenen Oberflächlichkeit als Metaebene für die eigene Geschichte besser als bei Nothing Underneath. Der Zynismus, der den einfach gezeichneten, streckenweise gut funktionierenden (weil unsympathischen) Figuren aus der Mode- und Geschäftswelt in den Mund gelegt wird, funktioniert. In Verbindung mit der Optik des Films ist Too Beautiful To Die zwar weder ein komplett tiefschürfender, sozialkritischer, noch ein überspannender, aber ein interessanter und gut verpackter Neo Giallo aus den späten 80ern.

9. August 2017

Gallows - Jede Schule hat ein Geheimnis

Ein Henker geht um. Von hünenhafter Gestalt, mit mittelalterlicher Gewandung und einem Galgenstrick in der Hand jagt er vier Jugendliche durch dunkle Gänge ihrer Schule. Dieser einzelne Satz reicht beinahe aus, um die (Grund-)Geschichte von The Gallows zu erzählen. Anders als der Henker, welcher seinen Strick effektiv einzusetzen weiß, sind die Jugendlichen mit Kameras bewaffnet: ein Camcorder und ein Smartphone sind auserkoren, das Schicksal von Reese, Pfeifer, Ryan und Cassidy einzufangen. Im Prolog des Films sehen wir ein schreckliches Ereignis, welches sich vor mehr als zwanzig Jahren ereignete. Der Zuschauer sieht dies als Ausschnitt, aufgefangen von einem alten Camcorder. Während einer Schulaufführung des Theaterstücks "The Gallows" löst sich auf dem Galgen auf der Bühne die Falltür und der Hauptdarsteller wird vor den Augen von Mitschülern und Eltern unfreiwillig gehängt. Der tragische Unfall führt dazu, dass das Stück fortan nicht mehr an der Schule aufgeführt wird.

Sinnbildlich zieht sich die Schlinge auch für den Found Footage-Horrorfilm zu. So richtig Schwung kommt nicht mehr in das Genre und wirklich meisterliche Genrebeiträge wie [REC] oder Cloverfield haben einige Jahre auf dem Buckel. Auch Projekte wie die V/H/S-Reihe, deren Filme zwar nicht perfekt, aber interessant aufgezogen sind, fehlen. Es bleiben Einträge wie der leicht überdurchschnittliche und doch schnell vergessene Katakomben, die unnötige Fortsetzung Blair Witch oder der weitestgehend mit schlechten Kritiken (und einem fürchterlichen deutschen Untertitel) versehene Gallows. Ein oder zwei weitere Flops mehr werden dem Subgenre zumindest auf großer Studiobühne das Genick brechen. Bis auf den gemeinsamen Plan, Nachts in die Schule einzubrechen um die Kulissen für die anstehende Aufführung des Theaterstücks The Gallows zu zerstören, damit der schauspielerisch wenig begabte Reese sich nicht blamieren muss, erfahren wir wenig von den Protagonisten. Auf der anderen Seite ist Pfeifer, heimlicher Schwarm von Reese, für die dieser überhaupt erst den Football sausen ließ und sich dem Amateur-Theater widmete. Eine kaputte, nicht verschließbare Tür verschafft ihnen Eintritt ins Gebäude, doch werden sie während ihrer Zerstörungswut von Pfeifer erwischt.

Der aufkommende Streit unter den Jugendlichen wird schnell vergessen, als sie bemerken, dass sie nicht mehr aus dem Schulgebäude rauskommen. Selbst die kaputte Türe ist plötzlich abgeschlossen. Alles weitere ist nicht mehr groß erwähnenswert. Gallows spult mit einem kleinen Gespür für Atmosphäre gängige Horrorfilmmuster ab und präsentiert uns dabei ansehnliche junge Menschen, die in vorhersehbare Szenarien geworfen werden. Für den Moment gruselt es; einen Augenschlag später herrscht das übliche Gewimmel auf der Leinwand, wie man es von auf ein jugendliches Publikum zugeschnittenen Horrorfilmen kennt. Da werden die zur Seite geschobenen Konflikte vom Anfang wieder rausgeholt, ad acta gelegt für einen weiteren Schockeffekt der dazu führt, dass die vier Hauptfiguren panisch durch das Schulgebäude rennen. In jugendliche Angst gepackte, panisch hin und her schwankende Kamerabilder konnten allerdings schon in Blair Witch Project keine Schockzustände hervorbringen. Den Umgang mit diesen speziellen Regeln des Found Footage, den Film narrativ gut voranzubringen und ihm den Charakter eines bruchstückhaften Homevideos, einer nebenher mitgefilmten Chronik des Schreckens zu verbinden, schaffen nicht viele.

Gallows ist da eben weniger mutig, mehr durchkalkuliert und durch und durch Mainstream. Die besten Szenen gibt es in der ersten Hälfte, wenn die ersten seltsamen Geschehnisse den Protagonisten beinahe verborgen bleiben, oder sie sich die bewusst erlebten Dinge nicht erklären können. Doch dem amerikanischen Publikum muss man leider wohl alles vorkauen, zeigen und all' die unerklärlichen Dinge begreiflich machen. Szenen werden wiederholt aus anderer Perspektive, von einer anderen Quelle gefilmt, wiederholt und das zuerst nicht sichtbare, was den Reiz des Schreckens ausmachte, vor die Kamera gezerrt. Found Footage ist auch Aussparung, weil hier gerade eben nicht überall am Geschehen gefilmt werden kann. Gallows ist durch diesen Quellen-/Kamerawechsel - zu Beginn mit einer Einblendung erklärt, dass wir Beweismaterial der Polizei sehen - viel zu filmisch in diesen Momenten. Der ach so "schlaue" Kniff der Autoren, dem tumben US-Publikum hier den Erklärbär, getarnt als zwei Videoquellen, unterzuschieben, schlägt fehl. Als die zuerst unsichtbare Gefahrenquelle in Gestalt eines Henkers materialisiert, wirkt der Film darüberhinaus unentschlossen. Dem übernatürlichen Treiben weichen Szenen, wie man sie aus Slashern kennt.

Da entpuppt sich der Film als durchkonzipierter Durchschnitt, darauf ausgelegt, einem halb aufs Handy, halb auf die Leinwand schielende Teeniepublikum einige knallende, schockende Momente um die Ohren zu hauen und gleichzeitig bei genügend Erfolg ein etwaiges Horror-Franchise aufzubauen. Den schlechten Kritiken und den mauen Einspielergebnissen sei Dank, dass Gallows (wahrscheinlich) nicht in Serie geht. Es wäre ein Franchise unter vielen, wie der Ursprungsfilm ohne eigene Seele, ohne komplett interessante Hintergrundgeschichte, ohne wirkliche packenden Szene und ohne das Gefühl, dass man trotz aller Austauschbarkeit sich wenigstens gut unterhalten gefühlt hat. An flache Figuren, die so austauschbar sind wie ein 10er-Pack Socken oder Schlüpfer eines Textildiscounters, hat sich der Horrorfilmfan über die Jahre gewöhnt. Sicher auch an wenig innovative Handlungen. Die wenigsten dürften einem so durchkalkulierten, wenig eigenständigen Film etwas abgewinnen. Bis auf die ordentliche erste Hälfte und einem ebenfalls absehbaren, aber in seiner ganzen eigenartigen Darstellung schön seltsamen Ende ist Gallows die Art von Horror, der so schnell aus den Köpfen des Zuschauers verschwindet wie er aus den Kinos verschwand.

6. August 2017

Nothing Underneath

Schönheit ist vergänglich. Mit dem Alter verblasst sie; mal schneller, mal langsamer. Schönheit ist trügerisch. Unter der betörenden Hülle kann sich trotzdem schlechtes verbergen. Die Manipulation der Schönheit mittels Bildverfremdung bzw. -bearbeitung ist seit vielen Jahren eine gängige Praxi in der Modebranche, um auch den letzten Makel seiner Mannequins zu eliminieren. Unter dieser so angeblich makellosen Hülle, dieser Oberflächlichkeit, verbirgt sich so manches mal genau: nichts. Der (Hoch-)Glanz dieser Schönheit blendet. Er lenkt ab. Hinter seiner hauchdünnen Hülle kann dieses Nichts immer noch hindurchschimmern. Das die Modebranche mehr Schein als Sein ist und sie mit diesen Gedankengängen assoziiert wird, ist nichts neues. Es ist gängiges Denken in der Gesellschaft. Die Schönen mit ihren extravaganten Kleidern faszinieren trotzdem genug Menschen.

Schönheit kann auch ein schnelllebiges Geschäft sein, trotz aller Mittel oder operativen Eingriffen die der Mensch benutzt, um diese zu erhalten. Der Mensch als Ware, als ein hübscher, lebendiger Moment, der selbst auf Bild oder im Film eingefangen, schneller vergehen kann wie gewünscht. Es sind Gedanken über eine Welt der Schönen, der Reichen und mancher Existenzen, die dies gerne wären, es ihnen aber nicht gelingt, das zu erreichen. Solche Gedankenspiele würde auch gerne Carlo Vanzinas Nothing Underneath dem Zuschauer näherbringen. Der Titel ist schön zweideutig. Tragen die hier gezeigten Mannequins tatsächlich selten etwas unter den teuren und extravagant designten Kleidern. Gleichzeitig steht er eben für die so schöne Oberflächlichkeit in der Modewelt. Leider ist hier der Name auch Programm.

Der 1985 entstandene Neo Giallo ist ganz Kind der 80er mit ihrem kühlen, durchstilisierten Look. Alles ist hell, klar, stark leuchtend und auf Hochglanz poliert. An einigen Stellen erscheint Nothing Underneath auch visuell so bieder wie es seine Geschichte ist. Doch dank der vom optischen Standpunkt her gut ausgesuchten Damen und einem aufblitzenden Gespür für leicht elegante Modefotografie sowie meist gute Kameraeinstellungen kann der lose auf einem Roman basierende Film meistgehend überzeugen. Weit weniger ist dies der Fall bei der Geschichte um den im Yellowstone Nationalpark arbeitenden Bob, welcher sich flugs nach Mailand aufmacht, als er durch eine Vision fest davon überzeugt ist, dass seine Zwillingsschwester Jessica in Gefahr ist. Diese findet er in der italienischen Modestadt Nr. 1 jedoch nicht vor. Sie gilt als verschollen und der von Bob hinzugezogene Kommissar Danesi zweifelt an Bobs Erklärungen, dass er ihren Tod vor geistigem Auge gesehen hat. Danesi wird erst dann aktiv, als plötzlich eine Modelkollegin von Bobs Schwester tot aufgefunden wird und versucht zusammen mit dem jungen Ranger, den Mörder und dessen Schwester zu finden.

Der mit leichten, übernatürlichen Elementen angereicherte Krimiplot entpuppt sich schnell als ein sehr konventionelles Stück, welches ohne große Kniffe oder Wendungen auszukommen versucht. Sicher will man genretypisch die Auflösung mit einem großen Knall präsentieren, doch die simple Geschichte schafft es nicht wie andere Gialli, viele Verdächtige oder falsche Fährten zu zeigen. Weder komplex oder wenigstens kompliziert und chaotisch erzählt, ist Nothing Underneath schnell durchschaubar. Es ist, als wäre Regisseur Carlo Vanzina, Sohn der Regielegende Stefano "Steno" Vanzina, selbst von der Schönheit seiner Darsteller und der Modewelt geblendet. Inszenatorisches Geschick ist ihm in diesem Falle nicht gegönnt. Vanzinas Werk wandelt keineswegs so elegant über die Genrebühne wie seine großen Vorbilder. Die Handlung gibt sich schwerfällig, Vanzina scheint überhaupt niemals richtig zu wissen, was er mit dem gewissen Potenzial seines Filmes anfangen soll. All diese Planlosigkeit führt dazu, dass Nothing Underneath zu einem spannungsarmen Giallo verkommt.

Die hübsche Optik alleine hilft nicht. Schönheit alleine reicht nicht. Style over Substance; aber die Substanz ist dünn und kaum vorhanden. Ein weiterer Punkt des Versagens: der Film hätte eine nicht vorhandene Metaebene erreichen können, in der seine Oberflächlichkeit eine ironische Verknüpfung mit den gängigen Klischees der von ihm auserkorenen Szene geworden wäre. Im besten Falle eine hintergründig bösartige Abrechnung mit dieser oder wie Mario Bavas Blutige Seide ein fesselndes Thrillerspektakel mit überbordernder Optik. Leider scheitert Vanzina daran und kann in keinster Weise überzeugen. So ist die leichte Schönheit des Films trotz ihrer stetig existierenden Abrufbarkeit durch Medien wie DVD oder Blu Ray schnell in der Erinnerung des Zuschauers verblichen. Einzig und allein die Erkenntnis, dass unter all' der hübschen Oberfläche nichts weiter als aufgehübschter aber langweiliger Kriminaleinheitsquatsch steckt, bleibt bestehen.

23. Juli 2017

Night of the Living Dead (1990)

Und dann wird genagelt. Bretter, Türen, Tische und anderes hölzernes Mobiliar. Es wird gehämmert. Wieder genagelt. Die Fugen der Welt lösen sich auf, eine Gruppe von Menschen, die sich vorher nicht kannten, pferchen sich auf engem Raum zusammen und versuchen, sich vor der von draußen nach innen vordringenden, langsamen Gefahr zu verstecken. Nochmal panisches Nageln. Wird irgendwo eines der hastig an die Wand geschlagenen Bretter herausgedrückt, wird der untote Invasor hastig in den zweiten Tod oder wenigstens nach draußen geschickt. Sieh mal, wer da hämmert: Ben. Barbara. Harry. Tom. Judy Rose. Nur im Keller drunten, da warten Helen auf Rettung und Sarah auf ihre Auferstehung. Sie kommen um sie zu holen. Alle. Nur nicht Barbara.

Alles begann 1968, als der vor kurzem leider verstorbene George A. Romero zum Vater einer Schreckensfigur wurde. Ohne ihn gäbe es den Zombie, wie wir ihn heute aus vielen verschiedenen popkulturellen Werken kennen, nicht. Vorher gab es da nur den Arbeitssklaven, den künstlich in einen Scheintod geschickten Menschen, der willensleer die Befehle seiner Herren ausführte. Herbeigeführt durch geheime Voodoo-Rituale. Romero und Co-Autor John Russo erfanden ihn neu. Das bahnbrechende Make Over manifestierte sich komplett beim Kinopublikum, als der cinematografische Himmel zehn Jahre später blutig rot dämmerte. Mit Dawn of the Dead wankte der Untote ins Blickfeld der kollektiven Wahrnehmung und stürmte den Genrefilm. Selbst heute fasziniert uns das Bild der apokalyptischen Untotenauferstehnung in Film- oder mittlerweile auch Serienform.

Gut zwanzig Jahre später ließ Tom Savini Die Nacht der lebenden Toten wieder auferleben. Dieses Mal fahren Barbara und ihr Bruder Johnny in Farbe zum Friedhof, um das Grab der toten Mutter zu besuchen. Johnny gibt seinen zum Kult gewordenen, prophetischen Satz zum Besten, doch der langsam im Hintergrund wankende Mann erfreut sich anders als 1968 des Lebens. Der untote Schrecken bricht dennoch über die Geschwister herein. Barbaras Flucht im Wagen endet bei einem Haus, einer sicher geglaubten Zuflucht. Neben einigen lebenden Toten trifft hier auch Ben ein. Ebenfalls prophetischer Natur lässt Savini das Brecheisen bei Tony Todds erstem Auftritt in dessen Hand wie ein Haken aussehen, den der Mime ein Jahr später in Candyman als Substitut für eine fehlende Hand trug. Sie erwehren sich der Untoten als auch des feigen wie laut polternden Henry, der sich mit seiner Familie und überlebenden Bewohnern des Hauses in den Keller flüchtete.

Es wird diskutiert. Es wird gestritten. Es wird gehämmert. Es wird genagelt. Die Figuren im Haus verschanzen sich vor den Untoten wie das Drehbuch vor neuen Aspekten der Geschichte. Leichte Abwandlungen und Neuansätze weichen einer reiner visuell erneuerten Erzählung der originalen Story. Die Krux daran ist die mangelnde Finesse, die das Drehbuch wie Savini besitzen, um hier wie damals Romero alleine mit dem Konflikt zwischen Ben und Henry Spannung zu erzeugen. Es wird laut gestritten und nach lauter genagelt. Schier endlos erscheinendes Verschanzen der Figuren mit wiederholten Eingriffen der Zombies lässt das Remake unangenehm auf der Stelle treten. Erst der schiefgehende Fluchtversuch lässt Night Of The Living Dead wortwörtlich explodieren. Savini, Romeros Handlanger Nr. 1 bei den Effekten für Dawn Of The Dead und Day Of The Dead, werden damit die falschen Ambitionen weggesprengt. Spürbar blitzt sein wahres Talent bei den Actionszenen auf, die ordentlich inszeniert Spannung aufkommen lassen.

Savini nimmt ab der zweiten Hälfte des Film selbst im Regiestuhl seinen Hauptberuf des Maskenbildners wieder auf. Den zwanzig Jahren alten Grundmauern von Romeros Schöpfung verpasst er einen Anstrich, ohne vollkommen das ursprüngliche Aussehen zu vergessen. Der Kampf im Inneren findet dieses mal woanders ab. Der Zeit wird Rechnung getragen, die unterschwellige Kritik am Vietnamkrieg und das kammerspielartigen Rassismusdrama weichen der Emanzipierung der weiblichen Hauptfigur. Ging diese 1968 noch in der Masse der Untoten unter, wandelt sich Barbara von einer verschreckten, wenig selbstbewussten Frau zum toughen Final Girl. Sie wächst über sich hinaus bis sie im Finale Legislative, Judikative und Exekutive in einem wird. Rein optisch wird dies mit einer biederen Kurzhaarfrisur und einem maskulin vor sich hinstrahlendem Tanktop aus der neuen Kollektion Ellen Ripleys unterstrichen.

Die weibliche Emanzipierung der Protagonistin erreicht nicht die Tiefe, in die Romeros Metadramen in seinem Horrorfilm hervordrangen. Tom Savini gelingt dafür ein weitgehend unterhaltendes Remake über dessen Sinn lange diskutiert werden kann. Bedarf es bei einem Klassiker wie Night Of The Living Dead - bei dem selbst eine Jahre später angefertigte, nachkolorierte Fassung einer Frevelei gleichkommt - einer Neuverfilmung? Eigentlich nicht. Nun wurde sie eben vor mittlerweile gut 27 Jahren produziert, mit dem Regisseur des Originals unter den Produzenten. Romero war nie so wirklich glücklich mit dem (moralisch durchaus fragwürdigen, wie auch nachvollziehbarem) Finale. Mit dem kompletten Film kann man durchaus zufrieden sein. Sei es eben wegen der interessanten Entwicklung seiner Figuren, allen voran Barbara, oder den tollen Zombiemasken oder dem zurückhaltenden Gewaltfaktor, der einer Gratwanderung zwischen Gorefest und alter Schule gleichkommt.




4. Juli 2017

The Void

Der Wahnsinn ist in der Welt, die The Void zeichnet, überall anzutreffen. Gewalttätig bricht er über den Zuschauer und die Protagonisten herein. Zu Beginn wird ein Pärchen von zwei bewaffneten Männern in einer Hütte irgendwo in der Nähe eines Waldes verfolgt. Die Kamera ist Nahe am Geschehen. Beiläufig zeigt sie erste Anzeichen des der Geschichte innewohnenden Irr- und Wahnsinns. In besagter Hütte liegt, beinahe unbemerkt, eine Leiche. Die Eruption folgt auf dem Fuß: während es der männliche Teil des Paares schafft, vor den Verfolgern zu flüchten, wird der weibliche Teil vom Wahnsinn ihrer Verfolger gepackt. Hinterrücks. Von einer Ladung Schrot, während im nächsten und finalen Schritt die Jäger mittels der Frau, einem Benzinkanister und einer brennenden Zigarette die Nacht erhellen. Die Flammen, welche die Frau verschlingen und die eiskalte Nacht kurzzeitig erleuchten, stehen für den Beginn einer kruden Tour de Force.

Es sei ein schlechter Abend, um nach Hause zu kriechen, ruft Danny dem aus dem Unterholz des Waldes auf allen Vieren herausrobbenden Mann hinzu. Der Verletzte, der Flüchtige aus der ersten Szene, wird vom Polizisten in das rudimentär besetzte und am nächsten gelegene Marsh Hospital eingeliefert. Später erzählt der Verletzte, dass er mit der eingangs getöteten Frau wahnsinnige Dinge in der Hütte mit ansehen musste. Zu diesem Zeitpunkt musste dies eine dort aus der Situation heraus zusammengewürfelte Gruppe von Menschen ebenfalls. Die aggressiven Verfolger tauchen auf und verschaffen sich Zugang zum Krankenhaus und fordern den abgekämpften, jungen Mann für sich ein. Die Situation eskaliert, Richard, Chefarzt des Krankenhauses, stirbt. Davor wurde ein Patient scheinbar grundlos von einer Krankenschwester getötet, bevor sie von Danny niedergestreckt wird. Und vor dem Krankenhaus stehen geheimnisvolle Männer mit weißen Kutten und Kapuzen, umzingeln dies und warten wie Raubtiere auf ihre in die Enge getriebene Beute und diesen einen, berühmten Fehler, den diese begeht.

Carpenter drehte 1976 Assault - Anschlag bei Nacht. Romero drehte 1968 Die Nacht der lebenden Toten. Steven Kostanski und Jeremy Gillespies The Void vereint deren beider Grundkonzept: eine Gruppe unterschiedlichster Charaktere verschanzt sich vor einer Gefahr, die vor den Toren des Gebäudes lauert. Dieses wird zu einer im ersten Moment Sicherheit spendenden Zuflucht, welcher dem Druck der von außen drohenden, gewaltsam vorgehenden Bedrohung keinen großen Widerstand leisten kann. Der sichere Unterschlupf wird zur Falle. In The Void lauert der Schrecken im Inneren. Es tritt unbemerkt über die Schwelle und bricht für die im Stress stehenden Insassen des Gebäudes erst spät offen hervor. Gefahr kann von jedem ausgehen; aus jedem/jeder herausbrechen. Der Husky aus The Thing wird hier zur Krankenschwester. Man findet in The Void auch Parallelen zu Carpenters Remake aus dem Jahr 1982. Der Schrecken hat dort ebenso viele Gesichter wie in The Void. Gewaltsam bricht er aus: für die Protagonisten unbemerkt bahnen sich schwarze, schleimige Tentakel aus den Körperöffnungen der erschossenen Krankenschwester. Später ist sie ein unförmiges, schreckenerregendes Ding, ein Monstrum für das der Mensch keine Namen finden kann.

Es ist ein Vorbote, für den losgelösten Wahnsinn, dem die Geschichte mehr und mehr Platz schafft. Eine Krankenschwester, zufällig die von Danny getrennt lebende Frau, verschwindet. Die Jäger und der Polizist treten eine Reise an. In die Kellerräume des Hospitals, in welche der wieder auferstandene Richard die Schwester entführt hat. Diesen finalen Teil des Films kann man als Abstieg in die Hölle für die Figuren des Films gleichsetzen. Gillespie und Kostanski, einer aus dem Art Department, der andere aus dem Makeup Department verschiedener Produktionen kommend, lassen ihren Film entgleiten. Selten gelingt es Regisseuren, eine ihnen durch die Finger schlüpfende Geschichte, im richtigen Moment loszulassen. Das Timing in The Void passt: just in dem Augenblick, als der Film nach starkem Auftakt droht abzuflachen, lassen sie sich fallen und reißen alles mit sich. Mit sympathischer Scheiß drauf-Attitüde und erhobenen Hauptes huldigt man ausgiebig einem weiteren persönlichen Heroen des Horrorfilms. Auftritt Lucio Fulci: wie einst in Ein Zombie hing am Glockenseil und natürlich Über dem Jenseits erheben sich halb vermoderte Körper, lebende Leichen und trachten nach dem Leben des mutigen Trios.

Noch offensiver als der Italiener kokettiert man mit Lovecraft. Namenloses Grauen, Tentakel, Schwärze, unaussprechlicher Schrecken: The Void, das neue Hit-Sammelsurium an Genrezitaten. Es ist schwer, diese nicht greifbare Bedrohung, die Lovecraft in und zwischen seine Worte packte, filmisch umzusetzen. Gillespie und Kostanski gelingt es nicht hundertprozentig. Dafür ist der surreale (Höllen)Trip durch den Krankenhauskeller nicht eben nur eine Abfolge aus Schrecken und Atmosphäre. Hier brechen auch die bisher kurz angeschnittenen Traumata der Figuren auf. Verlust. Schmerz. Tod. Die Angst vor und der Kampf gegen letzteren, wird hier zu einem kosmisch anmutenden Schrecken. Von der Seite grätschen Sektentum und Teufelsanbetung rein. Der Traum des Menschen, den Übergang auf die andere Seite zu verhindern und geliebte Menschen aus ihrem Jenseitsdasein herauszuholen, ist alt. Viele Geschichten darüber wurden aufgeschrieben oder verfilmt. The Void erscheint zuerst als krude, neunzigminüte Zitatesammlung. Ungelenk, kryptisch und zeitgleich faszinierend.

Genauer betrachtet offenbaren Gillespie und Kostanski einen surrealen wie pessimistischen Blick auf Leben wie Tod. Das nicht zu umgehende Ende allen irdischen Daseins wird übergangen. Es ist nicht tot was ewig liegt und in fremder Zeit wird selbst der Tod besiegt. Es blitzt aber auch Unsicherheit dem Leben gegenüber auf, wenn die Geburt, der Beginn allen Lebens, pervertiert dargestellt wird. Auch in dieser kann Schrecken, schlimmstenfalls der Tod liegen. The Void erzählt von Alpträumen, die aus erlebtem der Figuren resultieren. Weit von sich geschoben, werden sie nun von diesen eingeholt. Das Trauma, die Trauer als persönliche Hölle, der man sich stellen muss. Wahnsinn, manifestiert als surreale Momente und kurzen Traumsequenzen. Gipfelnd in einem Finale, bei dem plötzlich Das Tor zur Hölle aufgestoßen wird. Doch die erlangte Katharsis der Figuren ist ein Trugschluss. Wie in Fulcis großen, erwähnenswerten Horrorfilmen ist auch The Void ohne wirkliches Happy End gesegnet. Die letzte Sequenz ist eine Verbeugung vor dem Italiener, in dem man das Ende von Über dem Jenseits sehr offensichtlich adaptiert. Es sei dem Regisseurduo verziehen. Längst ist man vom in kalten Bildern und seltsam ungreifbarer Atmosphäre getauchten Film überzeugt worden, dass sich dem Wahnsinn ergeben nicht immer eine ungünstige Option ist. Selten zitierte man sich hübscher durch das Horrorgenre der vergangenen Jahrzente. Die Regisseure beherrschen etwas, was The Voids Schwächen entscheidend ausgleicht: den Mut und das Bewusstsein, einen unperfekten Film zu machen. Eine Form des Wahnsinns, der Gillespie und Kostanski innewohnt, und der vielen anderen Regisseuren fehlte, die in den letzten Jahren ebenfalls versuchten, ihre Werke vintage wirken zu lassen. Hier erging man sich in detailverliebtem, ungesunden Perfektionismus, den die Filme aus der guten alten Zeit selten anstrebten. Davor kann man nur den Hut ziehen.