Das Schwert des gelben Tigers
Eingetragen von Heiko Hartmann in Action, Martial Arts, Review am 2. Juni 2013
Scotia, damaliger Verleih, hat sich allerdings auch eine wahre Perle ausgesucht um diese Art von Film dem Publikum näher zu bringen. Immerhin ist der Film von den legendären Shaw Brothers produziert worden, deren Produktionen in ihren besten Tagen mit viel Pomp protzten und epische Schlachten zeigten. Wobei Das Schwert des Gelben Tigers nicht allzu sehr überbordend ist und eine Massenkampfszene nach der anderen zeigt. Gerade seine akzentuiert eingesetzten Kampfszenen sind ein großer Pluspunkt, die in eine an und für sich simple Geschichte eingeflochten wurden. Diese handelt vom ehrenhaften Schwertkämpfer Lei Li, welcher mit einer List vom Räuberchef in ein Duell verwickelt wird und dieses verliert. Das dumme an dieser Sache: beide haben geschworen, dass sie, falls sie verlieren, sich den Arm abtrennen und nie mehr kämpfen werden.
Li Fei ist ein Mann, der zu seinem Wort steht und entledigt sich mit seiner Klinge gleich noch am Ort des Geschehens seines Arms und hängt das Schwert an den Nagel. Er beginnt zurückgezogen in einem Gasthaus zu arbeiten, unerkannt und weitab von Kampf und Gloria. Zarte Bande wird mit Pa, Tochter des örtlichen Schmiedes, geschlossen und erst als der Schwertkämpfer Feng die Szenerie betritt, wird Li aus seinen schwermütigen Erinnerungen gerissen. Feng ist ebenfalls ein ehrenwerter Mann und durch einen Zufall erfährt er auch, wer dieser voller Gram erfüllte Kellner in dem Gasthaus ist. Sie freunden sich an aber natürlich ist auch Hung immer noch Thema. Vor allem dann, als er von der Ankunft Fengs erfährt und ihn ebenfalls mit einer List dazu zwingen will, die Finger von den Schwertern zu lassen. Er läft zu einem Fest auf seinen Sitz, der Tigerburg, ein und Feng nimmt - interessiert an den Vorgängen in diesem Räubernest, an. Was sich dort dann allerdings ereignet, zwingt sogar Li Fei wieder ans Schwert.
Zeitlich ist die Geschichte eingebettet in die Zeit des historischen Chinas und nachdem Das Schwert des gelben Tigers die Kinoklassen klingeln ließen, folgten wie bereits oben angesprochen noch einige (viele) Filme, welche in der Ming-, der Qing- oder anderen Dynastien spielen. Ein guter Grund, wieso diese so gut angekommen sind beim Publikum und auch heute noch beliebt sind, ist sicherlich diese unglaublich detaillierte Ausstattungsorgie, die damit einhergeht. Die Locations, Requisiten und Kostüme der Schauspieler sind wirklich sehr liebevoll ausgesucht und hergestellt und selbst die Eigenheit der Shaws, draußen spielende Szenen im Studio und nicht vor Ort zu drehen, sind hier nicht so auffällig wie eventuell in anderen Werken. Sie sind auch hier vorhanden, fallen nicht zu sehr ins Gewicht, geben dem Film allerdings auch eine gewisse entrückte Märchenhaftigkeit. Alleine schon der Einstieg, als Li Fei an den Ort eines blutigen Raubs kommt und an den toten Kämpfern vorbeischreitet, ist stimmungsvoll in Szene gesetzt. Sie besitzt sogar surreale Qualitäten, sieht man die Kämpfer sogar teils kniend, mit ihren Waffen in der Hand am Wegesrand, als wären sie eingefroren.
Als allerdings Hung auftaucht, wird man in den äußerst gewaltsamen Alltag eines Schwertkämpfers in diesen weit entfernten Zeiten gezogen. Doch trotz aller martialischer Charakteristika, welche die Filme eines Chang Chehs mit sich bringen, hat es der Regie-Star der Shaws auch immer verstanden, eine gewisse Ästhetik in die brutalen Kämpfe einzuflechten. Mit verkrüppelten Protagonisten kannte sich Chang Cheh übrigens gut aus, inszenierte er einige Jahre zuvor doch den Klassiker Das goldene Schwert des Königtigers (1967) mit Jimmy Wang Yu, im englischen als One-Armed Swordsman bekannt, der ebenfalls einen einarmigen Kämpfer als Hauptfigur hat. Das Schwert des gelben Tigers kann man als Ende einer Trilogie ansehen, welcher mit dem Königstigerchen begonnen wurde. Cheh, ohnehin ein Meister eines sehr Testosteron-geprägten Erzählstils, der keine Kompromisse kannte, gelangte zur Zeit des gelben Tigers an seinen Höhepunkt, schuf aber auch danach u. a. mit Ti Lung - Duell ohne Gnade (1971), Der Pirat von Shan Tung (1972) oder Die unbesiegbaren 5 (1978) weitere Klassiker. Er saß sogar bei der Shaw Brothers-/Hammer Studios-Kollaboration Die 7 goldenen Vampire (1974) auf dem Regiestuhl.
Und wenn Chang Cheh zum Fight ruft, dann geht es ordentlich zur Sache. Für die damalige Zeit schon erstaunlich grafisch wird hier einfach mal ein Arm schön sichtbar abgetrennt, diverse Leiber aufgeschlitzt oder gleich ein Mensch zweigeteilt. Die Duelle sind dabei mit viel Verve umgesetzt und viele Jahre vor John Woo wird ein wahres "Todesballett" inszeniert und getanzt, welches in Blut getränkt einen Tanz des Überlebens und Sterbens zeigt. Der Stärkste siegt, allerdings heißt das hier nicht unbedingt, dass dieser auch gesund, vollständig und gefestigt sein muss. David Chiang gibt seinen Li Fei sehr nachdenklich und ganz überraschend darf zwischen den straighten Kampfszenen, die wirklich sehr toll und ansehnlich choreographiert sind, sich auch dessen zerrissener Charakter entfalten. Das entschleunigt die Geschichte sogar so weit, dass es schon beinahe an gewissen Längen kratzt. Allerdings schafft es Chiang, seine Figur mit Leben zu erwecken. Das er mit seinem Schicksal hadert und damit nur schwer klar kommt, ist greifbar für den Zuschauer. Dafür bleiben die anderen Figuren leider eher flach, auch wenn er mit Ti Lung als Feng einen weiteren Superstar der Shaws zur Seite hat.
Ti Lung gibt seinen ehrenwerten Schwertkämpfer souverän, kann allerdings keine weiteren Akzente setzen. In den Kampfszenen glänzt er wie sein Partner sehr gut und darf dafür auch am spektakulärsten ins Gras beißen. In der Geschichte schafft er es allerdings mit seinen Ratschlägen und der offenen Bewunderung gegenüber Li, diesen aus seinem Loch zu holen. Das schafft nicht einmal die damalige Top-Darstellerin Li Ching als Pa, deren zarten Bande mit Li angedeutet, aber nicht voll ausgebreitet wird. Sie ist es jedenfalls, die Li ein Schwert, welches ihr Vater bei sich zu Hause versteckt hält, schenkt, damit er sich gegen die Demütigungen einiger Gäste wegen seiner Behinderung, wehren kann. Erst die Männerfreundschaft verschafft es. Das sehr maskulin geprägte Kino von Chang Cheh zeigt sich hier in voller Blüte, umschifft allerdings einige Machismen, die andere Filme mehr auswälzen. Durch seine Mischung aus brachialer Gewalt, verbunden mit ästhetisch sehr ansprechender Kampfchoreographie, die trotzdem nicht zu sehr stilisiert wirkt und den leiseren Tönen ist Das Schwert des gelben Tigers beinahe schon ein Actiondrama.
Um allerdings in der Tragödie zu punkten, fehlt der weitere Tiefgang. Trotzdem wirkt Chang Chehs Film sehr schön rund und kann mit seinen Stärken jeder Zeit punkten und schafft es sogar, sich anbahnende Langatmigkeit schnell zu vertreiben. Cheh versteht es eben, seine Geschichten straight zu erzählen um dann mit einem nochmal sehr ausufernden Finale es krachen zu lassen. Dies lässt so manchen Körper tot zusammensacken, wo vorher noch leise Töne über Freundschaft und deren Kraft, Menschen aufzubauen und sie zu festigen, angeschlagen wurde. Den Übergang schafft der Regisseur spielend, dank seines straffen arbeitens hinter der Kamera und der guten Unterstützung seiner Mimen. Somit kann man sogar die simpelste Story zu einem spannenden Spektakel werden lassen, wie es Das Schwert des gelben Tigers ist. Die Geschichte des Martial Arts-Films in den deutschen Kinos wurde mit einem wahrhaftigen (heutigen) Klassiker gestartet, der auch heute noch sehr gut schaubar ist.
Blood Beach
Dies ist leider nicht der Fall. Die unterirdische Bedrohung wird sogar noch schlimmer, knabbert fröhlich an Beinen von jungen Strandschönheiten herum oder zieht wahllos Menschen in die Tiefe des Bodens. Neben Harry und Catherine versucht auch die örtliche Polizei das Rätsel der unheimlichen Zwischenfälle am Strand zu lösen. Mit dem Fall werden Sergeant Royko, ein meistens dauernd rumnölender Cop sowie sein Partner Piantadosi und deren Captain Pearson betraut. Doch bis sie nach langem Suchen nach Anhaltspunkten der Sache langsam auf die Schliche kommen, müssen leider noch so einige Menschen daran glauben und werden vom Strand verschluckt.
Darüber hinaus muss auch die Geduld des Zuschauers unheimlich daran glauben. Blood Beach ist ein typisches Unikum im Wust des Genrefilms der in den 70ern bzw. beginnenden 80ern gedreht wurde. Ein reißerischer Titel und ein dazu äußerst ansprechendes Plakatmotiv, welche in Kombination wirklich Lust auf den Film machen. Wenn gleich zu Beginn auch sofort schon das erste Opfer in die sandigen Tiefen gezogen wird, was zugegebenermaßen recht ordentlich getrickst wurde, ist das auch ein gleichzeitig interessanter wie obskurer Anblick. Die Neugierde wird mit natürlich sofort geweckt, vor allem da der Film hier auch noch gleichzeitig die örtliche Verteilung von Opfer und Retter umkehrt. Ist man ja gewohnt, dass in so einer Szenerie am Meer jemand eher im kühlen Nass in die Tiefe gezogen wird und der Retter sich am Strand befindet, so ist dies hier genau andersrum. Im Strand lauert das Grauen, Protagonist Harry befindet sich auf dem Weg zur Arbeit. Reichlich martialisch schwimmt der mit blonder Mähne ausgestattete Recke zur Arbeit!
Leider kommt man aber nicht umhin, zuzugeben, dass Blood Beach das Interesse erweckende an seinem Stoff nicht lange aufrecht halten kann. Er ist ein Horror, dem es an eben diesem unheimlich viel mangelt. Ein Grund dafür kann man darin ausmachen, dass Regisseur Jeffrey Bloom es nicht gelingt, das überfrachtete Script punktuell umzusetzen. Er macht aus dem Film eine kleine Geduldsprobe, denn alsbald hat man sich an allem, was der Film so bietet satt gesehen und wünscht sich hier und da einen ordentlichen Schuss Würze. Nur leider fehlt diese komplett, Blood Beach bleibt unglaublich fade. Spannung kann der Film zu keiner Zeit aufbauen, dafür wird ihm durch den zweiten Handlungsstrang zu viel Luft genommen. Zum einen sind die Szenen, in denen das Grauen über bzw. unter die armen Gestalten hereinbricht, zu kurz und nach dem meist immer gleichen Schema aufgebaut. Auch wenn man weiß, dass dort etwas gefährliches lauert: durch einen Umstand setzt man doch einen Fuss auf den sandigen Todesbringer und einen Augenblick später wird man auch schon ein Stockwerk tiefer befördert.
Zum Anderen verbringt der Film zu viel Zeit mit der Schilderung der schrittweisen Annäherung von Harry und Catherine. Das Szenario ist bekannt, dass durch einen schrecklichen Umstand ehemals Liebende sich wiedersehen und gerade (oder spätestens) nach einem gewaltigen Finale wieder zueinander finden. Hier wird dies allerdings lang und breit ausgeschmückt und mit einem der wenigen positiven Dinge am Film - der äußerst stimmigen Farbgebung des Films, die sehr in warmen Farben gehalten ist - erinnert man sich hier leicht an seichter TV-Soap-Koast aus den 80ern erinnert. Aufgelockert, allerdings bei weitem nicht aufgebessert, wird der Film durch ironische Brüche und dem äußerst flapsig erscheinenden Cop-Gespann. Besonders erwähnenswert ist Burt Young, bekannt geworden aus dem Boxfilmhit Rocky, der als Royko ständig nölt, wie in Chicago die Dinge behandelt werden und recht rabiat mit seinen Mitmenschen umgeht. Ein kleiner Lichtblick, der allerdings auch nicht den Film komplett retten kann. Selbst Genrestar John Saxon steht ihm zur Seite, aber auch das hilft alles nicht.
Mitreißende Wellen sind am Blood Beach Mangelware, auf Spannungs- und Unterhaltungsebene herrscht hier weit und breit Ebbe. Auch wenn das Wortspiel äußerst billig und zu offensichtlich zu sein scheint, es passt eben: Der Film versandet; das ihn verschlingende Monster ist unter dem Namen Langeweile bekannt. Kollege Oliver Nöding schreibt in seiner Besprechung sehr treffend, dass es sich
um einen recht verschnarchten, merkwürdig unengagiert hingeschlunzten Monsterfilm, der nur wenige der Reize aussendet, die man von einem Monsterfilm erwartet (...)
handelt. Nun sind Zitate aus Besprechungen von Bloggerkollegen sicherlich nicht gerade die Üblichkeit, aber Oliver trifft es hiermit sehr auf den Punkt. Der Unterschied ist, dass ihm der Film trotzdem noch einen gewissen Unterhaltungswert gebracht hat.
Geschmäcker sind verschieden und dem Rezensenten, der nun geplagt von so viel sandiger Langeweile diese Zeilen in die Tastatur hämmert, war Blood Beach eine Spur zu unaufgeregt. Die Atmosphäre ist teils sehr hübsch eingefangen, wird mit seinem stimmigen Soundtrack sogar noch recht aufgewertet, allerdings lässt es nichts an der Tatsache ändern, dass es eben ein unheimlich madiger Horrorstreifen ist. Die wenigen positiven Merkmale, die er mit sich bringt, stehen einsam den negativen gegenüber. Gerade auch weil die Auflösung, was denn nun da unter dem Strand haust, kaum erklärt wird und recht obskur anmutet. Es scheint - gerade durch das allseits bekannte Open End durch das gnadenlos der Abspann rauscht - gewollt zu sein, eine Fortsetzung mit mehr erklärenden Elementen hinterherzuschieben.
Blood Beach schien allerdings nicht gerade sehr erfolgreich gewesen zu sein (da er in den USA ohnehin mit recht wenigen Einsätzen lief) und somit lässt diese (Gott sei Dank?) auf sich warten. Verfilmte Langeweile, die 732. kann man da nur sagen mit einem durchweg versauten Finale, dass genauso unspektakulär an einem vorbeirauscht wie der restliche Film. Wenn man viel Sand sehen möchte, dann kann man diesem auch beim Durchrieseln in einer Sanduhr zuschauen. Spannung dürfte hier mehr wie hier vorhanden sein und auch die schon angesprochene durchaus stimmige Atmosphäre schafft es nicht mehr, dass der Film gerettet wird. Ein B-Film, der mit seinem Thema durchaus Potenzial für mehr mitbringt, allerdings dieses nicht nutzt. Es scheint wohl auch am Cast und dem Regisseur selbst zu liegen, dass das Niveau nicht über laue TV-Unterhaltung hinaus geht. Da wurde viel verschenkt.
Peter Stults: Bekannte Filme in einer früheren Zeit
Mama
Diesen konservativ anmutenden Worten zum Trotz, kann und darf Film natürlich auch gerne Grenzen überschreiten, provokant wirken. Doch während der letzte Höhepunkt des realistischen Horror-Abbilds - A Serbian Film - wenigstens noch einen intelligenten Unterbau verfügt (siehe das Review hier im Blog), so sucht man sowas in manchen Indie-Werken wie den Filmen eines Fred Vogels leider vergeblich. Man bricht mit den liebgewonnenen Traditionen des Horrorkinos, um die Schock- und Ekelgrenze immer weiter nach oben zu treiben. Da ist das Langfilmdebüt des Argentiniers Andrés Muschietti erfreulich altmodisch ausgefallen. Der Geisterfilm - geprägt durch solche ewigen Meisterwerke wie Bis das Blut gefriert (1963) - scheint dafür ein kleines Comeback zu erleben. Nachdem die wieder erwachten Hammer Studios im letzten Jahr Die Frau in Schwarz ins Rennen warfen, kommt nun mit Mama ein weiterer Traditionsspuk in die Kinos.
Hier geht es um die beiden Mädchen Victoria und Lilly, welche nach fünf Jahren Vermisstenstatus durch einen glücklichen Umstand wieder gefunden werden. Sie wurden von ihrem Vater entführt, welcher aus Verzweiflung nach einem Missglückten Geldgeschäft zwei Partner und die von ihm in Trennung lebende Mutter der beiden Töchter ermordete. Auf seiner Flucht kommt er auf glatter Fahrbahn durch Unachtsamkeit ab und landet mit ihnen in einer verlassen aussehenden Waldhütte. Dem Zuschauer wird allerdings schnell gewahr, dass diese einen unheimlichen Bewohner birgt: einen ruhelosen Geist, der sich um die beiden Kinder kümmert. Nachdem man sie komplett verwildert gefunden hat und wieder an unsere Zivilisation heranführt, möchte sich der Lucas, der Bruder des Vaters der beiden um die Mädchen kümmern. Seine Freundin Annabelle, Mitglied einer Rockband und ohne konventionellen Lebensstil, wird eher unfreiwillig in die Mutterrolle gedrängt.
Victoria und Lilly machen gute Fortschritte in der Behandlung, allerdings geht der behandelnde Psychiater Dr. Dreyfuss davon aus, dass die von den Mädchen immer wieder angesprochene "Mama" eine bei Victoria gebildete, zweite Persönlichkeit ist. Das dies nicht so ist, merken Lucas und Lilly, als sie im Rahmen der Behandlung in ein Haus einziehen um sich um die Mädchen zu kümmern und damit diese weiter untersucht werden können. Denn alsbald kommt es zu merkwürdigen Vorkommnissen und der Erkenntnis, dass "Mama" etwas bzw. jemand ganz anderes ist. Dabei setzt Muschietti darauf, dass er seine Geschichte mit sehr entspanntem und gedrosseltem Tempo erzählt, auch wenn er es schafft, dass Mama bis zum für die Protagonisten beginnenden Grauen gar nicht so lange braucht. Mit kleinen, erzählerischen Stilmitteln schildert er die Hintergründe des titelgebenden Geistes und was mit den Mädchen während der fünf Jahre passierte.
Die verwahrlosten Kinder zu Beginn des Films allein sind schon ein erster Schreck, ihre animalischen Verhaltensmuster unheimlich bedrückend umgesetzt. Umso erstaunlicher wie fix diese sich dann wieder in der Zivilisation zurechtfinden, was schon ein wenig unglaubwürdig erscheint. Allerdings ist dies ja auch ein Horrorfilm und keine modernisierte Verfilmung bzw. Abwandlung der Geschichte des Kaspar Hausers. Man kann sich damit aber schnell und gut abfinden, da Muschietti sehr sicher im Umgang mit dem Stoff ist (immerhin basiert der Film auf einen eigenen Kurzfilm aus dem Jahre 2008) und es sehr schön versteht, langsam den Schrecken in das frische und sehr ungewollte Familienglück zu bringen. Gerade Annabelle ist hier das schwächste Glied - noch schwächer als die Kinder - in der Familie. In einer Szene jubelt sie noch über den negativen Schwangerschaftstest, einige Minuten später sieht sie sich als zweifache Mutter einer Aufgabe gegenüber, auf die sie spürbar keine Lust hat. Gezwungen begrüßt sie die Kinder im neuen Heim, während bei ihrem Freund - immerhin auch der Onkel der Mädchen - schnell väterliche Gefühle entstehen.
Allerdings sind die Kinder immer noch in ihrer eigenen Welt gefangen, trotz aller Resozialisierung. Schnell werden sie auch von ihrer übernatürlichen Ziehmutter im neuen Heim besucht. Wie es sich gehört, huschen Schatten durch die Gänge des Hauses, Licht beginnt zu flackern und Personen tauchen an stellen auf, wo vorher noch nichts war. Stereotypen des Schreckens. Altmodisch. Aber: angenehm. Mama schafft es sogar, dass man selbst bei schnell durchschaubaren oder vorhersehbaren Szenen trotzdem der Schockeffekt seine Wirkung nicht verfehlt und Gänsehaut auftritt. Es macht unheimlich Spaß, sich hier das Fürchten und Gruseln lehren zu lassen, auch wenn man selbst Elemente entdeckt, die es schon seit 30, 40 oder noch mehr Jahren im Genre gibt und die sich auch nicht groß verändert haben. Der trotzdem auftretende Schockmoment, der einen zusammenfahren lässt, auch wenn man ihn erwartete: zuletzt bekamen dies die großen Horrorfilme aus Asien hin. Filme wie Ringu (1998), Inner Senses (2002) oder auch Ju-On (2002).
Diese sind im übrigen auch ein tolles Stichwort, da Mama merklich auch von diesen beeinflusst scheint. Nicht nur, dass der Mutter-Geist ähnlich wie in Ju-On äußerst verzerrt in seiner Darstellung ist und damit noch mehr Gänsehaut heraufbeschwört. Der Film ist unter der Fassade des einfachen Gruselfilms auch mit dramatischen Zügen gezeichnet. Sie kommen erst spät und nicht sofort offensichtlich wie in einigen modernen, asiatischen Horrorklassikern zum Tragen, sind allerdings immer greifbar. Nachvollzieh- und spürbar. Mag sein, dass das Ende beinahe schon in Hollywood-Kitsch-Gewässern treibt, aber man bekommt den Sprung und zeigt eine äußerst anrührende Auflösung der Story. So Happy mag das Ending gar nicht sein, wie es zuerst erscheint. Ohne zuviel verraten zu wollen, musste ja schon ein etwas größeres Opfer gebracht werden, um beide Seiten zufrieden zu stellen. Mama ist ein rastloses Geschöpf. Bedrohlich, furcheinflößend und tragisch zugleich.
Sie ist ein Teil in einem simpel aufgebauten, dennoch ergreifenden Drama, welches sich auch um die Themen Familie und deren heutige Bedeutung und die Entfremdung dreht. Ist dieses Konstrukt wirklich überholt oder ist sie der Hort für die Menschen? Wie weit kann Entwurzelung gehen? Der Kitsch, der in einigen anderen Besprechungen angeführt wurde, hält sich in Grenzen. Die Familie wird am Ende - gerade auch durch die Schlusseinstellung - als schützender Hort für die kleinsten bzw. die Menschen generell dargestellt. Aber bis wir zu dieser kommen, kann der Film durch seinen gesamten Aufbau so sehr überzeugen, dass man den angesprochenen Umstand der Vorhersehbarkeit unter den Tisch fallen lassen kann. Er nimmt einen gefangen, wie die umhergeisternde Mutter die Kinder selbst.
Sicherlich kann er dadurch nicht der übergroße Hit und Horrorfilm der Saison werden. Aber in seinem subtil eleganten Stil, der durch ausgeklügelte Farbgebung und schöne Kameraeinstellungen bestechen kann, macht er wirklich etwas her. Abgerundet wird dies durch eine mehr als solide schauspielerische Leistung, bei dem auch die Kinderdarsteller groß dazu beitragen, dass der Film ein Gewinn ist. Selten war ein Kind, in diesem Fall Isabelle Nélisse als Lilly, immer noch ein wenig furchteinflößend, auch wenn der Zuschauer weiß, dass von diesem gar keine Bedrohung ausgeht. Wie angesprochen, machen auch die anderen Darsteller ihre Sache mehr als gut. Mama ist ein gut pointierter Horrorfilm, der für Freunde von gepflegtem Grusel genau das richtige darstellt. Mit viel Glück, kommt besseres in dieser Saison ohnehin nicht mehr hinterher. Sehr gut gemacht Herr Muschietti!
Frischer Ohrenstoff von El Diabolik
Eingetragen von Heiko Hartmann in Filmkram, Podcast, Soundtrack am 26. April 2013
Podcasts über Filme gibt es ja so einige, meistens wird in diesen über aktuelle Filme geredet sowie Neuigkeiten aus der Welt der flimmernden Bilder verbreitet. Das ganze kann durchaus schön kurzweilig und unterhaltsam sein. Der britische Podcast von El Diabolik verschreibt sich allerdings der musikalischen Untermalung des Films und spezialisiert sich zu meiner Freude dabei auf Genre-Produktionen wie Eurocult im Allgemeinen oder Exploitation und Trash. Kein Wunder, dass der Name des Podcast komplett "El Diabolik's World of Psychotronic Soundtracks" lautet.
Ganz frisch ist heute die 26. Ausgabe des Podcasts erschienen, welcher von El Diabolik und Lord Thames gehostet wird. Auf die Ohren gibt es unter anderem Stücke aus dem Mario Bava-Giallo 5 bambole per la luna d'agosto, dem Zulawski-Werk Ein Drittel der Nacht und auch Maestro Morricone ist mit Stücken aus dem Film Ein Fressen für die Geier vertreten. Die Folge ist wirklich schön abwechslungsreich ausgefallen, auch die Songs aus dem Cover-Version-Corner (u. a. aus dem Film M.A.S.H.) wissen wirklich zu gefallen.
Runterladen kann man sich den Podcast auf der Seite von El Diabolik oder direkt hier.







