20. September 2017

Almost Famous

Cameron Crowe begann in den 70ern im zarten Teenager-Alter für den Rolling Stone zu schreiben und begleitete als Journalist unter anderem die Allman Brothers auf Tour. Mit den Jahren widmete er sich dem Leben Jugendlicher und schrieb darüber Artikelserien in seinem Stamm-Magazin, danach weitete er das Thema in Buchform aus, bevor er dazu überging, Drehbücher zu schreiben nachdem sein Buch "Fast Times At Ridgemont High" erfolgreich verfilmt wurde. Almost Famous kann man als Crowes verfilmtes Tagebuch seiner Jugendtage sehen. Der stark autobiographisch gefärbte Film geht mit seinem Protagonisten William auf große Tour. Der überbehütete Teenie reißt sich aus der Obhut der Mutter - zuvor zog schon die rebellische Schwester aus - um mit der Band Stillwater auf Tour zu gehen. Der Rolling Stone wurde auf die Artikel des Jugendlichen aufmerksam, welche im Musikmagazin Creem veröffentlicht wurden. Dessen Herausgeber Les Bangs, der von William immer wieder dessen Artikel aus der Schülerzeitung zugeschickt bekam, fungiert als Förderer und Mentor des Jungen.

Für William gibt es derweil viel zu lernen: ein eigener Platz im Leben will gefunden werden, die Liebe klopft leise das erste Mal an und auch das Musik-Business zeigt sich dem jungen Burschen in allen Facetten. Eigentlich will nur ein Interview mit Russell, Kopf der Band, aufgenommen werden und immer wieder kommt etwas dazwischen. Sei es der hektische Touralltag oder das reizende Groupie Penny Lane, das die Band ebenfalls auf der Tour begleitet. William wächst inmitten des Chaos, welches ihn zuerst überwältigt. Die oberflächlich geknüpften Freundschaften zu den Bandmitgliedern bekommen Risse, zuerst ungreifbare Menschen zeigen hinter ihrer schillernden Persönlichkeit ein verletzliches Ich. Die Lektionen fürs Leben kommen laut; sie poltern einfach so vor Williams Füße. Selbst wenn man ihn im hektischen Treiben hinter den Bühnen, im Hotel oder im Bus verloren und allein sieht: letzteres ist er nicht. Dafür sorgen die regelmäßigen Pflichtanrufe bei seiner Mutter, wie auch die Tipps von seinem Mentoren Les Bangs.

Sie dienen ihm dabei eher als Stütze, eine Art Anregung, wie William verfahren soll. Die Situationen müssen selbst gemeistert werden. Die finale Prüfung wird bestanden und der schon zuvor immer selbstbewusster agierende Junge meistert allein gestellt das, was die anderen, die Erwachsenen, nicht mal mitbekommen. So endet Crowes illuster gecasteter Schwank aus der Jugend versöhnlich, wie es eben in der Traumfabrik so üblich ist. Aller Konflikte und dramatischen Entwicklungen zum Trotz. Das lässt Almost Famous schwammig anfühlen, wie eine weit ausholende Geschichte eines Älteren, die einem eine Moral beibringen soll, diese aber nicht überzeugend darbietet. Der auf technischer und ausstatterischer Seite sehr gute Film, kann erzählerisch nicht hundertprozentig überzeugen. Die gewollte Nachwirkung bleibt aus. Die Analyse über das damals schon gnadenlose Musikbusiness, das Menschen manipuliert und ausnutzt und mit seinen Mechanismen zu Beginn unschuldige Künstler in "goldene Götter" wandelt, Freundschaften zerbrechen lässt und dergleichen mehr, bleibt irgendwo im Hintergrund verborgen.

Schade, dass Netflix einem hier nur die Kinoversion bietet. Von Almost Famous existiert ein gegenüber der Kinofassung gut 40 Minuten längerer Director's Cut. Vielleicht ist diese Intention des Films darin mehr und runder ausgearbeitet. In seiner Kinofassung ist Almost Famous ein filmisches "All you can tell"-Gericht, breit erzählt und im Detail schön ausgearbeitet. Er macht für zwei Stunden die damalige Zeit der 70er wieder lebendig und alle Tour-Eindrücke und -Episoden prasseln wie auf den Zuschauer wie auf William selbst charmant chaotisch ein. Zusammen mit seinem grandiosen Soundtrack zaubert der Film Liebhabern der damaligen (musikalischen) Zeit ein wohlwollendes Lächeln im Gesicht, dessen Nachgeschmack leicht bitter bleibt. Mehr wäre drin gewesen, in Momenen mit ernst gemeintem Hintergrund bleibt Almost Famous einfach eine Spur zu leicht und schwebt wie in der restlichen Zeit auf einer regenbogenfarbenen Wolke an einem vorbei. Es bleibt ein schönes Schweben, auch wenn der Film über die Jahre den überschwänglichen Verehrungen nicht komplett gerecht wird. Das ist hier aber meckern auf hohem Niveau.

6. September 2017

Let's get ready for Horrorctober 2017


Der Sommer ist vorbei (natürlich können wir uns an dieser Stelle kurz fragen, ob er dieses Jahr jemals richtig angefangen hat), der Herbst steht vor der Tür. Es ist Zeit für graue Tage, Nebel, Laub und Dunkelheit. Also wie geschaffen für Horrorfilme. Wie in den letzten Jahren hat die Cinecouch meinen Geburtsmonat, den Oktober, zum Horrorctober ausgerufen. 2016 war ich ebenfalls mit dabei. In Ermangelung eines eigenen Rechners nur über letterboxd, was trotzdem sehr viel Spaß gemacht hat.

Von den insgesamt 13 ausgewählten Filmen, hab' ich 12 geschafft. Wie es in diesem Jahr, mit neuem Job und natürlich auch einigem an sozialem Leben, aussieht, wird spannend. Vielleicht schaffe ich es trotzdem, immerhin habe ich Anfang und ziemlich am Ende des Monats jeweils eine Woche Urlaub und dazwischen sicher auch einige freie Tage. Wenn ich mir meine Filmliste, den Link zu dieser bei letterboxd findet ihr unten, anschaue, so ist mein diesjähriger Horrorctober auch ein Rewatch-Monat. Insgesamt sieben Filme - Maniac, Dead & Buried, The Funhouse, The Kindred, Geisterstadt der Zombies, La Vergine di Norimberga und The Loreley's Grasp - hab ich schon einmal gesehen. Manches ist aber schon viele Jahre her. Den zuletzt aufgezählten Film sah ich zum Beispiel in miserabler Qualität als holländische VHS Anfang der 2000er.

Es wird also ein Horrorctober der Wiederentdeckung und bei den noch nicht bekannten hoffentlich einige tolle Neuentdeckungen. Wie gehabt gibt's während des Horrorctober sowohl einen Kurzkommentar zum Film bei letterboxd wie ein etwas längeres Review hier im Blog. Und nun das wichtigste zum Schluss:

Meine Filmliste für den Horrorctober 2017

Copykill

Dieser Mann bestach durch seine Gewandtheit, seinem scheinbar allumfassenden Wissen und einer Ausstrahlung, der man sich schwer entziehen konnte. Jeder war von seiner scheinbar perfekten Person fasziniert. Hinter der Hülle verbarg sich ein riesiges Loch von schier unfassbarer Boshaftigkeit, die jeden - wortwörtlich - verzehrte. Hannibal Lecter wickelte seine Opfer wie die Kinogänger um seinen Finger. Einige Jahre zuvor tauchte der Gentleman-Kannibale am Rande in Blutmond, Michael Manns Adaption von Thomas Harris' "Roter Drache", auf. Erst durch Jonathan Demmes Das Schweigen der Lämmer brannte er sich ins kollektive Gedächtnis der Kinogänger und (nicht nur) filmische Serienmörder waren plötzlich en vogue. Psychothriller mit einem oder mehreren Serienmördern als Antagonisten bevölkerten die Kinoleinwand oder wenigstens den Schacht des heimischen Videorekorders.

Durch Demmes Werk begannen die Filmemacher, die Mörder ihrer Filme zu ikonisieren, wie es zuvor im Horrorfilm mit Figuren wie Michael Myers, Jason Voorhees oder Freddy Krueger passierte. Selbst wenn der Ermittler, der Held der Geschichte ein sympathischer Charakter ist, für den man Empathie entwickeln kann: die Killer entwickeln sich zu den heimlichen Helden der Filme. Jon Ariels Copykill macht einiges anders. Die hier behandelten Mörder - David Lee Cullum und Peter Foley - sind Jedermänner. Ottonormalmörder. Ihnen wohnt keine diabolische Aura, ein besonderer Wahn oder ähnliches Inne. Cullum ist ein irrer White Trash-Boy, Foley ein im Alltag kaum auffallender Mensch. Seine geheime Leidenschaft ist das Nachstellen von Morden berühmter früherer Serienmörder wie David Berkowitz oder Albert DeSalvo. Bis er von den ermittelnden Cops M. J. Monahan und Reuben Goetz aufgespürt wird, vergeht einige Zeit. Ohne die Hilfe von der Psychologin Helen Hudson, die nach einem Angriff Cullums nach einem ihrer Vorträge durch Agoraphobie an ihre Wohnung gefesselt ist, hätten sie es nicht geschafft, bringen aber nicht nur sich sondern die nervlich äußerst instabile Hudson in große Gefahr.

Das Drehbuch von Copykill räumt Hudson sehr viel Zeit ein und präsentiert mit der smarten M. J. eine zweite Heldin, was ein kleines Novum in Hollywood war und ist. Mit Sigourney Weaver und Holly Hunter ist die Besetzung für die beiden Figuren sehr gut gewählt. Hunter spielt routiniert, verblasst aber gegenüber ihrer Partnerin Weaver. Diese spielt die intelligente, vom Trauma und ihrer Angst geplagten und zwischen Verzweiflung und kämpferischen Aufbäumen schwankende Helen Hudson mit voller Hingabe. Es ist schön, dass die Autoren zu keiner Zeit eine bloße Kopie ihrer Kultrolle Ellen Ripley im Kopf hatten. Hudson ist fast gebrochen, im Alkohol versunken. Weaver macht den inneren Zwiespalt den ihre Figur hat, die immer noch ein großes Interesse an Serienmördern besitzt, in übergeschnappter Arroganz die Polizei zu Beginn beinahe sogar mit Anrufen belästigt, spürbar. Ihr fehlt lediglich die Kraft, eine weitere Ausnahmesituation, wie sie mit Cullum aufkam, durchzustehen. Hier ertränkt sie den stummen Begleiter Angst in Alkohol und flüchtet sich innerlich davon. Die Bedrohung durch den kopierenden Foley rufen ihre letzten Reserven für einen finalen Kampf hervor.

Copykill zeigt auch einen Kampf der Frau(en) gegen männliche, sexuelle Gewalt und deren Versuch, die Frau um alles in der Welt in einer unterwürfigen Rolle zu halten. Dabei gibt es keine Fighting oder Final Girls. Es ist ein gewaltsamer Kampf von Tough Women. Schade ist dabei, das Copykill als reiner Psychothriller schnell an seine Grenzen kommt. Regisseur Amiel ist ein guter Handwerker, der die unentschlossenen Teile des Drehbuchs nicht ausmerzen kann. Der Spagat zwischen Psychothriller und Drama gelingt nicht. All' den Qualitäten um Helens Figur zum Trotz wirkt Copykill durchkalkuliert. Was nützt das wundervolle (Weaver) bis sehr gute (Hunter) Schauspiel der Hauptdarstellerinnen, einige gut herausgearbeitete Spannungsmomente, wenn sie im Nachgang nicht packen, keine hundertprozentige emotionale Bindung zum Zuschauer aufbauen? Der englische Titel des Films, Copycat, bekommt damit eine gewisse Zweideutigkeit. Ist diese Individualität nur bloßes Kalkül? Nicht direkt. Diesem Eindruck zum Trotz kann Amiels Film überzeugen. Eine bloße Kopie der durch Das Schweigen der Lämmer geprägten Formeln ist er doch nicht. Es fehlt ihm lediglich am Können, auch als Thriller komplett zu funktionieren. Amiel scheint von Weavers Auftritt beeindruckt zu sein, unentschlossen, ob er ihr Spiel zügeln soll und dafür mehr Spannungsmomente aufzubauen.

Copykill wird von Nüchternheit durchzogen, die seine Grundsubstanz aufweicht. Dies ist Aufgrund seines hoch angelegten Standards Meckern auf hohem Niveau. Man wünscht ihm in einigen Momenten das, was seiner Heldin Helen widerfährt: das die kämpferische Kraft,  die verborgen in ihr schlummert, auflodert und sich davon mitreißen lässt. Das wäre es wohl, damit es komplett "Klick" beim Schauen macht und man nicht nur wohlwollend nickt, wenn die Credits über den Bildschirm rollen.

16. August 2017

Too Beautiful To Die

Kalt. Glatt. Auf Hochglanz poliert. Hübsche Fassaden, deren trügerische Makellosigkeit ein tiefes Loch verbergen und von dessen Leere ablenken. Reich, schön, abgrundtief oberflächlich. Bret Easton Ellis' Roman American Psycho sowie die Jahre später erschienene Verfilmung des Skandalbuchs zeigen in beißendem Ton die ikonische Banalität der 80er Jahre innerhalb der High Society mit all' dem reichen Volk, die vor Schönheit, aber weniger vor Tiefgang strotzen. In Italien versuchte man filmisch mit dem hier bereits besprochenen Nothing Underneath die im Giallo ohnehin beliebte Modelszene heranzuziehen um innerhalb der lauen Thrillerstory ihre Praktiken und deren Oberflächlichkeit anzuprangern. Egal auf welcher Ebene: Carlo Vanzinas Film scheitert kläglich.

Alles bleibt zu vage. Weder als Kriminalstück, noch als funktionierender, fiktiver Bewegtbildpranger mag Nothing Underneath funktionieren. Der zweideutige Titel gibt gleichzeitig Auskunft darüber, warum sein Ansinnen scheitert: an der eigenen Oberflächlichkeit, die den Film schnell als gescheiterten Versuch einer beiläufig auch Kritik üben wollenden Neo-Giallo-Schmach identifizieren lässt. Anders ist da die drei Jahre später entstandene Fortsetzung. Bis auf den Originaltitel haben die Filme glücklicherweise nichts gemeinsam: Too Beautiful To Die ist eine ganze Spur konkreter. Der englische Titel ist ein erster Hinweis auf den streckenweise dezent zynischen Unterton, mit dem der Film arbeitet. Obwohl er sich typischer Klischees über die Modewelt, welche wieder als Schauplatz der Handlung auserkoren wurde, bedient.

Eine Vergewaltigung eines Models ist der Auftakt einer Mordserie am Set eines Musikvideo-Drehs. Die von Regisseur Alex auserkorene Sylvia soll der Blickfang und Star des Videos werden, doch nach ihrer Vergewaltigung auf der Privatparty eines reichen Geschäftsmannes wird sie von der Polizei am Tag darauf tot aus dem verunfallten Wagen ihres Agenten gezogen. Komplett verkohlt. Die auf der Party anwesenden, anderen Mädchen, Tänzer- bzw. Modelkolleginnen von Sylvia, müssen für ihr Schweigen mit dem Leben bezahlen. Nach und nach werden sie mit einem mehrschneidigem Messer, einem speziellen Requisit für den Videodreh, umgebracht. Auch die für Sylvia nachgerückte Lauren, welche eine Affäre mit Regisseur Alex anfängt, muss deswegen um ihr Leben fürchten.

Verspricht dies eigentlich einen geradlinigen Film mit konkretem Ziel, sieht es praktisch etwas anders aus. Im narrativen Aufbau und der Steigerung hin zum typischen Giallo lässt sich Too Beautiful To Die Zeit. Getreu der bewährten Maxime der italienischen Filmindustrie, mit einem Film ruhig mehrere aktuelle Strömungen zu verarbeiten, baut das Drehbuch die Grundsituation für die Giallo-Gaudi aus den späten 80ern schnell auf, aber bis aus Too Beautiful To Die ein richtiger Thriller wird, dauert es. Es überrascht, dass Regisseur Dario Piana nach gerade drei oder vier Szenen, mit denen er die Ausgangslage für seinen Thriller schafft, die Geschwindigkeit so stark drosselt und seinen Fokus mit manchmal unnötigem Geplänkel verstellt. Der Gedanke, sich den Figuren und den Machenschaften in der Modelszene zu widmen ist löblich, kommt aber nicht über schnödes Soap-Opera-Niveau hinaus.

Ein großes Glück für den Film ist, dass Regisseur Piana eigentlich aus der Werbung kommt. Die durchstilisierte Optik von Too Beautiful To Die kann zum Ersten schön von einigen Belanglosigkeiten ablenken bzw. diese aufhübschen und zum Zweiten ergibt sich damit eine vielleicht gar nicht mal gewollte Raffinesse des Films. Wenn Lauren als Ersatz für die getötete Sylvia bei deren Mitbewohnerin Leslie einzieht und in wenigen Szenen deren sich aufbauende Freundschaft gezeigt wird, erinnert das an eine im Werbefernsehen dargestellte heile Welt. Stilecht mit passendem 80er-Pop unterlegt. Wenn dann noch Toto mit ihrem Kuschelrocker "I Won't Hold You Back" eine Liebesszene zwischen Lauren und Alex untermalen, die im Stil entfernt an Erotikschmachthits wie Adrian Lynes 9 1/2 Wochen erinnert, hat der Film eine filmische Welt aufgebaut, die hinterher wortwörtlich zerschnitten wird. Wenn sich Piana auf die Absicht einen Giallo zu erzählen zurückbesinnt, stolpert er manchmal am angezogenen Erzähltempo. Es scheint, als wäre auch ihm bewusst, dass wertvolle Filmminuten vergeudet wurden.

Komplett gesehen, geht das Style Over Substance-Konzept des Films schön auf. In dieser zweiten Hälfte schaffen die durchgestylten Bilder und einige tolle Kamerafahrten ebenfalls, Schwächen zu kaschieren. Bis zu seinem Finale spult der Film solide inszenierte Thrillerkost ab, bei dem man trotz einigen bekannten Giallo-Elementen merkt, dass die Macher auch immer darauf achten, dass das eigene Produkt international gut vermarktbar ist und nicht zu italienisch wirkt. Dieser Spagat gelingt Piana einigermaßen, auch wenn Too Beautiful To Die seine Herkunft nie komplett verleugnen kann. Spätestens beim knalligen Finale, mit seiner konstruierten Auflösung stellt sich das bekannte Feeling eines Giallos wieder ein. Hier wird der Film auch am bösesten, zeigt er doch durch eine Äußerung des enttarnten Mörders, wie selbst heute noch das Business funktioniert. Die vor die Kamera gezogenen, unschuldigen Geschöpfe werden für die Zwecke ihrer Lenker so lange missbraucht, bis sie weggeworfen und ausgetauscht werden. Obwohl sie zu schön sind, müssen sie symbolisch den (Karriere-)Tod und im Falle von Too Beautiful To Die diesen auch wortwörtlich sterben. Hier funktioniert auch das Benutzen der eigenen Oberflächlichkeit als Metaebene für die eigene Geschichte besser als bei Nothing Underneath. Der Zynismus, der den einfach gezeichneten, streckenweise gut funktionierenden (weil unsympathischen) Figuren aus der Mode- und Geschäftswelt in den Mund gelegt wird, funktioniert. In Verbindung mit der Optik des Films ist Too Beautiful To Die zwar weder ein komplett tiefschürfender, sozialkritischer, noch ein überspannender, aber ein interessanter und gut verpackter Neo Giallo aus den späten 80ern.

9. August 2017

Gallows - Jede Schule hat ein Geheimnis

Ein Henker geht um. Von hünenhafter Gestalt, mit mittelalterlicher Gewandung und einem Galgenstrick in der Hand jagt er vier Jugendliche durch dunkle Gänge ihrer Schule. Dieser einzelne Satz reicht beinahe aus, um die (Grund-)Geschichte von The Gallows zu erzählen. Anders als der Henker, welcher seinen Strick effektiv einzusetzen weiß, sind die Jugendlichen mit Kameras bewaffnet: ein Camcorder und ein Smartphone sind auserkoren, das Schicksal von Reese, Pfeifer, Ryan und Cassidy einzufangen. Im Prolog des Films sehen wir ein schreckliches Ereignis, welches sich vor mehr als zwanzig Jahren ereignete. Der Zuschauer sieht dies als Ausschnitt, aufgefangen von einem alten Camcorder. Während einer Schulaufführung des Theaterstücks "The Gallows" löst sich auf dem Galgen auf der Bühne die Falltür und der Hauptdarsteller wird vor den Augen von Mitschülern und Eltern unfreiwillig gehängt. Der tragische Unfall führt dazu, dass das Stück fortan nicht mehr an der Schule aufgeführt wird.

Sinnbildlich zieht sich die Schlinge auch für den Found Footage-Horrorfilm zu. So richtig Schwung kommt nicht mehr in das Genre und wirklich meisterliche Genrebeiträge wie [REC] oder Cloverfield haben einige Jahre auf dem Buckel. Auch Projekte wie die V/H/S-Reihe, deren Filme zwar nicht perfekt, aber interessant aufgezogen sind, fehlen. Es bleiben Einträge wie der leicht überdurchschnittliche und doch schnell vergessene Katakomben, die unnötige Fortsetzung Blair Witch oder der weitestgehend mit schlechten Kritiken (und einem fürchterlichen deutschen Untertitel) versehene Gallows. Ein oder zwei weitere Flops mehr werden dem Subgenre zumindest auf großer Studiobühne das Genick brechen. Bis auf den gemeinsamen Plan, Nachts in die Schule einzubrechen um die Kulissen für die anstehende Aufführung des Theaterstücks The Gallows zu zerstören, damit der schauspielerisch wenig begabte Reese sich nicht blamieren muss, erfahren wir wenig von den Protagonisten. Auf der anderen Seite ist Pfeifer, heimlicher Schwarm von Reese, für die dieser überhaupt erst den Football sausen ließ und sich dem Amateur-Theater widmete. Eine kaputte, nicht verschließbare Tür verschafft ihnen Eintritt ins Gebäude, doch werden sie während ihrer Zerstörungswut von Pfeifer erwischt.

Der aufkommende Streit unter den Jugendlichen wird schnell vergessen, als sie bemerken, dass sie nicht mehr aus dem Schulgebäude rauskommen. Selbst die kaputte Türe ist plötzlich abgeschlossen. Alles weitere ist nicht mehr groß erwähnenswert. Gallows spult mit einem kleinen Gespür für Atmosphäre gängige Horrorfilmmuster ab und präsentiert uns dabei ansehnliche junge Menschen, die in vorhersehbare Szenarien geworfen werden. Für den Moment gruselt es; einen Augenschlag später herrscht das übliche Gewimmel auf der Leinwand, wie man es von auf ein jugendliches Publikum zugeschnittenen Horrorfilmen kennt. Da werden die zur Seite geschobenen Konflikte vom Anfang wieder rausgeholt, ad acta gelegt für einen weiteren Schockeffekt der dazu führt, dass die vier Hauptfiguren panisch durch das Schulgebäude rennen. In jugendliche Angst gepackte, panisch hin und her schwankende Kamerabilder konnten allerdings schon in Blair Witch Project keine Schockzustände hervorbringen. Den Umgang mit diesen speziellen Regeln des Found Footage, den Film narrativ gut voranzubringen und ihm den Charakter eines bruchstückhaften Homevideos, einer nebenher mitgefilmten Chronik des Schreckens zu verbinden, schaffen nicht viele.

Gallows ist da eben weniger mutig, mehr durchkalkuliert und durch und durch Mainstream. Die besten Szenen gibt es in der ersten Hälfte, wenn die ersten seltsamen Geschehnisse den Protagonisten beinahe verborgen bleiben, oder sie sich die bewusst erlebten Dinge nicht erklären können. Doch dem amerikanischen Publikum muss man leider wohl alles vorkauen, zeigen und all' die unerklärlichen Dinge begreiflich machen. Szenen werden wiederholt aus anderer Perspektive, von einer anderen Quelle gefilmt, wiederholt und das zuerst nicht sichtbare, was den Reiz des Schreckens ausmachte, vor die Kamera gezerrt. Found Footage ist auch Aussparung, weil hier gerade eben nicht überall am Geschehen gefilmt werden kann. Gallows ist durch diesen Quellen-/Kamerawechsel - zu Beginn mit einer Einblendung erklärt, dass wir Beweismaterial der Polizei sehen - viel zu filmisch in diesen Momenten. Der ach so "schlaue" Kniff der Autoren, dem tumben US-Publikum hier den Erklärbär, getarnt als zwei Videoquellen, unterzuschieben, schlägt fehl. Als die zuerst unsichtbare Gefahrenquelle in Gestalt eines Henkers materialisiert, wirkt der Film darüberhinaus unentschlossen. Dem übernatürlichen Treiben weichen Szenen, wie man sie aus Slashern kennt.

Da entpuppt sich der Film als durchkonzipierter Durchschnitt, darauf ausgelegt, einem halb aufs Handy, halb auf die Leinwand schielende Teeniepublikum einige knallende, schockende Momente um die Ohren zu hauen und gleichzeitig bei genügend Erfolg ein etwaiges Horror-Franchise aufzubauen. Den schlechten Kritiken und den mauen Einspielergebnissen sei Dank, dass Gallows (wahrscheinlich) nicht in Serie geht. Es wäre ein Franchise unter vielen, wie der Ursprungsfilm ohne eigene Seele, ohne komplett interessante Hintergrundgeschichte, ohne wirkliche packenden Szene und ohne das Gefühl, dass man trotz aller Austauschbarkeit sich wenigstens gut unterhalten gefühlt hat. An flache Figuren, die so austauschbar sind wie ein 10er-Pack Socken oder Schlüpfer eines Textildiscounters, hat sich der Horrorfilmfan über die Jahre gewöhnt. Sicher auch an wenig innovative Handlungen. Die wenigsten dürften einem so durchkalkulierten, wenig eigenständigen Film etwas abgewinnen. Bis auf die ordentliche erste Hälfte und einem ebenfalls absehbaren, aber in seiner ganzen eigenartigen Darstellung schön seltsamen Ende ist Gallows die Art von Horror, der so schnell aus den Köpfen des Zuschauers verschwindet wie er aus den Kinos verschwand.