19. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Wir sind die Nacht (7/13)

Hauptcharakter Lena, die sich noch sichtlich unwohl in ihrem neuen Umfeld und Dasein fühlt, fragt Rudelsführerin Louise, wo die Männer ihrer Gattung sind. "Die gibt es nicht mehr. Die haben wir umgebracht. Die waren zu laut und haben sich entweder gegenseitig gekillt. Der Rest wurde von uns getötet.", so die Antwort der Rudelsführerin. Louise, Charlotte und Nora sind Vampire. Louise sieht in Lena die Person, nach der sie so lange gesucht hat und verwandelt sie bei einer Underground-Techno-Party ebenfalls in einen Blutsauger. Es braucht, bis sich die mit gelegentlichen Diebstählen über Wasser haltende, junge Frau wirklich gefallen am Vampir sein findet. Die luxuriös im Grand Hotel Berlins residierenden Damen geben der jungen Frau das Gefühl der Geborgenheit, von Familie, welches ihr bei der gleichgültig erscheinenden Mutter fehlt. Als die vier Vampirinnen eines Nachts osteuropäische Zuhälter zum Abendessen auswählen und ein kleines Massaker veranstalten, wird die Polizei auf das Quartett aufmerksam. Gleichzeitig brechen die Konflikte innerhalb der Gruppe hervor und die ungewollt von Louise auf die Seite der unsterblichen Untoten gezerrte Lena begehrt ebenfalls gegen die Führerin der Gruppe auf.

Was nach Stoff aus der Traumfabrik klingt, ist in Wahrheit ein deutscher Film. In Berlin gedreht, prominent mit Nina Hoss, Jennifer Ulrich und Karoline Herfurth besetzt, von Dennis Gansel (u. a. Die Welle und Mädchen Mädchen!) in Szene gesetzt und durch und durch am Blockbuster-Mainstream-Kino orientiert. Letzteres eindeutig zu stark: Wir sind die Nacht fehlt es an Profil, an Eigenständigkeit. Versatzstücke aus modernem Mainstream-Horror werden hier zusammengeworfen, Klassiker zitiert und dabei krampfhaft auf modern und cool gemacht, dass seine geringen Individualitäten drohen unterzugehen. Gansels Film könnte ein toller, feministisch gefärbter und moderner Vampirfilm sein, präsentiert uns einschließlich Herfurths Lena Klischeefiguren, die schnell uninteressant werden. Einzig die in ihrer eigenen Vergangenheit lebende, melancholische Charlotte weiß zu gefallen. Herfurth selbst darf wieder die graue Maus spielen, die aus ihrem Leben ausbricht, ihre Persönlichkeit ergründet und gewachsen ins Finale schreitet, um dieses zu gewinnen. Diese Rolle der zuerst schüchternen und verschreckten leiert Herfurth routiniert runter, um dies in den beiden Fack Ju Göhte-Teilen zu perfektionieren.

Schlimmer ist noch, dass Lena nach bestandener Edprüfung bei der Begegnung mit Love Interest Tom diesem nicht etwa wie angedeutet die Zähne ins warme Fleisch rammt, um ihn - wie einst Louise sie - zu einem der Ihrigen zu verwandeln, sondern die Liebe wählt. Das mag schmalzig-süß romantisch sein und das angestrebte Zielpublikum erfreuen, doch ist dies für die ganze Figur und stellvertretend für die weiblichen Vampire des filmischen Kosmos ein herber Rückschritt. Ergibt sich Lena so doch dem Matriarchat und die männlichen Buchautoren zeigen unverhohlen ekelhaft feministischem Denken den Mittelfinger. Da klebt doch ein wenig Kotze im Mundwinkel, wenn man länger darüber nachdenkt. Anstatt vielschichtige Frauenfiguren einen inneren wie äußeren Kampf ausfechten zu lassen, reißt Wir sind die Nacht die Stationen seiner Geschichten an. Verwandlung, hadern mit der neuen Rolle, sich in dieser zurechtfinden, Struggle mit dem Love Interest, Struggle in der Gruppe, dazwischen durchkonzipierte Coolness, die merklich mit einem Auge über den großen Teich nach Hollywood schielt, um ja auch alles richtig zu machen.

Das enge 90 Minuten-Korsett tut dem Film nicht gut und die Macher hätten weitaus mehr Mut und Eigenständigkeit bewiesen, wenn sein feministischer Ton mehr aus dem Hintergrund hervortreten würde. Er funktioniert weder als Horrorfilm, noch als düstere Romanze. Selbst als Berlinfilm versagt er. Das hauptstädtische "Anything goes"-Gefühl blitzt selten hervor. So strafend meine Zeilen klingen, so weitaus weniger schlimm ist es gemeint. Das Deutschland Genrefilme kann, sieht man in den letzten Jahren immer wieder. Das hier ist leider wieder das, was den deutschen Mainstreamfilm - dieses ekelhafte Nachäffen Hollywoods, selbst in seinen RomComs - manchmal so unerträglich macht. Wir sind die Nacht zitiert sicher größere Vorbilder, Dennis Gansel schafft es (mit einiger Mühe) im gehetzten, chaotisch gefärbten Grundton wenige, aber tolle Momente zu schaffen. Charlottes abschließende Begegnung mit ihrer Tochter sei hier als Beispiel genannt. Die Songauswahl ist toll bis sehr gut ("Pretty When You Cry" von VAST!) und ausgerechnet die wenigen Actionszenen geben dem Film den Arschtritt, den er öfter benötigen würde. Doch ach, Wir sind die Nacht ist leider nur eine durchschnittliche Kopie bekannter Vorbilder um dem jungen Kinogänger zu zeigen, dass auch deutscher Film nicht nur mit Fließband-Schmalzkacke á la Schweighöfer und Schweiger punkten kann, sondern auch "cooles Zeugs" abliefern kann. Das ist wenig individuell, selten richtig überzeugend sondern schlicht spürbar bemüht. Wenn Deutsche cool sein wollen, ist das wie hier meist immer mit Pflock im Arsch. Da ist selbst die herzloseste, durchgeplanteste Blockbuster-Massenware aus Hollywood mit mehr Seele ausgestattet. Wir sind die Nacht ist das größte (und mittelmäßigste) "Schade", was der deutsche (Genre-)Film in den letzten Jahren hervorgebracht hat.

12. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Dead & Buried (6/13)

Meine Liebe zum Horrorfilm erwuchs aus der spontanen Idee heraus, Stephen King-Verfilmungen zu sammeln. Vor mehr als 20 Jahren begann ich also im jugendlichen Alter, mit Hilfe des Videorekorders meines Onkels, auf den Geschichten und Romanen des Autors basierende Werke im Fernsehen mitzuschneiden. Ich meine schon auf Kassette Nr. 3 oder 4 warf ich das schon alles über den Haufen; das komplette Genre hatte mich da schon gefangen genommen. So kam ich auch auf den Film Dead & Buried, den ich beim regelmäßigen in der Fernsehzeitschrift nach neuem Stoff Ausschau halten, erspähte. Das Kennzeichen, dass die Ausstrahlung gekürzt sein wird, ignorierte ich. Vielleicht fand ich ihn auch deswegen beim erstmaligen Schauen ziemlich langweilig. Oder ich war einfach noch nicht bereit dafür. Als ich irgendwann später, noch nicht ganz volljährig, über meine Mutter hin und wieder beim legendären Videodrom bestellte, war irgendwann auch die neu aufgelegte, ungekürzte Fassung von Dragon dran.

Und je älter ich werde, desto mehr wächst Dead & Buried mit jeder Sichtung. Es ist immer eine Freude, in die kleine Stadt Potters Bluff zurückzukehren und mit James Farentino als Sheriff Dan Gillis mitzufiebern, was denn überhaupt in dem Fischernest vor sich geht. Ob seine Frau Janet, eine Grundschullehrerin, wirklich etwas mit schwarzmagischen Ritualen zu tun hat und ob der leicht schrullige Bestatter Dobbs für einige unerklärliche Dinge, die in der Ortschaft vor sich gehen, verantwortlich ist. Alles beginnt mit einem Unfall und einem schwer verbrannten Mann, einem auf der Durchreise befindlichen Fotografen, der bei seiner Rast am Strand von einigen Bewohnern überwältigt und in Brand gesteckt wird. Gillis ahnt nicht, dass dieser Unfall fingiert ist und wird erst auf seltsames in Potters Bluff aufmerksam, als einer der Bewohner den vermeintlich schwer verbrannten und im Krankenhaus ermordeten Fotografen im Ort quicklebendig als Tankwart rumspazieren sieht. Als dann weitere Morde geschehen, kommt Gillis einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur.

Alter, Verfall, Tod: schon der Titel des Films zeigt deutlich, dass dies seine zentrale Themen sind. Die Vergangenheit, der Verfall, sind in Potters Bluff allgegenwärtig. Beinahe scheint es so, als wäre dort die Zeit einfach stehen geblieben. Nachdem der Film mit einem ebenso herrlichen wie melancholischen Pianotheme begonnen wird, wandelt sich eine vermeintliche alte Fotografie des Ortes zur filmischen Gegenwart. Alles wird farbig, das Standbild bewegt sich. Einzig die erdige, in Braun- und Sepiatönen gehaltene Farben des Films, sorgen dafür, dass der thematisierte Verfall, die im Hier und Jetzt allgegenwärtige Vergangenheit, präsent bleibt. Anhand der Kleidung einiger Einwohner könnte man auch meinen, dass man mit einem Besuch in Potters Bluff gleichzeitig in die 50er zurückreist. Shermans unaufgeregter Stil, die Geschichte langsam und bedächtig zum schockierenden Finale mit seinem großen Twist zu führen, diese Langsamkeit die Dead & Buried dadurch entwickelt, verstärkt dieses Gefühl. Sherman schafft es mit seinem Film, altmodischen Horror mit dem damals immer beliebter werdenden, offensiven Gorekino zu verbinden. Die blutigen Spitzen und der über die Figuren plötzlich hereinbrechende Terror sind akzentuiert eingesetzt. Lediglich einige laute Momente des Films, wenn die Gewalt graphisch wird, merkt man, dass dies Sherman nicht komplett liegt. Diese Szenen fühlen sich dezent überhastet an. Glücklicherweise entgleitet dies dem in Chicago geborenen Regisseur nie komplett.

Die fehlende Finesse, diese beiden Gegensätze in Einklang zu bringen, macht Dead & Buried mit dem Hintersinn seiner Geschichte wett. Die stammt aus der Feder von Dan O'Bannon und Ronald Shusett, die u. a. auch für das Script von Alien verantwortlich sind und entpuppt sich auf den zweiten Blick als eine Metapher auf das langsame dahinsiechen von Kleinstädten im gleichzeitigen Wachsen industriell starker Großgebiete und deren Anziehungspunkt für Bewohner dieser wirtschaftlich und infrastrukturell eher schwach aufgestellten Orte. Der Wegzug junger Leute schwächt diese ebenso wie die damit verbundene Konkurrenz großer Konzerne, gegen die die kleinen Läden oder auf einen wirtschaftlichen Haupt- und Ernährungszweig konzentrierten Gebiete keine Chance haben. Was liegt also näher, als mittels makabrer Rituale für neue Mitglieder der kleinen Gemeinde zu sorgen? Schon der Kinotrailer erzählte damals, das es nur einen Weg nach Potters Bluff, aber keinen raus gibt. Getreu dem Motto "Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt!" sorgen die Einwohner selbst für Zuwachs.

Dabei ist dies nur eine Lesart für Dead & Buried. Ebenso könnte man hier den Versuch sehen, die Vergangenheit und daran haftende Erinnerungen (krampfhaft) lebendig zu halten; um jeden Preis, koste es was es wolle. O'Bannon und Shusett schaffen hier eine düstere Horrormär mit leichten Okkultismusbezügen und dem klassischen Motiv der Überwindung des Todes. Da darf ein wahnsinniger Charakter, der in den Kreislauf von Leben und Tod eingreift und gottähnlich darüber bestimmt, nicht fehlen. Er ist die Exekutive im Versuch, das jenseitige Dasein und dessen Existenz zu etwas schönem werden zu lassen. Ein Arrangement mit dem Tod, dem Sterben, welches trotz (wortwörtlichen) gewaltsam schnellen Ausscheiden aus dem Leben auch wieder ein Anfang ist. Diese eigenwillige Sehnsucht nach Sterben, die Präsenz dieses Prozess zieht sich durch den ganzen Film. Schnell versinkt man in dieser ganz eigenen Stimmung, die Dead & Buried besitzt und selbst wenn der große Twist vergleichsweise schnell offensichtlich ist und für keine große Überraschung sorgt, fies ist er immer wieder. Und makaber. Gesamt ist das alles wunderschön, wenn man ein Faible für altmodisch gefärbten Horror hat, der nicht gänzlich ohne blutige Effekte auskommt, aber nie Situationen herbeiführt nur um eben dieser Effekte willens und lieber auf seine starke Atmosphäre setzt. Das verzeiht die teilweise spröde Regie von Sherman, die zu einiger Zeit zu sehr reduziert ist. Es bleibt der sehr gute Gesamteindruck von Dead & Buried, welcher vielleicht auch einer der unterschätztesten Horrorfilme der 80er ist. Ich freue mich schon auf meinen nächsten Ausflug nach Potters Bluff.

11. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Loreley's Grasp (5/13)

Vielleicht nicht alle Welt, aber zumindest ganz Europa blickt derzeit mit Spannung nach Spanien. Ruft Katalonien wirklich die Unabhängigkeit aus und spaltet sich somit vom Mutterland ab? Die gleiche Aufmerksamkeit, die das Land derzeit für seine politisch angespannte Situation erhält, hätten auch viele spanische Genrefilme verdient. Zu oft bleibt man beim Gedanken an Horror oder ähnlichem aus Europa in Italien oder England hängen. Spanische Horrorfilme fristen leider ein gewisses Schattendasein, was auch Oliver Nöding schön in seiner Besprechung zu Loreley's Grasp bemerkt hat. Dessen Schöpfer Amando de Ossorio ist zum Beispiel Vater einer der bekanntesten Horrorfilm-Reihen Spaniens: man kann seinen hoch zu Rosse agierenden, untoten Tempelrittern nicht gänzlich ihren trashigen Charakter absprechen, ebenso wenig aber den Kultfaktor. Die Nacht der reitenden Leichen ist trotz (oder wegen) seines kruden Mix aus atmosphärischem Gothic-Horror mit sleazigen Spitzen ein sehr unterhaltsamer Film.

Mit der gleichen Rezeptur wagte sich De Ossorio an die deutsche Volkssage der Loreley. In The Loreley's Grasp wird eine am Rhein gelegene, kleine Stadt von grausigen Morden an jungen Frauen in Atem gehalten. Geht man zuerst von einem wilden Tier aus, schürt ein blinder Geiger mit seinen Erzählungen über die Loreley die Angst und Ungewissheit unter den Bewohnern. Abhilfe soll der Jäger Sigurd (!) schaffen, der sich in einem Internat, von einigen knackigen Damen bewohnt, einnistet um zum einen das Internat und seine Bewohner zu schützen, zum anderen das vermutete, mörderische Getier zur Strecke zu bringen. Er macht dabei nicht nur Bekanntschaft mit einem Professor, der mit seinen Forschungen die Sage auf Echtheit überprüft, sondern auch mit einer geheimnisvollen Frau, die leicht bekleidet immer in der Nähe des Rheins zu sehen ist. Sigurd geht der Frage nach, ob es sich hier wirklich um die legendäre Loreley handelt.

In Ossorios Händen wird aus der allseits bekannten Sage ein wildes Leinwandtreiben, angesiedelt zwischen Monster- und Mad Scientist-Horror, der wie auch die reitenden Leichen leichte Ausflüge in den Gothic-Horror unternimmt und dazwischen jede Menge Lifestyle-Klischees der 70er auspackt und bestätigt. Nüchtern betrachtet schafft es der spanische Regisseur die Abläufe dieser Horrorspielarten auf gutem Durchschnitt aneinanderzureihen, deren Regeln einzuhalten und leider leicht spannungslos, da alles recht vorausschaubar ist, abzuspulen. Schön ist, dass De Ossorio diese Limitiertheit von Anfang an bewusst ist. In einem knackigen Tempo peitscht er seine Figuren durch eine Geschichte, die in den richtigen Momenten bei aufkommendem Leerlauf die ganze Bandbreite an Schauwerten ausspielt. Das Internat mit seinen jungen Bewohnerinnen, die wunderhübsche Silvia Tortosa als strenge Lehrerin Elke Ackermann und Helga Liné als Loreley bieten - anders kann man das nicht sagen - ordentlichen Eye-Candy. Dem Gegenüber steht Tony Kendall, sonst eher aus Italowestern bekannt, der in fescher, wunderlich gemusterter 70s-Klamottage meist mit der Flinte im Anschlag durch's Internat oder am Rhein spaziert, Helga Liné hinterherschmachtet oder seinen ganzen Machismo an Frau Tortosa ablässt.

Dazwischen inszeniert De Ossorio die Monsterangriffe - sicher durch das geringe Budget bedingt - beinahe gialloesk, wenn nur die grüne Klaue des Monstrums gezeigt wird, die sich ihren Weg zu den nächsten, leicht beschürzten Opfern bahnt. Am Ziel angelangt, metzelt die Sagengestalt ordentlich rum und präsentiert einfach gehaltene, aber für die damalige Zeit recht blutige Effekte; im Kontrast stehend zur sich langsam anbahnenden Liebesgeschichte zwischen Sigurd und Loreley. Auf den ersten Blick unbeholfen inszeniert, spielt Loreley's Grasp damit seine Qualitäten fern vom Trashfaktor aus: die beinahe in den Kitsch abdriftende Romanze öffnet in der zweiten Hälfte Tür und Tor für schauerlich gotische Bilder. De Ossorio hätte hier seinen Hang dazu ruhig stärker ausleben können. Sigurds Abstieg in die unterirdische Höhle der Loreley zum Beispiel bietet hübsche und atmosphärische Szenen. Die spürbare Überambition, zügellos Elemente einzelner Subgenres in ein fast chaotisches Gesamtbild zusammenzuführen, bremst den Film manchmal leider aus.

Bleibt noch der Charme des Films zu erwähnen, den er auf uns deutschen Zuschauer ausstrahlt. Ein gewisses Schmunzeln über die Bemühungen, alles so deutsch wie möglich aussehen zu lassen (inklusive Stock Footage-Aufnahmen vom Rhein), hat man die ganze Zeit über im Gesicht. Mit dem kernigen Geschlechterbild der damaligen Zeit, mit hilflosen Frauen und vor Testosteron auslaufenden Heroen mit tragisch-romantischer Achillesferse für schöne, geheimnisvollen Frauen ergibt Loreley's Grasp einen Film gewordenen Groschenroman. Einen guten wohl gemerkt mit schundig-schönen, amüsanten und gleichermaßen seichten wie romantischen Szenen. Die durchschimmernde Unbedarftheit, schenkt einem objektiv betrachtet mäßigem Horrorfilm seine liebenswerten Eigenheiten, die mich gute 85 Minuten bestens unterhielten. Frei nach Heinrich Heine kann ich abschließend nur sagen:

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so belustigt bin;
Ein Filmchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.


8. Oktober 2017

Es (2017)

Eigentlich ist Maine, im Nordwesten der USA gelegen, ein schöner Flecken des Landes. Trotzdem spielen viele Geschichten von Stephen King in dessen Heimatstaat und lassen das Grauen in diesen einziehen. Normalerweise ist die Familie im Idealfall ein Hort des Rückzugs, der Geborgenheit und ein Kraft spendende Zelle des menschlichen Lebens. Trotzdem lässt King in vielen seiner Geschichten diesen sozialen Bund erschüttern. Schicksalsschläge sind der Ausgangspunkt für seine Art des Horrors, um das Gefüge der Familie weiter auseinander treiben zu lassen. Im amerikanischen Mainstream-Horror ist dies seit vielen Jahrzehnten ein bewährtes Motiv, innere Konflikte in der Familie durch übernatürliche Eingriffe von außen zu steigern, um dann im gemeinsamen Bewältigen der Bedrohung auch diese zu meistern. Überwiegend sind alle Familienmitglieder gleich schwer betroffen oder die schwächsten, die Kinder, Angriffspunkt des Bösen um von ihren Eltern oder anderen Erwachsenen geschützt zu werden.

Kings Es funktioniert anders. Hier lauert das Böse nicht nur in Form einer übernatürlichen Kraft. Auch die Erwachsenen selbst, in der gesamten Geschichte ohnehin Randerscheinungen, sind keine schützenden Heilsbringer. Sei es die übermäßig besorgte Mutter von Eddie, welche ihm einredet, er könnte selbst vom harmlosesten Bazillus schrecklich krank werden oder der Vater von Beverly, der eine sehr eigene Interpretation von väterlicher Fürsorge gegenüber seiner Tochter hat. Einzig Bills Eltern erscheinen normal; die Familie wird dafür vom plötzlichen Verschwinden des kleinen Georgie, Bills Bruder, beherrscht. Das krampfhafte Suchen Bills nach diesem - eine gut gemeinte Geste und Versuch von diesem, mit dem Verlust des Bruders fertig zu werden - bringt nicht nur seine Eltern an ihre Grenzen. Auch dessen Freunde, so beherzt sie versuchen zu helfen, belastet dies. Die Clique, die meist von älteren Mitschülern aufgemischt und von diesen als Verlierer bezeichnet wird und sich deswegen selbst Losers Club nennt, steht dabei unwissentlich noch vor ihrer größten Prüfung.

Alle 27 Jahre kehrt Pennywise, eine fürchterliche Kreatur die großenteils in Gestalt eines Clowns auftritt, nach Derry, dem Ort des Geschehens zurück. Erst langsam dämmert den Freunden, dass Pennywise kein weiteres Gespinst Bills oder keine Einbildung eines anderen Cliquen-Mitglieds ist. Durch Ben, dem Neuen in der Stadt, finden die Freunde heraus, dass Pennywise schuld an einigen schlimmen Katastrophen sowie dem verschwinden von Menschen, Kindern im besonderen, ist. Trotz aller aufkommenden Konflikte in der Gruppe und ihren Ängsten, schwören sich die Kinder, sich dem Monstrum in Clownsgestalt zu stellen und ihn zu bekämpfen. Es sind ebenfalls 27 Jahre her, seitdem Pennywise - damals vom großartigen Tim Curry verkörpert - das erste Mal filmisch auf sich aufmerksam machte. War die 1990 entstandene, erste Verfilmung des Stoffs ein TV-Zweiteiler, so schafft es die Neuverfilmung des über 1000 Seiten starken Romans nun in die Kinos. Für mich war Es unter den vielen King-Verfilmungen neben Friedhof der Kuscheltiere und Misery immer eine der besten Umsetzungen seiner Bücher.

Die Neuverfilmung schickt sich an, dass ich diese künftig ebenfalls dazu zählen werde; selbst wenn er als Horrorfilm beinahe versagt. Seine Jumpscares und überlautes Dröhnen der Tonspur sorgen dafür, dass sorgfältig aufgebaute Spannungsmomente kaputt gemacht werden. Diese Zugeständnisse an Standards des modernen Horrorkinos hätte Es eigentlich nicht nötig. Das Spiel mit den kindlichen Ängsten, deren Bewältigung eines der Motive der Geschichte ist, könnte in subtilerer Herangehensweise weitaus mehr gewinnen. Der effektlastige, schnell hereinbrechende Terror funktioniert selten. Ein Gemälde einer verzerrt dargestellten Dame, die diesem entsteigt, ist einer der seltenen Momente, in denen diese Taktik funktioniert. Die einzelne Konfrontation der Jugendlichen mit Pennywise überzeugt weitaus mehr. Bill Skarsgård verleiht seinem Pennywise eine dämonische Ausstrahlung, die ihn offensichtlicher zu dem werden lässt, was er auch ist: ein durch und durch bösartiges Monster, welches den Clown nur als menschliche Hülle nutzt um seine Opfer anzulocken.

Erinnerungen an das Alter Ego des Serienmörders John Wayne Gacy, Pogo der Clown, werden dann wach, wenn Skarsgårds Augen gierig und böse auf der Leinwand funkeln. Der monströse Clown wird zum Sinnbild für all' den Schrecken, der in auf den ersten Blick harmlosen Kleinstädten lauert. Seien es die typischen Bullys, welche ihre Mitschüler terrorisieren oder das, was hinter den Türen der Häuser schwelt. Es gibt viele Ängste, viele Traumata, denen man sich als Kind stellen muss. Deren Bewältigung bringt der Film fernab seines Horrorbrimboriums sehr schön zur Geltung. Es bezieht seine größte Stärke vor allem durch die erzählerische Dichte und seiner Darstellung des Losers Club in allen Facetten. Die stark gecasteten Kinderdarsteller haben daran einen erheblichen Anteil. Ihr lockeres, unverkrampftes Spiel schafft es, dass die Figuren lebendig werden. Die Verlierer-Clique wächst dem Zuschauer schnell ans Herz und lässt Erinnerungen an Klassiker wie Stand By Me - ebenfalls eine King-Verfilmung - wach werden. Das Gefühl erwächst, ein unsichtbares Mitglied der Gruppe zu sein, die dicht am Geschehen dabei ist.

Regisseur Andrés Muschietti erweist sich als richtige Wahl: der Argentinier hat ein gutes Händchen für klassische Horrorgeschichten mit dramatischem Grundtenor, wie sein Debüt Mama (Review dazu gibt es hier) beweist. Muschietti kann subtil und in wichtigen Szenen schafft es auch das Buch, zurückhaltend zu agieren. Ganz unaufgeregt stellt er die großen und kleinen Dramen der Freunde dar: sei es die Enttäuschung des Vaters über die ungenügende Vorbereitung auf eine Bar Mitzvah, die Trauer um das verlorene Kind bzw. den Bruder oder angedeuteter sexueller Missbrauch. Hier glänzt Es, bevor der Horror wieder alles übertüncht und sinnbildlich auffrisst. Selbst wenn es nicht immer passen mag: die Coming of Age-Geschichte und damit verbundene Emotionalität, die der Film transportiert und die immens dichte Atmosphäre sorgen dafür, dass Es tatsächlich ein Anwärter für den besten Horrorfilm des Jahres ist. Das Gesamtbild ist bis zur letzten Minute stimmig und trägt in den Szenen, die zu übertrieben, zu laut, einfach zu plakativ sind. Das hat Es überhaupt nicht nötig. Seine herausstechenden anderen Stärken lassen ihn zu diesem sehr guten Film werden, der er letztendlich ist.

7. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Warte, bis es dunkel wird (4/13)

Die Idee von bzw. hinter Warte, bis es dunkel wird ist ja nicht einmal schlecht: im Jahr 1946 wurde die Kleinstadt Texarkana, im Grenzgebiet von Texas und Arizona gelegen, drei Monate lang von einer fürchterlichen Mordserie beherrscht. Sie gingen als Texarkana Moonlight Murders in die Geschichte ein. Der bis heute unbekannte Täter erschoss überwiegend Pärchen; das erste auf einem abgelegenen Weg, auf dem sich Liebespaare ein paar schöne Stunden zu zweit machten. Dreißig Jahre später drehte Charles B. Pierce mit The Town That Dreaded Sundown, in Deutschland mit den äußerst einfachen Titeln Der Umleger (Kino) bzw. Phantom-Killer (Video) versehen, einen Film, welcher inspiriert vom Geschehen äußerst exploitativ die Morde an den Opfern und die Ermittlungen der örtlichen Polizei sowie der Texas Rangers in semidokumentarischem Stil zeigt.

Im Jahr 2014 kam Warte, bis es dunkel wird in die Kinos. Vielerorts wurde dieser als Remake von Pierces' Film bezeichnet, was nur bedingt richtig ist. Vielmehr ist Alfonso Gomez-Rejons Werk alles gleichzeitig: Remake und sogar Sequel. Gleich zu Beginn präsentiert man uns historische Aufnahmen Texarkanas aus der Zeit der Mordserie, danach beginnt der Film mit einer makabren Tradition: seit der Premiere von Der Umleger wird dieser einmal pro Jahr an Halloween in einem Open Air-Kino gezeigt. Das Pärchen Jami und Corey entfernt sich von der Vorstellung, um sich ein lauschiges, einsames Plätzchen zu suchen. Jami mag solche Filme einfach nicht und möchte zudem die Zeit mit ihrem Date alleine verbringen. Kaum an der Lovers Lane angekommen, werden sie von einem maskierten Unbekannten überfallen. Corey wird ermordet, Jami wird laufen gelassen, um "alle daran zu erinnern". In den nächsten Tagen wird klar, dass ein neuer Phantom-Mörder in der kleinen Stadt umgeht. Er bleibt dabei mit Jami in Kontakt, damit - wie von ihm bereits zu Beginn kryptisch vorgetragen - die Stadt und ihre Einwohner nicht wieder vergessen. Dabei versucht Jami, hinter die Identität des Mörders zu kommen.

Warte, bis es dunkel wird treibt die selbstreferenzielle Tendenz des Horrorkinos der letzten Jahre auf die Höhe. Ohne ironische Brechungen erschafft er aus dem im Genre bekannten "Based on true events"-Aufbau einen eigenen Kosmos, in dem auch der Film auf dem er basiert, existiert und mit eingewoben wird. Zum einen greift sch Gomez-Rejon den ursprünglichen Stoff und transferiert ihn in die neue Zeit, zum anderen wird dessen Geschichte weitererzählt. Immer präsent: das Original, welches uns schon zu Beginn gezeigt wird, bevor die Kamera sich von der Leinwand des Open Air-Kinos löst und uns in das neu geschaffene, filmische Universum entlässt. Egal ob in Unterhaltungen oder in irgendwo gerade abgespielten Ausschnitten, bleibt Pierces' Film im Bewusstsein des Zuschauers und der Filmfiguren. Nichts kann ohne das andere existieren: ohne die reale Mordserie keine erste Aufarbeitung aus den 70ern, ohne dieses keine Gegenwart des aktuellen Werks. Nächster Höhepunkt dieser Verwobenheit ist, dass Denis O'Hare den Sohn von Charles B. Pierce mimt, während der reelle Filius einen kleinen Cameo-Auftritt im Film hat.

Das Problem von Warte, bis es dunkel wird ist, dass er sich komplett auf dieser Idee ausruht. Sie ist gut, bis zu einem Punkt faszinierend, doch selbst wenn man - wie in meinem Falle - erst nach schauen des Films recherchiert und diese Informationen nachließt, bleibt das Gefühl bestehen, dass viel Potenzial verschenkt wurde. Gomez-Rejon schwankt zwischen Slasher-Stereotypen, mit denen er merkbar Probleme hat und wirklich famos fotografiertem Arthouse-Kino, der aus seiner Grundidee keine funktionierende Symbiose mit den restlichen Elementen des Films eingehen kann. Was auf visueller Ebene wirklich hübsch anzuschauen ist - eben mitreißt - bleibt narrativ flach. Man ruht sich auf allen Selbstreferenzen und der Meta-Ebene aus; uninspiriert stolpert man ansonsten wie Hauptfigur Jami durch die Geschichte. Mit fortlaufender Zeit ist das immer schwerfälliger. Sein großer Kniff lässt The Town That Dreaded Sundown nicht verbergen, dass er ein spannungsarmer Slasher ist, bei dem man vermuten kann, dass Gomez-Rejon vielleicht kein wirkliches Interesse an einem reinen, traditionellen Horrorfilm hatte. Schade ist einfach, dass bis eben auf die doppelten und dreifachen Selbstrefenzen sonst nichts übrig bleibt. Der Rest ist inhaltliches auf der Stelle treten, reines abspulen einer weniger originellen Geschichte die - begleitet mit einem großen leider - andere Filme packender umsetzen können. Es blieb ein großes Schulterzucken zurück, als der Abspann lief. Warte, bis es dunkel wird ist wirklich anders, könnte eigentlich mehr sein als ein durchschnittlicher Slasher mit toller Ausgangsidee, da sein Potenzial sicht- und greifbar ist. Nur sollte man sich eben nie auf dieser einen, großartigen Idee ausruhen.