19. April 2017

Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen

Nachdem bei mir das Interesse an Film durch phantastischen Stoff in Bewegtbildform - meist Horrorfilme aller Couleur - geweckt wurde, schnitt ich ab Ende der 90er fröhlich alles im TV mit, was in der bei meinen Eltern bevorzugten Fernsehzeitschrift mit einem Daumen nach oben gesegnet wurde. Durch einen runden Geburtstag von Claude Chabrol wurden irgendwann viele seiner größten Filme bei den öffentlich-rechtlichen Kanälen rauf und runter gesendet, ich notierte mir so gut wie alle Sendetermine, nahm die Filme auf... und war gefangen. Meine Liebe zum französischen Film basiert durch dieses damalige "alles mal mitnehmen" und Neugierde auf alle Spielarten des Mediums. Ich mag die Nouvelle Vague und durch sie groß gewordenen Regisseure wie Truffaut, Rohmer, Godard (mit dem ich immer etwas meine Schwierigkeiten habe), Malle oder Resnais. Mein allerliebster Regisseur dieser Strömung ist und bleibt aber Claude Chabrol.

Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen war bisher einer der wenigen Filme des Franzosen, den ich noch nicht gesehen habe. Es lag nicht daran, dass er als schwächster Film Chabrols und von Hauptdarstellerin Romy Schneider gilt. Er wurde meiner geringen Erinnerung nach damals nicht gesendet und im Nachhinein hab ich es schlicht und ergreifend immer verpasst, ihn bei einer späteren Ausstrahlung mitzuschneiden oder auf DVD zu kaufen. Wie gut, dass diese Wissenslücke nun geschlossen werden konnte. Die auf einem eher drögen Kriminalroman basierende Geschichte wird in den Händen des ehemaligen Filmkritikers zu einem doppelbödigen und spannenden Werk zwischen Krimi und Drama, welches auch hier Chabrols liebstes Motiv, das Zurschaustellen der Abgründe innerhalb des gehobenen Bürgertums, aufgreift.

Vordergründig scheint hier Gier das zentrale Motiv der Geschichte zu sein. Konkreter gesagt die Gier des jungen Schriftstellers Jeff, der die hübsche Julie trifft. Diese ist mit dem steinreichen und alkoholabhängigen Louis verheiratet, doch das Eheleben der beiden beschränkt sich auf ein Minimum von Zweisamkeit. Julie meidet die Nähe ihres Mannes, beide schlafen in getrennten Zimmern und Louis' Geld allein scheint Julie nicht (lange) glücklich zu machen. Jeff rennt bei ihr offene Türen ein, es entwickelt sich eine Affäre und ein perfider Plan: der Mord an Louis, getarnt als Segelunfall. Nachdem Julie und Jeff diesen in die Tat umgesetzt haben, scheint alles wie ausgedacht zu laufen. Doch dann bleibt Julies Liebhaber verschwunden und durch von der Polizei aufgedeckte, pikante Details, von denen auch sie nichts wusste, sehen die Ermittler sich gezwungen, diese als Verdächtige anzusehen. Gäben sie ihr doch ein Motiv für ein Verbrechen am Ehemann. Allerdings kommt es für Julie noch schlimmer als angenommen.

Das tolle an Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen ist der Umstand, dass er auf seinen zwei Ebenen sehr gut funktioniert. Zuerst wäre da die angesprochene Kriminalgeschichte, die auf den ersten Blick recht konventionell erscheint. Mit zurückgenommenem Tempo spinnt Chabrol eine Geschichte, deren Überraschungen in ihrer Wirkung auch heute noch gut funktionieren, obwohl sie bei näherer Betrachtung stark konstruiert erscheinen. Das erzählerische Timing jedoch bleibt einfach exzellent. Grob könnte man die Wendungen sogar gialloesk nennen, arbeiten die italienischen Thriller in ihren Auflösungen ebenfalls gerne mit gewissen Übertreibungen. Chabrol bettet seine Geschichte nur in nicht ganz so tolle Bilder wie die Kollegen aus Italien, wobei auch hier - teils eher auf den zweiten Blick versteckt - hübsche Kameraeinstellungen vorhanden sind. In einer der stärksten Szenen sind zwei der Protagonisten im dunklen Haus Julies mit den nächtlichen Schatten verbunden, schälen sich aus diesen heraus und entschwinden wieder in ihnen. Die Ausleuchtung und der Einsatz der Schatten ist atemberaubend noiresque und verstärkt das ausgezeichnete Spiel Romy Schneiders und ihres Partners.

Mehr noch konzentriert sich Chabrol auf seine weibliche Protagonistin. Er zeigt Julie als eine gefangene, eingesperrt in einem stylischen Luxuskäfig, die trotz ihres Handeln immer auch Opfer bleibt. Sie wird ausgenutzt; mal mehr, mal weniger. Die Machtspiele der drei Hauptfiguren und Julies Bestreben, in dieser Welt in der sie existieren muss, sich zu behaupten, verliert sie. Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen ist ein feministischer Film, obwohl das Bild, das von Julie oder Frauen im Allgemeinen gezeichnet wird, nicht das beste ist. Er ist eine nüchterne Betrachtung der damaligen Zustände, noch weit weg vom weiteren Erstarken der Frauenbewegung. Julie erreicht ihr Ziel, bekommt das was sie will. Allerdings nicht als starke Frau, die sich in der "Männerwelt mit Gesetzen die von Männern gemacht wurde" - so sagt es der eigene Anwalt zu ihr - behauptet. Bei all' dem Kampf um Macht und emotionalem Besitz über eine Person verliert vor allem Julie das aus den Augen, was ihrem Seelenfrieden gut tut. Die aufgestaute, unterschwellige Sexualität lässt Chabrol gekonnt in kleinen Momenten aufblitzen, bis es im Finale gewaltig explodiert. Anders als seine Kollegen aus Italien zu der Zeit erzählt Chabrol seine Geschichte zugeknöpfter, konzentriert sich lieber auf seine Figuren und treibt die Handlung mit schön geschliffenen Dialogen voran. Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen spart dabei gar nicht allzu viel aus, schafft beim Zuschauer in einigen Szenen ein zusätzliches Kopfkino und steigert gekonnt seine Spannung. Bis auf die manchmal sehr obskur anmutenden Polizei-Beamten, welche in Louis' Fall ermitteln, passt ansonsten vieles bei diesem Film. Chabrol, der laut einer enttäuschten Romy Schneider während der Dreharbeiten mehr am Schachspiel als am eigentlichen Film interessiert war, erzählt mit distanziert-kühlem Blick eine Geschichte um Gier, Machtspiele und -verhältnisse innerhalb einer Beziehung, um Lügen und seziert im vorbeigehen die gesellschaftlichen Verhältnisse gegenüber Frauen in einer damals noch sehr patriarchalisch geprägten Welt. Es mag nicht ganz so präzise und stechend wie in anderen Filmen sein. Trotzdem ist Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen ein großartiger Film, der  auch heute noch eine mitnehmende Wirkung entfaltet. Eine Sache an Chabrols Werken, die mich schon von Beginn an fasziniert hat.


16. April 2017

Lost Things - Strand der verlorenen Seelen

Vier Jugendliche, zwei Jungs und zwei Mädchen, machen einen Ausflug an einen abgelegenen Strand. So oder leicht abgewandelt beginnen sehr viele Horrorfilme, die meistens mit einer flachen Story, aber dafür vielleicht wenigstens mit einer guten Portion Gore und im besten Falle auch noch einigermaßen spannende Momente unterhalten können. Lost Things hätte sich besser auch auf diese Formel beschränken sollen. Man entschied sich letztendlich dafür, die simpel gestrickte Geschichte des Films in den Dialogen aufzublähen, ihm einen mystischen Touch zu schenken, der für einige seltsame Momente gut ist, dies im Ganzen aber immer noch weit entfernt von einem guten Film ist.

Die angesprochenen Jugendlichen - Gary, Emily, Tracy und Brad - machen am im deutschen Titel reißerisch umschriebenen Strand der verlorenen Seelen bald die Bekanntschaft des geheimsnisvollen Zippo, der die jungen Leute davor warnt, länger am Strand zu bleiben. Es sollen dort vor einiger Zeit Menschen umgebracht worden sein. Man lässt sich nicht beirren, trotz immer öfter auftretender, seltsamer Geschehnisse. Aus der gewählten Prämisse Sonne, Surfen und Sex wird bald Streit, Misstrauen und Angst. Es treten Konflikte innerhalb der Gruppe auf und dank der unheimlichen Stimmung, dem immer wieder auftauchenden Zippo und den Streitigkeiten untereinander wird aus dem erhofften, kurzweiligen Trip schnell ein Ausflug des Grauens.

Die Exkursion des Quartetts wird nicht nur für die vier Protagonisten des Films richtig zäh, auch als Zuschauer muss man einiges aushalten. Wobei ich beim Schauen von Lost Things selten so viel Spaß daran hatte, einem Film beim Scheitern zuzuschauen, der nicht in die für Trashologen bevorzugte "So bad it's good"-Richtung geht. Eher sieht man immer wieder Potenzial aufblitzen, welches im ersten Aufkommen mit Leichtigkeit gegen die Wand gefahren wird. Immerhin auch ein Talent! Wobei Lost Things visuell sogar was auf dem Kasten hat. Er wirkt wie ein trister TV-Film mit knalligen Farben, über den viel Weichzeichner gekippt worden ist um so die Naturbilder - von denen es einige gibt - stimmig einzufangen. Dies kann man bei einigen atmosphärischen Bildern sogar gelungen nennen. Sie bestechen mit gut gewählten Perspektiven und können wenigstens die unwirkliche, mysteriöse Stimmung des Strands einfangen.

Alles, was Lost Things sonst aufwartet, ist abgestandenes Storytelling der uninspiriertesten Sorte. Der Beginn des Films lässt den geübten Zuschauer sogar noch schneller als ohnehin schon ahnen, wohin die Geschichte sich bewegt und was der überraschende Twist sein soll. Zwischen den wenigen, sehr gezwungenen Momenten, welche Spannung oder sogar Grusel erzeugen sollen, versucht man Teenie-Figuren, deren Charakterzeichnung man aus dem Handbuch für 08/15-Slasher entnommen zu haben scheint, schlaue und nachdenkliche Dinge sagen zu lassen. Es entsteht inhaltsleeres Dampfplauern, welches sich um das erwachsen werden, dem Führen von Beziehungen und der menschlichen Existenz dreht und aufgesetzt wirkt. Wo andere abwinken und auf Durchzug schalten hatte ich hier wenigstens Spaß, diesem grausigen Dialogtreiben zuzuhören. Da reiht sich eine Schwachsinnszeile an die Nächste und man kommt immer mehr ins Grübeln, wieso der Film zu seiner Erscheinungszeit als Australiens Blair Witch Project angepriesen wurde.

Vielleicht empfand man ihn ähnlich nervig wie die Mutter aller modernen Found Footage-Horrorschocker. Der Mix aus seichtem Mystery und Erzählstrukturen des Slasherkinos fährt sein durchaus vorhandenes Potenzial einfach an die Wand. In den wenigen guten Momenten wirkt er wie ein leicht surrealer Horrortrip, wird in den nächsten Sekunden dann aber doch nur wieder dieser fade Mysterythriller wird, der durch die angesprochenen pseudophilosophischen Dialoge, vorgetragen von Darstellern mit beschränktem Talent die dafür sorgen, dass keine ihrer Figuren wirklich sympathisch ist, auffällt. Die wenigen tollen Bilder auf der fotografischen Seite, werten eben nicht komplett die flache Geschichte auf. Trotz des gewissen Amüsement, welches ich beim Schauen von Lost Things hatte, kam ich nicht drumherum am Ende zuzugeben, dass es ein doch eher schlechter Film ist.

27. März 2017

Sausage Party

Man könnte denken, das Script zu Sausage Party wäre von zwei stark pubertierenden 14-jährigen Teenies geschrieben worden, die dem näheren zweisamen Kontakt mit dem angeblich schwachen Geschlecht sehnlichst entgegensehen. Seth Rogen, der es sich seit einigen Jahren vor und hinter der Kamera gemütlich gemacht und dort sein eigenes Plätzchen gefunden hat und einer der Autoren des Animationsfilms ist, wurde wie ich im gleichen Jahr geboren: 1982. Von seinen 34 Lenzen merkt man in diesem Film herzlich wenig. Ich möchte mich gar nicht groß über seinen infantilen, vulgären Humor, den er hier in den Film gepackt hat, beschweren. Ich musste auch mehr als einmal darüber lachen und mich ertappen, wie verdammt lustig diese flachen Gags dann doch sind. Nur, und hier kommen wir wieder zu dem 14-jährigen Pubertierenden zurück, übertreiben es Rogen und seine Co-Autoren doch etwas zu doll.

Die ständigen sexuellen Anspielungen - egal ob visuell oder im Dialog der Figuren - ermüden beinahe und bringen die Handlung an den Rand der humoresken Eskalation. Wobei diese doch so hübsch doppelbödig sind, wenn die anthropomorphen Lebensmittel eines riesigen Supermarkts, allen voran der Hot Dog Frank und seine angebetete Brenda, einem Hot Dog-Brötchen, vom großen "Draußen" träumen. Die "Götter", gemeint sind die menschlichen Konsumenten, bringen die Lebensmittel laut einer Legende dorthin, befreien sie aus der Verpackung um dann mit ihnen in Einklang zu leben und diese zu verwöhnen. Doch es tauchen Risse auf: zuerst stürzt sich der von der "Wahrheit" wissende, paranoid erscheinende Honigsenf selbstmörderisch aus dem Einkaufswagen, was Frank und Brenda aus ihren Packungen und in ein unglaubliches Abenteuer stürzt, bei dem im Verlauf auch die wahnsinnig gewordene Vaginaldusche Douche eine große Rolle spielt, die den verliebten Hot Dog-Zutaten nach dem Leben trachtet und Frank immer mehr Honigsenf glaubt, der davon sprach, dass es keine Erlösung im großen Draußen gibt und ihm den Tipp gab, mit dem Liqueur Feuerwasser zu reden. Auf der anderen Seite freuen sich Franks verbliebene Hot Dog-Kumpels Barry, Troy und Carl darauf, dass sie nach dem Unfall endlich im großen Draußen angekommen sind. Nur um dann die bittere Wahrheit zu erfahren und versuchen, zu flüchten.

Man mag es bei dieser Inhaltsangabe nicht glauben, dass es die Drehbuchautoren nicht nur geschafft haben, gefühlt jede Sekunde einen mal mehr, mal weniger gelungenen Gag mit sexuellem Hintergrund rauszuhauen sondern der Geschichte einen interessanten Unterbau zu schenken. Dieser ist sogar richtig clever, greift er doch ebenso ständig den blinden Gehormsam gegenüber Religionen an. Dies geschieht durch das Gerüst um das große "Draußen" und der angeblichen Erlösung die man erfährt, wenn man von den Göttern mitgenommen wird. Schnell fühlt man sich an christlich geprägte Sekten wie den Zeugen Jehovas erinnert und all den Irsinn, was diese und ähnlich geartete Gruppen von sich geben. Auf ihrem Weg durch den Supermarkt begegnen Brenda und Frank dem arabischen Kareem Lavash und dem jüdischen Samy Bagel Jr., die so überzeichnet und klischeebeladen dargestellt werden, wie es nur möglich ist. Dies ist aber auch der Auftakt einer irrsinnig beginnenden Freundschaft zwischen den beiden, die sich seit ihres Aufeinandertreffens mit Spitzen befeuern, die auch gegenwärtige Entwicklungen zwischen dem arabischen und isrealischen Raum beinhalten.

Wie sich ihre Freundschaft entwickelt und in was sie gipfelt, könnten einige stark konservative Gemüter auf beiden Seiten als schockierende Provokation empfinden. Man kann es natürlich auch plump nennen, dies ist der Schattenseite des Films zuzuführen. All die Cleverness, die die Geschichte von Sausage Party beinhaltet, wird noch lieber mit platten Witzen über Sex zugekleistert. Manchmal ist es dann doch ein wenig zu viel des Guten. Völlig entgleitet die Geschichte den Autoren nicht, auch wenn eine finale Orgienszene irgendwo zwischen total irrsinnig, hemmungslosem (guten) Schwachsinn und verstörend (die Meinung meiner Freundin, als wir den Film zusammen sahen) liegt. Als sich für Popkultur begeisternder Nerd kann man sich außerdem an den vielen Filmanspielungen (u. a. Terminator 2 oder Der Soldat James Ryan) und persiflieren bekannter Persönlichkeiten (mein persönliches Highlight: Meat Loaf) erfreuen. Am Ende des Films ist man allerdings erstmal so platt wie ein Lavash. Da hilft auch der Meta-Ebenen-Witz ganz zum Schluß nicht wirklich weiter. Mit ein wenig Abstand kann man manchmal über einige Dinge weiterhin nur den Kopf schütteln. Häufiger grinst man aber eher über diese überdrehte Kombination aus cleverer Message, die in so ein komplett infantiles Grundgerüst gepresst wurde. Das dies zum größten Teil funktioniert, ist ein Talent, welches man Seth Rogen und seinen Autoren nicht abstreiten kann.

26. März 2017

Die Kröte

Da muss Tomas Milian erst sterben, damit ich mir nach längerer Zeit mal wieder diesen großen Film anschauen muss. Der gebürtige Kubaner erlag Anfang der Woche einem Schlaganfall und wurde 84 Jahre alt. Dieser Text soll weniger ein Nachruf werden, auf den ich verzichtete, zumal Marco von Filmforum Bremen mittlerweile einen geschrieben hat. Die Endlichkeit gehört zum Leben leider dazu, unsere Helden vor und hinter der Kamera werden alle einmal die Augen zum letzten Mal schließen und doch hat mich Milians Tod getroffen. War ich ab Mitte der 90er schon durch die großen Splatter-Klassiker aus Italien dem Genrekino aus dem südeuropäischen Land nicht abgeneigt, so tauchte ich ab meinem persönlichen Wechsel auf das Medium der DVD zu Beginn der 2000er vollends in die verschiedenen Subgenres des italienischen Populärkinos ab. Tomas Milian begleitete mich überall. Sei es in Western wie Ohne Dollar keinen Sarg, Gialli wie Don't Torture A Duckling oder den Poliziotteschi wie Die Banditen von Mailand oder Die Viper: der wandelbare Schauspieler faszinierte mich mit eben dieser Fähigkeit und war mit ein Grund, wieso ich mich immer mehr für das italienische Kino der vergangenen Jahrzehnte immer mehr begeisterte.

In Die Kröte ist er sogar doppelt zu bewundern: einmal als schlappmäuligen Sergio Marazzi, von seinen Monezza genannt und dann als dessen Zwillingsbruder Vincenzo Marazzi, dem "Buckligen von Rom", einem Gangster, der nach 16 Monaten zurück in die Landeshauptstadt kommt um mit seinen alten Kumpanen ein Ding zu drehen. Der geplante Überfall auf den Geldtransporter geht glatt über die Bühne, doch Vincenzos Komplizen spielen ein doppeltes Spiel. Im Trubel und im Schutz des Nebels der eingesetzten Rauchbomben schießen sie auf diesen. Vincenzo wird nicht getroffen, kann sich in die Kanalisation und dann zu seiner Freundin, der Prostituierten Maria, flüchten. Von dort aus rächt er sich mit einem eiskalten Plan an den drei Mittätern, hat allerdings auch die Polizei in Form des Kommissars Sarti auf den Fersen. Anders als der in Lenzis Die Viper und Die Gewalt bin ich omnipräsente Maurizio Merli rückt der von Pino Colizzi dargestellte Polizist in den Hintergrund der Geschichte. Der Charakter ist, anders als die meisten von Merlis Figuren, sehr nüchtern und bedacht. Keine Spur von Hitzköpfigkeit und dem unbändigen Trieb nach Gerechtigkeit, der auch über die gesetzlichen Schranken des Berufs hinausgeht.

Sowieso ist Die Kröte im Vergleich mit anderen Lenzi-Polizeifilmen zurückhaltender und ruhiger. Wirken viele seiner Filme episodisch und wie verschiedene inszenierte Momentaufnahmen, die dem roten Faden der Geschichte bzw. der Hauptstoryline zum Teil nicht einmal dienlich sind, gibt sich La banda del gobbo weitaus aufgeräumter und durchdachter. Selbst die Action rückt in den Hintergrund und macht Platz für einen vordergründig einfach gehaltenen Gangsterfilm, der bei genauerem hinsehen ein triviales, leicht schmieriges aber gut umgesetztes Sozialdrama ist. Die Kröte ist so einfach gehalten, wie die Leute und deren Milieu, das er porträtiert: die armen Leute, die im Abseits der Gesellschaft stehenden, welche durch eben diese sich dazu gezwungen fühlen, ihren Unterhalt mit nicht ganz legalen Mitteln zu bestreiten. Milians Rollen als Monezza und Vincenzo zeigen dabei die krassen Gegensätze innerhalb der Unterschicht. Der proletenhafte Monezza ist wie Eingangs erwähnt ein lauter Charakter, der seinem Unmut ohne große Umschweife Luft verschafft. "Wenn man eines Tages aus Scheiße Gold machen kann, werden wir Armen ohne Arsch geboren!" ist dabei nur einer der vielen Sprüche des vulgären Lockenkopfs. Vincenzo ist dabei - anders als Milians Buckliger in Die Viper - ein bedachter Mensch, loyal gegenüber seiner selbst gewählten Familie, der sich als Opfer der Gesellschaft ansieht, die ihn dazu treibt, dass zu tun, was er eben macht.

Legendär ist hier die Szene in der Nobeldisco, in der Vincenzo eine Hasstirade auf die feine Gesellschaft ablässt, nachdem sie ihm wegen seines leicht unbeholfenen Tanzens auslachen. Seine Konsequenz: während seiner Rede lässt er seine Kumpanen die Besucher des Schuppens ausrauben und flößt ihnen dann Abführmittel ein. Wie sagt sein Bruder zu Beginn so treffend? "Ja wir sind scheiße und werden immer scheiße sein!" Sein Zwilling zeigt den feinen Pinkeln physisch mit ebenjener Aktion physisch, wie es sich anfühlt. Gleichbedeutend mit Monezzas Ausspruch kann man hier Vincenzos Flucht durch die Kanalisation ansehen, die diese durch Schlamm und Dreck waten lässt. Schwer gebeutelt vom sich durch den Matsch kämpfen und der Flucht vor den hinterhältigen Mittätern schafft er es, das Ende des Kanals zu erreichen. Mit seinen Möglichkeiten versucht er, aus seinem einfachen Leben auszubrechen. Der vielleicht auch wegen schlechter Erfahrungen distanziert erscheinende Vincenzo zeigt dabei in kleinen, leisen Momenten seine Emotionalität. Vor allem dann, wenn man vermutet, dass der Vulkan, der da vielleicht in dem Mann brodelt, auszubrechen droht. Hier präsentieren uns Lenzi und Milian, der für die Dialoge der Brüder verantwortlich ist und damit noch eine ganze Kelle mehr Sozialkritik in den Film packt, das Gegenteilige und hiermit auch für das Genre ungewohnt zurückhaltende Momente.

Die Kröte kann man vielleicht in der Tradition von Ferndando di Leos Gangstertrilogie, bestehend aus Milano Kaliber 9, Der Mafiaboss und Der Teufel führt Regie sehen. Wobei selbst die drei genannten Filme mehr Action bieten als Die Kröte, der aus den Poliziotteschi Lenzis mit seiner Andersartigkeit einsam heraus sticht. Nur manchmal bemerkt den gewohnten, lieb gewonnenen ruppigen Stil des Italieners. Wenn Vincenzo zum Beispiel zur Rache an den Komplizen schreitet oder in den hier weniger vertretenen Verfolgungsjagden. Lenzi und Milian schienen hier vielleicht dem Genre, dessen kurzer Hype hier schon am abebben war, überdrüssig zu sein und wollten etwas anderes ausprobieren. Was im Falle von Die Kröte auch gut funktioniert. Die technische Überwindung der doppelten Rolle von Tomas Milian ist meist simpel aber gut umgesetzt, dank des guten Schnitts von Eugenio Alabiso. Hinzu kommt ein sehr guter Score von Franco Micalizzi, der sonst für sehr breite und aufwändige Musikstücke (wie zum Beispiel bei Die Gewalt bin ich) mit viel Groove bekannt ist, die sich stark an den Soundtracks der amerikanischen Polizeifilm-Vorbildern orientieren. Mit dem härteren, gewaltigeren Der Berserker dürfte Die Kröte Lenzis bester Poliziottscho sein, der für dieses Genre ohnehin ein sehr gutes Händchen hatte. Trotz seiner reduzierten Action, bietet der Film ein gut voranschreitendes Erzähltempo und ein Ende, dass weder zu stark sentimental ist noch auf den Spuren Hollywoods wandelt.

Der Ausbruch aus dem Leben, in das man hineingeboren wurde, erscheint schwer und manchmal unmöglich. Gerade dann, wenn man weniger legale Wege beschreitet. Als würde man sich moralisch gerade rücken, bevor das Publikum zuviel Sympathien für die Methoden Vincenzos entwickeln. Schlechten Menschen widerfährt auch schlechtes. Als Höhepunkt stellen Lenzi und Milian ihrem Protagonisten, der immer wieder beißend-ironisch den Aberglauben, dass das Berühren seines Buckels Glück bringt koketiert, anspricht, ihm das abergläubische Symbol des Unglücks entgegen, wenn Vincenzos Fahrt in eine eigentlich frei gewähnte Welt von einer schwarzen Katze gekreuzt wird. Um es mit Monezzas Worten auszudrücken: Scheiße bleibt eben Scheiße. Und Die Kröte ein außergewöhnlicher und sehr guter Polizeifilm, der sich wie Lenzis schmierige und dreckige Version eines Accatones des italienischen Genrefilms anfühlt. Mein Dank gebührt dem Duo Lenzi und Milian, dass sie sich dafür entschieden haben, es eine ganze Ecke ruhiger als in ihren bisherigen Filmen angehen zu lassen und Milian selbst. Nicht nur für seine Performance in diesem, sondern auch in den vielen anderen Werken, die er mit seinem Können bereichert hat.

21. März 2017

Aquarius

Bevor er hinter der Kamera auf dem Regiestuhl platz nahm, war Michele Soavi vor der Kamera aktiv: zum Beispiel in Ein Zombie hing am Glockenseil oder Lamberto Bavas Blastfighter. Im Jahre 1987 wechselte der meistens als Nebendarsteller in Erscheinung getretene Soavi ins Regiefach. Gleich sein Debüt, produziert von der Filmirage, der Produktionsfirma von Italiens Schmuddelpapst Joe D'Amato, zeigt auf, zu welchen Großtaten Soavi noch fähig sein sollte. Aquarius, im deutschsprachigen Raum mit dem leicht dämlichen Untertitel Theater des Todes versehen, ist ein beeindruckender Hybrid aus Giallo und Slasher. Wobei die Grenzen bei diesen Subgenres ja fließend sind, könnte der Slasher ohne den Giallo doch gar nicht existieren. Die Geschichte orientiert sich dabei mehr an den amerikanischen Schlitzerfilmen.

Für die anstehende Premiere eines Musicals über einen Serienmörder probt ein Ensemble unter der harten Knute ihres Regisseurs Peter in einem abgelegenen Theater. Die Darstellerin Alicia zieht sich eine Knöchelverletzung zu und verlässt trotz ausdrücklichen Verbots von Peter die Proben, um sich in einer nahegelegenen Klinik behandeln zu lassen. Diese entpuppt sich als Psychiatrie, in die vor kurzem der wahnsinnig gewordene Schauspieler Irwing Wallace eingeliefert wurde. Dem Mimen, der sich zum Serienmörder entwickelte, gelingt die Flucht aus der Anstalt und versteckt sich im Wagen von Alicia und verschafft sich Zutritt zum Theater. In der Maske des Mörders aus dem Stück macht er Jagd auf die Mitglieder des Ensembles.

Als ich Aquarius vor mehr als 15 Jahren das erste (und bis jetzt zum einzigen Male) sah, nahm ich ihn als italienische Version eines Slashers wahr, der sich stark an den amerikanischen Vorbildern orientiert. Auch heute kann man den auch als Stage Fright bekannten Film im Grunde mehr als Slasher sehen. Der Mörder bekommt keine große bzw. besondere Hintergrundgeschichte spendiert, kann sich aus der Sicherheitsverwahrung befreien, versteckt sich im Wagen der Darstellerin Alicia um so am Hauptort der Handlung transferiert zu werden und zieht dann maskiert seine Runden durch das Gebäude, um sein blutiges Handwerk zu verrichten. Die Maske, ein Eulenkopf, den auch der Mörder des Musicals trägt, hebt sich dabei hübsch vom Einerlei der übrigens Slashermeuchler ab. Schwarze Handschuhe, ein dezent verhüllter Mörder, ja selbst kunstvoll inszenierte Mordszenen, hintergründig sexuell aufgeladene Stimmung oder sexualpsychologische Traumata des Mörders sucht man hier vergebens. Wie Soavi die von Luigi Montefiori, besser bekannt als George Eastman, geschriebenen Geschichte inszeniert, ist ganz klar italienisch und gialloesk.

Alleine schon der Einstieg, wenn man eine Szene des Stücks gezeigt bekommt und noch nicht weiß, dass dies nur eine Inszenierung ist, ist klasse fotografiert und wird erst dann aufgelöst, wenn die Musik einsetzt und die Tänzer zu sehen sind. In einer langsamen, rückwärtigen Fahrt der Kamera wird immer mehr vom Theaterbetrieb gezeigt. Es mag einen an manche Filme eines Dario Argento erinnern, der mit Opera zufälligerweise im gleichen Jahr einen Giallo präsentierte, der ebenfalls ein Schauspiel auf den Brettern der die Welt bedeutet, zum Thema hat. Manchmal ist die Bildsprache von Aquarius auch sichtbar von Argento beeinflusst. Hier macht man allerdings nicht den Fehler, diesen und dessen episch-schweren, aber immer noch eleganten Kamerafahrten schlicht zu kopieren. Die Kamera ist zurückhaltender, kann dabei mit sehr hübschen und kunstvollen Einstellungen punkten. Zusammen mit Simon Boswells Synthie-Soundtrack ist Aquarius auf der audiovisuellen Ebene ein großer Genuss.

Die Handlung selbst bietet nicht einmal viele Überraschungen und Montefiori hält sie auch sehr überschaubar und schlicht. Dabei begeht er allerdings nicht den Fehler vieler US-Produktionen und lässt den Mörder nicht als Überwesen erscheinen, welches zu jeder Zeit an jedem Ort urplötzlich aus dem Nichts aufzutauchen scheint. Die Reduzierung auf das Wesentliche tut dem Plot gut und selbst eine gewisse Metaebene, die man in den Film hineininterpretieren könnte, drängt sich nicht auf. Spitzen gegenüber das Schauspiel-Business scheinen hier eher zufällig und nicht gewollt, können allerdings in einigen Momenten die Wirkung des Films noch verstärken. Wunderbar ist hier die Szene, in welcher Ferrari, der Produzent des Stücks, auf der Flucht vor dem Mörder zurückbleibt, weil er in Panik seine Geldscheine verliert und hastig versucht, wieder in den Koffer zurückzulegen. Diese Geldgier kostet ihm schließlich das Leben.

Es geht in Aquarius schlicht und ergreifend um das altbekannte Katz-und-Maus-Spiel zwischen einem maskierten Mörder und einer Gruppe unterschiedlicher Typen. Diese werden in der ersten Viertelstunde sehr zügig und auf den Punkt dem Zuschauer vorgestellt. Bevor nach einem erneuten Vorgeplänkel, der Fahrt zur Klinik und dem Aufenthalt darin, der Killer losgelassen wird. Der Begriff auf den Punkt beschreibt die ganze Art der Inszenierung Soavis haargenau: er hat ein richtiges Händchen für den Stoff und schafft es selbst vorhersehbare Momente sehr ansprechend umzusetzen. Gegen das leicht entgleitende Finale mit seinem etwas langen Epilog kann auch Soavi nichts tun. Da wäre ein konsequenterer Schluss besser gewesen. Durch den bodenständigen Charakter des Buchs mag dies nicht wirklich passen und wird als zu große Anbiederung an den Slasher wahrgenommen. Doch das ist meckern auf hohem Niveau. Soavis Spät-Giallo ist ein kurzweiliger und fesselnder Film, der nach vielen Jahren, in denen ich meine Liebe zum Thrillergenre aus Italien fand, sogar noch eine stärkere Wirkung bekommen hat. Mittlerweile wage ich zu behaupten, dass Soavis Debüt der beste Giallo der 80er Jahre ist.

28. Dezember 2016

Mercy

Home invasion gone wrong. Die Netflix-Produktion Mercy verzettelt sich darin, eine simple Geschichte umständlich zu erzählen. Zwei Brüderpaare, einmal aus erster und einmal aus zweiter Ehe, kommen im Haus der Eltern zusammen, da ihre Mutter Grace im Sterben liegt. Alle sind äußerst auf das hohe Erbe scharf und streiten sich darum, wie man mit dem Leid der Mutter umgeht: Lässt man sie leben oder erlöst man sie von ihrem Leid, wie es Dr. Turner, ein Arzt der in der selben Kirche wie Grace aktiv ist, deren zweitem Mann geraten hat? Turner lässt eine Tasche mit dem nötigen Equipment und Mittel im Haus der Familie zurück. In der Nacht bemerken Travis und Brad, dass maskierte Einbrecher im Haus sind. Diese wollen sich gewaltsam Zutritt zum Zimmer von Grace verschaffen und werden schnell für die nicht auffindbaren Halbbrüder Ronny und TJ gehalten…

Mercy macht nicht alles, aber einige wichtige Dinge falsch. Die ausgesprochen hübsche und Atmosphäre schenkende Optik und Ausleuchtung hilft nichts, wenn Regisseur und Autor Chris Sparling in gut der Hälfte des Films einen Bruch einbaut und seine Geschichte nochmal, aus der Perspektive der Einbrecher, erzählt. Damit beantwortet er zwar einige Fragen, die man sich als Zuschauer stellt, löst dafür viel zu früh auf, wer sich hinter den Einbrechern verbirgt. Home invasion gone dumb: diese frühe Auflösung und das unbeholfen dämliche Verhalten der Einbrecher soll Mercy wohl das gewisse Etwas verleihen, das ihn von anderen Home Invasion-Thrillern abhebt. Es lässt den Film aber noch mehr zu einem sich steigernden Ärgernis werden. Die Beweggründe der Invasoren mögen nicht wirklich passen, alles verschwimmt zu einem negativ kruden Ganzen.

Das nächste große Problem ist, dass man keinen Bezug zu irgendeiner Figur finden kann. Jede wirkt äußerst unsympathisch, Empathie möchte nicht aufkommen und so bleibt einem das Schicksal der Charaktere ziemlich egal. Dies führt dazu, dass Mercy spannungsarm seinem Finale entgegenhetzt. Das macht der Film so chaotisch wie die Einbrecher im Film. Halbwegs versöhnlich fällt da das Ende aus, dass die wahren Bösewichte in diesem überschaulichem Kabinett an Charakteren zeigt. Würde Sparling Mercy geradliniger erzählen, könnte der Film noch gewinnen. So bleibt er aber ein chaotisch und umständlich wirkender Thriller, der entfernt an den recht okayen You’re Next erinnert.

Was hätte das vielleicht für ein netter Film werden können, der krude die Themen um Sterbehilfe, religiösen Eifer, nach dem Erbe gierenden Verwandten und plötzlich in die sichere Heimstatt hineinbrechende Bösewichte verbindet. Theoretisch eine tolle, wilde Mischung. Praktisch blitzt das alles mal kurz auf und kippt dann irgendwann aus dem Gesichtsfeld des Autoren und Regisseurs oder geht in den ungeordneten Verhältnissen der Geschichte unter. Wenigstens ist Mercy mit seinen gut 86 Minuten äußerst knackig. Noch länger wäre der Film ein weitaus größeres Ärgernis gewesen.