27. März 2017

Sausage Party

Man könnte denken, das Script zu Sausage Party wäre von zwei stark pubertierenden 14-jährigen Teenies geschrieben worden, die dem näheren zweisamen Kontakt mit dem angeblich schwachen Geschlecht sehnlichst entgegensehen. Seth Rogen, der es sich seit einigen Jahren vor und hinter der Kamera gemütlich gemacht und dort sein eigenes Plätzchen gefunden hat und einer der Autoren des Animationsfilms ist, wurde wie ich im gleichen Jahr geboren: 1982. Von seinen 34 Lenzen merkt man in diesem Film herzlich wenig. Ich möchte mich gar nicht groß über seinen infantilen, vulgären Humor, den er hier in den Film gepackt hat, beschweren. Ich musste auch mehr als einmal darüber lachen und mich ertappen, wie verdammt lustig diese flachen Gags dann doch sind. Nur, und hier kommen wir wieder zu dem 14-jährigen Pubertierenden zurück, übertreiben es Rogen und seine Co-Autoren doch etwas zu doll.

Die ständigen sexuellen Anspielungen - egal ob visuell oder im Dialog der Figuren - ermüden beinahe und bringen die Handlung an den Rand der humoresken Eskalation. Wobei diese doch so hübsch doppelbödig sind, wenn die anthropomorphen Lebensmittel eines riesigen Supermarkts, allen voran der Hot Dog Frank und seine angebetete Brenda, einem Hot Dog-Brötchen, vom großen "Draußen" träumen. Die "Götter", gemeint sind die menschlichen Konsumenten, bringen die Lebensmittel laut einer Legende dorthin, befreien sie aus der Verpackung um dann mit ihnen in Einklang zu leben und diese zu verwöhnen. Doch es tauchen Risse auf: zuerst stürzt sich der von der "Wahrheit" wissende, paranoid erscheinende Honigsenf selbstmörderisch aus dem Einkaufswagen, was Frank und Brenda aus ihren Packungen und in ein unglaubliches Abenteuer stürzt, bei dem im Verlauf auch die wahnsinnig gewordene Vaginaldusche Douche eine große Rolle spielt, die den verliebten Hot Dog-Zutaten nach dem Leben trachtet und Frank immer mehr Honigsenf glaubt, der davon sprach, dass es keine Erlösung im großen Draußen gibt und ihm den Tipp gab, mit dem Liqueur Feuerwasser zu reden. Auf der anderen Seite freuen sich Franks verbliebene Hot Dog-Kumpels Barry, Troy und Carl darauf, dass sie nach dem Unfall endlich im großen Draußen angekommen sind. Nur um dann die bittere Wahrheit zu erfahren und versuchen, zu flüchten.

Man mag es bei dieser Inhaltsangabe nicht glauben, dass es die Drehbuchautoren nicht nur geschafft haben, gefühlt jede Sekunde einen mal mehr, mal weniger gelungenen Gag mit sexuellem Hintergrund rauszuhauen sondern der Geschichte einen interessanten Unterbau zu schenken. Dieser ist sogar richtig clever, greift er doch ebenso ständig den blinden Gehormsam gegenüber Religionen an. Dies geschieht durch das Gerüst um das große "Draußen" und der angeblichen Erlösung die man erfährt, wenn man von den Göttern mitgenommen wird. Schnell fühlt man sich an christlich geprägte Sekten wie den Zeugen Jehovas erinnert und all den Irsinn, was diese und ähnlich geartete Gruppen von sich geben. Auf ihrem Weg durch den Supermarkt begegnen Brenda und Frank dem arabischen Kareem Lavash und dem jüdischen Samy Bagel Jr., die so überzeichnet und klischeebeladen dargestellt werden, wie es nur möglich ist. Dies ist aber auch der Auftakt einer irrsinnig beginnenden Freundschaft zwischen den beiden, die sich seit ihres Aufeinandertreffens mit Spitzen befeuern, die auch gegenwärtige Entwicklungen zwischen dem arabischen und isrealischen Raum beinhalten.

Wie sich ihre Freundschaft entwickelt und in was sie gipfelt, könnten einige stark konservative Gemüter auf beiden Seiten als schockierende Provokation empfinden. Man kann es natürlich auch plump nennen, dies ist der Schattenseite des Films zuzuführen. All die Cleverness, die die Geschichte von Sausage Party beinhaltet, wird noch lieber mit platten Witzen über Sex zugekleistert. Manchmal ist es dann doch ein wenig zu viel des Guten. Völlig entgleitet die Geschichte den Autoren nicht, auch wenn eine finale Orgienszene irgendwo zwischen total irrsinnig, hemmungslosem (guten) Schwachsinn und verstörend (die Meinung meiner Freundin, als wir den Film zusammen sahen) liegt. Als sich für Popkultur begeisternder Nerd kann man sich außerdem an den vielen Filmanspielungen (u. a. Terminator 2 oder Der Soldat James Ryan) und persiflieren bekannter Persönlichkeiten (mein persönliches Highlight: Meat Loaf) erfreuen. Am Ende des Films ist man allerdings erstmal so platt wie ein Lavash. Da hilft auch der Meta-Ebenen-Witz ganz zum Schluß nicht wirklich weiter. Mit ein wenig Abstand kann man manchmal über einige Dinge weiterhin nur den Kopf schütteln. Häufiger grinst man aber eher über diese überdrehte Kombination aus cleverer Message, die in so ein komplett infantiles Grundgerüst gepresst wurde. Das dies zum größten Teil funktioniert, ist ein Talent, welches man Seth Rogen und seinen Autoren nicht abstreiten kann.

26. März 2017

Die Kröte

Da muss Tomas Milian erst sterben, damit ich mir nach längerer Zeit mal wieder diesen großen Film anschauen muss. Der gebürtige Kubaner erlag Anfang der Woche einem Schlaganfall und wurde 84 Jahre alt. Dieser Text soll weniger ein Nachruf werden, auf den ich verzichtete, zumal Marco von Filmforum Bremen mittlerweile einen geschrieben hat. Die Endlichkeit gehört zum Leben leider dazu, unsere Helden vor und hinter der Kamera werden alle einmal die Augen zum letzten Mal schließen und doch hat mich Milians Tod getroffen. War ich ab Mitte der 90er schon durch die großen Splatter-Klassiker aus Italien dem Genrekino aus dem südeuropäischen Land nicht abgeneigt, so tauchte ich ab meinem persönlichen Wechsel auf das Medium der DVD zu Beginn der 2000er vollends in die verschiedenen Subgenres des italienischen Populärkinos ab. Tomas Milian begleitete mich überall. Sei es in Western wie Ohne Dollar keinen Sarg, Gialli wie Don't Torture A Duckling oder den Poliziotteschi wie Die Banditen von Mailand oder Die Viper: der wandelbare Schauspieler faszinierte mich mit eben dieser Fähigkeit und war mit ein Grund, wieso ich mich immer mehr für das italienische Kino der vergangenen Jahrzehnte immer mehr begeisterte.

In Die Kröte ist er sogar doppelt zu bewundern: einmal als schlappmäuligen Sergio Marazzi, von seinen Monezza genannt und dann als dessen Zwillingsbruder Vincenzo Marazzi, dem "Buckligen von Rom", einem Gangster, der nach 16 Monaten zurück in die Landeshauptstadt kommt um mit seinen alten Kumpanen ein Ding zu drehen. Der geplante Überfall auf den Geldtransporter geht glatt über die Bühne, doch Vincenzos Komplizen spielen ein doppeltes Spiel. Im Trubel und im Schutz des Nebels der eingesetzten Rauchbomben schießen sie auf diesen. Vincenzo wird nicht getroffen, kann sich in die Kanalisation und dann zu seiner Freundin, der Prostituierten Maria, flüchten. Von dort aus rächt er sich mit einem eiskalten Plan an den drei Mittätern, hat allerdings auch die Polizei in Form des Kommissars Sarti auf den Fersen. Anders als der in Lenzis Die Viper und Die Gewalt bin ich omnipräsente Maurizio Merli rückt der von Pino Colizzi dargestellte Polizist in den Hintergrund der Geschichte. Der Charakter ist, anders als die meisten von Merlis Figuren, sehr nüchtern und bedacht. Keine Spur von Hitzköpfigkeit und dem unbändigen Trieb nach Gerechtigkeit, der auch über die gesetzlichen Schranken des Berufs hinausgeht.

Sowieso ist Die Kröte im Vergleich mit anderen Lenzi-Polizeifilmen zurückhaltender und ruhiger. Wirken viele seiner Filme episodisch und wie verschiedene inszenierte Momentaufnahmen, die dem roten Faden der Geschichte bzw. der Hauptstoryline zum Teil nicht einmal dienlich sind, gibt sich La banda del gobbo weitaus aufgeräumter und durchdachter. Selbst die Action rückt in den Hintergrund und macht Platz für einen vordergründig einfach gehaltenen Gangsterfilm, der bei genauerem hinsehen ein triviales, leicht schmieriges aber gut umgesetztes Sozialdrama ist. Die Kröte ist so einfach gehalten, wie die Leute und deren Milieu, das er porträtiert: die armen Leute, die im Abseits der Gesellschaft stehenden, welche durch eben diese sich dazu gezwungen fühlen, ihren Unterhalt mit nicht ganz legalen Mitteln zu bestreiten. Milians Rollen als Monezza und Vincenzo zeigen dabei die krassen Gegensätze innerhalb der Unterschicht. Der proletenhafte Monezza ist wie Eingangs erwähnt ein lauter Charakter, der seinem Unmut ohne große Umschweife Luft verschafft. "Wenn man eines Tages aus Scheiße Gold machen kann, werden wir Armen ohne Arsch geboren!" ist dabei nur einer der vielen Sprüche des vulgären Lockenkopfs. Vincenzo ist dabei - anders als Milians Buckliger in Die Viper - ein bedachter Mensch, loyal gegenüber seiner selbst gewählten Familie, der sich als Opfer der Gesellschaft ansieht, die ihn dazu treibt, dass zu tun, was er eben macht.

Legendär ist hier die Szene in der Nobeldisco, in der Vincenzo eine Hasstirade auf die feine Gesellschaft ablässt, nachdem sie ihm wegen seines leicht unbeholfenen Tanzens auslachen. Seine Konsequenz: während seiner Rede lässt er seine Kumpanen die Besucher des Schuppens ausrauben und flößt ihnen dann Abführmittel ein. Wie sagt sein Bruder zu Beginn so treffend? "Ja wir sind scheiße und werden immer scheiße sein!" Sein Zwilling zeigt den feinen Pinkeln physisch mit ebenjener Aktion physisch, wie es sich anfühlt. Gleichbedeutend mit Monezzas Ausspruch kann man hier Vincenzos Flucht durch die Kanalisation ansehen, die diese durch Schlamm und Dreck waten lässt. Schwer gebeutelt vom sich durch den Matsch kämpfen und der Flucht vor den hinterhältigen Mittätern schafft er es, das Ende des Kanals zu erreichen. Mit seinen Möglichkeiten versucht er, aus seinem einfachen Leben auszubrechen. Der vielleicht auch wegen schlechter Erfahrungen distanziert erscheinende Vincenzo zeigt dabei in kleinen, leisen Momenten seine Emotionalität. Vor allem dann, wenn man vermutet, dass der Vulkan, der da vielleicht in dem Mann brodelt, auszubrechen droht. Hier präsentieren uns Lenzi und Milian, der für die Dialoge der Brüder verantwortlich ist und damit noch eine ganze Kelle mehr Sozialkritik in den Film packt, das Gegenteilige und hiermit auch für das Genre ungewohnt zurückhaltende Momente.

Die Kröte kann man vielleicht in der Tradition von Ferndando di Leos Gangstertrilogie, bestehend aus Milano Kaliber 9, Der Mafiaboss und Der Teufel führt Regie sehen. Wobei selbst die drei genannten Filme mehr Action bieten als Die Kröte, der aus den Poliziotteschi Lenzis mit seiner Andersartigkeit einsam heraus sticht. Nur manchmal bemerkt den gewohnten, lieb gewonnenen ruppigen Stil des Italieners. Wenn Vincenzo zum Beispiel zur Rache an den Komplizen schreitet oder in den hier weniger vertretenen Verfolgungsjagden. Lenzi und Milian schienen hier vielleicht dem Genre, dessen kurzer Hype hier schon am abebben war, überdrüssig zu sein und wollten etwas anderes ausprobieren. Was im Falle von Die Kröte auch gut funktioniert. Die technische Überwindung der doppelten Rolle von Tomas Milian ist meist simpel aber gut umgesetzt, dank des guten Schnitts von Eugenio Alabiso. Hinzu kommt ein sehr guter Score von Franco Micalizzi, der sonst für sehr breite und aufwändige Musikstücke (wie zum Beispiel bei Die Gewalt bin ich) mit viel Groove bekannt ist, die sich stark an den Soundtracks der amerikanischen Polizeifilm-Vorbildern orientieren. Mit dem härteren, gewaltigeren Der Berserker dürfte Die Kröte Lenzis bester Poliziottscho sein, der für dieses Genre ohnehin ein sehr gutes Händchen hatte. Trotz seiner reduzierten Action, bietet der Film ein gut voranschreitendes Erzähltempo und ein Ende, dass weder zu stark sentimental ist noch auf den Spuren Hollywoods wandelt.

Der Ausbruch aus dem Leben, in das man hineingeboren wurde, erscheint schwer und manchmal unmöglich. Gerade dann, wenn man weniger legale Wege beschreitet. Als würde man sich moralisch gerade rücken, bevor das Publikum zuviel Sympathien für die Methoden Vincenzos entwickeln. Schlechten Menschen widerfährt auch schlechtes. Als Höhepunkt stellen Lenzi und Milian ihrem Protagonisten, der immer wieder beißend-ironisch den Aberglauben, dass das Berühren seines Buckels Glück bringt koketiert, anspricht, ihm das abergläubische Symbol des Unglücks entgegen, wenn Vincenzos Fahrt in eine eigentlich frei gewähnte Welt von einer schwarzen Katze gekreuzt wird. Um es mit Monezzas Worten auszudrücken: Scheiße bleibt eben Scheiße. Und Die Kröte ein außergewöhnlicher und sehr guter Polizeifilm, der sich wie Lenzis schmierige und dreckige Version eines Accatones des italienischen Genrefilms anfühlt. Mein Dank gebührt dem Duo Lenzi und Milian, dass sie sich dafür entschieden haben, es eine ganze Ecke ruhiger als in ihren bisherigen Filmen angehen zu lassen und Milian selbst. Nicht nur für seine Performance in diesem, sondern auch in den vielen anderen Werken, die er mit seinem Können bereichert hat.

21. März 2017

Aquarius

Bevor er hinter der Kamera auf dem Regiestuhl platz nahm, war Michele Soavi vor der Kamera aktiv: zum Beispiel in Ein Zombie hing am Glockenseil oder Lamberto Bavas Blastfighter. Im Jahre 1987 wechselte der meistens als Nebendarsteller in Erscheinung getretene Soavi ins Regiefach. Gleich sein Debüt, produziert von der Filmirage, der Produktionsfirma von Italiens Schmuddelpapst Joe D'Amato, zeigt auf, zu welchen Großtaten Soavi noch fähig sein sollte. Aquarius, im deutschsprachigen Raum mit dem leicht dämlichen Untertitel Theater des Todes versehen, ist ein beeindruckender Hybrid aus Giallo und Slasher. Wobei die Grenzen bei diesen Subgenres ja fließend sind, könnte der Slasher ohne den Giallo doch gar nicht existieren. Die Geschichte orientiert sich dabei mehr an den amerikanischen Schlitzerfilmen.

Für die anstehende Premiere eines Musicals über einen Serienmörder probt ein Ensemble unter der harten Knute ihres Regisseurs Peter in einem abgelegenen Theater. Die Darstellerin Alicia zieht sich eine Knöchelverletzung zu und verlässt trotz ausdrücklichen Verbots von Peter die Proben, um sich in einer nahegelegenen Klinik behandeln zu lassen. Diese entpuppt sich als Psychiatrie, in die vor kurzem der wahnsinnig gewordene Schauspieler Irwing Wallace eingeliefert wurde. Dem Mimen, der sich zum Serienmörder entwickelte, gelingt die Flucht aus der Anstalt und versteckt sich im Wagen von Alicia und verschafft sich Zutritt zum Theater. In der Maske des Mörders aus dem Stück macht er Jagd auf die Mitglieder des Ensembles.

Als ich Aquarius vor mehr als 15 Jahren das erste (und bis jetzt zum einzigen Male) sah, nahm ich ihn als italienische Version eines Slashers wahr, der sich stark an den amerikanischen Vorbildern orientiert. Auch heute kann man den auch als Stage Fright bekannten Film im Grunde mehr als Slasher sehen. Der Mörder bekommt keine große bzw. besondere Hintergrundgeschichte spendiert, kann sich aus der Sicherheitsverwahrung befreien, versteckt sich im Wagen der Darstellerin Alicia um so am Hauptort der Handlung transferiert zu werden und zieht dann maskiert seine Runden durch das Gebäude, um sein blutiges Handwerk zu verrichten. Die Maske, ein Eulenkopf, den auch der Mörder des Musicals trägt, hebt sich dabei hübsch vom Einerlei der übrigens Slashermeuchler ab. Schwarze Handschuhe, ein dezent verhüllter Mörder, ja selbst kunstvoll inszenierte Mordszenen, hintergründig sexuell aufgeladene Stimmung oder sexualpsychologische Traumata des Mörders sucht man hier vergebens. Wie Soavi die von Luigi Montefiori, besser bekannt als George Eastman, geschriebenen Geschichte inszeniert, ist ganz klar italienisch und gialloesk.

Alleine schon der Einstieg, wenn man eine Szene des Stücks gezeigt bekommt und noch nicht weiß, dass dies nur eine Inszenierung ist, ist klasse fotografiert und wird erst dann aufgelöst, wenn die Musik einsetzt und die Tänzer zu sehen sind. In einer langsamen, rückwärtigen Fahrt der Kamera wird immer mehr vom Theaterbetrieb gezeigt. Es mag einen an manche Filme eines Dario Argento erinnern, der mit Opera zufälligerweise im gleichen Jahr einen Giallo präsentierte, der ebenfalls ein Schauspiel auf den Brettern der die Welt bedeutet, zum Thema hat. Manchmal ist die Bildsprache von Aquarius auch sichtbar von Argento beeinflusst. Hier macht man allerdings nicht den Fehler, diesen und dessen episch-schweren, aber immer noch eleganten Kamerafahrten schlicht zu kopieren. Die Kamera ist zurückhaltender, kann dabei mit sehr hübschen und kunstvollen Einstellungen punkten. Zusammen mit Simon Boswells Synthie-Soundtrack ist Aquarius auf der audiovisuellen Ebene ein großer Genuss.

Die Handlung selbst bietet nicht einmal viele Überraschungen und Montefiori hält sie auch sehr überschaubar und schlicht. Dabei begeht er allerdings nicht den Fehler vieler US-Produktionen und lässt den Mörder nicht als Überwesen erscheinen, welches zu jeder Zeit an jedem Ort urplötzlich aus dem Nichts aufzutauchen scheint. Die Reduzierung auf das Wesentliche tut dem Plot gut und selbst eine gewisse Metaebene, die man in den Film hineininterpretieren könnte, drängt sich nicht auf. Spitzen gegenüber das Schauspiel-Business scheinen hier eher zufällig und nicht gewollt, können allerdings in einigen Momenten die Wirkung des Films noch verstärken. Wunderbar ist hier die Szene, in welcher Ferrari, der Produzent des Stücks, auf der Flucht vor dem Mörder zurückbleibt, weil er in Panik seine Geldscheine verliert und hastig versucht, wieder in den Koffer zurückzulegen. Diese Geldgier kostet ihm schließlich das Leben.

Es geht in Aquarius schlicht und ergreifend um das altbekannte Katz-und-Maus-Spiel zwischen einem maskierten Mörder und einer Gruppe unterschiedlicher Typen. Diese werden in der ersten Viertelstunde sehr zügig und auf den Punkt dem Zuschauer vorgestellt. Bevor nach einem erneuten Vorgeplänkel, der Fahrt zur Klinik und dem Aufenthalt darin, der Killer losgelassen wird. Der Begriff auf den Punkt beschreibt die ganze Art der Inszenierung Soavis haargenau: er hat ein richtiges Händchen für den Stoff und schafft es selbst vorhersehbare Momente sehr ansprechend umzusetzen. Gegen das leicht entgleitende Finale mit seinem etwas langen Epilog kann auch Soavi nichts tun. Da wäre ein konsequenterer Schluss besser gewesen. Durch den bodenständigen Charakter des Buchs mag dies nicht wirklich passen und wird als zu große Anbiederung an den Slasher wahrgenommen. Doch das ist meckern auf hohem Niveau. Soavis Spät-Giallo ist ein kurzweiliger und fesselnder Film, der nach vielen Jahren, in denen ich meine Liebe zum Thrillergenre aus Italien fand, sogar noch eine stärkere Wirkung bekommen hat. Mittlerweile wage ich zu behaupten, dass Soavis Debüt der beste Giallo der 80er Jahre ist.

28. Dezember 2016

Mercy

Home invasion gone wrong. Die Netflix-Produktion Mercy verzettelt sich darin, eine simple Geschichte umständlich zu erzählen. Zwei Brüderpaare, einmal aus erster und einmal aus zweiter Ehe, kommen im Haus der Eltern zusammen, da ihre Mutter Grace im Sterben liegt. Alle sind äußerst auf das hohe Erbe scharf und streiten sich darum, wie man mit dem Leid der Mutter umgeht: Lässt man sie leben oder erlöst man sie von ihrem Leid, wie es Dr. Turner, ein Arzt der in der selben Kirche wie Grace aktiv ist, deren zweitem Mann geraten hat? Turner lässt eine Tasche mit dem nötigen Equipment und Mittel im Haus der Familie zurück. In der Nacht bemerken Travis und Brad, dass maskierte Einbrecher im Haus sind. Diese wollen sich gewaltsam Zutritt zum Zimmer von Grace verschaffen und werden schnell für die nicht auffindbaren Halbbrüder Ronny und TJ gehalten…

Mercy macht nicht alles, aber einige wichtige Dinge falsch. Die ausgesprochen hübsche und Atmosphäre schenkende Optik und Ausleuchtung hilft nichts, wenn Regisseur und Autor Chris Sparling in gut der Hälfte des Films einen Bruch einbaut und seine Geschichte nochmal, aus der Perspektive der Einbrecher, erzählt. Damit beantwortet er zwar einige Fragen, die man sich als Zuschauer stellt, löst dafür viel zu früh auf, wer sich hinter den Einbrechern verbirgt. Home invasion gone dumb: diese frühe Auflösung und das unbeholfen dämliche Verhalten der Einbrecher soll Mercy wohl das gewisse Etwas verleihen, das ihn von anderen Home Invasion-Thrillern abhebt. Es lässt den Film aber noch mehr zu einem sich steigernden Ärgernis werden. Die Beweggründe der Invasoren mögen nicht wirklich passen, alles verschwimmt zu einem negativ kruden Ganzen.

Das nächste große Problem ist, dass man keinen Bezug zu irgendeiner Figur finden kann. Jede wirkt äußerst unsympathisch, Empathie möchte nicht aufkommen und so bleibt einem das Schicksal der Charaktere ziemlich egal. Dies führt dazu, dass Mercy spannungsarm seinem Finale entgegenhetzt. Das macht der Film so chaotisch wie die Einbrecher im Film. Halbwegs versöhnlich fällt da das Ende aus, dass die wahren Bösewichte in diesem überschaulichem Kabinett an Charakteren zeigt. Würde Sparling Mercy geradliniger erzählen, könnte der Film noch gewinnen. So bleibt er aber ein chaotisch und umständlich wirkender Thriller, der entfernt an den recht okayen You’re Next erinnert.

Was hätte das vielleicht für ein netter Film werden können, der krude die Themen um Sterbehilfe, religiösen Eifer, nach dem Erbe gierenden Verwandten und plötzlich in die sichere Heimstatt hineinbrechende Bösewichte verbindet. Theoretisch eine tolle, wilde Mischung. Praktisch blitzt das alles mal kurz auf und kippt dann irgendwann aus dem Gesichtsfeld des Autoren und Regisseurs oder geht in den ungeordneten Verhältnissen der Geschichte unter. Wenigstens ist Mercy mit seinen gut 86 Minuten äußerst knackig. Noch länger wäre der Film ein weitaus größeres Ärgernis gewesen.

21. Dezember 2016

Death Race

Gleich zu Beginn wird erstmal ein minder gutes Wortspiel rausgehauen: Das Remake zum von Roger Corman produzierten Frankensteins Todes-Rennen (AKA Death Race 2000) hab ich über die Jahre immer gemieden, weil ich nicht sonderlich auf Remakes abfahre. Bei vielen Neuverfilmungen stellt sich teilweise schon beim Sehen des Trailers die Frage, wieso in aller Welt die so verehrten Klassiker oder kleinen Perlen neu aufgelegt werden müssen. Neu ist das richtige Stichwort, kann die angepeilte (Mainstream-)Zielgruppe doch weit wenig mit den "alten Schinken" was anfangen. Bei vielen schlechten Remakes, exemplarisch möchte ich hier (trotz einiger guter Ansätze) Rob Zombies Halloween anführen, gibt es auch solche, die einen überraschen. Weil sie eben gut umgesetzt sind, wie zum Beispiel Zack Snyders Dawn of the Dead.

Als Death Race in die Kinos kam, spielten drei Faktoren eine Rolle, dass ich den Film links liegen ließ: die angesprochene Aversion gegen Remakes, Actionfilme waren für mich meist - gerade im Mainstream - sinnlose "Dumpfbacken-Streifen" und Paul W. S. Anderson. Mittlerweile kann ich mehr mit Action anfangen, Remakes finde ich immer noch fragwürdiger Natur aber nicht mehr ganz so dämlich, dass ich einen riesengroßen Bogen drumherum mache. Paul W. S. Andersons Resident Evil hab ich nach all den Jahren des ignorierens auch eine Chance gegeben. Außerdem ist für mich Jason Statham schon eine coole Type. Der Star aus Transporter und The Expandables mimt hier den arbeitslos gewordenen Minenarbeiter und früheren Rennfahrer Jensen Ames. Dieser kommt nach dem angeblichen Mord an seiner Frau in die Strafanstalt Terminal Island. Dort veranstaltet die Gefängnisdirektorin Hennessy das sogenannte Death Race, einem Autorennen auf Leben und Tod, welches im Internet übertragen wird und immens hohe Quoten bringt. Wer die Rennen, die sich über drei Tage erstrecken, fünf mal hintereinander gewinnt, dem winkt die vorzeitige Entlassung. Als der Topstar und immer maskiert fahrende Frankenstein stirbt, hält Hennessy dies erstmal geheim. Sie befürchtet einen Einbruch der Quoten und setzt Ames unter Druck, für sie den Frankenstein zu mimen. Sie bietet ihm den Deal an, dass er nur ein Rennen fahren muss um frei zu sein, da Frankenstein die letzten vier gewann. Ames geht zähneknirschend drauf ein, stellt aber bald fest, dass Hennessy nicht im Traum daran denkt, ihn wirklich nach einem gewonnenen Death Race gehen zu lassen.

Den Kern des 1975 entstandenen Originals versucht auch Anderson bei der ansonsten abgewandelten Geschichte beizubehalten: Death Race versucht sich an Medienkritik und deren Versuch, den Ablauf der Realität mit ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu beeinflussen um damit noch mehr Quoten steigernde Sensationen zu kreiieren. Während Bartels Film seine Geschichte - Der Originaltitel verrät es schon - ins Jahr 2000 legt, verlegt Anderson es in die damals nicht allzu ferne Zukunft und das Jahr 2012. Sein hier gezeichnetes Amerika liegt brach, ist erschöpft von steigender Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Private Firmen teilen sich die Macht im Staat und auch das Betreiben der Haftanstalten. Das Sträflinge in einer im Internet übertragenen Show bis zum Tod gegeneinander kämpfen, erinnert frappierend an den 2007 erschienenen The Condemned. Dieser versagt bei seinem Versuch, Medienkritik mit Action zu verbinden. Ersteres ist viel zu aufgesetzt, zweiteres funktioniert erst zum Schluss so richtig gut, kann ihn allerdings nicht davor bewahren, in der Mittelmäßigkeit zu versinken. Anderson zeigt mit seinem Remake wie man es richtig macht. In vollem Bewusstsein, dass die Grundgeschichte sehr einfach gestrickt ist, versucht er erst gar nicht, diese unnötig aufzublähen. Der Einstieg mit Ames letztem Arbeitstag und dem nachfolgenden Vorfall, wieso er als Straftäter auf Terminal Island landet, ist schön straff erzählt und macht bald für das Platz, worauf man schon die ganze Zeit wartet.

Ganz klar sind hier die ausgedehnten Rennszenen das Herzstück des Films. Anderson zeigte schon in Resident Evil bedingt, dass er es versteht, Action gekonnt in Szene zu setzen. Was er hier allerdings abbrennt, erfasst einen mit der Wucht eines heranrasenden Boliden des Films. Das positive daran: die CGI lässt Anderson hübsch im Schrank, so dass Death Race mit einer nett anzuschauenden, handgemachten Effektbude nach der anderem um die Ecke rast und einiges an Explosionen bietet. Es knallt an allen Ecken und Enden, Anderson lässt dabei seine Geschichte nicht außer acht. Komplex und tiefschürfend wird Death Race in seinen gut 100 Minuten nicht, dessen Medienkritik fühlt sich im Vergleich zu The Condemned keineswegs aufgesetzt an. Die Übertragung des Rennens lässt Anderson ebenso hübsch mit in den Film fließen wie einst das Original und Joan Allen schafft es im Minimalprinzip, die Figur der Hennessy hassenswert aussehen zu lassen. Andersons Versuch, ein Gleichgewicht zu schaffen, den Antagonisten so fies wie möglich aussehen zu lassen und mit dieser Zeichnung die Gier der Medien nach quotensteigernden Spektakel, notfalls auch durch Manipulation selbst herbeigeführt, darzustellen, kann man als gelungen bezeichnen. Das Publikum bekommt so oder so das was es will: krachige Action bis zum Anschlag, der man sich schwer verwehren kann. Mit steigernder Laufzeit hab auch ich gemerkt, wie ich mit immer breitrem Grinsen im Sessel sitzend dem Treiben auf der Mattscheibe folge.

Neben der wilden Spektakel, dass hier abgebrannt wird, trägt auch Jason Statham dazu bei. Auch wenn sein Casting in den letzten Jahren ihn immer mehr auf den obercoolen Actionstar der moderne festlegt, der mit seinem kernigen Auftreten auch einige Frauenherzen zum Schmelzen bringt: es funktioniert. Er reißt sich spielerisch keinen Zacken aus der Krone, aber seine Präsenz genügt, um auch Death Race damit zu adeln. Dabei ist er an der Front der coolen Säue gar nicht mal alleine: Tyrese Gibson als Machine Gun Joe und Ian McShane als Coach, Ames Chefmechaniker, kann man ebenfalls hohe Coolness- und Maskulinitätswerte bescheinigen. Anderson löst mit seinem Film den alten Rollen- und Gesellschaftsbildern von Männern und Frauen sehr kritisch eingestellten Personen etwas aus, das sehr selten vorkommt: Death Race zeichnet eine Welt voll harter Hunde mit weichem Kern und stellt Frauen als sexy Beiwerk (bzw. Beifahrer) dar, aber hier darf es einem einfach mal scheißegal sein. Dieser Film will auch gar nicht mehr sein als Unterhaltung in seiner pursten Form und feiert ein beinahe schon aus der Mode gekommenes Spektakelkino, das komplett handgemacht ist. Death Race, an dem auch Roger Corman wieder im Hintergrund mitwirkte, ist nichts anderes als ein gut produzierter, im damalig bevorzugten Stil vollkommen state of the art daherkommender, B-Movie. Nicht so ganz verrückt, hintergründig und abgehoben, wie die Vorlage aus den 70ern. Die Medienkritik funktioniert wie angesprochen zwar besser wie in The Condemned, bleibt in der zweiten Hälfte aber auf der Strecke. Sei's drum: es darf auch ruhig mal Filme geben, mit denen man Spaß haben kann und die "niederen Instinkte" anspricht. Denn eines hat Andersons Death Race ebenfalls mit dem Original gemein: sie funktioneren einfach zu gut, besitzen zu viel Charme, was dafür sorgt, dass man ihnen ihre Schwächen verzeiht. Im Falle des Remakes ist es neben der fallengelassenen Kritik auch die Vorhersehbarkeit der Geschichte: was da passiert, kennt und riecht man schon 100 Meilen gegen den Wind. Nochmal sei's drum: Death Race ist ein Remake, dass selbst mir als Neuverfilmungsmuffel ziemlich viel Spaß gemacht hat.

14. Dezember 2016

Tulpa - Dämon der Begierde

Ich habe es schon in meinem Review zu Francesca geschrieben: Filme wie Amer, gleichzeitig Hommage an den Giallo und eigenständiges, hochpsychologisiertes Werk, sind seltener als all die kleinen oder großen Huldigungen, welche sichtlich von großen Werken aus der Blütezeit des Genres beeinflusst sind. Meist werden darin bekannte Szenen aus den alten Klassikern mit wenigen Abwandlungen nachgestellt. Andreas Marschalls deutscher Giallo Masks geht in diese Richtung, oder auch die beiden Glamgore-Splatter-Sudeleien Last Caress und Blackaria. Federico Zampagliones dritte Regiearbeit Tulpa möchte merkbar ein eigenständiger Film sein, ohne allzu sehr die Metaebene wie der bereits angesprochene Amer zu bedienen und auch keine komplette Verbeugung vorm Genre sein, die zu einer bloßen Aneinanderreihung von abgewandelten Szenen aus den großen Werken verkommen könnte. Eine Tiefe, wie sie erstgenannter Film entwickelt, würde Zampaglione wahrscheinlich ohnehin nicht schaffen. Aber: Tulpa ist im großen und ganzen auch (überraschend) eigenständig.

Seine Geschichte ist denkbar einfach: Lisa, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, entflieht dem auf der Arbeit entstehenden Stress in der Nacht mit Besuchen in einem geheimnisvollen Sex-Club. Durch einen Zufall sieht sie in der Zeitung einen Artikel, der von einer grausamen Mordserie berichtet. Die abgebildeten Fotos der Opfer lassen sie erstarren, waren dies doch bisher alles Menschen, mit denen sie im Club zusammen war. Entgegen der Regeln des Clubs, versucht sie, Kontakt zu einem ihrer letzten Sexualpartner aufzunehmen und Hilfe von Kiran, dem Leiter des Etablissements, zu erhalten. Dieser erzäht ihr von einer Tulpa, einem Geschöpf in der tibetanischen Mythologie, welches durch die reine Vorstellung eines Menschen entsteht. Manchmal auch unbemerkt. Ist der Mörder also eine Manifestation, enstanden durch Lisas Unterbewusstsein oder doch eher ein Mensch aus Fleisch und Blut?

In einer Sache fühlte ich mich zuerst an eingangs erwähnten Francesca erwähnt. Zampaglione reiht mehrere Mordsequenzen aneinander, ohne groß die Geschichte des Films voranzutreiben. Der obligatorische Einstiegsmord, der alles irgendwie ins Rollen bringt, ist gekonnt in Szene gesetzt. Die Ausleuchtung der Sets erinnert leicht an die Farbenspiele eines Mario Bava oder Dario Argento, sind allerdings nicht ausufernd in den Vordergrund gesetzt. Das einsetzende Saxophonstück lässt alles mehr nach Neo-Noir aussehen, bevor alles in die sexuell aufgeladene Stimmung eines Giallo übergeht. Bondage und leichter SM ist zu sehen, bevor der Mörder zuschlägt, stilecht mit schwarzem Hut und Mantel scheint er geradewegs aus Mario Bavas Blutige Seide entnommen zu sein. Im weiteren Verlauf der ersten Hälfte stagniert Zampagliones Drehbuch. Lisa wird abwechselnd im stressigen Berufsalltag und im Tulpa-Club beim Liebesspiel mit Fremden gezeigt. Den größen Platz nehmen weitere Morde ein. Sie sind gekonnt inszeniert: die Tötung eines Opfers mithilfe eines Stacheldrahts und eines Karussells auf einem Jahrmarkt bei Nacht ist knackig umgesetzt. Als hätte Argento Lenzi bei dessen Eyeball unter die Arme gegriffen. Doch schon bei der dritten Tötungsszene kehrt leichte Ungeduld ein.

Dankenswerter Weise scheint dem Regisseur dieser Umstand selbst aufgefallen zu sein, was den Film bzw. seine Story endlich voranbringt. Tulpa bekommt, anders als Francesca, viel eher die Kurve und entwickelt sich zu einem Neo-Giallo, dem es an Finesse auf erzählerischer Ebene fehlt, der allerdings auch gut aufzeigt, dass das ganze Team vor und hinter der Kamera viel Herzblut in das Projekt gesteckt hat. Zampaglione schielt nicht auf etwaige Absichten, einen großen Metaknaller abzuliefern oder sich in Details zu ergehen, welche als Ganzes den großen Klassikern aus den 70ern nacheifern und aussieht, als wäre es auch dieser Zeit entsprungen. Tulpa ist somit ein Stück weit unbefangener und die Idee, erstmal offen zu lassen, ob der  Mörder ein vermeintliches Geistergeschöpf oder doch ein Mensch ist, mag bei weitem nicht innovativ sein. Es hebt sich leicht vom bisherigen Whodunnit-Charakter anderer Neo-Gialli ab, wobei Zampaglione hier ruhig mehr Mut zeigen könnte. Der Mystery-Einschlag ist allzu wenig und beschränkt sich auf die Präsenz des Clubleiters Kiran, der mit dem markanten Nuot Arquint passend besetzt ist und Lisa in einer hübsch ausgeleuchteten und atmosphärischen Szene über die Hintergründe der Tulpa aufklärt. Der Rest ist Schema F. Tulpa erhöht das Erzähltempo, sputet sich durch die Story, nachdem die erste Hälfte den Mordszenen zu viel Platz geschaffen hat.

Einige Erzählstränge bleiben so auf der Strecke, wenn Lisa zum Beispiel Stefan, mit dem sie im Club zuletzt zusammen war, versucht zu kontaktieren und mit ihm versucht, dem Täter auf die Spur zu kommen. Der Film lässt dies schnell fallen, schickt seine Protagonistin alleine weiter und bringt Stefan in anderer Form wieder zurück in die Story. Es scheint, als wären Zampaglione und sein Co-Autor Giacomo Gensini beim Verfassen des Buches unentschlossen gewesen, wie man die Geschichte zu Ende bringt und sich darauf einigten, einige Ideen als Bruchstück einzuarbeiten. Richtig geht dies nicht auf, wobei Tulpa in bester Tradition zum Schluss die wohl abwegigste Auflösung auf die man kommen könnte, präsentiert. Doch dafür liebt man ja auch ein Stück weit die Gialli der 70er. Komplett schadet dies dem Film nicht. Dafür fühlt er sich angenehm frisch an: es fehlt jede Spur von versuchtem wandeln auf viel zu großen Pfaden, welche die damaligen Meister mir ihren Werken ebneten. Selbst der Soundtrack, von Zampaglione zusammen mit seinem Bruder Francesco und Andrea Moscianese selbst komponiert, ist eine hübsche Gratwanderung zwischen moderner Instrumentierung und Arrangements, die an Soundtracks von Stelvio Cipriani oder Bruno Nicolai erinnern. An Tulpa ist vieles nicht perfekt, aber Zampaglione macht im Großen so einiges richtig. Und seien wir ehrlich: bis auf wenige Ausnahmen, sind doch auch viele Gialli aus der Blütezeit des Genres nicht gänzlich mit Perfektion gesegnet, wofür man doch auch das Genre gern hat. In die richtige Richtung geht Tulpa auf jeden Fall.