26. Juli 2016

The Signal

The Signal ist einer dieser Filme, den ich mir so nicht wirklich im Handel gekauft hätte. Ich kannte ihn vom Hörensagen und das Wissen über seine Existenz war auch erstmal genug. Dank Netflix - die den Film seit einiger Zeit in Deutschland im Programm haben - wurde das Interesse an dem 2014 entstandenen Science Fiction-Film geweckt und er letztendlich auch angesehen. Der Film ist dabei ein gutes Beispiel an Filmen, die unentdeckt, im Schatten andererer - größerer - Werke schlummernd langsam in die Vergessenheit übergehen. Völlig zu unrecht. Schnell könnte man hier mit ausgelutschten Phrasen wie "kleine Perle" oder "filmischer Rohdiamant"oder dem obligatorischen "ewiger Geheimtipp" um die Ecke kommen. The Signal schrammt an diesen Bezeichnungen leicht vorbei, ist aber trotzdem ein sehenswerter Mix verschiedenster Stilelemente.

Er mutet zu Beginn an wie ein Indie-Selbstfindungsdrama, wenn die drei Studenten Nick, Jonah und Haley auf dem Weg nach Kalifornien sind, um letztere dorthin zu bringen. Sie setzt ihr Studium dort fort, was die Beziehung zwischen ihr und dem schwer erkrankten Jonah einer weiteren harten Prüfung aussetzt. Die am MIT studierenden Freunde haben während ihres Trips durch das Land nicht nur an ihren Beziehungen zueinander zu arbeiten sondern verfolgen alsbald einen mysteriösen Hacker, der in die Computer ihres Campus eingedrungen ist. Er sendet ihnen Botschaften, zeigt, dass er sie wo und wann er will beobachten kann. Davon provoziert nehmen sie dessen Spur auf und werden mit Dingen konfrontiert, mit denen sie nie gerechnet hätten. Innerhalb dieser Geschichte nimmt sich Regisseur William Eubank mit seinen Co-Autoren Carlyle Eubank und David Frigerio die Freiheit, uns quasi drei Filme auf einmal zu präsentieren.

Die plötzlich eintretenden Brüche, in der Erzählung selbst und im Stil, erscheinen äußerst grob: zu Beginn wirkt The Signal wie ein leises Road Trip-Drama mit fantastischer Landschaftsbildern, in nüchternen Farben getaucht nur um dann den Zuschauer mit Found Footage-Film-artigen Szenen zu irritieren. Die phantastischen Elemente brechen über uns selbst ebenso schlagartig ein, wie auf die Protagonisten. Man braucht, bis man sich zurecht findet, kann sich alledings bis zu diesem Zeitpunkt dem plötzlich sehr spröden Charakter des Films nicht entziehen. Die Untersuchungen über extraterrestrische Erscheinungen, die in der unterirdischen Einrichtung der ermittelnden Behöre spielen, scheinen hübsch irreal in dem nüchternen Gesamtbild des Films. Man fühlt sich vage an die Stimmung in The Andromeda Strain erinnert. Das Drehbuch setzt aber noch eins drauf und wird zum Finale hin mit einiges an Action aufgewertet.

Hier sprengt The Signal allerding auch die Grenze des Guten. Der doppelte Twist am Ende erscheint zuerst furios, hat allerdings einen gewissen Nachgeschmack. Eubank und seine Autoren wollen zu viel, um so wohl auch im Wust des Filmangebots innerhalb der Phantastik herauszustechen. Nötig hätte dies der Film nicht. Die Actionszenen sind sauber gedreht, stilistisch aufgewertet durch exreme Zeitlupe und vermittelt trotz des geringen Budgets einen gewissen großen Charakter. Doch der so herrlich mit der Wahrnehmung der Realität spielende Film scheint damit auch ewtas auf Nummer sicher gehen zu wollen. Um ein Publikum zu befriedigen, die auch noch etwas Getöse wollen. Als würde man sich geradezu etwas dafür schämen, dass man sich an Indie-Dramen orientiert und dies trotz der Holprigkeiten in den Akt-Übergängen gekonnt hinbekommt. Trotz aller Außerirdischen, mysteriös erscheinenden Regierungsbeamten und Elementen der Paranoia-Klassiker der 50er Jahre bleibt The Signal auch ein Drama über eine stagnierende Beziehung zweier junger Menschen, die durch eine schwere Prüfung - eben den irrealen Vorgängen der Handlung - gehen müssen.

Der Film greift dies gekonnt immer wieder auf, setzt es in seinem Finale nebensächlich in den Fokus, neben all der Action und begeht dann den Fehler, einen Mindfuck auf den nächsten zu bringen. Es plättet, aber überwalzt den Zuschauer einmal zu oft. Die teils nicht so sauberen Übergänge, die man als für den Zuschauer ebenso krass spürbaren Bruch wie für die Protagonisten verteidigen kann, sind nicht so ärgerlich wie das Ende. The Signal schadet sich damit selbst dann doch, gerade wenn einige Zeit nach dem Schauen vergangen ist. Die plättende Wirkung hallt nicht komplett positiv nach, wie es von Eubank vielleicht gewollt ist. Seine stark aufgeräumte Art in der Mitte, die auch atmosphärisch als am stärksten zu betrachten ist, hätte man beibehalten sollen. Dies erscheint wie meckern auf hohem Niveau, zumal der Film ja sehenswert bleibt. Er steht sich selbst damit nur im Weg. Zumal man zwar die "Geheimtipp"-, "Rohdiamant"- und "kleine Perle"-Floskeln in der Schublade lässt, dafür aus dieser das bekannte "Weniger ist manchmal mehr" herausholen kann. Dies beschreibt das größte Problem des Films am Besten.

12. Juli 2016

Mein Problem mit SchleFaZ


oder: was macht einen Film eigentlich schlecht?

Musik, Musik - Da wackelt die Penne. Eine deutsche Musikkomödie aus dem Jahr 1970, mit den damals sehr beliebten Hansi Kraus und Ilja Richter in führenden Rollen. Regie führte Franz Antel, welcher für solche seichten Stoffe ein gutes Händchen hatte und mehrere solcher Klamotten inszenierte. Dieser Film ist auch gleichzeitig der Auftakt der vierten Staffel SchleFaZ, ausgeschrieben als "Die schlechtesten Filme aller Zeiten" bekannt. Im Internet - gerade bei Twitter - unter #schlefaz beliebt. Oliver Kalkofe und Peter Rütten präsentieren und kommentieren innerhalb des Formats Filme, die laut ihnen, der Programmplanung von Tele 5 oder einem ausgeklügelten Los- oder Würfelsystem eben als so richtig schlechte Filme gelten.

Ich behaupte von mir selbst, dass ich einen gewissen Hang zum Trash habe. Was man alleine auch an einigen hier besprochenen Filmen merkt. Ich mag Jess Franco, der "König des Trashs", der mittlerweile immer mehr von der ernsthaften Filmkritik (gibt es eigentlich auch eine, die mit Schalk im Nacken Narretei ins Feuilleton schreibt?) anerkannt wird. Ich mag Eddie Romero und seine seltsamen Filme, die er auf den Philippinen schuf. Einer meiner liebsten Trashfilme ist Night of the Bloody Apes, bei dem ich mich immer wieder kugeln kann. Andy Milligan, Ted V. Mikels, Herschell Gordon Lewis oder Al Adamson? Während einige bei diesen Namen abwinken, ist mir ruhig auch mal ein Blick in die qualitative Filmmottenkiste wert.

Trotzdem habe ich so meine Probleme mit dem Format. Es mag vielleicht selbst sein, dass ich irgendwie schockiert war, als ich die Übersicht der Filme der vierten Staffel ansah: Metropolis 2000. Mein liebster Endzeitfilm aus Italien. Dämonen aus dem All, der als buntes Science Fiction-Kintopp gilt und mit seiner Naivität entzücken kann. Ator - Der Unbesiegbare. Ebenfalls ein recht drolliger Film aus Italien, der zur Zeit des Conan-Erfolgs entstand. Nun sind dies alles Filme (alle aus Italien), die ich sehr liebgewonnen habe. Vielleicht möchte ein Teil in mir einfach nicht, dass diese durch den hämischen Wortfleischwolf von Herrn Kalkofe und Rütten gedreht wird. Anderseits schaue ich die Liste mal weiter durch: Ich - Ein Groupie, einer der erotischen Frühwerke von Ingrid Steeger. Der Koloss von Konga, die King Kong-Version der Shaw Brothers. Und - weil auch schon seit Anfang an oft von den Fans gewünscht - der schlechteste und den schlechten: Daniel, der Zauberer.

Wobei ich mich allerdings frage, wenn ich mir ohne weiteres ausuferndes Namedropping zu betreiben, wer denn nun wirklich festlegt, wieso diese Filme denn nun zum filmischen Bodensatz gehören sollen? Woran machen die Verantwortlichen das Fest, außer vielleicht mal kurz im Archiv der Tele München-Gruppe zu stöbern, Inhalte zu lesen und Ausschnitte zu sichten? Mir ist bewusst, dass für den normalen Gelegenheitsschauer die hier präsentierten Filme - auch die von mir angesprochenen Lieblinge - eine ganz andere Liga sind und sie eben keinen großen Zugang zu dieser Art Genrekino haben. Die nichts mit Namen wie Enzo G. Castellari, George Eastman, Joe D'Amato, Jess Franco oder xxx anfangen können. Sicher: einige innerhalb des Formats gezeigten Filme passen dort sehr gut rein, aber: die Auswahl der Filme ist stark willkürlich. Außerdem wird anhand der "schlechtesten Filme aller Zeiten" der Begriff Trash im filmischen Kontext verzerrt.

Das zeigt sich schon alleine daran, dass man mit der Sharknado-Reihe Filme zeigte, die vollkommen bewusst defizitär und trashig in ihrer Machart ausgelegt sind. Auch schon öfters von der Produktionsfirma The Asylum gezeigte Machwerke sind meist bewusst mies und trashig ausgelegt. Generell ist ein Trashfilm ein Film, mit der Intention der Macher, einen qualitativ guten Film zu produzieren - trotz der geringen finanziellen Mittel. Darunter fallen alle oben genannten Regisseure oder natürlich Ed Wood. Die kostengünstig hergestellten Filme, welche bei SchleFaZ gezeigt werden, sind  - das ist mir bewusst - mit trashigen Elementen gesegnet und nicht den vorherrschenden, als normal gewohnten Produktionsstandards gleichzusetzen. Doch sind die von mir aufgezählten Filme und viele andere der bisher ausgestrahlten trotz des billigen Charakters eher Cash-Ins, Rip Offs und wie man das alles nennen will. Schnell heruntergekurbelt um von einem großen Erfolg zu profitieren. Wohl auch während des Entstehungsprozeß' billigend in Kauf genommen wurde, dass es billiger und einfacher zugeht als in Filmen Made in Hollywood. Dies schließt auch die Definition des Begriffs Trashfilm im eigentlichen Sinne aus. Es sind aus einem vorwiegend kommerziellen Gedanken enstandene Filme; B-Filme eben - und der Begriff des B-Films ist nicht wirklich sofort mit Trash asoziierbar.

Hinzu kommt, dass der ganze lustige Bohei, den die Herren Kalkofe und Rütten während der Sendung veranstalten, ziemlich gezwungen daherkommt. Ich schätze Oliver Kalkofe mit seiner Arbeit innerhalb der Mattscheibe, zusammen mit dem (für mich zugegeben ohnehin sehr unlustigen) Herrn Rütten bombardieren sie mit mehr oder weniger scharfzüngigen Kommentaren vor, zwischen und via Texteinblendungen auch während des Films den Zuschauer. Manches ist vielleicht gelungen, aber das programmatische übertriebene Schlechtreden vieler Dinge die den gezeigten Film betreffen, ist im Gesamten unlustig, anstregend und gewissermaßen auch diskriminierend. Immerhin schafft das Team einen unsichtbar geltenden Standard, eine Norm, die das Andersartige - diese "trashige Ausgeburt an Zelluloid" - durch die gewählten "lustigen" Spruchsalven als minderwertig darstellt. Durch die sich in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook gebildeten Communities (erstere ist mir mehr bekannt) wird dies noch befeuert. Kommentare während des Filmes und "Social Watchings" sind bei Twitter mittlerweile sehr beliebt.

Das spült nun ein Publikum in eine Szene, die - gerade einige knochige Vertreter mit halben Blick in die alten, besseren Tage dürften hier zustimmen - diese Überironisierung und Veralberung der Filme so nicht wirklich hinnimmt und gut findet. Christian Keßler, der von mir sehr geschätzte Autor, schreibt und spricht über diese Art von Film weitaus charmanter und weniger aggressiv und zynisch. Natürlich hat Keßler einen anderen Zugang zu solchen Filmen, immerhin ist er darauf ja auch spezialisiert, allerdings geht es eben auch um das "WIE", wenn es darum geht, über "Trash" zu sprechen. Ich bin sicher nicht humorbefreit und mir ist bewusst, dass Satire - Wikipedia gibt SchleFaZ ja als Filmsatire aus - streitbar ist. Auch ich kann mir, selbst bei den angesprochenen Lieblingen die nun in der vierten Staffel gezeigt werden, so manches Grinsen oder Lachen nicht verkneifen. Ich weiß auch, dass ich anders an diese Filme herangehe als die Fernsehzuschauer und Twitter-Trash TV-Dauerzyniker. Mit SchleFaZ wird allerdings auf eine wie ich finde zweifelhaft beliebige Weise so mancher gar nicht mal so grausame Film schlecht geredet und eine (wohl eher ungewollt) Art der Diskriminierung von andersartigen Dingen gepflegt. Wenn der Film, der nicht so ist wie es gewohnt ist, schlecht und als nicht existenzwürdig dargestellt wird, dies jemandem impliziert wird, kann dieses Verhalten auch in anderen Bereichen Einfluss nehmen.

Das macht für mich SchleFaZ nicht bedenklich, nicht gefährlich, oder ähnliches. Aber in der unsäglich nervigen Art des auf Teufel komm raus lustig seins lässt sich dies leicht herauslesen. Das Format befeuert vor allem eine neue Art von Trash feierndem Publikum, welches selbst in solchen auf den ersten Blick "desolaten" Werken nicht doch noch hier oder da eine Feinheit entdecken. Beinahe könnte man diese "Trash-Hipster" nennen. Neben wirklichen Trash-Großtaten wie Roboter der Sterne oder Filmunfällen wie Xanadu tummeln werden gelungene, charmante und ja - auch wirklich wenig anschaubare - Filme viel zu sehr über einen Kamm geschoren. Man hätte durchaus eine interessante Reihe starten können (arte hat das schon vor Jahren ohne großes Brimborium viel besser gemacht), die allerdings wie der Rest der TV-Comedy in ihrer Vorschlaghammer-Wirkung die Witzigkeit in die Fresse ballern will. So wie Cindy aus Marzahn. Oder Mario Barth. Zwei Comedians, über die zum Beispiel die meisten Twitterer, die zu SchleFaZ schreiben, die Nase rümpfen. Hauptsache das Sommerloch ist gestopft, die Quote ist Topp und Kalkofe und Rütten werden gefeiert. Das ist wiederlicher Mainstream-Trash, der mit dem richtigen Trash und der kleinen Szene, die diesen feiert, nichts zu tun hat.

Bild: © Tele 5

X-Ray - Der erste Mord geschah am Valentinstag

Die Crux bei X-Ray ist die, dass man sich im Endeffekt seinem kaputten Charme nicht verwehren kann. Auch wenn man es möchte und den Film ganz nüchtern betrachtet. Wenn man dies macht, so ist er eigentlich ein mit vielen Logiklöchern ausgestatteter Slasher, der von den Produzenten in der Hochphase des Horror-Subgenres Anfang der 80er (genauer gesagt im April 1982) auf die Leute losgelassen wurde. Produziert wurde er von Menahem Golan und Yoram Globus, die unter dem Label Cannon Films das der Jahrzehnt der 80er mit ihrem (mal mehr, mal weniger tollen) Output bereicherten. Die beiden Isrealis holten sich für X-Ray mit Boaz Davidson, uns am besten als Regisseur der Eis am Stiel-Filme bekannt, auf den Regiestuhl.

Ganz grob orientiert sich X-Ray beim Setting an John Carpenters Halloween 2: Im Jahr 1961 rächt sich Harold, Verehrer der kleinen Susi, an deren Freund und Spielgefährten, als sie seinen Valentinsgruß hämisch belächeln und zerknüllt in die Ecke werfen. Harold hängt den Jungen schnurstracks mit dem Hals voran an die Garderobe, lächelt der zu Tode erschrockenen Susi nochmal durch das Fenster diabolisch zu und macht sich dann aus dem Staub. In der Gegenwart angekommen, ist aus Susi Susan und eine hübsche Frau geworden, die -ebenfalls an einem Valentinstag - wegen der Ergebnisse zu ihrem Routine-Check Up auf dem Weg ins Krankenhaus ist. Dort geht es allerdings nicht mit rechten Dingen zu: ihre untersuchende Ärztin ist nirgends zu finden, die eigentlich so guten Ergebnisse scheinen es doch nicht zu sein und bewegen die in Geheimnissen redenden Ärzte dazu, Susan für weitere Tests im Krankenhaus zu lassen. Was man als Zuschauer selbstredend schon längst weiß und wie auch bald die junge Frau erfahren muss, schleicht außerdem ein als Arzt verkleideter Killer durch die Gänge des Krankenhaus.

Dies muss als Handlung reichen um nun Susan im doppelten Sinne leiden zu lassen. Strapaziert in der ersten Hälfe die Jagd nach den Untersuchungsergebnissen ihre Nerven, kommt ihr in der zweiten Hälfte der nach ihr trachtende Mörder immer näher und bringt sie an den Rande des Wahnsinns. Hier entwickelt X-Ray auch seinen ganz eigenen Charme. Als ein ernstzunehmender Horrorfilm fällt er recht schnell durch. Zu einfallslos präsentiert er sich und seine Ideen, die schon damals - zu Beginn der Slasher-Hochphase - sicher nicht als "state of the art" galten. Er spult sein Programm brav ab, die dabei versessene Arbeitsweise des Mörders, um Susan übel mitzuspielen (ohne groß spoilern zu wollen, hat er etwas mit den komischen Testergebnissen zu tun), muss lange Zeit ohne Erklärung auskommen und bringt so manchen unlogischen Moment zurück. Er schlitzt und sticht sich dabei nebenher u. a. durch das Krankenhauspersonal, welches in Stellvertretung für die ansonsten meist jugendlichen Opfer in Slasherfilmen als Kanonenfutter herhalten muss.

Zudem krankt X-Ray ganz stark daran, dass das Buch auch sehr halbherzig versucht, Fährten in Richtung Identität des Mörders zu legen. Versuche sind da - hier sind nur die vielen sich seltsam verhaltenden Ärzte genannt - doch richtig ausgearbeitet und durchdacht ist nichts davon. Schnell wird einem klar, wer Susan im Krankenhaus terrorisiert und ans Leder will. Das große Aber, welches mir den Film sehr stark aufgewertet hat, ist in dieser Seltsamkeit seiner Stimmung und Figuren belegt. Punkten kann er mit seiner Atmosphäre, die das Krankenhaus als einen sehr merkwürdigen Ort darstellt: die langen, trostlosen Gänge, Patienten die mehr an Insassen einer Psychiatrie durchgehen und Ärzte, die im bestreben, sie geheimnisvoll darzustellen, ebenfalls eher groteskes Verhalten an den Tag legen. Einzig ein junger Arzt, der Susan helfen möchte, schnell wieder aus dem Hospital rauszukommen, mutet ziemlich normal an. Diese Art von Tortur, welcher die Protagonisten ausgesetzt ist, lässt X-Ray beinahe schon wie eine Groteske auf das damalige Gesundheitswesen oder den Krankenhausalltag an sich anmuten.

Diese Eigenheit bewahrte den Film für mich auch vor dem Absturz in die Hölle der Mittelmäßigkeit, die er formal betrachtet auch erreicht. Nachdem in der zweiten Hälfte das Tempo und der Blutzoll durch selbstzweckhafte Mordszenen erhöht wird, steigert sich damit auch die Absurdität des Films. Wenn Susan auf der Flucht vor dem Killer in einen Raum mit drei im Ganzkörpergips liegenden Patienten kommt, welche wild zappeln oder ihre schrulligen Genossinnen ihres Zimmers, die urplötzlich auftauchen, ins Bild wackeln, kann so manches Lachen nicht unterdrückt werden. Verstärkt werden diese Szenen mit einem Synthiescore, der immer etwas neben der Spur zu sein scheint, in seiner Art her allerdings auch eine gewisse Mysteriösität bewahrt. Man kann dazu natürlich erstmal das Verb trashig gebrauchen, viel mehr sehe ich darin einfach eine stark übertriebene Steigerung der Absurdität des Treibens auf dem Bildschirm. Ob dies nun gewollt ist, sei dahingestellt. Dem halbwegs blutigen Treiben und einigen wenigen spannend zu nennenden Szenen zum Trotz ist X-Ray eher wegen dieser Eigenheit einen kleinen Blick wert. Als Slasher selbst kann man ihn zu den Mittelmäßigen seiner Zunft zählen.



5. Juli 2016

The Bay

Er hat Rain Man, Good Morning, Vietnam oder Wag The Dog gemacht. Barry Levinson ist eher der Mann für tragikomische Stoffe, hat mit Sphere gerade einmal einen Horrorfilm gemacht. Dieser hat auch eher durchwachsene Stimmen bekommen. Liegen dem Regisseur phantastische Stoffe nicht richtig? Im Falle von The Bay kann man Entwarnung geben. Zwar springt Levinson im Jahr 2012 relativ spät auf den Zug der mal eine ganze Zeit lang trendigen Found Footage-Horrorfilme auf, seine Herangehensweise an dieses Subgenre ist aber äußerst gelungen.

Es ist Independence Day, der 4. Juli und auch im beschaulichen Küstenstädtchen Claridge in Maryland werden an diesem Tag natürlich Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag begangen. Donna Thompson ist als Reporterin für das Lokalfernsehen vor Ort, um von dem Fest in Claridge zu berichten. Alles gibt sich so harmonisch und malerisch zu Beginn, bis plötzlich beim Krabbenwettessen die Teilnehmer sich reihenweise übergeben müssen. Immer mehr Bewohner der Stadt klagen zu fortlaufender Stunde über eine Art Hautauschlag, Übelkeit etc. Alle sind dabei mit dem Wasser der Bucht in Berührung gekommen.

Was der Zuschauer dabei sieht, ist ein Tatsachenbericht. Donna Thompson geht mit dem Material - Filmschnipsel aus Amateur-, Polizei- und Fernsehaufnahmen ihres Berichts - welches bisher unter Verschluss gehalten wurde, an die Öffentlichkeit. Der Zuschauer nimmt sie dabei als Erzählerin vor der Webcam und im Off wahr, welche die Geschehnisse kommentiert. Dies als auch die verschiedenen Quellen ergben ein stimmiges Ganzes, dass den Verlauf der Katastrophe im kleinen Küstenort als montierte Chronologie darstellt. Anders als viele andere Found Footage-Horrorfilme, welche sich auf die Perspektive eines Einzelnen (bzw. einer einzelnen Kamera) beschränkt. Es nimmt dabei The Bay die klaustrophobische Atmosphäre, welche einige Vertretrer des Genres heraufbeschwören.

Die Entscheidung, dies so zu erzählen, ist für den Film gesamt keine schlechte Entscheidung. Es ist mit einem gewissen "aber" verbunden, welches The Bay seinen Schrecken nimmt. Die Schnipsel erzählen nicht alleine die Geschichte aus der einzelnen Sicht von Donna, sondern zeigen auch andere Personen und deren Schicksale während der Katastrophe. Schwerlich kann der Zuschauer so einen Bezug zu einzelnen Figuren aufbauen, selbst zur häufiger vertrenenen Donna nicht. The Bay bleibt ewats zu distanziert, um wirklich als Horrorfilm punkten zu können. Zumal durch diese stilistische Entscheidung auch schwer Suspense aufkommt. Aber er macht trotzdem vieles richtig: sein langsamer Aufbau der Handlung, die Montage der Bilder an sich: Levinson und sein Team können mit den Elementen des Subgenres umgehen (anders als zum Beispiel George R. Romero in seinem Diary of the Dead, der immer viel zu filmisch wirkt).

Bis zu einem gewissen Punkt packt The Bay und der Umstand, dass er reale Vorkommnisse vorausschickt und eine Thematik anpackt, die er erschreckend glaubwürdig transportiert, erzeugen auch einen gewissen Schrecken. Viel weniger lässt er einen aber dann voller Schrecken und Adrenalin zurück. Eher nachdenklich, auch wenn der Stoff seiner Geschichte weitgehend in der Phantastik haften bleibt: er erinnert im Weitesten an die Welle einiger Horrorfilme der 70er Jahre, die den Schrecken aus einer damals immer mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft trat: den rücksichtslosen Umgang mit der Natur. Das macht im Endeffekt The Bay dennoch so sehenswert. Einfach, weil er als Horrorfilm in seinem phantastischen Kontext eine erschreckend realistische Komponente bietet. Ungewöhnlicher Found Footage, der leider zum Zeitpunkt seines Erscheinens etwas untergegangen ist.

The Hateful Eight

Er wurde schon im Vorfeld groß als achter Film des Quentin Tarantino angekündigt, der selbst einmal sagte, dass er nur zehn Filme machen möchte. Ob es so weit kommt oder Tarantino doch mehr dreht, als er sich vorgenommen hat, steht noch in den Sternen. Wenn es bei den zehn bleibt, dann möchte man nach dem Genuss von The Hateful Eight feststellen, dass es besser so ist. Das einstige Regie-Wunderkind, der mit Pulp Fiction einen wirklich meisterlichen Film geschaffen hat, der viele dazu inspiriert hat, so etwas ähnliches zu schaffen, wirkt mittlerweile äußerst satt. Es ist, als ruhe sich Tarantino sich auf seinen Trademarks aus, welche er in variierenden Grundszenarien steckt.

Der Beginn von The Hateful Eight ist sogar recht vielversprechend. Tarantino kann die tief verschneite Westernlandschaft stimmungsvoll zur Wirkung bringen, so dass man sich gerne an Schneewestern wie Leichen pflastern seinen Weg oder Todesmarsch der Bestien erinnert. Der Weg des Kopfgeldjägers Marquis Warren nach Red Rock, zusammen mit dem "Der Henker" genannte Kollegen John Ruth, der die Verbrecherin Daisy Domergue in die Stadt bringen will, baut sich langsam auf. Die Reise in der Kutsche nimmt beinahe die ganze erste Stunde des Films in Beschlag und dort zieht Tarantino alle Register. Kauzige Charaktere präsentiert er, welche die Handlung mit epischen Dialogen vorantragen. Wobei: die Handlung geschieht beläufig, die Nebensächlichkeiten im Dialog der Figuren nehmen den größten Raum ein. Sie sind hübsch und geschliffen, die Reduzierung des Raumes auf die Kutsche erzeugt eine intime und intensive Stimmung. Aber die narrative Stagnation blitzt hier schon stark auf.

Nachdem die Reisenden mit Chris Mannix, dem neuen Sheriff von Red Rock, einen weiteren Passagier aufgenommen haben, macht die Gruppe halt bei Minnie's Miederwarenladen, um Schutz vor dem stärker werdenden Schneesturm zu suchen. Dort treffen sie nicht auf die Besitzerin, aber auf den Cowboy Joe Gage, einen alten General der Konföderierten, den örtlichen Henker und einen bulligen Mexikaner. Während draußen der Schneesturm tobt, zieht auch im Inneren der Hütte ein Sturm auf. John Roth wittert eine Verschwörung und das irgendjemand der anwesenden Personen nicht das ist, was er vorgibt zu sein. Er spricht den Verdacht aus, dass diese Person mit Domergue unter einer Decke steckt um sie zu befreien. Es entsteht ein psychologisches Duell zwischen allen Personen, dass sich immer mehr zuspitzt.

Es mag sein, dass Tarantino mit der Erwartungshaltung seines Publikums spielt, welches nach seinem Django Unchained einen stark auf cool gezeichneten, actionlastigen Western erwartet haben. Die Duelle werden erst sehr spät mit Waffen ausgetragen. Vorher überwiegen weiterhin die Kämpfe mit scharfen Worten. Wenn man nun die Filme des Regisseurs und seine Vorliebe für ausgefeilte Dialoge kennt, schleichen sich bei The Hateful Eight schnell Ermüdungserscheinungen ein. Etwas mehr Schwung hätte dem Film gut getan, vor allem weil er bei den ersten physischen Auseinandersetzungen so grob die Splatterkelle auspackt, dass dies den Fluss des Films stört. Die überzeichnete Gewalt erscheint wie ein Fremdkörper, wenn zum Beispiel plötzlich detailliert ein Kopf zerschossen wird. Das ist dann auch nicht eine Art der Huldigung des gewaltsamen Exploitationkinos, sondern einfach ein unnötiges Element.

Es will in dieses Kammerspiel in winterlicher Westernkulisse nicht passen. Vor allem weil Tarantino dies im finalen Akt langgezogen zelebriert und auch hier nicht gut passen mag. Eine falsch gewählte Art der Intensität; mit einer knackigeren Herangehensweise - der Konzentration der wesentlichen Geschichte - würde The Hateful Eight im Gesamteindruck viel besser wegkommen. Die Zeichnung der Figuren ist wirklich gut gelungen und greifbar für den Zuschauer. Auch der Kniff, den Verlauf der Handlung leicht in die Richtung eines Kriminalspiels mit Whodunit-Charakter zu steuern, ist beileibe nicht verkehrt. Sehr leicht fühlt man sich an Italowestern mit Krimielementen á la Sarg der blutigen Stiefel erinnert. Aber Tarantino hält sich in manchen Dingen zu stark an Nebensächlichkeiten auf, die den Spannungsbogen des Filmes durchhängen lassen.

The Hateful Eight
verschenkt dadurch sein großes Potenzial, das er mit sich bringt. Tarantino will - wie auch in einigen anderen seiner Filme - zuviel. Im Falle seines achten Werks auch etwas zu lang. Reduktion auf das Wesentliche ist für die anstehenden, voraussichtlich letzten zwei Filme sehr wünschenswert. Dehnt er doch zum Beispiel auch in seinen beiden Kill Bill-Filmen die Geschichte dort zu stark auseinander. Vielleicht ist The Hateful Eight aber auch einer dieser "Grower", der bei einer zweiten Sichtung mehr wächst, andere Details in seinen knapp 170 Minuten Laufzeit aufzeigt, die vorher nicht bemerkt wurden. Nach der ersten Sichtung bleiben auf jeden Fall diese Eindrücke hängen und geben eine weitere Bestätigung, dass Tarantinos Copy & Paste-Mashup-Kino schon zu lange von Nebensächlichkeiten beherrscht wird. Quentin sollte das machen, was auch die von ihm geliebten und gehuldigten B-Filme taten: eine simple Geschichte rasant und straight erzählen. Das er das durchaus kann, hat er in der Vergangenheit ja auch schon mal bewiesen.

4. Juli 2016

Turbo Kid

Neue Filmproduktionen wirken zu lassen, als würden sie aus den 70ern oder noch besser den 80ern stammen, ist en vogue. Wenn letztgenanntes Jahrzehnt von den Schöpfern auserkoren wurde, ist ein mehr oder weniger spürbares Augenzwinkern eine nette Dreingabe. Oder man übertreibt von Beginn an, wie die Hommage an den Actionfilm Kung Fury, der in seinen knapp dreißig Minuten mit der Wucht eines Vorschlaghammers auf Teufel komm raus parodiert und persifliert. Ganz ohne Übertreibungen kommt auch der kanadisch-neuseeländische Turbo Kid nicht aus. Dafür lässt er zur Abwechslung den ironischen Blick auf das Kultjahrzehnt vor der Tür.

Der von den drei (!) Regisseuren Francois Simard, Anouk Whissell und Yoann-Karl Whsisell geschaffene Film nimmt sich dem in den 80ern populär gewordenen Endzeitfilm an und lässt ihn in "naher Zukunft" spielen: 1997 ist die Erde vom Krieg und sauren Regen zerstört. Im Ödland herrschen Despote wie Zeus mit seinem Gefolge, welches er mit Schaukämpfen zwischen von ihnen entführten Gefangenen bespaßt. Protagonist ist der Jugendliche Kid, der auf seinem BMX-Rad durch die unwirtliche Gegend fährt, nach verwertbaren Gegenständen sucht und alleine in einer unterirdischen Behausung unterkommt. Sein einsames Leben ändert sich, als er das liebenswert durchgeknallte Mädchen Apple kennenlernt. Nach anfänglichem Argwohn freundet sich Kid mit ihr an und zögert keine Minute sie zu befreien, als sie von den Schergen Zeus' gefangen genommen wird, um in deren Arena zu kämpfen. Dabei hilft ihm ein zufällig gefundener Kampfanzug, der dem seines liebsten Comichelden "Turbo Ranger" ähnelt und ein Cowboy Namens Frederic.

Oliver Nöding hat in seinem Review Turbo Kid als Fanboy-Film bezeichnet, was man eigentlich schon stehen lassen kann. Die drei Regisseure sind merkbar Fans solcher Filme wie Mad Max 2 oder auch italienischen Vertretern des Genres á la Metropolis 2000. Die Geschichte wird aus vielen kleinen Versatzstücken bekannter Klassiker einem Mosaik gleich zusammengesetzt. Da finden sich auch Zitate und Ideen aus Blade Runner, ein bisschen Terminator oder auch Soylent Green. Durch das BMX-Rad des Protagonisten muss man dazu auch noch grob an den Teenie-Film Die BMX-Bande denken. Das Zusammenspiel dieser vielen kleinen Stücke als "neues" Ganzes macht durchweg Laune. Turbo Kid ist ein rasanter Film, der allerdings mit fortschreitender Laufzeit noch einige lustige Ideen bietet, ihm da aber auch merklich die Puste ausgeht. Das reine bunte feiern und zitieren reicht nicht dazu aus, dass der Film zum "Instant Classic" wird.

Er bleibt eher der sympathische kleine Streifen, der vieles an Potenzial mitbringt, auch einiges richtig macht, aber diese eine Stufe zum Status eines komplett runden dann nicht erklimmen kann, weil sie zu groß ist. Die Zeichnung von Kid und dessen Freundschaft zu Apple hätte man vertiefen können; beinahe wäre Turbo Kid somit wohl zum ersten dystopischen Action-Coming of Age-Film oder sowas ähnlichem geworden. Hier eifert man lieber dem Story Telling von Teeniefilmen nach oder bricht aufkommende emotionale Szenen mit Humor. Dieser ist an und für sich ganz fein, kommt an diesen Stellen aber einfach unpassend. Trotzdem kann man Turbo Kid ziemlich lieb haben. Wegen der beiden Hauptdarsteller Munro Chambers und Laurence Leboeuf und deren toller Chemie zusammen, den übertriebenen aber handgemachten Effekten oder dem tollen Synthie-Soundtrack, der wie direkt aus den 80ern importiert anmutet.

Die Action, das Spektakel und die vielen kleinen Ideen sind allerdings eben nicht ausreichend genug, dass ich fünf Saltos schlage. Der Film kann gut amüsieren, die Langzeitwirkung wage ich zu bezweifeln. Mit einigen anderen Wegen - eben gerade bei dem großen Potenzial was Kid, dessen Werdung zum Helden und seine Beziehung zu Apple mit sich bringt - wäre Turbo Kid ein richtig außergewöhnlicher Film. Es bleibt ein spaßiger Popcorn Flick, bei dem man das nerdige Sein der Macher ständig spürt. Seine Ideen und Huldigung der Filme aus den zum Kultjahrzent aufgestiegenen 80ern sind vielleicht eine Ecke sympathischer als die ähnlicher Werke. Ich persönlich finde ihn auch ganz angenehm im Bezug der Regisseure auf die von ihnen gefeierten Vorbilder aus den 80ern. Viel zu oft bringen solche Fanboy-Filme einen Tick zu viel Ironie mit sich. Er besitzt trotz der genannten Schwächen einen Charme, dem man sich nicht verwehren kann und einen guten Unterhaltungswert bezüglich einiger Ideen. Den gewissen Leerlauf gegen Ende zum Trotz. Vor allem - und das sei abschließend auch wohlwollend erwähnt - gibt er sich bei allen Huldigungen der zu Kultfilmen aufgestiegenen Vorbilder nie so, als wäre er das "Next Big Thing" oder schon jetzt einfach Kult.