17. Januar 2018

Super Dark Times

Wer den Film noch nicht gesehen hat und sich nicht spoilern lassen möchte, sollte den Text erst nach dem Genuss des Films lesen.

Die Blase aus pubertärem Bewerten der Mitschülerinnen im Jahrbuch nach Fuckability, dem Zeit tot schlagen innerhalb der Grenzen des Dorfkosmos, dem Sturm und Drang im Inneren nachgeben, wird mit einem Unfall jäh zum platzen gebracht. Ein Samuraischwert steckt da im Hals des halb geduldeten, halb in Freundschaft verbundenen Daryl. Mit dem verschwinden der Blase aus erwachsen werden und unbeschwert langweiligen Teenietagen und des Freundes brechen für Chris, Zach und Josh Super Dark Times an. Das Vertuschen des Unfalls stellt die Freundschaft zwischen dem unsicheren, schüchtern wirkenden Zach und dem schwer zu greifenden, geheimnisvoll verwegenen Josh auf eine harte Probe. Der anfängliche Schock sät im Stillen Paranoia, Misstrauen und lässt die Jungen langsam entzweien. Erst recht, als mit Allison, die Zach eindeutig zu verstehen gibt, dass sie auf ihn steht, sich ein Mädchen zwischen die beiden drängt.

Das Mädchen stößt dabei auf eine unsichtbare Barriere. Sie weiß nichts vom schrecklichen Unfall am Rand ihres kleinen Ortes, der wie ein Sturm im Inneren ihres Schwarms tobt und dieses durcheinander wirbelt. Unbemerkt gibt sie Zach dabei Halt in schweren Zeiten und Annäherung geschieht. Josh, der ebenfalls ein Auge auf die mit Natürlichkeit und spröder Schönheit gesegnete Allison geworfen hat, isoliert sich. Die Gedanken, die um Daryls Ableben kreisen, werden zum Mittelpunkt seines gedanklichen Universums, um den sich sein Denken dreht. Mit der interessanten, unergründlichen Aura, seinem markanten Gesicht und der verwuschelten Mähne könnte er ein kleiner Mädchenschwarm sein. Es scheint nur Fassade zu sein. Wie bei seinem besten Freund ist eine Unsicherheit gegenüber dem anderen Geschlecht zu bemerken.

Ist das wirklich nur Schüchternheit? Die Avancen, Zach näher zu kommen, werden bis zu einem Punkt erwidert, bevor der Junge abblockt. Ein simpler erster Kuss, eine ersehnte Dringlichkeit ihrer Zuneigung, bleibt verwehrt. Im Nebel seiner Atmosphäre versteckt Super Dark Times subtile Zeichen in der Beziehung zwischen Josh und Zach. Kleinigkeiten, die fast verschluckt werden. Nach einigen Stunden, wenn sich Kevin Phillips Debüt im Bewusstsein des Zuschauers gelegt hat, klärt sich das Bild auf. Ist das wirklich nur Freundschaft? Sind Mädchen wirklich das, was sie oder einer von beiden wirklich will? Als ein älterer Mitschüler plötzlich tot aufgefunden wird, fällt Zachs Verdacht auf seinen Freund. Das Schwert ist nicht mehr im Versteck zwischen Baumwurzeln und welkem Blattwerk; die Isolation des Freundes und seine vor wenigen Tagen offen ausgesprochene Aversion gegenüber dem Verstorbenen lassen seinen Gedanken wilde Verknüpfungen entspringen.

Der Verdacht erhärtet sich und als Josh mit dem Schwert eingewickelt in einem Badetuch zum Finale bei Allison und einer Freundin auftaucht, entwickelt sich Zach zum Teenage Superhero. Im Angesicht seines Freundes offenbart er sich. Das ist nicht einfach nur Freundschaft, wenn Zach Josh offeriert, dass er ihn liebt. Sein Coming of Age ist mit Blut, Gewalt und Tod verbunden. Kurz nach dem Geständnis tritt der Junge die Flucht an, als hätte er im Kindergartenalter seinem Schwarm gestanden, was er für diesen empfindet. Der Erkenntnis wohnt weiter Unsicherheit inne. Die Antwort wird mit scharfer Klinge geschrieben, wenn Josh, zerbrechend an der in ihm schwelenden Schuld und einer vage gezeichneten Gefühlswelt seinem Freund gegenüber, weiter seinem Amoklauf fröhnt. Es ist eine blutige Abwehr, mit scharfer Klinge erleidet Zach die Abfuhr, bis es im Garten zur blutigen Zusammenkunft der beiden heranwachsenden Männer kommt.

Symbolisch bohrt sich der metallene Phallus in den Körper, im gewaltsamen Kampf zwischen panischer Vernunftbesessenheit und der Gefühlswelt kapitulierendem Amoklauf geschieht das, was bei Josh niemals sein darf. Sie sind sich nahe, die Körper, die bisher angedeutet aufeinander warten, berühren sich. Zachs Offenheit wird mit Schmerz und Blut bezahlt. Erinnerungen an das Finale von Chang Chehs Duell ohne Gnade blitzen auf, wenn sich Hong Kongs damalige Topstars David Chiang und Ti Lung bis zu diesem tiefen Respekt zollten, der Regisseur sein Buch mit homoerotischen Untertönen aufbaute, eine so im Martial Arts-Kino einzigartige Beziehung zwischen zwei Figuren schuf und sie dann, nach schwerem Kampf im Todesballett zueinander finden ließ. Was nicht sein durfte, baute der homosexuelle Top-Regisseur der Shaw Brothers kunstvoll in seine Geschichte ein und wenn Josh und Zach auf Leben und Tod miteinander kämpfen, wohnt diesem eine ähnliche Intimität inne.

Coming of Age heißt auch immer, zu sich finden. Die Protagonisten schaffen dies mit Müh' und Not, Super Dark Times schließt sich diesen an. Was will man eigentlich sein? Hat man eine Rolle im Leben und wie wird diese aussehen? Geht es nur ums Ficken und dem Zeit rum bekommen in dieser tot erscheinenden Ortschaft? Fragen wabern in Phillips atmosphärisch fotografierter Erzählung umher; alle werden nicht beantwortet. Spät findet auch Super Dark Times zu sich, dessen Thriller-Dasein ein wundersamer Anbau an das Findungsdrama zweier Freunde und deren schmerzlichen erwachsen werden, dem aufwachen aus ihrer Traumblase, ist. Eine durchaus interessante Fingerübung, die visuell wie auditiv schön ausgefallen ist. Seine den Protagonisten gleichkommende Planlosigkeit, die er in seinen ersten dreißig Minuten gekonnt auf den Punkt bringt und erzählt, lässt ihn strauchelnd zurück und erinnert an sein Intro. Dort liegt dieses prächtige Wild, schwer verletzt in einem Schulsaal. Während dieses im Film leider vom Leid erlöst werden muss, geht Super Dark Times im Endeffekt als mit kleinen Fleischwunden versehrter Junghirsch aus dem Rund des Indiekinos. Er ist noch jung, wächst wahrscheinlich mit den Jahren, könnte über die Jahre ein stattliches Tier (sprich Klassiker) werden, wenn seine davongetragenen Schwächen, die er besitzt, sich mit den Jahren vielleicht doch noch auflösen. Schade, dass man ihn werbetechnisch völlig haltlos mit modernen Klassikern wie Donnie Darko verglichen hat. Das ein Werk, dass mit meinem Lieblingsfilm verglichen wird, nur verlieren kann, war absehbar. Ganz verloren wurde der Kampf allerdings nicht. Super Dark Times ist angeschlagen und könnte sich ein paar Jahre später noch rehabilitieren.

13. Januar 2018

Das zweite Gesicht

Ein Kind verknüpfen wir als Erstes mit solchen Eigenschaften wie rein, unschuldig und wohlbehütet vor all dem oder den Bösen Dingen des Lebens. Das von diesen kleinen Geschöpfen, den nachwachsenden Generationen eine konsequente Bedrohung ausgeht oder direkt in diesen das Übel sitzt, ist seit Jahrzehnten ein Gedankenspiel Filmschaffender. Insbesondere der Horrorfilm kann mit solchen Werken wie Ein Kind zu töten... oder der bekannten Reihe um die Kinder des Zorns punkten. Gefühlt wohnt in der heutigen Zeit bei einigen der Kleinen schon heute der Teufel in ihnen, wenn Eltern, die selbst gerade dem Kindesalter entsprungen scheinen, merklich überfordert ihre Saat an "Arschlochkindern", all diesen Chantals und Kevins, der Gesellschaft aussetzen. Mit dem zum Synonym gewordenen Namen Kevin verknüpft man nicht nur weniger intelligente Kids oder Jugendliche, sondern einen Knirps, der mit seiner anarchischen Art Anfang der 90er die Kinokassen klingeln ließ. Macaulay Culkin wurde mit Kevin allein zu Haus und der Fortsetzung Kevin allein in New York zum neuen süßen Knuddelfratz. Davor sprang er dem Kinobesucher mit seiner Rolle in Allein mit Onkel Buck an der Seite von John Candy ins Gedächtnis; danach wurde die Schmachtstory My Girl ebenfalls ein profitabler Erfolg.

Was lag also näher, um den Massen ihren Liebling von einer neuen Seite zu zeigen? Im Thriller Das zweite Gesicht versucht Culkin gegen sein Image, ein rotzfrecher aber süßer und charmanter Bengel zu sein, anzuspielen. Dem Jungdarsteller gelingt dies leider nur bedingt. Seine Figur des Henry, der in einem krankhaften Eifersuchtsanfall den von seiner Familie aufgenommenen Mark versucht zu terrorisieren, bleibt stark oberflächlich. Das Build-up seines Charakters das hinter diesem (schon wieder) so lieben und freundlichen Jungen ein mordlüsterner Jungpsychopath steckt, wirkt bemüht und ist leider in den seltensten Fällen überzeugend. Der schwache Aufbau lässt die schockierende Wahrheit über den tragisch frühen Tod von Henrys Bruder Richard, leicht durchschaubar werden. Das Drehbuch müht sich, leichte Andeutungen zu machen, innerhalb der simpel konstruierten Geschichte entwickeln sie sich zu übergroßen Hinweisen, welche die Auflösung vorwegnehmen. Die morbiden Themen, über die der Junge mit seinem Cousin Mark, der nach dem Tod seiner Mutter von seinem Vater bei Henrys Familie geparkt wird um durch einen lukrativen Job Geld für die Beerdigung zusammenzukratzen, redet und seine makabren Spiele sind in Verbindung mit der glatten Fassade, die Hauptdarsteller Culkin besitzt, bemüht aber wirkungslos.

Man nimmt Culkin den boshaften, um seinen Willen zu bekommen über Leichen gehenden Jungen nicht ab. Es passt nicht zum Wesen des Jungens, der in den vorangegangen Filmen so leicht erscheint, weil er hier auch mehr er selbst und einfach Kind sein kann. Sein Schauspielpartner, der sehr junge Elijah Wood, schlägt sich entgegen anderer Stimmen besser. Man merkt seinen Hang, dramatisch und kurz vorm vom Schicksal erzwungenen Heulkrampf stehendes aufreißen der Augen, was er in Peter Jacksons Herr der Ringe perfektionierte, schon hier. Seiner Rolle kommt dies zu gute, wenn er als Mark verzweifelt versucht, Gehör bei Henrys Eltern zu finden, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmt. Das Drehbuch lässt diese Rolle leider manchmal etwas aus dem Alter des Darstellers bzw. der Figur fallen und diese altklug erscheinen. Woods engagiertes Spiel schafft es dafür, dass Culkin für wenige Momente trotzdem bedrohlich wirkt. Diese sind in Joseph Rubens Film rar gesät, einsamer Höhepunkt ist Henrys Ausflug mit der kleinen Schwester zum Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen See. Hier der stimmt der Einsatz an Spannung; das Timing ist ebenfalls passabel.

Dazwischen fühlt sich Das zweite Gesicht bieder an und wirkt wie eine TV-Produktion, die immerhin einige hübsche Landschaftsaufnahmen besitzt. Das sieht durchaus nett aus, hilft dem Film gesamt gesehen nicht weiter. Auf der Tonspur sieht es nicht anders aus. Elmer Bernsteins Score gniedelt ohne Unterlass und zwingt dem Film eine dramatische Note auf, welche die Geschichte niemals erreicht. An manchen Stellen stört das und weniger dick auftragen wäre weitaus mehr gewesen. Durch seinen Drehort, das herbstliche Maine, bekommt der Film wenigstens eine Atmosphäre wie sie auch einige Stephen King-Geschichten bzw. -Verfilmungen besitzen. Es ist eine der wenigen authentischen, glaubhaften Dinge des Films, der wie sein Star auf dem Filmplakat eine hübsche Mine aufsetzt, die spürbar gezwungen erscheint. Das zweite Gesicht dürfte schon damals nur im mittleren Alter befindliche Hausfrauen erschreckt haben, die von dem kleinen Zwerg so verzaubert waren und niemals geglaubt hätten, dass der Junge zu solch schrecklichen Taten fähig wäre.

9. Januar 2018

Get Out

Get Out traf im vergangenen Jahr den Nerv vieler Fans. Jordan Peeles Debüt als Regisseur dürfte wohl der gehypteste Genrefilm 2017 gewesen sein. Endlich wieder ein intelligenter Horrorfilm, der zudem ein brandaktuelles Thema aufgreift und daraus eine spannende Geschichte strickt, hieß es. Im Mittelpunkt derer steht ein junges Pärchen, Chris und Rose, deren erster Besuch bei Roses' Eltern seit Beginn ihrer Beziehung ansteht. Ist bei so einem ersten Treffen die Aufregung und die Frage, ob man von der Familie des Partners akzeptiert wird, ohnehin stark präsent, wird Chris doppelt von diesen Gedanken gemartert. Er brauche sich aber, so Rose, über seine schwarze Hautfarbe keine Sorgen zu machen. Ihre Eltern seien keine Rassisten. Nach ihrer Ankunft bei diesen scheinen Chris' Gedanken diesbezüglich vollkommen unbegründet. Was sich nach und nach ändert, als er zuerst die beiden schwarzen Hausangestellten sieht und bei einer Feier seiner Schwiegereltern in Spe auf deren Freunde, dem gehobenen Bürgertum entstammende, reiche Weiße, trifft die sich äußerst seltsam verhalten. Da ahnt Chris noch nicht im geringsten, wo er überhaupt gelandet ist.

Das Get Out, jüngst für den Golden Globe 2018 als bester Film in der Kategorie Komödie/Musical nominiert, überhaupt so hohe Wellen geschlagen hat, dürfte seinem Thema geschuldet sein. Der Rassismus, lange Zeit nur traurige Randerscheinung, rückte zurück ins Bewusstsein der Gesellschaft. Während auf dem europäischen Festland nationalistische und weit rechts zu verordnende Parteien wie die AfD, der Front National oder die Partei für die Freiheit viel Zuspruch einheimsen konnten, zog mit Donald Trump in den USA ein zwischen debilem Größenwahn und aggressivem Rechtspopulismus schwankender Mann als Präsident ins Weiße Haus ein. Schon davor wurden die Vereinigten Staaten von Unruhen erschüttert, Meldungen von willkürlich von der Polizei erschossenen Schwarzen geisterten immer wieder präsent durch die Medien. Trump wühlte mit seinem breiten Pflug aus Rassismus und Vorurteilen das Feld auf und säte erfolgreich einen egoistisch ausgelegten Nationalismus, der den einfach gestrickten Worten dieses Mannes auch aggressive Lösungen gegenüber der Bedrohung von Fremden befürwortete. Wenn eine Genreproduktion wie Get Out sich dessen zum Thema macht, klingt dies nicht nur kalkuliert, sondern durchaus auch als zur richtigen Zeit abgegebenes Statement.

Leider ist das Endergebnis bei weitem nicht so toll wie angenommen. Da kann man Stimmen, die den Film zum intelligentesten Beitrag des Horrorfilms für das Jahr 2017 machten, erschreckend finden. Bedient sich Get Out leider sehr unangenehmer Klischees, die sich im Verlauf des Films so widerwärtig ausbreiten, das jeglicher gute Ansatz des Films zunichte gemacht wird. Was zu Beginn mit einer unangenehmen Stimmung zu gefallen weiß, wird im weiteren Verlauf ein schematisch zu bekannt aufgebautes "Strike Back"-Szenario. Wenn man wie in der ersten Hälfte darauf vertraut, eine dichte Atmosphäre aufzubauen, die langsam und kurz unangenehme Andeutungen aufblitzen lässt, funktioniert Peeles Werk ziemlich gut. Man fühlt sich wie Chris unbehaglich und hat ständig im Hinterkopf, dass etwas sehr seltsames vor sich geht. Lässt das Drehbuch dann nach und nach die Hüllen fallen und dreht nach seinem langsamen Aufbau auf, bedient man sich leider gängiger Muster, die weit über dem Verfallsdatum sind. Der psychisch ausgeübten Gewalt, der versuchten Manipulation wird eine blutrünstige, gnadenlose Vendetta entgegen gestellt als wollten die Drehbuchautoren dem weißen Establishment und allen anderen Rassisten den Krieg erklären.

Deren aufgedeckte Motivation, wieso man nun nach den physischen wie psychischen Vorzügen der Schwarzen giert, ist unglaubwürdig und ein zu schräger Gedankengang, dass er zu dem vormals aufgebauten Szenario passt. Das man zudem das weiße Establishment und das gehobene Bürgertum angreift, sie als in die Gegenwart gesetzte Pervertierung dessen zeigt, was früher die reichen Farmen- und Plantagenbesitzer in der Zeit vor dem Bürgerkrieg waren, erscheint billig. Das weitaus größere Klischee ist leider das Bild der Schwarzen in Get Out. Wenn ein Film clever sein will und hier gängige Vorurteile und Klischees bedient, wie sich der "behütete" oder es nicht besser wissende Weiße diese eben vorstellt, ist dies im Endeffekt mehr unangenehm und dumm. Trauriger Höhepunkt ist Chris' bester Freund, der einer schlechten Komödie entsprungen zu sein scheint. Der durch diesen eingeschobene Humor ist komplett fehl am Platz und störend. Jeglich gewollter und mühsam aufgebauter Ernst wird mit seinem Auftauchen im Finale zunichte gemacht.

Bedauernswert an Get Out ist der Umstand, dass er ab der zweiten Hälfte sein gewiss vorhandenes Potenzial an die Wand fährt. Seine politische Brisanz, die der Stoff im Ansatz besitzt, wird zu einem ausgelutschten Horrorthriller der letztendlich eine üble Bauchlandung im wüsten Sumpf der Durchschnittlichkeit hinlegt. Wenn Chris gegen die Rassisten zurückschlägt, ist selbst die damit aufkommende Katharsis auf empathischer Ebene für den Zuschauer fast nicht vorhanden. Die aufgebaute Beziehung zwischen Protagonist und Rezipienten lässt man fallen um dem Publikum das zu geben, was es in solcher Situation erwartet: Blut und gnadenlose Rache. Das riecht nach einem Zugeständnis für ein breiteres Publikum, dem 08/15-Gucker, dessen Erwartungen damit befriedigt werden. Aus dem Intelligent wird ein Pseudointelligent und ein Schwanz einziehen der Macher, um aus Get Out wirklich einen schlau erzählten Film zu machen, der von der sorgfältig aufgebauten ersten Hälfte vor einem Totalversagen gerettet wird. Ansatzweise ist zu spüren, dass die benutzten Klischees dazu hätten führen können, den angeprangerten Rassismus innerhalb der Gesellschaft als selbstzweckhaftes Mittel zu nutzen, um einen Horrorthriller unter vielen mit vermeintlich realistischem Anstrich zu schaffen. Es nützt nichts, aktuelle Themen im Subtext des Genrefilms zu verarbeiten, wenn diese so klischeehaft überzeichnet werden. Es ist immer schön, wenn man in solchen "speziellen" Filmen Gesellschaftskritik herauslesen kann. Ärgerlich wird es erst dann, wenn wie bei Get Out diese nicht richtig ankommt, weil die vermeintlichen intelligenten Messages zwischen den Zeilen wie Seifenblasen zerplatzen.

3. Januar 2018

Die Rache des Paten

Bemüht man Google um Informationen über Andrea Bianchi stößt man auf ein Bild des Regisseurs, der darauf ein wenig so aussieht, wie sich seine Filme anfühlen. Auf den ersten Blick bemüht seriös, nach längerem Hinsehen bemerkt man eine latente Schmierigkeit. Schmutz schimmert durch die mühsam aufrecht erhaltene Seriosität. Bianchi wirkt abgekämpft, ausgelaugt und an einem Punkt angelangt, an dem er für Geld (fast) alles machen würde. Der italienische Regisseur gehört nicht gerade zu den Meistern seines Faches und wird sogar in Fankreisen des öfteren Nase rümpfend betrachtet. Seine Filme polarisieren, stehen sie doch für schnell und möglichst billig heruntergekurbeltes Unterhaltungskino, welches sich einen Dreck um künstlerischen Anspruch oder Message kümmert. Das sind 101 Prozent Exploitation und Filme wie der immer wieder an der Pornografie schrammende, dauerberammelte Exorzisten-Rip Off Malabimba oder der schnell auf die damalige Zombiewelle aufzuspringen versuchende Die Rückkehr der Zombies, der noch nie so spaßig inhaltslosen Matschesplatter präsentierte.

Nach vielen Jahren, in denen ich nur eventuell verklärte Liebesbekundungen im Internet las oder von Freunden hörte, war endlich - dank der jüngst erschienenen Blu Ray von filmArt - die Zeit gekommen, eine Lücke zu schließen und Bianchis Die Rache des Paten anzuschauen. Meine Erwartungen waren so gut es durch seinen ihm vorauseilenden Ruf ging, auf ein Minimum zurückgeschraubt. Ich mag seinen Zombiefilm und auch sein sleaziger Giallo Die Nacht der langen Messer bereitet mir viel Freude. Die niedrig gesteckten Erwartungen wurden übertroffen und meine Meinung über das limitierte Talent Bianchis Lügen gestraft. Sein mit schmalem Geldbeutel realisierter Poliziottescho entpuppt sich als sein am sorgfältigsten umgesetzter Film. Der prägnante Score, mit für das Genre ungewohnte Instrumenten wie einer Maultrommel umgesetzt, untermalt zu Beginn eine aus dem Wageninneren heraus gefilmte Autofahrt. Die vorbeirauschenden Landschaften schaffen zusammen mit der Musik eine leichte Atmosphäre, die Bianchi innerhalb weniger Minuten durch einen plötzlichen Unfall der Wageninsassen samt erster Brachialeffekte zunichte macht.

Kurz darauf folgt die erste Geschmacklosigkeit, über die sich auch die örtlichen Mafiachefs des Films echauvieren. Das im Auto befindliche Kind war nicht nur schon längst tot, sondern auch befüllt. Schergen des unverfrorenen Unholds Don Ricuzzo nutzen Kinderleichen, um ihr Heroin durch die Lande zu schmuggeln. Das sowas ehrenloses nicht zum Mafiaehrenkodex passt, stellen die Vertreter verschiedener Mafiaclans schnell fest und entsenden den richtigen Mann, um Don Ricuzzo auszuschalten: Toni Aniante ist ein Italo-Amerikaner, frisch aus den USA zurückgekehrt um im Land des Stiefels aufzuräumen. Aniante stellt schnell klar, dass mit ihm wortwörtlich nicht gut Kirschen essen ist; die von ihm gekaperte Ladung an frischem Obst entlarvt sich geschwind als weitere Drogenschmuggelei. Toni macht zuerst gemeinsame Sache mit Don Turi, um sich dessen Unterstützung im Kampf gegen Ricuzzo zu sichern. Im weiteren Verlauf wechselt Aniante absichtlich oder gezwungenermaßen die Seiten zwischen Turi und Ricuzzo um diese gegeneinander auszuspielen und die Männer des verhassten Mafiabosses auszuschalten.

Sowas könnte zu einem Gangsterfilm unter vielen werden; setzt man die rosarote Fanbrille ab, ist Die Rache des Paten dies auch. Seine Besonderheit besteht darin, wie hübsch Bianchi hier die Geschmacklosigkeiten und unglaublichen Momente verpackt und sich frech bei der Geschichte von Für eine Handvoll Dollar bedient. In Bianchis Schmalspur-Gangster-Epos ist der lachende Dritte, der zwei Clans gegeneinander ausspielt, kein Fremder ohne Namen oder Hintergrundgeschichte. Toni Aniante wird knapp und prägnant vorgestellt, macht wie Clint Eastwood in Leones legendärem Italowestern mit beiden Parteien gemeinsame Sache um dann allen menschlichen Schwächen zum Trotz, die bei jeder näher beleuchteten Figur herausgearbeitet wurde, der vermeintlich guten Seite beizustehen. Diese Entscheidung ist für das manchmal löchrige Drehbuch, dass die Geschichte in grob zusammengehaltenen Episoden erzählt, ein Gewinn. Diese erzählerische Variation mag nicht die raffinierteste sein, lässt Die Rache des Paten im Gesamten eigenständiger und nicht als bloße Kopie eines großen Vorbildes wirken.

Was das Drehbuch und Bianchis schludrige Regie nicht schaffen, macht der Film mit seinen Darstellern, einzelnen Szenen voller entfesselter Hemmungslosigkeit in Gewalt- und Figurendarstellung und seinem Drehort wett. Der in Ligurien gedrehte Film wird im Vergleich mit anderen Poliziotteschi zu einem erfrischenden Kontrast; die Drehorte erinnern manchmal sogar an süditalienische Dörfer. Eine schöne Abwechslung zu den meist in den reichen, dicht bevölkerten Städten des italienischen Nordens spielenden Polizeifilmen. Die ländliche Umgebung wird zum Stellvertreter der verfallenen, staubigen Ansammlungen an Bretterbuden, die im Italowestern eine Stadt zu bilden versuchen. Die Landsitze der beiden Mafiosi sind mit den Ranches der Bandenbosse gleichzusetzen. Was Bianchi ohne mit der Wimper zu zucken an ungeheuerlichen Dingen präsentiert, lässt Die Rache des Paten zum Citizen Kane des italienischen Exploitationkinos mutieren. Gut und Böse werden beinahe aufgelöst, Bianchis Kosmos wird von unmenschlich agierenden Figuren bevölkert, die ihre Menschlichkeit und Empathie am Rande durchblitzen lassen. Die vom Italowestern etablierte Zuwendung zu einem Antihelden wird hier auf die Spitze getrieben.

Toni Aniante, herrlich steinern von Henry Silva gemimt, ist ein nicht zimperlicher Genosse, dessen Werte dem alten System seiner Bosse entspricht, der dieses mit gleicher Gnadenlosigkeit wie seine Gegenspieler verteidigt. Er ist nicht gerade zurückhaltend bei der Verteidigung moralischer Werte innerhalb der Mafia und geht in seiner Entschlossenheit über Leichen. Das Aniante dabei immer wieder mit einem geheimnisvollen Pfeifen angekündigt wird, lange bevor er das Bild betritt, unterstreicht die Nähe des Films zum Italowestern. Diese findet man auch in den hübschen Bildern von Kameramann Carlo Carlini, welche die Bildsprache des Genres aufgreift und diese in ein Buket aus Gewalt und landschaftlicher Schönheit bettet. Nach den überästhetisierten Symbiosen aus Blut, Brutalitäten und Hochglanzbildern des Giallo schafft es (ausgerechnet) Andrea Bianchi, auch das stark sleazige Exploitationkino, den schundigen Orkus des Films, der bisher trist und trostlos von Gewaltspitze zu Gewaltspitze und Sexszene zu Sexszene eilte, einen gewissen Stil zu verleihen. Da wirken Szenen, in denen Henry Silva die hübsche Barbara Bouchet mit einer Gürtelschnalle verprügelt, sie in einer Küche beim Akt brutal in eine von der Decke hängendes, ausgenommenes Schwein hineinvögelt, er längst tote Handlanger von Don Riccuzo nochmal mit einem Bulldozer überrollt oder Don Ricuzzos Liebesspiele mit seiner Prostituiertengattin nicht komplett schäbig und schundig.

Wirken diese Szenen im ersten Moment ob ihres stumpfen Charakters überraschend und überzogen, entfalten sie auf längerer Sicht eine beinahe epische Wirkung. Bianchi und sein Team griffen nach klassischem Stoff, der in ihren Händen zu Schund der schönsten Sorte wird. Der Italiener hätte öfter mit einem Team arbeiten sollen, welches wie hier seine Schwächen in der Erzählung der Geschichte mit ihrem Einsatz an Kamera, Schnitt und Musik kaschieren kann. Mit gut aufgelegten Darstellern gewinnt die manchmal unübersichtlich werdende Geschichte, die eigentlich so einfach aufgebaut ist, durch die Kraft ihrer einzelnen Szenen. Jedes kleinste Detail, wie zum Beispiel die Sturzbäche, die Silva während des Films zu schwitzen scheint, wird zu einem weiteren, feiernswerten Moment. Ich meine Christian Keßler war es, der irgendwann über Bianchi schrieb, dass er ruhig mehr Filme hätte machen können. Dem kann ich nur beipflichten. Nach der Sichtung von Die Rache des Paten hätte ich mir von ihm ruhig auch mehr Poliziotteschi oder ruhig auch einen Italowestern von ihm gewünscht. Es sind Genres, die dem Italiener wohl sehr gelegen hätten. Doch es kam nicht so. Dafür kann man sich mit bestem Gewissen diese kleine Sternstunde des italienischen Exploitationfilms anschauen. Bianchi schuf mit diesem Film nicht nur einen tollen, unglaublichen und vollkommen positiv widerwärtigen Poliziottescho der im Kern ein verkappter Italowestern ist, sondern - das stellt Keßler auch im Booklet des filmArt-Releases fest - auch eine gut 90-minütige Antwort auf die Frage, was das italienische "Schund"- bzw. Genrekino so liebenswert macht.

28. Dezember 2017

Baby Driver

Irgendwie habe ich damals, in der Ankündigungsphase von Baby Driver, verschlafen oder übersehen, dass er von Edgar Wright ist. Ich mag seine Filme Shaun Of The Dead und Scott Pilgrim vs. The World und hätte mir den Film wohl schon viel eher angesehen. Die Trailer sahen in Ordnung aus, weckten allerdings in keinster Weise mein Interesse. Das kam erst durch die vielen positiven Stimmen, die ich dann u. a. auf letterboxd lesen konnte. Sollte das wirklich der Actionfilm 2017 sein? Der Streifen, der in diesem Jahr am coolsten ist? Noch nicht angeschaut, wuchsen in mir Zweifel, ob das wirklich so stimmt. Ob man das bestätigen kann. Geschmäcker sind bekanntlich verschieden und gerade bei letterboxd finde ich es immer wieder erstaunlich, wie Meinungen zu Filmen auseinander gehen können. Dank einer Aktion von Google Play konnte ich mir nun selbst ein Bild vom Film machen und hab ihn mir für gut 1€ Leihgebühr via VOD angesehen.

Ein erster Gedanke zum Film war, dass Edgar Wright nun ebenfalls auf den Retrozug aufspringen möchte. Die im laufenden Bild eingewobenen Credits erinnern an Titel von Filmen aus den 70ern; die Story von Baby Driver orientiert sich an Heist- bzw. Gangsterstreifen des gleichen Jahrzehnts. Hier handelt es sich glücklicherweise nicht um den x-ten Film, der sich ganz trendy als Werk aus einem vergangenen Jahrzehnt ausgibt. Viel mehr webt Wright seinen "vintage stuff" in die narrative und gestalterische Moderne ein. Die damit entstandene Symbiose aus alt und neu ist rein technisch gesehen vollkommen überzeugend. Wright war und ist ein detailverliebter Regisseur, der auch gut und gerne - wie zum Beispiel Quentin Tarantino - in seine Werke (sehr) viele Anspielungen auf von ihm geliebten Stoff einbaut. Bei Baby Driver ist das die Musik, welche über die Laufzeit zu einem ständigen Begleiter wird.

Wie für den Zuschauer, ist sie auch für Baby, den Protagonisten von Wrights Geschichte, dauerhaft präsent. Durch einen Autounfall im Kindesalter leidet er an einem störenden Tinnitus, den er mit der Dauerbeschallung, er hat sogar für die unterschiedlichsten Stimmungen andere iPods in der Schublade, bekämpft. Seinen Lebensunterhalt bestreitet der bei seinem taubstummen Pflegevater Jonathan lebende Jungspund als Fahrer bei äußerst heißen Jobs: er lenkt die Fluchtwägen bei Überfallen, die vom Gangsterboss Doc organisiert werden. Sein letzter Coup bevor er von Doc in die Freiheit entlassen wird (mit den Aufträgen zahlt Baby Schulden bei diesem ab), ist mit Komplikationen verbunden. Zum einen ist da der von Doc angeheuerte, unberechenbare Bats, der sich als tickende Zeitbombe entpuppt und die hübsche Debra, die Baby in einem Diner kennenlernt. Alleine wegen dieser sehnt sich Baby nach der baldigen Freiheit, doch durch seine Prinzipien und den durchgedrehten Bats rückt diese während den Vorbereitungen zum nächsten (letzten) Auftrag und bei diesem selbst in weite ferne.

So state of the art Wrights Baby Driver auch ist, spürt man seinem Film an, dass dieser zu einem gewissen Teil eine Huldigung der 70er Jahre ist. Ist dies auf der Tonspur ein interessanter Wechsel zwischen modernen Songs und Soul- und R'n'B-Klassikern Motowns, so ist es in der Geschichte selbst die Zeichnung seiner Figuren. Es sind zeitlose Stereotypen, die über die Jahrzehnte hinweg immer wieder in großen wie kleinen Produktionen auftauchten. Mit Baby selbst haben wir einen Heroen, der in sich gekehrt ist, in der ersten Hälfte beinahe nur One-Liner raushaut, mit einer Sonnenbrille seine Coolness unterstreicht und im optischen Auftreten an jugendliche Querschläger aus Klassikern vergangener Jahrzehnte erinnert. Leider ist Ansel Elgort ein Milchgesicht; ein hübsches, der die weiblichen Zuschauer sicher zum Schwärmen bringt und bei diesem mit seinem Gebahren einschlagen kann. Leider ist er eben kein zweiter Steve McQueen. Elgort steht auch für das größte Problem des Films: das, was wir da sehen ist hübsch anzuschauen, es ist auch richtig cool, aber nicht komplett greifbar. Wrights neuester Film bleibt distanziert und unnahbar.

Der Funke mag zu keiner Zeit richtig überspringen. Wrights spürbare Leidenschaft und Hingabe erstreckt sich in kleine, tolle Details, der Soundtrack macht Laune und schon lange ging dieser mit den gezeigten Bildern keine so tolle Symbiose wie hier ein. Da schießen Waffen im Takt des gespielten Musikstücks, eine Verfolgungsjagd ist im Rhythmus des untermalenden Songs geschnitten: das ist großartig und wird mit Respekt und Anerkennung zur Kenntnis genommen. Wieso das Herzblut, welches der Regisseur merklich in seinen Stoff gesteckt hat, nicht bis zum Zuschauer ankommt, ist schwer zu beantworten. Die Detailversessenheit Wrights könnte man mit dem gleichen Problem vieler Tarantino-Produktionen gleichsetzen: beide Macher finden das selbst alle unglaublich gut, feiern sich selbst dafür und werden von einigen Fans deswegen gefeiert, aber es fehlt eine letzte Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die den Stoff mit seinen vielen Referenzen lebendig machen. Oft stellen die Kriminellen im Film die Frage, ob Baby Driver zurückgeblieben ist, weil er so stumm, in sich gekehrt und zurückhaltend ist.

Der coole Fahrer offenbart sich dem Zuschauer erst nach und nach, wenn mit Debra die Liebe in sein Herz einzieht. Der Junge, so lernen wir, kann ja doch lächeln und Gefühlsregungen zeigen. Diese Gefühle gehen im chic der Inszenierung und dem gewollten Stilwillen zwischen überkonzentrierter Coolness und Hommage leider unter. Baby Driver ist nicht wirklich schlecht. Technisch ist das sehr hohes Niveau, die vielen Einfälle locken mehr als einmal ein Schmunzeln oder wenigstens anerkennendes Nicken hervor. Seinem Hype wird der Film nicht gerecht. Was nützt all' diese Brillanz in Technik und Stil, wenn dafür zu wenig Gefühl im Spiel ist? Das Wright das anders kann, zeigt sein Scott Pilgrim. Baby Driver selbst ist leider einfach nur eine zugegeben rasante Actionstory, die mit ihrem halben Blick zurück um den Verve alter Zeiten in die gegenwärtige Filmsprache zu zwängen, emotional an die Wand fährt. Bedauerlich, da Wrights Film viel an Potenzial mitbringt, wirklich ein instant classic des modernen Actionfilms zu werden. Leider wird er so nur einer unter vielen, mit einem dafür sehr coolen Soundtrack. Das ist insgesamt gesehen zu wenig für einen komplett überzeugenden Film.