7. Juni 2017

Emanuela - Dein wilder Erdbeermund

Die Reise durch das italienische Machismus-Dickicht vergangener Jahrzehnte geht weiter. Wieder steht eine Frau im Mittelpunkt: nach Angelina ist nun Emanuela dran. Jedenfalls in der deutschen Version. Immerhin waren gerade zwei Jahre vergangen, als die Niederländerin Sylvia Kristel sich unverhüllt im Kinoerfolg Emmanuelle auf der Leinwand präsentierte. Auf den Fuß folgten einige Nachahmer, darunter auch die Black Emmanuelle-Reihe vom ungekrönten italienischen Schmuddelkönig Joe D'Amato. Die deutschen Kinoverleiher sorgten dafür, dass das deutsche Publikum noch einige weitere Emmanuelle-Filme sehen durften, obwohl diese in ihrer Ursprungsversion gar keine Hauptfigur mit diesem Namen besaßen. Emanuela - Dein wilder Erdbeermund ist ebenfalls von diesem Vorgehen betroffen. In der englischen Sprachfassung heißt die Protagonistin schlicht und ergreifend Carol.

Die verwitwete Carol bzw. Emanuela befindet sich mit ihrer jungen Sekretärin auf dem Weg nach Marokko, um das schwere Erbe ihres verstorbenen Mannes anzutreten. Auf dem Flug leiht sie sich das Feuerzeug eines Passagiers, der ihr auch im nordafrikanischen Land immer wieder über die Füße läuft. Peter Smart ist sein Name, dieser ist Programm und so darf Ivan Rassimov in seiner Hauptrolle an manchen Stellen den vor sich hindümpelnden Film allein mit seiner Präsenz retten. Der charismatische Mime reitet, fährt, raucht oder sitzt einfach nur in der Kulisse rum: die Coolness sitzt! Ihn führt der ununterdrückbare Reiz des schnöden Mammons nach Nordafrika. Von einem Freund eingeladen, nur mit seinem Smoking als Gepäck bewaffnet, ist Smart ein risikofreudiger Zocker wie er im Buche steht. Bei einem Pokerspiel ersteht er ein Rennpferd und - wie es der Zufall so will - besitzt Emanuela einen Reitstall mitsamt erfolgreicher Rennpferdezucht und ihre Wege kreuzen sich immer öfter.

An diesem Punkt wird Rassimovs Coolness ein kleines Problem. Seine Figur ist ein Kerl wie aus dem Bilderbuch: ein Traum, eine Blaupause, die beide Geschlechter ansprechen soll, allerdings vor allem das Abbild der Vorstellungen eines hundertprozentigen (Teufels-)Kerls alter Schule ist. Diese (klischeehafte) Kühlheit führt dazu, dass das Buhlen der Figur um Emanuelas Gunst sehr reserviert ist. Der Funke zwischen dem Italiener mit serbischen Wurzeln und der Französin Claudine Beccarie springt nicht über. Die unnahbar wirkende Frau, traumatisiert durch die speziellen Vorlieben und damit zusammenhängenden Geschehnisse um ihren toten Mann und rasend vor Eifersucht, als sich ihre Sekretärin und Affäre Anna einem jungen Burschen zuwendet, wirkt selbst dann noch kühl und distanziert, als sie sich im "großen" Finale Rassimov doch hingibt. Das Dein wilder Erdbeermund den Zuschauer trotz des exotischen Schauplatzes, interessanten Darstellern und der klassisch-pulpigen Geschichte kalt lässt, hat so einige Gründe. Neben der fehlenden Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern ist es Poetis sehr seichte Regie und die ereignislose Abfolge der Ereignisse.

Dem vom Fernsehen kommenden Regisseur, der seine Karriere als Regieassistent bei Ruggero Deodato begann, fehlt es an Gespür für die besonderen Momente und an Kraft. Ich zitiere Oliver Kahn: "Eier! Wir brauchen Eier!" Da es sich um eine Softcore-Produktion und einen gleichförmig mittelmäßig verlaufenden Film handelt, sieht und spürt man die vergebens. Es bleiben zwei bis drei Nebensächlichkeiten hängen, in denen man die ungehemmte Lust italienischer Filmemacher an entfesselten Unglaublichkeiten merkt. Die Rückblende, die Aufschluss über Emanuelas Trauma gibt, gehört dazu. Trotz Giancarlo Ferrando an der Kamera, immerhin Sergio Martinos Stammkameramann in dessen Gialli, ist der Film optisch ebenfalls wenig reizvoll. Hier und da blitzt ein toller Einfall auf, in der ersten Sexszene geht mit Ferrandos wirbelndem Kamerakarussell mit Close Up-Dauerschleife der Teufel durch; insgesamt ist die Fotografie dem Stil des Regisseurs gleich und sehr unauffällig und zweckdienlich.

Wild ist an Emanuela nichts. Für einen Sonntag reicht das gesehene alle mal, um im übermüdeten oder verkaterten Zustand die Zeit vergehen zu lassen. Die Erotikszenen sind - das können die Italiener wissentlich auch ganz anders - ebenfalls sehr brav ausgefallen. Selbst die damals noch weit vor ihrer politischen und Hardcore-Porno-Karriere (by the way: die hatte Hauptdarstellerin Claudine Beccarie hier schon hinter sich) stehende, junge Ilona Staller holt nichts mehr raus. Das interessanteste am Film bleibt das Frauenbild, dass er zeichnet. Die traumatisierte Emanuela, die trotz ihrer Erlebnisse bis zu einem gewissen Punkt mit Selbstbewusstsein und feministisch unabhängig dem männlichen Geschlecht gegenübersteht, wird mit ihrer nihilistischen Sicht beinahe als "FemiNazi" dargestellt und der damals immer mehr aufblühenden Feminismus abgewertet. Emanuela bewahrt sich diese Einstellung bis zum Schluss, was auch eine Erklärung für die unterkühlte Darstellung der Figur ist. Da kann dann selbst Rassimovs Übermann nicht mehr für "Heilung" sorgen und reitet gegen Ende der Dame davon, während die Brüder Maurizio und Guido de Angelis nochmal eine whiskygetränkte Männerstimme seine Liebe zu ihrem Körper über ihr anhörbares Titellied des Soundtracks wispern lassen. Der Rest ist Durchschnitt.

Angelina - Von allen begehrt

Ich habe schon so einiges an Genre- bzw. Exploitation-Filmen gesehen, die sehr abstruse Geschichten oder Ideen boten. Das ausgerechnet ein Erotikfilm aus den 80ern der rein optisch sehr oberflächlich den typischen 80er-Stil zelebriert, allerdings auch sehr bieder daherkommt, mir die Augenbraue mehr als einmal nach oben schnellen lässt, hätte ich auch nicht gedacht. Dann kam Pietro Schivazappas Angelina - Von allen begehrt. Es ist seine Geschichte, welche den alkoholseligen SchleFaZ-Jüngern, die schon bei Ich, ein Groupie bei Twitter einen Scheißeregen auf Tele5 regnen ließen, plötzlichen Herzstillstand bescheren würde.

Angelina, dargestellt von Serena Grandi, führt ein behütetes Leben: sie hat einen Job als Aerobic-Trainerin, ist verheiratet und hat einen Hund. Der Alltag frisst die Ehe allerdings etwas auf: das Ehepaar scheint leicht nebeneinander her zu leben und auch im Bett ist eher das Standardprogramm angesagt. Als Angelina beim nächtlichen Häuserblock umschweifen mit dem kleinen Pudel die Nachbarin im Auto beim Tête-á-Tête mit einem Kerl erwischt, entdeckt sie ihre wahre erotische Leidenschaft. Weil die Nachbarin schamerfüllt davonrennt, deren Lover allerdings noch ordentlich Tinte auf dem Füller hat, vergewaltigt er Angelina in einem Hausflur. Hier bemerkt sie, dass sie es sehr erregend findet, wenn sie beim Liebesspiel vom Mann härter angepackt wird.

Um die wahre Unglaublichkeit des Stoffs aufzuzeigen, muss hier ausnahmsweise die ganze Handlung wiedergegeben und zwangsläufig gespoilert werden. Angelinas Ehemann ist von eher langweiligerer Natur und so lebt sie ihre Neigungen mit anderen Männern, meist wildfremden, aus. Bis sie vom Gatten erwischt wird. Marco, so der Name des angetrauten, trennt sich von Angelina. Zuerst bemüht sie sich, ihn zurückzugewinnen, dann - nachdem Marco merkt, dass ihm auch der Sex mit der Nachbarin nichts bringt - geht das Spiel andersrum. Hier blockt Angelina, trotz aller Bemühungen Marcos und seinem Bekenntnis, dass er mit ihr zusammen sein und mit ihr schlafen möchte. Es gipfelt in der Vergewaltigung Marcos an Angelina, was zum Happy End (sic!) führt: endlich hat Angelina das von Marco bekommen, was sie sich wünschte und zum Schluss des Films liegt man sich glücklich in den Armen.

Ich sehe den im italienischen Genrefilm immer wieder zu Tage tretenden Machis- und Sexismus meistens nicht so eng. Sicher: in der heutigen Zeit ist so etwas zu verurteilen. Aber: man sollte nicht Filme, die vor dreißig oder vierzig Jahren entstanden und aus einem völlig anderen Zeitgeist mit im Vergleich zur Gegenwart differenten gesellschaftlichen Strukturen und Gedankengut stammen, nicht mit den heutigen ethischen Standards sehen und daran geißeln. Bei Angelina fiel es mir schwer, den Kopf diesbezüglich auszuschalten. Vielleicht liegt es auch daran, dass der erzählerisch schwerfällige Film auf den ersten Blick vordergründig so unscheinbar und harmlos erscheint. Den Sexismus, den er dann abbrennt, kann man im ersten Moment eher schwer ertragen. Mit etwas Abstand entlarvt man Angelina allerdings schnell. Schivazappa, der auch den vielerorts sehr gelobten Femina ridens drehte, gelingt es nicht, in seine Geschichte Schwung oder Prickeln zu bringen. Da gleicht der gesamte Film seinem männlichen Protagonisten: beide kommen nicht aus sich raus und wirken in ihrem biederen Auftreten langweilig. Man wundert sich nicht, dass der Funke zwischen dem Paar irgendwann nicht mehr überspringt. Beim Zuschauer schafft es der Film ebenfalls nicht.

Da ist die schier unglaubliche Geschichte sogar noch das größte Highlight, wenn man nicht weiter darüber nachdenkt und sie als trauriges Relikt einer vergangenen Zeit ansieht. Mitlerweile kann ich über diese trashige, überpulpige Story nur noch lachen. Angelina - Von allen begehrt schafft es in seiner Gesamtheit eher nicht. Da bleibt das Gefühl bestehen, dass der Film sich merkbar an amerikanischen Produktionen orientiert und die Geschichte ohne große Highlights und mit wenig Gespür für erotische Momente (bei dieser - ich erwähne es hier gerne öfter - unglaublichen Story Gott sei Dank) auskommt. Direct-To-Video-Durchschnittsware, wie sie Mitte der 80er zu hauf hergestellt wurde. Selbst die mäßigeren Softsex-Streifen eines Joe D'Amato können hier im Vergleich viel mehr unterhalten. Da hilft auch nicht sein fast schon zynischer Sexismus, allen Befreiungsdarstellungen von Angelinas Sexualität zum Trotz. Im Endeffekt zeigt Angelina hier nur, dass die Frau auch hier den freien Willen der matriarchaischen Allmacht beugen muss. Ich verbuche den Film halb kopfschüttelnd, halb lachend als seltsame Fußnote des B-Films.

3. Juni 2017

Killer Klowns From Outer Space

"Hier sind überall Clowns und sie bringen Leute um!"


Es könnte ein Satz aus einem Video über Horrorclowns sein, welche es im letzten Jahr sogar bis in die Mainstream-Medien geschafft haben. In Wirklichkeit stammt er aus dem Science-Fiction-Horror-Komödien-Mischmasch Killer Klowns From Outer Space, welcher durch diese Assoziation einen seiner wenigen makaberen Momente geschenkt bekommt. Eigentlich ist der von den Brüdern Stephen, Charles und Edward Chiodo bewerkstelligte Film alles andere als eine düstere Mär über bösartige Spaßmacher aus der Zirkusmanege. Die Killer-Clowns in diesem Film haben zwar auch alles andere als Schabernack im Sinn, doch sind sie bei weitem nicht so bedrohlich wie andere, auf der bösen Seite wandelnde Kollegen wie zum Beispiel Pennywise aus Stephen Kings Es. Die drei Brüder fackeln lieber ihre wahnwitzigen und herrlichen Ideen um die fiesen Clowns aus dem Weltraum ab und basteln daraus eine quietschbunte Nummernrevue, die von einer dürftigen, aber zweckdienlichen Story zusammgehalten wird.

Der Absturz eines Kometen nahe einer kleinen Stadt entpuppt sich hier als Landung eines Ufos in Form eines Zirkuszelts. Die aus diesem nach und nach entsteigenden Clowns sind allerdings in keiner Mission im Namen des Humors unterwegs, sondern verarbeiten jeden Menschen, der ihnen über die extragroßen Füße läuft, zu Zuckerwatte. Dem Paar Mike und Debbie, welche in das Ufo eindringen und nur knapp den gefräßigen Clowns aus dem Weltenall entkommen können, wird bei ihrem danach folgenden Vorsprechen bei der örtlichen Polizei nicht geglaubt. Vor allem der alte Mooney, generell kein großer Freund der Jugend, sieht dies als Lügen und Hirngespinste an. Dessen Kollege Dave macht sich mit Mike auf in Richtung Wald zum Landeort, nichtsahnend, dass die außerirdischen Clowns längst Kurs auf die Stadt genommen haben um die Bewohner zu Nahrung zu verarbeiten. Erst als Dave mit Mike wieder in der Stadt ist und einen Vorfall mit den Clowns beobachtet, ist auch er endlich davon überzeugt, dass das junge Pärchen die Wahrheit spricht und versucht mit diesen und zwei erfolglosen Eisverkäufern, den Clowns Einhalt zu gebieten.

Ich muss zugeben, dass diese zwei Eisverkäufer, Rick und Paul, mit ihren Sprüchen manchmal das Nervenkostüm leicht strapazieren und auf der Schwelle zum nervig sein stehen. Nicht jeder Gag will zünden. Erzählerisch gewinnt Killer Klowns From Outer Space auch keinen Blumentopf. Man orientiert sich an Invasionsfilmen aus den 50ern und ist in der Entwicklung der Geschichte sehr sparsam unterwegs. Viel mehr gleicht der Film einer Nummern-Revue um alle Ideen, die man während des Schreibprozesses sammelte, umzusetzen und eine einfache Geschichte darum zu stricken. Glücklicherweise macht man nicht den Fehler, den Film unnütz aufzublähen oder schon verwendete Muster in Dauerschleife zu schicken, bevor man mit einigen Extrarunden zuviel aufs Finale zusteuert. Um ehrlich zu sein, ist die Story sicherlich nicht der Hauptgrund, weswegen man sich diesen Film überhaupt anschaut. Wir kaufen den Playboy ja auch nicht der Artikel wegen. Es ist schön, dass die Brüder Charles, Edward und Stephen Chiodo sich ihrer Schwächen wohl bewusst waren und auf ihre Stärke bauten.

Die drei kommen ursprünglich von den Special Effects und verhalfen unter anderem auch schon den unersättlichen, blutrünstigen und trotzdem sehr sympathischen Critters in dem zum Leben. Scheinbar schon von diesen inspiriert, entschloss man sich, ebenfalls einen Film über außerirdische Invasoren mit besonderem Hunger auf Erdenbewohner zu drehen. Sie schufen mit Killer Klowns From Outer Space einen Film, der von seinen Effekten, Kostümen und Ideen lebt. Mit Fantasie sind die drei Brüder reichlich gesegnet und so präsentieren sie hier herrlich absurde wie toll umgesetzte Einfälle. Da hätte man sich verselbstständigendes Popcorn, welches zu Clownskopf-Pflanzen heranwächst, Zuckerwatte-Kanonen, Spürhunde die aus Ballons zurechtgeknotet werden oder lebendig werdende Schattenspiele. Obwohl die Effekte sichtliche 80er-Charakteristika aufweisen, sind sie selbst heute noch sehr anschaulich. Die Liebe zum Detail sieht man überall, sei es bei der Innenausstattung des Ufos oder bei der Gestaltung der außerirdischen Clowns. All derer Bösigartigkeit zum Trotz bringen sie durch die wahnwitzige Fantasie ihrer Schöpfer genügend (schwarzhumorigen) Spaß mit sich.

Ein reiner Horrorfilm ist Killer Klowns From Outer Space sicher nicht. Richtig makaber wird es nur an zwei Stellen, wenn eine Leiche zu einer Bauchrednerpuppe umfunktioniert wird und ein großer, dicker Clown versucht, ein kleines Mädchen aus einem Schnellrestaurant zu locken. Letztgenannte Szene lässt Assoziationen mit dem Serienmörder John Wayne Gacy zu, welcher als "Pogo der Clown" ehrenamtlich Kinder im Krankenhaus bespaßte, allerdings auch weit über 29 Kinder tötete. Für eine bloße Parodie der vielen Science-Fiction-Streifen vergangener Jahrzehnte fehlt es am Willen, gängige Muster dieser mehr zu verzerren. Killer Klowns From Outer Space ist eher ein mit viel Fantasie angereicherter, schwarzhumoriger Spaß, der an manchen Stellen in die Harmlosigkeit abdriftet, aber selbst heute noch mit seinen Ideen begeistern kann. Diese sorgen für mehr Lacher als die eingestreuten Gags. Durch seine recht knackige Laufzeit verzeiht man ihm dann auch den kleinen Leerlauf gegen Ende und den episodischen Charakter, den er im Verlauf entwickelt. Die Chiodos verstehen es gut, das innere Kind mit ihrem oberflächlich bunten Potpourri anzusprechen, obwohl die stark geschminkten Wesen hier wie  alles andere als harmlos sind. Von allen kleinen, unabhängig entstandenen Filmen aus den 80ern, die irgendwelche Außerirdische auf die Erde schickten um dort für Trouble zu sorgen, ist Killer Klowns From Outer Space rein von der Grundidee und der Umsetzung selbst heute noch ziemlich originell.






20. Mai 2017

Alien: Covenant

Ridley Scott bewegt sich weg von der Angst vor dem Fremden die in jedem Menschen wohnt, weg von unterschwellig sexualisierter Gewalt und einer gewissen Angst vor dem Erstarken des einst schwach deklarierten Geschlechts der Frau. Motive, die zusammen mit dem Setting und der Atmosphäre aus seinem Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt ein angesehenes Meisterwerk machten. Mit Prometheus, das Sequel der Saga die es bis dato auf vier Filme brachte, ging der Brite neue Wege. Es wurde sphärisch, philosophisch und doch brach auch dort - erst gegen Ende - eine gewalttätige, fremde Spezies aus dem Körper eines Menschen hervor. Somit war dieser Film für mich gefühlt immer eine sehr vage Art der Fortführung dieser Filmreihe. Mit Covenant erschuf er ein Bindeglied zwischen Alien mit seinen drei Fortsetzungen und Prometheus. Als ein erster Trailer dazu im Internet auftauchte, war die Freude und Euphorie bei mir noch groß. Desöfteren schotte ich mich in eine Art eigene Filmweltblase ab und interessiere mich nicht sehr für neue Produktionen, die im Kino anlaufen. Sicherlich habe ich damals schon von einem geplanten Sequel zu Prometheus gelesen, verlor es dann aber aus den Augen. Was ich im ersten Trailer sah, gefiel. Was ich in einem exklusiven Clip zusammen mit einem weiteren Ankündigungsfilmchen bei einem Kinoportal auf YouTube sah, ließ mich ernüchternd vor dem Fernseher sitzen. Das war sehr konform, glich vielen neueren Mainstream-Produktionen. Die Nullerwartungen, die ich dadurch mit mir ins Kino trug, waren im Nachhinein betrachtet ein Segen.

So bleibt eine gewisse Enttäuschung, die bei weitem nicht so groß ist, als wäre man mit großer Vorfreude ins Kino gegangen. Es wirkt, als wäre Ridley Scott vom einen auf den anderen Moment nicht mehr sehr interessiert an dieser Saga. All die Fragen, die noch offen sind, sollten nun endlich beantwortet werden und das wenn möglich auf einmal. Dabei wirft Covenant wie einst Prometheus ebenfalls Fragen auf, die unbeantwortet bleiben. Doch von vorne: nachdem wir in einem optisch durchstilisierten Prolog den schon aus dem Vorgänger bekannten Androiden David zusammen mit seinem Schöpfer, seinem Vater beim angeregten Plausch über das Sein als Mensch beobachten durften, folgt nach den Credits der grobe Schnitt und die Konzentration auf das Kolonialistenschiff Covenant. Die Crew des Schiffs betreut gut 2000 Kolonialisten auf dem Weg zu einem weit entfernten Planeten um sich auf diesem anzusiedeln. Nach einigen schon weniger schönen Ereignissen empfängt man einen fremdartigen Funkspruch, der von einem bisher unentdeckten, aber ebenfalls erdähnlichen Planeten kommt. Da dieser weitaus näher als das eigentliche Ziel ist, nimmt man Kurs auf diesen. Die Erkundungscrew macht alsbald Bekanntschaft mit der heimtückischen Natur und den archaischen Aliens aus Prometheus. Rettung naht in Form von David, der die verbliebenen Mitglieder des Trupps in seine Unterkunft führt. Hier macht er auch Bekanntschaft mit dem Androiden Walter, ein verbessertes und geupdatetes Abbild von David. Währenddessen versuchen die auf der Covenant verbliebenen Mitglieder, ihre auf dem Planeten befindlichen Kameraden zu retten. Das die Gefahr nicht allein von den tödlichen und fremdartigen Kreaturen ausgeht, bemerken letztere leider ziemlich spät.

Scott versucht mit Covenant vieles, packt den Kontext des Films randvoll, bis dieser überquillt und lässt ihn in seiner zweiten Hälfte tragisch scheitern. Der Anfang gibt sich wie Prometheus angenehm unaufgeregt und seine ruhige Art des Erzählens wird nur von den ersten Schwierigkeiten auf dem Kolonieschiff durchbrochen. Diese Art der Dramaturgie beherrscht Scott recht gut und die sich überschlagenden Ereignisse nach Landung auf dem fremden Planeten sind sogar äußerst gut getimet. Die Spannungskurve baut sich stetig auf, wird auf der Tonspur mit einer im Hintergrund vor sich hinhämmernden Synthie-Bassdrum effektiv verstärkt und endet in einer totalen, zweigeteilten Katastrophe. Diese führt sich innerhalb des Drehbuchs mit dem erneuten Auftauchen Davids fort. Was dann folgt, ist ein überhastet, mehr noch verkrampft bemüht wirkender Versuch, nicht eine, sondern gleich sehr viele Brücken zu Prometheus und insbesondere zu den Alien-Filmen zu schlagen. Diese Mischung aus einerseits philosophisch-verkopfter Science-Fiction und action-betontem Space-Horror gebiert einige Ungeheuerlichkeiten, wie sie David auf der Leinwand fabriziert. Man könnte die Entwicklung des Androiden bis zu einem gewissen Punkt mit Ridley Scott gleichsetzen. Beiden entgleitet in ihrem schieren Willen zu experimentieren, der Zügel und alles driftet in den Wahnsinn. Den Wahnsinn der Figur Davids nimmt fast Frankenstein'sche Züge an, verliert doch auch in Mary Shelleys Geschichte der Doktor die Kontrolle über seine Schöpfung und sieht durch seinen geglückten Versuch als gottgleich an. Die thematisierte Angst vor dem offensichtlich (bösartigen) fremdartigen macht noch mehr Platz gegenüber der Unsicherheit und dem Misstrauen vor allem künstlichen, das menschlich agiert. Durchzog dies zwar auch schon die Sequels, nimmt dies in der Geschichte viel Raum ein, den Scott anders hätte nutzen können.

Covenant wirkt in dieser Form zu sehr wie ein Film, mit dem der Regisseur gerne einen Schlussstrich gezogen hätte, jetzt aber eigentlich noch einen weiteren folgen lassen muss. Selbst wenn Scott einige offene Dinge beantwortet, darunter die Herkunft der bösartigen Wesen, stellen sich auch wieder Fragen. Viel schlimmer noch: Scott schafft es mit seinem Film die Ursprungs-Reihe mit dieser konstruiert wirkenden Auflösung zu entmystifizieren. Wäre dies nicht schon genug, packt der Brite ein plumpes und abgedroschenes Horrorfilmklischee nach dem anderen aus, was bisher die ganze Reihe in keinster Weise beschert bekommen hat. Selbst der von einigen Fans gescholtene vierte Teil Resurrection wirkt trotz all' seiner Mainstream-Horror-Mechanismen der damaligen Zeit nicht so plump und klischeehaft. Die Aliens, die wie Eingangs auch beschrieben (im ersten Teil) als Metapher auf die gewaltsame Bedrohung männlicher Allmacht gegenüber der Frau zu sehen sind, werden hier zur Nebenrolle und einem reinen Lieferanten für reine Action- oder Horror-Sequenzen degradiert. Von allseits vorhandener Bedrohlichkeit ist niemals auch nur eine Spur. Sie dürfen die Mitglieder der Covenant in schöner Regelmäßigkeit ins Jenseits befördern. Figuren, die noch austauschbarer als die in den anderen Filmen sind. Selbst Daniels, die vermutete starke Frau, die rein optisch sehr an Ellen Ripley erinnert. Doch Sigourney Weavers Figur bleibt jeder Zeit präsenter als der von Katherine Waterston gemimte Abklatsch. Gegen die Ungeheuerlichkeiten des Drehbuchs und ihres Regisseurs können selbst weitere gestandene Mimen wie Michael Fassbender oder James Franco nichts ausrichten. Covenant ist ein Mittelstück einer Saga, welche sich im besten Falle einigermaßen schlüssig mit Scotts Erstling und dessen Fortsetzungen verbindet. Ein Mittelstück, mit einem ansprechend wirkenden Beginn, dass dann aber an seiner Überambitioniertheit erstickt. So eine krude Mischung aus vor sich hin philosophierender Science-Fiction und allseits präsenter Bedrohlichkeit, einem kalten Horror wie es Aliens ist, hätten selbst andere, bessere Regisseure nicht runder hinbekommen. Es ist Zeit, das Alien-Franchise zu einem Ende zu bringen. Das Ridley Scott dies möche, merkt man dem Film an. Leider möchte er es so übereilt und schludrig, das er die Reihe, wenn ein eventuell nächster Film qualitativ an Covenant anschließt, ungerechtfertigt vor die Hunde gehen lässt.

14. Mai 2017

God Loves The Fighter

Trinidad und Tobago. Ein kleiner Inselstaat, dessen Inseln die südlichsten der kleinen Antillen sind und an die 1,3 Millionen Bewohner aufweist. Neben dieser Information, die aus dem Wikipedia-Artikel des Staates stammt, spuckt Googles Bildersuche malerische Bilder aus, wie man sich die Karibik vorstellt. Bilder wie aus dem Katalog mit weißen, sauberen Stränden und blauem Himmel. Gesäumt von Palmen und weiteren, herrlich grünen Pflanzen die uns wie das Paradies vorkommen. Ich selbst erlebte die Bewohner von Trinidad und Tobago, immerhin für ein Gruppenspiel bei der WM 2006 in Deutschland in meiner Heimatstadt zu Gast, als lebenslustige und äußerst gut gelaunte Menschen kennen die in der Innenstadt der kleinsten aller WM-Städte ordentlich Leben machten.

Gemeinsam streben wir, gemeinsam erblühen wir!


Damian Marcanos God Loves The Fighter straft den Wahlspruch seiner Heimat Lügen. Sein Film will ein alternatives, ungeschöntes Bild zeigen. Marcano schiebt alle Postkarten- und Reisebürokatalog-Bilder die vom Karibikstaat gezeigt wird, auf einen Haufen und schiebt diesen an einen imaginären, äußeren Rand um den Blick freizugeben auf die dunklen Seite von Port of Spain, der Hauptstadt des Staates. Als Sprachrohr und Erzähler hat er den verwahrlosten King Curtis auserkoren, der zu Beginn der schmutzigen Randgruppenmär durch die Straßen der Hauptstadt durch die belebten Straßen gleitet und mit scharfen Worten die Obrigkeiten und sozialen Missstände offen anspricht und verurteilt. Curtis macht schnell Platz für die Menschen, deren spärliches Leben der Film in den weiteren Minuten begleitet: Charlie, ein friedfertiger und guter Mensch mit Potenzial, der um seine Existenz zu sichern einen Job bei seinem alten Freund Stone annimmt. Viel zu spät bemerkt (oder kann seine Tätigkeit für sich selbst nicht mehr schönreden) er, in welche Geschäfte Stone verwickelt ist. Einen Ausweg gibt es da eigentlich schon lange nicht mehr.

In den weiteren episodisch angelegten Erzählsträngen lernen wir desweiteren den Jungen Chicken kennen, der weit weniger die Schule besucht, als jeden Tag für seine alkoholabhängige Mutter und sich selbst am Rande der Kleinkriminalität Essen beschafft. Last but not least wären da die junge Prostituierte Dinah, die für den exzentrischen Zuhälter Putao arbeitet, der mit harter Hand einen Handel mit Menschen und Drogen führt. Die Fäden, die Marcanos Geschichte auswirft, verlaufen dicht nebeneinander, kreuzen sich kurze Zeit immer wieder um erst gegen Ende ineinander überzugehen. Bis es dazu kommt, zeigt uns God Loves The Fighter mit welchem starken Willen Marcano dazu bestrebt ist, die Postkartenidylle mit all den Vierteln der reichen Bonzen und ihren dicken Karren und Hotels wie dem Hyatt einzureißen. Kind Curtis fungiert hier wohl auch als Sprachrohr eines wütenden Filmemachers, der mit derb-poetischen Zeilen aus dem Off die Handlung begleitet, vorantreibt und kommentiert. Marcano schafft es, dass es weder zu pathetisch, noch zu moralinsauer ist.


Wobei der Regisseur den Pathos in seiner Geschichte auf anderer, der visuellen Ebene, in den Film einbringt. Die ungeschönten Bilder der Ghettos Port of Spains sind stilisiert, grünstichig, überbelichtet oder in kalte Farbbeleuchtung des Nachtlebens sowie grob geschnitten. In gewisser Weise hübscht Marcano die Trostlosigkeit, die God Loves The Fighter zeigt, damit auf und lässt die Ghetto-Parallelwelt der Karibik-Hauptstadt kunstvoller aussehen als deren reelles Aussehen wirklich ist. Der Faszination kann man sich dafür schwer verwehren. Die Kamera ist immer nahe am Geschehen und ihren Figuren dran, klebt an ihnen und begleitet sie auf Schritt und Tritt. Semi-Dokumentarischer Anschein, um die Künstlichkeit der Stilisierung aufzulösen. Die interessant gewählten Bilder und Einstellungen können den größten Schwachpunkt des Films nicht vertuschen. God Loves The Fighter hält sich stark bei Nebensächlichkeiten auf und kann in den einzelnen Geschichtssträngen trotz aller traurigen Details, die gezeigt werden, für den Zuschauer niemals eine Hauptfigur so erzählerisch hervorheben, dass der Zuschauer zu diesen einen Bezug aufbauen kann. Sehr schade ist dies bei Charlie, der als Hauptfigur etabliert wird und an manchen Stellen eher wie eine Randfigur aussieht.

Das ist auch die Misere des Films: nicht nur die eigentliche Hauptfigur, auch die Nebenfiguren können niemals herausstechen. Die Geschichten, wie zum Beispiel die um Chicken und seine Mutter, wirken aus dem Grund aufgenommen, damit God Loves The Fighter einen weiteren Aspekt über das einfache und ärmliche Leben in Port of Spains Ghetto bieten kann. Da bleiben einige Geschichten leider auf der Strecke und wenn plötzlich das Ende, welches Putao, Dinah mit Charlie zusammenbringt, da ist, wirkt die Hauptgeschichte einfallslos und tausendmal erlebt. Besser und ausgeklügelter, aller erzählerischen Einfachheit zum Trotz. God Loves The Fighter kann als Verknüpfung verschiedener kleiner Stories um kleine Menschen mit großem (traurigen) Schicksal nicht komplett überzeugen. Marcano tat seinem Film schon einen großen gefallen, dass mit King Curtis als Off-Kommentator manche Teile der Story besser verwoben und vorangetrieben werden. Neben seinem Exotenstatus kann man dem Film aber auch nicht die faszinierende Wirkung seiner Bildsprache absprechen. Sie entwickeln eine schmutzige Atmosphäre, leicht fiebrig, die als episodisches Stimmungsbild mit traurigem Blick auf die Schatten- (und Schmutz-)seiten des Karibikstaates ganz ordentlich funktioniert.