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Samstag, 2. Februar 2019

Until The Light Takes Us

Das mit dem Heavy Metal und mir begann 1995, als ich mir aus Jux und Tollerei in einem Zeitschriftenladen den Metal Hammer und die Rock Hard zulegte. Letzteres Magazin sagte mir mehr zu (und wurde über Jahre hinweg die Informationsquelle für mich), gleichzeitig war ich fasziniert von diesen langhaarigen, manchmal böse dreinblickenden Musikern und wenig später wanderten die ersten Metal-Scheiben ins Regal. Viele Spielarten des Metal begann ich zu mögen, nur zu den extremeren Spielarten wie Death- oder Black Metal bekam ich kaum Zugang. Obwohl mein pubertierendes Ich durchaus für satanistisch/okkulte Provokationsbildchen einiger Gruppen empfänglich war, schreckten mich die harten und stumpfen Kompositionen des Subgenres ab. Dreiundzwanzig Jahre später zucke ich beim meisten todesmetallischen Geknüppel überwiegend weiter desinteressiert mit der Schulter. Die bösen, meist aus Skandinavien stammenden, Waldschrate mit der fantasievollen Schwarz-Weiß-Schminke im grimmen Gesicht verschafften sich über die Jahre weitaus mehr Gehör bei mir.

Die Zeilen aus dem Abigor-Song "Emptiness/Menschenfeind/Untamed Devastation" von der EP "Orkblut" (seinerzeit meine erste Berührung mit Black Metal) stehen stellvertretend für die süß-modrige Versuchung der tiefschwarzen Boshaftigkeit, die dieser Musik innewohnen kann und mich für gewisse Phasen in ihren Bann schlagen kann:

Hass - absolut und rein // Existenz in dieser Masse ist unmöglich // In ihren Reihen zu stehen // Heißt unter Feinden zu kämpfen // Ich bin kein Mensch // Denn Menschen werden sie genannt. 

Der durch die eisigkalten Gitarrenriffs und den kehligen Schreigesang schimmernde Nihilismus, die ausgelebte Misanthropie des Black Metal ist eine interessante Spielart innerhalb der musikalischen Extreme. Was diese Subkultur in ihrer First Wave zu Beginn der 90er auslösen konnte, zeigen die beiden Regisseure Aaron Eites und Audrey Ewell in ihrer 2008 entstandenen Dokumentation Until The Light Takes Us und konzentrieren sich dabei auf die großen, für den Kenner der Materie altbekannten Skandale, mit denen die Musiker aus ihrem Underground-Kosmos in die Medien katapultiert wurden: die Kirchenverbrennungen in Norwegen, den Selbstmord des Mayhem-Sängers Dead (samt der vom Band-Kollegen gemachten Fotografie des Toten, welche später das Cover eines Bootlegs wurde), dem Mord an einem Homosexuellen, begangen vom damaligen Emperor-Drummer Faust und natürlich Varg "Count Grishnackh" Vikernes' Mord an Øystein "Euronymus" Aarseth.

Eites und Ewell halten sich im Hintergrund. Zwischen eingefügter Fremd-Footage und Bildern fangen sie lieber die Zeitzeugen, Protagonisten der damaligen Zeit, ein und lassen sie zu Wort kommen. Darunter Fenriz, Mastermind der Band Darkthrone, und leider der damals noch inhaftierte und über die Jahre zum Neonazi gewandelten Varg Vikernes. Sicher hat dieser als Mitglied der Band Mayhem und mit den ersten beiden Veröffentlichungen seines Solo-Projekts Burzum die Szene und vor allem die Charakteristika der Musik geprägt. Als Initiator der Kirchenbrände und Mörder Aarseths macht es durchaus Sinn, Vikernes vor die Kamera zu holen. Die gewählte Beschränkung der Macher auf eine Rolle als stumme Beobachter, Chronisten einer bereits gut dokumentierten Zeitspanne, lässt viel Raum für die fragwürdigen, ideologischer Ideen des Musikers. Eine Verurteilung bzw. Bewertung der Worte Vikernes und einiger anderer vor der Kamera auftretender Szenegrößen wäre bei gleichzeitigem moralinsaurem Beigeschmack angenehmer als diese Statements für sich alleine stehen zu lassen. Während Vikernes im Ansatz seine Gedanken über den schleichenden Verlust der norwegischen Kultur und seinem Gegenentwurf dazu loslässt, bewundert Mayhem-Drummer Jan Axel "Hellhammer" Blomberg Faust dafür, dass er es geschafft hat, Zitat: "eine Schwuchtel umzubringen".

Besonders beim heiklen Thema Black Metal, welches seit vielen Jahren von außen immer wieder mit nationalsozialistischen bzw. rassistischen Vorwürfen zu kämpfen hat und in der eine florierende, sich offen zu erkennen gebenden Nazi-Szene (NSBM = Nationalsocialist Black Metal) existiert, darf man nicht so unkritisch sein. In den wenigen Momenten, in denen sich die Dokumentation der Musik selbst widmet, funktioniert sie am Besten. Die archaische, noch tief im Untergrund verwurzelte Szene, sich vom restlichen Heavy Metal abgrenzend, die bereits Ende der 80er Jahre die Extreme visuell und auditiv auslotend und von einem DIY-Gedanken beseelt wie die Punk-Szene, wird mit interessantem Bild- und Videomaterial vorgestellt, während Fenriz und Vikernes ihre Erinnerungen schildern. Hier wird das Problem von Until The Light Takes Us am deutlichsten. Vikernes erscheint beim Anekdoten erzählen als unscheinbarer, sympathischer Kerl. Das lässt, sofern bekannt, vergessen, dass Vikernes 2013 in seinem damaligen Aufenthaltsort Frankreich wegen Terrorverdachts festgenommen worden ist, da er sich offen als Sympathisant des Massenmörders Anders Breivik zu erkennen gab.

Kennern der Materie liefert der Film nichts neues, während Neulinge sich die Doku im Zusammenhang mit Jonas Akerlunds bald startender Buchverfilung Lords of Chaos, der die Geschehnisse um Aarseth und Vikernes aufgreift, ruhig einmal ansehen können. Als Fan darf man sich trotz mancher schwer verdaulichen Statements über den kurzen Auftritt von Demonaz und Abbath, Mitglieder der Band Immortal freuen. Für Skandinavien typisch maulfaul wie kauzig erscheinen die beiden Musiker und sorgt für einen kleinen Schmunzler. Alles andere ist sorgfältig aufbereitet; die ausführliche Begleitung und Betrachtung Fenriz' in seinem Alltag mag dazu dienen, den Menschen hinter der bösen Maske aus schwarzer und weißer Schminke zu zeigen; häufiger führt sie weniger zu den gewollten intimen Momenten als mehr zu irrelevanten Füllmaterial mit wenig Substanz und Mehrwert für die gewählte Maxime der Dokumentation. Der Film kratzt leider nur an der Oberfläche einer durchaus interessanten wie faszinierenden Szene, zeigt dafür gut und etwas zu passiv, welche vermurksten Gestalten diese in den 90ern geprägt hat.

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