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Samstag, 18. September 2021

Highway Racer

Maurizio Merli in diesem Film ohne seinen ikonischen Schnauzbart zu sehen ist so ungewöhnlich wie es Highway Racer selbst ist. Stelvio Massi mag das Genre nicht neu erfinden, doch sollte der zum Ende der 70er Jahre entstandene Poliziotto Sprint, so der Originaltitel, eine Auffrischung für das Image seines Hauptdarstellers und den italienischen Actionkrimi darstellen. Richtig frisch ist an Merlis Figur nur die glattrasierte Visage; gleich bleibt, dass er einen aufbrausenden und temperamentvollen Bullen verkörpert, der anders als in den Filmen, die er mit Umberto Lenzi drehte, einen Klumpfuß auf dem Gaspedal seines Polizeiwagens geparkt hat und nicht nach dem Credo "erst schießen, dann fragen" handelt. Als einfacher Polizeibeamter auf den Straßen scheint er mehr dem persönlichen Geschwindigkeitsrausch als bösen Buben hinterherzujagen. 

Zumindest einer ist in Person von Jean-Paul Dossena auch in Highway Racer präsent. Der "Nizzaer" gilt als Teufelskerl hinter dem Lenkrad und nutzt mit seinen Kumpanen dieses Talent, um die Polizei bei ihren Banküberfällen reihenweise mit Tricks und verwegenen Fahrmanövern zu foppen. Auf den Fersen ist ihm Kommissar Tagliaferri, der mit seiner Einheit für Recht und Ordnung auf den Straßen sorgen möchte. Leider schießt ihm der großmäulige und von sich selbst übermäßig überzeugte Marco Palma mit seinen Alleingängen ständig über das Ziel hinaus. Dies zieht einige Konflikte mit sich, die in einer Suspendierung Palmas gipfeln, als der ständig von einem schnelleren Auto träumende Polizist bei einer nicht abgesegneten Verfolgungsjagd einen weiteren Unfall inklusive Todesopfer zu verantworten hat. Ganz ohne Palma scheint es leider nicht zu gehen, da ihn sein Chef für eine verdeckte Ermittlung im direkten Umfeld des Nizzaers zurückholt.

Bereits bei der kanadischen Speed Metal-Band Annihilator wurde "Acceleration, I've gotta gotta go faster / Give me more speed" gesungen und diese Textzeile lässt sich passend auf das Hauptaugenmerk im Script und für Hauptfigur Marco Palma übertragen. Mit böser Zunge ließe sich sagen, dass Highway Racer eine auf gut hundert Minuten langgezogene Verfolgungsjagd mit Unterbrechungen ist. Massi gelingt es Anfangs, vergnügliche Szenen zu kreieren. Im Vergleich zu anderen Werken aus dem Genre streift der Regisseur mit weniger grimmen Zwischentönen durch die italienische Hauptstadt und manche Szenen zwischen Palma und seinem wegen dessen "schnittigen" Fahrstils ständig ängstlichen Partners schenkt dem Film einfachen, aber gut funktionierenden Humor. Highway Racer hätte ein lockerer und wortwörtlich temporeicher Poliziottesci, weit weg von den ständig schalen Brandt-Zoten durchzogenen Toni Maroni-Filmen, werden können.

Die Anbiederung an ein jüngeres Publikum lässt den Biss anderer Polizeifilme vermissen und die Zuwendung zur Beziehung zwischen Palma und seinem Vorgesetzten Tagliaferri bietet wenig Tiefe, als dass diese wirklich förderlich für die Geschichte ist. Stop and go im Plot und der Motor des Highway Racers gerät ins Stottern. Der zur väterlichen Figur wachsende Tagliaferri nimmt den selbstgefälligen Palma unter seine Fittiche um ihn zu dem zu Formen, was er in diesem zu sehen glaubt. Die stereotype Auslegung beider Charaktere bringt dem Film kein Weiterkommen sondern nur Längen. Das alte Film-Ich Merlis wird quasi auf Spur gebracht, gerade gerückt; Tagliaferri ist die moralische Instanz, um der angesprochenen Zielgruppe aufzuzeigen, dass der von Palma beschrittene Weg der falsche ist. Ebenso flott, wie sich Highway Racer im Gesamten präsentieren möchte, wird daraufhin die Story um Palmas Undercover-Einsatz abgefrühstückt.

Der wird aufs Wesentliche begrenzt und die in Erscheinung tretenden Tropes hastig über die Bühne gebracht. Das Erzähltempo wirkt gefühlt verschleppt und leider bleibt der fade Beigeschmack, dass man den restlichen Film bis hin zum Finale halbherzig zu Ende geführt hat. Die sehenswerten Stunts von Remy Julienne, der später u. a. bei sechs James Bond-Produktionen die Stunt-Koordination übernehmen sollte, und die schnittigen Verfolgungsjagden allein ergeben leider keinen vollends überzeugenden Film, außer man ist Freund von PS-geschwängerten Verschrottungs-Epen. Massi begab sich in den 80ern mit Filmen wie Speed Cross - Zwei geben Vollgas oder Der Todesfahrer noch eingehender auf das Terrain des auf rasende, motorisierte Untersätze konzentrierten Actionfilms und Highway Racer kann man als gewissen Anstoß hierzu ansehen. Ob Massi diese runder und griffiger inszeniert hat, entzieht sich meiner Kenntnis; sein erster von insgesamt sechs mit Merli in der Hauptrolle gedrehten Filmen stellt sich leider als mäßig unterhaltsame Standardware heraus.

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Donnerstag, 29. Juli 2021

Der Einzelkämpfer

Untrügbarer Instinkt, geschärfte Sinne, den Kollegen und dem Verbrechen immer mindestens einen oder zwei Schritte voraus: Interpol-Ermittler Ravelli, Hauptfigur von Stelvio Massis zweiter Regiearbeit Der Einzelkämpfer, erweist sich wahrlich als gesetzeshütender Supermann. Das im italienischen Polizeifilm zumeist vorherrschende Rollenbild des mit harter Hand durchgreifenden Polizisten, welcher das Gesetz für seine Belange aus- und überdehnt, wird vom Film mit diesen Superlativen augenscheinlich bedient wie gleichermaßen überspannt. Die Präsenz  und das Charisma von dessen Darsteller Tomas Milian tun dazu ihr übriges, dass zuerst die Annahme besteht, dass der Film sich hierbei in das Gros seiner Mitstreiter einreiht. 

Bei dieser charakterlichen Überpräsenz bricht der Film beim Rollenbild bereits mit Ravellis Auftreten. Das es sich bei ihm um einen stählernen Übercop der Marke Merli & Co. handelt, möchte man dem Herren schwerlich abkaufen. Ein dürrer Typ mit schlabbrigen Klamotten irgendwo zwischen Clochard und Sponti, mit dünner Oberlippenbehaarung, einer Schiebermütze auf dem Kopf und einem in den Mundwinkel geklemmten Zigarettenstummel, auf dem den ganzen Film über herumgekaut wird. Umberto Lenzi und seine Kollegen schufen ein völlig anderes Bild von den Bullen, welche die italienischen Straßen vom Gesindel befreien. Geschickt ist die Einführung des Protagonisten so aufgebaut, dass man diese ersten Minuten eher vermutet, dass es sich bei ihm um einen kleinen oder mittelgroßen Fisch im Gangsterteich handelt. Zumal Ravelli nicht wie seine filmischen Kameraden mit Karacho durch die Stadt wetzt und eine gemäßigte Lautstärke besitzt. Es ist ein in sich gekehrter Mann, dessen Optik nicht von ungefähr an einen vigilanten Charles Bronson erinnert.

Massi und seinem Autorengespann geht es nicht darum, für das sich nach allumfassende Gerechtigkeit sehnende, von hoher Kriminalitätsrate, Terror und Korruption geplagte italienische Publikum der 70er Jahre den nächsten Cleaner auf die Leinwand zu bringen. Was mit einem einfallsreich getarnten Überfall auf einen Geldtransport beginnt, steigert sich zu einer persönlich gefärbten Jagd auf die flüchtigen Täter. Die am Tatort aufgefundenen Patronenhülsen scheinen aus der gleichen Waffe abgefeuert zu sein, welche bei einem Bankraub einige Jahre zuvor in Marseille benutzt wurde und durch die Ravellis Frau den Tod fand. Der Interpol-Beamte nimmt den Fall an sich um den nur als Marsigliese bekannten Kriminellen und seine Komplizen aufzuspüren. Während der stoische Ermittler sich der Bande an die Fersen heftet, entbrennt unter diesen Paranoia und Selbstzerfleischung setzt ein. 
Mit stetem Wechsel zwischen der Gruppe um den Marsigliese und ihrem Verfolger beleuchtet der Film beide Seiten der Geschichte. Zumindest dort gewinnen die Kriminellen die Oberhand: Ravelli verschwindet eine Zeit lang komplett und bleibt nur im Gedächtnis der Gangster anwesend. 

Man könnte dies dem Film als unausgeglichene Narrative auslegen, tut dem stark auf die beiden Kontrahenten Ravelli und Marsigliese konzentrieren Werk damit etwas unrecht. Der Einzelkämpfer ist weit entfernt von den episodischen Action-Eskapaden anderer Poliziotteschi. Ganz geht ihm die Action nicht ab; wenn diese auf der Leinwand erscheint, überzeugt sie durch ihren tollen Schnitt und dem flotten Tempo. Mehr fokussiert Massi das Geschehen in und um Ravelli, welcher gleichzeitig anwesend wie abwesend ist. Schrödingers Cop. Wenn er nicht mitsamt des auf sie angesetzten Polizeiapparats in den Köpfen der Gangster geistert, ist Milians Figur in ihren Szenen immer ein Stück von der Gegenwart entfernt. Die aufblitzenden Rückblenden, die den tragischen Tod seiner Frau zeigen, bilden schwammig das ab, was in ihm vorgeht. In sich wohnend, im Feuer seines Hasses auf die Mörder brodelnd, ist er ein von diesem angetriebener Mensch, der dem einsamen Pistolero im Italo-Western gleichtuend, ein zentrales Motiv in seinem Leben hat und dieses bis zum Ende verfolgt.

Was sein wird, wenn Ravelli seine Katharsis erreicht, lässt Massi offen. Mit dem Ende des Films scheint es so, als seien beider Leben, wenn auch grundunterschiedlich, beendet. Die gnadenlose Jagd, so auch der Alternativ-Titel des Films, ist ein schmucklos gekleideter Poliziottesco, der die Schlechtigkeit seiner dargestellten Welt dem Zuschauer mit großer Wucht um die Ohren schallert. Die Niederträchtigkeit der Bande um den von Gastone Moschin dargestellten Marseiller überstrahlt die eigentlich positiv ausgelegte Figur Ravellis, dessen innere Schwärze und Rachegedanken seinen Motor am Laufen halten. Eitel Sonnenschein und schöne Welt bietet Massis Film nicht. Ohne Schnörkel verkauft er seinem Publikum einen Polizei-Thriller, der ein astreiner Revenge-Movie ist, dessen von Stelvio Cipriani komponierter Score so unaufgeregt wie Milians Figur ist und versucht, dem Gesamtwerk zumindest eine schöne Note hinzuzufügen. Leider schaffte es Stelvio Massi im weiteren Verlauf eher solide wie durchschnittliche Filme abzuliefern, aus deren Masse sein Einzelkämpfer nicht sonderlich strahlend, aber mit grimmen Lodern heraussticht.




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