Mittwoch, 16. November 2016

V/H/S

Die als Videochat (auf einem VHS-Tape befindlichen?) aufgezogene vierte Story wird durch ihren Twist, trotz gut eingesetzter Schockmomente, ziemlich zerstört. Auf Teufel komm raus wollen die Macher ungewöhnlich und nicht vorhersehbar wirken. Eine gute Einstellung, die durch eine spürbare Übermotivierung nicht gänzlich funktioniert. Da will dann zum Ende auch die Haupthandlung nicht wirklich funktionieren. Zu einem Teil bleibt man beim Ende von V/H/S leicht enttäuscht zurück, dessen originelles Konzept aber im Gesamten dazu beiträgt, dass man noch versöhnlich auf den Film zurück blickt. Selbst dann, wenn die fragmentartigen Videoschnipsel, die eine Geschichte bilden wollen und sollen, das teils nicht zu hundert Prozent hinbekommen. Hier blockiert der Found Footage-Stil die schlüssige Entwicklung einer Geschichte. Eigentlich super geeignet für die Generation YouTube oder Snapchat, wobei man auch als alter Knacker, der die gute alte Videozeit mitbekommen hat, durchaus Spaß mit dem Film haben kann. 

In der Theorie liest es sich mehr als interessant: einige Independent-Regisseure, darunter Ti West (The Innkeepers) oder Adam Wingard (Blair Witch, The Guest), tun sich zusammen und kreieren eine Horroranthologie, welche im Stil von Found Footage-Filmen gehalten ist. Herausgekommen ist V/H/S, der es über die Jahre hinweg immerhin auf zwei Fortsetzungen brachte. Selbst als großer Freund beider Spielarten kann man allerdings seine Probleme mit dem Film haben.


Seine Rahmenhandlung präsentiert uns eine Gruppe von Kleinkriminellen, die angeheuert wird, um ein ominöses Videoband mit prekärem Inhalt in einem Haus ausfindig zu machen und zu stehlen. Dort eingestiegen, finden sie eher wenig Einrichtung, eine seltsame Stimmung und einen Toten im Sessel vor einigen Fernsehern sitzend, vor. Dazu nicht nur eines, sondern viele Videobänder, die es zu sichten gilt. Diese bilden die einzelnen Geschichten der Anthologie und sind ein grober Querschnitt durch verschiedene Subgenres des Horrors. Egal ob auf einer Sauftour die aufgerissene, seltsam wirkende Dame ihre wahre Persönlichkeit blutig preisgibt, eine Gruppe von Jugendlichen bei ihrem Ausflug zu einem See von einem irren Mörder verfolgt wird oder eine junge Dame ihrem Freund von ihren unheimlichen Begegnungen in ihrem Haus erzählt: es ist für jeden Geschmack etwas dabei.


Sicherlich gibt es in jedem Episodenfilm Licht und Schatten zu betrachten, V/H/S hat bei einigen seiner Geschichten das Problem, das für diese der ausgewählte Stil der Erzählung nicht immer von Vorteil ist. Da ist die erste Episode - die erwähnte Sauftour - schon beinahe die beste, ist diese doch auch am rundesten erzählt. Als Clou sei eine hier eingesetzte Brille mit eingebauter Kamera zu erwähnen, die dafür sorgt, dass beinahe die gesamte Episode im Point-of-View gefilmt wurde. Dies verstärkt die Intensivität der einfachen Story und lässt auch deren abruptes Ende verschmerzen.


In den anderen Geschichten mag der Found Footage-Stil für deren Aufbau nicht gerade förderlich sein. Ti Wests Beitrag fühlt sich sehr authentisch nach einem echten, langweiligen Flitterwochen-Video an, lässt durch seine unspektakuläre Art den finalen Twist komplett verpuffen. Ohnehin neigen die Macher von V/H/S mit ihrer Überambitioniertheit dazu, die Wirkung einer durchaus guten Geschichte mit einem eher unglücklich gewählten Twist zu versauen. Die Slasher-Episode wird unnötig in die Länge gezogen, obwohl auch sie trotz ihres simplen Charakters vor allem mit einem ungewöhnlichen Killer, bei dessen Auftauchen Glitches genutzt werden und so das Videofeeling verstärkt wird, punkten kann.

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Sonntag, 13. November 2016

Das Messer

Das schöne am Giallo ist für mich seine Vielseitigkeit. Auf der einen Seite hat man die Filme in denen hübsche Frauen wimmeln, maskierte Mörder mit ihren schwarzen Handschuhen und blutige, meist mehr oder minder durchstilisierte Mordtaten, die der Fokus dieser meist einfach gestrickten Kriminalgeschichten sind. Auf der anderen Seite gibt es eben diese Werke, denen der Stempel Giallo aufgedrückt wurde, die aber gefühlt erstmal nicht so richtig in dieses Universum mit all seinen beschriebenen Markenzeichen passen. Duccio Tessaris Das Messer, im deutschen Sprachraum auch noch unter seinem Videotitel Blutspur im Park bekannt, gehört zu diesen außergewöhnlicheren Filmen. Dabei schlägt Tessari wenigstens ein bisschen die Brücke zu einigen bekannten Elementen des Genres.

Komplett scheint sich Tessari für die bekannten Ingredienzen des Giallo nicht zu interessieren. Die sexuelle Komponente ist spürbar, kommt in verschiedenen Formen in der Geschichte auch zu tragen, ist aber weit weniger mit für den gewaltsamen Akt stehenden, symbolische Tötungsszenen verbunden. Der Auslöser für die Geschichte von Das Messer ist dabei aber ganz klassisch ein Mord. Verübt an einer 17-jährigen, französischen Studentin. Mitten am Tag in einem Park. Der Mörder wird auf seiner Flucht von verschiedenen Leuten gesehen und dank der akribischen Ermittlungen des Kommissars Berardi wird schnell mit dem Sportreporter Allesandro Marchi der Täter gefunden. Trotz der Bemühungen von dessen Freund und Anwalt Giulio, ihn vor einer Verurteilung zu bewahren, wird er für schuldig befunden. Schnell zweifelt man an der Täterschaft Allesandros als weitere, ähnliche Morde geschehen.

Schnell und nebensächlich werden diese Tötungen abgehandelt. Sie sind weder ausgedehnt noch zelebrierend inszeniert. Die leicht verschachtelte Erzählweise rückt sie nur immer wieder in den Blickpunkt der Geschichte, wenn durch verschiedene Perspektiven, die Bluttat an der jungen Studentin immer ein wenig anders erscheint und so nach und nach ein Puzzle zusammengesetzt wird. Ausführlicher konzentriert sich Das Messer auf die Aufklärung der Tat und damit auf die Arbeit der Polizei. Diese nimmt sehr viel Raum in der ersten Hälfte des Films ein. Beinahe könnte man diesen als ein konventionell erscheinendes Kriminalwerk abstempeln, doch schon hier zeigt uns Tessari, worauf er eigentlich aus will. Das Messer ist mehr als ein einfacher Krimi. Selbst durch die Gerichtsverhandlung, für die man ebenfalls recht viel Zeit beansprucht, kann man ihn auch nicht einfach als Courtroom-Crime Story bezeichnen. Obwohl man sich etwas an solche Filme á la Zeugin der Anklage erinnert fühlt. Das Gialloeske blitzt wie gesagt ohnehin nur am Rand auf.

Vielmehr handelt Blutspur im Park in seinem auf den ersten Blick biederen Gewand von der Wahrnehmung des Menschen. Auf den ersten Blick vielleicht offensichtliche Dinge sind bei genauerer Betrachtung doch was anderes. Die sehr schöne Fotografie von Kameramann Carlo Carlini gibt hier immer wieder Anzeichen darauf. Häufig werden Spiegel oder ähnliches benutzt, durch Gläser hindurch gefilmt und alleine schon die erste Szene ist ein Zeichen dafür, was Das Messer eigentlich behandeln möchte. Ida Gallis Heimfahrt in ihr Haus endet mit ihrer Ankunft dort und wie sie sich plötzlich eine Perücke abzieht. Ein kleines Sinnbild für Maskerade; eben auch in zwischenmenschlicher Beziehung, was mit fortlaufender Zeit zum Gegenstand der Handlung wird. Tessari, der auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, fehlt an manchen Stellen des Drehbuch das Geschick eines Claude Chabrols, der ja auch sehr gerne die Maskerade des (gehobenen) Bürgertums demaskiert hat.

Bis zu einem gewissen Punkt funktioniert Das Messer als leicht bieder anmutender Krimi mit heimlichem Blick auf zwischenmenschliche Beziehungen und ihren Rissen und dem sexuellen Trieb, der den Mensch auf manchmal gar düstere Pfade lenkt, sehr gut. Tessari hätte gut daran getan, zur Einleitung des Finales das Gewand der Einfachheit abzulegen. Extravaganz, wie sie die stilisierten, die typischen Gialli besitzen, währe hier der zündende Funke gewesen. Das Finale mit seiner Auflösung ist entgegen des restlichen Films nicht unbedingt raffiniert. Gelingt es dem Drehbuch, den Zuschauer in seiner Krimi- bzw. Whodunit-Ebene zwischen den verdächtigen Figuren schwanken zu lassen, wird der dramatische Effekt am Ende überstrapaziert und damit bleibt ein ganz großer Knall, eine Explosion auf die gefühlt zugesteuert wird, einfach aus. Das Ende hallt gewiss etwas nach, doch die von Tessari gewünschte Wirkung ist weit weniger als gedacht, effektiv.

Vielleicht liegt das auch in der Auslegung der Figuren und der Besetzung von Helmut Berger als weniger durchschaubaren Pianisten Giorgio. Berger darf den geheimnisvollen geben, mysteriös wirken, leidend mit Weltschmerz im Blick in die Kamera schauen und irgendwo denkt sich der Zuschauer - gerade wohl auch wegen Bergers Image und Rollen im Genrekino - das mit dem irgendwas nicht stimmt. Der Österreicher macht seine Sache gut, keine Frage, aber dies war vielleicht nicht der beste Besetzungskniff. Ansonsten darf man doch mehr als nur leicht applaudieren, wenn die Blutspur im Park endet. Das Zusammenspiel zwischen der sehr hübschen, zurückhaltenden Art der Fotografie, Gianni Ferrios jazzigem und interpretationsreichem Soundtrack, der Tchaikovsyks Piano-Konzert No. 1 sehr schön einzusetzen weiß und zu einem Schlüsselthema wird und einer Kriminalgeschichte die hinter die Fassaden von Begierden und Beziehungen schaut, ist sehr gut umgesetzt. Es ist eigentlich ein bisschen schade, dass bei Fans des Genres Tessari immer etwas am Rand steht. Seine beiden anderen Beiträge zum Genre, Der Mann ohne Gedächtnis und Das Grauen kam aus dem Nebel, sind nämlich ebenfalls äußerst stark.

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Freitag, 11. November 2016

Waterworld

Vielleicht ist sein Ruf mittlerweile doch weitaus besser als vor einigen Jahren. Eventuell ist das kollektive schlecht finden von Waterworld nur einer verblichenen Erinnerung von mir entsprungen. Fakt ist: damals - vor 21 Jahren - war dieses Kevin Costner-Vehikel der bis dato teuerste Film der Geschichte. Und ein Flop. Seine 175 Millionen US-Dollar hat der Film im Kino nicht eingespielt. Die Kosten bzw. ein Plus konnte man erst leicht durch die Heimkino-Auswertung einfahren. Schlechtes Wetter, Extrawünsche von Star Costner, Transportprobleme und ein Regisseur, der auf seine ursprüngliche Drei Stunden-Fassung beharrte und deswegen gefeuert wurde: beinahe kommen einem Gedanken an Heaven's Gate, einem weiteren Geldgrab der amerikanischen Filmindustrie.

Betrachtet man Waterworld losgelöst von seinen Produktionsumständen, so birgt er eine interessante Idee im dystopisch angehauchten Film mit sich: die Polkappen sind geschmolzen, die uns bekannte Welt versank in den Wassermassen. Überlebende der Umweltkatastrophe streunen in ihren Kähnen und Booten auf dem Wasser umher oder verschanzen sich in befestigten Atollen. Kevin Costners dargestellter Mariner zieht mit seinem Katamaran über das Weltmeer, für sich und auf sich allein gestellt. Er ist gern für sich allein, kommt allerdings (natürlich) in einen Konflikt mit den fiesen Smokern - marodierende Banden zu Wasser - und ihrem Chef, dem Deacon, als diese ein befestigtes Atoll angreifen. Sie sind auf der Jagd nach der kleinen Enola. Das Mädchen hat eine Tätowierung auf dem Rücken, die den Weg nach "Dryland" - einem legendären Ort, das letzte Festland überhaupt - zeigen soll. Nach seiner Flucht hat der Mariner, dieser einsame Wolf der Weltmeere, Enola und Helen, die Ziehmutter des Mädchens, an den Backen. Es fällt ihm schwer, sich mit den beiden zu arangieren. Allerdings fällt es ihm noch schwerer, die weiterhin nach dem Mädchen gierenden Smoker abzuschütteln.

Ganz nüchtern betrachtet, ist Waterworld ein großes Spektakel zu Wasser, in dem die in geregelten Bahnen verlaufende Geschichte schnell zur Nebensache gerät. Wobei sie ohnehin nicht allzu komplex und vielschichtig ist. Man kennt die Konstellationen, dass der so einsame und namenlose Held schnell wider seinem Willen plötzlich mit einer größeren Aufgabe vertraut ist. Hier die Suche nach dem filmischen Paradies, diesem Mythos "Dryland", welcher angeblich nur eine Legende ist und dem Schutz der Trägerin der Karte zu diesem: einem kleinen Mädchen und seiner Ziehmutter. Bei genauerer Betrachtung ist Waterworld mit all seinen Elementen an einen Western, von seinem Look fühlt man sich an Mad Max 2 und dessen Fortsetzung erinnert. Eben alles auf dem Wasser. Bis zu einem gewissen Punkt funktioniert Waterworld auch gut, kann allerdings auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sein martialisches Wesen in leiseren Momenten zu Leerlauf führt. Da ist der Ethnotouch in Mad Max 3 - Jenseits der Donnerkuppel besser gelungen.

Spaß kann man an Waterworld dennoch haben. Die hübschen Bauten, die tolle Ausstattung sind - weil eben noch richtig gebaut wurden und nicht digitalisiert - ziemlicher Eyecandy. Im Gegensatz zum manchmal etwas zu routiniert agierenden Kevin Costner macht auf der Seite der Bösewichte der am Overacting haarscharf vorbeischrammende Dennis Hopper als Deacon ziemlich viel Spaß. Auch weil die Szenen mit ihm und seinen bösen Smokern häufig comichaft anmuten. Da sieht man gerne über die ansonsten sehr mutlose Story und die konventionelle Art der Inszenierung hinweg. Dann bleibt man eben bei den ordentlichen Actionsequenzen hängen, deren Schlüsselszene - die Erstürmung des Forts/Atolls - schon fast wieder den Fehler begeht und zu lange ist und damit den Zuschauer beinahe erdrückt. Spaß kann man mit diesem Film in gewissem Maße trotzdem haben. Bevor der Film an seinem pseudo-umweltschützerischem Anspruch scheitert, fliegt ja doch wieder irgendwo was in die Luft oder erfreuen die Smoker in ihrer erfrischend dämlichen Art. Ja, mir gefällt der Film und ist eines meiner liebsten "Guilty Pleasures" der Hochglanz- bzw. Mainstream-Spektakel der 90er. Für ein belustigtes Grinsen ist der Film immer wieder gut.
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Dienstag, 8. November 2016

Sartana - Noch warm und schon Sand drauf: Italowestern als Hörspiel


 Italowestern-Fans hergehört (wortwörtlich!) Der Film von Giuliano Carnimeo aus dem Jahr 1970 gehört zu den fünf originalen Sartana-Filmen, die in der Hochphase des Genres enstanden sind. Die Filme sind nicht wirklich miteinander verbunden und der mittlerweile mit dem Charakter Sartanas verbundene Schauspieler Gianni Garko spielt diesen in nur drei Filmen.

Meine erste Begegnung mit Sartana war eben dieser Film, dessen deutsche Fassung dem berühmt-berüchtigten Rainer Brandt in die Hände fiel. Dieser Synchrongott kreierte die kultige Synchro der englischen Serie Die Zwei, ist für viele Synchronfassungen der Bud Spencer & Terence Hill-Filme verantwortlich und "verbesserte" einige andere Filme mit einer sehr zotigen oder flapsigen Synchronfassung. Manchmal ist das auch zu viel des Guten, vieles ist über die Jahre - wenn man Brandts Stil kennt - auch schon ziemlich abgestanden. Aber: alleine auch wegen den vielen Sprechern, Sprüchen und Ausdrücken, die man durch seine Synchros ins Herz geschlossen hat, sind seine Werke Kult. Im Gegenzug sind ausdrücklich die deutsche Synchro zu Das große Fressen und die Bearbeitung der Kultserie M*A*S*H erwähnt.

Nun gibt es vom WDR eine Hörspiel-Fassung dieses Films, der auf der Synchronfassung Brandts basiert. Ergänzt wurde das ganze von Leonhard Koppelmann, Roland Slawik und dem Genrekennern allseits bekannten Christian Keßler (Autor u. a. von "Die läufige Leinwand" und "Willkommen in der Hölle") Dieser ist auch selbst mit von der Partie, wobei auch die restlichen Sprecher sich sehen und vor allem hören lassen können: Bela B., Stefan Kaminski und Oliver Rohrbeck sind zu hören. Die musikalische Untermalung kommt von der Band Smokestack Lightnin' und auch wenn ich über die Jahre ein wenig müde im Bezug des Italowesterns wurde: da wird verdammt nochmal reingehört!

Das Hörspiel kann man sich hier für begrenzte Zeit herunterladen.

(Logo © Westdeutscher Rundfunk)
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The VVitch - A New-England Folktale

Das Review könnte kleinere Spoiler beinhalten!

Ich kann meine Begeisterung über Vertreter des Horrorfilmgenres meist schwer im Zaum halten, wenn dieses "nur" der Überbau für eine sowohl schaurig-schöne als auch intelligente Auseinandersetzung für gewisse Thematiken ist. Wenn der Horror nur noch beiläufig ist, Platz für ein "größeres Ganzes" macht und teils auch sehr unterschiedliche Genres miteinander verbindet. So ging es mir mit dem interpretationsreichen It Follows, welcher für mich zum besten Horrorfilm des letzten Jahres wurde. Über die letzten Jahre kamen aus dem Indie-Bereich so einige Vertreter eines gewissen intellektuell fordernden Horrors und ohne hier jetzt komplett ins Namedropping zu verfallen, seien hier noch der österreichische Ich seh, ich seh (Review gibt es hier), der wirklich tolle Starry Eyes oder auch mit gewissen Abstrichen Eat genannt.

Jetzt haben wir nun mit The VVitch - A New-England Folktale einen Film, der genau dies bedienen soll und seit seinem Anlaufen in den Kinos als auch der Veröffentlichung im Heimkino-Bereich die Zuschauer polarisiert. Langweilig sei dies, manche Zuschauer haben im Kino bei einigen Szenen laut gelacht. So Follower meines privaten Twitter-Accounts. Auf der anderen Seite gibt es Kollegen wie Björn oder Oliver Nöding, die durchaus wohlwollende bis sehr lobende Worte über Robert Eggers Langfilmdebüt verloren. Mit durchaus großer Erwartungshaltung ging ich an diesen Film heran und wurde keinesfalls, wie das durchaus schon einmal vorkommen kann (gerade wenn eine Sache sehr groß gehyped wird), enttäuscht. Das schöne an diesem Film ist, dass man zwei unabhängige Lesarten hat bzw. ihn ganz unterschiedlich interpretieren kann.

The VVitch behandelt ein zutiefst trauriges Drama innerhalb einer Familie, die an einem schweren Schicksalsschlag zu zerbrechen droht: um das Jahr 1630 werden William und Kate mit ihren Kindern Mercy, Jonas, Thomasin und Caleb wegen zu strenger Glaubensauslegung des Vaters aus ihrer Siedlung verbannt. Auf der Suche nach einer neuen Bleibe, lassen sie sich auf einem geeignet aussehnden Stück Land nahe eines Waldes häuslich nieder und Kate schenkt bald darauf dem fünften Kind Samuel das Leben. Eines Tages verschwindet der Säugling unter der Aufsicht der Älteste, Thomasin, spurlos. Wurde er von einem Wolf oder doch einer Hexe geholt? Die Tragödie führt dazu, dass sich Misstrauen innerhalb der Familie und Schuldzuweisungen häufen. Vor allem bleibt die Frage im Raum, was denn nun überhaupt Samuel geholt hat und ob dieses etwas nicht längst innerhalb der Familie wandelt.

Schaut man sich die Entwicklung des Horrorfilms in den letzten Jahren mit all seinem lauten und krachigen Wesen an, der manchmal mit wahren Bombardements an Jumpscare-Szenen zu einem gewissen Overkill führte (trotz derer gutem Timing in einigen Filmen), so gibt sich The VVitch angenehm zurückhaltend. Der Schrecken schleicht sich auf leisen Sohlen an, behält die ganze Laufzeit über seine angenehme Subtilität und wird erst im Finale - und das nur ganz kurz - entfesselter. Der Untertitel "A New-England Folktale" passt ohnehin sehr gut: Aufgrund der Zeit, in die der Film spielt und der Entwicklung seiner Story wohnt ihm eine Märchenhaftigkeit inne, die sich auf die düsteren Elemente der Volkserzählungen konzentriert. Eggers Film klärt uns zudem an seinem Ende auf, dass für die authentischen Hintergründe für The VVitch sehr genau recherchiert wurde. Laut dieser Einblendung stammen angeblich einige Dialoge des Filmes direkt aus historischen Dokumenten.

So fühlt sich The VVitch wirklich sehr authentisch und greifbar an, was die Wirkung der im dunklen Wald lebenden Bedrohung, verstärkt. Die Hexe lebt in den Schatten der Bäume, tief im Wald verborgen, wird als alte und hässliche Frau dargestellt, ohne hier in typische Klischeevorstellungen abzudriften. Wenn man sich, wie ich, mit der Entwicklung von altem Volksglauben á la Vampirismus, Lykanthropie oder auch Hexenglauben beschäftigt und ein wenig über die damaligen Vorstellungen bescheid weiß, fühlt sich dies wohl gleich (trotz des phantastischen Aspekts) doppelt so glaubhaft an. Als Beispiel sei hier die Szene genannt, in der sich die Hexe an Samuel zu schaffen macht: die darauffolgende Sequenz, in der sie sich zum Flug in die Lüfte aufmacht, beeinhaltet sowohl einen übernatürlichen Touch als auch eine Darstellung überlieferter Hinweise, wie Hexen anhand ihrer Flugsalben und der Wirkung der darin enthaltenen psychoaktiven Pflanzen in die Lüfte "aufsteigen". Das ist auch die große Stärke dieses Films: Es wird zu keiner Zeit wirklich verleugnet, dass das, was sich da abspielt, nur auf den starken christlichen Glauben der Familie zurückzuführen ist. Es ist eine Lesart des Films und er spielt hier auch gut mit der Wahrnehmung seiner Figuren und kann die Zuspitzung der Geschehnisse innerhalb der Familie transportieren.

Die Hexe, die Bedrohung von Außerhalb, gibt den immer offener zu Tage tretenden Problemen innerhalb der Familie nur den Rest. Diese äußere Gefahr kann allerdings auch nur eine Projektion dessen sein, was sich in den Köpfen der streng gottesfürchtigen Leuten abspielt. Es mag sein, dass dieses alte Geschöpf wirklich existiert oder - wie angesprochen - nur ein Hirngespinst ist, eine Manifestation des im Glauben der Familie existierenden Negativen. Die Verbannung aus der Siedlung ist hier nur der Anfang einer ganzen Reihe von Geschehnissen, welche die Eheleute zusammen mit ihren Kindern hinnehmen müssen und den Glauben schwer erschüttert. Dieser ist in seiner streng christlichen Auslegung beinahe schon prädestiniert für Wahnvorstellungen, die sich anhand der schwer verdaulichen Rückschläge nach der Verbannung, entwickeln könnten. Dazu kommt das zarte Aufkeimen der menschlichen Sexualität, die Erwachsenwerdung von Thomasin und auch Caleb steckt im Übergang von Kind zum Jugendlichen. Es kommt hier für William und Kate einiges zusammen, mit dem sie sich schwerlich auseinandersetzen können. Gerade letzteres ist für Kate ein präsentes und sie beschäftigendes Problem.

Robert Eggers verbindet dies in The VVitch zu einem stark gespielten Familiendrama mit leisem Mysteryhorror der auf allzu grobe Schocksequenzen verzichtet. Der Schrecken hier entsteht aus der Wechselwirkung zwischen Zuspitzung der misslichen familiären Schräglage und einer heute im Reich der Volkslegenden anzufindenden Kreatur bzw Figur, die sich sehr wohl auch das Leid der Personen zunutze macht und daraus ihre Stärke bezieht. Verstärkt wird dies mit einer aufgeräumten Fotografie, die sowohl distanziert als auch sehr Nahe an den Figuren dran ist. Die auf zusätzliche Beleuchtung verzichtenden Aufnahmen im inneren der spärlichen Hütte der Familie, nur von Kerzenlicht beleuchtet, sind atmosphärisch stark und brillant eingefangen. Wenn der Film gegen Ende hin die Ereignisse der Geschichte auf die Präsenz eben jener titelgebenden Hexe schiebt, so ist dies nicht enttäuschend, weil es sich das Drehbuch hier zu einfach macht, sondern konsequent die beibehaltene Richtung, die der Film von Beginn an gegangen ist. Er bleibt der im Untertitel angesprochenen Volkserzählung treu und ist einfach ein starkes, intelligentes und subtil arbeitendes Horrormärchen für Erwachsene. Trotz einiger anderer guter Filme des Genres und dem neuesten Winding-Refn-Films The Neon Demon, der allerdings beiweitem kein wirklicher Horrorfilm ist sondern nur beiläufig mit dessen Mechanismen spielt, ist für mich The VVitch der stärkste und somit beste Horrorfilm 2016.
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Montag, 7. November 2016

Dead Silence

Nach James Wans Überraschungshit Saw entstanden, lastete auf Dead Silence sicher damals schon eine gewisse Erwartungshaltung. Schaut man sich den Film mittlerweile an, nachdem Wan die durchaus guten Conjuring-Filme und den fantastischen Insidious gemacht hat, ist diese Erwartungshaltung noch ein wenig größer. Der Regisseur hat mit diesen Filmen bewiesen, dass er durchaus ein gutes Händchen für atmosphärische Stoffe mit gut getimten Gruselmomenten ist. Allerdings stellt sich bei Dead Silence schnell die Ernüchterung ein. Trotz seines vorhandenen Potenzials ist der Film eher nur ein solides Spiel mit gängigen Versatzstücken, welches in der Entwicklung seiner Geschichte nicht richtig zu überzeugen vermag.

Gerade eben noch auf dem Weg, um für seine Liebste und sich Chinanudeln zu holen, schon wird Jamie bei der Rückkehr in die heimische Wohnung vom Schicksal stark gebeutelt. Seine Freundin liegt tot im Bett: mit weit aufgerissenen Augen, ebenso groß aufgerissenem Mund und fehlender Zunge. Kurz bevor er aufbrach um Essen zu holen, klingelte es an der Wohnungstür und ein geheimnisvolles Päckchen liegt vor der Tür: darin ist eine Bauchredner-Puppe, der Absender ist unbekannt. Diese Puppe und der Tod der Freundin führt Jamie zurück in seine langsam vor sich hingammelnde Heimatstadt, um Antworten zu finden. Wieso musste seine Freundin sterben? Was hat es mit der Puppe und der Legende um Mary Shaw auf sich, die Bauchrednerin die auch nach ihrem Tod laut dieser noch sehr umtriebig sein soll?

Wan verbindet hier zwei von mir geschätzte Subgenres, den Geister- und den Puppenhorror, zu einem nur gelinde befriedigendem Werk. So richtig möchte es mit der ganzen Story nicht wirklich klappen, obwohl diese sehr zielstrebig erzählt wird. Ohne unnötige Füllsel geht es voran, doch so richtig kann einen der Film auf dieser Ebene nicht abholen. Es scheint ein gewisser Druck auf James Wan gelastet haben, dass er an den Kassen der Kinos eben so viel Kohle scheffelt wie Saw. Dem Film merkt man an, dass er auf Nummer sicher geht und die Versatzstücke der beiden Genres solide ineinanderfließen lässt. Das geht okay, ist an manchen Stellen wirklich effektiv, aber hunderprozentig kann es nie überzeugen. Dead Silence ist viel zu konform, konservativ und vielbekannt in seiner Machart und möchte nicht aus seinem Genrekorsett ausbrechen.

Der Twist gegen Ende kann dies ein wenig auffangen, bevor der Eindruck eines absolut soliden aber mäßigen Werkes entsteht. Trotz aller Gleichförmigkeit punktet Dead Silence dafür in einer Sache: seinem Look und den Settings. Getaucht ist der Film in trübe, grau-braune Farben, in denen nur Rot stechend hervortritt. Dies verstärkt die Wirkung des Verfalls, der über der kleinen Heimatstadt des Protagonisten liegt. Hier streift Wan sogar öfter den Gothic Horror, wenn innerhalb des Filmes ein altes, heruntergekommenes Theater betreten wird. Ebenso wenn in des Nächtens auf den Friedhof geht. Dies sind mit die stärksten Momente eines Films, dessen Schocks selten sitzen und seine Atmosphäre bis auf die angesprochenen Szenen auch hätte etwas stärker ausfallen können. Man kann es als durchaus anschaubare Fingerübung Wans ansehen, bevor er sich an Conjuring und Insidious machte.
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Donnerstag, 1. September 2016

Blutige Seide

Mario Bava war Kameramann, Spezialeffekt-Künstler, Regisseur und der Vater des Giallos. Meistens wird er was das Subgenre angeht auf seine Meisterleistung Blutige Seide festgenagelt. Ein wenig zu unrecht, denn bis auf den etwas schwächeren 5 Dolls For An August Moon sind auch Hatchet For The Honeymoon und A Bay Of Blood sehens- und entdeckenswerte Filme. Während Hatchet... einiges vom zehn Jahre später entstandenen Maniac vorneweg nimmt und auch etwas den ersten Grundstein für spätere Serial Killer-Movies legt, bietet der im ganzen etwas zu konfus erscheinende A Bay Of Blood eine längere Sequenz, die mittlerweile wie eine Blaupause bzw. Anleitung für die Inszenierung der in den 80er groß werdenden Slasherfilme erscheint. Über allem thront Blutige Seide, Bavas Blaupause für das gesamte Subgenre, die er ein Jahr nach seiner Grundsteinlegung mit dem noch recht verhaltenen The Girl Who Knew Too Much vorlegte.

Es ist immer wieder schön, vor allem nach längerer Zeit, diesen Film nochmal für sich zu entdecken. Wie damals bei der allerersten Sichtung war ich auch hier zuallererst von dieser unglaublichen Optik und Bavas großartigem Gespür für diese überwältigt. Selbst einfachste Szenen wie die allererste, wenn das vom Umwetter gepeitschte Schild des Modehauses auf den Zuschauer zuschwingt, von einer der Halterungsketten springt und so im übertragenen Sinne den Vorhang zum folgenden Schauspiel und den Blick auf den Hauptschauplatz freigibt, faszinieren in ihrer ganzen Art der Inszenierung. Blutige Seide ist eigentlich eine einfach gestrickte Kriminalgeschichte um einen Mörder der im Umfeld eines Modehauses sein Unwesen treibt. Nach dem Mord an dem Model Isabella geht unter einigen ihrer Kollegen sichtlich eine gewisse Unsicherheit um, nachdem Nicole - ein weiteres Model des Salons der Contessa Christina - das Tagebuch des Opfers gefunden hat. Dort dürften Aufgrund der erschrockenen Blicke so einiger Damen und Herren einige pikante Dinge drinstehen. Das Tagebuch verschwindet, dafür stapeln sich die Leichen, da weitere Mannequins von einem maskierten Killer umgebracht werden und Kommissar Silvestri und seine Kollegen im Dunkeln tappen.

Was Bava allerdings aus dieser einfachen Geschichte zaubert, ist selbst heute einfach atemberaubend. Als Zuschauer wird man vom hochglanzartigen Stil des Films gefangen genommen und befindet sich in einem visuellen Rausch, den Bava gekonnt entfacht. Von Beginn an dominieren starke Farben - vor allem das blutige Rot sticht hier immer wieder in verschiedenen Arten auf - und gekonnte Licht und Schatten-Effekte. Die stilisierte Farbgebung des Films zeigt dabei sehr gut, wie stark auch Dario Argento von Bava und dessen Filmen beeinflusst ist und nimmt dessen Filmen beinahe etwas den Zauber, der ihnen innewohnt. Immer wieder kratzt Bava dabei am Gothic Horror, wenn der Mörder durch verstaubte und schaurige Keller schreitet oder der Aufbau einer Mordszene von seiner Ausleuchtung stark an diesem Genre angelehnt ist. Schnell ist die eigentliche Geschichte des Films durch diese Kunst des visuellen Ablenkens ins Hintertreffen geraten. Bava konzentriert sich in Blutige Seide auf die dunklen Abgründe der Figuren, ohne tiefergehend diese zu zeichnen und extrahiert aus dem Kriminalüberbau die Mordsequenzen, die er kunstvoll in Szene setzt. Zum ersten Mal wurde im Kino wohl Mord so stilisiert und auf grausame Weise schön dargestellt. Eine Eigenart, die viele nachfolgenden Gialli beibehalten sollten.

Den klassischen Whodunit-Gedanken des amerikanischen Krimis, der erst von späteren Gialli wieder aufgenommen wurde, schiebt Bava komplett beiseite. Er macht den Zuschauer zum stummen Mitwisser der grausigen Taten, die hier gezeigt werden (und für die damalige Zeit wirklich äußerst zeigefreudig waren). Die Blut- bzw. Mordtat wird ausgiebig und lange zelebriert. Es entsteht keine wirkliche klassische Spannung, aber eine Gespanntheit bzw. Neugier beim Zuschauer, wie die allesamt verdächtig erscheinenden Figuren entweder aus dem Leben gerissen werden oder doch in den Kreis der Tatverdächtigen rücken. Die Polizeiarbeit ist hier übrigens (wie auch vielen der nachfolgenden Gialli) Nebensache. Die Polizei erscheint beinahe schon unfähig, wenn sie nach einem weiteren Mord plötzlich von einem Triebtäter ausgehen, während man selbst als Zuschauer schon eine ganze Ecke mehr informiert ist. Irgendwann verschwindet sie komplett und macht dem ungezügelt mörderischen Treiben, welches sich immer mehr steigert, Platz. Wie auch in seinen später folgenden Gialli zeichnet Bava ein sehr düsteres Bild von den in seinen Geschichten handelnden Menschen und hat für diese kein großes Happy End in der Hinterhand.

Wie drei Jahre zuvor Michael Powell mit seinem Augen der Angst werden die ausgiebig von Bava gezeigten Morde fetischiert: nicht nur wegen der ledernen Kluft des Mörders selbst, auch die unterschwellig immer im Film mitschwingende, leicht "aufgesexte" Stimmung, die selbst in den Mordsequenzen nicht abflaut, gibt ihr übriges dazu. Kein Wunder, dass auch Blutige Seide wie schon Powells Films zu seiner Zeit keine wirklich guten Kritiken erntete. Auch wenn der Einfluss von Hitchcock auf Bava hier und da aufblitzt, ist es vor allem Bavas unbedingter Wille zum Style over substance und der künstlerischen Darstellung, die den Film zu einem einzigartigen Erlebnis machen. Das Gesamtergebnis ist äußerst stimmig und Blutige Seide dürfte auch der einzige Giallo Bavas sein, in dem er seine Schwächen im Erzählen der Geschichte so gut kaschieren bzw. davon ablenken kann. Seine Kraft und seine Stimmung sind selbst 53 Jahre nach seiner Entstehung ungeschlagen und können heute noch faszinieren. Es ist mit dem wunderschönen Die Stunde, wenn Dracula kommt einer der besten Filme Bavas.
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