Donnerstag, 2. November 2017

Horrorctober 2017: Holidays (12/13)

Der letzte Film meines diesjährigen Horrorctobers sollte, dies war die einzige Planung, diese Horror-Anthologie sein, die sich thematisch mit dem Grauen verschiedener Feiertage auseinandersetzt. Der Indie-Bereich hat in den letzten Jahren einige interessante, wenn auch nicht immer komplett gelungene Episodenfilme hervorgebracht. Da wären zum Beispiel 5 Senses of Fear, den ich anlässlich des Horrorctobers 2016 bei letterboxd besprochen habe, der feministisch und künstlerisch interessante und leider trotzdem so nichtssagende XX oder die auf Found Footage getrimmte V/H/S-Reihe. Auch Holidays reiht sich hier nahtlos ein und bietet mit insgesamt acht Episoden eine wahre Fülle an Geschichten. Bei der hohen Zahl ist es unausweichlich, dass durch die gegebene Quantität die Qualität etwas leidet.

Die schwächste Episode des ganzen Films kommt gleich zu Anfang. Schade ist hierbei, dass die Regisseure Kevin Kolsch und Dennis Widmyer, Schöpfer des von mir sehr geschätzten Starry Eyes, hier unglaublich uninspiriert und plump eine Valentinstags-Geschiche präsentieren, deren Auflösung nach den ersten Minuten erahnbar ist. Einziger Pluspunkt ist hier, dass das Regie-Duo ihren Beitrag im fast gleichen Stil wie Starry Eyes inszenieren. Die unterkühlte Atmosphäre und der Einsatz reduzierter Synthiesounds im Soundtrack können zwar nichts retten, sind aber wenige positive Aspekte. Munter geht es weiter im Episodenreigen zwischen verschenktem Potenzial und richtig starken Beiträgen. Letzteres bekommt man in der zweiten Hälfte präsentiert, wenn Anthony Scott Burns den Vatertag behandelt und eine an und für sich auch simple Geschichte einer Tochter, die nach Jahren vor einem Wiedersehen mit dem verschwundenen Vater steht, präsentiert.

Der stärkste Beitrag steht stellvertretend für das am häufigsten auftretende Problem der Beiträge: nach zügigem auf den Punkt kommen und einem tollen Spannungsaufbau verpufft die Auflösung beinahe wirkungslos. Vieles wird im dunklen gelassen, was löblich ist, die Fantasie des Zuschauers anzusprechen um sich selbst Gedanken zu machen. Holidays lässt bei manchen Episoden die Vermutung aufkommen, dass die Regisseure um eine fixe Idee, zum Beispiel die bestimmte Auflösung verkrampft ihre Geschichte darum konstruierten. Das geht beim Muttertag und Ostern mächtig in die Hose. Während man dem Muttertag hätte mehr Zeit schenken können, damit hier die kleinen Wirrungen der Geschichte um eine Frau, die ständig schwanger wird wenn sie Sex hat und von ihrer Ärztin zu einem dubiosen Fruchtbarkeitsworkshop in die Wüste geschickt wird, weniger auffällig wären. Bei Ostern selbst ist die vorgegebene Idee der kindlichen Fantasie, welche den christlichen und Volksglauben des Osterfestes wüst zusammenwürfelt und wortwörtlich monströs werden lässt, das einzig funktionierende. Der Auflösung fehlt es an Kraft; der Rest drumherum wirkt konstruiert um das Ostermonster überhaupt in Szene zu setzen.

Wenn Kevin Smith, der seit einigen Jahren vom angesagten Indie-Regisseur zum B-Horror-Filmer mutierte, sich bei Halloween große Freiheiten nimmt und seine Geschichte an besagtem Tag spielt, das alte keltische Volksfest ansonsten gar nicht behandelt, mag das zuerst komplett gegen das Konzept arbeiten. Die krude Geschichte um drei Camgirls die ihrem schmierigen Boss seine Misshandlungen heimzahlen funktioniert als laute Feminismusbefürwortung und Anklage der Ausnutzung vieler Mädchen in der Sexbranche. Das mag einigen zu laut sein, Smith war allerdings noch nie als dezent feinfühliger Geschichtenerzähler bekannt. Die geht Holidays leider auch im gesamten abhanden, könnte man die Kurzgeschichtensammlung in wenigen Momenten als unterschwellig kämpferisch feministisch nennen. Alle Hauptfiguren der Kurzfilme sind - mit Ausnahme der Silvester-Ausgabe - weiblich, ein Großteil dieser kämpft sich aus einer Misere heraus, andere schlingern in eine hinein. Negative Ausgänge zum Trotz bleibt das weibliche Geschlecht bzw. die Weiblichkeit an sich präsent.

Eine konkrete Position oder Aussage trifft Holidays nicht. Sein thematischer Schwerpunkt scheint wichtiger; dieser ungestüme Willen dem Zuschauer durch die Feiertage des Jahres zu peitschen. Kreativität ist vorhanden, die Umsetzung der einzelnen Ideen ist nicht komplett zufriedenstellend. Weniger wäre mehr gewesen, so hätte das Team hinter dem Film den kämpferisch-weiblichen Charakter des Hintergrundes konkreter ausgestalten können. Scheinbar blieb den Machern die Gemeinsamkeiten der einzelnen Geschichten in Ausgangspunkt der Geschichten und Protagonisten verwehrt oder wurde - leider - als nicht zu wichtig erachtet. Mit diesem zweiten roten Faden hätte sich Holidays von der Existenz als eine letztendlich guten, aber auch einer unter vielen existierenden Anthologien absetzen können. Kurzweilig weil interessant, was da an Ideen (die neuartige VR-Brille in der Weihnachtsepisode oder die komplett angenehm austickende St. Patricks Day-Episode seien als Beispiele genannt) präsentiert wird.
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Mittwoch, 1. November 2017

Horrorctober 2017: Über dem Jenseits (11/13)

Nachdem ich im letzten Jahr Lucio Fulcis selbst normaleren Zeitgenossen zumindest vom Hörensagen bekannten Ein Zombie hing am Glockenseil (welcher vor längerer Zeit bereits hier im Blog besprochen wurde) in meine Horrorctober-Liste packe, war dieses Jahr Über dem Jenseits dran. Dies geschah eher spontan als geplant, obwohl die beiden Filme zusammen mit Das Haus an der Friedhofsmauer seit einiger Zeit als "Gates of Hell"-Trilogie miteinander verbunden werden. Meiner persönlichen Meinung ist diese Verbindung nur eine weitere Maßnahme, für die drei Filme ein neues Marketing und mehr noch eine weitere Art der Auswertung auf physikalischen Medien zu finden. Inhaltlich unterscheiden sich alle drei Werke und jeder steht für sich alleine. Auch ist meines Wissens nach niemals von den Machern, egal ob Drehbuchautor Dardano Sacchetti oder Regisseur Fulci selbst, geplant gewesen, eine solch eine Trilogie zu kreieren.

Einen gemeinsamen Nenner hat das Trio dennoch: den Einfluss des Werks von H. P. Lovecraft. Ist der in seinen Geschichten häufige Zustand der jederzeit spürbaren Bedrohung, ausgehend von einem stets im Hintergrund lauernden, namenlosen Schrecken atmosphärisch in Ein Zombie hing ein Glockenseil und Das Haus an der Friedhofsmauer deutlich spürbar, so spielt die Handlung in erstgenanntem zudem in der aus Lovecrafts Erzählungen bekannten Ortschaft Dunwich. Bei Über dem Jenseits geht Fulci eigenständige Wege, der Schrecken ist visuell präsenter während er dabei eine die konventionelle Erzähllogik komplett aufbrechende, wortwörtlich alptraumhafte Stimmung aufbaut. Lovecraft ist wie im ein Jahr zuvor entstandenen, am Glockenseil baumelnden Untoten benennbar vertreten. Das im Film vorkommende Buch Eibon ist eine Schöpfung des Amerikaners, welches von ihm selbst in Geschichten wie "Das Ding auf der Schwelle", "Träume im Hexenhaus" oder "Der Schatten aus der Zeit" erwähnt wird. Durch letztgenannte Geschichte ist es auch ein Bestandteil des Cthulhu-Mythos und ist in diesem sogar noch älter und mächtiger als das allseits bekannte Necronomicon. War es bei Lovecraft selbst nur eine Randnotiz, spielte es in den diesen Mythos erweiternden Geschichten von Clark Ashton Smith eine größere Rolle.

Diese hat es auch in Über dem Jenseits, in dem es eine Art Schlüssel zum Öffnen der Tore zur Hölle dient. Über einem der insgesamt sieben Tore wurde in Louisiana ein Hotel erbaut. Im Jahr 1927 wurde darin, so lehrt uns die Pre Title-Sequenz, der Maler Schweick von einem schlechtgelaunten Pulk an Menschen grauenvoll umgebracht. 54 Jahre später renoviert Liza eben jenes, frisch geerbte Gebäude. Die Arbeiten am Gebäude werden von schrecklichen Unfällen überschattet und bald darauf lernt die junge Frau die geheimnisvolle, blinde Emily kennen. Diese warnt Liza vor den Gefahren, wenn sie weiter im Hotel verweilen sollte. Von der hübschen Blondine ungemerkt wurde der Maler Schweick aus seinem zugemauerten Verlies im Keller befreit, was dazu führt, dass immer häufiger unerklärliche und schreckliche Dinge in Lizas Umfeld passieren. Mit ihrem Freund Martin und dem Arzt John McCabe versucht sie, das Geheimnis des Hotels zu ergründen. Dieser Inhaltsangabe zum trotz fällt es nicht einfach, die Story von Über dem Jenseits komplett wiederzugeben. Schuld daran ist seine sprunghafte, mit groben Auslassungen arbeitende Erzählweise und eingeschobene, aufgebröckelte Episoden, die erst im späteren Ganzen einen gewissen Sinn ergeben.

Sinn in der vom Film etablierten, eigenen Logik wohlgemerkt. Oliver Nöding spricht in seinem Text zu Über dem Jenseits von Fans, die den Gore ziemlich töfte, die Geschichte des Films selbst aber total unlogisch finden. In meiner extremen Gorehound-Phase ging es mir beinahe ebenso. Von der damaligen Kritik, welche die Story als Alibifunktion für äußerst viele, ausgedehnte Szenen voller Brutalitäten ansah, ganz abzusehen. Damit tut man Über dem Jenseits unrecht. Die Goreszenen mögen ein Zugeständnis an den kommerziellen Aspekt des Films sein; die vorkommenden Zombies - deswegen trug Fulcis Werk bei der Erstaufführung in Deutschland den leicht dämlichen Titel Die Geisterstadt der Zombies - sind zum Beispiel auf Anforderung des deutschen Verleihs, der Gelder für die Produktion beisteuerte, mit eingebaut worden. Splatter ließ sich in Kombination mit Untoten eben sehr gut verkaufen. All' das Blut und Gekröse funktioniert - im Gegensatz zu Ein Zombie hing am Glockenseil - in der Gesamtheit des Films. Schon die Eingangssequenz arbeitet mit quälend langen Einstellungen auf den vom Löschkalk verätzenden Körper von Schweick und fast alle Szenen kulminieren in einem blutigen Finale.

Über dem Jenseits ist übernatürlicher Horror mit stark naturalistischem Charakter. Fulci wandelt in ruhigen Szenen auf den Spuren des Haunted Houses, mancher Szenenaufbau lässt grob an Kubricks The Shining erinnern. Die Darstellung des Hauses, insbesondere die Kellerszenen sowie fast alle Sequenzen mit der blinden Emily wandeln auf den Spuren des Gothic Horrors. Die Untoten selbst verhalten sich komplett anders, wie z. B. in Romeros Trilogie oder ähnlich gelagerten Filmen. Fulci schert sich um die Darstellungsregeln der zu dieser Zeit schon etablierten, "neuen" Zombies (fernab vom Voodoo-Volksglauben) einen Dreck. Wie in Ein Zombie hing am Glockenseil verhalten sie sich geisterhaft: sie können plötzlich vom Ort des Geschehens verschwinden und sich materialisieren. Im Grunde genommen sind Fulcis Geister hier die Konsequenz des Überthemas seines Films. Es sind keine romantisierte Erscheinungen, keine lebendig erscheinenden Menschen mit transparentem Astralkörper oder sonstige Schreckgespenster. Seine Geister sind vom Tod deutlich gezeichnete Erscheinungen, an deren einstige Sterblichkeit durch ihre mehr oder weniger verweste Gestalt immer erinnert wird.

Diese Jenseitigkeit ist das Kernthema von Fulcis Film, dessen kaum vorhandene, gewöhnliche Erzählweise der eigenen Logik eines Alptraums weicht. Zwei weit voneinander entfernte Orte sind beispielsweise schlagartig miteinander verbunden. Der übergreifende Schrecken hebt die Regeln der realen Welt aus den Angeln. Hier können wir noch einmal Lovecraft heranziehen, dessen Beschreibungen der Stätten seiner "Großen Alten" im Cthulhu-Mythos ebenfalls mit einer verzerrten Realität, einer ganz eigenen Geometrie ausgestattet sind. Der vordergründige Alptraum über die Öffnung eines Höllentores, dem Einzug geisterhafter Wesen und deren Machtübernahme der menschlichen Welt ist hintergründig ein Horror des Unterbewussten. Über dem Jenseits ist die Jagd des Todes nach dem menschlichen Leben und der ständig präsenten Angst, vom Schnitter früher oder später geholt zu werden. Vom natürlichen Ableben möchte Fulci nichts wissen. Sein Spiel mit unserer Angst ist die Ungewissheit, ob man irgendwann gewaltsam aus dem Leben gerissen wird. Viele seiner Szenen enden eben mit diesen nicht vorhersehbaren Unfällen.

Es ist eine pessimistische Sicht auf das Leben als solches, der empathielos auch vor schweren Schicksalen von Kindern nicht halt macht. Fulcis Fazit: Der Tod ist unausweichlich. Das wunderschön makabre Finale mit seiner legendären Endsequenz kann man somit auch als Tod der beiden Protagonisten sehen, die sich letztendlich fassungslos ihrer Endlichkeit ergeben und somit in die jenseitige Welt übergehen. Fulcis verbittertet Ton, der auch in Äußerungen seiner selbst immer wieder zum Vorschein trat, fügt sich hier (wie in anderen Filmen) in die Handlung des Filmes ein. Wir müssen am Ende eben alle jenen Weg gehen, den auch John und Liza gehen. Vordergründig ist dieser negative Abschluss ein weiterer Sieg der übernatürlichen Kraft, die die rational angelegten Figuren - hier in Form des Arztes - besonders schwer treffen. Über dem Jenseits funktioniert losgelöst von dieser Lesart sehr schön als morderner Splatter Gothic, der sich für eine von normalen Regeln bestimmte Handlung nicht interessiert und den Zuschauer für alptraumhafte 90 Minuten in eine ganz eigene Welt entführt. Auch nach der x-ten Sichtung ist dieser Film eine tolle Entdeckung.
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Montag, 30. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Das Schloss des Grauens (10/13)

Wer schleicht so spät um des Schlosses Mauern umher? 
Es ist der rotbeschürzte Richter und er atmet schwer! 
Den Morgenstern schwingt er sicher und genau.

Oder steckt seine Opfer in die eisern' Jungfrau.

Dieser leicht schauderhafte Vers gibt die Richtung für den 1963 in Italien entstandenen Gruselfilm vor, den man nicht mit der corman'schen Lovecraft-Verfilmung Die Folterkammer des Hexenjägers (nicht verwirren lassen, das einzige was hier Poe ist, ist der Filmtitel) aus dem selben Jahr verwechseln sollte und den gleichen Namen als Alternativtitel trägt. Roger Corman, welcher in diesen Jahren mit diversen Verfilmungen von Edgar Allan Poe-Geschichten Erfolge (und Geld) sammelte, ist was diesen süß muffigen Schreckensbringer anbelangt, ein gutes Stichwort. Da italienische Genrefilme bis auf einige Ausnahmen auch immer Copy & Paste-Kino waren, so ist auch Das Schloss des Grauens (sympathische) Filmplagiatsware.

Neben den gothischen Corman-Schauerstücken standen hier die damals noch sehr erfolgreichen Edgar Wallace-Filme aus deutschen Landen spürbar Pate. Laut den Credits ist sogar Das Schloss des Grauens eine Literaturverfilmung. Wer wie ich nach meiner insgesamt zweiten Sichtung des Films (die erste war vor mehr als zehn Jahren, als ich noch im Besitz der damals erhältlichen US-DVD war) denkt, dass man eben eine Verfilmung eines Groschenromans gesehen hat, liegt sogar richtig. Die Credits selbst geben aus, dass er auf der "Novelle" "La Vergine di Noremberga" eines gewissen Frank Bogart basiert. Diese Novelle ist allerdings ein Groschenroman, welche in der damaligen Zeit mit Auflagen von 20.000 bis 25.000 Stück an den Zeitungsständen Italiens auslagen und meist sehr simpel oder schlecht geschriebene, klischeehafte Horrorgeschichten waren. Die Geschichte erschien in der Reihe "KKK - I classici dell'orrore" als Heftnummer 23 und hinter dem männlichen Autorenpseudonym versteckte sich eine gewisse Maddalena Gui. Produzent Marco Vicario war zudem der Mitgründer des Verlages G.E.I., welcher die KKK-Romanreihe herausbrachte.

Den Regieposten gab man Antonio Margheriti AKA Anthony M. Dawson; eine exquisite Wahl, hatte der meist immer recht ordentlich filmhandwerkende Margheriti ein gutes Händchen für gotisch angehauchten Horror. In Das Schloss des Grauens recycelte man den hübschen Schauplatz von Margheritis Castle of Blood, der zwar danach (1964) erschien, allerdings früher abgedreht wurde. Dort stolpert in einer gewitterverhangenen Nacht die junge Mary (dargestellt von Vicarios Frau Rossana Podestà) im Rittersaal des Schlosses ihres Mannes Burt über eine Frauenleiche, die in einer eisernen Jungfrau gepackt wurde. Dazu soll ein Scharfrichter, der vor 400 Jahren sein Unwesen auf dem Anwesen trieb, durch die dunklen Gänge gegeistert sein. Mary wird nach ihrer folgenden Ohnmacht vom dazu gerufenen Arzt ein leichter Schock attestiert. Burt schiebt es auf die lebhafte Fantasie seiner Frau in Kombination mit der Wissbegierigkeit über die Geschichte des Gemäuers. Die gewiefte Mary stellt eigene Nachforschungen an und bemerkt neben dem seltsamen Verhalten ihres Gatten auch dessen nächtliche Entsorgung menschlicher Körper mit dem stummen und entstellten Hausverwalter Edgar. Mary verdächtigt Burt, dass dieser unter der schwarzen Kapuze des vermutlich wieder auferstandenen Scharfrichters zu stecken scheint, der in der Zwischenzeit noch andere hilflose Damen richtet.

Für den Film hilfreich ist der Umstand, dass sich Margheriti für den klein gehaltenen Kriminalaspekt seiner Geschichte wenig interessierte. Der rot gewandete Schreckensbringer und die simplen, schnell zu durchschauenden falschen Fährten erinnern entfernt an teutonische Krimikunst wie der Edgar Wallace-Filmreihe. Obwohl beides eher trivial gehalten ist, geht Das Schloss des Grauens in diesen Szenen ein wenig unter. Das Drehbuch alleine schafft es nicht, so ausgeklügelt zu sein, dass Margheritis Desinteresse für diesen Aspekt seines Films ausgebügelt werden kann. Das Das Schloss des Grauens nicht komplett im Sumpf der Langeweile vor sich hindümpelt, verdankt der Film seinem zügigen Tempo. Das Buch hält sich einerseits nicht lange auf der Krimiseite auf und andererseits ist der Film mit seinen knapp 80 Minuten sehr knackig inszeniert. Mit dem stimmungsvollen Einstieg brennt Margheriti ein Fest für Freunde des gothischen Horrors ab und zeigt, was er am besten kann: Stimmung erzeugen. Die gute Ausleuchtung des tollen Schauplatzes, das tolle Timing des Schnitts und die schön aufgebaute Atmosphäre wird mit einem Knall - einen für die damalige Zeit sehr brutalen Schuss auf die aufgefundene Frauenleiche - zum Höhepunkt geführt.

Die ausgedehnt zelebrierten Schauerszenen sind das Herzstück des Films und bieten eine dichte Atmosphäre, die den abgeschmackten Krimipart mit Leichtigkeit überdecken. Nach dem unübertroffenen Mario Bava war Margheriti im italienischen Genrekino ein weiterer Könner im Bereich Gothic Horror, der sich nicht vor den großen Platzhirschen der damaligen Zeit, den britischen Hammer Studios, verstecken brauchte und merkbar Lust daran hatte, diese von der klassischen Schauerliteratur vergangener Jahrhunderte beeinflusste Spielart des Horrorfilms zu inszenieren. Das merkt man auch bei späteren Filmen des Italieners, in denen immer wieder Gothic-Elemente auftauchten, wie z. B. im Giallo 7 Tote in den Augen der Katze oder dem Italowestern Satan der Rache. Unter Margheritis Fuchtel wird dieses triviale Schauerstück ein hübsches Erlebnis, dem man seine erzählerischen Schwächen schnell verzeiht. Einzig die wilde Auflösung, von der ein Teil durch Nazibezug in der damaligen Kino- und Videofassung leider entfernt wurde, ist ein Knaller zwischen Trash und schwülstiger Dramatik. In der damit dargebotenen Rückblende zitiert man nebenbei noch George Franjus Augen ohne Gesicht. Die temporeiche, aber auch überraschungsarme gothische Gruselmär präsentiert sich so als sympathischer Vertreter seiner Art, der mit seinem naiven Charme auch heute noch für kurzweilige Unterhaltung sorgt. Ganz gleich, wie billig und schundig seine Vorlage war.

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Donnerstag, 26. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Maniac (1980) (9/13)

Selbst nach 37 Jahren gehört William Lustigs Maniac zu den berühmt-berüchtigten Filmen. Verboten. §131. Beschlagnahmt. Der juristische Hammer wurde mit aller Härte geschwungen und selbst das Remake ereilte das gleiche Schicksal. Ohne jetzt der auch heute noch sehr willkürlich erscheinenden Praktik von Indizierungen und Beschlagnahmen recht zu geben bzw. diese zu befürworten, so kommt dies nicht von ungefähr. So ein dreckiges Stück von Film schlägt auf den Magen und liegt zentnerschwer. in diesem Ist der Film selbst heute noch, trotz positiver Rezensionen aus dem Lager der aufgeschlossenen Kritik, unverstanden? Ist sein dreckiger Korpus, seine schwarze Seele auch in der heutigen, aufgeklärten Zeit eine bloße Ansammlung von Geschmacklosigkeiten? Ein sexistischer Gewaltakt gegenüber Frauen in Filmform, wie die damalige US-Kritik ihn niedermachte? Oder war er seiner Zeit voraus, wie etwa Michael Powells Peeping Tom es war?

Die Antwort auf diese Fragen ist nicht leicht zu beantworten; überhastet könnte man "alles davon" darauf entgegnen. Es muss sich auf den Film eingelassen werden, damit man in knapp 88 Minuten einer gescheiterten Existenz eben beim Existieren zuschauen kann. Eine Geschichte wird in Ansätzen erzählt, viel mehr werfen Regisseur William Lustig und sein Hauptdarsteller Joe Spinell den Zuschauer ohne Vorwarnung in eine düstere Welt, ein Beinahe-Paralleluniversum, angesiedelt auf den weniger glamourösen Seiten New Yorks. Der titelgebende Maniac, namentlich Frank Zito, führt ein einsames Leben in seiner Ein-Zimmer-Butze, das nur aus Extremen zu bestehen scheint. Morden, leiden, Schmerz. Gleich der Beginn zeigt Zito bei seinem blutigen Tagwerk, wenn er ein Pärchen am Strand beobachtet und kaltblütig umbringt. Schnitt. Frank Zito spricht mit seinen stummen Mitbewohnern, mahnende Worte, die doch davor gewarnt hätten, Nachts nicht nach draußen zu gehen.

Zitos Puppen, die stummen Zeugen seines persönlichen Wahnsinns, sind ein Abbild seines bisherigen Schaffens. Kleidung, Haare und Blut, mit denen sie gespickt sind, stammen von seinen Opfern. Dann trifft Frank irgendwann die Fotografin Anna. Endlich beginnt eine fast konventionelle Geschichte, nachdem Lustig beinahe zu lange episodisch Morde seines Protagonisten geschildert hat. Der in seinem Trauma gefangene Frank wirkt plötzlich stinknormal; zeigt eine menschliche Seite. Anna wird ausgeführt, beschenkt, mit Aufmerksamkeit bedacht. Ist es alles nur ein Vorwand, als sie ihn im Park fotografierte um an das Foto heranzukommen? Die Zeitungen berichten von ihm, dem unbekannten Serial Killer, der New York in Atem hält und würde irgendwo ein Foto von ihm in seiner Kluft, mit der er zum Morden um die Häuser zieht, umgehen, wäre seine Anonymität gefährdet. Sein Alltag, seine Zwänge, lassen ihn nicht los. Menschen lassen weiter ihn Leben, während auf der anderen Seite die Hoffnung schimmert, dass Frank seine dunkle Seite aufgibt. Seine Einsamkeit und Isolation, die ihn auch in der Zweisamkeit mit Anna immer etwas vom Geschehen entrückt erscheinen lässt, ist zu weit vorgerückt.

Der Wahnsinn gewinnt am Ende, ohne jezt großartig den Film zu spoilern. Überhaupt: die Geschichte des wahnsinnigen Frauenmörders war auch 1980 keine Innovation mehr. Nur Lustig und Spinell hoben dies auf ein intensives Level, brachen kaltschnäuzig Tabus bzw. brachtem dem Splatterfilm eine neue, grimmige Härte und aalten sich im breit ausgelegten Seelendrama des Protagonisten. Spinell, der selbst in Kassenschlagern wie Rocky oder Der Pate und darüber hinaus meist leider nur Nebendarsteller war, packte die Gelegenheit beim Schopfe, dachte sich diese verstörende Geschichte aus, schrieb am Drehbuch mit und schenkte dem Zuschauer eine beeindruckende Perfomance. Den grausamen Morden zum Trotz, schafft es der Italo-Amerikaner, dass man Frank Zito bedingt Mitleid entgegen bringt. Sein leidender Blick auf die Narben am Körper, die von den vergangenen Taten sprechen, die ihn zu dem werden ließen, was er ist. Sein Schmerz im Zwiegespräch mit seinen Mitbewohnern aus Kunststoff, Abbilder seiner Opfer, pervertierte Erinnungsträger und menschengroße Trophäen. Spinells Charakter ist nicht der stumpfe Schlitzer, der die Leinwand in den folgenden Jahren immer häufiger bewohnte. Frank war selbst einmal Opfer und lässt nun seine über Jahre aufgestaute Wut, dass innerlich brodelnde Trauma, in Gewalteruptionen auf seine Umwelt los.

Spinell trägt Maniac auch dann, wenn er erzählerisch auf der Stelle tritt. Komplett funktioniert die anfängliche Abfolge an Episoden aus dem mörderischen Leben Zitos nicht. Die Abfolge aus Mord, Leid und neuen Opfern auflauern wirkt schnell ermüdend. Dagegen hätte auch der Italo-Amerikaner nicht die ganze Zeit über anspielen können. Annas Einführung beweist gutes Timing, öffnet die Geschichte und die hier dargestellte andere Seite des Protagonisten lässt Maniac bei allen erzählerischen Schwächen runder erscheinen. Leicht abgenutzt hat sich der Film nach 37 Jahren und mehreren Sichtungen meinerseits trotzdem. Die Effekte wirken nicht mehr ganz so spektakulär, ihre Härte - allen voran der Kopfschuss - haben sie nicht eingebüßt. Dass Lustig und Spinell nicht unbedingt Lust hatten, eine durchgehende Geschichte zu erzählen, merkt man Maniac an. Der Fokus liegt eindeutig auf dem verkorksten Seelenleben der Hauptfigur und der einzigartigen Atmosphäre. Diese intensiv komponierte Kombination lässt Maniac letztendlich immer noch düster glänzen.

Sechs Jahre, bevor John McNaughton basierend auf wahren Begebenheiten einen Serienmörder porträtierte, schuf William Lustig ein salopp ausgedrückt herrlich abgefucktes Psychogramm. Die Welt von Maniac ist dreckig, düster, trostlos. Dass selbst die (österreichische) Blu Ray so daherkommt, ist ein Segen für den Film. Gestochen scharfes HD wäre diesem Film nicht gerecht. Die dunkle Farbpalette, das allgegenwärtige Grau und Schwarz sind die Seele des Films, der von Spinells Spiel zusammengehalten wird. Die einfache Geschichte: verzeihbar. Der fast komplette Verzicht von Spannung (ausgenommen die immer noch sehr effektive U-Bahn-Szene): ebenfalls verzeihbar. Die erzählerische Redundanz: ich wiederhole es gerne... verzeihbar. Es dürften gut sieben Jahre oder sogar mehr vergangen sein, als ich das letzte Mal Maniac sah. Er ist immer noch mit einer verstörenden Menschenfeindlichkeit ausgestattet, der die mehr als zuletzt erkennbaren Schwächen narrativer Natur übertüncht. Spinells Spiel fesselte noch mehr und darüber thront förmlich die hoffnungslose, ausweglose Stimmung, die immer unangenehm im Hintergrund verweilt. Dadurch erscheint er selbst heute, in den Zeiten der in der Pop Kultur angekommenen Serienmörder und des Torture Porns durch seine atmosphärische Wucht fast seiner Zeit voraus. Und selten war eine Inneneinrichtung wie die in Frank Zitos Wohnung so creepy. Egal, wie dünn seine Geschichte ist: Maniac bleibt ein intensives Filmerlebnis.
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Horrorctober 2017: A Cure For Wellness (8/13)

Roland E. Pembroke ist ein schlauer wie wortgewaltiger Mann. Mit schwülstig schweren Worten verabschiedet sich der CEO einer Finanzfirma in das selbst gewählte Schweizer Exil und entsagt seinem bisherigen Leben. Laut seinen Abschiedszeilen tragen wir alle "diese eine Krankheit" in uns. Ausgesprochen wird deren Name nicht. A Cure For Wellness zeigt sie lieber in beeindruckenden Bildern. Der Beginn des Films lässt gewaltige Firmenhochhäuser wie bedrohlich schwarze Monolithen, die in einen ebenso dunklen Himmel ragen, wirken. Darin arbeitet sich ein Broker alleine im Großraumbüro dem herzverkrampften Exitus entgegen. Nicht gerechnet hat Pembroke mit den anderen Vorständen seiner Firma und Lockhart. Letzterer ist ein ambitionierter Emporkömmling, der von seiner Firma in das von Pembroke bewohnte Sanatorium geschickt wird um den Abtrünnigen zurückzuholen. Es eilt, steht der Konzern doch vor einer wichtigen Fusion und benötigt dafür dessen Zusage.

Lockhart selbst wird kurz nach Ankunft im Sanatorium von Dr. Volmer durch einen Autounfall mit gebrochenem Bein als davongetragene Konsequenz dort länger als geplant festgehalten. Dies gibt ihm nicht nur Zeit, den gefundenen CEO zu einer Rückkehr zu bewegen, sondern auch dem Geheimnis der Schlosses, in dem sich das Wellness-Center befindet, auf den Grund zu gehen. Dort soll vor 200 Jahren ein Graf inzestuöses Treiben mit seiner Tochter veranstaltet haben, was die Bevölkerung des nahegelegenen Dorfes mit wortwörtlich feuriger (Lynch-)Justiz bekämpfte. Selbst als er Hannah, laut Dr. Volmer ein "Spezialfall", kennenlernt, klingelt bei ihm alles, nur keine Alarmglocke. Was zur leichten Verstimmung beim Zuschauer führt, wenn dieser schon viel früher die Zeichen der Gefahr erkannte und dauerhaft dem Jüngling entgegenschmettern will, was er übersieht. Gore Verbinski und sein Drehbuchautor Justin Haythe übertrapazieren dies, was A Cure For Wellness eigentlich gar nicht nötig hat.

Im Grunde genommen kann man den Film als Versuch David Lynchs, seine Version von Shutter Island zu drehen, sehen. Die Parallelen sind klar ersichtlich, viel mehr scheint das Drehbuch ganz faul mit diesem (fast ständigen) Vergleich zu spielen und die Erwartungen des Zuschauers, der Scorseses Mysterythriller beim Schauen im Hinterkopf hat, ständig dorthin zu bewegen um dann seine narrativen Wendungen zu nutzen. Das ist unnötige Bequemlichkeit; umständliche Erzählstruktur die der famosen Stimmung nicht schadet, ungeduldige Naturen dafür auf die Probe stellen kann. Verbinski kann in entscheidenden Momenten die zwischen leicht surreal und mal mehr, mal weniger bedrohlich wirkende, wechselnde Atmosphäre gekonnt hervorheben. Der Blockbuster-Hits (Fluch der Karibik) und -Flops (Lone Ranger) gewöhnte Regisseur kann dafür leider weniger gut Spannung aufbauen. Dafür ist das Script auch sehr undankbar aufgebaut. Dessen abertausende Anspielungen, die für alle, bis auf den Protagonisten sehr schnell erkennbar sind, ziehen die Geschichte unnötig in die Länge.

Es bleibt die herausragende Atmosphäre, gekrönt von der herrlichen Fotografie, die die Schwächen des Buchs nicht komplett übertünchen kann. Das ständig vorherrschende unangenehme Gefühl, das Wissen, dass ein dunkles, grauenvolles Geheimnis an der Oberfläche kratzt um freigelassen zu werden, diese irreale Ohnmacht vor dem lauernden Grauen transportiert A Cure For Wellness auf einem sehr guten Niveau. Das der Film als Kritik auf den schnellen, umbarmherzigen Druck des Kapitalismus bzw. der heutigen, gehetzten Arbeitswelt verstanden werden kann, schafft man nur zu Beginn. Im Alpenland angekommen, wandelt sich Verbinskis Werk zu einem leichten Gruselthriller, der im Finale förmlich explodiert; ein bisschen Spektakel muss beim Amerikaner wohl doch sein. Dazwischen erinnerte mich A Cure For Wellness an eine Horrorversion der hübschen Groteske Willkommen in Wellville, nur das letztere den Gesundheitswahn gekonnter und bissiger aufs Korn nahm. Die sinnentleert erscheinende Wassertherapie, die Dr. Volmer blind nachplappernden Patienten, welche ohnehin immer etwas schräg erscheinen und Volmers zuerst perfekt erscheinende Fassade mit ihrer bei längerer Zeit mehr zu Tage tretenden, dunklen Flecken: das vorhandene Potenzial wird nicht beachtet bzw. richtig benutzt.

Nach dem an den Kinokassen durchgefallenen Lone Ranger ist A Cure For Wellness für Verbinski selbst ein gelungener Rückschritt. Bei allem in der Vergangenheit entstandenen, filmischen Brimborium scheint er sein Handwerk nicht verlernt zu haben. Man könnte den Film als gemäßigten, neogothischen Grusel der unspektakulären Sorte bezeichnen, der neben der tollen Fotografie mit einem interessanten Soundtrack gesegnet ist. Leider ruht er sich zu oft auf seinen Shutter Island-Bezügen aus, anstatt mit mehr Schmiss, man könnte es auch mehr Mut nennen, auf komplett eigenständigen Pfaden zu wandeln. Sehenswert ist der Film allemal.
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Donnerstag, 19. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Wir sind die Nacht (7/13)

Hauptcharakter Lena, die sich noch sichtlich unwohl in ihrem neuen Umfeld und Dasein fühlt, fragt Rudelsführerin Louise, wo die Männer ihrer Gattung sind. "Die gibt es nicht mehr. Die haben wir umgebracht. Die waren zu laut und haben sich entweder gegenseitig gekillt. Der Rest wurde von uns getötet.", so die Antwort der Rudelsführerin. Louise, Charlotte und Nora sind Vampire. Louise sieht in Lena die Person, nach der sie so lange gesucht hat und verwandelt sie bei einer Underground-Techno-Party ebenfalls in einen Blutsauger. Es braucht, bis sich die mit gelegentlichen Diebstählen über Wasser haltende, junge Frau wirklich gefallen am Vampir sein findet. Die luxuriös im Grand Hotel Berlins residierenden Damen geben der jungen Frau das Gefühl der Geborgenheit, von Familie, welches ihr bei der gleichgültig erscheinenden Mutter fehlt. Als die vier Vampirinnen eines Nachts osteuropäische Zuhälter zum Abendessen auswählen und ein kleines Massaker veranstalten, wird die Polizei auf das Quartett aufmerksam. Gleichzeitig brechen die Konflikte innerhalb der Gruppe hervor und die ungewollt von Louise auf die Seite der unsterblichen Untoten gezerrte Lena begehrt ebenfalls gegen die Führerin der Gruppe auf.

Was nach Stoff aus der Traumfabrik klingt, ist in Wahrheit ein deutscher Film. In Berlin gedreht, prominent mit Nina Hoss, Jennifer Ulrich und Karoline Herfurth besetzt, von Dennis Gansel (u. a. Die Welle und Mädchen Mädchen!) in Szene gesetzt und durch und durch am Blockbuster-Mainstream-Kino orientiert. Letzteres eindeutig zu stark: Wir sind die Nacht fehlt es an Profil, an Eigenständigkeit. Versatzstücke aus modernem Mainstream-Horror werden hier zusammengeworfen, Klassiker zitiert und dabei krampfhaft auf modern und cool gemacht, dass seine geringen Individualitäten drohen unterzugehen. Gansels Film könnte ein toller, feministisch gefärbter und moderner Vampirfilm sein, präsentiert uns einschließlich Herfurths Lena Klischeefiguren, die schnell uninteressant werden. Einzig die in ihrer eigenen Vergangenheit lebende, melancholische Charlotte weiß zu gefallen. Herfurth selbst darf wieder die graue Maus spielen, die aus ihrem Leben ausbricht, ihre Persönlichkeit ergründet und gewachsen ins Finale schreitet, um dieses zu gewinnen. Diese Rolle der zuerst schüchternen und verschreckten leiert Herfurth routiniert runter, um dies in den beiden Fack Ju Göhte-Teilen zu perfektionieren.

Schlimmer ist noch, dass Lena nach bestandener Edprüfung bei der Begegnung mit Love Interest Tom diesem nicht etwa wie angedeutet die Zähne ins warme Fleisch rammt, um ihn - wie einst Louise sie - zu einem der Ihrigen zu verwandeln, sondern die Liebe wählt. Das mag schmalzig-süß romantisch sein und das angestrebte Zielpublikum erfreuen, doch ist dies für die ganze Figur und stellvertretend für die weiblichen Vampire des filmischen Kosmos ein herber Rückschritt. Ergibt sich Lena so doch dem Matriarchat und die männlichen Buchautoren zeigen unverhohlen ekelhaft feministischem Denken den Mittelfinger. Da klebt doch ein wenig Kotze im Mundwinkel, wenn man länger darüber nachdenkt. Anstatt vielschichtige Frauenfiguren einen inneren wie äußeren Kampf ausfechten zu lassen, reißt Wir sind die Nacht die Stationen seiner Geschichten an. Verwandlung, hadern mit der neuen Rolle, sich in dieser zurechtfinden, Struggle mit dem Love Interest, Struggle in der Gruppe, dazwischen durchkonzipierte Coolness, die merklich mit einem Auge über den großen Teich nach Hollywood schielt, um ja auch alles richtig zu machen.

Das enge 90 Minuten-Korsett tut dem Film nicht gut und die Macher hätten weitaus mehr Mut und Eigenständigkeit bewiesen, wenn sein feministischer Ton mehr aus dem Hintergrund hervortreten würde. Er funktioniert weder als Horrorfilm, noch als düstere Romanze. Selbst als Berlinfilm versagt er. Das hauptstädtische "Anything goes"-Gefühl blitzt selten hervor. So strafend meine Zeilen klingen, so weitaus weniger schlimm ist es gemeint. Das Deutschland Genrefilme kann, sieht man in den letzten Jahren immer wieder. Das hier ist leider wieder das, was den deutschen Mainstreamfilm - dieses ekelhafte Nachäffen Hollywoods, selbst in seinen RomComs - manchmal so unerträglich macht. Wir sind die Nacht zitiert sicher größere Vorbilder, Dennis Gansel schafft es (mit einiger Mühe) im gehetzten, chaotisch gefärbten Grundton wenige, aber tolle Momente zu schaffen. Charlottes abschließende Begegnung mit ihrer Tochter sei hier als Beispiel genannt. Die Songauswahl ist toll bis sehr gut ("Pretty When You Cry" von VAST!) und ausgerechnet die wenigen Actionszenen geben dem Film den Arschtritt, den er öfter benötigen würde. Doch ach, Wir sind die Nacht ist leider nur eine durchschnittliche Kopie bekannter Vorbilder um dem jungen Kinogänger zu zeigen, dass auch deutscher Film nicht nur mit Fließband-Schmalzkacke á la Schweighöfer und Schweiger punkten kann, sondern auch "cooles Zeugs" abliefern kann. Das ist wenig individuell, selten richtig überzeugend sondern schlicht spürbar bemüht. Wenn Deutsche cool sein wollen, ist das wie hier meist immer mit Pflock im Arsch. Da ist selbst die herzloseste, durchgeplanteste Blockbuster-Massenware aus Hollywood mit mehr Seele ausgestattet. Wir sind die Nacht ist das größte (und mittelmäßigste) "Schade", was der deutsche (Genre-)Film in den letzten Jahren hervorgebracht hat.
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Donnerstag, 12. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Dead & Buried (6/13)

Meine Liebe zum Horrorfilm erwuchs aus der spontanen Idee heraus, Stephen King-Verfilmungen zu sammeln. Vor mehr als 20 Jahren begann ich also im jugendlichen Alter, mit Hilfe des Videorekorders meines Onkels, auf den Geschichten und Romanen des Autors basierende Werke im Fernsehen mitzuschneiden. Ich meine schon auf Kassette Nr. 3 oder 4 warf ich das schon alles über den Haufen; das komplette Genre hatte mich da schon gefangen genommen. So kam ich auch auf den Film Dead & Buried, den ich beim regelmäßigen in der Fernsehzeitschrift nach neuem Stoff Ausschau halten, erspähte. Das Kennzeichen, dass die Ausstrahlung gekürzt sein wird, ignorierte ich. Vielleicht fand ich ihn auch deswegen beim erstmaligen Schauen ziemlich langweilig. Oder ich war einfach noch nicht bereit dafür. Als ich irgendwann später, noch nicht ganz volljährig, über meine Mutter hin und wieder beim legendären Videodrom bestellte, war irgendwann auch die neu aufgelegte, ungekürzte Fassung von Dragon dran.

Und je älter ich werde, desto mehr wächst Dead & Buried mit jeder Sichtung. Es ist immer eine Freude, in die kleine Stadt Potters Bluff zurückzukehren und mit James Farentino als Sheriff Dan Gillis mitzufiebern, was denn überhaupt in dem Fischernest vor sich geht. Ob seine Frau Janet, eine Grundschullehrerin, wirklich etwas mit schwarzmagischen Ritualen zu tun hat und ob der leicht schrullige Bestatter Dobbs für einige unerklärliche Dinge, die in der Ortschaft vor sich gehen, verantwortlich ist. Alles beginnt mit einem Unfall und einem schwer verbrannten Mann, einem auf der Durchreise befindlichen Fotografen, der bei seiner Rast am Strand von einigen Bewohnern überwältigt und in Brand gesteckt wird. Gillis ahnt nicht, dass dieser Unfall fingiert ist und wird erst auf seltsames in Potters Bluff aufmerksam, als einer der Bewohner den vermeintlich schwer verbrannten und im Krankenhaus ermordeten Fotografen im Ort quicklebendig als Tankwart rumspazieren sieht. Als dann weitere Morde geschehen, kommt Gillis einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur.

Alter, Verfall, Tod: schon der Titel des Films zeigt deutlich, dass dies seine zentrale Themen sind. Die Vergangenheit, der Verfall, sind in Potters Bluff allgegenwärtig. Beinahe scheint es so, als wäre dort die Zeit einfach stehen geblieben. Nachdem der Film mit einem ebenso herrlichen wie melancholischen Pianotheme begonnen wird, wandelt sich eine vermeintliche alte Fotografie des Ortes zur filmischen Gegenwart. Alles wird farbig, das Standbild bewegt sich. Einzig die erdige, in Braun- und Sepiatönen gehaltene Farben des Films, sorgen dafür, dass der thematisierte Verfall, die im Hier und Jetzt allgegenwärtige Vergangenheit, präsent bleibt. Anhand der Kleidung einiger Einwohner könnte man auch meinen, dass man mit einem Besuch in Potters Bluff gleichzeitig in die 50er zurückreist. Shermans unaufgeregter Stil, die Geschichte langsam und bedächtig zum schockierenden Finale mit seinem großen Twist zu führen, diese Langsamkeit die Dead & Buried dadurch entwickelt, verstärkt dieses Gefühl. Sherman schafft es mit seinem Film, altmodischen Horror mit dem damals immer beliebter werdenden, offensiven Gorekino zu verbinden. Die blutigen Spitzen und der über die Figuren plötzlich hereinbrechende Terror sind akzentuiert eingesetzt. Lediglich einige laute Momente des Films, wenn die Gewalt graphisch wird, merkt man, dass dies Sherman nicht komplett liegt. Diese Szenen fühlen sich dezent überhastet an. Glücklicherweise entgleitet dies dem in Chicago geborenen Regisseur nie komplett.

Die fehlende Finesse, diese beiden Gegensätze in Einklang zu bringen, macht Dead & Buried mit dem Hintersinn seiner Geschichte wett. Die stammt aus der Feder von Dan O'Bannon und Ronald Shusett, die u. a. auch für das Script von Alien verantwortlich sind und entpuppt sich auf den zweiten Blick als eine Metapher auf das langsame dahinsiechen von Kleinstädten im gleichzeitigen Wachsen industriell starker Großgebiete und deren Anziehungspunkt für Bewohner dieser wirtschaftlich und infrastrukturell eher schwach aufgestellten Orte. Der Wegzug junger Leute schwächt diese ebenso wie die damit verbundene Konkurrenz großer Konzerne, gegen die die kleinen Läden oder auf einen wirtschaftlichen Haupt- und Ernährungszweig konzentrierten Gebiete keine Chance haben. Was liegt also näher, als mittels makabrer Rituale für neue Mitglieder der kleinen Gemeinde zu sorgen? Schon der Kinotrailer erzählte damals, das es nur einen Weg nach Potters Bluff, aber keinen raus gibt. Getreu dem Motto "Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt!" sorgen die Einwohner selbst für Zuwachs.

Dabei ist dies nur eine Lesart für Dead & Buried. Ebenso könnte man hier den Versuch sehen, die Vergangenheit und daran haftende Erinnerungen (krampfhaft) lebendig zu halten; um jeden Preis, koste es was es wolle. O'Bannon und Shusett schaffen hier eine düstere Horrormär mit leichten Okkultismusbezügen und dem klassischen Motiv der Überwindung des Todes. Da darf ein wahnsinniger Charakter, der in den Kreislauf von Leben und Tod eingreift und gottähnlich darüber bestimmt, nicht fehlen. Er ist die Exekutive im Versuch, das jenseitige Dasein und dessen Existenz zu etwas schönem werden zu lassen. Ein Arrangement mit dem Tod, dem Sterben, welches trotz (wortwörtlichen) gewaltsam schnellen Ausscheiden aus dem Leben auch wieder ein Anfang ist. Diese eigenwillige Sehnsucht nach Sterben, die Präsenz dieses Prozess zieht sich durch den ganzen Film. Schnell versinkt man in dieser ganz eigenen Stimmung, die Dead & Buried besitzt und selbst wenn der große Twist vergleichsweise schnell offensichtlich ist und für keine große Überraschung sorgt, fies ist er immer wieder. Und makaber. Gesamt ist das alles wunderschön, wenn man ein Faible für altmodisch gefärbten Horror hat, der nicht gänzlich ohne blutige Effekte auskommt, aber nie Situationen herbeiführt nur um eben dieser Effekte willens und lieber auf seine starke Atmosphäre setzt. Das verzeiht die teilweise spröde Regie von Sherman, die zu einiger Zeit zu sehr reduziert ist. Es bleibt der sehr gute Gesamteindruck von Dead & Buried, welcher vielleicht auch einer der unterschätztesten Horrorfilme der 80er ist. Ich freue mich schon auf meinen nächsten Ausflug nach Potters Bluff.
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