Sonntag, 23. Mai 2010

No Reason

Jäh wird Jennifer aus ihrem bisher unscheinbaren und gut verlaufenden Lebensumständen gerissen. Die bald mit dem geliebten Gatten vor einem Umzug stehende junge Mutter erlebt dabei einen alles andere als normalen Tag: Sie erhält neben befremdlichen Besuchen ihrer baldigen Ex-Nachbarn und eines Postboten mit dringendem Bedürfnis. Nach einem Einkauf ist ihre ältere Nachbarin, die auf ihren Sohn Niko aufgepaßt hat spurlos verschwunden und dem Abschiedsgedicht einer anderen Hausbewohnerin sind Bilder beigefügt, die Jennifers Mann Sebastian beim Liebesspiel mit eben jener Hausgenossin zeigen. Um den ersten Schock zu überwinden, nimmt sie ein Bad und schläft in der Wanne ein. Als sie wieder aufwacht, befindet sie sich nackt auf dem Boden ihrer Wohnung, der über und über mit Blut und Leichenteilen bedeckt ist. Verantwortlich zeigt sich dafür ein geheimnisvoller, maskierter Mann der Jennifer durch eine ganz eigenwillige Philosophie zum rechten Weg und ins "weiße Licht" führen will. Dabei muss die junge Frau schreckliche Bilder und einiges an psychischer wie physischer Folter über sich ergehen lassen.

Deutschland ist auf der Filmlandkarte für phantastischen Stoff über die Jahre hinweg ein eher weißer Fleck geblieben. Es gibt kaum ernstzunehmende und erwähnenswerte Produktionen großer, hiesiger Filmstudios aus den letzten Jahren. Mal ganz neue Mainstream-Produktionen wie die Resident Evil-Reihe die mit deutschen Geldern mitproduziert wurde, außen vor gelassen. Der Fan des härteren Horrorfilms hat hier meist schon immer das nachsehen gehabt. Außer, wenn er dann mal selbst zur Kamera greift und mit Freunden und vielleicht sogar Verwandten selbst seinen großen Vorbildern nacheifert und in alten Schuppen, Garagen und natürlich im Wald seine Version von bekannten Versatzstücken der Phantastik zu einem Film zusammenwirft. Der sogenannte Amateurfilm erfreut sich dabei schon seit ebenfalls mehr als 25 Jahren im Horrorfandom einiger Beliebtheit. Zum germanischen Splatterpapst hat man dabei den in Fürstenfeldbruck geborenen Olaf Ittenbach erhoben. Dieser schuf 1989 mit Black Past seinen ersten Horrorstreifen und vergrößerte über die Jahre hinweg nicht nur den eigenen Standard was seine eigens produzierten Filme anging, sondern auch den Blutgehalt.

So müsste eigentlich jeder, der sich "Gorehound" nennt und was für derben Blut- und Gekrösemischmasch übrig hat, fast schon einen Schrein für "Itti", wie Ittenbach teils von seinen Fans genannt wird, aufgebaut haben. Immerhin hat auch der neue deutsche Trashgott Uwe Boll für seinen Bloodrayne auf die Dienste des gelernten Zahntechnikers zurückgegriffen. Ittenbach war dabei schon immer polarisierend und bestes Beispiel für die eher dem niveauvolleren Horrorfilm zugeneigten Fans, wie man Filme eben nicht macht. Mit seinem zweiten Film Burning Moon erregte der Nachwuchsregisseur jedenfalls auch die Aufmerksamkeit der Staatsanwaltschaft, die ihm u. a. fast sämtliche Masterbänder beschlagnahmten. Im wohligen Bayern darf man eben keine bösen Filme drehen. Doch er lies sich nicht beirren, schaffte es für seinen Premutos eine gut fünfstellige Summe für die Produktionskosten zu verbrauchen und legte die Messlatte für andere, auch mittlerweile durch ihn selbst inspirierte Hobbyfilme deutlich höher. Mit seinem From Dusk Till Dawn-Verschnitt Legion of the Dead trieb es ihn sogar zum ersten Mal in die USA, während dabei seine Filme immer mehr einen eher semiprofessionellen, anstelle eines amateurhaften Look bekamen. Doch nach Dard Divorce und der reichlich geschmacklosen Satire Familienradgeber (sic) kamen Gerüchte auf, dass es finanzielle Probleme beim Liebling der Ultrasplatterfans gäbe. Dies führte soweit, dass er seinen Rücktritt vom Filmemachen bekanntgab und sich nur noch auf das Produzieren von Spezialeffekten konzentrieren wolle. Doch dank eben seiner Fans, beglückt Ittenbach uns nun doch noch weiter mit Filmen. Neben dem angekündigten und erwarteten Legend of Hell ist der nächste Eintrag in seine Filmographie No Reason.

Anders als die von übermütigen Teens mit Drang zum Ausprobieren äußerst wiederwärtiger und doch immer als einfach zu entlarfenden Special Effekts schlicht sich über die Jahre hinweg bei den Werken von Ittenbach ein gewisser, hoher Standard ein. Doch irgendwie scheint er noch ein wenig zu sehr gebeutelt vom Trouble der letzten Zeit zu sein. In Zeiten, in denen sich die Independent- und Amateurfilmer Deutschlands immer besser vernetzen, organisieren und auch einige mehr, mal weniger ansprechende Werke hinbekommen, sieht man Ittenbach nach dem Genuss seines neuesten Werks angeschlagen in den Seilen des Boxrings hängen. Und während er da so hängt, zählt der Ringrichter eiskalt bis 8. Und sollte der eben erwähnte Legend of Hell nicht ein Glücksgriff und letztes Aufbäumen des einstigen, fast allein stehenden "Splattermeisters" aus Deutschland, sein, so ist dies definitiv das KO für Ittenbach. Ein großer Geschichtenerzähler war er noch nie und wird es auch nie sein. Ein Aspekt, den vor allem immer wieder gerne seine Kritiker rauskramen, wenn es um sein Schaffen geht. Ansatzweise schafft er es ja doch, was vor allem sein bis dato bestes Werk Beyond the Limits oder auch noch Chain Reaction beweißen. Trotz ihrer Einfachheit können die beiden Filme durch eine für die eher verhaltenen Produktionskosten dennoch immens gute Ausstattung und Umsetzung punkten. Es sind eben simple Werke ohne große Botschaft, die darauf aus sind, die Zielgruppe mit möglichst vielen und derben Effekten zu bespaßen. Das kann durchaus funktionieren und wird in diesen Filmen auch recht stimmig eingefangen.

Doch bei No Reason bleibt Ittenbach einem alles schuldig, was man bisher als positiv an seinen Werken gefunden hat. Vor allem macht er den Fehler, eine pseudo-tiefgreifende Geschichte zu erzählen, die alsbald vor allem durch unfreiwillige Komik deutlich punkten kann. Schnell mutiert der Film zu "Ittenbachs kleiner Farbenlehre", wenn Protagonistin Jennifer splitterfasernackt in der Wohnung erwacht und eine Einblendung bedeutungsschwanger etwas von "Ebene 1" und "Level: Rot" verkündet. Vier an der Zahl gibt es in dem Film. Neben Rot wird der Zuschauer und natürlich auch Jennifer durch grüne, blaue und zuletzt gelbe Ebenen gehetzt. Damit es auch die letzte, unterbelichtete Splatternase mitbekommt, werden diese Sequenzen durch Farbfilter in der entsprechenden Kolorierung eingesetzt. Ein "schlauer" Schachzug von Ittenbach, auch um so etwas Atmosphäre aufzubauen. Es bleibt allerdings bei dem Versuch. Denn sowas stellt sich durch den stetig beiwohnenden, sterilen (digitalen) Videolook nicht wirklich ein. Obwohl er sowas im Ansatz, siehe noch einmal Beyond the Limits, durchaus hinbekommen kann. Bemührt wirkt Ittenbach, hier eine Geschichte aufzubauen um das Grauen in das Leben seiner Hauptdarstellerin schleichen zu lassen. Die Begegnung mit den Nachbaren kann man dabei schon als erste Vorboten, dass etwas nicht stimmt, ruhig lassen. Doch alleine schon der Postbote mit seinem dringenden Bedürfnis, dem er sehr penetrant im Bad von Jennifer nachkommen möchte, entbehrt jeglicher Logik und Sinnhaftigkeit. Zeitschinderei kommt einem da in den Sinn, damit der mit 73 Minuten ohnehin schon recht kurze Filme noch etwas an Länge gewinnt.

Und so darf man sich dann im weiteren Verlauf der Story an allerlei Schmarrn, wie man in Bayern ja so schön sagt, der vollkommen Sinn- und Verstandfrei eingefügt wurde, ergötzen. Ja, man fragt sich wie Jennifer ebenfalls nach dem Warum. Das es einem dabei verdammt schwer fällt, war sogar eine Intention Ittenbachs, doch mit fortlaufender Zeit erhält die Frage einen leidenden Unterton. So fragt man sich schon, wieso Jennifer aus einem Buch über Fahrenlehre vorlesen muss, sich dabei immer wieder Videos - gedreht vom maskierten Philosophen - in denen ihre Nachbarn und andere Personen das Leben aushauchen anschauen. Wenn denn nun der wohl solchen Figuren wie Jigsaw nachempfundene Herr mit verstellter Stimme verheißungsvoll "Starte deinen Media Player" befiehlt, so ist jegliche Stimmung schnell flöten, hört sich dies doch eher wie ein schlechtes Windows-Tutorial mit heißerer Sprachausgabe an. Doch nicht nur Saw und Co. scheinen etwas Inspiration für Ittenbach gewesen zu sein. Betrachtet man nur mal die Maske des Killers, Lehrers oder wie man ihn auch immer nennen soll, so fallen einem vor allem einige Geschichten des Autoren H. P. Lovecraft ein. Die am Kinn befestigten Gummitentakel erinnern an die bekanntesten Illustrationen bzw. Darstellungen von Lovecrafts großer Gottheit Cthulhu. Zudem erinnern auch einige Kreaturen, die man während der grünen Ebene zu Gesicht bekommt, in ihrem Aussehen deutlich an die Gespinste des Mannes aus Providence. Eigene Ideen scheinen sowieso eher Mangelware gewesen zu sein. Immer wieder fühlt man sich bei No Reason an eine große Zitateshow erinnert, bei der man sogar bei einigen Effekten an bekannte Filme wie Hellraiser zum Beispiel denken muss. Zur Verteidigung Ittenbachs könnte man nun sagen, dass er doch besser gut geklaut als schlecht erfunden habe, aber Fehlanzeige. Wenn No Reason etwas ist, dann stückhaftig.

Die verschiedenen Ebenen, in denen die Protagonistin auf der Suche nach ihrem geliebten Sohn und der Erlösung und der Zuschauer nach dem Sinn des ganzen ist, sind ein Versuch die flache Story durch nonlineares Storytelling künstlich aufzublähen. Falsche Fährten will der gute "Itti" legen, doch dises sind schon so alt, dass sie meterweit gegen den Wind stinken. Das esoterisch angehauchte Geschwurbel um Erlösung, dem weißen Licht und das bringen auf den rechten Weg ist dabei nicht gerade zuträglich. Hätte man nun Talent, Monologe bedeutungsschwanger und mit Tiefe zu versehen, wäre dies sogar ein Pluspunkt. Doch man verhaspelt sich in hanebüchenen Zeilen, bei denen viel mehr immer wieder von Farbmischungen gesprochen wird, die entweder Weiß oder Schwarz ergeben. Selbst der Versuch, die Geschichte durch einen Twist eine ganz andere Richtung zu geben, damit auch der Anfang zur restlichen Story paßt, ist ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Alles als eine Illusion der Protagonisten darzustellen, die in einer Art Traumwelt lebt, mag an anderer Stelle funktionieren. Bei No Reason versagt sie aber. Selbst was die blutrünstigen Effekte angeht, immer eine Bank bei seinen Filmen, versagt Ittenbach. Es gibt zwar einiges an herben Szenen und Liter um Liter Kunstblut zu bewundern, doch im Matsch der Farbfilterei gehen diese die meiste Zeit unter und versagen in ihrer eventuell angedachten Schockerwirkung. Der für so manchen kranken Einfall gute Ittenbach gibt sich erstaunlich ideenarm, was das individuelle Aushauchen von Lebenslichtern angeht.

Und spätestens, wenn man in der grünen Ebene, welche in etwa einer zehn mal krasseren Version eines Fetischclubs gleich kommt, in einem kurzen Cameo Ittenbach selbst sieht, wie er von zwei Dominas ausgepeitscht wird, ist man versucht, dies mit ihm auch zu tun. Für die unendlichen Qualen, die nicht etwa seine Protagonistin, sondern der Zuschauer für so einen Kokolores erleiden muss. Wenigstens gibt sich Irene Holzfurtner einige Mühe, die leidende Jennifer so gut wie möglich darzustellen. Mal gelingt es ihr mehr, mal weniger. Die fürsorgliche Mutter vom Anfang würde allerdings so manchen Hosenmatz sowieso weg von seiner Mama in die Flucht schlagen. Selbst der Timo Rose-Stammdarsteller Andreas Pape kann in seiner ohnehin recht kleinen Rolle nicht wirklich überzeugen. Der Rest des Casts paßt sich dabei dann dem knapp über Normalnull liegendem Niveau des schauspielerischen Talents an. Geradezu hölzern agiert hier Mathias Engel als Jennifers Gatte. Richtig bizarr wird es, wenn am Schluß der als Lionel bekannte Hauptdarsteller Peter Jacksons Splatterkomödie Braindead einen Pathologen gibt und sichtlich mit Mühen seinen deutschen Text runterleiert. Wenn man sich No Reason so anschaut, dann kann man auch davon ausgehen, dass selbst der größte Ittenbach-Fan mit Sorgenfalten den Film zur Kenntnis bringt. Nach den für seine Verhältnisse bekannten Standards, scheint er jetzt einige kleinere Brötchen zu backen, was man auch an den billigen Locations merkt. Hiermit nähert er sich den Leuten und deren Produktionsmethoden an, die einst auch durch ihn inspiriert mit dem Filmen angefangen haben. Und nach so einem Totalausfall wie No Reason scheinen diese Ittenbach sogar wohl bald überholt zu haben.
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Freitag, 14. Mai 2010

Die Viper

Die Straßen Roms sind zu gefährlichen Pflastern geworden, in denen selbst solche Polizisten wie Lenny Ferro an ihre Grenzen stoßen. Auch wenn er ein Vollblutbulle ist, der immer zur rechten Zeit am rechten Ort ist um Mord, Raub oder Vergewaltigungen zu vereiteln: die gefaßten Gangster muss er durch Lücken im Gesetz oder ausgefuchsten Anwälten bald schnell wieder laufen lassen. Vollkommen rot sieht er, als er auf den buckligen Moretto trifft. Dieser scheint wie der von Ferro ebenfalls schon lange gejagte Ganove Ferando mehr Dreck am Stecken zu haben, als zuerst ersichtlich ist. Selbst als er wegen seinen überharten Methoden von seinem Vorgesetzten zum Bürodienst verdonnert wird, schafft es Ferro immer wieder, trotzdem auf den Straßen Roms die Ordnung wieder herzustellen. Erst recht, als auch noch seine Liebschaft, die Psychologin Anna, entführt und misshandelt wird um ihm einen Denkzettel zu verpassen. Anstatt eingeschüchtert zu werden, hat Kommissar Ferro dadurch erst so richtig Blut geleckt.

Wenn Maurizio Merli der ermittelnde Oberkommissar in italienischen Polizeistreifen ist, dann haben diese fast alle ein sehr ähnliches Muster. Es zieht sich zwar ein gewisser roter Faden durch den Film, doch dieser wird immer wieder durch episodenhafte Zwischenstücke unterbrochen. Meist geht es hier um die Jagd nach gewissen Paten und Fadenzieher im Hintergrund, die ein größeres Verbrechensimperium aufgebaut haben. Doch werden in anderen Poliziotteschi die Verbrechen der kleinen Fische dabei meist ausgeblendet, bekommen hier auch Handtaschendiebe eine gewisse Aufmerksamkeit geschenkt. Es wird kein Unterschied zwischen "großem" und "kleinem" Delikt gemacht. In der Welt des Maurizio Merli ist jedes Vergehen eine Sünde. Was man im ebenfalls von Umberto Lenzi gedrehten Die Gewalt bin ich (1977) eher andeutet, ist vor allem auch gut in Marino Girolamis Verdammte, heilige Stadt (1976) zu sehen. Auch hier wird die eigentliche Handlung von vielen kleineren Szenerien unterbrochen, die dann durch einige mal mehr, mal weniger gelungene Verstrickungen in die Rahmenhandlung eingeflochten werden. So auch in die Viper, in der wir erstmal Zeuge einer Razzia werden, die ein illegales Spielcasino hochnimmt.

Hier merkt man mal wieder, dass die Charaktere von Merli keine Gefangenen machen. Schon kaum in der Lasterhöhle angekommen, bekommt auch schon der erste finster dreinschauende Ganove einen vor den Latz geknallt. In den Filmen mit dem leider schon mit 49 Jahren verstorbenen Schauspielers trieft dabei das Testosteron fast schon literweise aus dem Bildschirm. Auch in Die Viper wird hier eine harte, von Männern regierte Welt gezeichnet, in denen Frauen nur Beiwerk oder Gebrauchsgegenstände sind. So unterhält Ferro zwar mit der Psychologin Anna, dargestellt von Maria Rosaria Omaggio eine Liebschaft, die aber nicht wirklich romantisch geschildert wird. Eingeführt wird sie, nachdem sie ein Gutachten für zwei jugendliche Diebe - natürlich von Ferro gefaßt - erstellt hat. Wenig später sieht man sie, wie sie sich nach einem Tête a Tête mit dem Polizisten noch im Bett aufhält. Die Beziehung wird angedeutet, aber nicht mit gewisser Tiefe weitergeführt. Umberto Lenzi zeigt mit dem Autoren Dardano Sacchetti allerdings auf, dass es aufgrund unterschiedlicher Auffassungen zwischen dem Herrn und der Dame nicht wirklich rund läuft. Ferro ist ein viel zu verhärteter, engstirniger Mensch, dem Toleranz in diesem Sinne wohl nicht wirklich ein Begriff ist.

Das Italien der 70er Jahre war mit einigen Verbrechen und Gewalttaten gesegnet, so dass in den meisten Poliziotteschi gerade die größten Städte als äußerst unsicherer Ort gezeichnet wurden. So auch Rom in Die Viper. Da kann auch schon mal ein zuest vollkommen hilfsbereiter Motorradfahrer, der einer Frau bei ihrer Autopanne hilft, zu einem geldgierigen und gewalttätigen Verbrecher mutieren. Dabei wird er stellvertretend für alle anderen im Werk auftauchenden böse Buben so skrupellos dargestellt, dass er die Dame, die ihre erbeutete Jacke gerne behalten möchte, auch einfach mal so mit seiner Maschine einige Meter mitschleift. Die Alte braucht sich ja nicht an dem Motorrad festzuhalten, wenn ihr ihr Leben lieb ist. Bezeichnend für den Ablauf der Geschichte taucht hier urplötzlich Kommissar Ferro auf. Als wäre jegliches Verbrechen in den Straßen Roms ein Magnet, von dem er angezogen wird. Betrachtet man sich mal den Namen von Merlis Figur genauer, bringt diese Metapher eine gewisse Ironie mit sich. Immerhin bedeutet sein Nachnamen so viel wie "Eisen". Dabei steht außer Frage, dass der harte Hund Ferro mit dem Abschaum, die Straßen der italienischen Hauptstadt terrorisiert, natürlich spielend fertig wird. Selbst mit einigen Jugendlichen, die ein Liebespärchen überfallen, verprügelt und die Frau vergewaltigt haben, wird er fertig.

Die Schilderungen zeigen, dass die Handlung um den geheimnisvollen Übergangster Fernado, von dem immer mal wieder die Rede ist, eigentlich nur ein Deckmantel ist, um eben solche Szenen mit Genüßlichkeit zelebrieren zu können. Und Lenzi läßt sich hier nicht lumpen. Eben so wenig sein Hauptdarsteller. Kennt man schon einige Filme mit Merli als Polizisten, so weiß man, dass seine Charaktere solche sind, die nicht lange Fackeln und lieber Taten statt Worte sprechen lassen. Merli langt hin. Und dann wächst an dieser Stelle lange kein Gras mehr. Viele kleinere Figuren müssen dabei mehr als nur einmal die Fäuste des Polizisten kennenlernen. Einhalt kann ihm dabei keiner gebieten. Selbst nicht sein eher friedfertiger bzw. vernünftiger Kollege Caputo (Giampiero Albertini) oder sein Chef. Vom verhassten Bürodienst verabschiedet man sich mit einem lockeren Hinweis, dass man mal eben beim Friseur ist. Hier zeigt sich, dass man mit dem sich über jede Vorschrift hinwegsetzenden Ferro ein Sprachrohr für das konservativ gehaltene Publikum wird, welches ählich wie dieser voller Ohnmacht auf einen ziemlich machtlosen Gesetzesapparat blickt. So fabuliert Merli auch des öfteren über die nicht mehr vorhandene Gerechtigkeit und vor allem den so laschen Gesetzen. Er kämpft für eine rigorose Härte im Umgang mit Verbrechern. Da er sie von seinen vorgesetzten nicht bekommt bzw. auf taube Ohren stößt, macht er eben was er will. Mit härtesten Methoden wird gegen die Kriminalität vorgegangen. Hier haben wir wieder das im Poliziotteschi so bekannte (und beliebte) Bild des Ermittlers, dem es egal ist, wie er die Subjekte zur Strecke bringt. Hauptsache, sie werden aus dem Verkehr gezogen. Dabei wird ihnen indirekt auch eine gewisse Menschlichkeit überhaupt abgesprochen.

Bestes Beispiel ist hierfür die Figur des Vincenzo Moretto, einem buckligen Gauner, der eindrucksvoll von Tomas Milian dargestellt wird. Gerade die Einführung der Figur, als Ferro ihn mit seinem Kollegen auf der Arbeit aufsucht, ist wirklich nett in Szene gesetzt. Moretto hat keinen Respekt, ist verschlagen und nur auf sein persönliches Wohl aus. Er wird offen als verkrüppeltes und somit unmenschlich wirkendes Wesen dargestellt, dass auch durch seine vielen Grimassen jeglicher Menschlichkeit beraubt wird. Seit jeher wird Lenzi und dem Film dabei vorgeworfen, dass man faschistisches und auch rassistisches Gedankengut vermittelt. Doch auf Political Correctness hat man im damaligen Filmland Italien, gerade bei solchen Genreproduktionen, auf gut Deutsch ausgedrückt ohnehin geschissen. Man kann einige Haltungen der Figuren innerhalb des Films und deren Fragwürdigkeit ausdiskutieren, sollte dabei allerdings nicht vergessen, dass Die Viper wie auch andere Polizeifilme ein eher hoch exploitatives Werk darstellt, welches gerade mit solchen Unkorrektheiten unterhalten möchte. Lenzi schafft dies wie in seinen anderen Polizeifilmen mit hoher Souveränität. So sind die Charaktere einfach sehr stark überzeichnete Figuren, auch wenn Merlis Ferro anders als die anderen harten Hunde, dier er so dargestellt hat, mit einem Konservatismus um die Ecke kommt, der einen doch schon recht säuerlichen Nachgeschmack hat. Trotzdem spielt der immer als im Talent limitiert bezeichnete Mime hier wie ein Derwisch. Ihm gegenüber kann man dabei nur Milian stellen, vom dem man ob seiner darstellerischen Leistung behaupten kann, dass er noch viel zu wenig Zeit im Film hat. Er geht voll in der Rolle des schmierigen Buckligen auf und überzeugt durch sein knapp am Overacting vorbeischrammenden Spiel.

So kann man über ein gleiches, altbekanntes Muster in der Geschichtsentwicklung bei Die Viper dann auch ruhig hinwegsehen. Man kennt sie aus anderen Merli-Filmen und wenn man damit zurechtkommt, bekommt man einen äußerst rasanten Poliziotteschi zu Gesicht. Meistens erfährt Merli von einem Verbrechen oder stößt immer rein "zufällig" auf eines und ist sofort Herr der Lage. Nach kurzer Jagd bzw. Verfolgung sind die großen und kleinen Ganoven gefaßt und dürfen die beiden Fäuste von Ferro schmecken. Da Kollegen und auch Vorgesetzte nicht begeistert sind, darf er sich auch dementsprechend öfters rechtfertigen und wieder seine harte Meinung über die lasche Gesetzeslage in seinem Heimatland auslassen. Ach ja, vergessen wir nicht die angesprochene Liebschaft. Aber in so einer herben Männerwelt wird sowas nur angekratzt. Ist Merli mit seinem eisernen Scheitel und dem buschigen Schnauzer ohnehin ein Epigone der wahren Männlichkeit. Neben angesprochenem Tomas Milian findet man auch noch den ebenfalls aus diversen Genrestreifen so bekannten Ivan Rassimov in einer kleinen Rolle als Drogenhändler wieder, der seine junge Gespielin gezielt unter Drogen setzt, um mit ihr Spaß zu haben bzw. sie gefügig zu machen. Die Welt des Poliziotteschi ist eine fürwahr düstere und schlechte, die keine großen positiven Ansätze zuläßt. So sind die Verbrechensbekämpfer moderne Heroen und Racheengel, um die nach Gerechtigkeit sinnende Zuschauerschaft zu befriedigen. Es funktioniert im Falle von Die Viper dabei richtig gut, so dass man auch zwei Augen zudrückt, wenn Lenzi eine Verfolgungsjagd aus seinem famosen Der Berserker (1974) recycelt.

Der Film bleibt ein äußerst rasanter Beitrag, der in der Blütezeit der Polizeifilmwelle entstand und gilt zurecht als heutiger Klassiker des Genres. Die Hatz Ferros nach den Gangstern ist gespickt mit einigen tollen Actionszenen und Lenzi schenkt dem Film eine ausgezeichnete Dynamik. Langeweile kommt hier mit Sicherheit nicht auf. Dafür sorgt unter anderem auch der treibende Soundtrack von Franco Micalizzi. Es ist ein weiterer Eintrag im Mikrokosmos der Maurizio Merli-Filme, in denen er umzingelt von nackter Gewalt ist und mit dieser allein fertig werden muss. Einzig und allein sein diesmal irgendwie sehr spießiger Charakter mit den dabei verbundenen Aussagen, vermag das ansonsten so tolle Filmvergnügen ein wenig zu schmälern. Es gibt zwar auch in anderen Filmen aus dieser Strömung ebenfalls nach Gerechtigkeit schreiende Polizisten, die dann ihre Version der Gerechtigkeit durchsetzen, doch hier scheint es Lenzi etwas zu gut mit dem moralinsauren Mordio in Richtung Gesetz gemeint zu haben. Schmälern tut es die unterhaltsame Verbrecherhatz durch die gefährlichen Straßen Roms keineswegs. Dafür spielen unter anderem auch Merli und Milian viel zu groß auf. Hätte gerade letzterer und seine Figur noch etwas mehr Screentime, so hätte man es mit einem wirklich perfektem Duell zwischen skrupellosem Ganoven und überhartem Bullen zu tun. So bleibt wirklich sehr gute Actionunterhaltung der politisch unkorrekten Sorte. Starker Beitrag, Herr Lenzi!
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Donnerstag, 1. April 2010

It' Alive

Die Studentin Leonore Harker erwartet ein Kind von ihrem Freund, dem Architekten Frank Davis. Sie zieht aus dem Wohnheim aus und zu ihrem Freund in sein Haus, das er mit seinem kleinen Bruder, dem im Rollstuhl sitzenden Chris, bewohnt. Obwohl erst im sechsten Monat, setzen urplötzlich die Wehen ein und die werdende Mutter muss entbunden werden, da laut dem Arzt der Fötus unheimlich schnell auf eine ungewöhnliche Größe herangewachsen ist. Frisch auf der Welt, richtet das neugeborene Kind im Kreissaal ein Massaker an den anwesenden Ärzten und Schwestern an. Leonore kann sich an nichts erinnern und die Eltern werden mit ihrem in der Tat sehr ungewöhnlichen Sproß nach Hause entlassen. Während die Polizei Leonore dazu drängt, mit dem Polizeipsychologen wegen der Tat im Krankenhaus zu reden, hat diese mit ihrem Filius Daniel allerhand zu tun. Immerhin ist dieser ungewöhnlich hungrig und nachdem er schon einige Tiere auf dem Gewissen hat, fallen bald auch die ersten Menschen seinem Blutdurst zum Opfer. Dabei ist die junge Mutter immer mehr überfordert, zu ihrem Kind zu stehen und darauf zu achten, dass Frank von all dem nichts mitbekommt.

Wem die Geschichte bekannt vorkommt, dem sei gesagt, dass der 2008 produzierte It's Alive das Remake von Larry Cohens B-Kulthorror Die Wiege des Bösen (1974) ist. Dieser war sogar so erfolgreich, dass ihm zwei Forsetzungen folgten: Die Wiege des Satans (1978) und der späte Nachzügler Die Wiege des des Schreckens (1987). Das Franchise erschien also erfolgreich und namhaft genug, um es den heutigen Gepflogenheiten und Sehgewohnheiten des jungen, zahlungskräftigen Publikums anzupassen. Dabei bezog man Larry Cohen sogar in den Enstehungsprozess des Drehbuchs mit ein. Doch während Cohen in seinen Film so einige kritische Einschläge gegen die Gesellschaft und die Pharmaindustrie einflechtete, so verflacht das Original zu einem nur mäßig unterhaltsamen Horrorvehikel für die heutige Popcorn-Gesellschaft.

Dabei schafft es It's Alive sogar in Rekordzeit, alle aufgebauten, guten Ansätze zunichte zu machen und zu einem sehr bemühten Stück Horrorfilm zu werden. Man hat versucht, die Geschichte im Vergleich zum Original zu variieren, was natürlich löblich ist und auf dem Papier sogar gut klingt, doch das Endergebnis kann sich nicht so recht sehen lassen. Man erinnere sich: in Die Wiege des Bösen gelingt es dem monströsen Säugling, sich aus dem Kreissaal zu befreien, was eine Suche durch die Polizei, begleitet von den Medien, sowie dem Elternpaar auslöst. Hier schafft es Cohen, im weiteren Verlauf der Geschichte durch das Verhalten der Außenwelt auf die Eltern des mörderischen Neugeborenen vor allem eine Art Parabel auf das Verhalten von Menschen gegenüber Eltern eines behinderten, eben andersartigen Kindes zu kreieren. Geschaffen wurde das Kind durch eine Hormonbehandlung in der Schwangerschaft, in der Cohen - der meistens in seinen Werken versucht hat, Gesellschafts- und Sozialkritik unterzubringen - die Verantwortungslosigkeit der Pharmaindustrie anzuprangern. So schuf er einen düsteren, pessimistisch gestimmten Film, der trotz seines Trash-Charakters so einige Qualitäten aufzuweisen hat.

Dem Gegenüber steht nun die Idee, was wäre, wenn das Kind eben nicht schon aus dem Kreissaal entkommt sondern in das traute Heim der frisch gebackenen Eltern kommt. Die im 74er-Werk in Frage gestellte Unschuldigkeit des neuen Lebens wird hier sogar noch einen Schritt weiter gebracht, indem nun auch an der Unschuld und Unbefangenheit der Eltern gekratzt wird. Die Vertraut- bzw. Geborgenheit steht hier in Gefahr. Dies zeigt der Film auch schon wunderbar durch seine Farbgebung auf. Die Außenaufnahmen erscheinen natürlich und in matten, aber doch noch leuchtenden Farben, während das Heim des jungen Paares ungewöhnlich dunkel erscheint. Egal ob Küche, das Zimmer des gelähmten Bruders oder andere Bereiche des Hauses: dunkle Grautöne gehen nahtlos in bedrohliches Schwarz über und hinter jeder dunklen Ecke könnte die Bedrohung lauern. Dem gegenüber steht das Kinderzimmer. Leuchtendes Gelb erwartet hier einen und ist somit ein klarer Gegenpol gegenüber den restlichen Zimmern. Diese Helligkeit, die Vertrautheit wecken soll, birgt so einige Ironie, ist es doch gerade der Bewohner, der den Schrecken im Film bringt.

Schaut man nun kurz von der Farbgebung des Films und dem an und für sich ansprechenden Look weg, so bleibt ein bemühtes Werk, welches mit neuen Ansätzen die alte Story ins neue Jahrtausend rübertransportieren will. Es bleibt letztendlich schnell konsumierbare Wegwerfware, die man durch einige inhaltliche Defizite nach dem Schauen schnell wieder vergessen kann. Dies fängt schon damit an, dass man in den ersten Minuten nach dem Massaker das im neuen Heim angekommende Baby sieht, es dann allerdings im Verlauf des Films nicht mehr sichtbar für den Zuschauer ist, bis das Finale beginnt. Sehr ärgerlich ist dabei auch, dass sichtbar immer wieder andere Kinder verwendet wurden um ein und dasselbe "Monsterbaby" darzustellen. Lieblos gibt man sich hier und bemüht sich krampfhaft, der (alten Grund-)Story neue Elemente einzuflößen. Doch Regisseur Josef Rusnak scheitert kläglich. Es bleibt vorhersehbar und durchschaubar, zumal wird das ganze sogar schnell unglaubwürdig. Auch wenn Bijou Philipps als Leonore sich alle Mühe gibt, eine verzweifelte zwischen Schrecken bzw. Ekel und Mutterliebe hin- und hergerissene junge Frau darzustellen, gegen das unlogische Drehbuch kann sie auch nicht anstinken.

Der Fokus auf die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist eine Abfolge vom Fehlverhalten des Kindes, welches in seinem Blutdurst immer neue Morde begeht und dem bemühten vertuschen eben dieser. Bei den Tieren mag es noch recht einleuchtend zugehen, doch spätestens wenn der erste Mensch ins Gras beist, bleibt man was Kreativität, Innovation und Logik angeht, auf der Strecke. Zumal hier auch noch für Freunde altmodischen Horrors der Fehler begangen wurde, meistens auf Effekte aus dem Rechner zurückzugreifen. Ein vielleicht geringes Makel, was gegen Ende hin sogar den eher nicht dem im Horrorfandom verwachsenen Zuschauer über aufstößt, wenn dann das Baby vor die Kamera tritt. Und vorher wird It's Alive eine respektlose Demontage des "Mythos" der alten Trilogie, die hier nebenher auf die Frage eingeht, wie das Baby überhaupt so werden kann. Durch eine kleine Rückblende wird das hier abgefrühstückt. Sicherlich sind tiefergehende Anprangerungen was Pharmaindustrie oder eben auch das Verhalten der menschlichen Außenwelt angeht, für das junge Publikum mehr als langweilig. Aber selbst Action sucht man hier vergebens. Ein bis zwei gute Szenen machen zudem eben keinen rundum gelungenen Horrorfilm aus.

Zu Gute halten kann man dem Werk vielleicht noch, dass es zu den wirklich stimmigen Bildern auch eine überaus guten Score zu bieten hat. Alles andere bewegt sich am Abgrund der qualvollen, glattgebügelten B-Massenunterhaltungsware Hollywoods. Böse Zungen könnten hier von einem schnell dahingerotzten Streifen reden, der mit ausgefeiltem Spannungsaufbau und guter Figurenzeichnung nicht viel am Hut hat. Der Konflikt innerhalb der Familie, der durch ein "andersartiges" Baby entstehen könnte, wäre hier eine gute Sache gewesen, einem durchaus interessanten Thema auch noch etwas tiefer zu gestalten. Dies wurde verpaßt. It's Alive ist vor allem einer der Horrorfilme, bei dem einzig und allein das holprig ausgearbeitete Drehbuch und die Geschichte beim Zuschauer Schrecken verbreitet.
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Sonntag, 28. März 2010

Töte Amigo

In Mexiko wütet die Revolution und mitten drin ist dabei auch El Chuncho, ein Bandit der mit seinem Mitstreitern durch das Land zieht und meist auf Raubzug gegen die Militärs ist, um von diesen Waffen und ähnliches zu stehlen, welche dann verhökert werden. Während einem Überfall auf einen Zug lernt er einen US-Amerikaner kennen, den er nur "Niño" nennt und sich der revolutionären Bande anschließt. Während Chuncho neben dem Geld auch auf Wein, Weib und Gesang aus ist, so ist Niño immer nur auf die blanke Kohle aus. Als Chuncho während seinem Aufenthalt in dem Dorf San Miguel endlich ein lang ersehntes Maschinengewehr - für das es  vom federführendenden General Elias so einiges an Pesos gibt, in die Hände fällt - verändert sich die Situation: während er im Dorf zurückbleibt, machen sich Chunchos Mitstreiter auf den Weg, bevor das Militär das Dorf erreicht hat. Allerdings mit dem Maschinengewehr im Gepäck, was Chuncho so nicht auf sich sitzen lassen kann.

Auch wenn sich Töte Amigo dabei im ersten Moment wie ein typischer Italowestern mit dem Hintergrund der mexikanischen Revolution anhört, so untypisch ist er bei näherer Betrachtung dann doch. Sich verantwortlich zeigte sich hier der eher für seine politischen Thriller bekannte Damiano Damiani. Während der 1975 von ihm zusammen mit Sergio Leone gedrehte Nobody ist der Größte noch ungewöhnlicher für den 1922 geborenen Regisseur ist, da eher ein komödiantischer Western, so ist der im Original als Quien sabe bekannte Revoluzzerstreifen eher dem Muster des ofmals politisch motivierten Filmer zuzuschreiben. Wirkte er doch zum Beispiel auch an der vielgerühmten TV-Serie Allein gegen die Mafia (1984) mit und zeigte sich auch in seinen Spielfilmen sehr oft kritisch gegenüber der mafiösen Strukturen im Staat und seiner Politik. Zu seinen bekanntesten Filmen mit diesem Anstrich gehören Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert (1971), Der Tag der Eule (1968), Warum musste Staatsanwalt Traini sterben? (1974) oder auch Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's! (1971). Anfang der 80er war dann Damiani etwas offener was die filmischen Themen anging und so findet man in seiner Filmographie eben auch Amityville II - Der Besessene (1982), das Sequel zum erfolgreichen Okkultschocker Amityville Horror (1979).

In seinem ersten Western kann er es dabei ebenfalls nicht lassen, politische Bezüge bzw. Anspielungen in die Handlung einfließen zu lassen. Vordergründig hat man es hier mit dem bekannten Motiv zu tun, dass einige Gestalten dem verlockenden Traum des großen Geldes nachzujagen. Dabei haben wir mit der Figur des El Chuncho einen einfach gestrickten Mann, der zu hundert Prozent hinter seinen Überzeugungen steht. Er geht zwar mit nicht vollster Disziplin vor, um die laufende Revolution zu unterstützen, aber was soll man von so einem einfachen Kerl auch erwarten. Er ist von der Verlockung getrieben, die eine große Summe an Geld so mit sich bringt. Dabei geht er gnadenlos gegen seine Gegner vor und bedient so manches Klischee. Da wird gesoffen, geraucht, gefressen und auch so manchem Rock hinterher gejagt. Wobei sein Traum bzw. das anvisierte Ziel gar nicht mal so weit weg erscheint wie bei anderen, ähnlich gezeichneten Figuren im Italowestern. Das Maschinengewehr, welches soviel Peso bescheren kann, wird dabei sogar im Verlaufe des Films gefunden. Ihm gegenüber steht sein Amigo, sein Kumpel: einem US-Amerikaner, von hohem stand. Während Chuncho mit einfacher, verdreckter Kleidung durch die mexikanische Wüste reitet, so lernt der Zuschauer den nur "Niño" genannten Mann als Herr von Welt im feinen Zwirn kennen.

Er gibt sich unnahbar und wird dabei herrlich eis- und gefühlskalt dargestellt. So fragt sich Chuncho in einer Szene, was das für ein Mensch ist, der weder raucht, säuft, noch sich für Frauen interessiert. Während der Mexikaner ein vom Bauch und Gefühl getriebener Mensch ist, so ist Niño klar ein kopfgesteuerter Charakter. Berechnend und überheblich. Er strahlt eine gewisse Distanz aus und so ist man sich als Zuschauer bis zu einem gewissen Punkt nicht wirklich im Klaren, welches Ziel der Amerikaner überhaupt verfolgt. Er ist ein gerissener Kerl, der es auch alleine weit bringen kann, aber sich doch diesen gänzlich gegensätzlichen Banditen anschließt. Die einfachen Freuden des Lebens scheinen für ihn nicht existent. Als Antwort auf die angesprochen Frage von Chuncho antwortet Niño ganz kurz und klar, dass ihn das Geld jucke. So ist er auch immer darauf bedacht, die Waffen der feindlichen Militärs und Polizisten zu sammeln und so schnell wie möglich zum Befehlshaber der Revolutionäre, General Elias, zu bringen. Es tönt alles nach einem herkömmlichen Handlungsablauf eines Italowestern, würde da nicht eben Damiano Damiani auf dem Regiestuhl sitzen.

So könnte man den von Lou Castel herrlich unterkühlt dargestellten Niño als eine Verkörperung der gesamten Vereinigten Staaten interpretieren. Man kennt ja die Vorwürfe gegen die Amerikaner: sie geben sich unantastbar und als eine große Macht aus, seien ihrer Meinung das Maß aller Dinge und schauen als Übermacht auf den Rest der Welt einfach herab. So antwortet Niño am Anfang des Films auf die Frage eines kleinen Jungen, ob es ihm denn in Mexiko gefalle, ganz kurz angebunden "Nein. Überhaupt nicht.". Seine Abneigung gegen diese "armen Schlucker" um ihn herum trägt er ganz offen mit sich herum und ihm ist es auch egal, ob er dafür von seinen Mitmenschen verurteilt wird oder nicht. Ideale, wie sie Chuncho und seine Kumpane verfolgen und für diese Leben, scheinen ihm fremd zu sein. Seine Beweggründe sind dabei aber eigentlich genau so nieder wie die der Bande: deren gewaltsames Leben und Handeln begründet sich nicht nur aus der politischen Überzeugung heraus, das gebeutelte Mexiko zu einem besseren Ort zu machen, sondern auch, dass man darüberhinaus durch das Handeln mit Waffen eben sowohl die gute Sache - also die Revolution - unterstützt, als auch den großen Reibach machen kann. Doch dieser Idealismus scheint dem Gringo vollkommen fremd zu sein. Geld, Geld und nochmals Geld sind der Antrieb des Amerikaners, überhaupt mit den Mexikanern gemeinsame Sache zu machen.

Zeit ist Geld. Und so ist für Niño in einer Szene von Töte Amigo die Vergeltung für die geschundenen Bewohner des Dorfes San Miguel, in dem Chunchos Kumpanen die Frau des reichen Gutsbesitzers Don Felipo vergewaltigen wollen, einfache Zeitverschwendung. Man merke hier an, dass ihm dabei allerdings das Schicksal der Dame auch recht egal ist. Egoistisch verfolgt er hier nur das Ziel, soviel Kapital wie möglich zu erwirtschaften. So ist Niño der Inbegriff des herzlosen, eiskalten Kapitalismus, dem das Schicksal einzelner Menschen vollkommen egal ist. Sie sind ein Mittel zum Zweck, um eben an den möglichst hohen Ertrag zu kommen. Dabei wird über Leichen gegangen. Ein selbst heute noch aktueller Kritikpunkt, der kurz im Film angesprochen wird, ist dabei auch das außenpolitische Verhalten der USA. So wird Niño von einem Rebellen mit dem Umstand konfrontiert, dass die Regierung seines Heimatlandes die verhasste mexikanische Führung und deren Militärs finanziell unterstützt. Im weiteren Verlauf der Geschichte könnte man Niño neben der Kapitalismus-Interpretation auch noch als Verkörperung der Staatsgewalt darstellen, deren Schicksal im Aufeianandertreffen der beiden Hauptfiguren aufgezeigt wird. Die politische Dimension von Damianis Western ist wirklich sehr ausgeprägt und sorgfältig ausgearbeitet, so dass das Szenario dieses Films nur als Aufhänger für eine tiefer gehende Erzählung um Gewalt innerhalb eines Staates und den Kampf zwischen arm und reich ist.

Schon andere Italowestern spielen mit politischem Bezug und Anspielungen, gehen dabei aber wohl nicht so weit wie Töte Amigo. Wohlgemerkt in der ungekürzten Fassung, konzentrierte sich doch die alte deutsche Kino- und Videofassung eindeutig auf den grimmigen, trivialeren Part um die Jagd nach dem ganzen Geld. Dabei stellt sich heute noch die Frage, ob der deutsche Verleih damals den Film einfach nur straffen wollte - immerhin geht in seiner Originalfassung knapp zwei Stunden lang - oder die politischen Bezüge absichtlich getilgt hat. Es geht um die Unterdrückung der kleinen, einfachen Leute durch eine Obrigkeit, die dazu mit äußerster Gewalt vorgeht. So ist auch dieses Werk was das angeht, nicht gerade zimperlich. Durch die Überfälle und Duelle mit den mexikanischen Militärs ist so manche Leiche zu zählen und der Wüstenboden müsste dabei schon längst von Blut getränkt sein. In dieser Darstellung gibt sich der Film keine allzu große Blöße, besitzt zwar einen harten Grundton, läßt die Gewalt aber nicht Überhand über die Handlung gewinnen. Damiani stellt da lieber die Zeichnung der beiden Protagonisten in der Vordergrund und läßt sich auch ausgiebig Zeit damit. Längen kommen dabei keine auf, sind die darstellerischen Leistungen von Castel als kühlem und berechnendem Niño und Gian Maria Volonté als Chuncho als idealistischer Kämpfer und Verfechter einfacher Werte über jeden Zweifel erhaben. Da gerät sogar ein gestandener Name wie Klaus Kinski als Santo, dem religiös-wahnhaft auftretenden Bruder von Chuncho, klar ins Hintertreffen. Die starke Frau innerhalb der Banditengruppe, Adelita, wird dabei von der auf Jamaica geborenen Martine Beswick verkörpert, welche auch durch einige Rollen in Filmen der legendären Hammer-Filmstudios bekannt wurde.

Doch hier hat man es dann schon eher mit Nebenfiguren zu tun. Die Beziehung zwischen Chuncho und seinem so ungleichen Freund steht ganz klar im Vordergrund, so dass auch die mexikanische Revolution etwas außer Acht gelassen wird und erst wieder im finalen Akt des Films eine größere Rolle bekommt. Das Verhältnis zwischen den beiden ist dabei ein wunderbares Beispiel für das große Gefälle zwischen den "Privilegierten" und dem einfachen Volk, welches sich für kein Geld der Welt verkaufen wollte. Selbst wenn man es versucht. Einmal Revoluzzer, immer Revoluzzer. Dabei zeigt Töte Amigo auch schön die verschiedenen Seiten eines Menschen. Chucho mag ein harter Hund sein, doch eigentlich hat er sein Herz am rechten Fleck. Er ist eben einer der einfachen Leute aus dem Volk, selbst wenn er hinter dem schnellen Reichtum her ist. Aber er verfolgt seine Ziele eben mit einer Unnachgiebigkeit, die Damiani genauso in Frage stellt wie das Verhalten der mexikanischen Staatsmacht. Die Frage um den (Grat des) Missbrauch von Gewalt steht in einem Film aus einem Genre zur Frage, welches zu seinen Hochzeiten selbst als eben diese Gewalt zum selbszweckhaften Gebrauch einsetzendes Medium kritisiert wurde. Doch dabei erschafft Damiani einen Standard, der Töte Amigo zu einem ganz großen unter den "Spaghettis" werden läßt.

Zwar ist der Film kein bis zur perfektion ausgearbeitetes Revolutionsepos wie etwa Leones Todesmelodie (1971), doch kann man ihn zu einem der besten Vertreter des Genres zählen. Der Produktionsstandard ist hoch, die Umsetzung ist keineswegs schludrig sondern hochwertig ausgefallen. Töte Amigo ist vor allem so ein Film, der seine Vielschichtigkeit erst im Verlauf der Handlung und auch noch hinterher entfaltet, um so eine ganz unnachahmliche Wirkung zu erzielen. Vor allem beschönigt der Film nichts und stellt sich nicht auf eine der beiden Seiten. Sowohl Banditen als auch Militärs werden mit all dem Licht und Schatten dargestellt, die so eine Revolution mit sich bringt. Ideale und Überzeugungen können die Seiten, so scheint es Damiani mit seinem beobachterischen Blick sagen zu wollen, nur mit roher Gewalt und ohne jeglichen Humanismus durchsetzen bzw. verfolgen. Man hat es hier mit großartigem Westernkino italienischer Machart zu tun, welches durch ein kompetentes Team vor und hinter der Kamera getragen wird.
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Sonntag, 14. März 2010

Die Banditen von Mailand

Kommissar Basevi hat alle Hände voll zu tun in den Straßen von Mailand. Egal ob Schutzgelderpresser, Prostitution oder illegale Spielhöllen: die Gangster fallen dem jungen Polizisten reihenweise in die Hände. Etwas mehr zu schaffen macht ihm da schon der brutale Banküberfall einer mit Kalkül vorgehenden Bande von vier Männern, angeführt vom sehr von sich überzeugten Piero Cavallero. In den vergangenen Jahren hat dieser mit seinen Kumpanen schon einige Überfälle auf Banken verübt und hat einen letzten großen Coup geplant. Dieser geht trotz sorgfältiger Vorbereitung etwas schief und auf der Flucht durch ganz Mailand kommen auch einige unschuldige Menschen um bevor der Kommissar mit Hilfe einer aufgebrachten Menschenmenge Bartolini, den Fahrer der Vier, festnehmen kann. Auf der Wache packt dieser aus und schildert Basevi detailliert die Planungen zum Raub während seine Kumpanen, verfolgt von der Polente, versuchen ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Im Jahre 1968 war die Landschaft des italienischen Genrefilms außerhalb des wilden Westens noch recht beschaulich. Der Giallo war zwar schon präsent, doch bis zu seinen stärksten Zeiten dauerte es noch gut zwei Jahre als Dario Argento mit seinem Geheimnis der schwarzen Handschuhe die Welle ins Rolle brachte. An den Poliziotteschi war da noch fast gar nicht zu denken, immerhin hatte dieser seine Hochphase kurz nach dem abbebben der Giallowelle. Auch wenn für dieses Genre ebenfalls Anfang der 70er der Startschuss gegeben wurde. So kann man Die Banditen von Mailand zu einem der ganz frühen Vertreter der Bullen- und Gangsterfilme aus Bella Italia zählen, der gerade in den heutigen Zeiten einen sehr angenehmen, oldschooligen Charme versprüht. Wie die späteren Werke eines Fernando di Leo bietet der im englischen Sprachraum als The Violent Four bekannte Streifen eine gute Mischung aus Milieustudie und geradliniger Krimiunterhaltung, die, anders als bei di Leo, noch gemäßigter zu Werke geht. Auch hier werden zwar schon die garstigen Methoden der Gangster in den Vordergrund gerückt, doch die Brutalität hält im Vergleich mit den großen Werken aus den 70ern sich noch recht in Grenzen.

In Szene gesetzt wurde das ganze Geschehen von Carlo Lizzani. Der 1922 in Rom geborene Lizzani kam nach dem Ende des zweiten Weltkriegs zum Film und machte es sich dort erstmal in der aufkeimenden Bewegung des Neorealismus gemütlich. So arbeitete er an Rossellinis Deutschland im Jahre Null (1948) mit und wurde mit der Mitwirkung am Buch von Bitterer Reis (1950) sogar für den Academy Award nominiert. Desweiteren steuerte er auch noch eine Sequenz zu Liebe in der Stadt (1953) bei und arbeitete hier mit Fellini und Antonioni zusammen. Nach und nach setzte man Lizzani dann auch für trivialere Werke ein, bis er ungefähr ab Mitte der 60er sich ganz der leichten Filmunterhaltung widmete. Startschuß bildete dabei der Thriller Spione unter sich aus dem Jahre 1965. Mit dem ein Jahr später entstandenen Eine Flut von Dollars lieferte er einen von insgesamt zwei Western ab. Der frühere Filmkritiker hüpfte nun also von Genre zu Genre und schaffte es dabei sogar den Schmuddelklassiker Straßenmädchen-Report (1975), von dem sogar eine Hardcorefassung angefertigt wurde, zu drehen. Wie wechselhaft das Werk von Lizzani ist, beweißt unter anderem auch die Tatsache, dass er auch für das Kriegsdrama Mussolini - Die letzten Tage (1974) verantwortlich ist. Weitere bekannte Werke von ihm wären noch der Abenteuerstreifen Verflucht in alle Ewigkeit (1969) mit Terence Hill in der Hauptrolle und der Bud Spencer-Streifen Der Sizilianer (1972).

Bei Die Banditen von Mailand merkt man dabei, wie gut Lizzani die Gratwanderung zwischen anspruchsvollerem und trivialen Kino gelang. So ist der Film zu Anfang ein semidokumentarisches Stück welches Tomas Milian, zur damaligen Zeit noch sichtlich jung und grün hinter den Ohren, als Kommissaren bei seiner Arbeit begleitet. Der meist unsichtbare Reporter beschäftigt sich dabei mit der Frage, woher die aufkommende Brutalität der jüngeren Gangstergeneration kommt. Mit einem Interview eines Ganoven der alten Garde und von Milian geschilderten Fallbeispielen wird gezeigt, dass den jüngeren Kriminellen eine gewisse Moral fehlt, die man damals hatte und so zum Beispiel vor Mord an Unschuldigen zurückschreckte. Lizzani beschäftigt sich hier nicht groß mit dem Vorstellen von gewissen Charakteren sondern wirft uns gleich in das Geschehen. So sind nach dem recht kurzen deutschen Credits die ersten Szenen, wie ein Mob von Menschen einen Gangster dingfest macht. Nach der angesprochenen dokumentarischen Abhandlung der Arbeit von Basevi wechselt man auf eine gewohntere Erzählstruktur. Der Einstieg, wie ein Pulk von Menschen einen Kriminellen stellt, wird wieder aufgenommen. Dieser sitzt nun auf der Polizei und schildert dem Kommissaren sowie dem Zuschauer in einer Rückblende, wie es zu dieser Situation zu Beginn überhaupt kommen konnte. Diese wird also auch nochmal mitten im Film aufgegriffen und erst dann erzählt Lizzani die mittlerweile begonnene Geschichte um eine Bande von Bankräubern zu Ende.

Ein schöner erzählerischer Kniff, der es so schafft, den Zuschauer bei Stange zu halten. Wobei man sich hier nicht über fehlende Spannung beklagen muss. Die Bildung des Teams, Ausarbeitung und Durchführung des Bankraubs ist ohnehin schon ein sehr toller Prozess, den Lizzani sorgfältig ausgearbeitet schildert. Somit rückt die Polizeiarbeit von Milian alias Herrn Basevi in den Hintergrund bzw. wird immer nur sehr kurz angeschnitten. Der später durch seine Rollen in Poliziotteschi wie Der Berserker (1974) oder Die Kröte (1978) viel gerühmte Milian bleibt hier noch recht verhalten. Zwar macht er seine Sache ordentlich, doch großartige mimische Akzente kann er anders als in seinen Rollen in den 70ern noch nicht setzen. Wobei der eigentliche Star von Die Banditen von Mailand auch eher Gian Maria Volonté ist. Sein Piero Cavallero ist ein einnehmender und großartig gemimter Charakter, der sich als vollkommen und perfekt ansieht. Die Überdosis Selbstvertrauen wird dem ganz schön gerissenen und skrupellosen Herrn letztendlich aber auch sein Untergang. Wobei er selbst nach dem Scheitern seines so herrlichen Plans immer noch so schön verblendet ist, dass er sich trotz Niederlage als halber Sieger sieht. Der 1994 leider schon verstorbene Volonté trumpft geradezu auf und überzeugt durch nuancierte Mimik und Spielfreude auf. Er scheint ein gescheiterter Revoluzzer zu sein, wie eine kurze Sequenz andeutet, als sein Waffenhändler anmerkt, dass er aus der Partei geschmissen wurde. Auch in dieser Phase seines Lebens scheint Cavallero zu sehr von seinem einnehmden Ego bestimmt gewesen zu sein.

Neben Volonté wird Die Banditen von Mailand vor allem durch seine Erzählstruktur getragen, die auch inmitten der Handlung von einigen kleinen dokumentarischen Stilelementen durchdrungen wird. Der Reporter vom Anfang fungiert hierbei als erklärender Zusatz, wenn Lizzani urplötzlich zwischen Zeitebenen springt oder kurz vor dem großen Banküberfall dem Zuschauer die späteren, unschuldigen Opfer vorstellt. Hinterher muss man gestehen, geht dem Film etwas die Luft aus. Da gingen Lizzani eventuell die Ideen und die Actionanteile aus. Zwar fliegt hier nicht so dolle die Kuh wie in späteren Poliziotteschi, trotzdem können die Mailänder Banditen auch hier überzeugen. Egal ob Schießereien oder Verfolgungsjagden, auch die Action paßt sich dem gehobenen Niveau des Werks an. Die Kamera hält frontal auf das Geschehen, welches von dynamischen und schnellen Schnittfolgen verstärkt wird. Unterstützt werden diese Szenen vom einem funky Soundtrack aus der Feder von Riz Ortolani, durchtränkt vom damaligen Zeitgeist aber hundertprozentig passend. Dieser schafft es dabei auch die härtesten Szenen des Films mit Stücken zu untermalen, die unheimlich catchy sind. Trotzdem sinkt der Spannungspegel im letzten Viertel rapide und Lizzani kann auch mit dem Ende nur noch schwer versöhnen. Wobei man hier immer noch realistischer und nicht so abgehoben erzählt, wie die Kollegen einige Jahre später.

Daher auch die recht ungeschönten, grobkörnigen und triste Bilder um den Grundton des Films einfach wie möglich zu halten. Hier und da gibt es eine tolle Einstellung oder Montage, doch an und für sich ist Die Banditen von Mailand ein sehr nüchterner Film. Es ist eine Momentaufnahme gescheiterter Figuren, die von einem besseren Leben träumen und dabei mit Piero Cavallero an einen gefährlichen Egomanen gerät, der um sich selbst und sein Ego zu befriedigen, den Weg der Kriminalität beschreitet. Seine Sucht im Mittelpunkt zu stehen, wird gerade durch das Ende nochmal sehr gut dargestellt. Er genießt das Bad in der Menge, ganz egal, welchen Hintergrund dieses überhaupt hat. Der Traum vom Reichtum und Aufmerksamkeit um seine Person ist überhaupt der ganze Antrieb hinter seinen Taten. Er ist rücksichtslos und voller Zynismus, den Lizzani in seinem Film sehr gut transportieren kann. Dieser schuf mit Die Banditen von Mailand eine kleine, frühe Perle des italienischen Polizei- bzw. Gangsterfilms, der mit einem gelungenen Anteil an Spannung und Action aufwarten kann und dabei sogar die Figurenzeichnung nicht außer acht läßt. Sie ist vielleicht nicht so richtig ausgearbeitet wie in anspruchsvolleren Autorenwerken, doch Lizzani kann seinen neorealistischen Hintergrund auch durch die Zeichnung des einfachen Bürgers im Film nicht verleugnen. 

Einzig und allein das etwas sang- und klanglose Ende stellt hier einen kleinen Minuspunkt dar. Ansonst bietet Die Banditen von Mailand eine gute Mischung aus klassischem Kriminalfilm, der schon einige Elemente der späten Poliziotteschi in sich trägt und leichter Gesellschaftsbeobachtung bzw. -kritik. Zusammen mit einem erlesenen Cast, unter dem ein ebenfalls noch recht junger Ray Lovelock sowie die britische Darstellerin Margaret Lee zu finden sind, hat man es hier mit einem erlesenen Gangsterstreifen zu tun, der mehr als nur einen flüchtigen Blick wert ist.
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Samstag, 20. Februar 2010

Tochter des Satans - Dark Angel


Der junge Arzt Max Barris nimmt die sehr geheimnisvoll erscheinende Veronica mitsamt ihrem Hund bei sich zu Haus auf, nachdem sie von einem Auto angefahren wurde und sie in das Krankenhaus, in dem er arbeitet, eingeliefert wurde. Die junge Frau die anscheinend kein zu Hause besitzt, scheint zudem etwas weltfremd zu sein und glaubt an das bekämpfen des Bösen auf der Welt als größtes Gut. Kein Wunder, ist sie doch ein aus der Hölle geflohener Dämon, der schon seit langem von einem Aufenthalt in der "Außenwelt" träumt. Dabei trifft sie auf ihren nächtlichen Touren auch auf so einige schlechte und bösartige Menschen und liest ihnen auf ihre sehr eigene, da grausame Art, die Leviten. Als sie dann auch noch durch die TV-Nachrichten auf den korrupten Bürgermeister der Stadt trifft und sich den Plan faßt, ihn von seiner Schlechtigkeite zu befreien, ruft dies zwei Cops auf den Plan, die in den vorgefallenen Mordfällen ermitteln. Durch ihre sehr eigene Art fällt sie für das Duo schnell in den Kreis der Verdächtigen.

Dabei hat man dann als Zuschauer nach Genuss dieses Films einen sehr zwiegespaltenen Eindruck. Einige gute Ansätze besitzt er zwar, doch leider schafft er es dabei allerdings nie, diese so gut anzuwenden, dass das Filmerlebnis auch wirklich rund und zufriedenstellend ist. Ein Problem, die so mancher Fan mit den Filmen aus dem Hause Full Moon hat. Gegründet wurde das Studio von Genre-Vielfilmer Charles Band im Jahre 1989, nachdem er seine alte Produktionsstätte Empire schließen musste. Trotz solcher Hits wie Re-Animator oder auch der Ghoulies-Reihe musste man das für seine Low Budget Horror- und Sci-Fi-Produktionen bekannte Studio leider Ende der 80er wegen finanzieller Probleme schließen. Band wollte mit Full Moon dort weitermachen, wo er mit Empire aufhörte und der erste vom neuem Studio produzierte Film sollte auch gleich ein voller Erfolg werden. Dieser hörte auf den Namen Puppet Master und war der Start für eine langlebige und äußerst erfolgreiche Reihe aus dem Subgenre des Puppenhorrors. Trotz günstigster Produktionsumstände schaffte man es im Hause Full Moon seinen Werken ein im Rahmen des B-Films durchaus sehr ansprechendes Aussehen zu verleihen. Neben Puppet Master schaffte man es über die Jahre noch andere erfolgreiche Filmreihen zu etablieren, wie etwa die Subspecies-Filme, welche im Vampirgenre zu Hause sind, oder der eher im Science-Fiction-Genre beheimateten Trancers-Reihe. Zu weiteren bekannten Produktionen aus dem Haus Full Moon gehören zu dem der Stuart Gordon-Film Castle Freak (1995), der ebenfalls Spielzeug zum Horror erweckenden Demonic Toys (1992) oder auch der ebenfalls von Stuart Gordon realisierte auf der Geschichte "The Pit And The Pendulum" von Edgar Allan Poe basierenden Meister des Grauens (1991). Nach langen Jahren des fröhlichen Produzierens etlicher Low Budget-Filme aus dem phantastischen Genre, entschloss sich Band 2002 die Full Moon-Studios zu Grabe zu tragen. Nach zwei Jahren kam es allerdings schon wieder zum Comeback von Full Moon.

Nur leider ging schon seit längerer Zeit der Charme, den die früheren Produktionen aus diesem Hause sehr wohl innehatten, leider immer mehr verloren. Die Zeiten ändern sich und der derzeitige sehr kalte und sterile Look so mancher kostengünstigen Filmproduktion kann durch den Mangel an Atmosphäre so manches Filmvergnügen eher zunichte machen. Mit diesem Problem hat auch der 1994 entstandene Tochter des Satans zu tun, bei dem leider immer etwas ein schon sehr billiger Videolook mitschwingt. Wobei man es dann teils doch schafft, ein wenig stimmige Atmosphäre zu vermitteln. Leider kann diese nicht über die ganze Laufzeit geschafft werden. Dabei ist die Eingangssequenz in der Hölle sogar recht nett gemacht und schafft durch Farbgebung und Ausleuchtung ein angenehmes Ambiente. Richtig doller Horrorlook zum Schwelgen ist es natürlich nicht, aber gerade für Full Moon-Verhältnisse wirklich gut umgesetzt. Und auch wenn man hier die Hölle als einen grausamen Ort darstellt, so gefällt der Ansatz, dass alle dortigen Dämonen und Schergen Diener Gottes sind, die seinem Befehl unterstehen und dabei sogar beim allabendlichen Essen ein Tischgebet abhalten und sogar ein Kreuz in ihren Behausungen haben! Man will hier sogar aus gängigen Klischees aussteigen, tischt einige lustige Unglaublichkeiten auf aber schafft es nicht, dem anhängenden Trashappeal eine lustige und unterhaltsame Komponente hinzuzufügen.

Diese stellt sich erst spät im Film ein, der bis zu diesem Zeitpunkt als x-fache Direct-to-Video-Produktion ohne größere Ereignisse bzw. Überraschungen auskommt und nach einem doch schon bekannten Schema abläuft. Wenigstens kommt man schnell zur Sache und nach einer kurzen Einführung der verträumten Dämonin Veronica und ihrer Familie, die vor allem durch einen strengen Vater der nichts von den Träumereien von der Außenwelt hält, dargestellt wird. Also macht sich die junge Dame flugs mit ihrem Hund der auf den liebreizenden Namen Höllenreiter sehr schnell auf Richtung Oberwelt. Wie man es sich aus diversen anderen Streifen denken kann, gibt sich die höllische Kreatur, die sehr schnell ihre Hörnchen, den Schwanz und auch die Flügel ausblendet um nicht zu sehr unter dem Menschenvolk aufzufallen, ziemlich fremd und seltsam. So steht sie nach ihrem Aufstieg in die unserige Welt splitterfasernackt im rumänischen Setting herum, welches mühsam vom Film als amerikanische Großstadt verkauft wird. Dank ihres mit so einigen schönen Talenten ausgestatteten Wauwaus bekommt sie aber schnell mal was zum Überziehen und trifft dann alsbald auf Max. Zwar kann man sich hier schon denken, dass es zwischen der gar nicht mal so unattraktiv auftretenden Angela Featherstone und ihrem Partner Daniel Markel knistern könnte, aber auch hier umschifft man etwas das altbekannte Klischee des typischen verliebens, da man ja die meiste Zeit nahe aufeinander hockt.

Aber Spannung möchte so nicht wirklich aufkommen und auch wenn Veronica während den Schichtzeiten von Max die Umwelt erkundet und da so einige böse Buben mal mehr, mal weniger effektiv und blutig bestraft, möchte das noch nicht so sehr hinter dem Ofen hervorlocken. Man gibt sich Mühe, Tochter des Satans nicht allzu billig aussehen zu lassen und ihn zu einem soliden Film werden zu lassen, doch von nervenzerreißendem Horror ist man hier weit entfernt. Auch wenn die Polizei auf den Plan kommt und in den Morfällen ermittelt, möchte sich nicht größeres Interesse am Stoff aufbauen. Als reiner Horrorfilm ist das zu wenig, auch wenn man wohl versucht, eine Gratwanderung zwischen modernem und altmodischem Genrekino hinzubekommen. Der Film gerät allerdings doch ab und an ins Wanken. Erst beim Date zwischen Veronica und Max kann der Film dann mit seinem Trashappeal punkten und bietet so einige unterhaltsame Szenen, die mit zu den Stärksten des gesamten Werks gehören. Wenn schon nicht solide Filmkunst, dann wenigstens unfreiwillige Komik, die allerdings für einen runden Gesamteindruck auch zu wenig ist. Dafür kann dann allerdings Mike Genovese mit gehörigem Overacting punkten, nachdem ihm Veronica ihr Geheimnis anvertraut hat. Man fragt sich aber dann schon, was die Cops in der Geschichte verloren haben, wird ihre Arbeit doch recht halbherzig und die beiden auch eher als komisches Duo dargestellt. Selbst das bestreben Veronicas, den Bürgermeister von seinem sündigen Treiben wird sehr unausgegoren und ideenlos vorangetrieben. Durch einen eigentlich ziemlich grundsoligen Charakter des gezeigten, versickert dann auch wieder das angesprochene Trashfeeling.

Selbst die mimischen Qualitäten geben keinen Grund zum Amüsement, bis auf die angesprochene Szene Genoveses. Man sollte natürlich keine überragenden Leistungen erwarten, doch für Low Budget-Verhältnisse geht das ganze schon in Ordnung und läßt einen daran erinnern, dass man wirklich schon schlimmeres gesehen hat. Wobei die Hauptdarstellerin wohl eher durch ihr Aussehen gecastet wurde, aber auch sie sich ordentlich anstrengt. Über all die Zeit kann man Tochter des Satans dabei nicht mal als Ärgernis ansehen. Es ist ein durchschnittlicher Film, dem es zu sehr an Atmosphäre und ansprechendem Spannungsbogen fehlt, da er in seiner Geschichte etwas zu sehr auf das Zurechtkommen der Protagonistin in der menschlichen Welt eingeht. Ist zwar an und für sich auch nett anzusehen, nur von Schreck- und Schockmomenten ist man hier sehr weit entfernt. Der Film driftet einfach zu schnell wieder in die Belanglosigkeit ab, um auch hargesottene Allesglotzer wirklich zu überzeugen. Selbst für B-Film-Überfreunde dürfte dieses Werk eine teils harte Geduldsprobe sein, da man nur selten auf seine Kosten kommt. Spät kommt man in Fahrt und schafft es dabei nicht, bis zum Ende in der Bahn zu bleiben. Gerade wenn Veronica sich aufmacht, den Bürgermeister aufzusuchen, fällt die Ideenlosigkeit auf, die da schon im Drehbuch klaffte. Da bleibt hinterher nur ein Stirnrunzeln und Schulterzucken übrig, wenn das Finale hier einige große Sprünge macht, nur weil nichts mehr einzufallen schien.

Hinzu kommt, dass man das Ende auch recht cheesy gestaltet hat. Hätte vielleicht anders ausgesehen, wäre aus dem Film eine weitere Reihe aus dem Hause Full Moon geworden, woraufhin der Untertitel The Ascent im Originaltitel hinweisen könnte. Nur wäre da wohl schon genauso schnell die Luft rausgewesen, wie in diesem Streifen. Da ist zu wenig wohlwollendes Horror- und noch weniger Trashfeeling dabei, was das ganze zu einem zufriedenstellenden Endergebnis bringen kann. So kann man mit einem zugedrückten Auge Tochter des Satans in den unteren Durchschnitt einsortieren und dort auch nicht mehr so schnell herholen. Soviel Unterhaltungswert hat der Film, anders als andere Full Moon-Titel, dann leider doch nicht. Aus zuviel Solidität kann man eben auch keinen rundum guten Film machen.
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Montag, 15. Februar 2010

Schlag 12 in London


Wie ein Eremit lebt und arbeitet Dr. Henry Jekyll in seinem Haus mitten in London. Ausgegrenzt und belächelt von den eigenen Kollegen geht er seinen Forschungen nach, die sich mit den zwei unterschiedlichen Seiten, die in einer Kreatur wohnen, beschäftigen. Vollkommen eingenommen von der Arbeit, bemerkt er nicht wie seine Frau Kitty ihn mit seinem Freund Paul Allen, der sich gerne mal etwas Geld von Henry schnorrt um seinen luxoriösen Lebensstil zu finanzieren, betrügt. Und nachdem seine Experimente an Tieren erste Erfolge brachten, wagt Jekyll einen Eigenversuch. Nach der Einnahme seines Serums verwandelt er sich in den adretten, aber auch skrupellosen Mr. Hyde, der noch verkommener und hinterhältiger als Paul Allen ist. Dieser und Jekylls Frau Kitty sind auch Objekt der Begierde von Jekylls Alter Ego: doch während Paul sich mit dem Lebemann anfreundet, weißt Kitty die Annäherungsversuche vehement ab. Also angelt sich Jekyll eine begehrte Tänzerin aus dem Etablissement in dem Paul und Kitty immer verkehren und spinnt eine bösartige Intrige gegen die beiden. Sein einzigster Nachteil sind dabei die recht kurze Wirkung des Serums und der auftretende innere Kampf gegen die friedliebende Natur des Jekylls.

Im Jahr 1886 erschien mit "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde" ein phantastischer Roman aus der Feder von Robert Louis Stevenson, den man mittlerweile bedenkenlos in die Kategorie Weltliteratur einordnen kann. Seine Version vom Kampf zwischen Gut und Böse und den beiden Seiten einer Persönlichkeit, prägte die Nachwelt sowohl im literarischen Bereich als auch in anderen. Doktor Jekyll und sein zweites Ich wurden neben dem Vampir Dracula und Frankenstein und seinem Monster zu Ikonen der Phantastik und sind selbst heute noch fest in unserer (Pop-)Kultur verankert. Auch in der Filmwelt fand der Stoff seinen Platz und wurde dementsprechend oft verfilmt. Schon 1912 wurde er zum ersten Mal unter der Regie von Lucius Henderson adaptiert. Selbst Friedrich Wilhelm Murnau, der mit Nosferatu, eine Symponie des Grauens sich auch noch bei Bram Stoker bedienen sollte, nahm sich das Buch zur Hand und drehte 1920 mit Der Januskopf eine frei auf Stevensons Buch basierende Version mit Conrad Veidt in der Hauptrolle. Im Jahre 1940, gut 20 Jahre später, sollte Spencer Tracy in der Hollywood-Version Arzt und Dämon den zwiegespaltenen Akademiker verkörpern und unter anderem seine Filmpartnerin Ingrid Bergman in den Wahnsinn treiben. Macht man noch einmal einen Zeitsprung von 20 Jahren so befindet man sich in den angehenden 60ies und findet schon wieder eine Version des Stoffs vor: diesmal von den legendären Hammer-Studios, der Produktionsstätte, welche mit Dracula und Frankensteins Fluch schon einige Jahre zuvor klassischen Horrorfiguren neues Leben eingehaucht hatten.

Dabei beschritt das britische Studio, wohl auch der Kosten wegen, mit seiner Buchverfilmung einige andere Wege als die Filmemacher und Autoren zuvor. Schon zum damaligen Zeitpunkt hatte sich in den Köpfen des Publikums die Darstellung der beiden Figuren des Stoffs breitgemacht, dass der werte Herr Doktor immer tugendhaft und gutaussehend und der niederträchtige Hyde ungepflegt und animalisch dargestellt wird. Die Animalität zeigte sich dabei auch in der vermehrt auftretenden Körperbehaarung des Hyde. Anders bei Hammer. In Schlag 12 in London ist Doktor Jekyll ein besessener und äußerst introvertiert agierender Mensch, kaum mit sozialen bzw. zwischenmenschlichen Kontakten gesegnet. Ein ehemaliger Kollege von ihm besucht ihn noch, doch dann hätte er eigentlich nur seine Frau, die ihn mit seinem "Freund" Paul Allen betrügt. Dies dürfte allerdings auch nur die Folge dafür sein, dass Jekyll - über seine Arbeit brütend - die ansehnliche Ehegattin keines ausführlicheren Blickes würdigt. Seine Zurückgezogenheit, in der man auch ein Stück weit eine gewisse Art der Verzweiflung sehen kann, kostet ihn dabei fast sein gesamtes soziales Umfeld. Er scheint unfähig zu sein, die seiner Frau, die sehr gerne an Gesellschaften teilnimmt und in teuren Lokalen verkehrt, zu erfüllen. Es scheint ihm gänzlich unmöglich zu sein, über seinen Schatten zu springen und sie zu ihren abendlichen Belustigungen zu begleiten. Jekyll kann sehr schwer abschalten, was auch sein Aussehen, vorzüglich von Hammers Haus-Maskenbildner Roy Ashton gestaltet, zeigt: graues, wildes Haar, ein zotteliger Bart und tiefe, zahreiche Augenringe zieren ihn.

Kaum nach Einnahme des Serums verwandelt, präsentiert er sich dabei als fesch und attraktiv daherkommender Gentleman, dessen Manieren nicht wirklich so fein sind, wie sie es auf den ersten Anschein sind. Glatt poliert, sauber rausgeputzt präsentiert sich in Hammers Version von Stevensons Werk der Mr. Hyde, der hinter seiner so sauberen Fassade ein wahrlich diabolischer und unmoralischer Mensch ist, der nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. So geht man hier zwar einen durchaus interessanten Weg, nur ist er für den beschreitenden Zuschauer ein recht beschwerlicher. Dadurch, dass man Hyde alles animalische und offensichtlich gewalttätige Potenzial genommen hat und ihn eher zum scharfzüngigen Ränkeschmieder umgewandelt hat, kommt der durch sein mittlerweile beträchtliches Alter eh schon etwas angestaubte Film sehr unspannend daher. Das es trotzdem Spaß macht, dem moralischen Zwiespalt zwischen gutem und bösen beizuwohnen, muss man vor allem Hauptdarsteller Paul Massie hoch andichten. Der nach der Produktion nur noch vereinzelt in Filmen auftauchende Mime versteht es hier mit sehr lässig daherkommender Professionalität die beiden Charaktere darzustellen. Dabei legt er auch schon in der ebenfalls anders ausgelegten Darstellung des Doktors gute Leistungen hin und zudem schenkt ihm Drehbuchautor Wolf Mankowitz einige sehr zweifelhafte, da für die Figur ungewohnte Züge. In seinem Garten spielende taubstumme Kinder werden da gegenüber dem Kollegen als "rohe, dumme Tiere" bezeichnet und überhaupt scheint der gute Doktor sehr wenig Respekt für seine Mitmenschen zu besitzen.

Auftrumpfen kann Massie dann, wenn Mr. Hyde die Bildfläche betritt. Sein selbstsicheres und -verliebtes Auftreten, rüpelhaft und doch äußerst charmant, ist einfach herrlich mitanzusehen. Direkt, ehrlich und dadurch auch oft verletzend fährt er die Ellenbogen im Londoner Nachtleben aus und versinkt in diesem mit vollstem Körpereinsatz. Das er dabei auch über Leichen geht bzw. sich über jegliche ethische und/oder moralische Konventionen des damaligen Zeitalters hinwegsetzt, dürfte selbstverständlich sein. Es ist unheimlich toll Massie und seinem ebenfalls gut aufspielenden Ensemblekollegen zuzuschauen. Durch diese "Hardcore Playboy"-Zeichnung des Hyde-Charakters gibt es teilweise tolle, messerscharfe Dialoge zu hören, die sitzen. An der Seite Massies sind Dawn Addams als liebreizende, aber auch verschlagene Kitty und der allseits bekannte Christopher Lee als hochstaplerischen und betrügerischen Paul Allen zu sehen. Gerade die Konstellationen zwischen Massie, Addams und Lee sind ein wahrer Hochgenuss, der durch die wie eh und je überbordernde, verspielte und detailreiche Ausstattung noch verstärkt wird. Wenn die Hammer Studios was konnten, dann die viktorianische Zeit Englands und diesen düsteren und unheilschwangeren Gothicstil perfekt zu inszenieren. Egal ob das dunkle Labor von Jekyll, die schummrigen Spelunken der Londoner Unterwelt oder die pompösen Unterhaltungslokale der "Upper Class": Die Schauplätze sind wunderbar und gerade letzteres ist ein grellbuntes Spektakulum. Eyecandy, der die Netzhaut beschlagen und den Zuschauer begeistert zuschauen läßt.

Doch all dieser Pomp kann die Trägheit der Geschichte nicht übertünchen. So sehr Jekyll und Hyde betören können: als Horrorfilm hat Schlag 12 in London so seine lieben Probleme. Richtig schauerlich wird er eigentlich keine Zeit, somit bleibt die Spannung ziemlich auf der Strecke und zwischendrin macht sich sogar eine kleine Länge breit. Schade, ist der Stoff doch eine interessante Adaption. An Atmosphäre mangelt es ihm ja nicht mal, doch Schreck- und Schockszenen sind hier vergebens zu finden. Der in Hyde innewohnende Wahnsinn wird nur angedeutet, so zum Beispiel bei einer Prügelei im Lokal, der eine ziemlich ruppige Abweisung einer Dame voraus ging. Die wüste Beschimpfung dieser und das Einschlagen mit einem schweren Kerzenständer auf den Kopf des Verteidigers besagter Dame sind - zusammen mit den anderen sehr kurzen Momenten - einfach zu wenig. Geradezu verwunderlich, schien es doch eigentlich eine Leichtigkeit für das Kultstudio zu sein, atmosphärisch dichten Gänsehauthorror zu fabrizieren. Hier hat man sich wohl etwas zu sehr mit dem Buch verhaspelt, welches interessante Interpretationen zuläßt, die ohnehin schon lange mit Buch verknüpft sind. Am ausgeprägtesten ist hier der innere Kampf eines Menschen zwischen seiner guten und seiner schlechten Seite bzw. zwischen Zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten, die man haben kann. Die angedeutete multiple Persönlichkeit des Doktors wird gerade am Ende am deutlichsten, wenn der Kampf zwischen den beiden Charakteren beide in Mitleidenschaft zieht. So spricht Hyde aus einem Spiegel heraus zu Jekyll, der wenig später mit der Stimme seines bösen Ichs spricht. So ist das Forschen nach dem Trennen des Guten und des Bösen im Menschen und das daraufhin enstandene Serum nur ein Vorwand, eine in der Phantastik verhaftete Metapher für die gespaltene Persönlichkeit des Doktors.

Weiter geht es dann noch, betrachtet man sich nochmal die Hammersche Darstellung von Hyde, der anders als Jekyll eher nach einem Mitglied der oberen Gesellschaft bzw. des oberen Bürgertums aussieht. So könnte er Stellvertretend für eine ganze damalige oder sogar noch die bestehende Schicht des gehobenen Bürgers stehen, der hinter seiner so aalglatten Fassade ein verkommenes, moralisch zweifelhaftes Individuum darstellt. Es ist nicht alles Gold was glänzt, wie schon ein Sprichwort weiß und hier anhand des Protagonisten eindrücklich gezeigt wird. Man betrügt, lügt und versucht so, seinem Willen und seinen Bedürfnissen auf höchst egoistischer Basis nachzukommen und diese für sich einzuholen. Diese Kritik an der feinen Gesellschaft scheint ungewöhnlich genug für Hammer-Verhältnisse, dass hier das Fundament des Horrorüberzugs deutlich ins Wanken gerät. Überzeugend ist das ganze als reine Horrorgeschichte nämlich wirklich nicht, wirkt der Film dafür doch arg strapaziös und geschwätzig. Wer ein Faible für langsam erzählte Streifen hat, kann durchaus zufrieden gestellt werden doch Fans von dichten Gruselszenen dürften in der Tat enttäuscht werden. Der Horror kommt schlicht und ergreifend etwas zu kurz und so funktioniert Schlag 12 in London am ehesten als phantastisch angehauchtes Psychodrama, welches als solches gesehen sehr einfach, aber wie angesprochen nicht uninteressant realisiert wurde.

Dabei muss man dem Film zu Gute kommen lassen, dass er unter der routinierten Arbeit von Stammregisseur Terence Fisher trotzdem gute, wenn auch leich zähe Unterhaltung bieten kann. Zu schwach als Schocker, etwas zu trivial und an Substanz vermissende Studie der menschlichen Psyche steht der Streifen einfach etwas zu sehr zwischen den Stühlen, verlässt den Raum auch nicht als Sieger, dafür aber als oldschooligem Vertreter des britischen Genrefilms, den man noch guten Gewissens in das Feld des überen Durchschnitt einordnen kann. Wie Doktor Jekyll ist auch Schlag 12 in London etwas schwach auf der Brust und läßt einiges vom gewohnten Hammerstoff vermissen, auch wenn die Grundzutaten allesamt vorhanden sind. Alles in allem wäre da etwas mehr drin gewesen. Das man das ganze durchaus nicht so steif und vor allem bei weitem sleaziger und lockerer darstellen kann, hat das Studio dann mit dem selben Stoff in seiner Endphase Anfang der 70er gezeigt: dort entstand unter der Regie des ebenfalls versierten und oft bei Hammer gesehenen Roy Ward Baker der Film Dr. Jekyll und Sister Hyde, in dem sich der Doktor - wie der Name schon sagt - in ein attraktives aber auch mörderisches Weib verwandelt. Aber, um es nochmal klarzustellen, auch Kollege Fisher hat einen durchaus sehenswerten, wenn auch nur leicht über dem Durchschnitt anzusiedelnden Horrorfilm geschaffen, dem es wirklich an den Schocks fehlt, dafür aber mit einem gut aufgelegten Protagonisten-Trio aufwarten kann.
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