Freitag, 30. Juli 2010

A Serbian Film

 Das Review könnte kleinere Spoiler enthalten!

Auch wenn sich Milos zur Ruhe gesetzt und nun mit Frau und Kind eine kleine, glückliche Familie hat: so richtig kann der ehemalige Pornodarsteller mit seiner Vergangenheit nicht abschließen. Das etwas wehmütige Betrachten der alten Werke in Kombination mit einer ausgiebigen Freundschaft zu einem gewissen Jack Daniels lassen ihn schon lange nicht mehr so frisch aussehen wie zu seinen besten Zeiten. Da trifft es sich gut, als sich bei ihm Laylah, eine ehemalige Filmpartnerin, meldet und ein durchaus attraktives Angebot unterbreitet. Es wäre ein letzter großer Film, eine große Sache, die von dem undurchsichtigen Regisseur Vukmir sehr geheimnisvoll aufgezogen wird. Zwar ist es Milos nicht geheuer, dass er nicht weiß, was überhaupt gedreht wird, dennoch geht er nach Rücksprache mit der Ehegattin auf das lukrative Angebot ein. Doch sein ungutes Gefühl scheint sich zu bewahrheiten: als er beim ersten Drehtag in einem Waisenhaus (!) körperliche Gewalt von Vukmirs Mitarbeitern gegenüber einer Darstellerin betrachtet und auch noch ein sehr junges Mädchen als Zuschauerin in den Dreh miteinbezogen wird, möchte er eigentlich wieder aus der Sache aussteigen. Auch wenn Marko, Milos Bruder der als Polizist arbeitet, nichts außergewöhnliches gegen Vukmir vorzuweisen hat, versucht sich der Darsteller mit allen Mitteln, gegen den immer wahnsinniger erscheinenden Regisseur und dessen Handlanger zu wehren. Doch aus der Spirale aus Irrsinn und Perversion gibt es kein so leichtes entrinnen.

Das wie in den 70ern das Kino bzw. Medium Film mal hier und da einen Skandal heraufbeschwören kann, gehört in der heutigen abgebrühten Zeit zu den eher seltenen Dingen. Im damaligen von Aufbruch beherrschten Jahrzehnt wehte eben auch durch die Filmkunst ein neuer Hauch, der mit dem alten Denken und seinen Werten brach und frischen Wind mit sich brachte. Dabei wirbelte dieser auch gehörig etwas auf, immerhin kann man die 70er als die größte Zeit der Skandalfilme ansehen. Da gab es den Letzten Tango in Paris (1972) von Bernardo Bertolucci, Andrzeij Zulawskis Nachtblende (1975) der Romy Schneider von einer völlig anderen Seite präsentierte, den japanischen Im Reich der Sinne (1976), die italiensichen Werke Das große Fressen (1973) oder auch natürlich der bis heute noch sehr umstrittene Die 120 Tage von Sodom (1975) von Pier Paolo Pasolini. Es gibt so einige Filme, die damals einen Aufschrei bei der Kritik und dem Publikum sorgten, aber auch eben letzteres um so häufiger in die Kinosäle trieb. Selbst eher weniger dem Autorenkino enstammenden Werke wie der heutige Horrorklassiker Der Exorzist (1973) war da für einen Skandal gut. Doch spätestens ab den 90ern und vor allem im jetzigen Jahrzehnt war es immer schwieriger, den Zuschauern und auch der Kritik Stoff für Diskussionen zu bieten. Es gab immer wieder grenzwertige Stoffe wie etwa Baise-Moi (2000), Irreversible (2002) oder Lars von Triers letztem Streich Antichrist (2009). Doch so richtige Skandale wurden fast gar nicht mehr entfacht.

Ausgerechnet aus dem auf der filmischen Landkarte eher noch blass erscheinenden Serbien kommt noch ein Werk in die Welt, über dass sich nun Leute im Internet schon die Finger wund tippen und wenigstens bildlich die Mäuler zerreißen. Ganz simpel lautet der Name des Films A Serbian Film. Unscheinbar im Titel, doch umso gräßlicher im gezeigten. Sehr interessant ist seit dem Einzug des Internets in der Welt des Filmliebhabers dass man so auch über Filme diskutieren kann, die man nicht mal gesehen hat. Es wird in einschlägigen Foren vorverurteilt und gestritten, bis der Arzt bzw. der Moderator kommt und auch mal wegen zu hitziger Wortgefechte die Threads dicht machen muss. Fakt ist, das Srpski film - so der Originaltitel - bisher nicht in den deutschsprachigen Raum verkauft wurde. Grund hierfür sind immens hohe Lizenzkosten sowie auch die durchaus rechtliche Unbequemlichkeit, die der Film so mancher Firma in seiner ungekürzten Fassung bescheren würde. Selbst österreichische Anbieter ungeschnittener Ultramettgutwerke haben bei diesem Film ob seiner Brisanz angeblich dankend abgelehnt. In der Tat ist es auch so, dass selbst für den abgebrühtesten Filmliebhaber dieses Werk eine kleine Prüfung darstellen könnte. Man muss aber hinzurechnen, dass hier gerade auch der Hype durch die vielen Diskussionen im Internet dem Film einen gewissen Ruf beschert hat. So könnte er zum Beispiel nach dem asiatischen Men Behind The Sun (1987) in den guten alten Videozeiten mit Sicherheit für einige Gorehounds der ultimative Test sein, was man an Filmen schon alles aushalten kann. Doch die sind mit Sicherheit schon solch plump-provokativen Sondermüll wie die August Underground-Werke gewöhnt.

Im Gegensatz dazu ist der von Srdjan Spasojevic realisierte Film alles andere als billig umgesetzt. Der Produktionsstandard des Werks ist sehr hoch und gut umgesetzt, so dass sein realistischer, teils sehr düsterer Stil die gezeigten Schockerszenen noch gut unterstreicht. Dabei ist das Wort "Schockerszenen" was A Serbian Film angeht, weitaus untertrieben. Man schafft es hier vielleicht sogar, wirklich die letzten Tabus zu brechen, die man innerhalb einr fiktiven, filmisch erzählten Geschichte, so überhaupt brechen kann. Nach der französischen Splatterdreifaltigkeit Frontier(s) (2007), Inside (2007) und gerade Martyrs (2008) muss man sich in diesem Fall aber auch die Frage stellen, ob Spasojevic einfach nur so "Just For Fun" sondern aus bewußtem Kalkül provozieren möchte oder dies eben seine ganz eigene, äußerst radikale Form von Unterhaltungskino (wobei man sich wirklich fragen muss, inwieweit das ganze noch Unterhaltung ist) in Kombination mit kritischen Elementen ist. Vergleicht man ganz lapidar die drei genannten Werke mit dieser ganz frischen "Skandalnudel", so ist man doch versucht, mit dem doch ebenfalls etwas reißerischen Vergleich anzukommen, dass die trotzdem schon sehr harten französischen Horrorwerke im Vergleich zu A Serbian Film locker als fluffige Nachmittagsunterhaltung für die ganze Familie durchgehen kann. Sie sehen im Gegensatz zu ihm irgendwie echt alt aus, auch wenn er nicht mal den Blutgehalt von Inside erreicht.

Neben den extrem heftigen (selbst dieses Wort scheint hier untertrieben zu sein) Gewalteruptionen ist vor allem eine Trostlosigkeit, die der Film versprüht und die wunderbar in der Figur des Milos eingefangen wird. Seine Vergangenheit verfolgt ihn und so richtig kann er sie auch nicht wirklich ablegen. Selbst wenn er es versucht. Sie ist omnipräsent und gerade mit dem Auftauchen seiner ehemaligen Partnerin Laylah ihn in einen Strudel aus Gewissenbissen stürzt. Der etwas wehmütige Blick auf die Sammlung seiner eigenen Filme auf DVD zeigt davon, dass er trotz neuem und behütetem Leben nicht ganz mit dem alten Sein abgeschlossen hat. Selbst im Ehebett betrachtet er seine Werke und der immer recht präsente Konsum von Whiskey zeigt, dass er damit vor allem bestehende Sorgen so gut es geht ertränken bzw. wegspülen möchte. Es kribbelt ihn, wenn dieses verkommene, unmoralische Mädchen wieder auftaucht und davon erzählt, wie Vukmir ihn so gerne als Darsteller für diese ganz besondere Art von Porno haben möchte. Doch trotz der vielen schäbigen Werke, in denen er zuletzt mitgewirkt hat, ist in Milos auch immer noch genug Moral und Anstand vorhanden, dass er die Visionen seines Regisseurs nicht einfach so teilen kann. Dieser ständig von der Kunst der Pornographie philosophierende Mensch wird übrigens wirklich brillant von Sergej Trifunovic dargestellt. Ihn umhaucht so etwas wie eine ganz besondere, faszinierende Aura, auch wenn man eigentlich in seinem tiefsten Inneren weiß, dass von ihm nichts gutes ausgeht. In den intensivsten Szenen läßt Regisseur Spasojevic Vukmir durch geschickte Kameraeinstellungen schon beinahe diabolisch aussehen. Er erinnert dabei mit seinem glühenden Blick, einem bösartigen Lächeln und gerade auch durch sein Äußeres mit Vollbart, zurückgegeltem Haar und feinem Zwirn so ein klein wenig an De Niros Luis Cyphre in Angel Heart (1987). Mit dem Unterschied, dass es A Serbian Film jegliche übernatürliche bzw. phantastische Note fehlt.

Hier regiert der blanke, schonungslose Realismus. Harte, ungeschönte Bilder treffen den Zuschauer ins Mark und werden von einem industriallastigen, elektronischen Soundtrack untermalt. Diese dadurch entstehende Kälte schafft es aber trotzdem, ein gutes Stück an Atmosphäre zu transportieren. Der Film ist vor allem eines: schonungslos offen. Der Anfang präsentiert eine Szene aus einem der vielen "Wichsvorlagen", in denen Milos agiert hat und auch durch seine Handlung ist Sexualität in all ihren Formen omnipräsent. Man könnte hier nun A Serbian Film als eine unbequeme Melange aus Sex und roher Gewalt abstempeln, einem Streifen, der einfach nur für ein Publikum gemacht wurde, dass auf genau sowas anspringt und dieses abfeiert. Er hinterläßt aber einen gewissen Zwiespalt. Denn wie bei seinem Protagonisten Vukmir so bleiben auch die genauen Absichten von Spasojevic irgendwie im Dunkeln. Man spürt, dass dies irgendwie mehr als nur der neuerliche Versuch eines absoluten, ultimativen Schockers ist. Der Umgang mit Sexualität im Film ist eine rohe, animalische Art die sehr gut aufzeigen kann, wie überreizt der Mensch mit Sex und Co. gerade mit dem Umgang der heutigen Medien damit ist. Als bezeichnend kann man hier eine Szene nennen, die Milos bei Flucht vor den Schergen des Regisseurs in einen kleinen Laden treibt. Durch einen Drogencocktail mitgenommen, taumelt er eher durch den Laden und wenn die Kamera Milos darstellt und der Zuschauer die Umgebung so wie dieser wahrnimmt, gibt es eine schöne Einstellung, die sich immer wieder durch einschlägige Männermagazine windet. Man wird benommen, betäubt und weiß nicht wirklich mehr, wie Sexualität überhaupt mal so richtig funktioniert hat. Die Trennung zwischen Beruf, reinem Trieb und dem Gefühl wird auch sehr stark deutlich, als Milos seiner Frau zeigt, wie er mit seinen damaligen Kolleginnen umgesprungen ist. Die starke Aufeinanderfolge zwischen gewaltsamen Nehmen seiner Ehegattin und dem innigen, zärtlichen Liebesspiel ist eine starke Sequenz. Genauso stark und intensiv wie der Rest des Films.

Allerdings werden da nicht so sehr Grenzen gesprengt, wie im späteren Verlauf. Zwar kratzt A Serbian Film irgendwo auch an der auch nicht mehr so frischen Torture- und Snuff-Thematik, hat allerdings auch noch genügend Eigenständigkeit aufzuweisen. Immer wieder fallen auch die starken Bezüge auf das Enstehungsland auf. So vergleicht gerade Vukmir in seinen wahnhaften Monologen die Siuation zwischen dem heutigen Leben und der Pornographie immer auch mit Serbien. Ist dies also Spasojevics Umgang und Abhandlung der (jüngeren) Geschichte seines Heimatlandes? Ist dies Konstrukt der Familie von Milos sowas wie die Zukunft Serbiens, die im Zusammenhang mit der Geschichte als Aussichtslos gedeutet werden kann? Wenn ja, so zeichnet der Regisseur ein sehr hoffnungsloses Bild. Bis auf Milos' Frau und seinen Sohn Petar sind die Figuren gezeichnet von ihrer Vergangenheit oder ihren Dämonen. Es wird auch (leider) sehr kurz auf eine gewisse Vergangenheit Milos' zu Zeiten des Bürgerkriegs eingegangen, allerdings nicht weiter beleuchtet. Spasojevic kratzt hier und da an der Oberfläche, traut sich allerdings nicht, dies dann zu vertiefen. Unausgegoren möchte man das nennen, immerhin drückt er uns dann in den Gewaltszenen ganz tief mit seinen schmutzigen Fingern in die offene Wunde und schüttet dann hinterher - um die Metapher noch weiter auszureizen - Salz hinein. Der Film ist wirklich unbequem und ganz zart besaiteten ein wirklich sehr flaues Gefühl im Magen bereiten. Wie angesprochen, gibt es hier nicht erwartete Tabubrüche, die bestimmt auch weiterhin zu einigen Kontroversen führen dürfen.

So ist es dann auch, dass das Gesamtwerk nach Genuss dann doch äußerst schwer im Magen liegen bleibt. Man kann ihm aber keine billige Machart vorwerfen. Der Produktionsstandard ist wie erwähnt äußerst hoch, und kann durch eine moderne Montagetechnik und gut eingefangene, sehr dunkle und zuteils äußerst surreal anmutende Bilder bestechen. Auch die mimische Seite ist mehr als nur solide. So ist auch Srdjan Todorovic als Milos mehr als nur überzeugend. In seinen Versuchen, sich wieder an die Geschehnisse rund um den Pornodreh zu erinnern, zeigt er sein Können. Sein sehr abgehalftertes und verzweifeltes Auftreten im Gegensatz zu früheren Tagen - manche Szenen aus seinen Filmen präsentieren ihn als strahlenden und wortwörtlich standhaften "Helden - ist wirklich sehr gut herausgearbeitet. Er präsentiert sich teils wie ohnmächtig und das aufbäumen und wehren gegen Vukmir und Kumpanen sind das Ergebnis der Konzentration seiner letzten Kräfte. Stellt also Milos auch so etwas wie die guten Werte Serbiens dar, auch wenn die Vergangenheit irgendwo "schmutzig" ist und der Antagonist in dieser Geschichte die neuen, bösen Seiten? Doch selbst hier zeigt er keine schöne Zukunft. Fragen kommen auf, bleiben allerdings leider sehr vage und unbeantwortet. Aber dieser Gegensatz zwischen dunklem, hintersinnigem Thriller und ultrabrutalem Schocker ist zu grob, zu groß. Es bleibt einfach ein gewisser Zwiespalt erhalten, der den Film fast ungoutierbar werden läßt. Der Freund grober, filmischer Gewaltphantasien mag in seiner Vorstellung beim Lesen von diversen, ersten Reviews sich freudig die Hände reiben. Dem Cineast dürfte es trotz guter Ansätze doch etwas zu plump und roh erscheinen.

Es ist ein wilder Film, der auf jeden Fall eines ist: unbequem. Aufsehen erregt Spasojevic auf jeden Fall mit seinem Debütwerk. Wenn er auch nur das gewollt hat: Bravissimo, es ist ihm so gut wie schon lange keinem anderen Regisseur gelungen! Er schuf hier ein extremes Werk, der auf dem schmalen Grat zwischen Grenzwertigkeit und hintersinnigem, kritischen Thriller mit extrem viel Potenzial wandert. Eine genaue Bewertung scheint da teilweise gar nicht möglich, so schockierend erscheint er in manchen Szenen die auch hinterher noch etwas nach dem Genuss so eines Werkes mitschwingen. Es ist nicht nur ein weiterer Schocker, doch die letzte Konsequenz, auch außerhalb der brachialen Szenen mit einer genau so schmerzenden Unbequemheit den Zuschauer auch mit kritischen Untertönen zu konfrontieren, scheut man sich leider doch noch etwas. Obwohl A Serbian Film so viel Staub aufwirbelt. Und das auf mehreren Ebenen. Egal ob es nun eine sehr verquerte Aufarbeitung der serbischen Geschichte ist oder die Entfremdung des Menschen was Gewalt und Sexualität angeht aufzeigen will: hier gibt es zu wenig konkret zuzuordnende Szenen. Viel Ansätze, die sich irgendwo im Nichts aus Blut, Gewalt und Schock verlieren. Aber auch so nachhaltig einen gewaltigen Eindruck hinterläßt. So gewaltig, dass man am Ende wirklich eines sagen kann: Der Film ist ein Skandal. Man kann hinterher vor allem so einige Kraftausdrücke in die Richtung des Regisseurs schicken. Vor allem ist er trotz der so abgestumpften Zeitgenossen und Welt - die er so mit all seinen kranken Sequenzen vielleicht auch anprangern möchte - dazu in der Lage, diese mal wieder aufzurütteln.
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Sonntag, 4. Juli 2010

I'll Never Die Alone

Die Freundinnen Carol, Leonor, Yasmine und Moira befinden sich mit dem Auto auf einem Trip zu einem nicht näher genannten Ziel durch das argentinische Hinterland. Die Fahrt verläuft ruhig, bis sie am Wegesrand ein schwer verletztes Mädchen liegen sehen. Noch während man überlegt, wie man nun weiterverfährt fallen Schüsse und in der Ferne bemerkt das Quartett drei Männer, die nicht gerade wohlgesonnen aussehen sowie mit Sicherheit etwas mit dem Schicksal der Verletzten zu tun haben. Man nimmt sich dieser an, schleppt sie zum Auto und flieht vor den Fremden in die nächste Stadt und zum Polizeirevier. Nachdem man dort die üblichen Formalitäten hat über sich ergehen lassen, ist die Weiterreise alles andere als ruhig. Die fremden Männer machen Jagd auf die Frauen, bringen diese in ihre Gewalt und Missbrauchen sie aufs Fürchterlichste. Man gibt sich allerdings all zu selbstsicher. Alsbald folgt bei den misshandelten Freundinnen auf den Schock die pure Wut auf ihre Peiniger und beginnen, sich an diesen zu rächen.

Das Feld des schmierigen B- bzw. Exploitationfilms hat während der Zeit schon einige unbequeme und vor allem kontroverse Strömungen hervorgebracht, die auch heute noch bei Fans des Genrefilms zu angeregten, wenn nicht sogar hitzigen Diskussionen führt. Ganz gleich ob folternde Nazis, Kannibalenhappenings im tiefsten Dschungel oder die ultrabrutalen, asiatischen Sickos: jedes Subgenre hat sowohl Freunde als auch Gegner. Zu den eher kontroversen Subgenres gehört auch das Feld des Rape and Revenge-Films, initiert durch Wes Cravens Last House On The Left (1972) welches vor einiger Zeit sogar mit einem frischen Hollywood-Remake "geehrt" wurde. Durch dessen Erfolg beflügelt, folgten sowohl aus den USA als auch aus dem europäischen Raum einige ähnlich geartete Filme. Diese besitzen ein gleichbleibendes, einfachstes Muster: unschuldige weibliche Wesen gelangen in die Gewalt brutalster Bestien in Männergestalt und werden nachdem sie vergewaltigt, verprügelt oder andersweitig Misshandelt werden zu Racheengeln um sich an den Tätern zu rächen. Sofern sie es denn überleben, im Falle vom angesprochenen Last House On The Left rächen sich die Eltern am Tod ihrer Tochter.

Glanzzeit dieser Strömung waren die 70er und bis in die Anfänge der 80er Jahre wurde immer wieder mal so ein Rape'n'Revenge-Flick unter das geifernde Volk geworfen. Mit dem 1980 entstandenen Muttertag wurde der Höhepunkt erreicht und hinterher wurde es deutlich ruhiger in dem Genre. Doch bis zum heutigen Tag erinnert man sich hier und da immer wieder an solche heftigen Werke wie I Spit On Your Grave (1978) oder dem italienischen Mädchen in den Krallen teuflicher Bestien (1975). Der ziemlich frischste Eintrag dürfte dabei I'll Never Die Alone sein, einem Film mit ziemlichen Exotenstatus, kommt es doch nicht alle Tage vor, dass aus Argentinien eine in der Tradition alter Exploitationklopper stehende Produktion auf den Zuschauer losgelassen wird. Wobei man sich hier weitaus weniger schmuddelig gibt als die großen Vorbilder. Trotz dass es sich hier um eine Independent-Produktion handelt, kann diese überraschend gut mit einer gewissen Eigenständigkeit und sehr sorgfältigen Inszenierung punkten.

Verantwortlich dafür zeigt sich der in Spanien geborene Adrián García Bogliano, der schon seit den ausgehenden 90ern auf den Pfaden des Filmemachens wandelt. Dabei zeigt Bogliano auch bei diesem Film, welch Gespür er doch hat, auch aus eher wenigen Mitteln ein durchaus ansprechendes Werk zu inszenieren. Gerade den für einige Filme weniger dienlichen spröden digitalen Look weiß er wirklich ausgezeichnet für seine Zwecke zu nutzen. I'll Never Die Alone lebt vor allem durch seine helle Farbgebung und einem dadurch blassen Bild, dass trotz wenig aufkommender Atmosphäre alles andere als ein Fehler ist. Hier paßt es wunderbar zur gesamten Art, wie sich der im Original betitelte No Morire Sola präsentiert. Der Film gibt sich so sehr nüchtern, bietet fast schon einen dokumentarischen Stil, der auch durch einige extreme Nahaufnahmen der Kamera untermauert wird. Diese klebt förmlich an den Gesichtern der vier Protagonistinnen. Allerdings darf man hier keinen modernen "Wackelkamera"-Film erwarten. Dafür ist er in seiner Art viel zu ruhig. Auch wenn die Wortwahl für so eine Art von Streifen unpassend erscheint: I'll Never Die Alone bietet eine sehr ruhige, meditative Stimmung.

Sehr unaufgeregt wird die Geschichte voran getrieben und kommt dabei auch recht zügig zur Sache. Schon bald finden die vier Freundinnen das Mädchen und wenn dann die ersten Schüsse fallen, ist man mitten drin im Geschehen. Selbst hier bleibt der Stil sehr ruhig und gelassen. Action ist gegeben, allerdings ohne große Adrenalinschübe. Hier erzeugt Bogliano eine sehr feine Eindringlichkeit. Am intensivsten wird Bogliano, wenn seine vier Heldinnen in die Fänge ihrer Peiniger geraten. Schon durch die minimalistische Inszenierung in Meir Zarchis I Spit On Your Grave wird das Geschehen um den Missbrauch und die Vergewaltigungen zu einem äußerst unangenehmen Ding für den Zuschauer. Auch Bogliano verfolgt diesen Weg. Keine zusätzliche Lichtquelle und kaum Musik werden in diesen Szenen benutzt. Allerdings wird der Ton durch diverse Effekte verzerrt, um einen noch stärkeren Effekt der Gräueltaten zu erzielen. Dadurch, dass auch hier die Kamera auf den Gesichtern der Frauen klebt und man so deren Leid und Verzweiflung sehr deutlich mitverfolgen kann, wird I'll Never Die Alone zu einem alles andere als leicht verdaulichem Werk. Die Gewalt wird schonungslos gezeigt und trotz dass es sich auch hier um einen Exploitationstreifen handelt, kann man eigentlich nicht davon reden, dass diese selbstzweckhaft eingesetzt wird. Es wird nicht immer schonungslos auf das Geschehen draufgehalten. Umstände des wohl eher bescheidenen Budgets. Die Mischung aus Gewaltausbrüchen vor der Kamera und dem einsetzenden Kopfkino funktioniert wirklich gut.

Problem: die Beweggründe der Männer bleiben im Dunkeln. Es gibt keine großen Anhaltspunkte, weswegen sie überhaupt ihre Zeit damit verbringen, wehrlose Frauen zu missbrauchen, zu vergewaltigen und zu töten. Hier bleibt das Buch etwas dünn und versteift sich auf die Schilderung der Wandlung der Opfer zu Tätern und dem Rachethema. So kann man sich durch die doch recht zügige Vorantreibung der Geschichte auch nicht wirklich eine Identifikationsfigur innerhalb des Quartetts ausmachen. Es bleiben Opfer, deren Leid man zwar nicht gänzlich an sich vorüber ziehen lassen kann, dafür hat Bogliano die Szenen des Missbrauchs wirklich intensiv umgesetzt, doch man wird nicht so wirklich gepackt. Dies zeigt sich vor allem daran, wenn die Geschichte umschwenkt und die Täter zu den Opfern werden. Die Rache und die Wut der gequälten Frauen explodiert nicht mit so einer Intensität wie in den alten Vorbildern. Auch wenn man hier äußert unschönes bewundern darf, so bleibt man irritiert unberührt von den Bildern. Trotzdem vermag der Film weiterhin den Zuschauer bei der Stange zu halten. Denn so einen äußerst ruhigen Rachethriller hat man schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Es ist ein stimmiger Film, dem mit dem "Exotenstatus" Argentinien als Herkunftsland einmal ausgeblendet, immer noch genügend Eigenständigkeit und vor allem Können der Macher bleibt. Auch das mimische Verhalten weiß zu überzeugen, gerade bei den Protagonistinnen. Die im Film vorkommenden Männer bleiben - noch mehr als die Frauen - blass und haben keinerlei charakterliche Zeichnung geschenkt bekommen. Sie wirken wie unmenschliche Bestien. I'll Never Die Alone konzentriert sich auf den leichten Thrill, der trotz der gewissen Distanziertheit zum Geschehen doch aufkommen kann. Es scheint aber auch ein Kniff zu sein, um so die Frauen gerade bei ihrer Rachetour als stärker gegenüber den Phallusträgern darzustellen. So benutzen diese auch gerne mal ihre Knarren während des Missbrauchs als verlängertes Geschlechtsorgan. Gewalt scheint hier ausschließlich männlichen Geschlechts zu sein. Emanzipiert gibt man sich verhalten, doch wenn gegen Ende die blanke Wut einer der gequälten Frauen über die Todesangst siegt und sie ihrem Peiniger mit wahnsinnigem Blick Paroli bietet, so ist dies bezeichnend. Man könnte sich fürwahr an der dünnen Story stören, doch ist man dies schon von anderen Rape and Revenge-Werken aus der Vergangenheit gewöhnt. Dafür bietet der Film viele andere Qualitäten. Seine langen Einstellungen, die intensiven Aufnahmen der Gesichter und seine Schonungslosigkeit zeugt von Talent und Gespür. Selbst, wenn der Stoff unverkennbar aus der Exploitationecke kommt. Er mag für den Freund gepflegter Hirn aus-Kost zu langatmig erscheinen. Doch wer sich darauf einläßt, bekommt einen guten Rachethriller dem es an der Distanziertheit zu den Figuren krankt. Wäre der Film etwas mitreißender gestaltet, so wäre der gute Gesamteindruck noch steigerbarer.
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Sonntag, 23. Mai 2010

No Reason

Jäh wird Jennifer aus ihrem bisher unscheinbaren und gut verlaufenden Lebensumständen gerissen. Die bald mit dem geliebten Gatten vor einem Umzug stehende junge Mutter erlebt dabei einen alles andere als normalen Tag: Sie erhält neben befremdlichen Besuchen ihrer baldigen Ex-Nachbarn und eines Postboten mit dringendem Bedürfnis. Nach einem Einkauf ist ihre ältere Nachbarin, die auf ihren Sohn Niko aufgepaßt hat spurlos verschwunden und dem Abschiedsgedicht einer anderen Hausbewohnerin sind Bilder beigefügt, die Jennifers Mann Sebastian beim Liebesspiel mit eben jener Hausgenossin zeigen. Um den ersten Schock zu überwinden, nimmt sie ein Bad und schläft in der Wanne ein. Als sie wieder aufwacht, befindet sie sich nackt auf dem Boden ihrer Wohnung, der über und über mit Blut und Leichenteilen bedeckt ist. Verantwortlich zeigt sich dafür ein geheimnisvoller, maskierter Mann der Jennifer durch eine ganz eigenwillige Philosophie zum rechten Weg und ins "weiße Licht" führen will. Dabei muss die junge Frau schreckliche Bilder und einiges an psychischer wie physischer Folter über sich ergehen lassen.

Deutschland ist auf der Filmlandkarte für phantastischen Stoff über die Jahre hinweg ein eher weißer Fleck geblieben. Es gibt kaum ernstzunehmende und erwähnenswerte Produktionen großer, hiesiger Filmstudios aus den letzten Jahren. Mal ganz neue Mainstream-Produktionen wie die Resident Evil-Reihe die mit deutschen Geldern mitproduziert wurde, außen vor gelassen. Der Fan des härteren Horrorfilms hat hier meist schon immer das nachsehen gehabt. Außer, wenn er dann mal selbst zur Kamera greift und mit Freunden und vielleicht sogar Verwandten selbst seinen großen Vorbildern nacheifert und in alten Schuppen, Garagen und natürlich im Wald seine Version von bekannten Versatzstücken der Phantastik zu einem Film zusammenwirft. Der sogenannte Amateurfilm erfreut sich dabei schon seit ebenfalls mehr als 25 Jahren im Horrorfandom einiger Beliebtheit. Zum germanischen Splatterpapst hat man dabei den in Fürstenfeldbruck geborenen Olaf Ittenbach erhoben. Dieser schuf 1989 mit Black Past seinen ersten Horrorstreifen und vergrößerte über die Jahre hinweg nicht nur den eigenen Standard was seine eigens produzierten Filme anging, sondern auch den Blutgehalt.

So müsste eigentlich jeder, der sich "Gorehound" nennt und was für derben Blut- und Gekrösemischmasch übrig hat, fast schon einen Schrein für "Itti", wie Ittenbach teils von seinen Fans genannt wird, aufgebaut haben. Immerhin hat auch der neue deutsche Trashgott Uwe Boll für seinen Bloodrayne auf die Dienste des gelernten Zahntechnikers zurückgegriffen. Ittenbach war dabei schon immer polarisierend und bestes Beispiel für die eher dem niveauvolleren Horrorfilm zugeneigten Fans, wie man Filme eben nicht macht. Mit seinem zweiten Film Burning Moon erregte der Nachwuchsregisseur jedenfalls auch die Aufmerksamkeit der Staatsanwaltschaft, die ihm u. a. fast sämtliche Masterbänder beschlagnahmten. Im wohligen Bayern darf man eben keine bösen Filme drehen. Doch er lies sich nicht beirren, schaffte es für seinen Premutos eine gut fünfstellige Summe für die Produktionskosten zu verbrauchen und legte die Messlatte für andere, auch mittlerweile durch ihn selbst inspirierte Hobbyfilme deutlich höher. Mit seinem From Dusk Till Dawn-Verschnitt Legion of the Dead trieb es ihn sogar zum ersten Mal in die USA, während dabei seine Filme immer mehr einen eher semiprofessionellen, anstelle eines amateurhaften Look bekamen. Doch nach Dard Divorce und der reichlich geschmacklosen Satire Familienradgeber (sic) kamen Gerüchte auf, dass es finanzielle Probleme beim Liebling der Ultrasplatterfans gäbe. Dies führte soweit, dass er seinen Rücktritt vom Filmemachen bekanntgab und sich nur noch auf das Produzieren von Spezialeffekten konzentrieren wolle. Doch dank eben seiner Fans, beglückt Ittenbach uns nun doch noch weiter mit Filmen. Neben dem angekündigten und erwarteten Legend of Hell ist der nächste Eintrag in seine Filmographie No Reason.

Anders als die von übermütigen Teens mit Drang zum Ausprobieren äußerst wiederwärtiger und doch immer als einfach zu entlarfenden Special Effekts schlicht sich über die Jahre hinweg bei den Werken von Ittenbach ein gewisser, hoher Standard ein. Doch irgendwie scheint er noch ein wenig zu sehr gebeutelt vom Trouble der letzten Zeit zu sein. In Zeiten, in denen sich die Independent- und Amateurfilmer Deutschlands immer besser vernetzen, organisieren und auch einige mehr, mal weniger ansprechende Werke hinbekommen, sieht man Ittenbach nach dem Genuss seines neuesten Werks angeschlagen in den Seilen des Boxrings hängen. Und während er da so hängt, zählt der Ringrichter eiskalt bis 8. Und sollte der eben erwähnte Legend of Hell nicht ein Glücksgriff und letztes Aufbäumen des einstigen, fast allein stehenden "Splattermeisters" aus Deutschland, sein, so ist dies definitiv das KO für Ittenbach. Ein großer Geschichtenerzähler war er noch nie und wird es auch nie sein. Ein Aspekt, den vor allem immer wieder gerne seine Kritiker rauskramen, wenn es um sein Schaffen geht. Ansatzweise schafft er es ja doch, was vor allem sein bis dato bestes Werk Beyond the Limits oder auch noch Chain Reaction beweißen. Trotz ihrer Einfachheit können die beiden Filme durch eine für die eher verhaltenen Produktionskosten dennoch immens gute Ausstattung und Umsetzung punkten. Es sind eben simple Werke ohne große Botschaft, die darauf aus sind, die Zielgruppe mit möglichst vielen und derben Effekten zu bespaßen. Das kann durchaus funktionieren und wird in diesen Filmen auch recht stimmig eingefangen.

Doch bei No Reason bleibt Ittenbach einem alles schuldig, was man bisher als positiv an seinen Werken gefunden hat. Vor allem macht er den Fehler, eine pseudo-tiefgreifende Geschichte zu erzählen, die alsbald vor allem durch unfreiwillige Komik deutlich punkten kann. Schnell mutiert der Film zu "Ittenbachs kleiner Farbenlehre", wenn Protagonistin Jennifer splitterfasernackt in der Wohnung erwacht und eine Einblendung bedeutungsschwanger etwas von "Ebene 1" und "Level: Rot" verkündet. Vier an der Zahl gibt es in dem Film. Neben Rot wird der Zuschauer und natürlich auch Jennifer durch grüne, blaue und zuletzt gelbe Ebenen gehetzt. Damit es auch die letzte, unterbelichtete Splatternase mitbekommt, werden diese Sequenzen durch Farbfilter in der entsprechenden Kolorierung eingesetzt. Ein "schlauer" Schachzug von Ittenbach, auch um so etwas Atmosphäre aufzubauen. Es bleibt allerdings bei dem Versuch. Denn sowas stellt sich durch den stetig beiwohnenden, sterilen (digitalen) Videolook nicht wirklich ein. Obwohl er sowas im Ansatz, siehe noch einmal Beyond the Limits, durchaus hinbekommen kann. Bemührt wirkt Ittenbach, hier eine Geschichte aufzubauen um das Grauen in das Leben seiner Hauptdarstellerin schleichen zu lassen. Die Begegnung mit den Nachbaren kann man dabei schon als erste Vorboten, dass etwas nicht stimmt, ruhig lassen. Doch alleine schon der Postbote mit seinem dringenden Bedürfnis, dem er sehr penetrant im Bad von Jennifer nachkommen möchte, entbehrt jeglicher Logik und Sinnhaftigkeit. Zeitschinderei kommt einem da in den Sinn, damit der mit 73 Minuten ohnehin schon recht kurze Filme noch etwas an Länge gewinnt.

Und so darf man sich dann im weiteren Verlauf der Story an allerlei Schmarrn, wie man in Bayern ja so schön sagt, der vollkommen Sinn- und Verstandfrei eingefügt wurde, ergötzen. Ja, man fragt sich wie Jennifer ebenfalls nach dem Warum. Das es einem dabei verdammt schwer fällt, war sogar eine Intention Ittenbachs, doch mit fortlaufender Zeit erhält die Frage einen leidenden Unterton. So fragt man sich schon, wieso Jennifer aus einem Buch über Fahrenlehre vorlesen muss, sich dabei immer wieder Videos - gedreht vom maskierten Philosophen - in denen ihre Nachbarn und andere Personen das Leben aushauchen anschauen. Wenn denn nun der wohl solchen Figuren wie Jigsaw nachempfundene Herr mit verstellter Stimme verheißungsvoll "Starte deinen Media Player" befiehlt, so ist jegliche Stimmung schnell flöten, hört sich dies doch eher wie ein schlechtes Windows-Tutorial mit heißerer Sprachausgabe an. Doch nicht nur Saw und Co. scheinen etwas Inspiration für Ittenbach gewesen zu sein. Betrachtet man nur mal die Maske des Killers, Lehrers oder wie man ihn auch immer nennen soll, so fallen einem vor allem einige Geschichten des Autoren H. P. Lovecraft ein. Die am Kinn befestigten Gummitentakel erinnern an die bekanntesten Illustrationen bzw. Darstellungen von Lovecrafts großer Gottheit Cthulhu. Zudem erinnern auch einige Kreaturen, die man während der grünen Ebene zu Gesicht bekommt, in ihrem Aussehen deutlich an die Gespinste des Mannes aus Providence. Eigene Ideen scheinen sowieso eher Mangelware gewesen zu sein. Immer wieder fühlt man sich bei No Reason an eine große Zitateshow erinnert, bei der man sogar bei einigen Effekten an bekannte Filme wie Hellraiser zum Beispiel denken muss. Zur Verteidigung Ittenbachs könnte man nun sagen, dass er doch besser gut geklaut als schlecht erfunden habe, aber Fehlanzeige. Wenn No Reason etwas ist, dann stückhaftig.

Die verschiedenen Ebenen, in denen die Protagonistin auf der Suche nach ihrem geliebten Sohn und der Erlösung und der Zuschauer nach dem Sinn des ganzen ist, sind ein Versuch die flache Story durch nonlineares Storytelling künstlich aufzublähen. Falsche Fährten will der gute "Itti" legen, doch dises sind schon so alt, dass sie meterweit gegen den Wind stinken. Das esoterisch angehauchte Geschwurbel um Erlösung, dem weißen Licht und das bringen auf den rechten Weg ist dabei nicht gerade zuträglich. Hätte man nun Talent, Monologe bedeutungsschwanger und mit Tiefe zu versehen, wäre dies sogar ein Pluspunkt. Doch man verhaspelt sich in hanebüchenen Zeilen, bei denen viel mehr immer wieder von Farbmischungen gesprochen wird, die entweder Weiß oder Schwarz ergeben. Selbst der Versuch, die Geschichte durch einen Twist eine ganz andere Richtung zu geben, damit auch der Anfang zur restlichen Story paßt, ist ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Alles als eine Illusion der Protagonisten darzustellen, die in einer Art Traumwelt lebt, mag an anderer Stelle funktionieren. Bei No Reason versagt sie aber. Selbst was die blutrünstigen Effekte angeht, immer eine Bank bei seinen Filmen, versagt Ittenbach. Es gibt zwar einiges an herben Szenen und Liter um Liter Kunstblut zu bewundern, doch im Matsch der Farbfilterei gehen diese die meiste Zeit unter und versagen in ihrer eventuell angedachten Schockerwirkung. Der für so manchen kranken Einfall gute Ittenbach gibt sich erstaunlich ideenarm, was das individuelle Aushauchen von Lebenslichtern angeht.

Und spätestens, wenn man in der grünen Ebene, welche in etwa einer zehn mal krasseren Version eines Fetischclubs gleich kommt, in einem kurzen Cameo Ittenbach selbst sieht, wie er von zwei Dominas ausgepeitscht wird, ist man versucht, dies mit ihm auch zu tun. Für die unendlichen Qualen, die nicht etwa seine Protagonistin, sondern der Zuschauer für so einen Kokolores erleiden muss. Wenigstens gibt sich Irene Holzfurtner einige Mühe, die leidende Jennifer so gut wie möglich darzustellen. Mal gelingt es ihr mehr, mal weniger. Die fürsorgliche Mutter vom Anfang würde allerdings so manchen Hosenmatz sowieso weg von seiner Mama in die Flucht schlagen. Selbst der Timo Rose-Stammdarsteller Andreas Pape kann in seiner ohnehin recht kleinen Rolle nicht wirklich überzeugen. Der Rest des Casts paßt sich dabei dann dem knapp über Normalnull liegendem Niveau des schauspielerischen Talents an. Geradezu hölzern agiert hier Mathias Engel als Jennifers Gatte. Richtig bizarr wird es, wenn am Schluß der als Lionel bekannte Hauptdarsteller Peter Jacksons Splatterkomödie Braindead einen Pathologen gibt und sichtlich mit Mühen seinen deutschen Text runterleiert. Wenn man sich No Reason so anschaut, dann kann man auch davon ausgehen, dass selbst der größte Ittenbach-Fan mit Sorgenfalten den Film zur Kenntnis bringt. Nach den für seine Verhältnisse bekannten Standards, scheint er jetzt einige kleinere Brötchen zu backen, was man auch an den billigen Locations merkt. Hiermit nähert er sich den Leuten und deren Produktionsmethoden an, die einst auch durch ihn inspiriert mit dem Filmen angefangen haben. Und nach so einem Totalausfall wie No Reason scheinen diese Ittenbach sogar wohl bald überholt zu haben.
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Freitag, 14. Mai 2010

Die Viper

Die Straßen Roms sind zu gefährlichen Pflastern geworden, in denen selbst solche Polizisten wie Lenny Ferro an ihre Grenzen stoßen. Auch wenn er ein Vollblutbulle ist, der immer zur rechten Zeit am rechten Ort ist um Mord, Raub oder Vergewaltigungen zu vereiteln: die gefaßten Gangster muss er durch Lücken im Gesetz oder ausgefuchsten Anwälten bald schnell wieder laufen lassen. Vollkommen rot sieht er, als er auf den buckligen Moretto trifft. Dieser scheint wie der von Ferro ebenfalls schon lange gejagte Ganove Ferando mehr Dreck am Stecken zu haben, als zuerst ersichtlich ist. Selbst als er wegen seinen überharten Methoden von seinem Vorgesetzten zum Bürodienst verdonnert wird, schafft es Ferro immer wieder, trotzdem auf den Straßen Roms die Ordnung wieder herzustellen. Erst recht, als auch noch seine Liebschaft, die Psychologin Anna, entführt und misshandelt wird um ihm einen Denkzettel zu verpassen. Anstatt eingeschüchtert zu werden, hat Kommissar Ferro dadurch erst so richtig Blut geleckt.

Wenn Maurizio Merli der ermittelnde Oberkommissar in italienischen Polizeistreifen ist, dann haben diese fast alle ein sehr ähnliches Muster. Es zieht sich zwar ein gewisser roter Faden durch den Film, doch dieser wird immer wieder durch episodenhafte Zwischenstücke unterbrochen. Meist geht es hier um die Jagd nach gewissen Paten und Fadenzieher im Hintergrund, die ein größeres Verbrechensimperium aufgebaut haben. Doch werden in anderen Poliziotteschi die Verbrechen der kleinen Fische dabei meist ausgeblendet, bekommen hier auch Handtaschendiebe eine gewisse Aufmerksamkeit geschenkt. Es wird kein Unterschied zwischen "großem" und "kleinem" Delikt gemacht. In der Welt des Maurizio Merli ist jedes Vergehen eine Sünde. Was man im ebenfalls von Umberto Lenzi gedrehten Die Gewalt bin ich (1977) eher andeutet, ist vor allem auch gut in Marino Girolamis Verdammte, heilige Stadt (1976) zu sehen. Auch hier wird die eigentliche Handlung von vielen kleineren Szenerien unterbrochen, die dann durch einige mal mehr, mal weniger gelungene Verstrickungen in die Rahmenhandlung eingeflochten werden. So auch in die Viper, in der wir erstmal Zeuge einer Razzia werden, die ein illegales Spielcasino hochnimmt.

Hier merkt man mal wieder, dass die Charaktere von Merli keine Gefangenen machen. Schon kaum in der Lasterhöhle angekommen, bekommt auch schon der erste finster dreinschauende Ganove einen vor den Latz geknallt. In den Filmen mit dem leider schon mit 49 Jahren verstorbenen Schauspielers trieft dabei das Testosteron fast schon literweise aus dem Bildschirm. Auch in Die Viper wird hier eine harte, von Männern regierte Welt gezeichnet, in denen Frauen nur Beiwerk oder Gebrauchsgegenstände sind. So unterhält Ferro zwar mit der Psychologin Anna, dargestellt von Maria Rosaria Omaggio eine Liebschaft, die aber nicht wirklich romantisch geschildert wird. Eingeführt wird sie, nachdem sie ein Gutachten für zwei jugendliche Diebe - natürlich von Ferro gefaßt - erstellt hat. Wenig später sieht man sie, wie sie sich nach einem Tête a Tête mit dem Polizisten noch im Bett aufhält. Die Beziehung wird angedeutet, aber nicht mit gewisser Tiefe weitergeführt. Umberto Lenzi zeigt mit dem Autoren Dardano Sacchetti allerdings auf, dass es aufgrund unterschiedlicher Auffassungen zwischen dem Herrn und der Dame nicht wirklich rund läuft. Ferro ist ein viel zu verhärteter, engstirniger Mensch, dem Toleranz in diesem Sinne wohl nicht wirklich ein Begriff ist.

Das Italien der 70er Jahre war mit einigen Verbrechen und Gewalttaten gesegnet, so dass in den meisten Poliziotteschi gerade die größten Städte als äußerst unsicherer Ort gezeichnet wurden. So auch Rom in Die Viper. Da kann auch schon mal ein zuest vollkommen hilfsbereiter Motorradfahrer, der einer Frau bei ihrer Autopanne hilft, zu einem geldgierigen und gewalttätigen Verbrecher mutieren. Dabei wird er stellvertretend für alle anderen im Werk auftauchenden böse Buben so skrupellos dargestellt, dass er die Dame, die ihre erbeutete Jacke gerne behalten möchte, auch einfach mal so mit seiner Maschine einige Meter mitschleift. Die Alte braucht sich ja nicht an dem Motorrad festzuhalten, wenn ihr ihr Leben lieb ist. Bezeichnend für den Ablauf der Geschichte taucht hier urplötzlich Kommissar Ferro auf. Als wäre jegliches Verbrechen in den Straßen Roms ein Magnet, von dem er angezogen wird. Betrachtet man sich mal den Namen von Merlis Figur genauer, bringt diese Metapher eine gewisse Ironie mit sich. Immerhin bedeutet sein Nachnamen so viel wie "Eisen". Dabei steht außer Frage, dass der harte Hund Ferro mit dem Abschaum, die Straßen der italienischen Hauptstadt terrorisiert, natürlich spielend fertig wird. Selbst mit einigen Jugendlichen, die ein Liebespärchen überfallen, verprügelt und die Frau vergewaltigt haben, wird er fertig.

Die Schilderungen zeigen, dass die Handlung um den geheimnisvollen Übergangster Fernado, von dem immer mal wieder die Rede ist, eigentlich nur ein Deckmantel ist, um eben solche Szenen mit Genüßlichkeit zelebrieren zu können. Und Lenzi läßt sich hier nicht lumpen. Eben so wenig sein Hauptdarsteller. Kennt man schon einige Filme mit Merli als Polizisten, so weiß man, dass seine Charaktere solche sind, die nicht lange Fackeln und lieber Taten statt Worte sprechen lassen. Merli langt hin. Und dann wächst an dieser Stelle lange kein Gras mehr. Viele kleinere Figuren müssen dabei mehr als nur einmal die Fäuste des Polizisten kennenlernen. Einhalt kann ihm dabei keiner gebieten. Selbst nicht sein eher friedfertiger bzw. vernünftiger Kollege Caputo (Giampiero Albertini) oder sein Chef. Vom verhassten Bürodienst verabschiedet man sich mit einem lockeren Hinweis, dass man mal eben beim Friseur ist. Hier zeigt sich, dass man mit dem sich über jede Vorschrift hinwegsetzenden Ferro ein Sprachrohr für das konservativ gehaltene Publikum wird, welches ählich wie dieser voller Ohnmacht auf einen ziemlich machtlosen Gesetzesapparat blickt. So fabuliert Merli auch des öfteren über die nicht mehr vorhandene Gerechtigkeit und vor allem den so laschen Gesetzen. Er kämpft für eine rigorose Härte im Umgang mit Verbrechern. Da er sie von seinen vorgesetzten nicht bekommt bzw. auf taube Ohren stößt, macht er eben was er will. Mit härtesten Methoden wird gegen die Kriminalität vorgegangen. Hier haben wir wieder das im Poliziotteschi so bekannte (und beliebte) Bild des Ermittlers, dem es egal ist, wie er die Subjekte zur Strecke bringt. Hauptsache, sie werden aus dem Verkehr gezogen. Dabei wird ihnen indirekt auch eine gewisse Menschlichkeit überhaupt abgesprochen.

Bestes Beispiel ist hierfür die Figur des Vincenzo Moretto, einem buckligen Gauner, der eindrucksvoll von Tomas Milian dargestellt wird. Gerade die Einführung der Figur, als Ferro ihn mit seinem Kollegen auf der Arbeit aufsucht, ist wirklich nett in Szene gesetzt. Moretto hat keinen Respekt, ist verschlagen und nur auf sein persönliches Wohl aus. Er wird offen als verkrüppeltes und somit unmenschlich wirkendes Wesen dargestellt, dass auch durch seine vielen Grimassen jeglicher Menschlichkeit beraubt wird. Seit jeher wird Lenzi und dem Film dabei vorgeworfen, dass man faschistisches und auch rassistisches Gedankengut vermittelt. Doch auf Political Correctness hat man im damaligen Filmland Italien, gerade bei solchen Genreproduktionen, auf gut Deutsch ausgedrückt ohnehin geschissen. Man kann einige Haltungen der Figuren innerhalb des Films und deren Fragwürdigkeit ausdiskutieren, sollte dabei allerdings nicht vergessen, dass Die Viper wie auch andere Polizeifilme ein eher hoch exploitatives Werk darstellt, welches gerade mit solchen Unkorrektheiten unterhalten möchte. Lenzi schafft dies wie in seinen anderen Polizeifilmen mit hoher Souveränität. So sind die Charaktere einfach sehr stark überzeichnete Figuren, auch wenn Merlis Ferro anders als die anderen harten Hunde, dier er so dargestellt hat, mit einem Konservatismus um die Ecke kommt, der einen doch schon recht säuerlichen Nachgeschmack hat. Trotzdem spielt der immer als im Talent limitiert bezeichnete Mime hier wie ein Derwisch. Ihm gegenüber kann man dabei nur Milian stellen, vom dem man ob seiner darstellerischen Leistung behaupten kann, dass er noch viel zu wenig Zeit im Film hat. Er geht voll in der Rolle des schmierigen Buckligen auf und überzeugt durch sein knapp am Overacting vorbeischrammenden Spiel.

So kann man über ein gleiches, altbekanntes Muster in der Geschichtsentwicklung bei Die Viper dann auch ruhig hinwegsehen. Man kennt sie aus anderen Merli-Filmen und wenn man damit zurechtkommt, bekommt man einen äußerst rasanten Poliziotteschi zu Gesicht. Meistens erfährt Merli von einem Verbrechen oder stößt immer rein "zufällig" auf eines und ist sofort Herr der Lage. Nach kurzer Jagd bzw. Verfolgung sind die großen und kleinen Ganoven gefaßt und dürfen die beiden Fäuste von Ferro schmecken. Da Kollegen und auch Vorgesetzte nicht begeistert sind, darf er sich auch dementsprechend öfters rechtfertigen und wieder seine harte Meinung über die lasche Gesetzeslage in seinem Heimatland auslassen. Ach ja, vergessen wir nicht die angesprochene Liebschaft. Aber in so einer herben Männerwelt wird sowas nur angekratzt. Ist Merli mit seinem eisernen Scheitel und dem buschigen Schnauzer ohnehin ein Epigone der wahren Männlichkeit. Neben angesprochenem Tomas Milian findet man auch noch den ebenfalls aus diversen Genrestreifen so bekannten Ivan Rassimov in einer kleinen Rolle als Drogenhändler wieder, der seine junge Gespielin gezielt unter Drogen setzt, um mit ihr Spaß zu haben bzw. sie gefügig zu machen. Die Welt des Poliziotteschi ist eine fürwahr düstere und schlechte, die keine großen positiven Ansätze zuläßt. So sind die Verbrechensbekämpfer moderne Heroen und Racheengel, um die nach Gerechtigkeit sinnende Zuschauerschaft zu befriedigen. Es funktioniert im Falle von Die Viper dabei richtig gut, so dass man auch zwei Augen zudrückt, wenn Lenzi eine Verfolgungsjagd aus seinem famosen Der Berserker (1974) recycelt.

Der Film bleibt ein äußerst rasanter Beitrag, der in der Blütezeit der Polizeifilmwelle entstand und gilt zurecht als heutiger Klassiker des Genres. Die Hatz Ferros nach den Gangstern ist gespickt mit einigen tollen Actionszenen und Lenzi schenkt dem Film eine ausgezeichnete Dynamik. Langeweile kommt hier mit Sicherheit nicht auf. Dafür sorgt unter anderem auch der treibende Soundtrack von Franco Micalizzi. Es ist ein weiterer Eintrag im Mikrokosmos der Maurizio Merli-Filme, in denen er umzingelt von nackter Gewalt ist und mit dieser allein fertig werden muss. Einzig und allein sein diesmal irgendwie sehr spießiger Charakter mit den dabei verbundenen Aussagen, vermag das ansonsten so tolle Filmvergnügen ein wenig zu schmälern. Es gibt zwar auch in anderen Filmen aus dieser Strömung ebenfalls nach Gerechtigkeit schreiende Polizisten, die dann ihre Version der Gerechtigkeit durchsetzen, doch hier scheint es Lenzi etwas zu gut mit dem moralinsauren Mordio in Richtung Gesetz gemeint zu haben. Schmälern tut es die unterhaltsame Verbrecherhatz durch die gefährlichen Straßen Roms keineswegs. Dafür spielen unter anderem auch Merli und Milian viel zu groß auf. Hätte gerade letzterer und seine Figur noch etwas mehr Screentime, so hätte man es mit einem wirklich perfektem Duell zwischen skrupellosem Ganoven und überhartem Bullen zu tun. So bleibt wirklich sehr gute Actionunterhaltung der politisch unkorrekten Sorte. Starker Beitrag, Herr Lenzi!
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Donnerstag, 1. April 2010

It' Alive

Die Studentin Leonore Harker erwartet ein Kind von ihrem Freund, dem Architekten Frank Davis. Sie zieht aus dem Wohnheim aus und zu ihrem Freund in sein Haus, das er mit seinem kleinen Bruder, dem im Rollstuhl sitzenden Chris, bewohnt. Obwohl erst im sechsten Monat, setzen urplötzlich die Wehen ein und die werdende Mutter muss entbunden werden, da laut dem Arzt der Fötus unheimlich schnell auf eine ungewöhnliche Größe herangewachsen ist. Frisch auf der Welt, richtet das neugeborene Kind im Kreissaal ein Massaker an den anwesenden Ärzten und Schwestern an. Leonore kann sich an nichts erinnern und die Eltern werden mit ihrem in der Tat sehr ungewöhnlichen Sproß nach Hause entlassen. Während die Polizei Leonore dazu drängt, mit dem Polizeipsychologen wegen der Tat im Krankenhaus zu reden, hat diese mit ihrem Filius Daniel allerhand zu tun. Immerhin ist dieser ungewöhnlich hungrig und nachdem er schon einige Tiere auf dem Gewissen hat, fallen bald auch die ersten Menschen seinem Blutdurst zum Opfer. Dabei ist die junge Mutter immer mehr überfordert, zu ihrem Kind zu stehen und darauf zu achten, dass Frank von all dem nichts mitbekommt.

Wem die Geschichte bekannt vorkommt, dem sei gesagt, dass der 2008 produzierte It's Alive das Remake von Larry Cohens B-Kulthorror Die Wiege des Bösen (1974) ist. Dieser war sogar so erfolgreich, dass ihm zwei Forsetzungen folgten: Die Wiege des Satans (1978) und der späte Nachzügler Die Wiege des des Schreckens (1987). Das Franchise erschien also erfolgreich und namhaft genug, um es den heutigen Gepflogenheiten und Sehgewohnheiten des jungen, zahlungskräftigen Publikums anzupassen. Dabei bezog man Larry Cohen sogar in den Enstehungsprozess des Drehbuchs mit ein. Doch während Cohen in seinen Film so einige kritische Einschläge gegen die Gesellschaft und die Pharmaindustrie einflechtete, so verflacht das Original zu einem nur mäßig unterhaltsamen Horrorvehikel für die heutige Popcorn-Gesellschaft.

Dabei schafft es It's Alive sogar in Rekordzeit, alle aufgebauten, guten Ansätze zunichte zu machen und zu einem sehr bemühten Stück Horrorfilm zu werden. Man hat versucht, die Geschichte im Vergleich zum Original zu variieren, was natürlich löblich ist und auf dem Papier sogar gut klingt, doch das Endergebnis kann sich nicht so recht sehen lassen. Man erinnere sich: in Die Wiege des Bösen gelingt es dem monströsen Säugling, sich aus dem Kreissaal zu befreien, was eine Suche durch die Polizei, begleitet von den Medien, sowie dem Elternpaar auslöst. Hier schafft es Cohen, im weiteren Verlauf der Geschichte durch das Verhalten der Außenwelt auf die Eltern des mörderischen Neugeborenen vor allem eine Art Parabel auf das Verhalten von Menschen gegenüber Eltern eines behinderten, eben andersartigen Kindes zu kreieren. Geschaffen wurde das Kind durch eine Hormonbehandlung in der Schwangerschaft, in der Cohen - der meistens in seinen Werken versucht hat, Gesellschafts- und Sozialkritik unterzubringen - die Verantwortungslosigkeit der Pharmaindustrie anzuprangern. So schuf er einen düsteren, pessimistisch gestimmten Film, der trotz seines Trash-Charakters so einige Qualitäten aufzuweisen hat.

Dem Gegenüber steht nun die Idee, was wäre, wenn das Kind eben nicht schon aus dem Kreissaal entkommt sondern in das traute Heim der frisch gebackenen Eltern kommt. Die im 74er-Werk in Frage gestellte Unschuldigkeit des neuen Lebens wird hier sogar noch einen Schritt weiter gebracht, indem nun auch an der Unschuld und Unbefangenheit der Eltern gekratzt wird. Die Vertraut- bzw. Geborgenheit steht hier in Gefahr. Dies zeigt der Film auch schon wunderbar durch seine Farbgebung auf. Die Außenaufnahmen erscheinen natürlich und in matten, aber doch noch leuchtenden Farben, während das Heim des jungen Paares ungewöhnlich dunkel erscheint. Egal ob Küche, das Zimmer des gelähmten Bruders oder andere Bereiche des Hauses: dunkle Grautöne gehen nahtlos in bedrohliches Schwarz über und hinter jeder dunklen Ecke könnte die Bedrohung lauern. Dem gegenüber steht das Kinderzimmer. Leuchtendes Gelb erwartet hier einen und ist somit ein klarer Gegenpol gegenüber den restlichen Zimmern. Diese Helligkeit, die Vertrautheit wecken soll, birgt so einige Ironie, ist es doch gerade der Bewohner, der den Schrecken im Film bringt.

Schaut man nun kurz von der Farbgebung des Films und dem an und für sich ansprechenden Look weg, so bleibt ein bemühtes Werk, welches mit neuen Ansätzen die alte Story ins neue Jahrtausend rübertransportieren will. Es bleibt letztendlich schnell konsumierbare Wegwerfware, die man durch einige inhaltliche Defizite nach dem Schauen schnell wieder vergessen kann. Dies fängt schon damit an, dass man in den ersten Minuten nach dem Massaker das im neuen Heim angekommende Baby sieht, es dann allerdings im Verlauf des Films nicht mehr sichtbar für den Zuschauer ist, bis das Finale beginnt. Sehr ärgerlich ist dabei auch, dass sichtbar immer wieder andere Kinder verwendet wurden um ein und dasselbe "Monsterbaby" darzustellen. Lieblos gibt man sich hier und bemüht sich krampfhaft, der (alten Grund-)Story neue Elemente einzuflößen. Doch Regisseur Josef Rusnak scheitert kläglich. Es bleibt vorhersehbar und durchschaubar, zumal wird das ganze sogar schnell unglaubwürdig. Auch wenn Bijou Philipps als Leonore sich alle Mühe gibt, eine verzweifelte zwischen Schrecken bzw. Ekel und Mutterliebe hin- und hergerissene junge Frau darzustellen, gegen das unlogische Drehbuch kann sie auch nicht anstinken.

Der Fokus auf die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist eine Abfolge vom Fehlverhalten des Kindes, welches in seinem Blutdurst immer neue Morde begeht und dem bemühten vertuschen eben dieser. Bei den Tieren mag es noch recht einleuchtend zugehen, doch spätestens wenn der erste Mensch ins Gras beist, bleibt man was Kreativität, Innovation und Logik angeht, auf der Strecke. Zumal hier auch noch für Freunde altmodischen Horrors der Fehler begangen wurde, meistens auf Effekte aus dem Rechner zurückzugreifen. Ein vielleicht geringes Makel, was gegen Ende hin sogar den eher nicht dem im Horrorfandom verwachsenen Zuschauer über aufstößt, wenn dann das Baby vor die Kamera tritt. Und vorher wird It's Alive eine respektlose Demontage des "Mythos" der alten Trilogie, die hier nebenher auf die Frage eingeht, wie das Baby überhaupt so werden kann. Durch eine kleine Rückblende wird das hier abgefrühstückt. Sicherlich sind tiefergehende Anprangerungen was Pharmaindustrie oder eben auch das Verhalten der menschlichen Außenwelt angeht, für das junge Publikum mehr als langweilig. Aber selbst Action sucht man hier vergebens. Ein bis zwei gute Szenen machen zudem eben keinen rundum gelungenen Horrorfilm aus.

Zu Gute halten kann man dem Werk vielleicht noch, dass es zu den wirklich stimmigen Bildern auch eine überaus guten Score zu bieten hat. Alles andere bewegt sich am Abgrund der qualvollen, glattgebügelten B-Massenunterhaltungsware Hollywoods. Böse Zungen könnten hier von einem schnell dahingerotzten Streifen reden, der mit ausgefeiltem Spannungsaufbau und guter Figurenzeichnung nicht viel am Hut hat. Der Konflikt innerhalb der Familie, der durch ein "andersartiges" Baby entstehen könnte, wäre hier eine gute Sache gewesen, einem durchaus interessanten Thema auch noch etwas tiefer zu gestalten. Dies wurde verpaßt. It's Alive ist vor allem einer der Horrorfilme, bei dem einzig und allein das holprig ausgearbeitete Drehbuch und die Geschichte beim Zuschauer Schrecken verbreitet.
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Sonntag, 28. März 2010

Töte Amigo

In Mexiko wütet die Revolution und mitten drin ist dabei auch El Chuncho, ein Bandit der mit seinem Mitstreitern durch das Land zieht und meist auf Raubzug gegen die Militärs ist, um von diesen Waffen und ähnliches zu stehlen, welche dann verhökert werden. Während einem Überfall auf einen Zug lernt er einen US-Amerikaner kennen, den er nur "Niño" nennt und sich der revolutionären Bande anschließt. Während Chuncho neben dem Geld auch auf Wein, Weib und Gesang aus ist, so ist Niño immer nur auf die blanke Kohle aus. Als Chuncho während seinem Aufenthalt in dem Dorf San Miguel endlich ein lang ersehntes Maschinengewehr - für das es  vom federführendenden General Elias so einiges an Pesos gibt, in die Hände fällt - verändert sich die Situation: während er im Dorf zurückbleibt, machen sich Chunchos Mitstreiter auf den Weg, bevor das Militär das Dorf erreicht hat. Allerdings mit dem Maschinengewehr im Gepäck, was Chuncho so nicht auf sich sitzen lassen kann.

Auch wenn sich Töte Amigo dabei im ersten Moment wie ein typischer Italowestern mit dem Hintergrund der mexikanischen Revolution anhört, so untypisch ist er bei näherer Betrachtung dann doch. Sich verantwortlich zeigte sich hier der eher für seine politischen Thriller bekannte Damiano Damiani. Während der 1975 von ihm zusammen mit Sergio Leone gedrehte Nobody ist der Größte noch ungewöhnlicher für den 1922 geborenen Regisseur ist, da eher ein komödiantischer Western, so ist der im Original als Quien sabe bekannte Revoluzzerstreifen eher dem Muster des ofmals politisch motivierten Filmer zuzuschreiben. Wirkte er doch zum Beispiel auch an der vielgerühmten TV-Serie Allein gegen die Mafia (1984) mit und zeigte sich auch in seinen Spielfilmen sehr oft kritisch gegenüber der mafiösen Strukturen im Staat und seiner Politik. Zu seinen bekanntesten Filmen mit diesem Anstrich gehören Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert (1971), Der Tag der Eule (1968), Warum musste Staatsanwalt Traini sterben? (1974) oder auch Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's! (1971). Anfang der 80er war dann Damiani etwas offener was die filmischen Themen anging und so findet man in seiner Filmographie eben auch Amityville II - Der Besessene (1982), das Sequel zum erfolgreichen Okkultschocker Amityville Horror (1979).

In seinem ersten Western kann er es dabei ebenfalls nicht lassen, politische Bezüge bzw. Anspielungen in die Handlung einfließen zu lassen. Vordergründig hat man es hier mit dem bekannten Motiv zu tun, dass einige Gestalten dem verlockenden Traum des großen Geldes nachzujagen. Dabei haben wir mit der Figur des El Chuncho einen einfach gestrickten Mann, der zu hundert Prozent hinter seinen Überzeugungen steht. Er geht zwar mit nicht vollster Disziplin vor, um die laufende Revolution zu unterstützen, aber was soll man von so einem einfachen Kerl auch erwarten. Er ist von der Verlockung getrieben, die eine große Summe an Geld so mit sich bringt. Dabei geht er gnadenlos gegen seine Gegner vor und bedient so manches Klischee. Da wird gesoffen, geraucht, gefressen und auch so manchem Rock hinterher gejagt. Wobei sein Traum bzw. das anvisierte Ziel gar nicht mal so weit weg erscheint wie bei anderen, ähnlich gezeichneten Figuren im Italowestern. Das Maschinengewehr, welches soviel Peso bescheren kann, wird dabei sogar im Verlaufe des Films gefunden. Ihm gegenüber steht sein Amigo, sein Kumpel: einem US-Amerikaner, von hohem stand. Während Chuncho mit einfacher, verdreckter Kleidung durch die mexikanische Wüste reitet, so lernt der Zuschauer den nur "Niño" genannten Mann als Herr von Welt im feinen Zwirn kennen.

Er gibt sich unnahbar und wird dabei herrlich eis- und gefühlskalt dargestellt. So fragt sich Chuncho in einer Szene, was das für ein Mensch ist, der weder raucht, säuft, noch sich für Frauen interessiert. Während der Mexikaner ein vom Bauch und Gefühl getriebener Mensch ist, so ist Niño klar ein kopfgesteuerter Charakter. Berechnend und überheblich. Er strahlt eine gewisse Distanz aus und so ist man sich als Zuschauer bis zu einem gewissen Punkt nicht wirklich im Klaren, welches Ziel der Amerikaner überhaupt verfolgt. Er ist ein gerissener Kerl, der es auch alleine weit bringen kann, aber sich doch diesen gänzlich gegensätzlichen Banditen anschließt. Die einfachen Freuden des Lebens scheinen für ihn nicht existent. Als Antwort auf die angesprochen Frage von Chuncho antwortet Niño ganz kurz und klar, dass ihn das Geld jucke. So ist er auch immer darauf bedacht, die Waffen der feindlichen Militärs und Polizisten zu sammeln und so schnell wie möglich zum Befehlshaber der Revolutionäre, General Elias, zu bringen. Es tönt alles nach einem herkömmlichen Handlungsablauf eines Italowestern, würde da nicht eben Damiano Damiani auf dem Regiestuhl sitzen.

So könnte man den von Lou Castel herrlich unterkühlt dargestellten Niño als eine Verkörperung der gesamten Vereinigten Staaten interpretieren. Man kennt ja die Vorwürfe gegen die Amerikaner: sie geben sich unantastbar und als eine große Macht aus, seien ihrer Meinung das Maß aller Dinge und schauen als Übermacht auf den Rest der Welt einfach herab. So antwortet Niño am Anfang des Films auf die Frage eines kleinen Jungen, ob es ihm denn in Mexiko gefalle, ganz kurz angebunden "Nein. Überhaupt nicht.". Seine Abneigung gegen diese "armen Schlucker" um ihn herum trägt er ganz offen mit sich herum und ihm ist es auch egal, ob er dafür von seinen Mitmenschen verurteilt wird oder nicht. Ideale, wie sie Chuncho und seine Kumpane verfolgen und für diese Leben, scheinen ihm fremd zu sein. Seine Beweggründe sind dabei aber eigentlich genau so nieder wie die der Bande: deren gewaltsames Leben und Handeln begründet sich nicht nur aus der politischen Überzeugung heraus, das gebeutelte Mexiko zu einem besseren Ort zu machen, sondern auch, dass man darüberhinaus durch das Handeln mit Waffen eben sowohl die gute Sache - also die Revolution - unterstützt, als auch den großen Reibach machen kann. Doch dieser Idealismus scheint dem Gringo vollkommen fremd zu sein. Geld, Geld und nochmals Geld sind der Antrieb des Amerikaners, überhaupt mit den Mexikanern gemeinsame Sache zu machen.

Zeit ist Geld. Und so ist für Niño in einer Szene von Töte Amigo die Vergeltung für die geschundenen Bewohner des Dorfes San Miguel, in dem Chunchos Kumpanen die Frau des reichen Gutsbesitzers Don Felipo vergewaltigen wollen, einfache Zeitverschwendung. Man merke hier an, dass ihm dabei allerdings das Schicksal der Dame auch recht egal ist. Egoistisch verfolgt er hier nur das Ziel, soviel Kapital wie möglich zu erwirtschaften. So ist Niño der Inbegriff des herzlosen, eiskalten Kapitalismus, dem das Schicksal einzelner Menschen vollkommen egal ist. Sie sind ein Mittel zum Zweck, um eben an den möglichst hohen Ertrag zu kommen. Dabei wird über Leichen gegangen. Ein selbst heute noch aktueller Kritikpunkt, der kurz im Film angesprochen wird, ist dabei auch das außenpolitische Verhalten der USA. So wird Niño von einem Rebellen mit dem Umstand konfrontiert, dass die Regierung seines Heimatlandes die verhasste mexikanische Führung und deren Militärs finanziell unterstützt. Im weiteren Verlauf der Geschichte könnte man Niño neben der Kapitalismus-Interpretation auch noch als Verkörperung der Staatsgewalt darstellen, deren Schicksal im Aufeianandertreffen der beiden Hauptfiguren aufgezeigt wird. Die politische Dimension von Damianis Western ist wirklich sehr ausgeprägt und sorgfältig ausgearbeitet, so dass das Szenario dieses Films nur als Aufhänger für eine tiefer gehende Erzählung um Gewalt innerhalb eines Staates und den Kampf zwischen arm und reich ist.

Schon andere Italowestern spielen mit politischem Bezug und Anspielungen, gehen dabei aber wohl nicht so weit wie Töte Amigo. Wohlgemerkt in der ungekürzten Fassung, konzentrierte sich doch die alte deutsche Kino- und Videofassung eindeutig auf den grimmigen, trivialeren Part um die Jagd nach dem ganzen Geld. Dabei stellt sich heute noch die Frage, ob der deutsche Verleih damals den Film einfach nur straffen wollte - immerhin geht in seiner Originalfassung knapp zwei Stunden lang - oder die politischen Bezüge absichtlich getilgt hat. Es geht um die Unterdrückung der kleinen, einfachen Leute durch eine Obrigkeit, die dazu mit äußerster Gewalt vorgeht. So ist auch dieses Werk was das angeht, nicht gerade zimperlich. Durch die Überfälle und Duelle mit den mexikanischen Militärs ist so manche Leiche zu zählen und der Wüstenboden müsste dabei schon längst von Blut getränkt sein. In dieser Darstellung gibt sich der Film keine allzu große Blöße, besitzt zwar einen harten Grundton, läßt die Gewalt aber nicht Überhand über die Handlung gewinnen. Damiani stellt da lieber die Zeichnung der beiden Protagonisten in der Vordergrund und läßt sich auch ausgiebig Zeit damit. Längen kommen dabei keine auf, sind die darstellerischen Leistungen von Castel als kühlem und berechnendem Niño und Gian Maria Volonté als Chuncho als idealistischer Kämpfer und Verfechter einfacher Werte über jeden Zweifel erhaben. Da gerät sogar ein gestandener Name wie Klaus Kinski als Santo, dem religiös-wahnhaft auftretenden Bruder von Chuncho, klar ins Hintertreffen. Die starke Frau innerhalb der Banditengruppe, Adelita, wird dabei von der auf Jamaica geborenen Martine Beswick verkörpert, welche auch durch einige Rollen in Filmen der legendären Hammer-Filmstudios bekannt wurde.

Doch hier hat man es dann schon eher mit Nebenfiguren zu tun. Die Beziehung zwischen Chuncho und seinem so ungleichen Freund steht ganz klar im Vordergrund, so dass auch die mexikanische Revolution etwas außer Acht gelassen wird und erst wieder im finalen Akt des Films eine größere Rolle bekommt. Das Verhältnis zwischen den beiden ist dabei ein wunderbares Beispiel für das große Gefälle zwischen den "Privilegierten" und dem einfachen Volk, welches sich für kein Geld der Welt verkaufen wollte. Selbst wenn man es versucht. Einmal Revoluzzer, immer Revoluzzer. Dabei zeigt Töte Amigo auch schön die verschiedenen Seiten eines Menschen. Chucho mag ein harter Hund sein, doch eigentlich hat er sein Herz am rechten Fleck. Er ist eben einer der einfachen Leute aus dem Volk, selbst wenn er hinter dem schnellen Reichtum her ist. Aber er verfolgt seine Ziele eben mit einer Unnachgiebigkeit, die Damiani genauso in Frage stellt wie das Verhalten der mexikanischen Staatsmacht. Die Frage um den (Grat des) Missbrauch von Gewalt steht in einem Film aus einem Genre zur Frage, welches zu seinen Hochzeiten selbst als eben diese Gewalt zum selbszweckhaften Gebrauch einsetzendes Medium kritisiert wurde. Doch dabei erschafft Damiani einen Standard, der Töte Amigo zu einem ganz großen unter den "Spaghettis" werden läßt.

Zwar ist der Film kein bis zur perfektion ausgearbeitetes Revolutionsepos wie etwa Leones Todesmelodie (1971), doch kann man ihn zu einem der besten Vertreter des Genres zählen. Der Produktionsstandard ist hoch, die Umsetzung ist keineswegs schludrig sondern hochwertig ausgefallen. Töte Amigo ist vor allem so ein Film, der seine Vielschichtigkeit erst im Verlauf der Handlung und auch noch hinterher entfaltet, um so eine ganz unnachahmliche Wirkung zu erzielen. Vor allem beschönigt der Film nichts und stellt sich nicht auf eine der beiden Seiten. Sowohl Banditen als auch Militärs werden mit all dem Licht und Schatten dargestellt, die so eine Revolution mit sich bringt. Ideale und Überzeugungen können die Seiten, so scheint es Damiani mit seinem beobachterischen Blick sagen zu wollen, nur mit roher Gewalt und ohne jeglichen Humanismus durchsetzen bzw. verfolgen. Man hat es hier mit großartigem Westernkino italienischer Machart zu tun, welches durch ein kompetentes Team vor und hinter der Kamera getragen wird.
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Sonntag, 14. März 2010

Die Banditen von Mailand

Kommissar Basevi hat alle Hände voll zu tun in den Straßen von Mailand. Egal ob Schutzgelderpresser, Prostitution oder illegale Spielhöllen: die Gangster fallen dem jungen Polizisten reihenweise in die Hände. Etwas mehr zu schaffen macht ihm da schon der brutale Banküberfall einer mit Kalkül vorgehenden Bande von vier Männern, angeführt vom sehr von sich überzeugten Piero Cavallero. In den vergangenen Jahren hat dieser mit seinen Kumpanen schon einige Überfälle auf Banken verübt und hat einen letzten großen Coup geplant. Dieser geht trotz sorgfältiger Vorbereitung etwas schief und auf der Flucht durch ganz Mailand kommen auch einige unschuldige Menschen um bevor der Kommissar mit Hilfe einer aufgebrachten Menschenmenge Bartolini, den Fahrer der Vier, festnehmen kann. Auf der Wache packt dieser aus und schildert Basevi detailliert die Planungen zum Raub während seine Kumpanen, verfolgt von der Polente, versuchen ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Im Jahre 1968 war die Landschaft des italienischen Genrefilms außerhalb des wilden Westens noch recht beschaulich. Der Giallo war zwar schon präsent, doch bis zu seinen stärksten Zeiten dauerte es noch gut zwei Jahre als Dario Argento mit seinem Geheimnis der schwarzen Handschuhe die Welle ins Rolle brachte. An den Poliziotteschi war da noch fast gar nicht zu denken, immerhin hatte dieser seine Hochphase kurz nach dem abbebben der Giallowelle. Auch wenn für dieses Genre ebenfalls Anfang der 70er der Startschuss gegeben wurde. So kann man Die Banditen von Mailand zu einem der ganz frühen Vertreter der Bullen- und Gangsterfilme aus Bella Italia zählen, der gerade in den heutigen Zeiten einen sehr angenehmen, oldschooligen Charme versprüht. Wie die späteren Werke eines Fernando di Leo bietet der im englischen Sprachraum als The Violent Four bekannte Streifen eine gute Mischung aus Milieustudie und geradliniger Krimiunterhaltung, die, anders als bei di Leo, noch gemäßigter zu Werke geht. Auch hier werden zwar schon die garstigen Methoden der Gangster in den Vordergrund gerückt, doch die Brutalität hält im Vergleich mit den großen Werken aus den 70ern sich noch recht in Grenzen.

In Szene gesetzt wurde das ganze Geschehen von Carlo Lizzani. Der 1922 in Rom geborene Lizzani kam nach dem Ende des zweiten Weltkriegs zum Film und machte es sich dort erstmal in der aufkeimenden Bewegung des Neorealismus gemütlich. So arbeitete er an Rossellinis Deutschland im Jahre Null (1948) mit und wurde mit der Mitwirkung am Buch von Bitterer Reis (1950) sogar für den Academy Award nominiert. Desweiteren steuerte er auch noch eine Sequenz zu Liebe in der Stadt (1953) bei und arbeitete hier mit Fellini und Antonioni zusammen. Nach und nach setzte man Lizzani dann auch für trivialere Werke ein, bis er ungefähr ab Mitte der 60er sich ganz der leichten Filmunterhaltung widmete. Startschuß bildete dabei der Thriller Spione unter sich aus dem Jahre 1965. Mit dem ein Jahr später entstandenen Eine Flut von Dollars lieferte er einen von insgesamt zwei Western ab. Der frühere Filmkritiker hüpfte nun also von Genre zu Genre und schaffte es dabei sogar den Schmuddelklassiker Straßenmädchen-Report (1975), von dem sogar eine Hardcorefassung angefertigt wurde, zu drehen. Wie wechselhaft das Werk von Lizzani ist, beweißt unter anderem auch die Tatsache, dass er auch für das Kriegsdrama Mussolini - Die letzten Tage (1974) verantwortlich ist. Weitere bekannte Werke von ihm wären noch der Abenteuerstreifen Verflucht in alle Ewigkeit (1969) mit Terence Hill in der Hauptrolle und der Bud Spencer-Streifen Der Sizilianer (1972).

Bei Die Banditen von Mailand merkt man dabei, wie gut Lizzani die Gratwanderung zwischen anspruchsvollerem und trivialen Kino gelang. So ist der Film zu Anfang ein semidokumentarisches Stück welches Tomas Milian, zur damaligen Zeit noch sichtlich jung und grün hinter den Ohren, als Kommissaren bei seiner Arbeit begleitet. Der meist unsichtbare Reporter beschäftigt sich dabei mit der Frage, woher die aufkommende Brutalität der jüngeren Gangstergeneration kommt. Mit einem Interview eines Ganoven der alten Garde und von Milian geschilderten Fallbeispielen wird gezeigt, dass den jüngeren Kriminellen eine gewisse Moral fehlt, die man damals hatte und so zum Beispiel vor Mord an Unschuldigen zurückschreckte. Lizzani beschäftigt sich hier nicht groß mit dem Vorstellen von gewissen Charakteren sondern wirft uns gleich in das Geschehen. So sind nach dem recht kurzen deutschen Credits die ersten Szenen, wie ein Mob von Menschen einen Gangster dingfest macht. Nach der angesprochenen dokumentarischen Abhandlung der Arbeit von Basevi wechselt man auf eine gewohntere Erzählstruktur. Der Einstieg, wie ein Pulk von Menschen einen Kriminellen stellt, wird wieder aufgenommen. Dieser sitzt nun auf der Polizei und schildert dem Kommissaren sowie dem Zuschauer in einer Rückblende, wie es zu dieser Situation zu Beginn überhaupt kommen konnte. Diese wird also auch nochmal mitten im Film aufgegriffen und erst dann erzählt Lizzani die mittlerweile begonnene Geschichte um eine Bande von Bankräubern zu Ende.

Ein schöner erzählerischer Kniff, der es so schafft, den Zuschauer bei Stange zu halten. Wobei man sich hier nicht über fehlende Spannung beklagen muss. Die Bildung des Teams, Ausarbeitung und Durchführung des Bankraubs ist ohnehin schon ein sehr toller Prozess, den Lizzani sorgfältig ausgearbeitet schildert. Somit rückt die Polizeiarbeit von Milian alias Herrn Basevi in den Hintergrund bzw. wird immer nur sehr kurz angeschnitten. Der später durch seine Rollen in Poliziotteschi wie Der Berserker (1974) oder Die Kröte (1978) viel gerühmte Milian bleibt hier noch recht verhalten. Zwar macht er seine Sache ordentlich, doch großartige mimische Akzente kann er anders als in seinen Rollen in den 70ern noch nicht setzen. Wobei der eigentliche Star von Die Banditen von Mailand auch eher Gian Maria Volonté ist. Sein Piero Cavallero ist ein einnehmender und großartig gemimter Charakter, der sich als vollkommen und perfekt ansieht. Die Überdosis Selbstvertrauen wird dem ganz schön gerissenen und skrupellosen Herrn letztendlich aber auch sein Untergang. Wobei er selbst nach dem Scheitern seines so herrlichen Plans immer noch so schön verblendet ist, dass er sich trotz Niederlage als halber Sieger sieht. Der 1994 leider schon verstorbene Volonté trumpft geradezu auf und überzeugt durch nuancierte Mimik und Spielfreude auf. Er scheint ein gescheiterter Revoluzzer zu sein, wie eine kurze Sequenz andeutet, als sein Waffenhändler anmerkt, dass er aus der Partei geschmissen wurde. Auch in dieser Phase seines Lebens scheint Cavallero zu sehr von seinem einnehmden Ego bestimmt gewesen zu sein.

Neben Volonté wird Die Banditen von Mailand vor allem durch seine Erzählstruktur getragen, die auch inmitten der Handlung von einigen kleinen dokumentarischen Stilelementen durchdrungen wird. Der Reporter vom Anfang fungiert hierbei als erklärender Zusatz, wenn Lizzani urplötzlich zwischen Zeitebenen springt oder kurz vor dem großen Banküberfall dem Zuschauer die späteren, unschuldigen Opfer vorstellt. Hinterher muss man gestehen, geht dem Film etwas die Luft aus. Da gingen Lizzani eventuell die Ideen und die Actionanteile aus. Zwar fliegt hier nicht so dolle die Kuh wie in späteren Poliziotteschi, trotzdem können die Mailänder Banditen auch hier überzeugen. Egal ob Schießereien oder Verfolgungsjagden, auch die Action paßt sich dem gehobenen Niveau des Werks an. Die Kamera hält frontal auf das Geschehen, welches von dynamischen und schnellen Schnittfolgen verstärkt wird. Unterstützt werden diese Szenen vom einem funky Soundtrack aus der Feder von Riz Ortolani, durchtränkt vom damaligen Zeitgeist aber hundertprozentig passend. Dieser schafft es dabei auch die härtesten Szenen des Films mit Stücken zu untermalen, die unheimlich catchy sind. Trotzdem sinkt der Spannungspegel im letzten Viertel rapide und Lizzani kann auch mit dem Ende nur noch schwer versöhnen. Wobei man hier immer noch realistischer und nicht so abgehoben erzählt, wie die Kollegen einige Jahre später.

Daher auch die recht ungeschönten, grobkörnigen und triste Bilder um den Grundton des Films einfach wie möglich zu halten. Hier und da gibt es eine tolle Einstellung oder Montage, doch an und für sich ist Die Banditen von Mailand ein sehr nüchterner Film. Es ist eine Momentaufnahme gescheiterter Figuren, die von einem besseren Leben träumen und dabei mit Piero Cavallero an einen gefährlichen Egomanen gerät, der um sich selbst und sein Ego zu befriedigen, den Weg der Kriminalität beschreitet. Seine Sucht im Mittelpunkt zu stehen, wird gerade durch das Ende nochmal sehr gut dargestellt. Er genießt das Bad in der Menge, ganz egal, welchen Hintergrund dieses überhaupt hat. Der Traum vom Reichtum und Aufmerksamkeit um seine Person ist überhaupt der ganze Antrieb hinter seinen Taten. Er ist rücksichtslos und voller Zynismus, den Lizzani in seinem Film sehr gut transportieren kann. Dieser schuf mit Die Banditen von Mailand eine kleine, frühe Perle des italienischen Polizei- bzw. Gangsterfilms, der mit einem gelungenen Anteil an Spannung und Action aufwarten kann und dabei sogar die Figurenzeichnung nicht außer acht läßt. Sie ist vielleicht nicht so richtig ausgearbeitet wie in anspruchsvolleren Autorenwerken, doch Lizzani kann seinen neorealistischen Hintergrund auch durch die Zeichnung des einfachen Bürgers im Film nicht verleugnen. 

Einzig und allein das etwas sang- und klanglose Ende stellt hier einen kleinen Minuspunkt dar. Ansonst bietet Die Banditen von Mailand eine gute Mischung aus klassischem Kriminalfilm, der schon einige Elemente der späten Poliziotteschi in sich trägt und leichter Gesellschaftsbeobachtung bzw. -kritik. Zusammen mit einem erlesenen Cast, unter dem ein ebenfalls noch recht junger Ray Lovelock sowie die britische Darstellerin Margaret Lee zu finden sind, hat man es hier mit einem erlesenen Gangsterstreifen zu tun, der mehr als nur einen flüchtigen Blick wert ist.
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