7. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Warte, bis es dunkel wird (4/13)

Die Idee von bzw. hinter Warte, bis es dunkel wird ist ja nicht einmal schlecht: im Jahr 1946 wurde die Kleinstadt Texarkana, im Grenzgebiet von Texas und Arizona gelegen, drei Monate lang von einer fürchterlichen Mordserie beherrscht. Sie gingen als Texarkana Moonlight Murders in die Geschichte ein. Der bis heute unbekannte Täter erschoss überwiegend Pärchen; das erste auf einem abgelegenen Weg, auf dem sich Liebespaare ein paar schöne Stunden zu zweit machten. Dreißig Jahre später drehte Charles B. Pierce mit The Town That Dreaded Sundown, in Deutschland mit den äußerst einfachen Titeln Der Umleger (Kino) bzw. Phantom-Killer (Video) versehen, einen Film, welcher inspiriert vom Geschehen äußerst exploitativ die Morde an den Opfern und die Ermittlungen der örtlichen Polizei sowie der Texas Rangers in semidokumentarischem Stil zeigt.

Im Jahr 2014 kam Warte, bis es dunkel wird in die Kinos. Vielerorts wurde dieser als Remake von Pierces' Film bezeichnet, was nur bedingt richtig ist. Vielmehr ist Alfonso Gomez-Rejons Werk alles gleichzeitig: Remake und sogar Sequel. Gleich zu Beginn präsentiert man uns historische Aufnahmen Texarkanas aus der Zeit der Mordserie, danach beginnt der Film mit einer makabren Tradition: seit der Premiere von Der Umleger wird dieser einmal pro Jahr an Halloween in einem Open Air-Kino gezeigt. Das Pärchen Jami und Corey entfernt sich von der Vorstellung, um sich ein lauschiges, einsames Plätzchen zu suchen. Jami mag solche Filme einfach nicht und möchte zudem die Zeit mit ihrem Date alleine verbringen. Kaum an der Lovers Lane angekommen, werden sie von einem maskierten Unbekannten überfallen. Corey wird ermordet, Jami wird laufen gelassen, um "alle daran zu erinnern". In den nächsten Tagen wird klar, dass ein neuer Phantom-Mörder in der kleinen Stadt umgeht. Er bleibt dabei mit Jami in Kontakt, damit - wie von ihm bereits zu Beginn kryptisch vorgetragen - die Stadt und ihre Einwohner nicht wieder vergessen. Dabei versucht Jami, hinter die Identität des Mörders zu kommen.

Warte, bis es dunkel wird treibt die selbstreferenzielle Tendenz des Horrorkinos der letzten Jahre auf die Höhe. Ohne ironische Brechungen erschafft er aus dem im Genre bekannten "Based on true events"-Aufbau einen eigenen Kosmos, in dem auch der Film auf dem er basiert, existiert und mit eingewoben wird. Zum einen greift sch Gomez-Rejon den ursprünglichen Stoff und transferiert ihn in die neue Zeit, zum anderen wird dessen Geschichte weitererzählt. Immer präsent: das Original, welches uns schon zu Beginn gezeigt wird, bevor die Kamera sich von der Leinwand des Open Air-Kinos löst und uns in das neu geschaffene, filmische Universum entlässt. Egal ob in Unterhaltungen oder in irgendwo gerade abgespielten Ausschnitten, bleibt Pierces' Film im Bewusstsein des Zuschauers und der Filmfiguren. Nichts kann ohne das andere existieren: ohne die reale Mordserie keine erste Aufarbeitung aus den 70ern, ohne dieses keine Gegenwart des aktuellen Werks. Nächster Höhepunkt dieser Verwobenheit ist, dass Denis O'Hare den Sohn von Charles B. Pierce mimt, während der reelle Filius einen kleinen Cameo-Auftritt im Film hat.

Das Problem von Warte, bis es dunkel wird ist, dass er sich komplett auf dieser Idee ausruht. Sie ist gut, bis zu einem Punkt faszinierend, doch selbst wenn man - wie in meinem Falle - erst nach schauen des Films recherchiert und diese Informationen nachließt, bleibt das Gefühl bestehen, dass viel Potenzial verschenkt wurde. Gomez-Rejon schwankt zwischen Slasher-Stereotypen, mit denen er merkbar Probleme hat und wirklich famos fotografiertem Arthouse-Kino, der aus seiner Grundidee keine funktionierende Symbiose mit den restlichen Elementen des Films eingehen kann. Was auf visueller Ebene wirklich hübsch anzuschauen ist - eben mitreißt - bleibt narrativ flach. Man ruht sich auf allen Selbstreferenzen und der Meta-Ebene aus; uninspiriert stolpert man ansonsten wie Hauptfigur Jami durch die Geschichte. Mit fortlaufender Zeit ist das immer schwerfälliger. Sein großer Kniff lässt The Town That Dreaded Sundown nicht verbergen, dass er ein spannungsarmer Slasher ist, bei dem man vermuten kann, dass Gomez-Rejon vielleicht kein wirkliches Interesse an einem reinen, traditionellen Horrorfilm hatte. Schade ist einfach, dass bis eben auf die doppelten und dreifachen Selbstrefenzen sonst nichts übrig bleibt. Der Rest ist inhaltliches auf der Stelle treten, reines abspulen einer weniger originellen Geschichte die - begleitet mit einem großen leider - andere Filme packender umsetzen können. Es blieb ein großes Schulterzucken zurück, als der Abspann lief. Warte, bis es dunkel wird ist wirklich anders, könnte eigentlich mehr sein als ein durchschnittlicher Slasher mit toller Ausgangsidee, da sein Potenzial sicht- und greifbar ist. Nur sollte man sich eben nie auf dieser einen, großartigen Idee ausruhen.