Mittwoch, 16. März 2011

"A Brief History of Title Design" von Ian Albinson

In all den nun weit mehr als hundert Jahren, in denen das Medium Film existiert, hat sich nicht nur dieses in technischer wie auch narrativer Hinsicht verändert. Auch die Titelbilder des Films haben einen steten Wandel durchgemacht. Sehr schön tut diese Tatsache dieses kurze Video veranschaulichen, welches die Geschichte der Titelscreens behandelt und Ausschnitte aus über 50 Filmen aneinanderreiht. Geschaffen wurde es von Ian Albinson, der auf seinem Blog The Art of the Title Sequence über die künstlerischen Aspekte, Geschichten und Macher von Filmvorspännen schreibt. In diesem Video sind unter anderem die Titelbilder von Vertigo, King Kong, Sieben, The Pink Panther, Grand Prix, Natural Born Killers zu sehen.



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Montag, 7. März 2011

Deadgirl

Die beiden Kumpels J.T. und Rickie beschließen die Schule zu schwänzen und verkrümeln sich dabei in eine leerstehende Psychiatrie, um dort ein paar Bierchen zu kippen und ihre überschüssige Energie loszuwerden. Als sie das Gebäude etwas genauer erkunden, stoßen sie im Keller nicht nur auf einen äußerst schlecht gelaunten, streunenden Hund sondern auch auf eine verrostete Tür. Nachdem sie diese aufgebrochen haben, finden sie im sich dahinter befindlichen Raum eine nackte, an einem Bett gefesselte und mit einer Plastikplane zugedeckte Frau. Die unbekannte sieht zwar nicht mehr wirklich frisch aus, ist allerdings immer noch lebendig. Und wie J.T. einige Tage später bemerkt auch nicht wirklich tot zu kriegen. Selbst als er Rickie seine Entdeckung zeigt und mit dessen Waffe auf die Unbekannte feuert, bleibt sie lebendig. J.T. macht aus der Frau seine persönliche Sexsklavin, während sein Kumpane Rickie mit dieser äußerst extremen Situation nicht wirklich klar kommt. Als allerdings mit Wheeler noch ein dritter in das Geheimnis der beiden eingeweiht wird, gehen die Probleme für die Jugendlichen erst richtig los.

In der Theorie hört sich die von Marcel Sarmiento und seinem Co-Regisseur Gadi Harel umgesetzte Geschichte gar nicht mal so übel an. Die Untotenschublade wurde in der Geschichte des Horrorfilms ja schon so oft geöffnet und durchwühlt, dass man darin kaum noch Innovation vorfinden kann. Nun schickten sich die beiden Regisseure im Jahr 2008 an, doch noch ein wenig Pepp in die schon sehr modrig wirkenden Zombiethematik zu bringen. Nur guter Wille allein genügt natürlich nicht, da muss schon auch ein wenig Talent und eben eine gute Idee mit dabei sein. Letztere ist dabei wirklich vorhanden, da man es nicht Horden, sondern nur einem Untoten zu tun hat. Dieser ist zwar ein wichtiger Punkt in der Geschichte von Deadgirl, doch geht es nicht vordergründig um das Prinzip des fressens und gefressen werden. Mit ihrem Film bieten die beiden Regisseure eine ungewöhnliche Mixtur aus Teenagerdrama und makabrer, nekrophil angehauchter Horrorstory. Coming of Age meets Sex and Guts and Violence. Mit so einem Stoff kann man fürwahr eigentlich wirklich tolle, ideenreiche Dinge anstellen.

Doch das Script krankt an seinem extrem. Diese zwei Seiten der Geschichte mögen zu Beginn nicht zusammenpassen. Der Aufbau geht recht flott vonstatten, der Film mag sogar mit seiner ruhigen Erzählweise und einem Stil, der passenderweise an Indie-Teendramen erinnert, so einiges Interesse beim Zuschauer erwecken. Die Bilder ändern sich bei der Ankunft der beiden Freunde im Keller rapide, das gewohnte Horrorszenario setzt ein und ist ebenfalls recht gut aufgebaut. Ja selbst die ersten schauerlichen Begegnung mit der Unbekannten fallen positiv aus. Doch nun scheint der weitere Verlauf des Stoffs genauso ahnungs- und ratlos zu werden die die Figur des Rickie. Dieser kommt mit dem Verhalten seines Kumpels nicht wirklich klar. Ganz simpel baut man die Protagonisten hier auf und bedient sich hier einer simplen Schwarz-Weiß-Zeichung. Rickie als moralische Instanz, J.T. als böser Gegenpart der auf das Geschwätz des Freundes wirklich wenig gibt. Die dunklen Fantasien, heraufbeschworen durch die Situation, eine fremde Person von der niemand zu wissen scheint vollkommen ausgeliefert und abhängig von den beiden Findern, nach oben gespült, übermannen diesen. Der Trieb siegt in diesem Falle über den Verstand.

Doch Deadgirl beginnt in diesem Dilemma rumzudümpeln, tritt auf der Stelle und schafft es auch sehr spät und schwerfällig, sich von dieser wegzubewegen. Der Fokus wird auf Rickie gelegt, dessen familiären und zwischenmenschlichen Probleme etwas näher beleuchtet werden. Bis dorthin darf man dem Konflikt zwischen den beiden Freunden folgen, der allerdings sehr dürftig ausgearbeitet wurde und so zu einigen Längen führt. Der gute Aufbau des Films wird hier schon fast zu nichte gemacht, da das Drehbuch in diesem Punkt wohl nicht viel herzugeben scheint. Die Mischung zwischen nekrophiler Untotenstory und Jugenddrama erweist sich als unglücklich. Man sollte dem Autoren und auch den Regisseuren danken, dass bei diesem Thema darauf verzichtet wurde, die Karte mit ordentlich Sex und Gore auszuspielen. Immerhin hätte man sich auch darauf beschränken können, dem Splatterfreak eine ordentlich kranke Sache aufzutischen und dem Trend der letzten Jahre, der selbst seinen Weg in den Mainstream gefunden hat (Hostel, Saw und Co. sei dank), zu folgen. Nun gehen zwei mutige Männer einen völlig anderen, angenehm anderen Weg, aber liefern mit ihrer Umsetzung der äußerst interessanten Geschichte eine eher laue Vorstellung.

Seine wirkliche Richtung findet Deadgirl erst spät. Da wurde Rickie mit seiner unglücklichen Liebe und deren eifersüchtigem Freund noch etwas näher betrachtet, da kam mit Wheeler ein äußerst tumber, aber für die Geschichte sehr erfrischender Charakter hinzu. Als dieser von J.T. in das Geheimnis eingeweiht wird, scheint es auch hinter der Kamera klick gemacht zu haben. Urplötzlich punktet das Werk mit einigen sehr schwarzhumorigen und natürlich auch makabren Einfällen. Dabei geht man den erfreulichen Weg und wird nie zu explizit, zeigt zwar auch ein wenig an rotem Lebenssaft, läßt aber durch seine Andeutungen auch das Kopfkino beim Zuschauer ordentlich arbeiten. Es funktioniert urplötzlich, als hätte man es geschafft, eine unsichtbare Barriere die beim Erzählen der Story im Weg stand, zu umgehen. Auch wenn hier der Film sich aufbäumt und den Weg in die Bedeutungslosigkeit nicht antritt, so muss man ihm und seinen Machern auch attestieren, dass dies leider etwas zu spät kommt. Eventuell war der dramatische Teil mit seinen Konflikten zwischen gut und böse sowie den Andeutungen in den Problemen Jugendlicher bei stark abweichendem, sozialen Gefüge doch etwas zu viel des Guten für das Script. Immerhin ist da ja auch noch der Horroranteil, der allerdings auch nicht wirklich gut ausgespielt werden kann.

Man sollte diesen Film allerdings eh nicht als reinen Horrorfilm ansehen. Der Aufhänger ist eben die untote Frau, sie gibt nur Gelegenheit für Sarmiento und Harel, sich auszutoben und ihre talentierten Jungdarsteller in ein düsteres Drama voller Abgründe zu schicken. Doch befriedigend ist dies nicht wirklich, auch wenn die guten Ansätze des Stoffs zu gewisser Begeisterung hinreisen können. Man tobt sich nämlich wie angesprochen schlicht und ergreifend viel zu spät aus. Das Ruder kann Deadgirl so nicht mehr herumreißen. Dafür ist die Geschichte dann doch zu kraftlos. Schade, wenn Innovation so sang- und klanglos im Mittelmaß untergeht, da trotz aufblitzendem Talent dieses einfach nicht ganz ausgeschöpft wurde oder man einfach nicht wußte, dieses zu nutzen.


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Sonntag, 20. Februar 2011

Gewalt über der Stadt

An einer Stelle in Gewalt über der Stadt wird der Schauplatz Turin als (italienische) "Hauptstadt des Verbrechens" bezeichnet und bei dem, was uns Regisseur Carlo Ausino um die Ohren haut, ist dies gar nicht mal so weit hergeholt. Die Ehegattin eines Arztes wird ermordet in einem Park aufgefunden. Nach einiger Zeit wird der Mord an ihr sowie der später an einem jungen Mädchen verübte mit einem Prostitutionsring in Verbindung gebracht, der Frauen mit Drogen gefügig macht, sie mit Männern verkuppelt und diese dann mit eindeutigen Fotos erpresst. An anderer Stelle überfällt eine Bande von Jugendlichen Kinos und Supermärkte. Und dann wären da auch noch ehemalige Handlanger eines französischen Syndikats, die zum Unmut der alteingesessenen Banditen in der Turiner Unterwelt mitmischen wollen. Viel zu tun für die Kommissare Moretti und Danieli, was bei letzterem auch schon mal das Eheleben in eine schwere Krise stürzt. Trotzdem versuchen die beiden Polizisten mit ihren Kollegen Ordnung in ihre Stadt zu tun. Geschieht dies nämlich nicht sofort, so gibt es da immer noch den "Rächer", der die großen und kleinen Ganove, gegen die die Polizei nichts unternommen hat, um die Ecke bringt.

Bei dieser ordentlichen Packung an kriminellen Machenschaften kann man dabei schon mal schnell den Überblick verlieren. Gott sei Dank hat aber niemand geringeres als der Italowestern-erprobte Mime George Hilton angeheuert und sorgt mit seinem Kumpanen Emanuel Cannarsa, dass in Turin nicht alles aus dem Ruder läuft. Die Erfolgsquote des Ermittlerduos ist zwar nicht gerade gering, aber man hat schon so seine Mühe. Damit sind jetzt nicht nur die beiden Cops gemeint. Auch der Zuschauer vor der heimischen Flimmerkiste ist arg gefordert, der Geschichte zu folgen. In seinem dritten von insgesamt gerade mal sechs Filmen schöpft Regisseur Ausino aus dem Vollen und merkt dabei allerdings nicht, dass der prall gefüllte Crime-Mix fast aus allen Nähten platzt. Komplexe Stories können natürlich gerade auch im Kriminalfilm ein schöner Segen sein, wenn einem einmal nicht nach simplen, geradelinigen Haudrauf-Geschichten ist. Doch Ausino, der für das Script sowie auch die Kameraarbeit verantwortlich ist, hat es schlicht und ergreifend zu gut gemeint. Der gute Mann hätte sich auf eine Sache konzentrieren sollen, auch wenn die drei von ihm angerissenen Baustellen erstmal ganz interessant eingeführt werden.

Doch er bleibt nicht strikt bei einer Sache sondern hüpft wild von einer Sache zur nächsten. Ausino schien entweder eine Konzentrationsschwäche gehabt zu haben oder wollte seine Geschichte so komplex wie nur möglich erzählen. Das ist sie auch, allerdings auch recht umständlich erzählt. Der Sprung zwischen die verschiedenen Handlungsstränge kann dabei ganz schön anstrengend werden und so richtig schlüssig erscheinen manche Dinge auch nicht gleich auf den ersten Blick. Figuren werden fröhlich neu eingeführt, deren genauere Rolle wird dann entweder erst viel später oder auch mal gar nicht aufgedeckt. Gut, wenn diese dann für irgendjemand anderen dann nur Kanonenfutter sind, dann wäre es ja gar nicht so schlimm. Nur wieso diese dann eigentlich genau über den Jordan wandern mussten, da ist Ausino dann dem Zuschauer eine Antwort schuldig. Das breit abgedeckte Feld Kleinkriminalität, organisierte Prostitution sowie die Konflikte innerhalb der Turiner Unterwelt werden dann hier und da auch zusammengeführt. Eine nette Idee, so richtig Struktur bringt dies nun auch wieder nicht.

Nicht alle Fragen bleiben offen, doch die späte und wendungsreiche Auflösung dieser hätte auf nicht ganz so kurvigem Weg erfolgen können. Manches hätte man auch etwas straighter angehen können. Allerdings ist Ausinos Ansatz interessant, anders als in vielen weiteren Poliziotteschi hier auch etwas auf das Privatleben eines der Cops einzugehen. Der durch Beruf kommende Konflikt in der Ehe von Ermittler Danieli erscheint im ersten Moment etwas ungewöhnlich, verleiht Gewalt über der Stadt aber auch eine schöne eigene Note. Emanuel Cannarsa ist dabei eine gute Wahl für die Rolle der Figur gewesen, gewinnt diese doch mit seinem etwas verbrauchten Look noch mehr an Glaubwürdigkeit. Der Job überschattet bei Danieli wie auch bei Moretti das Privatleben. Letzteren, die eigentliche Hauptfigur des Films, kommt dabei allerdings recht kurz. An einer Stelle läßt er aber seine Liebschaft für den Job beim Schlendern durch die Stadt für die Arbeit stehen. Ein böser Bursche wurde erkannt und natürlich muss sofort die Verfolgung aufgenommen werden. Da bleibt für sowas "Nebensächliches" wie das andere Geschlecht keine Zeit.

So wie die eiskalt abservierte Dame schaut man dann auch nach dem Genuss von Torino Violenta aus der Wäsche. Etwas irritiert und ahnungslos. Trotz der überfrachtenden Story, die den Film nahezu zu erdrücken scheint, sind einige gute Ansätze vorhanden. Neben den Einsichten in das Eheleben von Kommisar Danieli ist dies auch die vom Film transportierte Stimmung. Unheilvoll ist diese, dunkel gehalten und an einigen Stellen sogar ein wenig melancholisch angehaucht. Haben wir es hier mit Anflügen des Film Noirs zu tun? Nein, so schwarz gibt sich Gewalt über der Stadt nun nicht. Auch wenn George Hilton hier teils gewisse Ähnlichkeit mit den einsamen Helden aus der dunklen Phase Hollywoods hat. Langer Mantel, verbissene Mimik die hinter einer dunklen Sonnenbrille teils versteckt wird. Und wie so viele andere Darsteller auch, wird Hiltons Gesicht von einer prächtigen Rotzbremse geziert. Neben guter Leistung in der Schule scheint es beinahe Pflicht bei der Turiner Polizei zu sein, einen voluminösen Oberlippenbart sein Eigen zu nennen. Er ist ein wortkarger, aber hartnäckiger Polizist. Eine beinahe typische Figur für den italienischen Polizeifilm. Sein Partner scheint etwas milder in den Ansichten zu sein, auch wenn beide auf das Wohl des Turiner Bürgers bedacht sind. Nur wird auch hier in der Figurenzeichnung das Problem von Gewalt über der Stadt klar sichtbar. Wo man es anders nur mit überzogenen, klischeebelandenen - ja fast schon comichaften - Charakteren zu tun hat, hätte man hier Tiefe einbringen können.

Doch Ausino läßt so manches, kurz nachdem er es in die Hand genommen hat, einfach wieder fallen. Manches nimmt er dann wieder auf, anders fällt gänzlich unter den Tisch. Dies läßt so auch niemals wirklich Spannung oder Dynamik aufkommen. Selten hat man so gänzlich unaufregende Verfolgungsjagden wie hier gesehen. Der Fokus ist ohnehin nicht wirklich auf Action Nonstop ausgelegt, doch wenn diese dann aufkommt, ist das ganze sehr bemüht und versprüht keinen Funken Lebendigkeit. Der dunkle Grundton läßt Gewalt über der Stadt an solchen Stellen lethargisch erscheinen und selbst der Score von Stelvio Cipriani, ausgestattet mit schmissigem Titellied, geht wie so vieles einfach etwas unter. Da kann auch das ebenso düstere Ende nicht wirklich versöhnen. Mit wohlwollen kann man das Werk wirklich ganz knapp über dem Durchschnitt ansiedeln, da gerade die Optik bzw. technische Seite wirklich in Ordnung geht und einige kleine, tolle Einstellungen zu bieten hat. Das hilft aber einfach nicht über die Tatsache hinweg, dass Ausino sich in seiner eigenen Geschichte verheddert und das Geschehen fast schon schwerfällig erscheint. Die nichtgenutzten Möglichkeiten, die man hier einfach anders - wie schon beschrieben zu umständlich - anpackt, sind einfach zu viel des Guten. Mit einer entschlackten Story hätte man es hier mit einem tollen Werk zu tun. So bleibt Gewalt über der Stadt eher ein Film, bei dem es Schade drum ist, was man hätte alles aus dem Stoff machen können.
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Donnerstag, 10. Februar 2011

Killer Kid

Die Revolution wütet in Mexiko und damit die Rebellen der Regierung auch ordentlich Zunder geben kann, sind Waffenschmuggler eifrig dabei, ihr Diebesgut aus dem Bestand der US-Regierung an die Revolutionäre zu verkaufen. Der Handel an der amerikanisch-mexikanischen Grenze floriert. Einhalt soll diesem der Agent und Captain Morrison gebieten, der als Revolverheld Chamaco sich unter die Rebellen mischen soll. Schnell macht er es sich dabei in der Gruppe um den Führer El Santo gemütlich. Obwohl der Gringo nichts mit der Revolution zu tun hat, ist er nachdem El Santo und seinen Männern gegen die Regierungstruppen um den fiesen Hernandez geholfen hat, gerne bei diesen willkommen. Einzig und allein Vilar, einer der treuesten Gefolgsleute von Santo, traut dem Fremden nicht. Erst recht nicht, als auf der Flucht vor Hernandez Truppen urplötzlich der Wagen mit den Waffen samt Ladung zerstört wird. Es kommt zum Bruch zwischen Vilar und El Santo, was dazu führt, das der immer größenwahnsinniger werdende Vilar seinen einstigen Führer sogar entführt und die Macht an sich reißt. Chamaco, dessen Identität bei Mercedes, der Nichte von Santo, aufgeflogen ist, wird von dieser gebeten, ihren Onkel zu befreien.

Die mexikanische Revolution ist ein gerngesehener Gast im Italowestern. Sergio Leone widmete sich ihr in seinem Film Todesmelodie (1971), Politfilmer Damiano Damiani versah seinen Western Töte Amigo (1967) dabei ebenfalls mit einigen kritischen Untertönen. Aber: dies ist natürlich eher eine Ausnahme. Meist dient diese nur dafür, noch etwas mehr die Geschichten um Rache, Zaster usw. anzuheizen. Imemrhin wird die Zeit der Revolution in dem mittelamerikanischen Land als großer Trubel dargestellt. In diese Kategorie fällt auch der von Leopoldo Savona inszenierte Killer Kid, welcher in hiesigen Gefilden auch noch unter dem Titel Chamaco bekannt ist. Dieser ist einer von insgesamt fünf Western des in Lemora geborenen Regisseurs. Sein Hauptdarsteller war hier der vor allem durch Western bekannt gewordene Antonio Luiz de Teffe bzw. Anthony Steffen. Dieser war dann drei Jahre später auch in Savonas Spiel dein Spiel und töte, Joe mit von der Partie. Hier schlüpft der Sohn eines brasilianischen Botschafters in die Rolle des titelgebenden Killer Kid bzw. Chamaco, einem dienstbeflissenen Agenten der Amerikaner.

Steffen war nun nicht gerade der subtilste und filigranste Darsteller, manche Leute bezeichnen seine mimischen Fähigkeiten sogar als fast versteinert. Großartige Regungen innerhalb des Gesichts konnte man in seinen Filmen tatsächlich eher seltener ausmachen und so gibt er sich auch als Chamaco ziemlich eisern, was das angeht. Was ihm aber an mimischen Talent fehlt, macht er mit einer nicht zu unterschätzenden Präsenz bzw. Ausstrahlung wett. Dieser behilft er sich auch, allerdings liefert er im ganzen gesehen doch eher nur eine ordentliche Leistung ab. Schnell scheint es so, als passe sich Steffen dem ungemein durchschnittlichen Gesamteindruck des Werks an. So richtig mag die Rolle des Agenten, der für seinen Auftrag beinahe alles tut, auch nicht zu ihm passen. Der mit markanten Gesichtszügen gesegnete Steffen ist halt eher doch ein Rauhbein, seine Figur etwas zu glatt dargestellt. Selbst wenn er von Mercedes gebeten wird, ihrem von Vilar schon längst entführten Onkel aus dessen Fängen zu befreien, bleibt er standhaft, was bedeutet, dass es selbst hier keinerlei Schwankungen in seinem Handeln gibt. Ja, er hilft ihr brav, bleibt dabei aber auch eindeutig auf der Seite der US-Regierung. Er ist ein klassischer Held und kein im Italowestern so gern gesehener Antihero.

Aber gut, dafür hat man ja Ferndando Sancho. Wenn irgendwo am Set eines Westerns ein schmieriger, verschlagener Mexikaner gebraucht wurde: der rundliche Spanier war stets zur Stelle. Keine Überraschung also, dass genau er die Rolle des Vilars sprichwörtlich ausfüllt. Er stiehlt auch Steffen die Schau und ist der heimliche Star von Killer Kid. Es ist einfach schön anzuschauen, wie aus dem einfach gestrickten Gefolgsmann des El Santo ein immer mehr größenwahnsinniger und machtbesessener Gewalttäter wird, der Chamaco zudem keinen Meter weit traut. Allerdings der Abtritt für eine für den Film doch recht wichtige Rolle doch eher bescheiden. Da hätte etwas mehr pomp gutgetan. Allerdings kann es auch sein, dass Savona auch immer darauf achten musste, dass er sich nicht in seiner komplexen Story verzettelt. Es geht um Waffen, Geld und Machtspielchen und dabei läßt sich Savona nicht lumpen, zusammen mit Co-Autor Sergio Garrone ordentlich aufs Gas zu drücken.Dabei schlittert das Duo mit ihrer Geschichte fast ein wenig aus der Kurve und schlingert hin und her. An manchen Stellen ist das Handlungsgeflecht etwas zu wirr und man verheddert sich darin, den Unterhaltungscharakter des Werks noch mit hintersinnigen Aussagen etwas aufzuwerten. Doch dies mag nicht wirklich gelingen, auch wenn man zum Beispiel zu Beginn den Film den Revolutionären der damaligen Zeit widmet.

Ein großes Politikum wird der Film zu keinster Zeit, auch wenn er sich redlich bemüht. Das ist für den Stoff ein wenig zu dick aufgetragen, auch wenn es Savona gelingt, hier und da einige wirkungsvolle Szenen zu inszenieren. Die intensivste hat allerdings in der alten deutschen Fassung gefehlt. Hier landet der Tross von Santo und seinen Mannen zu einem Dorf, welches von den Regierungstruppen dem Erdboden gleich gemacht wurde. Die Häuser sind niedergebrannt und überall sieht man die hingerichteten Bewohner. Eine sehr düstere Szene, in der es zu einer Diskussion zwischen Vilar und Santo kommt, wie man überhaupt eine Revolution durchzuführen hat. Der gewaltbereite Vilar gehört da eher zur groben Hauruck-Fraktion, wobei Santo ein noch eher gemäßigter Aufständischer ist. Aber so richtig harmonisch wirkt sowas trotzdem nicht mit dem actionlastigen Hauptteil von Killer Kid. Wenigstens hat man sich bemüht, das ganze gut aussehen zu lassen. Auch wenn er nicht beständig durch ausgezeichnete oder außergewöhnliche Schnitt- oder Kameratechnik glänzt: der Revolutionswestern kommt ins keinster Weise wie eine schnöde Low Budget-Produktion daher. Savonas Film ist gut in Szene gesetzt, bietet hier und da mal einige nette Einstellungen und ist auch ansonsten handwerklich wirklich gut umgesetzt.

Nur die Feinarbeit hätte noch etwas genauer ausfallen können. Es tut dem Film einfach nicht gut, dass man Steffens wahre Rolle im Revolutionschaos preis gibt. Dies hätten Savona und Garrone etwas mehr oder auch länger im Dunkeln lassen sollen um noch etwas mehr Spannung in das Werk zu bringen. So hätte man auch der Geschichte etwas von ihren holprigen Sprünge in der Handlung nehmen können. Trotzdem kann Killer Kid eine gewisse Kurzweiligkeit mit sich bringen und zudem auch einigermaßen gut unterhalten. Ein richtiger Kracher ist er nicht, die Revolution hat schon schönere Kinder - auch im Italowestern - gezeugt, aber es macht doch noch genug Laune, Steffen, Sancho und Co. um die gestohlenene Waffen streiten zu sehen. Knappe überdurchschnittlich unterhaltende Westernkost mit handwerklich ausgereifter Inszenierung: so kann man Chamaco noch am besten beschreiben.


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Sonntag, 30. Januar 2011

Lebendig gefressen

Jemanden zum Fressen gern haben oder sogar zum Anbeißen finden: man sieht, der Kannibalismus ist selbst in Redewendungen des alltäglichen Sprachgebrauchs anzufinden. Nun kommen glücklicherweise die wenigsten Zeitgenossen darauf, ihre Rede auch in die Tat umzusetzen. Doch trotzdem: der Carnivor in uns macht auch vor dem Homo Sapiens nicht halt. Wenn auch nur im Sprachgebrauch und eventuell auch in der Fantasie. Um das am Menschen knabbern dann doch noch irgendwie umzusetzen, kann man sich ja künstlerischer Mittel wie zum Beispiel des Films bedienen, was man gerade in den güldenen Siebzigern ja zugern in Italien gemacht hat. Bis auf den noch recht lauen, eher am Abenteuerfilm orientierten Anfang entstanden so Orgien der selbstzweckhaften Gewaltdarstellung, dass man heute noch nach Genuss dieser Filme die olle Flimmerkiste kopfüber halten muss, damit der Schund sowie die vielen verbrauchten Liter an Kunstblut ablaufen können. Als sich nun 1980 Ruggero Deodato mit seinem Cannibal Holocaust anschickte, den ultimativen Kannibalenfilm abzuliefern, der neben heftigsten Gräueltaten doch tatsächlich auch noch Intelligenz, Sozialkritik und Hintersinn mit sich brachte, dachte sich irgendwo in Italien ein gewisser Umberto Lenzi bestimmt sowas wie "Moment mal, das kann ich aber auch!" Immerhin hat der Onkel Umberto 1972 mit seinem Mondo Cannibale dieses Subgenre innerhalb der Exploitationwelt begründet.

Gott sei Dank hat er sich nicht daran versucht, die Geschichte von Deodatos wüstem Meisterwerk zu kopieren sondern eigene, ganz absonderliche aber auch nicht minder uninteressante Wege zu gehen. Zu Beginn sehen wir, wie ein Menschenbürger asiatischer Abstammung seine Talente im "ins Rohr blasen" zeigt um so an den Niagarafällen und zweimal in New York Menschen mit Pfeilen zu töten, deren Spitzen in Kobragift getränkt waren. Im Zusammenhang mit diesen Morden steht nun die seit gut sechs Monaten vom Erdboden verschwundene Diana Morris, deren Schwester Sheila sich vom staubigen Alabama in den Big Apple begeben hat, um sich über diesen Sachverhalt von einem Polizeikommisaren aufklären zu lassen. Laut der Nachbarin Dianas soll diese in seltsamen Kreisen rund um einen Jonas verkehrt sein, welcher der Leiter einer obskuren Sekte ist, welche sich allen Zwängen der Zivilisation entsagt. In der Tasche des Asiaten, welcher nach seinem dritten Attentat bei der Flucht schnell Bekanntschaft mit einem Lastwagen schloss, fand die Polente zudem einen Super 8-Film der so grauslige Rituale, denen übrigens auch Sheilas Schwesterchen beiwohnt, zeigt, dass diese selbst der von Sheila hinzugezogene Professor diese nicht kennt. Potzblitz. Da braucht man also einen anderen Experten und das am besten vor Ort. Denn immerhin konnte ihr der grauhaarige und um ein seriöses Auftreten bemühte Herr noch dabei helfen, den ungefähren Aufenthaltsort von diesem Jonas ausfindig zu machen.

Die ganze Sause nimmt dann erst irgendwo im tiefsten Neuguinea, dort wird die Sekte um den Prediger vermutet, so richtig an Fahrt auf. Sheila sichert sich die Dienste von Mark, einem vor einigen Jahren aus dem Vietnamkrieg desertierten Amerikaner, welcher sie sicher durch den Dschungel geleiten soll. Der Herr mit Hang zu Whiskey, der erst mit einer größeren Geldsumme überredet werden konnte, sich mit der blonden Dame in das wilde, beinahe unerforschte Unterholz zu  schlagen, ist dann auch bald der Retter in der Not, als man in einem Dorf ankommt und dort einen zwielichtigen Alten antrifft. Nach kurzem Disput hilft der dem Duo mit Proviant, einem Kanu sowie zwei Führern aus, welche für eine fast reibungslose Reise durch die Wildnis garantieren sollen. Als Kenner des Subgenres weiß man allerdings, dass sowas wirklich nie reibungslos von statten geht. Erst macht man die Bekanntschaft mit einem Alligator, kentert und trifft im Dschungel auch schon bald auf die ersten Menschenfresser. Bei der Flucht vor diesen trifft man allerdings auch Anhänger von Jonas. Diese geleiten Mark und Sheila auch in ihr Dorf, in dem man nicht nur auf den irren, mit diktatorischen Zügen ausgestatteten Prediger, sondern auch auf Diana trifft. Doch auch hier sind Konflikte vorprogrammiert. Mit Jonas ist nicht gut Kirschen essen, er führt seine Sekte mit harter Hand, versucht Sheila in seine Griffel zu bekommen, während sie ja eigentlich mit Mark zusammen Diana aus den Fängen dieser religiös komplett zugenebelten Gemeinde zu befreien. Man kann sich vorstellen, das in der grünen Hölle noch ordentlich die Lutzie abgeht.

In der Tat macht Lenzi mit seinem Werk ja keine Gefangene und drückt ordentlich auf die Tube. Längen sind in Lebendig gefressen keine auszumachen, dafür ist diese Chose ziemlich straight umgesetzt. Schon der Epilog mit den drei vom Asiaten verübten Morde kann schon für so manche Erheiterung beim Zuschauer sorgen, so schön hat man noch nie irgendwelche Darsteller abnippeln sehen. Großer Sport, noch größeres Overacting. Auch wenn die drei vom Pfeil getroffenen Mimen nicht wirklich bekannte Gesichter sind, so hat Herr Lenzi doch einige bekannte Namen vor der Kamera versammeln können. Ein kleiner Coup dabei ist die Mitwirkung von Robert Kerman. Der hat im gleichen Jahr im schon angesprochenen Cannibal Holocaust mitgewirkt. Seine weibliche Partnerin ist die ebenfalls recht bekannte Genredarstellerin Janet Agren, deren bekanntester Film wohl immer noch der Fulci-Splatter Ein Zombie hing am Glockenseil (1980) sein dürfte. Mit zwei weiteren Darstellern kann Lenzi sogar noch eine Brücke zu seinem Mondo Cannibale schlagen, da diese schon dort mit von der Partie waren: einerseits der charismatische Ivan Rassimov, andererseits die burmesische Darstellerin Me Me Lai, die seit dem Kannibalenerstling ein kleines Abonnement auf Rollen in den Fressfilmen italienischer Machart zu haben schien. Und wie sie sich alle anstrengen... Eine Pracht ist das! Blondchen Janet darf Aufgrund ihres so braven und zivilisierten Auftretens der Rolle die meiste Zeit über durch die Tücken des harten Lebens im Dschungel so richtig schön leiden. Da werden Augen weit aufgerissen, geschrien und die Beine in die Hand genommen. Während des Aufenthalts in der Sekte darf sie sich auch gerne mal etwas zugedröhnt geben, da der gute Jonas versucht, sie gefügig zu machen. Dabei denkt sich Lenzi für Frau Agren bzw. deren Figur Sheila Dschungelprüfungen aus, auf die RTL für ihre C-Promi-Eventshow niemals kommen würde.

Was Frau Agren nun etwas zu arg auslebt, kaschiert Robert Kerman bestens. Er ist ein durch und durch cooler Held, ein rauher Kerl mit harter Schale. In so einem unnachgiebigen, grausamen Stück Film ist da nur konsequent, den eventuell vorhandenen weichen Kern dieser Figur gar nicht erst anzudeuten. Dieser Mark ist männlicher als alle anderen damals so bekannten kernigen Filmhelden, und da war Chuck Norris zudem auch noch ein kleines Licht. Der Kerl scheint ja geradezu nur aus in Testosteron eingelegtem Fleisch, durchzogen mit einer Extraportion Samenstränge, zu bestehen. Er säuft, er ist zu Beginn Teilnehmer an Armdrück-Wettkämpfen, ein Ex-Soldat, ganz und gar von sich überzeugt, strahlt Erfahrung aus, weiß in jeder Lebenslage einen Weg, also ein ganz clever Kerlchen und darf - wie sollte es anders sein - natürlich auch mit Sheila mausen! Die Männlichkeit der Figur wird in der deutschen Fassung zusätzlich dadurch unterstrichen, dass sie von Klaus Kindler, der deutschen Stimme von Clint "Dirty Harry" Eastwood, gesprochen wird. Lässig und locker steht, liegt und läuft Kerman nun durch die Szenerie, dass es in seinen Parts förmlich Eiswürfel aus der Glotze regnen könnte. Scheint er der Blueprint für den modernen Typus der "coolen Sau" zu sein? Na gut, vor ihm gab es ja auch Darsteller wie Steve McQueen oder James Dean, die man ja auch so titulieren kann. Nur Lenzi verleiht dieser Figur in seinem Buch ja schon fast den Status der ultimativen coolen Sau. Ein vollkommen überzogener Charakter in einem - wie sollte es auch anders sein - überzogenen Film.

Glänzen kann da schon eher Ivan Rassimov. Der leider schon verblichene Mime ist sowieso eine wahre Bereicherung für jeden Film und so gibt er hier einen Jonas, der - trotz aller angeblicher Frömmigkeit - wahrlich diabolisch rüberkommt. Allein nur schon dieser durchtriebene Blick, den er aufsetzt, kann den Wahnsinn dieser Figur wunderbar rüberbringen. Kleines Manko dabei ist, dass Rassimov ja schon fast zu wenig Zeit im Film bekommt. Eine Schande ist das, wo sich der kroatisch-stämmige Darsteller von seiner besten und somit bösesten Seite zeigen kann. Wenn er mit dabei ist, könnte man sich ja schon fast vor Dank schon mal in seine Richtung verbeugen, so gut macht er seine Sache. Mit dieser ganzen Geschichte um Jonas und dessen Sekte gibt Lenzi seinem Lebendig gefressen zudem eine sehr frische, eigenständige Note, die den Film wie Cannibal Holocaust von den anderen Werken aus dieser Schublade abhebt. Er kommt zwar nicht Ansatzweise in die Nähe von Deodatos Überwerk, doch es ist eben eine gewisse Andersartigkeit, die ihm gut zu Gesicht bekommt. Schließlich kann Lenzi hier auch noch klasse üben, wie das so ist, wenn man Sozialkritik in seine Filme einbaut. Religiöser Fanatismus, blinder Gehorsam der Masse, Manipulation und Machtmissbrauch. Heiße Eisen, komplexe Themen. Herrlich in eine Exploitationsuppe geschmissen und dabei so schlampig verarbeitet, dass es ja schon fast wieder Spaß macht. Wobei man hier etwas zu hart mit der Sache ins Gericht geht. Die Ansätze sind da, erspür- und nachvollziehbar, doch in die Tiefe kann das hier einfach nicht gehen. Dafür richtet das Buch sein Augenmerk doch viel mehr auf eine Nonstop-Actionshow, die man auch geboten bekommt.

Ständig passiert irgendwas und wenn dann doch fast sowas wie Leerlauf aufkommt dann greift Lenzi, leider wie auch so viele andere Kollegen, zum leidigen Thema Tiersnuff. Reale Tötungen wehrloser Kreaturen vor laufender Kamera: ein selbst heute noch in der Szene sehr polarisierendes Thema, worauf der Kannibalenfilm von vielen deswegen auch gemieden, sogar boykottiert wird. Sicherlich ist dies nicht unterstützenswert und verachtenswürdig, doch diese Filme entstanden zu einer Zeit, wo man allerdings noch nichts von sowas wie "Roten Listen" wusste, Tierschutz in den Kinderschuhen steckte und man mit vielem lockerer und ungezwungener umging. Es sind Relikte aus einer vergangenen Zeit und man sollte sich vor Augen führen, dass sowas heute nicht mehr möglich ist. Wenigstens greift man hier noch nicht ganz so oft darauf zurück, anders als in Lenzis einem Jahr später entstandenem Die Rache der Kannibalen. Man hält sich - soweit man das bei so einem heiklen Thema sagen kann - weitestgehend zurück und man montierte sogar eine Szene aus Sergio Martinos Die weiße Göttin der Kannibalen in den Film. Zimperlich ist man trotzdem nicht. In ärgster Weise dürfen die Kannibalen ihrem Werk fröhnen und somit den Hunger stillen. Dabei fällt auf das die meisten Opfer weiblichen Geschlechts sind und mit diesen ganz besonders unbarmherzig umgegangen wird. Einer Mahlzeit wird da sogar die Brust abgeschnitten und dann genüsslich verzehrt. Feministinnen hätten an dem Film sowieso keine Freude. Menschen mit Hang zu einer logisch und sorgfältig aufgebauten Story übrigens auch nicht.

Gerade aber diese Konstruiertheit und die daraus resultierende, schamlose Montage verschiedenster Versatzstücke macht den im Original Mangiati vivi! betitelten Film so herzerfrischend toll. Man kann ihn roh und ungeschliffen nennen. Ein ungehobeltes Stück auf Zelluloid gebannten Wahnsinns, der knietief in der Exploitation watet, daraus auch nie einen Hehl macht und sich wie die wilden auch unglaublich primitiv gibt. Doch auch die niederen Instinkte dürfen hier und da mal befriedigt werden und durch den kleinen Hauch eines Versuchs von Sozialkritik und etwas Anspruch in so etwas hineinzubekommen, schafft das Lebendig gefressen auch wirklich ganz gut. Action, Horror, Abenteuer - soviele Genre kommen hier zum Zug, da wurde wohl auch Lenzi vielleicht hier und da mal schwindelig beim Verfassen des Scripts. Teils ist der Film etwas holprig, gerade bei manchen übergängen in der Story. Es ist zu verschmerzen. Dafür schwelgt man hier in vielen Übertreibungen und versucht die gesamte Sparte des Kannibalenfilms auf die Spitze zu treiben. Dank Cannibal Holocaust ist dies zwar nicht ganz gelungen, aber manches funktioniert doch wirklich gut. Trashige Unglaublichkeiten machen Lebendig gefressen zu wirklich ganz großen Sport, den es zu begutachten gilt. Wo sonst hat man schon mal so eine filmische Schlachtplatte die versucht mit Kritik an Fanatismus im religiösen Bereich und an einigen auch damals schon aktiven Sekten zu koketieren? Lenzi konnte - gerade in seiner Poliziotteschi-Phase noch weitaus bessere Filme drehen - doch auch schon seine Kannnibalenepen können in gewisser Weise echt gut unterhalten. Lebendig gefressen kann dies durchaus.


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Montag, 20. Dezember 2010

Blastfighter - Der Exekutor

Kernig. Ein Wort, dass auf die Beschreibung vieler Protagonisten aus gülligen Actionproduktionen der 80er Jahre paßt. Um beim Thema zu bleiben: das meist sogar wie die Faust aufs Auge. Auch Jake Sharp, von jedem nur "Tiger" genannt, beschreiben. Der Ex-Cop wird nach acht Jahren unschuldigem Einsitzen hinter schwedischen Gardinen wieder auf die Menschheit losgelassen. Eingebrockt hat ihm diese Strafe ein Politiker, an dem er sich auch liebend gerne rächen möchte. Dafür bekommt der gute Jake von einem Freund kurz nach der Entlassung auf einem Parkplatz ein wahres Wunderwerk an Waffe in die Hand gedrückt. Das Ding kann man als eierlegende Wollmilchsau unter den Tötungswerkzeugen beschreiben, es gibt nämlich fast nichts, was es nicht irgendwie abfeuern kann. Doch Jake zeigt Nerven, ja sowas wie ein Gewissen und so läßt er die Gelegenheit sausen, sich an dem Kerl zu rächen, der ihn da zu acht Jahren gesiebte Luft hat verdonnern lassen. Lieber zieht er in seine ländliche Heimat zurück, gibt den Eremiten und zieht sich in eine Hütte in den Wäldern zurück. Doch Jake kommt mit einigen Wilderern und deren Einstellung nicht so zurecht. Die Kerle erlegen Wild fast im Minutentakt um dieses meist noch lebend für reichlich Penunzen an einen Asiaten zu verhökern. Das dadurch Konflikte vorprogrammiert sind, ist einleuchtend. Allerdings läßt sich Jake nicht von dem vorlauten Volk, darunter auch der Sohn seines einst guten Kumpels Tim, unterkriegen. Allerdings schaukeln sich beide Parteien derart hoch, dass die Situation eines Tages folgenschwer eskaliert.

Bis es allerdings auch so richtig kernig auf dem Bildschirm wird, braucht man etwas Geduld. Richtig ruhig und gelassen geht es für eine zünftige Actionsause aus den güldenen Zeiten des Jahrzehnts zu. So richtig mag das aber auch nich überraschen, wenn man die Credits zu Beginn näher verfolgt. Hinter dem Namen John Old Jr. verbirgt sich niemand geringeres als Lamberto Bava. Als John Old inszenierte schon sein Vater Mario einige Filme unter falschem Namen und so übernahm auch der Sohn das Pseudonym und hängte einfach mal ein Junior hinten dran. Man wundert sich allerdings, dass der Sprößling der Regielegende sich bei Blastfighter hinter diesem Namen versteckt. Auch wenn sein etwas schwerfällig Erzählstil auch hier schön deutlich das Geschehen bestimmt, so macht er bei weitem keine schlechte Sache. Allerdings kann dies natürlich den Freund einer ordentlichen Portion Krawums schon erschrecken, wenn die esentiellen Dinge von B-Action erst in der zweiten Filmhälfte richtig in Erscheinung treten. Im Schneckentempo entwickelt sich die Geschichte, bei der man schon Anhand des Genres nicht wirkliche Tiefe und gehaltvolle Behandlung des Themas erwarten kann. Man bemüht sich allerdings trotzdem die Story so gut wie möglich ausgefüllt zu präsentieren.

Dabei geht es zu Beginn ja doch etwas konfus und ungelenk zu. Frisch aus dem Knast entlassen, wird der "Tiger" also von seinem Kumpanen aufgegabelt und auch gleich mit einem ganz besonderen Entlassungsgeschenk beglückt. Einer wirklich beeindruckenden Waffe, bei der selbst John Rambo vor Begeisterung Pipi in den Augen bekommen würde. Nicht nur, dass alle erdenkliche Arten an Munition damit verballert werden können, nein, auch Miniraketen und Tränengas läßt sich damit abschießen. Bei soviel Funktionen freut man sich insgeheim doch, im Verlauf des Films jede Einzelne davon mitzuerleben. Aber dann beschleicht die Skrupel den rachsüchtigen Ex-Bullen und die Gelegenheit, seine Rache zu Befriedigen, wird sausen gelassen. Eine Finte vielleicht, um so die Geschichte voranzubringen? Jein. Man könnte sich denken, dass gute "Tiger" seine Beute noch etwas jagt, bevor er richtig zuschlägt. Doch dieser Politiker, der ihn in den Knast brachte: er spielt keine Rolle mehr im weiteren Film. Viel mehr nutzt Bava diese Szene um zu zeigen, dass zwei Herzen in der Brust seines Protagonisten schlagen. Ein sanftmütiges und ein Hassklumpen, welches nach Vergeltung schreit. Dick aufgetragen mag es sich zwar im ersten Moment anhören, doch der Held der Geschichte gibt dies ja an einer Stelle selbst zu, dass er von Rache und Hass zerfressen ist. Doch selbst mit diesen zwei so intensiven Emotionen siegt die Moral des Guten. Aber: jeder wird einfach mal so an seine Grenzen gebracht.

Dies erfährt man dann, wenn sich Jake auf in die alte Heimat macht. Untermalt von einem gefälligen Song im Countrystil braust er über die Landstraßen in die alte Heimat und verschanzt sich in einer alten Hütte. Was folgt, ist die Bava'sche Remix-Version der Actionklassiker Rambo (1982) und Beim Sterben ist jeder der Erste (1972). Man fühlt sich irgendwie immer leicht an einen der beiden Filme erinnert (insbesondere an das Stallone-Vehikel), je länger der Film dauert. Dabei dauert es auch bis zur endgültigen Eskalation. Detailliert schildert das Drehbuch erstmal diese Art von Desillusionierung, als Sharp merkt, dass der Lauf der Zeit selbst bei seiner idyllischen alten Heimat nicht halt macht. Die Art und Weise wie die Wilderer mit den Tieren die sie erlegt haben, umgehen, läßt ihn einfach nur grausen. Doch damit abfinden kann er sich nicht. Diese neuartigen Methoden sind ihm ein Graus. Der "Tiger" trauert alten, vergangenen Tagen nach. Über diese unterhält er sich auch mit dem alten Freund Tim, den er alsbald in der Ortschaft trifft. Doch herzlich ist das Wiedersehen nicht. Unterkühlt wird es dargestellt, vor allem, da einer der großkotzigsten Wilderer ganz zufällig der Sohn von Tim ist. Das verstärkt die Konfliktsituation innerhalb der Figurenkonstellation natürlich ungemein. Doch das Drehbuch kennt noch viel unglaublichere Verstrickungen und Twists. Übermäßig kompliziert gibt man sich allerdings nicht. Wie für einen Actionstreifen üblich, kann man der Geschichte zu jeder Zeit wirklich gut folgen.

Hier hält man sich aber an einigen Dingen unnötig lange auf. Der ein oder andere Zuschauer könnte so auf eine harte Geduldsprobe gestellt werden, bis es so richtig los geht. Denn die ein oder andere Keilerei zwischen den Wilderern und Jake verspricht nicht wirklich ein mitreißendes oder sogar spannendes Actionfeuerwerk. Die Streiterei entwickelt sich langsam, aber beständig. Es wird immer zu besonderen Zeitpunkten zugeschlagen. Auf beiden Seiten. Bis diese allerdings erreicht sind, versucht man, dem Protagonisten etwas an Profil zu geben. Gelingen tut dies nur bedingt. Man wiederholt sich schon fast ein wenig, wenn man öfters zeigt, dass trotz all der Rache die in "Tiger" tobt, immer auch noch eine gute Seite in ihm vorhanden ist. Logisch ist dies alle Mal, immerhin ist er doch der Hero des Flicks. Doch er ist ein geduldiger Mensch, der lange zuschauen kann, bis ihm dann doch der Kragen platzt. Dann gibt es wirklich ordentlich Zores und es wird nicht lang gefackelt. Nur ob es so gut ist, so lange zu warten, sei dahingestellt. Dies ist ein kleines Timingproblem von Blastfighter. Das finale Geböller setzt urplötzlich ein. Es wird zwar wirkungsvoll entfacht, doch bricht dies irgendwie etwas verschleppt über die Geschichte herein. So richtig Tempo kann Bava hier wie auch in vielen seiner anderen Filme nur bedingt aufbauen. Was in der ersten Hälfte zu wenig war, wird ja schon fast etwas überdosiert.

Trotzdem blitzt hier das vorhandene Potenzial des Regisseurs mehr als nur einmal auf. Man kann sich mit seinen Filmen wirklich schwer tun und bis auf einige Ausnahmen wie die beiden von Dario Argento produzierten Dämonen-Filme oder sein Debüt Macabro (welcher ironischerweise der wohl am langsamsten erzählte Film im Oeuvre Bavas sein dürfte) ist das meiste seiner Filmographie leider nur durchschnittlich. Ausgerechnet ein Actionfilm zeigt aber, dass es der sympathisch auftretende Zeitgenosse hier und da doch wirklich drauf hat. Geben sich so einige Actionstreifen aus den 80ern sehr hart und dreckig, so hat Blastfighter einen sehr ungewöhnlichen, unterkühlten und beinahe schon stilisierten Look. Sehr gut gelingt es Bava dabei, die Locations ins rechte Licht zu rücken. Alleine schon die Fahrt aus der Stadt heraus in die Heimat des "Tigers" ist ein schönes Beispiel für die kalte Art der Fotographie. Die ländliche Gegend wird ebenfalls gut in Szene gesetzt. Dabei schafft man es, dies nicht allzu stilisiert sondern schön natürlich erscheinen zu lassen. Der kühle 80er-Stil paßt dabei sogar recht gut. Nun mag man sich aber bei weitem nicht nur an der tollen Landschaft ergötzen. In einem Actionfilm hat es eben auch ordentlich zu krachen. Hier hält man sich aber wie schon beschrieben, etwas zu sehr an der Zeichnung von "Tiger" auf. Die Beweggründe werden klar und auch der Konflikt mit der plötzlich auftauchenden, weiblichen Hauptfigur wird ganz leicht überstrapaziert. Uninteressant ist es nun nicht, aber packend ist es eben auch nicht wirklich.

Es mag wohl auch daran liegen, dass der Amerikaner Michael Sopkiw eben kein großartiger Charaktermime ist. Der in Connecticut geborene Darsteller schaffte es in den 80ern selbst auf nur vier Filme. Neben Blastfighter waren dies der ebenfalls von Lamberto Bava geschaffene Tierhorrortrash Monster Shark (1984), der Abenteuerfilm Amazonas - Gefangen in der Hölle des Dschungels (1985) sowie sein Debüt, der Endzeitstreifen Fireflash (1983). Hier tritt der Herr mit einer nicht wirklich schicken Rotzbremse auf, schafft es aber, recht annehmbar den nach Rache dürstenden Exknacki mit Wut im Bauch darzustellen. Nun gut, in manchen Szenen macht er keine wirklich gute Figur, gerade wenn es am emotionalsten für seine Figur wird. Als von Prinzipien getriebener Kerl geht er aber noch klar. Schade ist es allerdings bei seinem Kumpanen Tim, der von George Eastman dargestellt wird. Eastman agiert auf Sparflamme. Selbst wenn man seiner Figur noch mehr Szenen geschenkt hätte, wäre dies wohl leider immer noch der Fall gewesen. Schade, hat Eastman doch weitaus mehr auf dem Kasten. Bleibt wenigstens noch der Darsteller seines Söhnchens. Der macht seine Sache mehr als solide und ist schnell eine sehr hassenwerte Figur. Dieser und seine Jäger- oder auch Wildererkollegen bekommen dann ordentlich ihr Fett weg. Dabei sollte man allerdings nicht auf allzu spektakuläre Actionszenen warten. Das Budget war nicht das größte, was man dem Film in diesen Momenten auch gut ansieht. Fahrende Fahrzeuge explodieren und man sieht dabei sehr gut, dass diese - als sie hochgehen - auf der Stelle stehen.

Dafür sind die Schießereien nicht zu verachten und wie für die damalige Zeit üblich geht es hier und da sogar etwas blutig von statten. Spätestens als "Tiger" alle Bedenken über Bord geworfen und die Moral zurückgelassen hat, ist mit ihm noch weniger gut Kirschen essen, als ohnehin schon. Der einst so hochgelobte Cop zeigt sein ganzes Können und kann selbst gegen eine ganze Übermacht bestehen. Natürlich: so richtig logisch ist es ab hier schon lange nicht mehr, doch schmackhaft ist diese Actionbrühe dennoch. Es fehlt der finale Schmiss und Schwung, den Lamberto Bava nur sehr schwer hinbekommt, sonst wäre Blastfighter eine äußerst lässige Angelegenheit. In Verbindung mit dem ohrigen Soundtrack und der soliden Kamerakunst, die für einige nette Bilder sorgt, hat man es mit einem ordentlichen B-Actioner aus Italien zu tun. Das Finale, welches beinahe schon ein klassisches Endduell wie aus einem Italowestern sein könnte, bleibt allerdings etwas schwach auf der Brust und unbefriedigend. Hier war der Ideenfluss leider etwas versiegt. Der Film hat zwar etwas seine Anlaufschwächen und mag sich hier und da etwas verlieren, doch wenn man das Gehirn auch gerne mal etwas schonen möchte beim Filmgenuss und auch vor etwas spannungs- und tempoarmen Actionern keine Angst hat, der darf hier ruhig mal reinschauen. Bava hätte nämlich ruhig mal öfters in diesem Genre wildern dürfen. Das leichte Gespür für die Art und die Gesetze des Actionfilms merkt man ihm mit diesem Werk an. Mit etwas mehr Übung hätte er dann sogar noch für den ein oder anderen Kracher sorgen können. Alles in allem ist sein Blastfighter aber immer noch ein leicht überdurchschnittlicher und gefälliger kleiner Actionfilm, wie man ihn aus den 80ern kennt. Einfachste Story, etwas Krach, etwas Bumm und dazu leichte Probleme, was seine Glaubwürdigkeit angeht. Aber dafür mag man diese Filme ja auch schließlich. Und was das angeht, ist der Blastfighter wirklich in Ordnung.


Diesen oder andere Actionkracher jetzt auf Filmundo abgreifen.
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Sonntag, 12. Dezember 2010

Keoma

Mit düsterem Blick erscheint uns hier Franco Nero als titelgebendes Indianerhalbblut, mit mächtig Pelz im Gesicht, am Kopf und auf der Brust. Diese Dunkelheit in den Augen scheint eine Gewissheit zu sein, dass Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts der Western schon in den letzten Zügen lag. Im Geburtsland Amerika erreichte das "New Hollywood" seine ersten Höhepunkte mit seinen zeitgemäßen, schonungslosen und eher realistischeren Geschichten. Da wirkte der Western allzu verstaubt, was nicht durch die Locations der Cowboy-Geschichten herrührten. Glänzende Helden und fiese Bösewichte waren für den damaligen Zeitgeist, wo man überall Aufbruch- und Umbruchsstimmung verspürte, schlicht und ergreifend zu altbacken. Schon Anfang der 70er hat Clint Eastwood, bekannt geworden durch die damals schon sehr unkonventionell den wilden Westen darstellenden Italowestern, einige Abgesänge auf das Genre abgeliefert bzw. in diesen mitgewirkt. Dann kam auch noch Sam Peckinpah und zeigte uns mit seinem The Wild Bunch (1969) eine Demontage der alten Mythen. Doch was machten eigentlich die Italiener?

Diese sorgten mit solchen Klassikern wie Django (1966), Leichen pflastern seinen Weg (1968), der Dollar-Trilogie, Töte Amigo (1967) oder anderen größeren und kleineren Werken für ein neues Bild des Westerns. Dreckig und düster war dieser, nicht mehr glänzend und strahlend. Die Rollen zwischen Held und Bösewicht wurden verwischt und gemischt, der Antiheld als Protagonist wurde beinahe schon ein Standard. Doch 1976 war auch die große Zeit der Spaghettiwestern schon etwas vorüber. Sein letztes großes Aufbäumen - auch wenn hinterher noch einige späte Western entstanden - war damit Keoma. Diesen kann man sogar als großen Abgesang auf das gesamte Genre verstehen und als verfilmten Nihilismus bezeichnen. Er zeichnet ein finsteres Bild, beherrscht vom allgegenwärtigen Leid. Dieses ist im Klartext die von Pocken und Cholera heimgesuchte, verwüstete Heimat von Keoma, in die dieser nach dem Bürgerkrieg zurückkehrt. Um der Krankheit Herr zu werden, werden die Infizierten in eine verlassene Mine abgeschoben, wo diese dann ohne große Hilfe vor sich hinvegetieren. Doch der Halbindianer rettet bei einem dieser Transporte eine schwangere, nicht erkrankte Frau.

Hier fängt das große Drama des Films allerdings erst an. Herrscher in der halbverwüsteten Heimatstadt ist der Ex-Offizier Caldwell, welcher sich diese und auch fast das umliegende Land unter den Nagel gerissen hat. Diesem haben sich auch die drei Halbbrüder Keomas angeschlossen, wie dieser vom Ziehvater erfährt. In geschickt in die Handlung eingefügte Rückblenden erfahren wir hier, dass die Beziehung unter den Halbgeschwistern nicht gerade innig war. Durch die angebliche Fixierung des Vaters auf den kleinen Keoma, wuchs der Hass auf diesen was in einigen unschönen Prügeleien und Misshandlungen gipfelte. Diese Missgunst besteht auch noch Jahre später. Keoma ist nicht gerne gesehen. Er bringt mit der geretteten Schwangeren nicht nur das Misstrauen und die Angst unter die Bürger, welche sichtlich verzweifelt unter Caldwell und den Seuchen leiden. Jegliche Hilfe wie Medikamente und ähnlichem wird ihnen verwehrt und zudem ist die Stadt fast gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten. Konflikte sind somit vorprogrammiert und beinahe scheint es so, als stehe Keoma der Übermacht bestehend aus Caldwell und den Brüdern alleine gegenüber. Doch in seinem Vater und dessem ehemaligen Sklaven George findet er Unterstützung.

Dabei soll man allerdings nicht meinen, dass Keoma ab diesem Punkt sowas wie "positive Vibes" verbreitet. Nein, die Stimmung des Films ist und bleibt von Anfang an nicht nur einfach düster und schmutzig, wie man es aus vielen Italowestern kennt. Er vesprüht eine total gänzliche hoffnungslose Stimmung, manifestiert in der Figur des Keoma. Ein dunkler Schatten muss über die Jahre auf Franco Neros Charakter ein stetiger Begleiter in dessen Leben gewesen sein. Dass aber auch in ihm Gutes schlummert, erkennt man schon an seinen Beweggründen, warum er die Schwangere vor dem sicheren Tod in der Mine bewahrt. "Dein Kind hat ein Recht auf Leben" beantwortet er ihr ihre Frage. Leben. Eine Hoffnung in einer mehr als nur trostlosen Welt, wie sie Castellari in seinem Film zeichnet. Beeindruckend ist da schon der Prolog des Films, die die Heimkehr des Halbbluts zeigt. Die Stadt in die er reitet, ist weitgehend verwüstet und menschenleer. Ein Leben scheint hier ja schon fast nicht mehr möglich zu sein. Den einzigsten Mensch, den er hier trifft, ist eine geheimnisvolle Frau, welche die Ruinen nach altem Plunder durchsucht. Laut Keoma droht der Tod, wenn diese irgendwo erscheint. Und wirklich: sie wird auch im weiteren Verlauf des Films wie ein Bote der unheilvolles ankündigt, eingesetzt. Sie ist eine mystische Figur, die die insgesamt vier Drehbuchautoren, darunter auch der Regisseur selbst, geschaffen haben. Bezeichnend ist hier die Szene gegen Ende des Films, als sie während einem Unwetter urplötzlich in der Tür einer alten Hütte erscheint. Draußen tobt das Unwetter, Blitz und Donner wüten und urplötzlich erscheint sie und steht dort ohne ein Wort zu sprechen. So richtig wird man ihrer genauen Rolle bzw. dem Sinn dieser Figur nicht gewahr, doch es ist eine nette Spielerei, die den dunklen Touch der Geschichte noch etwas verstärkt.

Was die Geschichte an und für sich angeht, so betritt man mit Keoma eigentlich bekannte Pfade. Es gibt einen geheimnisvollen Helden, einen wahnsinnigen Kerl der sich die gesamte Macht in einer kleinen Stadt an sich gerissen hat und durch die Eigensinnigkeit bzw. Unangepasstheit des Protagonisten vorprogrammierte Konflikte. Das Grundgerüst erscheint also etwas alt und klapprig, doch man schafft es in dem Film einige andere Wege zu gehen. Die Vergangenheit des Protagonisten bleibt nicht wie so oft im Dunkeln. Sie wird angeschnitten und vieles wird dadurch für das Handeln dessen klar. Zudem dreht es sich hier auch nicht einfach darum, dass Recht wieder gerade zu rücken. Caldwell und seine Bande sind bei weitem nicht so präsent, wie es in anderen Filmen wäre. Dreh- und Angelpunkt ist Franco Nero, der den Keoma wirklich beeindruckend gibt. Dessen Spiel ist eigentlich recht minimalistisch und dennoch verschafft er es in den wichtigsten Momenten, seiner Figur noch mehr Leben einzuhauchen. Hippiesk ist sein auftreten, desillusioniert sein Denken. In einigen Momenten betritt er so den Weg des Märtyrers und die religiösen Symbolismen und Anspielungen sind nicht nur im Outfit von Nero begründet. Wallend langes Haar und ein Vollbart lassen ihn wie Jesus erscheinen. Dies gipfelt in der Kreuzigung Keomas die ihn letztendlich wirklich wie der Westernepigone von Gottes Sohn erscheinen lassen. Dick aufgetragen kann man das nennen, doch im Subtext des Werks erscheint dies stimmig. So läßt man den Zuschauer an einigen philosophisch angehauchten Dialogen zwischen Keoma und der mysteriösen alten Frau teilhaben.

So ist der Film keineswegs ein einfacher, simpler Western. Keoma scheint nach sich selbst, einem Sinn des Lebens bzw. einer Rolle für ihn auf unserem Erdenrund zu suchen. Losgelöst von seinen Wurzeln, von denen er durch ein bitteres Schicksal in frühester Kindheit entrissen wurde. So ist der Kampf gegen Caldwell auch nur ein guter Aufhänger. Tiefer wird hier der Konflikt zwischen ihm und den Brüdern angerissen. Hier offenbaren sich Züge klassischer Tragödien. Castellari schafft es dabei sogar, eine gewisse Tiefe zu erzeugen und braucht sich nicht nur auf der starken Atmosphäre auszuruhen. Angenehm zurückhaltend gibt sich der Film auch in seinen Actionszenen. Ist der Tod allein schon durch das Seuchenthema allgegenwärtig, so wird das Ableben durch die häufig in Zeitlupe dargetellten Schießereien - ein Markenzeichen Castellaris - beinahe schon wie ein Tanz stilisiert. Style hat der Film auf jeden Fall, und das nicht zu knapp. Sorgfältig und mit viel Liebe zum Detail wurde hier gearbeitet. Der Soundtrack der beiden De Angelis-Brüder mit dem extrem hohen Frauengesang und dem im Kontrast stehenden, tiefen männlichen Gesang mag Geschmackssache sein, passt allerdings trotzdem zum Geschehen auf dem Bildschirm. Kongenial muss man dabei auch die Kamera- und Schnittarbeit nennen. Die Einstellungen, Bildfolgen und Kamerafahrten sind von höchster Erhabenheit und schaffen es, die unheimlich dichte Stimmung des Films noch einmal zu verstärken.

Der deutsche Untertitel Melodie des Sterbens wurde hier für den Film dabei sogar recht passend gewählt. Versöhnlich bleibt der Film am Ende für den Zuschauer nur bedingt. Der nach sich selbst suchende Keoma scheint immer noch nicht am Ende zu sein. Er ist eine rastlose Figur, die mit seinem Aussehen und der zeitlichen Ansiedlung kurz nach dem Bürgerkrieg sogar zu damals aktuellen Geschehnissen Interpretationen zuläßt. Keoma war im Krieg und fragt sich an einer Stelle des Films, was er nun überhaupt tun soll. Er ist sich seiner jetzigen Rolle im Leben nicht bewußt, ein Umstand, den auch viele Vietnamveteranen nach der Rückkehr in den Krieg ausgesetzt waren. Doch so weit mögen Castellari und seine Co-Autoren bei weitem nicht gedacht haben. Die umfangreiche, aber gut zusammengesetzte Mischung aus mythisch und religiösen Versatzstücken kann man wie gesagt eher als melancholischen Abgesang auf das Genre ansehen. Keoma ist ein bildgewaltiger Spätwestern aus Italien, welcher als einer der besten Vertreter seiner Art angesehen werden darf, auch wenn er eigentlich eine Art Requiem auf dieses darstellt.


Diesen oder andere Western jetzt auf Filmundo abgreifen.
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