Dienstag, 13. Februar 2024

Der weiße Hund von Beverly Hills

Bereits vor seiner Veröffentlichung Kontroversen entfachend - die NAACP (National Association for the Advancement of Colored People) hatte bereits im Vorfeld ohne den Film gesehen zu haben Boykott angedroht - wurde Der weiße Hund von Beverly Hills zu einem sehr ungeliebten Kind des Majors Paramount. Zwar erhielt Samuel Fullers Film im europäischen Raum wohlwollende Besprechungen, doch in seinem Entstehungsland sollte eine Weile vergehen, bis er einen Kinostart erhielt. Leider ist die behandelte Thematik heute noch brandaktuell. Schauspielerin Julie nimmt nach dessen Behandlung einen weißen Schäferhund bei sich auf, welchen sie Abends auf ihrem Heimweg angefahren hat. Die Bindung zum Tier wächst schnell, als dieser einen Vergewaltiger vertreibt, der bei ihr zu Hause eingebrochen war. Der Verdacht, das mit ihrem vierbeinigen Kumpanen etwas nicht stimmt, kommt ihr erst, als er bei Dreharbeiten eine afroamerikanische Schauspielkollegin anfällt. Alsbald erkennt sie, dass sie einen White Dog, von Rassisten speziell auf farbige Menschen abgerichtet, besitzt und sucht sich Hilfe beim Tiertrainer Keys, selbst ein Farbiger, der den Hund entkonditionieren soll. Von der Skepsis seines Partners Caruthers begleitet, entwickelt sich dies zu Keys Herzensaufgabe.

Während man bei Paramount von einem eher dem Horror zugewandten Film träumte - während seiner Entwicklung hatte man eine Art Jaws with Paws vor Augen - rückte Regisseur Samuel Fuller mit nüchternem Blick und einer dem Thema angemessenen Sensibilität den in der Gesellschaft verborgenen Rassismus in den Mittelpunkt. Der weiße Schäferhund, anscheinend ganz bewusst namenlos gehalten, ist ein Sinnbild dafür und der Film zeigt durch sein wenig Hoffnung aufkommen lassendes Ende, dass man diesen trotz aller Mühen leider nie komplett ausradieren kann. Es ist ein mehr als hartnäckiges Geschwür, dass jegliche Emotionalität ausmerzt und ein hasserfülltes Gesicht enthüllt, welches blutgierig mit gebleckten Zähnen auf seine potenziellen Opfer zustürzt. Keys bestürzter und mehr noch schmerzerfüllter Blick, dass alle bisherigen kleinen Erfolge im Training mit dem Hund zu nichts führten, fährt ins Mark, während Fuller sich in Resignation ergeht. Ennio Morricones Score, durch den sich eine kleine Traurigkeit zieht, tut sein übriges. Knapp vierzig Jahre nach seiner Entstehung gelingt es dem Film heute noch, Angst vor der sich im Finale androhenden Ohnmacht gegenüber Rassismus zu schüren und verpackt dies in Spannungskino alter Schule. Unaufgeregt und ohne große Sentimentalitäten steuern Sam Fuller und sein Film auf jenes bedrückendes Ende zu, das zum Nachdenken anregt und diesen für einige Zeit im Kopf nachhallen lässt. 

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Sonntag, 17. Dezember 2023

Sisu

Jalmari Helanders Film wurde von den Machern des Fantasy Filmfest als Crowdpleaser bezeichnet und tatsächlich macht er es einem größeren Teil seines Publikums wohl sehr leicht, Sympathien für diesen zu entwickeln. Im Jahr 1944, kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs, angesiedelt, kreuzt ein Trupp Nazi-Soldaten den Weg eines einsiedlerischen Goldschürfers. Als diese bei ihrer Kontrolle des wortkargen Mannes feststellen, was der in seinen Taschen mit sich führt, machen sie Jagd auf den vermeintlich wehrlosen Alten und seinen Schatz. Auf dem Rückzug befindlich, wollen die Soldaten das Gold dafür nutzen, um sich von ihrer Schuld frei zu kaufen. Der Goldgräber entpuppt sich allerdings als hartnäckig und eine in seiner Heimat andächtig verehrte Kriegslegende, die an die 300 Mitgliedern der russischen Armee das Leben genommen haben soll, als diese seine Familie umbrachte. Im in sieben Kapitel unterteilten Streit um den Edelmetall-Fund, der für den von den Russen nur als "Der Unsterbliche" bezeichnete Ex-Elite-Soldaten einen letzten Halt und Wegbereiter in ein wahrscheinlich besseres und ruhiges Leben darstellt, zeigt dieser den deutschen Dumpfbacken, wer der wahre Übermensch ist.

Laut Texttafel zu Beginn des Films ist Sisu im Finnischen ein schwer zu übersetzender Begriff, der eine besondere Form höchster Entschlossenheit bzw. Kampfesgeist im Angesicht schier unüberwindbar scheinender Umstände, beschreibt. Kaum ist diese beim Protagonisten entfacht, entwickelt sich der Film zu einem martialischen Action-Spektakel, der den ewig währenden Kampf zwischen Gut und Böse simpel wie effektiv zum Besten gibt. Im Kern ein Italowestern im Weltkriegs-Gewand, weiß Sisu mit seiner hohen Dynamik und körperlichen Wucht zu begeistern. Düstere, dystopische Bilder und ein scheinbar im Schmutz des Krieges versunkenes Lappland sind die Kulisse für einen Film, der Versatzstücke verschiedener Spielarten des Exploitation-Kinos dafür nutzt, um eine per se simpel zusammengezimmerte Rache-Geschichte zu erzählen. Das dabei der zuerst im Angesicht der zahlenmäßigen Überlegenheit der Soldaten als vermeintlicher Außenseiter wahrgenommene Protagonist einen Nazi nach dem anderen das Lebenslicht ausbläst, ist allerdings angesichts der realpolitischen Lage vieler Länder kein grimmiger Kommentar zum Rechtsruck.

Mehr kann man Sisu als Eskapismus verstehen, der mit seiner comichaften Gewalt und einem stark überzeichneten Finale die Realität merklich ausblendet und in der Inszenierung auf Feelgood-Momente setzt, die bestens funktionieren. Auf der anderen Seite bleibt bei der Darstellung der Hauptfigur und dem gewählten Begriff als Filmtitel ein schaler Beigeschmack. Der grimme Rächer, fiktiver Held, Bezwinger eines kleinen Teils der Besatzungsmacht, kann als Repräsentant nationaler Merkmale seines Volks verstanden werden. Er mag zwar aus persönlichen Motiven die Nazis bezwungen haben, kann aber gleichzeitig als das verstanden werden, was diese als gegenüber anderer Volksstämme überlegen angesehen haben. Auch im Hinblick auf ein aktuell so weit wie noch nie nach rechts gedriftetem Finnland eine Sache, die man nach dem Schauen des Films nicht so einfach aus dem Hinterkopf bekommt. Auch wenn es im Endeffekt die Nazis mit voller Wucht trifft, das Publikum diesbezüglich befriedigt und eine mehr als gute Show abliefert.

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Donnerstag, 23. November 2023

Skinamarink

Ein filmischer Albtraum, der durch einen Leak vor seinem offiziellen Release durch das World Wide Web rauschte und viral ging. Gehypt auf Social Media. Ein Phänomen, vielleicht so kurzlebig, wie es die im Internet entstandenen Hypes heute sind. Geboren aus dem, womit sein Schöpfer Kyle Edward Ball über Jahre seine Community unterhielt und faszinierte, indem er deren Angstträume verfilmte und avantgardistische, auf Film gebannte Nachtmahre schuf, unheilvoll und kryptisch, die eher im Unterbewusstsein der Zuschauerinnen und Zuschauer stochern, als verborgene Furcht und Traumata aufbereiten möchten. Auf den Kurzfilm Heck folgt mit Skinamarink der erste Langfilm, der eigentlich als Grundmotiv ein gängiges Horrortrope beackert und doch gegen den Strich gebürstet erscheint. Zwei Kinder erwachen irgendwann im Jahr 1995 Nachts in einem Haus, die Eltern scheinen verschwunden zu sein und mit ihnen jegliche Fenster und Türen. Die Suche nach dem Vater bleibt zuerst vergebens, dafür machen sie Begegnung mit einer im Dunkeln lauernden Präsenz, welche versucht, den beiden Kindern böse Dinge einzureden.

Motivisch eine Haunted House-Story, stilistisch grob mit Found Footage-Filmen zu vergleichen. Skinamarink ist allerdings mehr als eine Vermischung beider Spielarten. Der Film mag ein (über)langer Bitesized Nightmare sein; das, womit Regisseur Ball über die Jahre seinen YouTube-Kanal befüllte. Der Film zielt auf das Unterbewusstsein seines Publikums und beschwört dessen kindliche Angst vor der Dunkelheit herauf. Auf ein durchgängiges Narrativ sowie herkömmliche Suspense-Momente wird weitgehend verzichtet. Die Geschichte ist gleichermaßen nachvollziehbar wie abstrakt. Die Bilder schwammig; zeigen nichtige, unwichtig erscheinende Dinge, Banalitäten. Die Kamera verharrt auf Winkeln, Ecken, lässt alltägliche Gegenstände irgendwann seltsam erscheinen. Und dann die Dunkelheit. Sie gähnt uns qualvoll lang erscheinende Minuten an. Das in ihm verortbare analoge Rauschen lässt uns nach Anhaltspunkten, Ankerpunkten suchen. Ohne mit Hilfsmitteln nachzuhelfen, lässt er uns glauben, darin Dinge zu sehen; so, als wären wir die Protagonisten selbst nochmal vier bzw. sechs Jahre alt.  

Skinamarink schafft ständige Irritation, greift Sehgewohnheiten an und ließ selbst mich die ersten zwanzig Minuten eine stetig wachsende, ablehnende Haltung gegenüber dem Gesehenen annehmen. 
Seine Bilder, die Schemen, das fast nicht oder schwerlich hörbare; es sind für Ball Instrumente, um den Horror seines Films in der Zuschauerin und dem Zuschauer heraufzubeschwören. Diese Subtilität mag manchen Individuen abgehen, lassen den Film im gesamten als langweilig oder Zeitverschwendung abstempeln. Wer es schafft und dazu bereit ist, sich auf diesen Avantgarde-Horror einzulassen, erlebt eine ungleichmäßig verlaufende Fahrt in die eigenen Ängste im Kindesalter. In seinen richtig starken Szenen schafft es der Film, diese an die Oberfläche zu treiben, und lässt das, was man in den letzten Einstellungen erblickt, noch lange in uns nachhallen. Leider verwehrt die an sich löbliche experimentelle Haltung gänzlichen Zugang; die Dechiffrierung mancher belanglosen Bildarrangements mag nicht funktionieren und erscheint beliebig. Mehr vermag Skinamarink (zumindest bei mir) noch durch die bei den Fans hervorgerufenen Reaktionen - zwischen kompletter, mit beschreibenden Superlativen herrschender Ablehnung und wohlwollender Anerkennung scheint nichts zu existieren - zu gefallen. Ein Umstand, den heutzutage nur noch wenige Filme hinbekommen.
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Freitag, 6. Oktober 2023

An Ideal Place To Kill

Selbst als Anhänger des Hippietums muss man manchmal nach den Regeln des Systems spielen. Um Klartext zu sprechen: ohne Moos nix los. In Umberto Lenzis Giallo An Ideal Place To Kill stellen dies die beiden Hauptfiguren Dick und Ingrid mehr als einmal fest. Um an Kohle zu kommen, verhökern sie auf ihrem Trip durch den alten Kontinent in Dänemark erstandene Pornographie oder schaffen, unter wortwörtlich vollem Körpereinsatz, neues Material um dieses wiederum zu verkaufen. Da (seinerzeit) in Italien der Verkauf von solcherlei erotischen Erzeugnissen verboten ist, wird dem jungen Pärchen von der Polizei 24 Stunden Zeit gegeben, dass Land zu verlassen, als Ingrid beim Verhökern an einen verdeckten Ermittler gerät. Komplett möchte man sich nicht damit abfinden. Die beiden versuchen nochmal, ihre selbst produzierten Pornos an einer Tankstelle an den Mann zu bringen, werden aber vom Tankwart wieder bei der Polente angeschwärzt. 

Auf ihrer Flucht geht das Benzin aus und in einer nahegelegenen, auf den ersten Blick verlassen erscheinenden Villa naht die Rettung in Form einer offen stehenden Garage und einem dort abgestellten Pkw. Als Dick diesen, um an Sprit zu gelangen, anzapft, werden die Hippies von Hauseigentümerin Barbara überrascht. Als diese die Polizei verständigen möchte, benötigt es viel Überzeugungskraft, sie von ihrem Vorhaben abkommen zu lassen. Letzten Endes lässt Barbara das Paar die Nacht bei sich verbringen, ohne das die beiden ahnen, was die Dame eigentlich im Schilde führt. Die beiden Liebenden werden dabei nicht nur Opfer einer Intrige der nur oberflächlich harmlos anmutenden Barbara. Über die Handlung hinaus gehend ist das Duo, den Ansichten der konservativen Schöpfer des Films nach, stellvertretend für alle negativen Aspekte im gesellschaftlichen Wandel der damaligen Zeit. Diese Haltung des rechtskonservativen Lenzi und seiner Kompagnons ist sehr offen und mit wenig Zurückhaltung im Film auszumachen.

Diese sorgt etwas für Irritationen, da An Ideal Place To Kill gleichzeitig sehr darum bemüht ist, sich dem Liebespaar soweit zu widmen, dass einem die locker und natürlich aufspielenden Ornella Muti und Ray Lovelock schnell ans Herz wachsen. Das ihnen viel Schlechtes widerfährt, ist nicht einfach nur eine zugegeben gekonnt erzählte Zuspitzung der Geschichte. Es scheint den Autoren ein persönliches Bedürfnis zu sein, die jungen Protagonisten viel durchleiden zu lassen. Für den Zuschauer entsteht so ein spannendes Giallo-Kammerspiel, dass gekonnt bis zu seinem bitteren Ende den Suspense schön hochkochen lässt. Der Nachgeschmack, der beim Schluss des Films bleibt, entsteht beileibe nicht nur durch das negative Finale. Die Ideologie, die An Ideal Place To Kill an den Tag legt, war bereits zu seiner Entstehungszeit reaktionär und lässt einen zweigespalten zurück, auch wenn die positiven Eindrücke überwiegen. Zeigt dieser Giallo doch auch, dass Lenzi durchaus auch auf der Erzählebene und nicht nur im aktionsbetonten Teil von Filmen Spannung erzeugen konnte.


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Freitag, 29. September 2023

Spasmo

Wer beim Begriff Giallo seine Erwartungen auf als Phantome umherschleichende Meuchlerinnen und Meuchler, hübsche Frauen, eine extravagante Optik und abwegige oder seltsame Motive für die Morde beschränkt, dem wird von Filmen wie Spasmo vor den Kopf gestoßen. Der von Umberto Lenzi inszenierte Film dürfte Freunde traditioneller Werke aus dem Topf italienischer Thriller- und Krimi-Reißer sicher häufig auf dem falschen Fuß erwischen. Mord findet zwar ebenfalls statt, doch versteht sich der Film mehr als Paranoia-Film, welcher sich mehr für die Psychologie seiner Hauptfigur interessiert. Diese hört auf den Namen Christian, ist ein reicher Industriellensprössling und fällt gleich in den ersten Minuten seiner Freundin Xenia und dem Publikum dadurch auf, dass er eine Anekdote aus seiner Kindheit, die den Fund eines toten Hundes betrifft, seltsam stark betont. Gleich darauf finden sie eine vermeintlich Tote am Strand, die dann doch quicklebendig ist und sich als Barbara vorstellt. Kurz darauf treffen sich alle Personen auf einer Yacht wieder, zwischen Christian und Barbara funkt es und beide brennen miteinander durch. 

Die angedachte "sexy Time" beider Frischverliebten wird von einem Unbekannten durchkreuzt, der Christian im Bad des vom Pärchen gemieteten Motelzimmer angreift. Der Angreifer zieht gegen diesen den Kürzeren, bekommt eine Kugel in den Leib gejagt und damit fangen die seltsamen Ereignisse erst richtig an. Das Liebespaar flüchtet in den Wohnsitz einer verreisten Freundin Barbaras, trifft dort mit Malcolm und Clorinda auf zwei weitere Fremde, die sich dort angeblich eingemietet haben und der tote Gangster aus dem Motelbad ist verschwunden. Diese und die nachfolgenden, rätselhaften Ereignisse tragen nicht gerade dazu bei, dass sich der Geisteszustand des junges Mannes stabilisiert. Christian fühlt sich mehr und mehr verfolgt. Nichts ist, wie es scheint. Dieses die Hauptfigur beschleichende Gefühl gibt Lenzis 1974 entstandenes Werk auf eigentümliche, aber wirksame Weise an seine Zuschauerinnen und Zuschauer weiter. Ab der Flucht in das Anwesen von Barbaras Freundin löst sich Spasmo von uns bekannten, filmischen Rationalitäten.

Seltsam lautet ab da das einfache - und wirksame - Kredo des Films. Alles scheint und verhält sich eigenartig, die Stimmung wirkt entrückt. Er gleitet ins alptraumhafte und surreale, samt klischeehafter Symbolik in Form von, zuerst anscheinend grundlos, in die Landschaft drapierter Schaufensterpuppen. Verzichtet wird dabei auf atmosphärisch unterstützende Dunkelheit und Schatten. Spasmo ist ein heller Film - nur vereinzelt macht man bildsprachliche Einflüsse des Gothic Horrors aus - und konterkariert damit auf einer weiteren Ebene üblichen Genrekanon. Es fehlt schlicht an Fluchtpunkten und Aussparungen. Lenzi bezieht hiermit sein Publikum weit mit ein, lässt es Punkte der Hauptfigur beziehen, nur dass dieses sich von seinem Posten als Beobachter aus fragt, was es da überhaupt sieht und hört. Man könnte die im Film vorkommende Irrationalität als Schwäche ausmachen, gleichzeitig unterstreicht sie dessen Stimmung. Im guten, aber wenig überraschenden Finale - seinen Twist kann man trotz des in der Handlung implementierten Verwirrspiels vorausahnen - bewegt sich Spasmo etwas mehr in den Bahnen der Konvention, ohne einen zu großen Bruch in der Gesamtwirkung zu erzielen. Mehr fügt sich diese schlüssig in einen der besten Gialli Lenzis ein, der es hier versteht, die Schwächen des Films zeitgleich zu einer gewissen Art Stärke werden zu lassen.

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Freitag, 15. September 2023

Das Rätsel des silbernen Halbmonds

Was 1959 mit Der Frosch mit der Maske begann und ein jahrelanger Garant für volle Kinosäle war, wurde 1972 von Umberto Lenzi mit Das Rätsel des silbernen Halbmonds zu Grabe getragen. Die Anstrengungen von der Rialto Film, dem Rückgang der Besucherzahlen ihrer Filmreihe an Edgar-Wallace-Verfilmungen mit einem neuen, internationalen Anstrich entgegenzuwirken, sollten keine Früchte ernten. Die Serie hatte schon ordentlich Patina angesetzt, war vor allem dem jungen Publikum zu piefig und den alten Fans war das, was man ihnen vorsetzte, einfach zu sehr gegen den altbekannten Strich laufend. Die deutsch-italienischen Co-Produktionen, welche 1969 mit Riccardo Fredas Das Gesicht im Dunkeln begannen, folgten dem offenherzigeren gesellschaftlichen Zeitgeist und lockerten sich für mehr Sex and Violence, was für viele Zuschauerinnen und Zuschauer offensichtlich zu viel des Guten war. Es folgte Massimo Dallamanos Das Geheimnis der grünen Stecknagel, bevor mit Lenzis Beitrag eine Ära zu Ende ging. Leider konnte das bundesdeutsche Publikum wenig mit dem, was wir heute unter der Genre-Bezeichnung Giallo zusammenfassen, anfangen. 

Dabei bietet Das Rätsel des silbernen Halbmonds eine altbekannte, aber interessant umgesetzte Murder Mystery um eine wahllos erscheinende Mordserie, bei welcher der Täter am Tatort ein Schmuckstück in Form eines Halbmonds zurücklässt. Nach dem vom Meuchler nicht komplett durchgeführten Mordversuch an der von Uschi Glas sehr fade dargestellten Giulia, versucht die Polizei, den Mörder hinters Licht zu führen. Man inszeniert ihren Tod mitsamt gestellter Beerdigung und bringt sie in einem von ihrem Verlobten Mario unter falschem Namen gemieteten Anwesen unter. Weil die Gesetzeshüter mit ihren Ermittlungen nicht richtig voran kommen, stellt das Pärchen eigene Ermittlungen an und finden heraus, dass die bisherigen Opfer einschließlich Giulia vor einigen Jahren an einem bestimmten Tag alle im selben Hotel unterkamen. Mario, verkörpert vom Spanier Antonio Sabato, verfolgt diese Spur und stößt auf einen Amerikaner, welcher ebenfalls an diesem Tag im Hotel war, und an dessen Schlüsselbund eben jenen Halbmond befestigt war. Beim Versuch, diesen geheimnisvollen Gast ausfindig zu machen, stößt Mario bald an seine Grenzen.

Den traditionellen Formeln des Genres folgend, bietet Lenzi dank seiner routinierten Arbeit eine spannende Mörderhatz, die allerdings auch etwas generisch wirkt. Das Geheimnis des silbernen Halbmonds mag einige spannende Momente besitzen, doch fehlt dem Film das letzte Quäntchen, um ihn innerhalb des Genres in höhere Sphären und gleichzeitig nachhaltig im Gedächtnis zu verankern. Zur schnellen Unterhaltung reicht es dennoch. Schwerer wiegt das Problem, welche man mit den Hauptfiguren hat. Neben der Bundes-Uschi, welche ihre Rolle arg distanziert zum Besten gibt, ist die von Señor Sabato immer ein Stück weit unsympathisch. Komplett mag man sich nie mit diesem anfreunden. Er ist ein Macho-Arsch, überheblich und leider legt ihm das deutsche Dialogbuch ein paar "flotte", platte Sprüche in den Mund, die heutzutage auch nur noch Applaus von beinharten Fans der Synchronisationen von Karlheinz Brunndemann oder Rainer Brandt ernten. Die fehlende Identifikationsfigur lässt die Zuschauerin und den Zuschauer nie zur Gänze in die Geschichte eintauchen. Für kurzweiliges Plaisir taugt der letzte "richtige" Edgar-Wallace-Film aber durchaus.


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Sonntag, 6. August 2023

Nackt über Leichen

Lucio Fulci war nicht nur abseits der Leinwand ein Querkopf. Diese Eigenschaft übertrug sich des Öfteren auch auf seine Filme. Während seine Beiträge zur Untoten-Welle im Kino der 80er den wandelnden Leichnamen schon mal ein gespenstisches Wesen wie in Ein Zombie hing am Glockenseil (hier besprochen) verlieh oder sie zur pervertierten Verkörperung des allgegenwärtigen Todes innerhalb eines surrealen Albtraums wie in Über dem Jenseits (hier besprochen) wurden, waren seine Gialli nie zu einhundert Prozent das, worüber man das Subgenre heute definiert. Bereits mit seinem ersten Beitrag Nackt über Leichen geht der Italiener eigene Wege und schuf innerhalb seiner sehr diversen Filmographie wohl einen seiner besten Filme. Mit diesem kredenzt er dem Publikum eine vordergründig ruhig erzählte Kriminalgeschichte um den Arzt George Dumurrier, Leiter einer Privatklinik, um deren Finanzen es nicht gerade gut steht. Nachdem seine ungeliebte Gattin Susan ihrer langjährigen Krankheit erliegt, winkt ihm durch die damit verbundene Erbschaft finanzieller und dazu persönlicher Segen. Einer Heirat mit seiner Geliebten Jane scheint damit an sich ebenfalls nichts mehr im Wege zu stehen.

Doch wo das Glück ist, ist in der negierten Welt des Giallo das Unglück nicht weit. In einer Stripbar stößt das Paar auf die Tänzerin Monica Weston, die Georges toter Gattin zum Verwechseln ähnlich sieht. Mit dem Auftauchen der Doppelgängerin brauen sich über dem Kopf des Doktors pechschwarze Wolken zusammen und zu spät bemerkt dieser, dass er Opfer eines Komplotts ist, der ihm schnurstracks den Weg in die Todeszelle weist. Die unterhalb der Schönen und Reichen schwelende Niedertracht findet man im Giallo nicht gerade selten. Nackt unter Leichen unterscheidet sich von ähnlich gelagerten Filmen dadurch, dass Fulci in deren Darstellung jegliche Überspitzungen fürs Erste außen vor lässt. Bevor er zeigt, wie abgrundtief böse die Verschwörung gegen George eigentlich ist, lässt er dies die Menschen vor der Leinwand oder dem heimischen TV-Gerät vage spüren, ohne dass der Protagonist im Plot bereits etwas von der Konspiration ahnt. Das die Geschichte im finalen Akt doch einige sich überschlagende Wendungen in petto hat, ist eher als "großer Knall", den irreversiblen Climax, zu bezeichnen, der alles, was bisher unterschwellig im Plot brodelte, eruptieren lässt. Selbstverständlich kann man diese Handhabe als für den Giallo durchaus übliche Art der Narration, die bereits in Filmen, die vor und nach Fulcis Giallo-Erstling auftritt, bezeichnen.

Was Nackt über Leichen von einem Teil der beliebten italienischen Thriller und Krimis unterscheidet, ist seine Art der Präsentation. Der Film, dessen Handlung in den Vereinigten Staaten spielt, fühlt sich auch amerikanischer an. Während viele Gialli mehr dem "German Krimi", also den Edgar-Wallace-Verfilmungen, nacheifern und auch nicht unerheblich von der europäischen schwarzen Romantik beeinflusst sind oder sich später häufig auf das Œuvre von Hitchcock berufen, kreuzt Fulci in seinem Werk den Film Noir mit dem im damaligen, pop-kulturellen Zeitgeist angesagten, psychedelischen Look. Die dargestellte filmische Hardboiled-Welt ist aufregend bunt, fabelhaft fotografiert und über allem thront die in einer Doppelrolle auftretenden, österreichische Darstellerin Marisa Mell, eine markante Schönheit, als Femme Fatale. Ihr erstes Auftreten als Monica heizt die Stimmung des Films, die vom jazzigen Soundrack Riz Ortolanis prächtig unterstützt wird, ordentlich auf und ist quasi die Schlüsselszene, welche einen imaginären Schalter umlegt und die Perversion Story vollends ins Rollen bringt. 

Diese auch im Namen des Werks vorkommende, Perversion Story ist ein englischer Alternativtitel, und konkret benannte Pervertierung ist innerhalb des Genres, bei der Konstruktion des jeweiligen filmischen Kosmos, gern genutzt. Nackt über Leichen mag im Vergleich mit anderen Gialli und deren Zeichnung ihres Weltbild zurückhaltender sein, aber Fulci wäre nicht er selbst, wenn er nicht noch einen drauf legen würde. Hintergründig fühlt sich sein Film abgründiger, schwärzer, als andere an. Wer bislang an den Qualitäten Fulcis zweifelte, sollte sich durch Nackt über Leichen eines Besseren belehren lassen. Gelingt es ihm dort doch die zukünftig mehr herausstechenden bzw. herausgearbeiteten Übertreibungen innerhalb des Giallo griffiger, dezent subtiler und damit rationaler darzustellen. Gleichzeitig zeigt der Italiener bereits hier, dass diese Spielart des italienischen Kinos und er gut zusammenpassen sollten. Mit Nackt über Leichen beginnt der Reigen von dunklen, ungeheuren Geschichten, die er in seinen späteren Gialli erzählen sollte und bereitet zu einem Teil auch den Umbruch im Genre vor, der 1970 mit Argentos Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe erfolgen sollte. Gemessen an noch kommende Werke des streitbaren Regisseurs gelang diesem hier ein aufgeräumter wie gleichermaßen komplexer Film, der über wenige Zweifel - im Gesamtgefüge mutet manche Wendung leider zu konstruiert an - erhaben ist.

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