Film ist Wahrheit, 24 Mal pro Sekunde. Tagebuch. Meinungen. Filmstoff.

Montag, 30. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Das Schloss des Grauens (10/13)

Wer schleicht so spät um des Schlosses Mauern umher? 
Es ist der rotbeschürzte Richter und er atmet schwer! 
Den Morgenstern schwingt er sicher und genau.

Oder steckt seine Opfer in die eisern' Jungfrau.

Dieser leicht schauderhafte Vers gibt die Richtung für den 1963 in Italien entstandenen Gruselfilm vor, den man nicht mit der corman'schen Lovecraft-Verfilmung Die Folterkammer des Hexenjägers (nicht verwirren lassen, das einzige was hier Poe ist, ist der Filmtitel) aus dem selben Jahr verwechseln sollte und den gleichen Namen als Alternativtitel trägt. Roger Corman, welcher in diesen Jahren mit diversen Verfilmungen von Edgar Allan Poe-Geschichten Erfolge (und Geld) sammelte, ist was diesen süß muffigen Schreckensbringer anbelangt, ein gutes Stichwort. Da italienische Genrefilme bis auf einige Ausnahmen auch immer Copy & Paste-Kino waren, so ist auch Das Schloss des Grauens (sympathische) Filmplagiatsware.

Neben den gothischen Corman-Schauerstücken standen hier die damals noch sehr erfolgreichen Edgar Wallace-Filme aus deutschen Landen spürbar Pate. Laut den Credits ist sogar Das Schloss des Grauens eine Literaturverfilmung. Wer wie ich nach meiner insgesamt zweiten Sichtung des Films (die erste war vor mehr als zehn Jahren, als ich noch im Besitz der damals erhältlichen US-DVD war) denkt, dass man eben eine Verfilmung eines Groschenromans gesehen hat, liegt sogar richtig. Die Credits selbst geben aus, dass er auf der "Novelle" "La Vergine di Noremberga" eines gewissen Frank Bogart basiert. Diese Novelle ist allerdings ein Groschenroman, welche in der damaligen Zeit mit Auflagen von 20.000 bis 25.000 Stück an den Zeitungsständen Italiens auslagen und meist sehr simpel oder schlecht geschriebene, klischeehafte Horrorgeschichten waren. Die Geschichte erschien in der Reihe "KKK - I classici dell'orrore" als Heftnummer 23 und hinter dem männlichen Autorenpseudonym versteckte sich eine gewisse Maddalena Gui. Produzent Marco Vicario war zudem der Mitgründer des Verlages G.E.I., welcher die KKK-Romanreihe herausbrachte.

Den Regieposten gab man Antonio Margheriti AKA Anthony M. Dawson; eine exquisite Wahl, hatte der meist immer recht ordentlich filmhandwerkende Margheriti ein gutes Händchen für gotisch angehauchten Horror. In Das Schloss des Grauens recycelte man den hübschen Schauplatz von Margheritis Castle of Blood, der zwar danach (1964) erschien, allerdings früher abgedreht wurde. Dort stolpert in einer gewitterverhangenen Nacht die junge Mary (dargestellt von Vicarios Frau Rossana Podestà) im Rittersaal des Schlosses ihres Mannes Burt über eine Frauenleiche, die in einer eisernen Jungfrau gepackt wurde. Dazu soll ein Scharfrichter, der vor 400 Jahren sein Unwesen auf dem Anwesen trieb, durch die dunklen Gänge gegeistert sein. Mary wird nach ihrer folgenden Ohnmacht vom dazu gerufenen Arzt ein leichter Schock attestiert. Burt schiebt es auf die lebhafte Fantasie seiner Frau in Kombination mit der Wissbegierigkeit über die Geschichte des Gemäuers. Die gewiefte Mary stellt eigene Nachforschungen an und bemerkt neben dem seltsamen Verhalten ihres Gatten auch dessen nächtliche Entsorgung menschlicher Körper mit dem stummen und entstellten Hausverwalter Edgar. Mary verdächtigt Burt, dass dieser unter der schwarzen Kapuze des vermutlich wieder auferstandenen Scharfrichters zu stecken scheint, der in der Zwischenzeit noch andere hilflose Damen richtet.

Für den Film hilfreich ist der Umstand, dass sich Margheriti für den klein gehaltenen Kriminalaspekt seiner Geschichte wenig interessierte. Der rot gewandete Schreckensbringer und die simplen, schnell zu durchschauenden falschen Fährten erinnern entfernt an teutonische Krimikunst wie der Edgar Wallace-Filmreihe. Obwohl beides eher trivial gehalten ist, geht Das Schloss des Grauens in diesen Szenen ein wenig unter. Das Drehbuch alleine schafft es nicht, so ausgeklügelt zu sein, dass Margheritis Desinteresse für diesen Aspekt seines Films ausgebügelt werden kann. Das Das Schloss des Grauens nicht komplett im Sumpf der Langeweile vor sich hindümpelt, verdankt der Film seinem zügigen Tempo. Das Buch hält sich einerseits nicht lange auf der Krimiseite auf und andererseits ist der Film mit seinen knapp 80 Minuten sehr knackig inszeniert. Mit dem stimmungsvollen Einstieg brennt Margheriti ein Fest für Freunde des gothischen Horrors ab und zeigt, was er am besten kann: Stimmung erzeugen. Die gute Ausleuchtung des tollen Schauplatzes, das tolle Timing des Schnitts und die schön aufgebaute Atmosphäre wird mit einem Knall - einen für die damalige Zeit sehr brutalen Schuss auf die aufgefundene Frauenleiche - zum Höhepunkt geführt.

Die ausgedehnt zelebrierten Schauerszenen sind das Herzstück des Films und bieten eine dichte Atmosphäre, die den abgeschmackten Krimipart mit Leichtigkeit überdecken. Nach dem unübertroffenen Mario Bava war Margheriti im italienischen Genrekino ein weiterer Könner im Bereich Gothic Horror, der sich nicht vor den großen Platzhirschen der damaligen Zeit, den britischen Hammer Studios, verstecken brauchte und merkbar Lust daran hatte, diese von der klassischen Schauerliteratur vergangener Jahrhunderte beeinflusste Spielart des Horrorfilms zu inszenieren. Das merkt man auch bei späteren Filmen des Italieners, in denen immer wieder Gothic-Elemente auftauchten, wie z. B. im Giallo 7 Tote in den Augen der Katze oder dem Italowestern Satan der Rache. Unter Margheritis Fuchtel wird dieses triviale Schauerstück ein hübsches Erlebnis, dem man seine erzählerischen Schwächen schnell verzeiht. Einzig die wilde Auflösung, von der ein Teil durch Nazibezug in der damaligen Kino- und Videofassung leider entfernt wurde, ist ein Knaller zwischen Trash und schwülstiger Dramatik. In der damit dargebotenen Rückblende zitiert man nebenbei noch George Franjus Augen ohne Gesicht. Die temporeiche, aber auch überraschungsarme gothische Gruselmär präsentiert sich so als sympathischer Vertreter seiner Art, der mit seinem naiven Charme auch heute noch für kurzweilige Unterhaltung sorgt. Ganz gleich, wie billig und schundig seine Vorlage war.

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Maniac (1980) (9/13)

Selbst nach 37 Jahren gehört William Lustigs Maniac zu den berühmt-berüchtigten Filmen. Verboten. §131. Beschlagnahmt. Der juristische Hammer wurde mit aller Härte geschwungen und selbst das Remake ereilte das gleiche Schicksal. Ohne jetzt der auch heute noch sehr willkürlich erscheinenden Praktik von Indizierungen und Beschlagnahmen recht zu geben bzw. diese zu befürworten, so kommt dies nicht von ungefähr. So ein dreckiges Stück von Film schlägt auf den Magen und liegt zentnerschwer. in diesem Ist der Film selbst heute noch, trotz positiver Rezensionen aus dem Lager der aufgeschlossenen Kritik, unverstanden? Ist sein dreckiger Korpus, seine schwarze Seele auch in der heutigen, aufgeklärten Zeit eine bloße Ansammlung von Geschmacklosigkeiten? Ein sexistischer Gewaltakt gegenüber Frauen in Filmform, wie die damalige US-Kritik ihn niedermachte? Oder war er seiner Zeit voraus, wie etwa Michael Powells Peeping Tom es war?

Die Antwort auf diese Fragen ist nicht leicht zu beantworten; überhastet könnte man "alles davon" darauf entgegnen. Es muss sich auf den Film eingelassen werden, damit man in knapp 88 Minuten einer gescheiterten Existenz eben beim Existieren zuschauen kann. Eine Geschichte wird in Ansätzen erzählt, viel mehr werfen Regisseur William Lustig und sein Hauptdarsteller Joe Spinell den Zuschauer ohne Vorwarnung in eine düstere Welt, ein Beinahe-Paralleluniversum, angesiedelt auf den weniger glamourösen Seiten New Yorks. Der titelgebende Maniac, namentlich Frank Zito, führt ein einsames Leben in seiner Ein-Zimmer-Butze, das nur aus Extremen zu bestehen scheint. Morden, leiden, Schmerz. Gleich der Beginn zeigt Zito bei seinem blutigen Tagwerk, wenn er ein Pärchen am Strand beobachtet und kaltblütig umbringt. Schnitt. Frank Zito spricht mit seinen stummen Mitbewohnern, mahnende Worte, die doch davor gewarnt hätten, Nachts nicht nach draußen zu gehen.

Zitos Puppen, die stummen Zeugen seines persönlichen Wahnsinns, sind ein Abbild seines bisherigen Schaffens. Kleidung, Haare und Blut, mit denen sie gespickt sind, stammen von seinen Opfern. Dann trifft Frank irgendwann die Fotografin Anna. Endlich beginnt eine fast konventionelle Geschichte, nachdem Lustig beinahe zu lange episodisch Morde seines Protagonisten geschildert hat. Der in seinem Trauma gefangene Frank wirkt plötzlich stinknormal; zeigt eine menschliche Seite. Anna wird ausgeführt, beschenkt, mit Aufmerksamkeit bedacht. Ist es alles nur ein Vorwand, als sie ihn im Park fotografierte um an das Foto heranzukommen? Die Zeitungen berichten von ihm, dem unbekannten Serial Killer, der New York in Atem hält und würde irgendwo ein Foto von ihm in seiner Kluft, mit der er zum Morden um die Häuser zieht, umgehen, wäre seine Anonymität gefährdet. Sein Alltag, seine Zwänge, lassen ihn nicht los. Menschen lassen weiter ihn Leben, während auf der anderen Seite die Hoffnung schimmert, dass Frank seine dunkle Seite aufgibt. Seine Einsamkeit und Isolation, die ihn auch in der Zweisamkeit mit Anna immer etwas vom Geschehen entrückt erscheinen lässt, ist zu weit vorgerückt.

Der Wahnsinn gewinnt am Ende, ohne jezt großartig den Film zu spoilern. Überhaupt: die Geschichte des wahnsinnigen Frauenmörders war auch 1980 keine Innovation mehr. Nur Lustig und Spinell hoben dies auf ein intensives Level, brachen kaltschnäuzig Tabus bzw. brachtem dem Splatterfilm eine neue, grimmige Härte und aalten sich im breit ausgelegten Seelendrama des Protagonisten. Spinell, der selbst in Kassenschlagern wie Rocky oder Der Pate und darüber hinaus meist leider nur Nebendarsteller war, packte die Gelegenheit beim Schopfe, dachte sich diese verstörende Geschichte aus, schrieb am Drehbuch mit und schenkte dem Zuschauer eine beeindruckende Perfomance. Den grausamen Morden zum Trotz, schafft es der Italo-Amerikaner, dass man Frank Zito bedingt Mitleid entgegen bringt. Sein leidender Blick auf die Narben am Körper, die von den vergangenen Taten sprechen, die ihn zu dem werden ließen, was er ist. Sein Schmerz im Zwiegespräch mit seinen Mitbewohnern aus Kunststoff, Abbilder seiner Opfer, pervertierte Erinnungsträger und menschengroße Trophäen. Spinells Charakter ist nicht der stumpfe Schlitzer, der die Leinwand in den folgenden Jahren immer häufiger bewohnte. Frank war selbst einmal Opfer und lässt nun seine über Jahre aufgestaute Wut, dass innerlich brodelnde Trauma, in Gewalteruptionen auf seine Umwelt los.

Spinell trägt Maniac auch dann, wenn er erzählerisch auf der Stelle tritt. Komplett funktioniert die anfängliche Abfolge an Episoden aus dem mörderischen Leben Zitos nicht. Die Abfolge aus Mord, Leid und neuen Opfern auflauern wirkt schnell ermüdend. Dagegen hätte auch der Italo-Amerikaner nicht die ganze Zeit über anspielen können. Annas Einführung beweist gutes Timing, öffnet die Geschichte und die hier dargestellte andere Seite des Protagonisten lässt Maniac bei allen erzählerischen Schwächen runder erscheinen. Leicht abgenutzt hat sich der Film nach 37 Jahren und mehreren Sichtungen meinerseits trotzdem. Die Effekte wirken nicht mehr ganz so spektakulär, ihre Härte - allen voran der Kopfschuss - haben sie nicht eingebüßt. Dass Lustig und Spinell nicht unbedingt Lust hatten, eine durchgehende Geschichte zu erzählen, merkt man Maniac an. Der Fokus liegt eindeutig auf dem verkorksten Seelenleben der Hauptfigur und der einzigartigen Atmosphäre. Diese intensiv komponierte Kombination lässt Maniac letztendlich immer noch düster glänzen.

Sechs Jahre, bevor John McNaughton basierend auf wahren Begebenheiten einen Serienmörder porträtierte, schuf William Lustig ein salopp ausgedrückt herrlich abgefucktes Psychogramm. Die Welt von Maniac ist dreckig, düster, trostlos. Dass selbst die (österreichische) Blu Ray so daherkommt, ist ein Segen für den Film. Gestochen scharfes HD wäre diesem Film nicht gerecht. Die dunkle Farbpalette, das allgegenwärtige Grau und Schwarz sind die Seele des Films, der von Spinells Spiel zusammengehalten wird. Die einfache Geschichte: verzeihbar. Der fast komplette Verzicht von Spannung (ausgenommen die immer noch sehr effektive U-Bahn-Szene): ebenfalls verzeihbar. Die erzählerische Redundanz: ich wiederhole es gerne... verzeihbar. Es dürften gut sieben Jahre oder sogar mehr vergangen sein, als ich das letzte Mal Maniac sah. Er ist immer noch mit einer verstörenden Menschenfeindlichkeit ausgestattet, der die mehr als zuletzt erkennbaren Schwächen narrativer Natur übertüncht. Spinells Spiel fesselte noch mehr und darüber thront förmlich die hoffnungslose, ausweglose Stimmung, die immer unangenehm im Hintergrund verweilt. Dadurch erscheint er selbst heute, in den Zeiten der in der Pop Kultur angekommenen Serienmörder und des Torture Porns durch seine atmosphärische Wucht fast seiner Zeit voraus. Und selten war eine Inneneinrichtung wie die in Frank Zitos Wohnung so creepy. Egal, wie dünn seine Geschichte ist: Maniac bleibt ein intensives Filmerlebnis.

Horrorctober 2017: A Cure For Wellness (8/13)

Roland E. Pembroke ist ein schlauer wie wortgewaltiger Mann. Mit schwülstig schweren Worten verabschiedet sich der CEO einer Finanzfirma in das selbst gewählte Schweizer Exil und entsagt seinem bisherigen Leben. Laut seinen Abschiedszeilen tragen wir alle "diese eine Krankheit" in uns. Ausgesprochen wird deren Name nicht. A Cure For Wellness zeigt sie lieber in beeindruckenden Bildern. Der Beginn des Films lässt gewaltige Firmenhochhäuser wie bedrohlich schwarze Monolithen, die in einen ebenso dunklen Himmel ragen, wirken. Darin arbeitet sich ein Broker alleine im Großraumbüro dem herzverkrampften Exitus entgegen. Nicht gerechnet hat Pembroke mit den anderen Vorständen seiner Firma und Lockhart. Letzterer ist ein ambitionierter Emporkömmling, der von seiner Firma in das von Pembroke bewohnte Sanatorium geschickt wird um den Abtrünnigen zurückzuholen. Es eilt, steht der Konzern doch vor einer wichtigen Fusion und benötigt dafür dessen Zusage.

Lockhart selbst wird kurz nach Ankunft im Sanatorium von Dr. Volmer durch einen Autounfall mit gebrochenem Bein als davongetragene Konsequenz dort länger als geplant festgehalten. Dies gibt ihm nicht nur Zeit, den gefundenen CEO zu einer Rückkehr zu bewegen, sondern auch dem Geheimnis der Schlosses, in dem sich das Wellness-Center befindet, auf den Grund zu gehen. Dort soll vor 200 Jahren ein Graf inzestuöses Treiben mit seiner Tochter veranstaltet haben, was die Bevölkerung des nahegelegenen Dorfes mit wortwörtlich feuriger (Lynch-)Justiz bekämpfte. Selbst als er Hannah, laut Dr. Volmer ein "Spezialfall", kennenlernt, klingelt bei ihm alles, nur keine Alarmglocke. Was zur leichten Verstimmung beim Zuschauer führt, wenn dieser schon viel früher die Zeichen der Gefahr erkannte und dauerhaft dem Jüngling entgegenschmettern will, was er übersieht. Gore Verbinski und sein Drehbuchautor Justin Haythe übertrapazieren dies, was A Cure For Wellness eigentlich gar nicht nötig hat.

Im Grunde genommen kann man den Film als Versuch David Lynchs, seine Version von Shutter Island zu drehen, sehen. Die Parallelen sind klar ersichtlich, viel mehr scheint das Drehbuch ganz faul mit diesem (fast ständigen) Vergleich zu spielen und die Erwartungen des Zuschauers, der Scorseses Mysterythriller beim Schauen im Hinterkopf hat, ständig dorthin zu bewegen um dann seine narrativen Wendungen zu nutzen. Das ist unnötige Bequemlichkeit; umständliche Erzählstruktur die der famosen Stimmung nicht schadet, ungeduldige Naturen dafür auf die Probe stellen kann. Verbinski kann in entscheidenden Momenten die zwischen leicht surreal und mal mehr, mal weniger bedrohlich wirkende, wechselnde Atmosphäre gekonnt hervorheben. Der Blockbuster-Hits (Fluch der Karibik) und -Flops (Lone Ranger) gewöhnte Regisseur kann dafür leider weniger gut Spannung aufbauen. Dafür ist das Script auch sehr undankbar aufgebaut. Dessen abertausende Anspielungen, die für alle, bis auf den Protagonisten sehr schnell erkennbar sind, ziehen die Geschichte unnötig in die Länge.

Es bleibt die herausragende Atmosphäre, gekrönt von der herrlichen Fotografie, die die Schwächen des Buchs nicht komplett übertünchen kann. Das ständig vorherrschende unangenehme Gefühl, das Wissen, dass ein dunkles, grauenvolles Geheimnis an der Oberfläche kratzt um freigelassen zu werden, diese irreale Ohnmacht vor dem lauernden Grauen transportiert A Cure For Wellness auf einem sehr guten Niveau. Das der Film als Kritik auf den schnellen, umbarmherzigen Druck des Kapitalismus bzw. der heutigen, gehetzten Arbeitswelt verstanden werden kann, schafft man nur zu Beginn. Im Alpenland angekommen, wandelt sich Verbinskis Werk zu einem leichten Gruselthriller, der im Finale förmlich explodiert; ein bisschen Spektakel muss beim Amerikaner wohl doch sein. Dazwischen erinnerte mich A Cure For Wellness an eine Horrorversion der hübschen Groteske Willkommen in Wellville, nur das letztere den Gesundheitswahn gekonnter und bissiger aufs Korn nahm. Die sinnentleert erscheinende Wassertherapie, die Dr. Volmer blind nachplappernden Patienten, welche ohnehin immer etwas schräg erscheinen und Volmers zuerst perfekt erscheinende Fassade mit ihrer bei längerer Zeit mehr zu Tage tretenden, dunklen Flecken: das vorhandene Potenzial wird nicht beachtet bzw. richtig benutzt.

Nach dem an den Kinokassen durchgefallenen Lone Ranger ist A Cure For Wellness für Verbinski selbst ein gelungener Rückschritt. Bei allem in der Vergangenheit entstandenen, filmischen Brimborium scheint er sein Handwerk nicht verlernt zu haben. Man könnte den Film als gemäßigten, neogothischen Grusel der unspektakulären Sorte bezeichnen, der neben der tollen Fotografie mit einem interessanten Soundtrack gesegnet ist. Leider ruht er sich zu oft auf seinen Shutter Island-Bezügen aus, anstatt mit mehr Schmiss, man könnte es auch mehr Mut nennen, auf komplett eigenständigen Pfaden zu wandeln. Sehenswert ist der Film allemal.

Donnerstag, 19. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Wir sind die Nacht (7/13)

Hauptcharakter Lena, die sich noch sichtlich unwohl in ihrem neuen Umfeld und Dasein fühlt, fragt Rudelsführerin Louise, wo die Männer ihrer Gattung sind. "Die gibt es nicht mehr. Die haben wir umgebracht. Die waren zu laut und haben sich entweder gegenseitig gekillt. Der Rest wurde von uns getötet.", so die Antwort der Rudelsführerin. Louise, Charlotte und Nora sind Vampire. Louise sieht in Lena die Person, nach der sie so lange gesucht hat und verwandelt sie bei einer Underground-Techno-Party ebenfalls in einen Blutsauger. Es braucht, bis sich die mit gelegentlichen Diebstählen über Wasser haltende, junge Frau wirklich gefallen am Vampir sein findet. Die luxuriös im Grand Hotel Berlins residierenden Damen geben der jungen Frau das Gefühl der Geborgenheit, von Familie, welches ihr bei der gleichgültig erscheinenden Mutter fehlt. Als die vier Vampirinnen eines Nachts osteuropäische Zuhälter zum Abendessen auswählen und ein kleines Massaker veranstalten, wird die Polizei auf das Quartett aufmerksam. Gleichzeitig brechen die Konflikte innerhalb der Gruppe hervor und die ungewollt von Louise auf die Seite der unsterblichen Untoten gezerrte Lena begehrt ebenfalls gegen die Führerin der Gruppe auf.

Was nach Stoff aus der Traumfabrik klingt, ist in Wahrheit ein deutscher Film. In Berlin gedreht, prominent mit Nina Hoss, Jennifer Ulrich und Karoline Herfurth besetzt, von Dennis Gansel (u. a. Die Welle und Mädchen Mädchen!) in Szene gesetzt und durch und durch am Blockbuster-Mainstream-Kino orientiert. Letzteres eindeutig zu stark: Wir sind die Nacht fehlt es an Profil, an Eigenständigkeit. Versatzstücke aus modernem Mainstream-Horror werden hier zusammengeworfen, Klassiker zitiert und dabei krampfhaft auf modern und cool gemacht, dass seine geringen Individualitäten drohen unterzugehen. Gansels Film könnte ein toller, feministisch gefärbter und moderner Vampirfilm sein, präsentiert uns einschließlich Herfurths Lena Klischeefiguren, die schnell uninteressant werden. Einzig die in ihrer eigenen Vergangenheit lebende, melancholische Charlotte weiß zu gefallen. Herfurth selbst darf wieder die graue Maus spielen, die aus ihrem Leben ausbricht, ihre Persönlichkeit ergründet und gewachsen ins Finale schreitet, um dieses zu gewinnen. Diese Rolle der zuerst schüchternen und verschreckten leiert Herfurth routiniert runter, um dies in den beiden Fack Ju Göhte-Teilen zu perfektionieren.

Schlimmer ist noch, dass Lena nach bestandener Edprüfung bei der Begegnung mit Love Interest Tom diesem nicht etwa wie angedeutet die Zähne ins warme Fleisch rammt, um ihn - wie einst Louise sie - zu einem der Ihrigen zu verwandeln, sondern die Liebe wählt. Das mag schmalzig-süß romantisch sein und das angestrebte Zielpublikum erfreuen, doch ist dies für die ganze Figur und stellvertretend für die weiblichen Vampire des filmischen Kosmos ein herber Rückschritt. Ergibt sich Lena so doch dem Matriarchat und die männlichen Buchautoren zeigen unverhohlen ekelhaft feministischem Denken den Mittelfinger. Da klebt doch ein wenig Kotze im Mundwinkel, wenn man länger darüber nachdenkt. Anstatt vielschichtige Frauenfiguren einen inneren wie äußeren Kampf ausfechten zu lassen, reißt Wir sind die Nacht die Stationen seiner Geschichten an. Verwandlung, hadern mit der neuen Rolle, sich in dieser zurechtfinden, Struggle mit dem Love Interest, Struggle in der Gruppe, dazwischen durchkonzipierte Coolness, die merklich mit einem Auge über den großen Teich nach Hollywood schielt, um ja auch alles richtig zu machen.

Das enge 90 Minuten-Korsett tut dem Film nicht gut und die Macher hätten weitaus mehr Mut und Eigenständigkeit bewiesen, wenn sein feministischer Ton mehr aus dem Hintergrund hervortreten würde. Er funktioniert weder als Horrorfilm, noch als düstere Romanze. Selbst als Berlinfilm versagt er. Das hauptstädtische "Anything goes"-Gefühl blitzt selten hervor. So strafend meine Zeilen klingen, so weitaus weniger schlimm ist es gemeint. Das Deutschland Genrefilme kann, sieht man in den letzten Jahren immer wieder. Das hier ist leider wieder das, was den deutschen Mainstreamfilm - dieses ekelhafte Nachäffen Hollywoods, selbst in seinen RomComs - manchmal so unerträglich macht. Wir sind die Nacht zitiert sicher größere Vorbilder, Dennis Gansel schafft es (mit einiger Mühe) im gehetzten, chaotisch gefärbten Grundton wenige, aber tolle Momente zu schaffen. Charlottes abschließende Begegnung mit ihrer Tochter sei hier als Beispiel genannt. Die Songauswahl ist toll bis sehr gut ("Pretty When You Cry" von VAST!) und ausgerechnet die wenigen Actionszenen geben dem Film den Arschtritt, den er öfter benötigen würde. Doch ach, Wir sind die Nacht ist leider nur eine durchschnittliche Kopie bekannter Vorbilder um dem jungen Kinogänger zu zeigen, dass auch deutscher Film nicht nur mit Fließband-Schmalzkacke á la Schweighöfer und Schweiger punkten kann, sondern auch "cooles Zeugs" abliefern kann. Das ist wenig individuell, selten richtig überzeugend sondern schlicht spürbar bemüht. Wenn Deutsche cool sein wollen, ist das wie hier meist immer mit Pflock im Arsch. Da ist selbst die herzloseste, durchgeplanteste Blockbuster-Massenware aus Hollywood mit mehr Seele ausgestattet. Wir sind die Nacht ist das größte (und mittelmäßigste) "Schade", was der deutsche (Genre-)Film in den letzten Jahren hervorgebracht hat.

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Dead & Buried (6/13)

Meine Liebe zum Horrorfilm erwuchs aus der spontanen Idee heraus, Stephen King-Verfilmungen zu sammeln. Vor mehr als 20 Jahren begann ich also im jugendlichen Alter, mit Hilfe des Videorekorders meines Onkels, auf den Geschichten und Romanen des Autors basierende Werke im Fernsehen mitzuschneiden. Ich meine schon auf Kassette Nr. 3 oder 4 warf ich das schon alles über den Haufen; das komplette Genre hatte mich da schon gefangen genommen. So kam ich auch auf den Film Dead & Buried, den ich beim regelmäßigen in der Fernsehzeitschrift nach neuem Stoff Ausschau halten, erspähte. Das Kennzeichen, dass die Ausstrahlung gekürzt sein wird, ignorierte ich. Vielleicht fand ich ihn auch deswegen beim erstmaligen Schauen ziemlich langweilig. Oder ich war einfach noch nicht bereit dafür. Als ich irgendwann später, noch nicht ganz volljährig, über meine Mutter hin und wieder beim legendären Videodrom bestellte, war irgendwann auch die neu aufgelegte, ungekürzte Fassung von Dragon dran.

Und je älter ich werde, desto mehr wächst Dead & Buried mit jeder Sichtung. Es ist immer eine Freude, in die kleine Stadt Potters Bluff zurückzukehren und mit James Farentino als Sheriff Dan Gillis mitzufiebern, was denn überhaupt in dem Fischernest vor sich geht. Ob seine Frau Janet, eine Grundschullehrerin, wirklich etwas mit schwarzmagischen Ritualen zu tun hat und ob der leicht schrullige Bestatter Dobbs für einige unerklärliche Dinge, die in der Ortschaft vor sich gehen, verantwortlich ist. Alles beginnt mit einem Unfall und einem schwer verbrannten Mann, einem auf der Durchreise befindlichen Fotografen, der bei seiner Rast am Strand von einigen Bewohnern überwältigt und in Brand gesteckt wird. Gillis ahnt nicht, dass dieser Unfall fingiert ist und wird erst auf seltsames in Potters Bluff aufmerksam, als einer der Bewohner den vermeintlich schwer verbrannten und im Krankenhaus ermordeten Fotografen im Ort quicklebendig als Tankwart rumspazieren sieht. Als dann weitere Morde geschehen, kommt Gillis einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur.

Alter, Verfall, Tod: schon der Titel des Films zeigt deutlich, dass dies seine zentrale Themen sind. Die Vergangenheit, der Verfall, sind in Potters Bluff allgegenwärtig. Beinahe scheint es so, als wäre dort die Zeit einfach stehen geblieben. Nachdem der Film mit einem ebenso herrlichen wie melancholischen Pianotheme begonnen wird, wandelt sich eine vermeintliche alte Fotografie des Ortes zur filmischen Gegenwart. Alles wird farbig, das Standbild bewegt sich. Einzig die erdige, in Braun- und Sepiatönen gehaltene Farben des Films, sorgen dafür, dass der thematisierte Verfall, die im Hier und Jetzt allgegenwärtige Vergangenheit, präsent bleibt. Anhand der Kleidung einiger Einwohner könnte man auch meinen, dass man mit einem Besuch in Potters Bluff gleichzeitig in die 50er zurückreist. Shermans unaufgeregter Stil, die Geschichte langsam und bedächtig zum schockierenden Finale mit seinem großen Twist zu führen, diese Langsamkeit die Dead & Buried dadurch entwickelt, verstärkt dieses Gefühl. Sherman schafft es mit seinem Film, altmodischen Horror mit dem damals immer beliebter werdenden, offensiven Gorekino zu verbinden. Die blutigen Spitzen und der über die Figuren plötzlich hereinbrechende Terror sind akzentuiert eingesetzt. Lediglich einige laute Momente des Films, wenn die Gewalt graphisch wird, merkt man, dass dies Sherman nicht komplett liegt. Diese Szenen fühlen sich dezent überhastet an. Glücklicherweise entgleitet dies dem in Chicago geborenen Regisseur nie komplett.

Die fehlende Finesse, diese beiden Gegensätze in Einklang zu bringen, macht Dead & Buried mit dem Hintersinn seiner Geschichte wett. Die stammt aus der Feder von Dan O'Bannon und Ronald Shusett, die u. a. auch für das Script von Alien verantwortlich sind und entpuppt sich auf den zweiten Blick als eine Metapher auf das langsame dahinsiechen von Kleinstädten im gleichzeitigen Wachsen industriell starker Großgebiete und deren Anziehungspunkt für Bewohner dieser wirtschaftlich und infrastrukturell eher schwach aufgestellten Orte. Der Wegzug junger Leute schwächt diese ebenso wie die damit verbundene Konkurrenz großer Konzerne, gegen die die kleinen Läden oder auf einen wirtschaftlichen Haupt- und Ernährungszweig konzentrierten Gebiete keine Chance haben. Was liegt also näher, als mittels makabrer Rituale für neue Mitglieder der kleinen Gemeinde zu sorgen? Schon der Kinotrailer erzählte damals, das es nur einen Weg nach Potters Bluff, aber keinen raus gibt. Getreu dem Motto "Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt!" sorgen die Einwohner selbst für Zuwachs.

Dabei ist dies nur eine Lesart für Dead & Buried. Ebenso könnte man hier den Versuch sehen, die Vergangenheit und daran haftende Erinnerungen (krampfhaft) lebendig zu halten; um jeden Preis, koste es was es wolle. O'Bannon und Shusett schaffen hier eine düstere Horrormär mit leichten Okkultismusbezügen und dem klassischen Motiv der Überwindung des Todes. Da darf ein wahnsinniger Charakter, der in den Kreislauf von Leben und Tod eingreift und gottähnlich darüber bestimmt, nicht fehlen. Er ist die Exekutive im Versuch, das jenseitige Dasein und dessen Existenz zu etwas schönem werden zu lassen. Ein Arrangement mit dem Tod, dem Sterben, welches trotz (wortwörtlichen) gewaltsam schnellen Ausscheiden aus dem Leben auch wieder ein Anfang ist. Diese eigenwillige Sehnsucht nach Sterben, die Präsenz dieses Prozess zieht sich durch den ganzen Film. Schnell versinkt man in dieser ganz eigenen Stimmung, die Dead & Buried besitzt und selbst wenn der große Twist vergleichsweise schnell offensichtlich ist und für keine große Überraschung sorgt, fies ist er immer wieder. Und makaber. Gesamt ist das alles wunderschön, wenn man ein Faible für altmodisch gefärbten Horror hat, der nicht gänzlich ohne blutige Effekte auskommt, aber nie Situationen herbeiführt nur um eben dieser Effekte willens und lieber auf seine starke Atmosphäre setzt. Das verzeiht die teilweise spröde Regie von Sherman, die zu einiger Zeit zu sehr reduziert ist. Es bleibt der sehr gute Gesamteindruck von Dead & Buried, welcher vielleicht auch einer der unterschätztesten Horrorfilme der 80er ist. Ich freue mich schon auf meinen nächsten Ausflug nach Potters Bluff.

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Loreley's Grasp (5/13)

Vielleicht nicht alle Welt, aber zumindest ganz Europa blickt derzeit mit Spannung nach Spanien. Ruft Katalonien wirklich die Unabhängigkeit aus und spaltet sich somit vom Mutterland ab? Die gleiche Aufmerksamkeit, die das Land derzeit für seine politisch angespannte Situation erhält, hätten auch viele spanische Genrefilme verdient. Zu oft bleibt man beim Gedanken an Horror oder ähnlichem aus Europa in Italien oder England hängen. Spanische Horrorfilme fristen leider ein gewisses Schattendasein, was auch Oliver Nöding schön in seiner Besprechung zu Loreley's Grasp bemerkt hat. Dessen Schöpfer Amando de Ossorio ist zum Beispiel Vater einer der bekanntesten Horrorfilm-Reihen Spaniens: man kann seinen hoch zu Rosse agierenden, untoten Tempelrittern nicht gänzlich ihren trashigen Charakter absprechen, ebenso wenig aber den Kultfaktor. Die Nacht der reitenden Leichen ist trotz (oder wegen) seines kruden Mix aus atmosphärischem Gothic-Horror mit sleazigen Spitzen ein sehr unterhaltsamer Film.

Mit der gleichen Rezeptur wagte sich De Ossorio an die deutsche Volkssage der Loreley. In The Loreley's Grasp wird eine am Rhein gelegene, kleine Stadt von grausigen Morden an jungen Frauen in Atem gehalten. Geht man zuerst von einem wilden Tier aus, schürt ein blinder Geiger mit seinen Erzählungen über die Loreley die Angst und Ungewissheit unter den Bewohnern. Abhilfe soll der Jäger Sigurd (!) schaffen, der sich in einem Internat, von einigen knackigen Damen bewohnt, einnistet um zum einen das Internat und seine Bewohner zu schützen, zum anderen das vermutete, mörderische Getier zur Strecke zu bringen. Er macht dabei nicht nur Bekanntschaft mit einem Professor, der mit seinen Forschungen die Sage auf Echtheit überprüft, sondern auch mit einer geheimnisvollen Frau, die leicht bekleidet immer in der Nähe des Rheins zu sehen ist. Sigurd geht der Frage nach, ob es sich hier wirklich um die legendäre Loreley handelt.

In Ossorios Händen wird aus der allseits bekannten Sage ein wildes Leinwandtreiben, angesiedelt zwischen Monster- und Mad Scientist-Horror, der wie auch die reitenden Leichen leichte Ausflüge in den Gothic-Horror unternimmt und dazwischen jede Menge Lifestyle-Klischees der 70er auspackt und bestätigt. Nüchtern betrachtet schafft es der spanische Regisseur die Abläufe dieser Horrorspielarten auf gutem Durchschnitt aneinanderzureihen, deren Regeln einzuhalten und leider leicht spannungslos, da alles recht vorausschaubar ist, abzuspulen. Schön ist, dass De Ossorio diese Limitiertheit von Anfang an bewusst ist. In einem knackigen Tempo peitscht er seine Figuren durch eine Geschichte, die in den richtigen Momenten bei aufkommendem Leerlauf die ganze Bandbreite an Schauwerten ausspielt. Das Internat mit seinen jungen Bewohnerinnen, die wunderhübsche Silvia Tortosa als strenge Lehrerin Elke Ackermann und Helga Liné als Loreley bieten - anders kann man das nicht sagen - ordentlichen Eye-Candy. Dem Gegenüber steht Tony Kendall, sonst eher aus Italowestern bekannt, der in fescher, wunderlich gemusterter 70s-Klamottage meist mit der Flinte im Anschlag durch's Internat oder am Rhein spaziert, Helga Liné hinterherschmachtet oder seinen ganzen Machismo an Frau Tortosa ablässt.

Dazwischen inszeniert De Ossorio die Monsterangriffe - sicher durch das geringe Budget bedingt - beinahe gialloesk, wenn nur die grüne Klaue des Monstrums gezeigt wird, die sich ihren Weg zu den nächsten, leicht beschürzten Opfern bahnt. Am Ziel angelangt, metzelt die Sagengestalt ordentlich rum und präsentiert einfach gehaltene, aber für die damalige Zeit recht blutige Effekte; im Kontrast stehend zur sich langsam anbahnenden Liebesgeschichte zwischen Sigurd und Loreley. Auf den ersten Blick unbeholfen inszeniert, spielt Loreley's Grasp damit seine Qualitäten fern vom Trashfaktor aus: die beinahe in den Kitsch abdriftende Romanze öffnet in der zweiten Hälfte Tür und Tor für schauerlich gotische Bilder. De Ossorio hätte hier seinen Hang dazu ruhig stärker ausleben können. Sigurds Abstieg in die unterirdische Höhle der Loreley zum Beispiel bietet hübsche und atmosphärische Szenen. Die spürbare Überambition, zügellos Elemente einzelner Subgenres in ein fast chaotisches Gesamtbild zusammenzuführen, bremst den Film manchmal leider aus.

Bleibt noch der Charme des Films zu erwähnen, den er auf uns deutschen Zuschauer ausstrahlt. Ein gewisses Schmunzeln über die Bemühungen, alles so deutsch wie möglich aussehen zu lassen (inklusive Stock Footage-Aufnahmen vom Rhein), hat man die ganze Zeit über im Gesicht. Mit dem kernigen Geschlechterbild der damaligen Zeit, mit hilflosen Frauen und vor Testosteron auslaufenden Heroen mit tragisch-romantischer Achillesferse für schöne, geheimnisvollen Frauen ergibt Loreley's Grasp einen Film gewordenen Groschenroman. Einen guten wohl gemerkt mit schundig-schönen, amüsanten und gleichermaßen seichten wie romantischen Szenen. Die durchschimmernde Unbedarftheit, schenkt einem objektiv betrachtet mäßigem Horrorfilm seine liebenswerten Eigenheiten, die mich gute 85 Minuten bestens unterhielten. Frei nach Heinrich Heine kann ich abschließend nur sagen:

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so belustigt bin;
Ein Filmchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.


Sonntag, 8. Oktober 2017

Es (2017)

Eigentlich ist Maine, im Nordwesten der USA gelegen, ein schöner Flecken des Landes. Trotzdem spielen viele Geschichten von Stephen King in dessen Heimatstaat und lassen das Grauen in diesen einziehen. Normalerweise ist die Familie im Idealfall ein Hort des Rückzugs, der Geborgenheit und ein Kraft spendende Zelle des menschlichen Lebens. Trotzdem lässt King in vielen seiner Geschichten diesen sozialen Bund erschüttern. Schicksalsschläge sind der Ausgangspunkt für seine Art des Horrors, um das Gefüge der Familie weiter auseinander treiben zu lassen. Im amerikanischen Mainstream-Horror ist dies seit vielen Jahrzehnten ein bewährtes Motiv, innere Konflikte in der Familie durch übernatürliche Eingriffe von außen zu steigern, um dann im gemeinsamen Bewältigen der Bedrohung auch diese zu meistern. Überwiegend sind alle Familienmitglieder gleich schwer betroffen oder die schwächsten, die Kinder, Angriffspunkt des Bösen um von ihren Eltern oder anderen Erwachsenen geschützt zu werden.

Kings Es funktioniert anders. Hier lauert das Böse nicht nur in Form einer übernatürlichen Kraft. Auch die Erwachsenen selbst, in der gesamten Geschichte ohnehin Randerscheinungen, sind keine schützenden Heilsbringer. Sei es die übermäßig besorgte Mutter von Eddie, welche ihm einredet, er könnte selbst vom harmlosesten Bazillus schrecklich krank werden oder der Vater von Beverly, der eine sehr eigene Interpretation von väterlicher Fürsorge gegenüber seiner Tochter hat. Einzig Bills Eltern erscheinen normal; die Familie wird dafür vom plötzlichen Verschwinden des kleinen Georgie, Bills Bruder, beherrscht. Das krampfhafte Suchen Bills nach diesem - eine gut gemeinte Geste und Versuch von diesem, mit dem Verlust des Bruders fertig zu werden - bringt nicht nur seine Eltern an ihre Grenzen. Auch dessen Freunde, so beherzt sie versuchen zu helfen, belastet dies. Die Clique, die meist von älteren Mitschülern aufgemischt und von diesen als Verlierer bezeichnet wird und sich deswegen selbst Losers Club nennt, steht dabei unwissentlich noch vor ihrer größten Prüfung.

Alle 27 Jahre kehrt Pennywise, eine fürchterliche Kreatur die großenteils in Gestalt eines Clowns auftritt, nach Derry, dem Ort des Geschehens zurück. Erst langsam dämmert den Freunden, dass Pennywise kein weiteres Gespinst Bills oder keine Einbildung eines anderen Cliquen-Mitglieds ist. Durch Ben, dem Neuen in der Stadt, finden die Freunde heraus, dass Pennywise schuld an einigen schlimmen Katastrophen sowie dem verschwinden von Menschen, Kindern im besonderen, ist. Trotz aller aufkommenden Konflikte in der Gruppe und ihren Ängsten, schwören sich die Kinder, sich dem Monstrum in Clownsgestalt zu stellen und ihn zu bekämpfen. Es sind ebenfalls 27 Jahre her, seitdem Pennywise - damals vom großartigen Tim Curry verkörpert - das erste Mal filmisch auf sich aufmerksam machte. War die 1990 entstandene, erste Verfilmung des Stoffs ein TV-Zweiteiler, so schafft es die Neuverfilmung des über 1000 Seiten starken Romans nun in die Kinos. Für mich war Es unter den vielen King-Verfilmungen neben Friedhof der Kuscheltiere und Misery immer eine der besten Umsetzungen seiner Bücher.

Die Neuverfilmung schickt sich an, dass ich diese künftig ebenfalls dazu zählen werde; selbst wenn er als Horrorfilm beinahe versagt. Seine Jumpscares und überlautes Dröhnen der Tonspur sorgen dafür, dass sorgfältig aufgebaute Spannungsmomente kaputt gemacht werden. Diese Zugeständnisse an Standards des modernen Horrorkinos hätte Es eigentlich nicht nötig. Das Spiel mit den kindlichen Ängsten, deren Bewältigung eines der Motive der Geschichte ist, könnte in subtilerer Herangehensweise weitaus mehr gewinnen. Der effektlastige, schnell hereinbrechende Terror funktioniert selten. Ein Gemälde einer verzerrt dargestellten Dame, die diesem entsteigt, ist einer der seltenen Momente, in denen diese Taktik funktioniert. Die einzelne Konfrontation der Jugendlichen mit Pennywise überzeugt weitaus mehr. Bill Skarsgård verleiht seinem Pennywise eine dämonische Ausstrahlung, die ihn offensichtlicher zu dem werden lässt, was er auch ist: ein durch und durch bösartiges Monster, welches den Clown nur als menschliche Hülle nutzt um seine Opfer anzulocken.

Erinnerungen an das Alter Ego des Serienmörders John Wayne Gacy, Pogo der Clown, werden dann wach, wenn Skarsgårds Augen gierig und böse auf der Leinwand funkeln. Der monströse Clown wird zum Sinnbild für all' den Schrecken, der in auf den ersten Blick harmlosen Kleinstädten lauert. Seien es die typischen Bullys, welche ihre Mitschüler terrorisieren oder das, was hinter den Türen der Häuser schwelt. Es gibt viele Ängste, viele Traumata, denen man sich als Kind stellen muss. Deren Bewältigung bringt der Film fernab seines Horrorbrimboriums sehr schön zur Geltung. Es bezieht seine größte Stärke vor allem durch die erzählerische Dichte und seiner Darstellung des Losers Club in allen Facetten. Die stark gecasteten Kinderdarsteller haben daran einen erheblichen Anteil. Ihr lockeres, unverkrampftes Spiel schafft es, dass die Figuren lebendig werden. Die Verlierer-Clique wächst dem Zuschauer schnell ans Herz und lässt Erinnerungen an Klassiker wie Stand By Me - ebenfalls eine King-Verfilmung - wach werden. Das Gefühl erwächst, ein unsichtbares Mitglied der Gruppe zu sein, die dicht am Geschehen dabei ist.

Regisseur Andrés Muschietti erweist sich als richtige Wahl: der Argentinier hat ein gutes Händchen für klassische Horrorgeschichten mit dramatischem Grundtenor, wie sein Debüt Mama (Review dazu gibt es hier) beweist. Muschietti kann subtil und in wichtigen Szenen schafft es auch das Buch, zurückhaltend zu agieren. Ganz unaufgeregt stellt er die großen und kleinen Dramen der Freunde dar: sei es die Enttäuschung des Vaters über die ungenügende Vorbereitung auf eine Bar Mitzvah, die Trauer um das verlorene Kind bzw. den Bruder oder angedeuteter sexueller Missbrauch. Hier glänzt Es, bevor der Horror wieder alles übertüncht und sinnbildlich auffrisst. Selbst wenn es nicht immer passen mag: die Coming of Age-Geschichte und damit verbundene Emotionalität, die der Film transportiert und die immens dichte Atmosphäre sorgen dafür, dass Es tatsächlich ein Anwärter für den besten Horrorfilm des Jahres ist. Das Gesamtbild ist bis zur letzten Minute stimmig und trägt in den Szenen, die zu übertrieben, zu laut, einfach zu plakativ sind. Das hat Es überhaupt nicht nötig. Seine herausstechenden anderen Stärken lassen ihn zu diesem sehr guten Film werden, der er letztendlich ist.

Samstag, 7. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Warte, bis es dunkel wird (4/13)

Die Idee von bzw. hinter Warte, bis es dunkel wird ist ja nicht einmal schlecht: im Jahr 1946 wurde die Kleinstadt Texarkana, im Grenzgebiet von Texas und Arizona gelegen, drei Monate lang von einer fürchterlichen Mordserie beherrscht. Sie gingen als Texarkana Moonlight Murders in die Geschichte ein. Der bis heute unbekannte Täter erschoss überwiegend Pärchen; das erste auf einem abgelegenen Weg, auf dem sich Liebespaare ein paar schöne Stunden zu zweit machten. Dreißig Jahre später drehte Charles B. Pierce mit The Town That Dreaded Sundown, in Deutschland mit den äußerst einfachen Titeln Der Umleger (Kino) bzw. Phantom-Killer (Video) versehen, einen Film, welcher inspiriert vom Geschehen äußerst exploitativ die Morde an den Opfern und die Ermittlungen der örtlichen Polizei sowie der Texas Rangers in semidokumentarischem Stil zeigt.

Im Jahr 2014 kam Warte, bis es dunkel wird in die Kinos. Vielerorts wurde dieser als Remake von Pierces' Film bezeichnet, was nur bedingt richtig ist. Vielmehr ist Alfonso Gomez-Rejons Werk alles gleichzeitig: Remake und sogar Sequel. Gleich zu Beginn präsentiert man uns historische Aufnahmen Texarkanas aus der Zeit der Mordserie, danach beginnt der Film mit einer makabren Tradition: seit der Premiere von Der Umleger wird dieser einmal pro Jahr an Halloween in einem Open Air-Kino gezeigt. Das Pärchen Jami und Corey entfernt sich von der Vorstellung, um sich ein lauschiges, einsames Plätzchen zu suchen. Jami mag solche Filme einfach nicht und möchte zudem die Zeit mit ihrem Date alleine verbringen. Kaum an der Lovers Lane angekommen, werden sie von einem maskierten Unbekannten überfallen. Corey wird ermordet, Jami wird laufen gelassen, um "alle daran zu erinnern". In den nächsten Tagen wird klar, dass ein neuer Phantom-Mörder in der kleinen Stadt umgeht. Er bleibt dabei mit Jami in Kontakt, damit - wie von ihm bereits zu Beginn kryptisch vorgetragen - die Stadt und ihre Einwohner nicht wieder vergessen. Dabei versucht Jami, hinter die Identität des Mörders zu kommen.

Warte, bis es dunkel wird treibt die selbstreferenzielle Tendenz des Horrorkinos der letzten Jahre auf die Höhe. Ohne ironische Brechungen erschafft er aus dem im Genre bekannten "Based on true events"-Aufbau einen eigenen Kosmos, in dem auch der Film auf dem er basiert, existiert und mit eingewoben wird. Zum einen greift sch Gomez-Rejon den ursprünglichen Stoff und transferiert ihn in die neue Zeit, zum anderen wird dessen Geschichte weitererzählt. Immer präsent: das Original, welches uns schon zu Beginn gezeigt wird, bevor die Kamera sich von der Leinwand des Open Air-Kinos löst und uns in das neu geschaffene, filmische Universum entlässt. Egal ob in Unterhaltungen oder in irgendwo gerade abgespielten Ausschnitten, bleibt Pierces' Film im Bewusstsein des Zuschauers und der Filmfiguren. Nichts kann ohne das andere existieren: ohne die reale Mordserie keine erste Aufarbeitung aus den 70ern, ohne dieses keine Gegenwart des aktuellen Werks. Nächster Höhepunkt dieser Verwobenheit ist, dass Denis O'Hare den Sohn von Charles B. Pierce mimt, während der reelle Filius einen kleinen Cameo-Auftritt im Film hat.

Das Problem von Warte, bis es dunkel wird ist, dass er sich komplett auf dieser Idee ausruht. Sie ist gut, bis zu einem Punkt faszinierend, doch selbst wenn man - wie in meinem Falle - erst nach schauen des Films recherchiert und diese Informationen nachließt, bleibt das Gefühl bestehen, dass viel Potenzial verschenkt wurde. Gomez-Rejon schwankt zwischen Slasher-Stereotypen, mit denen er merkbar Probleme hat und wirklich famos fotografiertem Arthouse-Kino, der aus seiner Grundidee keine funktionierende Symbiose mit den restlichen Elementen des Films eingehen kann. Was auf visueller Ebene wirklich hübsch anzuschauen ist - eben mitreißt - bleibt narrativ flach. Man ruht sich auf allen Selbstreferenzen und der Meta-Ebene aus; uninspiriert stolpert man ansonsten wie Hauptfigur Jami durch die Geschichte. Mit fortlaufender Zeit ist das immer schwerfälliger. Sein großer Kniff lässt The Town That Dreaded Sundown nicht verbergen, dass er ein spannungsarmer Slasher ist, bei dem man vermuten kann, dass Gomez-Rejon vielleicht kein wirkliches Interesse an einem reinen, traditionellen Horrorfilm hatte. Schade ist einfach, dass bis eben auf die doppelten und dreifachen Selbstrefenzen sonst nichts übrig bleibt. Der Rest ist inhaltliches auf der Stelle treten, reines abspulen einer weniger originellen Geschichte die - begleitet mit einem großen leider - andere Filme packender umsetzen können. Es blieb ein großes Schulterzucken zurück, als der Abspann lief. Warte, bis es dunkel wird ist wirklich anders, könnte eigentlich mehr sein als ein durchschnittlicher Slasher mit toller Ausgangsidee, da sein Potenzial sicht- und greifbar ist. Nur sollte man sich eben nie auf dieser einen, großartigen Idee ausruhen.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Anthony (3/13)

Premiere bei Allesglotzer: da ich in meine Horrorctober-Liste absichtlich einige Filme einbaute, um diese nach längerer Zeit wieder mal zu schauen, wird nun ein weiteres Review zum bereits besprochenen Anthony in die Tasten geklimpert. Laut Datum der damaligen Besprechung sind vier Jahre ins Land gezogen, seitdem ich diesen kleinen B-Horror-Streifen das letzte Mal sah. Bis auf einige Punkte kann ich den alten Text bejahend abnicken. Denn der ebenfalls unter seinem Originaltitel The Kindred bekannte Horrorfilm ist ein netter, kleiner Horrorstreifen, der es teilweise verschläft, wirklich mal zu gruseln. Die Regisseure Stephen Carpenter und Jeffrey Obrow sind sehr bemüht, ihrem gemeinsamen Kind eine hübsche Ausstrahlung bzw. Atmosphäre zu schenken, lassen dabei elementäre Dinge wie einen gut funktionierenden Spannungsaufbau außen vor.

Apropos Kind: so bezeichnet Amanda, die Mutter des Wissenschaftlers John Hollins, von ihrem Krankenbett aus den titelgebenden Anthony. Er solle die Protokolle über die durchgeführten Experimente vernichten, weil sie es versäumt habe. Die aufgeregte, ältere Dame antwortet John auf seine Frage wer denn Anthony überhaupt ist, dass er sein Bruder ist. Weder John, noch Philipp Loyd, der frühere Forschungspartner seiner Mutter, wissen etwas davon. Mit seinem Stammteam, der dazu gestoßenen und geheimnisvollen Melissa, für die Amanda ein Vorbild war und seiner Freundin Sharon macht er sich zum Haus seiner Mutter auf um die Dinge aufzuklären. Die Entdeckung der Gruppe fällt dabei schrecklicher aus, als diese zuerst annimmt.

Nach der ersten Sichtung ist meine Vorliebe für eben solche kleinen B-Filme aus der zweiten Reihe weiterhin ungebrochen, die ab und zu sehr lieb gemeinten Worte aus der ersten Besprechung können nur bedingt wiederholt werden. Die Stärken von Anthony liegen im sorgfältigen Aufbau der Geschichte, der gleichzeitig auch schwerfällig ist. Geduld muss man mitbringen, lassen sich Carpenter, Obrow und ihre Mitautoren Zeit, John und seine Kollegen die chaotische Lage im Haus Amandas zu klären. Als wäre man sich des schleppenden Aufbaus bewusst, baut man zu Beginn eine Szene mit dem dubiosen Dr. Loyd ein, die atmosphärisch hübsch ist, dessen bösen Charakter festigt, aber nicht zwingend für die Geschichte notwendig ist. Auch der erste Mord an einem Teammitglied ist sichtbar nur deswegen im Film, um mehr Tentakel, Schleim und Monstrositäten zu bieten. Dabei scheint die arme Dame, welche während einer Autofahrt traurige Bekanntschaft mit Anthony schließen muss, so unwichtig zu sein, dass auch ihren Teamkollegen ihr dauerhaftes Verschwinden nicht auffällt.

Dazwischen gerät das Drehbuch in einen uninspirierten Leerlauf, der kurz bevor sich die Geschichte völlig in Nichtigkeiten auflöst, immer wieder mit kleinen Effektszenen bei der Stange hält. Seine sicher auch dem limitierten Budget zuzuschreibenden Aussparungen und Steigerungen der Monsteraction, die an jenen Punkten auftritt, ist dem Freund matschiger Effekteskapaden aus den 80ern eine Freude: trotz aller Einfachheit, können einige Tricks die volle Punktzahl landen, gerade die ausufernde Melting Action zum Ende ist wirklich gut gemacht. Das langsame hinarbeiten auf den großen, finalen Knaller mag sicher auch eine Remineszenz an einige Monsterfilm-Vorbilder der 50er sein, kann Anthony aber nicht davor bewahren, dass er trotz einiger netter Einfälle erzählerisch wie insgesamt ordentlicher Durchschnitt ist. Eben Video-Massenware, die in den Erinnerungen schnell wieder verblasst. An vieles konnte ich mich nicht mehr erinnern, als gestern die zweite Sichtung des Films anstand. Die Wiederentdeckung war nett, aber bei weitem nicht so spannend, wie bei der Erstsichtung empunden. Die fehlt dann doch und auch die "I ♥ 80s B-MOVIES"-Fanbrille reicht nicht aus, Anthony, diesen mäßigen, die gängigen Erzählstrukturen klassischer Monsterhorror-Filme abarbeitenden Film dem es spürbar an Elan fehlt, mehr als nur okay bzw. durchschnittlich zu finden. Da gibt es eben viel, viel mehr B-Ware auf dem Horrorwühltisch der 80er, der einfach schmissiger ist.

Dienstag, 3. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Train To Busan (2/13)

Filmisch darf man in Südkorea meiner bescheidenen Meinung nach gerne öfter den Zug nehmen. Nachdem ich vor einigen Monaten von Bong Joon-hos dystopischen Snowpiercer nach anfänglicher Skepsis angenehm überrascht wurde, konnte mich auch Train To Busan (mehr als) überzeugen. Der Film baut seine auf den ersten Blick einfach gestrickte Geschichte zügig und auf den Punkt gebracht auf: Su-An, die kleine Tochter der viel beschäftigten Fond-Managers Seok-Woo, möchte an ihrem Geburtstag mit dem Zug nach Busan zu ihrer Mutter reisen. Am besten alleine, damit sie ihrem Vater nicht die kostbare Zeit stehlen muss. Der über und über in Arbeit steckende Seok-Woo lässt dies nicht zu, zumal er versucht, die voranschreitende Vernachlässigung seines Kindes zu unterbinden. Er schaufelt sich Zeit frei und besteigt mit ihr in den frühen Morgenstunden den Zug Richtung Mutter des gemeinsamen Kindes und Ex-Frau.

Entspannt wird die Zugfahrt keineswegs. Eine schwer verwundete Frau rettet sich kurz vor Abfahrt in das Hochgeschwindigkeitsgefährt, verstirbt in einem Gang und steht kurz darauf wieder auf und ist von rasender Blutgier angetrieben. In dieser fällt sie über die Passagiere her, infiziert und verwandelt diese ebenfalls in nach dem roten Lebenssaft gierende Bestien. Die überlebenden Zuginsassen kämpfen in den schmalen Gängen um ihr Überleben und müssen über Lautsprecher erfahren, das in Korea immer mehr Städte von diesen mordlüsternen Kreaturen überrannt werden. Nur das Endziel, Busan, scheint sich noch erfolgreich zur Wehr zu setzen. Bis die zweitgrößte Stadt Südkoreas erreicht ist, schickt Regisseur Yeon Sang-ho seine Protagonisten, wie für das Subgenre üblich eine Gruppe grundverschiedener Persönlichkeiten, innerhalb des Gefährts auf eine gefahrenvolle Reise, die bei allen Massenszenen und Horden an Zombies, die über die Fahrgäste hereinbrechen, auch immer Zeit für Zwischenhalte mit leisen Tönen findet.

Train To Busan ist nur auf den ersten Blick ein krachendes Filmerlebnis, das gekonnt mit dem beschränkten Raum des Zuges spielt. Die Kamera ist Nahe am Geschehen, hält dabei geschickt auf den (Todes-)Kampf der Passagiere und lässt trotzdem vieles im Kopf des Zuschauers geschehen. Wie einige andere Zombiefilme, wobei genaugenommen die Kreaturen wie in Danny Boyles 28 Days Later im gesamten Film nie so genannt werden und wie dort rasend schnelle, blutdurstig und tollwütig-animalisch agierende Infizierte sind, steht Train To Busan mehr in der Tradition der Katastrophen- als Horrorfilme. Ist die Grenze im Zombiefilm zwischen beiden Genres fließend und springen einige Vertreter dieser Gattung innerhalb ihrer Geschichte hin und her, entschieden sich die Autoren hier auf den schnell über die Menschheit hereinbrechenden apokalyptischen Zerfall der Zivilisation, die hier von den Insassen eines Hochgeschwindigkeitszuges repräsentiert wird. Der von Night Of The Living Dead aufgegriffene Kammerspielaspekt mit dazugehörigen Konflikten innerhalb der Protagonisten-Gruppe ist, wie im großen Vorbild, stellvertretend für die menschliche Gesellschaft.

Für einen Mainstream-Film, was Train To Busan alleine schon trotz aller Zombiemassen- und Kampfszenen durch seine hier angesprochene Zurückhaltung ist, gibt er sich hier äußerst clever. Die benutzten Klischees sind ebenfalls gängige Vorurteile, die von einem werdenden, der wohl einfachen Mittelschicht entstammenden Vater Seok-Woo ständig an den Kopf geworfen werden. Fond-Manager, Finanzjongleure, Geldfresser, Blutsauger: die benutzten Synonyme für Seok-Woos Beruf sind Beschreibungen für seine Berufsgruppe, die sich vom einfachen Menschen ernährt und diese auffrisst. Hier werden klaffende, gesellschaftliche Gräben deutlich, die in der herrschenden Ausnahmesituation nur mit Mühe überwunden werden können. Auch weil (nicht allein) diese Gesellschaft, das bemerkt selbst Su-An, sich immer nur um sich kümmert. In der heutigen Zeit scheint - so der Tenor von Train To Busan - Egoismus und das um sich selbst kümmern auf den ersten Blick überlebenswichtig zu sein, um nicht von der Menschheit aufgefressen zu werden. Auf den zweiten, viel wichtigeren Blick, ist dies der Untergang eines funktionierenden Miteinanders. Wer nur auf sich selbst achtet und die sozialen Scheuklappen nicht ablegt, geht seinen Weg so lange, bis er gefressen wird.

Die Erkenntnis kommt für Seok-Woo und andere Figuren spät bis gar nicht. So ist der "Endboss" für den Vater keineswegs irgendein Zombie-Obermufti, sondern eine besonders unsympathische Erscheinung seines Gesellschaftsstandes, eine Art überzogenes Spiegelbild seinesgleichen, welches er überwinden muss. Das Train To Busan hier im Ende dieser Sequenz äußerst emotional zu Werke geht, ist für das Genre keine Selbstverständlichkeit. Allem aufkommendem Kitsch zum Trotz ist dies so mitreißend, wie die vielen Actionszenen und darin verwendeten Ideen. Übermäßig innovativ ist das nur bedingt, einige Wendungen der Geschichte sind vorauszuahnen und dennoch packt der Film bis zum Ende. In knapp zwei Stunden Laufzeit zeigt uns Regisseur Yeon Sang-ho, dass sein Gespür für gut getimte, spannende Szenen äußerst hoch ist. Nur gegen Ende, wenn eine Wendung nach der anderen dafür sorgen möchte, noch dramatischer, noch packender als die vorausgegangene zu sein, will man zu viel. Ansonsten ist Train To Busan ein gut konstruierter Action-Horrorfilm, der seinen Handlungsort sehr gut für viele spannende Szenen zu nutzen weiß und dazwischen zeigt, dass der steigende Egoismus des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft der falsche Weg ist, seinen Weg in dieser Welt zu gehen. Das sind einfache Werte, andere Filme können das Zombiethema mit tiefer greifender Sozialkritik füllen. Im Gesamten ist Train To Busan allerdings das Beste im Jahr 2017, wenn es um untote Wiedergänger geht.

Horrorctober 2017: Big Bad Wolf (1/13)

Mein Einstieg in den diesjährigen Horrorctober der Cinecouch ließ nach dem Genuss zwei Gedanken in mir wachsen: es kommt nicht von ungefähr, dass Regisseur Lance W. Dreesen bisher nur drei Filme realisieren konnte und das ich mit Big Bad Wolf wohl gleich das schlechteste Stück in meiner Auswahl erwischt habe. Der kleine Independent-Film möchte einen großen Auftritt hinlegen, eben wie das titelgebende Monstrum so groß und böse wie möglich erscheinen und ist letztendlich nichts weiter als ein kleines, nerviges Stück Zeitverschwendung. Der Anfang war dabei so vielversprechend. Mitglieder einer Studentenverbindung machen sich unerlaubter Weise zur Jagdhütte des Stiefvaters von Verbindungsaspirant Derek auf, der seine gute Freundin Sam überredet, als moralische Unterstützung mitzukommen.

Die vögelnden und saufenden Jugendlichen machen bald die Bekanntschaft mit einem äußerst schlecht gelaunten Monstrum, dass sich als sprücheklopfender Werwolf entpuppt. Nachdem dieser bis auf die fliehen könnenden Derek und Sam die ganze Truppe dezimiert, machen sich die beiden überlebenden Freunde auf, Licht ins Dunkel zu bringen. Glaubt Sam doch bald, dass Dereks ständig schlecht gelaunter und herrischer Stiefvater Mitchell vielleicht der Werwolf ist. Unerwartete Unterstützung bekommen sie dabei von Dereks Onkel Charlie, der nach längerer Abwesenheit wieder auftaucht, nachdem er in den Nachrichten von dem blutigen Massaker in der Hütte hörte. Was Derek und Sam erst recht spät erfahren, kann man als Zuschauer schon wenige Minuten nach dem Intro und dem Massaker erahnen. Big Bad Wolf gibt sich überhaupt keine Mühe, seiner Geschichte Spannung oder kleine Wendungen zu verleihen. Man kämpft sich hinter der Kamera und vor dem Bildschirm durch ein simples Konstrukt gängiger Horrorfilmklischees, die uninspiriert aneinandergeleimt wurden.

Während der Beginn mit einem hohen Tempo, einigen gorigen Spitzen und kruden Ideen (der Werwolf vögelt noch kurz mit einem Opfer, bevor es den Exitus ereilen muss) Lust auf mehr macht, ist das einzige, was dann noch schnell ist, die Ernüchterung, dass Big Bad Wolf eher ein Little Lame Bullshit ist. Den angestrebten Weg, Dereks Konflikt mit Mitchell und dessen Schreckensherrschaft über seine Frau und den Stiefsohn in ein Familiendrama zu drehen, geht gründlich schief. Verglichen mit dem ziemlich guten Late Phases, welcher ebenfalls das Werwolf-Grundthema nutzt um daraus ein eindringliches Drama zu machen, zieht Dreesens Machwerk komplett den kürzeren. Da helfen weder die erst spät wieder eingesetzten, matschigen Effekte, die wenigstens noch ganz nett anzusehen sind, noch die bemüht spielenden Kimberly J. Brown als Sam und Richard Tyson als Mitchell weiter. Da hat sich Big Bad Wolf als angestrengter, einfach gestrickter Horrorfilm geoutet, dem nur daran gelegen ist, dem tumben Splattervolk einen Sprücheklopfer á la spätem Freddy Krueger (oder ähnlichen Schlitzerstars) in Fellform zu präsentieren um hoffnungsvoll einen kleinen Franchise für den schnellen Dollar zu starten. Diese durchkalkulierte Attitüde merkt man dem Film selbst dann an, wenn er doch ganz kurz mal Spaß bereitet. Wenn - und das ist nicht gespoilert sondern in den Formeln des Werwolf-Subgenres klar wie die sprichwörtliche Kloßbrühe - Mitchells Dasein als Bestie in Wolfsgestalt am Ende beendet wurde, atmen nicht nur unsere Protagonisten, sondern auch die Zuschauer auf. Der Mumpitz und sogar als Horrorkomödie beworbene, aber gänzlich unlustige Schmuh ist bis auf den zackigen Beginn eine einzige, quälende Klischeeansammlung der uninspiriertesten Sorte. Da ist keine Leidenschaft, sondern nur verächtliches Kalkül zu spüren.

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