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Mittwoch, 24. Oktober 2018

Horrorctober 2018: Baskin (7/13)

Türkische Provinznächte sind lang. Erst fangen sie ganz langsam an, aber dann entwickeln sie sich in den Fingern von Nachwuchsregisseur Can Evrenol zu einem absurd blutigen Trip in die Hölle. Fünf Polizisten schickt er in seinem Langfilmdebüt auf einen nächtlichen Einsatz in einem nahegelegenen Dorf und zerstört die Hoffnung seiner Figuren, dass sie sich wie wohl aberdutzende Nächte zuvor das Hormongehänge schaukeln können. Unterhaltungen darüber und über sexuelle Abenteuer der Kollegen muss man als Zuschauer zuvor über sich ergehen lassen, bevor eine Bitte um Verstärkung das nächtliche Abenteuer einleitet. Selbst die Fahrt zum Einsatzort wird zur Geduldsprobe. Evrenols Charaktere sind gebündelte Negativitäten, eine eingeschworene Gruppe sexistischer Alphamännchen, die wenn nicht auf den nächsten Porno gerne auf ihren Status als Gesetzeshüter zu onanieren scheinen.

Nur der junge, zurückhaltende  und als einziger vernünftig erscheinende Arda fällt aus der Reihe; ein anderer Kollege bleibt den markigen Männersprüchen wegen akutem Unwohlsein fern. Wir Zuschauer lernen dafür, dass die Platzhirsche der Gruppe durchweg unsympathisch sind, Arda bleibt bei aller wohl gemeinter Differenzierung zum Rest seiner Kollegen etwas schwach. Am Einsatzort angekommen, erscheint dieser verlassen. Ein einsamer Polizeiwagen begrüßt sie stumm mit die Dunkelheit erhellendem Blaulicht, ansonsten regiert stumme Einsamkeit am Ankunftsort. Das Quintett begibt sich auf die Suche nach den Kollegen in einem Nahe gelegenen Gebäude und macht dort die Bekanntschaft mit Baba, dem Führer eines bizarren Kultes und dessen Anhängern. Zusammenfassend könnte man die folgenden Minuten Turkish Hellraiser betiteln, ohne Baskin damit in die Richtung äußerst billiger Rip Offs aus dem Bosporusland á la Turkish Exorcist oder Turkish Star Wars drängen zu wollen.

Sichtlich beeinflusst ist Evrenol von Clive Barkers Horrorgroßtat in seinen finalen Szenen sehr wohl. Anders als Hellraiser selbst ist Baskin weniger fetischiert und geordnet in seinem infernalen Trip, den Evrenol auf die Leinwand bannt. Der Regisseur und seine Co-Autoren zelebrieren düstere wie gleichzeitig schmutzige Höllenbilder voller Symbolik, bei der man leider erkennt, dass die Schreiberlinge diese ohne tieferen Sinn versehen. Vage erkennt man religiöse Anspielungen, die während der ganz speziellen Messe um den Kult Babas zwischen die Bilder geschmissen werden. Vielleicht ist man als westlicher Zuschauer auch weniger mit türkischer Folklore etc. vertraut, um die wahren Absichten der Macher zu verstehen. Eventuell ist die kryptische Bildsprache, die bizarre Note die der Film dadurch enthält, ein Zugeständnis an die Verhältnisse zwischen Medien und Zensur im Herkunftsland um damit die Botschaft zwischen den blutigen Zeilen geschickt zu tarnen.

Gut tut das dem Gesamteindruck Baskins nicht. Der pendelt ziellos zwischen höllischem Gorespektakel mit gelungener Atmosphäre und modernem Horror, leicht inspiriert vom asiatischen Langhaargeister-Trend weit vergangener Jahre. In kleineren Momenten macht Baskin sogar einen Ausflug in die Retro-Schiene, wenn seine stilisierte Ästhetik die neonverhangenen 80er Jahre und deren sphärischen Synthieflächen in der Bildgestaltung wie im Soundtrack zitiert. Zugegeben bleibt alles hübsch und interessant, nur wartet man selbst mit Ende des Abspanns auf das Auftauchen des tieferen Sinns. Als surrealer Horrortrip ist Baskin durchaus sehenswert, im Endeffekt stehen die Unentschlossenheit des Films und seine wenig sympathischen Figuren diesem für einen besseren Eindruck im Wege. Man könnte sich vorstellen, dass dies Evrenols Absicht war und er diese Charaktere stellvertretend für eine alte, überholte Gesellschaft fest in der Hand des männlichen Geschlechts sowie für eine willkürlich regelnde Staatsgewalt steht, die sich fest im Sattel wähnt, ihre widerlichen sexistischen und machismoverhafteten Gedanken freien Lauf lässt und für ihren Lebenswandel von Baba in Verkörperung der drei Gewalten verurteilt werden. Leider schafft er es nicht, diese Vermutung zu untermauern. Manche Derbheit im Finale erscheint im fahlen Licht des unbedingten Willens, schockieren zu wollen. Zurück bleibt ein ordentliches Debüt mit viel Luft nach oben, bei dem einiges an Potenzial wie die Polizisten im Film mit ihrem Einsatzbus gegen den nächsten Baum donnert.

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