26. Oktober 2018

Horrorctober 2018: Dark Night Of The Scarecrow (8/13)

Amerika in den frühen 80ern. In der Provinz gibt es noch fest in Stein und soziales Leben gemeiselte Rollen(bilder). Schwarz-Weiß-Denken ohne differenzierte Graustufen, die im Kosmos von Dark Night Of The Scarecrow für deren Figuren Neuland darstellen. Als in der kleinen Ortschaft die Kunde umgeht, dass die kleine Marylee gestorben sei, ist die Sache für den Postbeamten Otis Hazelrigg sofort klar: der geistig behinderte Bubba, ein erwachsener Mann auf dem Stand eines kleinen Jungen, mit dem Marylee häufig ihre Zeit verbrachte, muss sich an dem Mädchen vergangen und sie anschließend getötet haben. Hazelrigg trommelt einige Männer zusammen um Bubba endlich die gerechte Strafe zuzuführen. Der Lynchmob findet nach Abweisung von dessen Mutter Mrs. Ritter den als Vogelscheuche getarnten Bubba auf einem einsamen Feld. Die Männer erschießen den ängstlichen und - wie sie durch einen Funkspruch erfahren - unschuldigen Sündenbock, der sich in seiner vom eigenen Blut getränkten, durchlöcherten Verkleidung als Held entpuppt.

Er rettete die von einem Hund angefallene Marylee und wurde im in seinem Entstehungsland als Kultfilm verehrten Werk zu einer frühen Art John Coffey ohne übernatürliche Fähigkeiten. Mysteriöse Begebenheiten treten langsam nach dem Prozess und Freispruch von Hazelrigg und seinen Komplizen aus für den Richter Mangel an richtigen Beweisen auf, als diese von einem scheinbar unsichtbaren Rächer nach und nach aus dem Leben gestoßen werden. Dark Night Of The Scarecrow spielt indessen mit der Paranoia der Charaktere und der Frage, ob diese, geplagt vom schlechten Gewissen sich Dinge nur einbilden, jemand menschliches mit Motiv wie Bubbas Mutter oder der Staatsanwalt, der von der Schuld der Männer weiß, sie aus der Reserve locken will oder wirklich eine übernatürliche Kraft am Wirken ist. Leider entlarvt sich der Film in diesen Szenen sehr schnell selbst.

Der TV-Film bemüht sich redlich, darin eine gruselige Stimmung zu erzeugen, bleibt allerdings immer auf einem recht familienfreundlichen Niveau, ohne übergroßen Schrecken zu verbreiten. Dazu kommt, dass einige Einfälle dort Foreshadowing auf die Schlusspointe betreiben und manch clevere Idee sich selbst auf die Füße tritt und häufiger in großes Straucheln kommt. Der Zuschauer soll dann mehr als die Bösewichte erfahren, was die Gruselszenen wie Seifenblasen zum Platzen bringt. Schon lange vor dem Ende kann man dieses dadurch erahnen. Punkten kann der Film einerseits mit seinem Cast, wie Dr. Giggles Larry Drake als Bubba und allen voran Charles Durning als hassenswerter Postbote, der in bester Trump-Manier seine Gefolgschaft um sich schart und mit Bubba als Andersartigem diesen als Manifestation des Bösen und Wurzel allen Dorfübels ansieht. Wie uns der Film mit dezent aufblitzenden Anspielungen, die zur Spekulation einladen, zeigt, auch ein Ablenkungsmanöver von ihm selbst zu sein scheint. Durning zuzusehen, wie er vom selbstsicheren Obermufti zum verängstigten, seine Maske ablegende Schlechtmensch wird, ist eine wahre Freude.

Das ist auch die dichte Kleinstadtatmosphäre, die ein Gefühl von den frühen und guten Stephen King-Verfilmungen aufkommen lässt. Das ländliche und zeitlose Setting ist etwas, mit dem Regisseur Frank De Felitta besser als mit den Spannungsmomenten des Buchs umgehen kann. Die Geschichte ist nicht unbedingt in der damaligen Gegenwart verwurzelt und könnte auch in vergangenen Jahrzehnten wie den 50ern oder 60ern spielen. De Felitta, den man auch als Autor der Buchvorlagen für die Filme Audrey Rose und dem vor kurzem hier besprochenen Entity kennen könnte, hat ein gutes Händchen für das Grundsetting, was negativ betrachtet in seinem TV-Serien-Feeling der frühen 80er den Horroranteil des Films gänzlich verschluckt. Den Anspruch auf Kult hat der grundsolide umgesetzte Film wohl nur bei den Menschen, die ihn damals in jungen Jahren zuerst im Fernsehen erleben durften. Als sachte vor sich hin mäandernden Dorfthriller mit starken Darstellern macht der im deutschen Raum auch als Die Rache des Gelynchten bekannten Film seine Sache besser denn als Horrorfilm. Da bekommt man mittlerweile leider etwas unter einer spürbar dickeren Staubschicht befindliche Standardkost kredenzt. Wenigstens zeigt De Felitta, dass er dennoch besser Regie kann als sein (bekannterer) Kollege Stephen King.