Samstag, 28. Januar 2023

In the Cold of the Night

Ich möchte Nico Mastorakis nicht unbedingt als Vorreiter eines kurzlebigen Kinotrends bezeichnen, aber vielleicht leistete der Grieche eine geringe Vorarbeit für Filme wie Paul Verhoevens Basic Instinct. Zwei Jahre bevor der niederländische Kino-Provokateur seinen erotisch aufgeheizten Neo Noir in die Lichtspielhäuser schickte und die Freizügigkeit seines Films zu einem mit dem Abstand von einigen Jahrzehnten mittlerweile als aufgebauscht wahrgenommenen Skandal auslöste, machte Mastorakis mit In the Cold of the Night quasi dasselbe und auf erotischer Ebene noch mehr. Dies führte sogar dazu, dass der Film das kommerzielle unattraktive X-Rating verpasst bekam. Darf man dem Griechen glauben, war dies der ausschlaggebende Grund, dass einige Studios eine neue Bewertung für ihre Produktionen forderten, ohne dass sie wegen des bösen X-Stempels ständig in die Nähe des Erwachsenenfilms gerückt wurden. Zunächst für ein R-Rating zurechtgestutzt, wurde Mastorakis' Film später nochmal mit der neu eingeführten NC-17-Freigabe ungekürzt auf Video veröffentlicht.

Das dieser mit den jeweils höchsten Filmfreigaben versehen wurde, kommt nicht von ungefähr. Was zu Beginn deutlich an frühere Arbeiten eines Brian De Palma erinnern lässt, verliert mit der Zeit den narrativen Fokus auf den Thriller-Plot völlig und verfolgt mit fast voyeuristischer Freude, wie sich die beiden Hauptfiguren auf der Matratze, im Pool und an anderen Plätzen einer Nobel-Villa miteinander vergnügen. Bevor es dazu kommt, lernt das Publikum den Mode-Fotograf Scott kennen, der von rätselhaften Alpträumen geplagt wird, in denen er sich dabei sieht, wie er eine ihm unbekannte Frau auf unterschiedliche Weisen umbringt. Jene Schönheit erkennt er wenige Tage später zufällig als Zeichnung auf dem T-Shirt eines windigen Typen, der ihm zwar nicht ihren Namen, aber den Händler, bei dem er das Kleidungsstück geklaut hat, nennen kann. Die ergebnislosen Rechercheversuche führen spät zum Erfolg, als nach einigen Tagen die Fremde vor seiner Tür steht und sich als Kim vorstellt. Die beiden verlieben sich Hals über Kopf, bis der auf rosa Wolken schwebende Scott zufällig auf die Gründe und Quellen seiner Träume stößt, mit denen seine Angebetete etwas zu tun haben scheint.

So gut und verführerisch In the Cold of the Night mit seinen Hochglanzbildern teilweise aussieht, so schwach ist er in der Ausgestaltung seiner Story. Berauscht von der Erotik-Dauerschleife in der Mitte des Films scheint Mastorakis beim Verfassen seines Scripts völlig vergessen zu haben, wohin er mit Geschichte überhaupt wollte. Was dann als Grund für Scotts Nachtmahre präsentiert wird, ist gleichzeitig aufgesetzt wie deplatziert. Was einem als Erklärung vorgesetzt wird, könnte man fast schon als beleidigend bezeichnen; vermutet man sowas beispielsweise eher in einem frühen auf Cyber- oder Tech-Thematik setzenden B-Thriller und nicht in einem zwar bemühten, aber durch seine flotte Exposition und Erzählart anfangs ausgesprochen unterhaltsamen, auf den Pfaden des Film Noir schreitenden Thriller. Es wirkt, als wäre es im Schöpfungsprozess eilig hinzugefügt worden nicht aus einem erzählerischen Fluss stammend. Bis In the Cold of the Night diesen Punkt erreicht, wälzt er sein Publikum mit einer Sex-Szene nach der anderen platt. Jeff Lester als Scott und Adrienne Sachs als Kim - eine Femme Fatale aus dem Filmlehrbuch - sind unbestritten hübsche Menschen, nur können sie weder die Handlungs- noch die irgendwann einfallslosen Erotikszenen tragen. Dafür ist ihr Schauspiel zu einfältig bzw. einseitig. Es fehlt die schwitzige, glaubwürdige und fühlbare Hitze, die er suggerieren möchte und den Zuschauer leider überwiegend kalt lässt.
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Samstag, 21. Januar 2023

Nope

Jordan Peele ist jemand, der in seinen Werken gerne diverse Genres kombiniert und diese mit Referenzen und Anspielungen ausschmückt. Grob kann man ihn als einen tarantinoesken Remix- bzw. Mashup-Künstler bezeichnen, dessen Werke im Vergleich mit denen des autodidaktischen Genre-Auteur noch mehr dem Kino der Gegenwart zugewandt sind. Mit Nope blickt Autor und Regisseur Peele eindeutig auf die Ursprünge des Mediums zurück, indem er Eadweard Muybridges Bewegungsstudie Sallie Gardner at a Gallop von 1878 mit der Geschichte seiner Protagonisten verknüpft. Muybridges Kurzfilm mag mit der Geschichte der Kinematographie und des Kinos unwiederbringlich verbunden sein; der Name des farbigen Reiters des Pferdes ging verschollen. Emerald, von allen "Em" gerufen und ihr Bruder OJ Haywood behaupten von sich, dass sie Nachkommen dieses Reiters sind und betreiben eine Pferdezucht, welche seit Generationen ihre Tiere für den Einsatz in Filmen trainiert. Ein Seltenheit in Peeles Film-Hollywood, welches OJs Pferd nach einem Zwischenfall an einem Set auch mal gegen eine sicherer erscheinende Greenscreen-Attrappe austauscht.

Das Digitale ist längst etabliert; Menschen wie OJ, ihr Handwerk und analoge Techniken scheinen überholt. Doch nicht allein die verdrängende Kraft der Technik ist daran schuld, dass die Pferde von der Haywood'schen Farm verschwinden. Die Geschwister entdecken nach einigen seltsamen Vorfällen eine starr am Himmel verweilende Wolke, die sich als Tarnung eines Aliens entpuppt, welches seinen ständig zehrenden Hunger mit OJs und Ems Pferden oder Gästen vom nahe gelegenen Western-Attraktionen-Parks des ehemaligen Kinderstars Jupe stillt. Sie nehmen dieses schlechte Wunder als Gelegenheit wahr, durch die sie Ruhm und Aufmerksamkeit einheimsen können. Die von Elektronikmarkt-Verkäufer Angel installierten Überwachungskameras schaffen jedoch nicht, das Wesen und sein Treiben auf ein vermarktbares Video zu bannen. Richten soll und muss es das Althergebrachte in Form einer selbst gebauten, mit Handkurbel betriebenen Kamera des eigensinnigen Dokumentarfilmers Antlers Holst. Peele scheint uns zeigen zu wollen, dass das Neue ohne das Vergangene eben nicht existieren kann und zelebriert dies in der zweiten Hälfte mit kleinen Momenten, in denen jene alten Techniken dem Fortschritt überlegen sind.

In Nope vermengt er Western-, Science-Fiction- Und Horror-Elemente zu einem zuerst schwerfällig erscheinenden Film, der wie OJ auf der Stelle zu treten scheint. Der Eingangs überwiegende Blick auf dessen Milieu und schwer wiegenden Innenleben mag nicht recht in Gang kommen; es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich das zunächst wie eine überlange Twilight Zone-Episode anfühlt. Gehört Peele doch zu den Köpfen hinter der vierten und mittlerweile wieder abgesetzten Inkarnation der legendären Mystery-Serie. Das Spektakel, welches durch einen alttestamentarischen Spruch zu Filmbeginn angedeutet und vorangestellt wurde, entfaltet sich erst in der zweiten Hälfte und vereint Moderne und Tradition. OJ, manchmal allzu stoisch und in sich gekehrt von Daniel Kaluuya dargestellt, blüht nochmal auf, wenn es darum geht, das außerirdische Monstrum aus der Reserve und vor die Kamera zu locken. Dort ist es nicht einfach history repeating, was Peele in der Kombination aus Gebaren eines Blockbusters der Moderne und dem Hollywood-Spektakel alter Tage betreibt. Mehr setzt er eine kleine Fußnote der Kinohistorie in den Vordergrund und will an die beginnenden Tages von PoC in den Motion Pictures erinnern. 

Dies bleibt nicht die einzige Lesart des Films. Nope ist auch die bereits mit seinem Namen direkte Verneinung und Ablehnung einer gegenwärtigen Spektakel-Kultur, die ganz bewusst deren Mechanismen nutzt und gleichzeitig - dass muss man so salopp sagen wie es der Titel ist - einen Fick auf diese gibt. Mehr ist er ein Anti-Blockbuster, der mit 70 Millionen US-Dollar das Budget eines Blockbusters besitzt und auf überwiegend angenehme Weise sich deren Machart verwehrt. Ist man durch den sperrigen Anfang gekommen, überzeugt Peele mit hintergründigem Witz, unaufdringlichem Referenz-Kino (und ist damit eine Stufe weiter als Tarantino) und einigen spannenden Szenen. Hat sein Regisseur damit ein kleines Genre-Meisterwerk geschaffen? Nope. Nach dem von allen Seiten gelobten Get Out (hier besprochen), der bei mir komplett durchgefallen ist und dem sehr guten Wir (hier besprochen) gelingt Jordan Peele zumindest ein weiteres Stück sehr guten Genre-Kinos, dass, sofern man sich darauf einlassen kann, im Vergleich zum beispielsweise immergleichen und öden Blumhouse-Horrorkrempel wunderbar und positiv anders ist.

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Samstag, 14. Januar 2023

Barbarian

Im Grunde genommen benötigt der moderne Horrorfilm keine klassischen Monster mehr, um bei seinem Publikum die Angst vor dem Fremden und Unbekannten zu schüren. Die heutige Zeit bringt genügend unangenehme oder gruselige Situationen mit sich, aus der Filmemacher schöpfen und diese in ein Horror-Szenario betten können. In seinem Zweitwerk Barbarian lässt Regisseur und Autor Zach Cregger, bisher eher im Comedy-Umfeld zu Hause, zwei fremde Menschen zu später abendlicher Stunde aufeinandertreffen und entwickelt schnell eine intensive Atmosphäre des Unbehagens. Tess, welche ein Airbnb in einem heruntergekommenen Vorort Detroits angemietet hat, muss feststellen, dass dieses doppelt vergeben wurde. Sie arrangiert sich mit dem zweiten Mieter, dem Künstler Keith, erst schwer; dessen zuvorkommende und übervorsichtige Art erscheinen Tess und nicht zuletzt uns als Zuschauer arg aufgesetzt und gekünstelt. Zu leicht könnte hinter der unscheinbaren Normalo-Fassade eine Bestie in Menschengestalt lauern. 

In eben jener Phase ist Barbarian klar am stärksten. Tess' anfängliches Misstrauen bleibt der Zuschauerin und dem Zuschauer selbst dann erhalten, wenn im späteren Verlauf des Abends zwischen ihr und Keith das Eis gebrochen scheint. Geschwind ist man dem Spiel mit der Wahrnehmung erlegen und der Film scheint einen Weg in Richtung Paranoia-Thriller eingeschlagen zu haben. Ohne diese zu konkretisieren, sind Themen wie sexuelle Übergriffigkeit durch die für ihre Protagonisten peinliche Ausgangslage der Geschichte omnipräsent. Cregger führt sein Publikum gekonnt durch ein diffuses Setting aus in der Realität verankertem Horror und einer aufkeimenden Hoffnung, dass die auftretenden Seltsamkeiten einen paranormalen Ursprung haben könnten. Das vorhandene Potenzial wird nicht genutzt. Das Edging des Films, der krasse Bruch inmitten einer sich spannungstechnisch wunderbar steigernden Story, ist gleichermaßen mutig wie dumm.

Mit der Einführung der Figur des AJ, eines schmierigen Schauspielers, der über einen MeToo-Skandal stolpert und ein plötzliches Karriere-Aus vor Augen hat, konfrontiert Barbarian sein Publikum mit einer verachtenswerten, toxischen Figur, der man das, was ihr zum Ende des Films widerfährt, bereits kurz nach ihrem Auftauchen herbeiwünscht. Gleichzeitig sorgt der grobe Schnitt der Story dafür, dass alles, was der Film bisher aufgebaut hat, in sich zusammensackt und - noch fataler für den Film - greift auf allzu gängige Horrorformeln zurück und kredenzt Antagonisten, die irgendwo zwischen missgestalteten, geistig unterentwickelten Backwood- und White Trash-Monstren eines Rob Zombies zu verorten sind. Das sind zu viele Barbaren auf einmal und die clever gedachte Narrative steht der Gesamtentwicklung des Films mehr im Weg. Komplett schlingert er nicht aus seiner Spur, weil er weiter mit Erwartungen spielt und beim Treiben des mittels einer Rückblende eingeführten Charakters Frank mehr dem Kopfkino überlässt als auszuformulieren. 

Leider büßt Barbarian seine Möglichkeiten als hintergründiger Kommentar zu Ungleichheiten in der Gesellschaft und zwischen den Geschlechtern zu Gunsten unnötig komplizierter Haken im Story-Aufbau und einem fast klischeehaften Blick hinter den Vorhang amerikanischen Spießbürgertums ein. Mit dem Einsetzen der Credits hallen einige vom Film aufgegriffene Fragmente kurz im Kopf nach, doch es möchte sich nicht einem homogenen Ganzen zusammenfügen. Wegen der ungemein spannenden und mitreißenden ersten Hälfte mag man es ihm verzeihen, auch wenn sein unnötig harter Bruch innerhalb der Geschichte schwer wiegt. Da erscheint es fast bitter ironisch, dass selbst das Studio A24, welches für artsy Horror-Masterpieces wie Midsommar (hier besprochen) oder Der Leuchtturm (hier besprochen) bekannt ist, den Film ablehnte. Schön wäre es trotzdem, wenn Autor und Regisseur Creggar dem Genre treu bleiben und nach diesem Beinahe-Hit einen nächsten Versuch abliefern würde.
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Samstag, 31. Dezember 2022

Kurzer Rückblick 2022 - A year in review

Das ich nun teils privatere Zeilen schreibe, ist beim überwiegenden Besprechungs-Einerlei und wenigen anderen mit Film zusammenhängenden Dingen auf diesem Blog fast schon ein Novum. Es soll, nachdem ich zuletzt über Bo Arne Vibenius' Thriller einige Worte niedergeschrieben und veröffentlicht habe, ein weiteres Lebenszeichen und ein kleiner Jahresrückblick werden. Der von mir sehr geschätzte Marco Koch vom Filmforum Bremen bemerkte - ich meine es war in diesem Jahr - in seiner Blogrubrik "Das Bloggen der Anderen", dass die Artikel in der deutschen Filmblogosphäre leider kontinuierlich geringer werden. Ich war da keine Ausnahme und wenn ich mir die Gesamtzahl der Texte in den letzten Jahren auf diesem Blog anschaue, so nimmt diese von Jahr zu Jahr weiter ab und ich wundere mich sogar etwas, wie ich es 2018 auf 83 Texte schaffen konnte.

Die Gründe für den geringen Output in diesem Jahr liegen gar nicht mal daran, dass die Lust am Schreiben über Film nachgelassen hätte. Diese sind einerseits erfreulich als auch ganz banal, mit welchem ich auch beginnen möchte. Wenn man rein arbeitstechnisch rund acht oder neun Stunden am Tag am Rechner sitzt, so macht es einem dies leider schon manchmal madig, sich auch in der Freizeit nochmal an die private Kiste zu setzen. Zumal man dann noch länger am gleichen Platz sitzen würde, da ich im Homeoffice arbeite. Lieber wich ich dann manchmal auf Letterboxd aus - sofern man sich dafür mal aufraffen kann - als nochmal gewisse Zeit für Allesglotzer zu investieren. Da trotz meiner weiteren Vorsicht bezüglich Corona auch bei mir das soziale Leben wieder etwas mehr wurde, kam das als weiterer sicher verständlicher Faktor dazu oder man genoss die gesehenen Filme einfach so, ohne gleich im Kopf einen Blogtext dafür zu stricken.

Hin und wieder ist das auch ganz schön; wie zuletzt bei der Halloween-Reihe gemerkt, durch die ich mich aktuell kämpfe. Einerseits ist hier mein Gedanke, dass dazu ohnehin schon so gut wie alles geschrieben wurde, andererseits passt es auch ganz gut, ganz "stumpf" nur zu glotzen ohne wie bereits erwähnt geistig auch bei einem Text zu sein. Aber das ist dann hin und wieder doch zu wenig und Letterboxd bietet meiner Meinung nach als Social Media zu wenig vom sozialen, auch wenn ich die Plattform an sich recht nett finde. Der fiese und so normale Griff des Alltags, in dem man sich befindet, soll allerdings keine Rechtfertigung dafür sein, dass so wenig über Filme getippt wurde. Prioritäten verschieben sich manchmal und ist wohl für alle Leserinnen und Leser ein vollkommen nachvollziehbarer Grund. So schnöde das nun klingt.

Der zweite Grund für die wenigen Posts, zumindest seit Spätsommer und Herbst, hat damit zu tun, dass ich für ein deutsches Nischenlabel zwei größere Texte für anstehende Veröffentlichungen verfasst habe. Nun ist das wahrlich nichts Neues für mich; nur habe ich bisher die Booklets einzig für filmArt verfasst, was diesmal nicht der Fall sein wird. Die genauen Daten darf ich wie die beiden Titel der Filme noch nicht nennen, aber man darf sich konkret auf zwei Mediabooks von X-Rated freuen, zu denen ich das Booklet beisteuern durfte. Soviel sei verraten, dass es sich um einen Giallo und um einen Film eines meiner liebsten britischen Exploitation-Regisseure handeln wird. Mehr wird das Label sicher zu gegebener Zeit selbst auf den üblichen Kanälen schreiben.

Wie wird nun der Plan für das nächste Jahr aussehen? Richtig aufgeben möchte ich Allesglotzer natürlich nicht; dafür ist für mich das Schreiben über Film zu wichtig und der innere Drang, meine Sicht auf das, was ich so gesehen habe, mitzuteilen. Vielleicht werden die Besprechungen noch etwas knapper und kompakter ausfallen. Auf jeden Fall möchte ich im nächsten Jahr den Streifzug in die Gefilde des deutschen Horror- und Genrefilms - egal ob höher budgetiert oder SOV - wieder aufnehmen. Eventuell werde ich auch selbst, fernab meiner raren Gastspiele beim Bahnhofskino - aber da gibt es noch nichts spruchreifes - mich im Medium Podcast ausprobieren. Es wird auf jeden Fall weiter gehen und wer weiß, wo man 2023 noch Texte von mir lesen kann. Dies umfasst sowohl Booklets zu Veröffentlichungen im Heimkino-Bereich als vielleicht sogar im Printbereich. Da sind noch einige Pfeile im Köcher und auch wenn das Jahr 2022 von seinem Weltgeschehen aus betrachtet ein noch seltsameres und bedrückenderes Jahr als die beiden davor war, versuche ich trotz meiner eher pessimistischeren Haltung positiv nach vorne zu blicken.

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Montag, 5. Dezember 2022

Thriller - Ein unbarmherziger Film

Bo Arne Vibenius scheint diversen Berichten und seinem Auftreten in den letzten Jahren nach kein einfacher Mensch zu sein. Im Gegensatz dazu verfolgte er mit seinem bekanntesten Werk eine konkrete, klare Absicht: Thriller sollte nichts weniger als der kommerziellste Film aller Zeiten werden. Desillusioniert, frustriert und einer drohenden Pleite entgegenblickend - sein teils selbst finanzierter Debütfilm Hur Marie träffade Fredrik erhielt gute Kritiken, floppte aber an den Kinokassen - sollte diese Arbeit einzig dazu dienen, um schnelles Geld zu machen. In drei Tagen und Nächten hämmerte der Schwede auf seine Schreibmaschine ein, um ein Script zu schaffen, welches überaus karg die Geschichte von der traumatisierten Madeleine (in der englischen Synchronfassung benannte man sie in Frigga um) erzählt, die im Kindesalter von einem geistig beeinträchtigten Mann sexuell missbraucht wurde. Seitdem stumm, gerät sie Jahre später als junge Frau in die Fänge des schmierigen Zuhälters Tony, der sie an ihrem freien Tag auf dem Weg in die Stadt aufgabelt. 

Die Natürlichkeit der damals in ihrer Heimat als Covergirl einen gewissen Grad an Prominenz mit sich bringenden, bildhübschen Christina Lindberg verleiht ihrer Figur in der ersten Hälfte des Films eine äußerst glaubwürdig erscheinende Unschuld und Fragilität, wodurch ihr folgendes Martyrium gleich nochmal so hart auf das Publikum wirkt. Entgegen des ersten Eindrucks, den die Protagonistin hinterlässt, handelt es sich keineswegs um eine schwache Person. Von Tony alkoholisiert, heroinabhängig und letztendlich gefügig gemacht, soll sie für ihn künftig als Prostituierte arbeiten. Der trügerische Schein ihrer passiven Haltung verbirgt die kämpferische Seite der jungen Frau, die sich gegen ihr Schicksal wehrt, aber zunächst nichts gegen ihren Zuhälter ausrichten kann. Es muss ihr erst ein Auge ausgestochen werden, um sie vermeintlich zu brechen. Als Madeleine erfährt, dass von Tony in ihrem Namen verfasste, an ihre Eltern adressierte und zutiefst verletzende Briefe diese zuerst in Gram und dann in den Freitod trieben, schmiedet und verfolgt sie einen Plan, wie sie sich an ihren Peinigern rächen kann.

Mit der Absicht, das Leid seiner Hauptfigur so abstoßend wie nur möglich darzustellen - hierzu wurden u. a. die unfreiwilligen körperlichen Interaktionen seiner Protagonistin mit Hardcore-Inserts versehen - stieß Thriller bei Frauenrechtlerinnen zunächst auf wenig Gegenliebe. Mit häufig statischen Bildkomposition und einer in vielen Szenen starr verharrenden Narration verhilft Thriller nicht nur der Umschreibung Slowburn zu neuen Dimensionen. Eine vermeintlich schludrige Umsetzung mit Konzentration auf die Schauwerte bietet einerseits den Anlass, die Gesamtheit des Dargestellten als ultimative Exploitation zu benennen. Alles, was unnötig erscheint, wird ausgelassen; auch gängige filmische Standards. Vollste Aufmerksamkeit gilt dem quälenden Schicksal Madeleines, welches Vibenius den Zuschauerinnen und Zuschauern schonungslos vor Augen führt. Die dem schmalen Budget geschuldete minimalistische Ausgestaltung tut ihr übrigens, um Thriller eine niederschlagende Aura zu verleihen. Er mag nicht direkt darauf abzielen, doch seine auf das nötigste beschränkte Vorgehensweise hinterlässt wiederholt eine unangenehme Stimmung durch den Umstand, dass seine Bilder - mögen sie weiterhin sichtbar filmisch wirken - unterbewusst darauf abzielen, eine real wirkende Authentizität zu kreieren.

Ein Mechanismus, dem sich auch Meir Zarchi mit seinem I Spit On Your Grave bedient und u. a. durch den konsequenten Verzicht auf einen Soundtrack noch mehr hervorhebt. Anders als dieser ebenfalls berühmt-berüchtigte Vertreter seiner Gattung wurde Thriller - zu einem bestimmten Grad auch durch seine jahrelange geringe Verfügbarkeit befeuert - eine Art Ikone des Rape and Revenge-Films, die letztlich durch Erwähnungen von Quentin Tarantino und der an Lindbergs Rolle angelehnten Figur der Elle Driver aus Kill Bill Vol. 1 quasi "geadelt" wurde. Die ihm lange Zeit nachgesagte große Härte resultiert mehr aus seiner hochgradig minimalistischen Form; zumal mit Madeleines Transformation zum schwarzgewandeten Racheengel eine gestalterische Eigenheit in den Vordergrund rückt, die zunächst irritierend erscheint. Den Actionszenen wird jegliche Dynamik dadurch genommen, dass sie mit Kameras gedreht wurden, welche bis zu 3000 fps zuließen (die sich Vibenius bei seinem damaligen Arbeitgeber, einer Agentur für Werbefilme etc., lieh) und in episch anmutenden Zeitlupen präsentiert werden. Blutfontänen schweben im Bild, verharren still in der Luft und Madeleines Gegenschläge werden nahezu zelebriert. Der Einsatz dieses Stilmittels erscheint zuerst so exzessiv, dass selbst ein Enzo G. Castellari geplättet abgewunken hätte.

Andererseits kann man in Madeleines Metamorphose durchaus das sehen, was - wie auch ihre Darstellerin Christina Lindberg häufiger in Interviews erzählte - über die Jahre Feministinnen in ihr sahen: Geschlechterkampf und widersetzen gegen sexuelle Ausbeutung mit überaus drastischen Mitteln. Strukturell bedient sich Vibenius in seinem Script dem Western entliehenen Formeln. Der körperlichen und seelischen Misshandlungen ausgesetzte Mensch entledigt sich mit fortlaufender Zeit seiner Opferrolle, indem er stoisch sein gesetztes Ziel Rache zu nehmen verfolgt und mit aller Härte durchsetzt. Am Ende steht das unmittelbare Duell mit dem Antagonisten, dem für das Schicksal der Hauptfigur verantwortlichen Menschen. Im Finale von Thriller werden diese Westernbezüge in aller Deutlichkeit sichtbar, wenn sich Vibenius deutlich dessen Bildsprache bedient. Zugleich ist auch Madeleines Kleidung, überwiegend schwarze Kleidung, darunter ein bis zum Boden reichender Ledermantel und ein betont lässiger Umgang mit ihrer bevorzugten Waffe, zumindest eine Reminiszenz an den Italowestern. 

Die Abrechnung mit Tony - jener unausweichliche Endkampf - ist Madeleines herbeigesehnte Katharsis wie auch ein gewalttätig gesetztes Ausrufezeichen gegen jegliche Form von sexuell konnotierter Gewalt oder Unterdrückung gegenüber Frauen. Gegen die Degradierung zur lebendigen, fleischlichen Ware, was Frauen für Tony ohne Zweifel darstellen, wird radikal vorgegangen. Die Protagonistin wächst zum Symbol eines lauten, zornigen Aktivismus heran, während Tony Stellvertreter einer ganzen Generation von Männern wird. Wobei festzustellen ist, dass Thriller keine einzige positiv dargestellte männliche Figur besitzt. Selbst ein aus subjektiver Kamera wahrgenommener Blick des Vaters auf seine Tochter birgt etwas beunruhigendes in sich, der - wenn auch nicht ausformuliert bzw. bestätigt - schlimmes ahnen lässt. Aus der stummen, geschundenen Frau wird die lärmende Stimme eines radikaleren Feminismus, bei dem Gewalt zu Gegengewalt führt. Eine womöglich gewagte These oder Interpretation; zeitgeschichtlich dennoch möglich und nicht von vornherein gänzlich auszuschließen. 

Die Auswirkungen der 68er waren noch deutlich im Bewusstsein der Menschen und könnten zumindest unterbewusst Vibenius beeinflusst haben. Für diesen selbst wahrscheinlich ein trauriger Umstand, dass seine Vision und abgelieferte Version eines vordergründig hundsgemeinen Kommerzfilms diese sicherlich nicht beabsichtigte Lesart besitzt. Unerheblich, ob man in Thriller einen verkappten, pro-feministischen Film oder einen schmutzigen und elendig langsam erzählten Rache-Thriller sehen mag: durch seine eigenwillige Umsetzung bietet der Film ein faszinierendes und interessantes Filmerlebnis, welches durch die Vita seines Schöpfers gewissermaßen einen Kreis im Bezug auf den Ursprung der Rape and Revenge-Filme schließt. Vibenius, eigenen Angaben nach einst einer der jüngsten Absolventen der schwedischen Filmschule, begann seine Karriere als Unit Manager bei den Filmen Persona und Die Stunde des Wolfs, für deren Regie sich Ingmar Bergmann verantwortlich zeigte. Dessen Die Jungfrauenquelle legte bekanntermaßen einen ersten Grundstein für diese Spielart des Exploitationfilms und diente als inhaltlich starke Inspirationsquelle für The Last House On The Left, welcher gerade mal ein Jahr alt war, als Thriller das Licht der Kinowelt erblickte. 

Mit diesen Ambitionen in die Filmwelt gestartet, gelang es dem Schweden durch seine Notlage nicht unbedingt einen der besten, aber einen der interessantesten Werke im nicht konkret greifbaren Wust der Zelluloidwerke um Rache und Vergewaltigung abzuliefern. Manchmal fühlt sich Thriller sehr nach Theorie an, die viele Merkmale eines Exploitationfilms besitzt und trotzdem weit weg von seiner Prämisse positioniert ist. Er verlangt von seinem Publikum ein Stück Arbeit ab ihm entgegen zu gehen und sich auf ihn einzulassen. Nicht jeder mag dazu gewillt sein; wer filmisch genug freigeistig ist, um einen in den letzten Jahren (auch durch Leute wie Tarantino) eine Renaissance erlebenden Film sehen möchten, welcher hierdurch einen kleinen Platz in der wenn auch etwas abseitigen Pop-Kultur einnehmen konnte, der sollte dies unbedingt tun. So einfach Thriller auch gestrickt sein mag, so undurchsichtig und faszinierend gibt er sich dem Zuschauer gegenüber, der nach dessen Ende entweder angestrengt abwinkt oder ihn gerne in seinem Geiste nachhallen lässt. Nach den albernen Streitigkeiten mit dem US-Label Synapse Films, die Vibenius des Diebstahls bezichtigt wurden, zumindest ein positives wenn auch andersartiges Vermächtnis, welches seit einigen Monaten sogar als UHD vom amerikanischen Boutique-Label Vinegar Syndrome erhältlich ist.


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Freitag, 23. September 2022

Der Dämon und die Jungfrau

In der heutigen Zeit mögen sexuelle Obsessionen mit einer sadomasochistischen Note als Thema für einen Film weitgehend normal erscheinen. Für das Jahr 1963 war dies anrüchig und durchaus heikel; ganz gleich, dass dies in ein schauerromatisches Gruselstück implementiert wurde. Aus diesen Gründen hatte Mario Bavas Der Dämon und die Jungfrau zur Zeit seiner Entstehung stark mit der Zensur zu kämpfen. In den britischen Kinos fehlten rund 15 Minuten; bei seinem deutschen Kinoeinsatz mussten gut zehn Minuten weichen. Leider verfälschte dies einen wichtigen Aspekt in der Beziehung zwischen den Figuren Nevenka und Kurt. Beide führt das Schicksal unausweichlich wieder zusammen, nachdem die von der betörenden Daliah Lavi dargestellte junge Frau Christian, Sohn des gebrechlichen Grafen Vladimir Menliff, ehelicht. Kurt, Bruder von Christian und schwarzes Schaf der alteingesessenen Aristokraten-Familie, kehrt nach Jahren des Exils auf das Schloss der Familie zurück, um dem frisch getrauten Ehepaar zur Hochzeit zu gratulieren.

Wohlgesonnen ist Kurt niemand. Vor seinem Abgang soll dieser Tanya, Tochter der Bediensteten Giorgia, verführt und in den Tod getrieben haben. Seine Familie fürchtet unterdessen, dass der narzisstisch und sadistisch veranlagte Kurt auf das Ableben des kranken Vaters zu lauern scheint und danach den Familienbesitz für sich zu beanspruchen. Zu guter Letzt wäre Nevenkas wechselhaftes Verhältnis zu Kurt, mit dem sie ein Verältnis hatte und zu diesem eine Art Hassliebe pflegt. Eigentümlich bleibt beider Zusammentreffen am Strand: zuerst lässt sich die frischgebackene Ehegattin von ihrer Ex-Affäre auspeitschen, bevor sie in seinen Armen dahinschmilzt. Out on the wily, windy moors / We'd roll and fall in green. Am gleichen Abend fällt Kurt einem Mord zum Opfer, aus dem sich zuerst ein klassisch aufgebautes Kriminalstück entspinnt, dass sich im Laufe des Films zu einem gothischen Schauerstück entwickelt, in dessen famos durchkomponierten Bildern man am liebsten versinken möchte.

Was Bava zusammen mit seinem Kameramann Ubaldo Terzano auf der optischen Ebene erschafft, sind prächtig ausgeleuchtete, durchstilisierte schwarzromantische Kunstwerke. Passende Schauplätze für eine im Inneren verfallende Familie, die in ihrem abgeschieden gelegenen Schloss langsam verrottet. Mit Kurts Rückkehr und den daraus folgenden Ereignissen wird der Niedergang beschleunigt. Christopher Lee verkörpert den herrischen Aristokraten mit kühler Zurückhaltung, in dem Gewalt, Missgunst und Sadismus deutlich brodeln. Vor und nach seinem Tod, wenn er als Geistererscheinung Nevenka heimsucht und an den Rande des Wahnsinns bringt, entlädt sich dieses Trio in von sadomasochistischem Eros durchzogenen Szenerien. Im Umgang mit Familienmitgliedern wandelt Lee als Kurt auf dem schmalen Grat zwischen letzter Selbstbeherrschung und plötzlichem Brutalitätsausbruch, was ihn als einen Heathcliff 2.0 erscheinen lässt. Tatsächlich lässt sich der Aufbau der Geschichte bis zu einem gewissen Grad mit Emilie Brontës einzigem Roman "Wuthering Heights" (dt. Titel "Sturmhöhe") vergleichen.

Die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Ellen Moers ordnete das Buch der sogenannten Female Gothic zu, in der die Autorinnen die Ängste und Sorgen von Frauen im 18. bzw. 19. Jahrhundert in von der Schauerliteraturjener Tage geprägten Motive verpackten. Bavas Film fehlt dafür der weibliche Blick auf seine Protagonistin, gleicht dies jedoch mit atmosphärisch dichtem Grusel alter Schule aus, der sich zu einem schwelgerischen Horrordrama mausert, dem man zumindest eine gewisse Nähe zur Gothic Literatur konstatieren kann. Drehbuchautor Ernesto Gastaldi und seine Co-Autoren Ugo Guerra und Luciano Martino nutzen aus dieser offenkundig bekannte Motive und schaffen daraus eine zugegeben heutzutage nicht mehr sonderlich markerschütternde, aber immer noch sehr gut unterhaltende und geerdete Geschichte, die dabei nie in Trivialität verfällt. Der Plot mag (trotz seiner behäbig ausfallenden Narration) aufgeräumt und in der Regie sehr zielgerichtet umgesetzt sein; Der Dämon und die Jungfrau bietet bei seiner detailverliebten Umsetzung und den "hitzigen" Untertönen vieles zu entdecken, was man als Zuschauer unter der Führung von Mario Bava sehr gerne in Angriff nimmt um in dieser filmischen Horrorschönheit klassischer Prägung zu versinken. 
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Sonntag, 4. September 2022

The Sadness

Mit den ersten Trailern ließ The Sadness bereits daran zweifeln, dass er es bei den deutschen Jugendschutz-Organen leicht haben werde. Schnell eilte dem Film der Ruf voraus, dass es sich um den härtesten Zombiefilm aller Zeiten und einen Tabubrecher handeln würde. Die FSK ließ seinen deutschen Verleih Capelight Pictures sicher manch trauriges Liedchen anstimmen. Mehrmals verweigerte sie dem Film in seiner ungeschnittenen Form die Freigabe für einen Kinostart, bis nach einer weiteren Revision Seitens seines Anbieters doch noch die rote "Ab 18"-Plakette vergeben wurde. Gleiches Schicksal beim Heimkino-Bereich, für den strengere Kriterien gelten: eine weitere Ablehnung der Freiwilligen Selbstkontrolle sorgte für den letztlichen Gang zu Juristenkommission, um den Film auf Blu Ray auswerten zu können. Immense Zeit- und Geldverschwendung auf der einen, gleichzeitig gutes Marketing auf der anderen Seite. Neben den nach deftigen Kunstblut-Eskapaden geifernden Gore-Bauern lockt das auch im Jahr 2022 noch genügend Neugierige an, die mitreden oder sich einfach ein eigenes Bild machen wollen.

Gleichzeitig ist der in Taiwan entstandene Film eines der wenigen aktuellen Werke, das Bezug auf die gegenwärtige Pandemie nimmt. Der Umgang mit dem darin grassierenden Alvin-Virus erinnert sehr an reelle Diskurse um COVID-19. Wissenschaftler warnen, dass er zu einer ernst zu nehmenden Gefahr für die Gesellschaft werden kann und niemanden scheint es zu interessieren. Für den Nachbarn von Protagonistin Kat ist dieses nichts weiter als eine leichte Erkältung, eine von der Regierung aufgebauschte Sache und reine Panikmache. Kat und ihr Freund Jim, deren Beziehung aktuell an wenig gemeinsamer Zeit krankt, verabschieden sich an einem sonnigen Morgen nach kurzem Small Talk von diesem und brausen auf dem Motorroller des jungen Mannes zur U-Bahn, von wo aus Kat ihren Arbeitsweg antritt. Kurz darauf bricht die Apokalypse los. Einmal infiziert, werden die Träger des Virus zu enthemmten, sadistischen Wutbürgern und stürzen mit ihren gewaltsamen Entgleisungen die Stadt ins Chaos. In diesem versuchen Jim und Kat zu überleben und für eine gemeinsame Flucht wieder zusammenzufinden. 

The Sadness packt gleich mehrere gegenwärtige Themen an. Die Entmenschlichung der Gesellschaft, deren Spaltung im Bezug auf das beherrschende Thema der Pandemie und (nicht nur) innerhalb dieser die Radikalisierung der Menschen. Der Film könnte ein zugegeben plump provokativer, aber cleverer Kommentar zur vorherrschenden Lage sein. Potenzial ist vorhanden und der Aufbau, welcher den Zuschauer in trügerische Ruhe vor dem Sturm hüllt, ist zugegeben mehr als ordentlich umgesetzt. Warme Farben beherrschen das Bild, bevor sie einer vorrangig kalten Farbpalette weichen, über die regelmäßig ein vor Kunstblut triefender Schleier gezogen wird. Regisseur Rob Jabbaz, ein in Taiwan ansässiger Kanadier, wiegt den Zuschauer und seine beiden Figuren in Sicherheit, bevor das Virus die bestehende Ordnung binnen Minuten zum Stürzen bringt. Einsamer Höhepunkt ist die erst sehr unangenehme, später mächtig überzogene Szene in der U-Bahn. Die dortigen Gewalteruptionen schießen in immer höhere Sphären, aus denen ein heftiger Absturz folgt.

Die anschließend recht übersichtliche Handlung taumelt mit ihren beiden Helden von einem Setpiece zum anderen und will sich in den dargestellten Gewalttätigkeiten immer weiter übertreffen. In einer in einem Krankenhaus, in das sich Kat und eine weitere Überlebende des Massakers in der Bahn flüchten, spielenden Szene scheint er sogar den zu seiner Zeit ebenfalls kontrovers aufgenommenen A Serbian Film (hier besprochen) zu zitieren. Spätestens ab dort ist es mit der gesellschaftskritischen Komponente dahin. Die triebgesteuerten, aber noch alle ihre Sinne beisammen habenden Infizierten, die weniger an Zombies sondern mehr an Aggressoren wie man sie aus The Crazies oder Die Tollwütigen kennt erinnern, sind da längst keine verzerrte Darstellung realer Unruhestifter mehr. Sie sind ein Werkzeug in den Händen durchaus fähiger Frauen und Männer hinter den Kulissen, um den Durst des Publikums nach Gewaltspektakel, als das er sich entpuppt, zu stillen. Dem Gewand als blutiger Kommentar zur sich durch die Pandemie gewandelten Welt entledigt er sich schnell und wer weiß, ob das The Sadness komplett sein möchte. In einem Interview gab Jabbaz zu, auch sehr von der umstrittenen Comic-Serie "Crossed" von Garth Ennis (u. a. "Preacher" und "The Punisher") beeinflusst worden zu sein, die in ihrer Gewaltdarstellung noch kompromissloser als der Film zu Gange geht.

Mit diesem verhält es sich so, dass er sein Publikum mit seinem Grad an Gewalt schnell aussteigen lässt. Er überfüttert es nahezu, bis es bar jeder Emotion die Ideen seiner Macher über sich ergehen lässt. Drowned in blood. Wäre The Sadness zwei oder drei Jahrzehnte früher entstanden, hätte man mit ihm den perfekten neuen Schulhoffilm, die neue Mutprobe, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Ist er zu hart, bist zu zart. In der heutigen Zeit fällt es mir schwer, dass sich der Film einen festen Platz im Gedächtnis von (Genre-)Filminteressierten sichern kann. Mehr ist er ein Produkt seiner Zeit, eine übertriebene Bestandsaufnahme, die wenig aus oder mit den Ängsten jener rationellen, vernünftigen Schar von Menschen macht, die Anhand ihrer Darstellung der Infizierten die Frage aufkommen lässt, ob nun nur das (Corona-)Virus oder querdenkende Hirnamputierte und die ganze restliche Leugnerschar gefährlicher ist. Wenn sich der Staub noch mehr gelegt hat und man noch etwas distanzierter mit dem Film auseinandersetzen kann, dürfte der Blick darauf nochmal anders ausfallen. Bis dahin bleibt es ein überzogen blutiges Werk, bar jeder Subtilität, dass wenigstens den Gore-Bauern vollends zufrieden stellen kann, weil's so geil rotzt. Zu wenig, um vollends zu überzeugen.
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