Freitag, 2. Juni 2023

Milly... und sowas nennt sich seine Mutter

Tausendmal geseh'n, tausendmal hat's nicht tangiert und auch beim tausendundeinen Mal ist die ohnehin allseits bekannte Prämisse eines Films nicht so prickelnd, dass es einen beim Genuss des Werkes vom bevorzugten Sitzmöbel hebt. Der durch seine Fernsehausstrahlungen auch unter dem Alternativtitel Der Todesengel von San Francisco bekannte Thriller aus der dritten (oder vielleicht auch vierten) Reihe schickt seiner im Mittelpunkt der Handlung stehenden Familie ein Schwiegermonster par excellence, frisch aus einer psychiatrischen Anstalt ausgebüxt, auf den Hals, welche weniger harmlos schrullig scheint, als es der erste, oberflächliche Eindruck erwecken mag. Nach zehn Jahren Funkstille steht Milly urplötzlich vor der Tür des trauten Heimes ihres Sohnes Bill, wird von diesem gegen Willen seiner Frau Arlene im geräumigen Domizil der Familie einquartiert und darf mit einigen Auffälligkeiten glänzen. Ob die eventuell mit der Situation heillos überforderte Verwandtschaft der alten Dame deren psychologischen Zustand unterschätzen, ignorieren oder als exzentrischen Zug abtun, bleibt Interpretationssache des Zuschauers.

Gleichermaßen darf geraten werden, was der Film eigentlich sein möchte. Als reiner Thriller lässt er eben diesen Part arg schleifen und paart die verschrobenen Auftritte Millys mit einem überraschungsarmen, sattsam bekannten Handlungsaufbau in dem sie alles aus dem Weg räumt, was in ihren Augen moralisch verkommen ist oder zwischen ihr und dem geliebten Sohn steht. Wenn Milly im letzten Drittel des Films völlig von der Rolle ist und man in einigen Szenen merklich Richtung Slasher steuert, steigert das den Unterhaltungswert zwar nicht in ungeahnt höhere Sphären, aber bringt eine dringend benötigte, aber zu späte Abwechslung. Bis dahin wirft Milly die Frage auf, wieso das dezent vorhandene Potenzial als gallige Satire auf die amerikanische Vorbildsfamilie bzw. Fernsehfamilien aus US-TV-Shows der 70er und 80er nicht komplett abruft. Der Culture Clash zwischen der harmonischen und damit schrecklich ätzenden Vorzeigefamilie und der verschütt' geglaubten Milly lodert kurz auf und löst sich schneller wieder in Rauch auf, als man den deutschen Filmtitel komplett ausgesprochen hat. Das Problem liegt zum größten Teil darin, wie sich der Film präsentiert.

Obwohl anscheinend eine Produktion für den Direct To Video-Markt, wirkt Milly... und sowas nennt sich seine Mutter mehr wie ein Fernsehfilm. Auch die wenigen Effekt- und Nacktszenen, welche man zu Gesicht bekommt, können nicht verhehlen, dass der ganze Rest immer etwas bieder und mit angezogener Handbremse inszeniert wirkt. Als wolle man mit erhobenem Haupte und Restwürde wissentlich im schundigen Filmmorast untergehen und sich ein gewisses (nicht unbedingt vorhandenes) Niveau herbeidenken. Ausgerechnet diese damit vorherrschende Stimmung ist es, die bei Stange halten kann. Das wenige Budget, die Ideenlosigkeit, sichtlich bemühte Darstellerinnen und Darsteller, eine uninspirierte Regie die nur in einzelnen und wenigen Szenen nette Einfälle bietet (gleiches gilt übrigens auch für die Kameraarbeit): es scheint den Menschen vor und hinter der Kamera immer bewusst gewesen zu sein, was man da überhaupt fabriziert. Neben dem über dem Film schwebenden Umstand ist es zuletzt Marilyn Adams, die Ehefrau des in der Comicwelt mehr als geschätzten Neal Adams - der Batman nach seiner durch die TV-Serie der 60s begonnenen quietschbunten Phase zurück in die ernsthafte Düsternis zurückführte - welche mit ihrem leicht daneben wirkenden Overacting in jeder Szene, in der sie zu sehen ist, dem Werk etwas positives schenkt.

Zuletzt irgendwann durch seine häufigeren Ausstrahlungen im Nachtprogramm diverser Privatsender gesehen, war es für mich wie für die Familie von Bill (im übrigens von Joe Estevez gemimt) ein eigenartiges Wiedersehen mit Milly. Ganz wahrscheinlich wäre das die meiste Zeit über cringe, aber auch wenn einem bewusst ist, dass das, was sich da auf dem Bildschirm abspielt alles andere als gut ist, kann man sich als schundfilmaffiner Filmfreund dem verschrobenen Charme des Films nicht ganz verwehren. Nachdem der Film hierzulande vor kurzem leider nur als augenscheinlich leidlich aufgehübschter Videorip auf DVD veröffentlicht wurde (ein Schelm, wer böses dabei denkt...), bleibt zu hoffen, dass sich ein auf solchen Schlock spezialisiertes US-Label wie beispielsweise Culture Shock Releasing dem Werk annimmt und ihn auf ansprechendere Weise auf Blu Ray veröffentlicht. Immerhin haben diese mit der SOV-Produktion The Flesh Merchant bereits ein Werk mit Joe Estevez in der Hauptrolle veröffentlicht, was ein wenig hoffen lässt.

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Dienstag, 25. April 2023

Die geschändete Rose

Die Einflüsse von Georges Franjus Horrorklassiker Augen ohne Gesicht (hier besprochen) sind nicht von der Hand zu weisen und doch würde man es sich zu einfach machen, Claude Mulots Film als eine bloße Kopie abzutun. Die geschändete Rose ist weniger unterkühltes, gothisches Horrordrama sondern ein öfter schwülstiges, mehr im Pulp haftendes Melodram zwischen Schauergeschichte und Einflüssen des damals erstarkenden modernen Horrorfilms. Ist es bei Franju der sich in seiner Schuld windende Dr. Génessier, welcher seiner leidenden Tochter nach einem fürchterlichen Unfall ein neues Antlitz schenken möchte, so ist es bei Mulot der Maler Frédéric Lansac, der seiner Muse Anne - Opfer einer von Frédérics früherer Flamme Moira begangenen Eifersuchtstat - zu alter Schönheit verhelfen möchte. Frei von jeglichen medizinischen Kenntnissen erpresst er den von seinem Geschäftspartner - beide betreiben nebenher eine Art Wellness-Studio - für dieses eingestellten Professor Romer zur Mithilfe, als er hinter die kriminellen Machenschaften des ehemaligen Schönheitschirurgen kommt. Aufgrund der schwere von Annes Verletzungen kommt dieser zum Schluss, dass einzig eine Gesichtstransplantation noch helfen kann. Geeignete, selbstverständlich unfreiwillige Spenderinnen findet das Duo dabei unter der Kundschaft ihres Schönheitstempels.

Im Vergleich mit Franjus Film fehlt es Mulot an Feinschliff und Progressivität; was die beiden eint ist ihre durchgehend melancholische Stimmung. Das wird vom Franzosen so konsequent verfolgt, dass selbst in den dargestellten glücklichen Tagen von Anne und Frédéric über diesen unheildrohende schwarze Wolken schweben. Das unausweichliche Schicksal der beiden Liebenden hängt dort einem Damoklesschwert gleich über den beiden Liebenden, was dem Erzählstil des Films geschuldet ist. Mittels Off-Kommentare, Rückblenden und dem durchgängig von Traurigkeit beseelten Soundtrack schafft Mulot diese Atmosphäre, der richtig spannende Momente leider abgehen. Die Stimmung ist und bleibt hübsch, nur leider bleibt der Umstand im weiteren Verlauf des Films bestehen. Der Plot ist an manchen Stellen verschachtelt und einige Stränge der Geschichte greifen hierdurch zu spät ineinander. Interessanterweise scheint Mulot weniger an plumpen Schocks interessiert zu sein und orientiert sich am den tragischen Elementen des klassischen Horrors. Wären da nicht die Entscheidungen, den damaligen offener werdenden Zeitgeist in seinen Film einfließen zu lassen.

Ob die in Die geschändete Rose vorkommenden Nuditäten zu seiner Entstehungszeit sehr spektakulär waren, lässt sich bezweifeln; zumindest auf der Marketingseite konnte man ihm dem Publikum als ersten Sex-Horror-Film der Geschichte verkaufen. Gefühlt waren da die Werke des damals erst beginnenden Jean Rollin freizügiger. Diesen könnte man auch als Einfluss auf Mulot ausmachen, nur konnte damals lediglich sein Langfilmdebüt Die Vergewaltigung des Vampirs von 1968 länger in Mulots Bewusstsein verweilen. Im Veröffentlichungsjahr 1970 kam zwar Rollins Die nackten Vampire in die französischen Kinos, doch zwischen den Kinostarts beider Filme liegen gerade mal vier Monate, was eine zwar machbare, aber auch ziemlich knappe Kiste wäre. Fakt ist, dass Produzent Edgar Oppenheimer nackte Tatsachen im Film wollte. Mulot lieferte ab; manche Szenen wie ein Traum der bereits entstellten Anne oder die im Schloss der Lansacs lebenden stummen Zwerge Igor und Olaf, eine liebenswerte Absurdität des Films der ihn mehr in Richtung Pulp-Poesie driften lässt, könnten auch bei Rollin vorkommen.

Abgerundet wird das triviale Vergnügen des Films von einigen zwar eher harmlosen blutigen Momenten und der tollen Casting-Entscheidung, Jess Franco-Regular Howard Vernon als Professor Romer zu besetzen. Vernon ist gerade in solcher Art von Filmen immer sehr willkommen und gibt einen sinisteren Wissenschaftler mit tragischem Hintergrund. Neben der ungeordneten Narration wird Die geschändete Rose auch davon ausgebremst, dass der Eindruck ensteht, dass die vom Produzenten geforderten Nacktheiten ein Zugeständnis Mulots waren und dies in dieser Ausführlichkeit gar nicht in seinem Film haben wollte, auch wenn sein Fokus eben auf diesen und den wenigen Effektszenen zu liegen scheint. Hätte man diese extrahiert, bliebe das Erzählte häufig etwas arg bieder und behäbig. So sind es die erstmal ungleich erscheinenden Kontraste zwischen Gothic-Horror der alten Schule und Einflüsse des waltenden Gedankenguts seiner Epoche, die aus dem Mulots Werk zwar kein Meisterwerk, aber ein mit Abstrichen noch sehenswertes Film-Kuriosum werden lassen, dass zu Unrecht häufig in den Schatten von Augen ohne Gesicht geschoben wird. Schon allein die Verschiebung auf die Entmenschlichung Annes einhergehend mit dem Verlust ihres Gesichts ist eine Abgrenzung zu seinem Vorbild, mit dem man hätte noch etwas mehr anstellen können. Vergnüglich ist's allemal.

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Samstag, 8. April 2023

[Rotten Potatoes #07] Hinter den Augen die Dämmerung

Der filmische Retro-Trend scheint abgeebbt zu sein; die Implikation des 80s-Look-and-Feel in modernen Produktionen nahm in der letzten Zeit deutlich ab und darf nun wahrscheinlich selig vor sich hinschlummern, bis irgendwas das nächste Revival ausgelöst wird oder ambitionierte Filmemacherinnen und -macher sich der Charakteristika von Produktionen aus dem Jahrzehnt bedienen. Komplett von der Bildfläche wird die Prämisse, einen Film so wirken zu lassen, als stamme er aus einem vergangenen Jahrzehnt, nie verschwinden. Eventuell stehen nach Ti Wests überraschend gutem X bald die dreckigen Exploitation-Werke aus den 70ern im Trend. Ebenfalls deutlich in den 70ern sowie den ausgehenden 60ern verwurzelt ist Kevin Kopackas Hinter den Augen die Dämmerung, welcher mit seinem Werk mehr dem europäischen Genre-Kino der genannten Jahrzehnte huldigt. 

Wenn seine beiden Protagonisten, das Ehepaar Margot und Dieter, nach ihrer Fahrt zu einem frisch geerbten und halb verfallen Schloss dieses inspizieren und bald die Erkenntnis kommt, dass es um die Beziehung der beiden nicht gut bestellt ist und es im Schloss nicht mit rechten Dingen zugeht, erkennt man die Nähe des Films zu den vielen Genre-Werken vergangener Jahre, die ihren Platz zwischen Pulp und Arthouse suchten. Das wären beispielsweise die sehr eigenen und ungewöhnlichen Gialli der Scavolini-Brüder Sauro (Liebe und Tod im Garten der Götter) und Romano (Un bianco vestito per Marialé), generell später Gothic-Horror aus Europa, die Werke des Franzosen Jean Rollin und selbst den frühen Jess Franco mag man an einigen Stellen erkennen. Erfreulicherweise gestaltete Kopacka mit seiner Co-Autorin Lili Villányi den Film nicht bloß als hübsches, aber schnödes, voller Anspielungen überlaufendes Referenzwerk.

Eher spielen die beiden mit den Erwartungen des Publikums und stoßen mit dem ersten und größten Bruch innerhalb der Geschichte diesem schon fast vor den Kopf. Zwar übernimmt man erfreulicherweise die pro-feministische Haltung, wie man sie in einigen Gialli ausmachen kann und bietet starke, unabhängige Frauenfiguren, versucht sich jedoch dann mehr daran, die Sicht auf die weiblichen Protagonistinnen und ihre Emanzipierung gegenüber der negativ gezeichneten, männlichen Hauptfiguren zu legen und bemüht sich Eigenständigkeit. Das man gleichzeitig dabei versucht, bei einem thematischen Aspekt des Plots ein vielschichtiges Meta-Werk zu kreieren, mag konzeptionell nicht ganz aufgehen. Die Verweigerungshaltung des Films gegenüber den Publikums-Erwartungen könnte man schon fast als dessen Ausgrenzung auslegen, weil Kopacka anscheinend viel lieber für sich in seiner erschaffenen filmischen Welt sein und sich darin austoben möchte.

Die Verbindung zu seinen Zuschauern geht damit gegen Ende ein Stück weit verloren und der Film bleibt "nur" ein visuell und künstlerisch sehr hübsches Werk, welches zwar aufregend anders geartet, aber gleichzeitig sehr introvertiert ist. Kopacka verpasst es, sich dem Publikum insofern zu öffnen, als das alle Absichten von Hinter den Augen die Dämmerung komplett nachvollziehbar sind. Es bleiben nach dem Ende einige Fragezeichen zurück, die zwar zu mehr Sichtungen des Films einladen, allerdings auch den Eindruck erwecken, dass die geschaffene Filmkunst selbst jenem Teil des Publikums unzugänglich bleibt, welches sich gerne durch die verschiedenen Schichten eines Werks "durcharbeitet". Trotzdem lohnt es sich, den Film zu entdecken; vor allem, wenn man Freund von oben genannten Filmen bzw. Regisseuren ist und Spaß daran hat, wenn Filme weniger von ihrer Handlung sondern mehr von Stimmungen bestimmt werden. In diesem Punkt hat Kopacka nämlich alles richtig gemacht.

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Samstag, 25. März 2023

Terrifier 2

Zugegeben: die Marketing-Maschinerie von Terrifier 2 läuft wie geschmiert. Berichte über Menschen, die während der Kinoaufführungen in seinem Entstehungsland in Ohnmacht fielen oder sich reihenweise übergeben mussten, die überraschende Uncut-Freigabe für den ebenfalls überraschenden deutschen Kinoeinsatz und ein ihm attestierter extrem hoher Gewaltgrad machte mich tatsächlich etwas neugierig auf den Film. Dessen 2016 entstandener Vorgänger hatte es deutlich schwerer, dass ich ihm meine Aufmerksamkeit schenkte. Die Trailer ließen mich diesen zunächst schnell in meine persönliche Schublade der uninteressanten Filme einordnen. Erst der Verriss im Horrorfilm-Magazin Virus machte leicht neugierig. Nicht gewillt, die albernen und exorbitant hohen "Sammlerpreise" für die augenscheinlich schnell vergriffenen Mediabooks mitzumachen, legte ich mir Terrifier erst als weitaus günstigere Version im Amaray zu und erlebte eine schnell ermüdende Splatter-Setpiece-Sammlung, die es mir nicht wert war, sie hier im Blog zu besprechen. Einzig bei Letterboxd verlor ich ein paar Worte darüber.

Nach Betrachtung des Sequels bin ich zwiegespalten. Verglichen mit dem ersten Teil sieht der Film weitaus wertiger aus und er bemüht sich redlich, innerhalb seiner epischen Laufzeit von weit über zwei Stunden eine Geschichte zu erzählen, welche sich auf der anderen Seite viel zu schnell als vernachlässigbar einstufen lässt. Geplagt vom Tod des Vaters, versuchen die Geschwister Sienna und Jonathan diesen auf unterschiedliche Art und Weise aufzuarbeiten. Während Sienna an einem Kostüm für das anstehende Halloween-Fest arbeitet, welches ihr Vater entworfen hat, entwickelt ihr kleiner Bruder eine Faszination für Horrorclown Art und die von ihm vor einem Jahr begangenen Morde. Dies führt so weit, dass er sich an Halloween als dieser verkleiden will. Dies ruft den vermeintlich totgeglaubten Art auf den Plan, der auf irgendeine Weise mit den beiden Jugendlichen verbunden scheint. Eine Erklärung hierfür liefert uns Schöpfer Damien Leone nicht; mehr wälzt er durch den nicht komplett verarbeiteten Verlust existierenden innerfamiliären Konflikt mit Plattitüden und Banalitäten aus und bedient sich zum Finale hin eines ausgehöhlten Symbolismus, um die wenigen übernatürlichen Elemente, welche bis dahin im Plot auftauchten, zu verarbeiten.

Überhaupt ist Terrifier 2 mehr eine übergroße Bühne für den neuen Horror-Darling Art, der von seinem Darsteller David Howard Thornton eine zwischen faszinierend und bedrohlich abstoßend schwankende Aura geschenkt bekommt. In Tradition anderer langlebiger Horrorfilm-Reihen ist er der eigentliche Star des Films; die ausgewalzten Szenerien lassen ihm viel Raum und tatsächlich ist der makabre Splatstick, den der Film entwickelt, mit sehr schwarzem Humor ausgestattet, der gelegentlich beim Zuschauer punkten kann. Die Absicht Leones, der geifernden Gore-Gemeinde more of the same zu schenken, führt dazu, dass auch Art alsbald alles erzählt hat, was es im beschränkten Kosmos des Film zu erzählen gibt. Der Film tritt irgendwann auf der Selle und wird Opfer der typischen Sequel-Formel, welche die beliebtesten Elemente des Erstlings einfach nur verdoppelt. Mehr kann Leone seinem Baby nicht hinzufügen, außer der Erkenntnis, dass man als Zuschauer wie bereits beim ersten TEil geistig irgendwann übersättigt aussteigt. 

Es bleibt abzuwarten, ob sich der existierende Kult um Art im Horror-Fandom noch mehr festigen kann - ein dritter Teil wurde bereits angekündigt - oder ob er als Blase irgendwann platzt und in der Vergessenheit versickert. Terrifier 2 lässt nämlich auch erkennen, dass sein Schöpfer Damien Leone mehr cleverer Marketingmensch als ambitionierter Geschichtenerzähler ist, der das Potenzial seiner Figur erkannt hat und gewinnbringend ausschlachten möchte. Das dies überhaupt funktioniert, ist tatsächlich dessen Mimen Thornton zu danken, der einer an sich äußerst farblosen Figur das gewisse Etwas schenkt, während alles um ihn herum in der von Art zelebrierten Spirale aus mauem Standardterror und übertriebenem Gewaltexzess ertrinkt und deutlich an seiner Überlänge krankt. Einordnen lässt sich der Film irgendwo zwischen Torture Porn der beginnenden 2000er und mancher tumber (Indie-)Slasher der letzten Jahre, was für mich die Verehrung von Art etwas schleierhaft werden lässt. Die vom Film gehegten Ambitionen sind für diesen einige Nummern zu große (Clowns-)Schuhe, mit denen er sich auf die Fresse legt, zwar wieder aufrappelt und letztendlich doch mehr scheitert als überzeugt.

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Sonntag, 12. März 2023

Augen ohne Gesicht

Das schöne an manchen Filmen ist, wie viel doch bei einer scheinbaren Simplizität ihrer Geschichte unter der Oberfläche schlummert. So bemerkt bei Georges Franjus Augen ohne Gesicht, den ich bereits in meiner Jugend sah und als hoch komplexen Film in Erinnerung behielt, der sich damals noch nicht komplett erschließen ließ. Zu meiner Überraschung entpuppte sich der Plot des Films beim Wiedersehen als äußerst einfach und aufgeräumt. Doktor Génessier mag eine Koryphäe auf seinem Gebiet sein und besticht im privaten damit, dass er vom Gram zerfressen einem Herzenswunsch nachjagt, der für ihn unbemerkt längst zum Fluch wurde. Ein von ihm verursachter Autounfall entstellte das Gesicht seiner Tochter Christiane vollständig; seitdem lebt diese nach einer vorgetäuschten Beerdigung eingesperrt in der familiären Villa und harrt darauf, dass ihr Vater ihr zu einem neuen Gesicht verhelfen kann. Hierfür lockt er mit seiner  Gehilfin Louise junge Frauen in sein Haus um bei einer komplexen Operation deren Antlitz seiner Tochter zu verpflanzen. Leider stößt deren Körper das fremde Gewebe immer ab, was in dieser die Verzweiflung wachsen lässt.

Georges Franju, obwohl zur Zeit der Nouvelle Vague aktiv immer etwas von dieser ausgeschlossen, da er mehr als Auftragsarbeiter und Vertreter des alten französischen Kinos galt, schuf mit Augen ohne Gesicht, dessen deutscher Kinotitel Das Schreckenshaus des Dr. Rasanoff schrecklich unpassend und reißerisch ist, ein atmosphärisch klinisch wie distanziertes und gleichzeitig poetisches Horrordrama. Vordergründig mag der Schrecken im eiskalten Vorgehen von Génessier und Louise liegen, die uns in der heutigen Zeit wie zwei Serienmörder unter vielen anmuten, wenn sie unfreiwilligen Spenderinnen für Christianes neues Gesicht in ihren Wohnsitz locken und - noch erschreckender - hinterher wie nicht mehr brauchbares Material entsorgen. Nur Louise scheint noch einige wenige Skrupel zu besitzen, wie es der Film zu Beginn und in weiteren Szenen schildert. Der Doktor selbst ist längst Gefangener seiner eigenen Handlungen und nicht mehr Herr über sich selbst. Seine in der Öffentlichkeit nach außen strahlende Überheblichkeit ist Ergebnis des sich in ihm manifestierten Gottkomplexes, in den ihn seine Schuldgefühle gegenüber seiner Tochter und seine Bemühungen um Wiedergutmachung, mit denen er sich über alle ethischen Werte und die Gesetzgebung hinwegsetzt, trieben.

Über die Jahrzehnte mag Augen ohne Gesicht einiges an Schockwirkung verloren haben; dass die Taten des mörderischen Duos weiterhin eine emotionale Wirkung besitzen liegt an Franjus dokumentarisch anmutende Art der Umsetzung der aus der Feder des Duos Pierre Boileau und Thomas Narcejac (deren Romane u. a. die Vorlagen für Clouzots Die Teuflischen oder Hitchcocks Vertigo waren) stammenden Geschichte. Seine Art der Narration klammert jegliche moralische Wertung der Handlungen seiner Figuren aus; Franju nimmt die Perspektive eines Beobachters ein und lässt somit auch sein Publikum zum stillen Teilhaber werden. Eine effektive inszenatorische Entscheidung, welche den poetischen Aspekt des Films als Kontrast zur kühlen Distanziertheit zum gesamten Plot etabliert. Mit ihrem langen Gewand und der konturlosen und bleichen Gesichtsmaske gleicht Christiane beispielsweise einem Gespenst, das ruhelos und von körperlichen und mehr noch seelischen Schmerzen geplagt durch sein unfreiwilliges Gefängnis wandelt. Ihre Darstellerin Edith Scob legt hierbei beeindruckendes darstellerischen Können zur Schau, wenn sie den Emotionen ihres Charakters allein durch ihre Körpersprache Ausdruck verleiht.

Die berühmte Gesichtsoperation, eindeutig Klimax des Films, leitet die abschließende Tragödie seiner weiblichen Hauptfigur ein. Der dokumentarische Stil stärkt heutzutage noch die Wirkung der zugegeben einfach getricksten, aber effektiv ausgestalteten OP-Szene. Die Auswirkungen dieser neuerlichen Transplantation vergrößern Christianes Leid, welches die tot geglaubte Frau eine Affekthandlung begehen lässt, die die Aufmerksamkeit der Polizei - bezüglich der Mordserie um die gesichtslosen Frauenleichen weitgehend im Dunkeln tappend - auch nochmal auf ihren vermeintlichen Todesfall lenkt. Sowohl die Verflechtung von Horror und Drama im Plot von Augen ohne Gesicht als auch die visuelle Ausgestaltung und Details wie der abgelegene Wohnsitz der Génessiers oder der Umstand, dass die im Keller in Käfigen gehaltenen Hunde des Doktors fast ohne Unterlass bellen, sind der schwarzen Romantik entlehnte Motive, welche in den Händen Franjus gekonnt in den vorherrschenden, um Realismus bemühten Stil eingeflochten wurden.

Die ersonnenen und mit dieser Stilistik kombinierten, traumwandlerischen Bilder erscheinen wie aus einem Guss. Franju kreiert eine Cold Gothic, die auf den Zuschauer eine verführerische Faszination ausübt und - im Vergleich zu späteren Vertreter eines (europäischen) Gothic Horrors der Moderne - weniger mit oberflächlich leerer Symbolik daherkommt. Ohne genau Stellung zu einem Thema zu beziehen, ist Augen ohne Gesicht ein interpretationsreicher Film, der beispielsweise Gedankenspiele um Grenzen und Ehtik in der Medizin, diesbezüglich sogar auf die in der NS-Zeit durchgeführten unmenschlichen medizinischen Experimente ausgeweitet, zulässt oder sich als Beobachtung bezüglich der Ambivalenzen in menschlichen Beziehungen lesen lassen kann. Gleichzeitig kann man den Film als einer der Übergänge vom klassischen zum modernen Horrorfilm ansehen, der außerdem für letzteren ein durchaus großer Einfluss war. Weit weg vom nachfolgenden, enthemmteren Exploitationfilm bereitet er für diesen mit seinem Stil dessen um Authentizität bemühte Gestaltungsweise vor und präsentiert keine außerweltlichen, sondern menschliche, greifbare Monstren als Schreckensbringer die mehr als 60 Jahre nach ihrem ersten Auftritt auf der Leinwand nichts von ihrer Wirkung verloren haben. Der Film verwehrt sich gegen die vielen Schubladen in die man ihn stecken könnte, ist vieles zu gleicher Zeit und, vor allem, ein heute noch rundum gelungenes Genre-Masterpiece.


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Samstag, 4. März 2023

Fathers Day

Konzeptionell ist der Rape and Revenge-Film sehr orthodox; zumeist wendet sich die zuerst von Männern ausgehende Aggression gegenüber einer oder mehrerer Frauen im Verlauf der Handlung gegen diese, wenn die Täter zum Opfer der Rache werden. Binäre Geschlechterordnungen und gewaltsame Auseinandersetzungen dieser scheint eine unumgängliche Norm für den Exploitation-Film zu sein. Wieso also nicht einmal eine Figur erschaffen, welche ihre Bluttaten innerhalb des gleichen Geschlechts ausübt? So war anscheinend eine der Überlegungen, als sich die kanadische Indie-Produktionsfirma Astron-6 daran machte, ihre Exploitation-Film-Parodie Fathers Day zu schreiben. Darin kehrt der tot geglaubte Serien-Vergewaltiger und -Mörder Chris Fuchman (Fuckman gesprochen) nach vielen Jahren zurück um wie viele Jahre zuvor Familienväter auf brutalste Art und Weise zu schänden und umzubringen. Ein Trio bestehend aus dem jungen Priester Sullivan, seinem Schützling Twink, dessen Vater dem Mörder zum Opfer fiel und dem ein Eremitendasein verbringenden Ahab, welcher damals in einem Rachefeldzug Fuchman vermeintlich zur Strecke brachte, versucht alles in seiner Macht stehende, um den mittlerweile mit diabolischer Unterstützung wütenden Fuchman aufzuhalten.

Anfangs wirkt das Werk des Autoren- und Regie-Kollektivs wie eine pure Hommage an die vielen Film-Vigilantinnen und Vigilanten der 70er und 80er, bei der visuell die Art der Übertreibung zu Tage tritt, welche später auch die Handlung von Fathers Day bestimmen soll. Mit überbordendem Farbspiel, welches selbst direkt in den 80ern eine Spur zu dick aufgetragen gewesen wäre, lässt man den finalen Kampf zwischen Ahab und Fuchman Revue passieren, bevor die Geschichte in die Gegenwart springt. Bereits im Prolog watet man bei einer pervertiert lustvollen Zerstückelung einer Leiche knöcheltief im Kunstblut und auch im weiteren Verlauf ist der Gebrauch des Gores nicht gerade zimperlich und bereits als weitere Ausdrucksform der Übertreibung etabliert. Wie in anderen Filmen von Astron-6, beispielsweise dem sich deutlich am Giallo orientierenden The Editor, werden einige humoristische Einlagen gestreut. Fathers Day wandelt sich damit zu einer Parodie, die mit Augenzwinkern und Respekt die Eigenwilligkeiten der behandelten Genres behandelt, aber gleichzeitig deutlich Spaß am absurden Schabernack besitzt, den seine Schöpfer ins Script eingebaut haben.

Geflissentlich ignoriert man dabei die Grenzen des guten Geschmacks, was für ein Kult-Indie-Studio  wie Troma selbstverständlich eine willkommene Eigenschaft darstellt. Begeistert von einem von Astron-6 produzierten Fake-Trailer, ließ Troma-Chef Lloyd Kaufman 10.000 Dollar springen, damit aus Fathers Day ein Spielfilm werden konnte. Glücklicherweise umschiffen die Macher, darunter Steve Kostanski und Jamie Gillespie, welche einige Zeit später die 80er-Horror-Hommage The Void  (hier besprochen) drehen sollten, den bei vielen neueren Troma-Filmen vorherrschenden Zwang zu absoluter Hässlichkeit und Bad Taste und wollen eher stetig zwischen Hommage und Parodie wechseln, was nur bedingt funktioniert. Der Eingangs etablierte ernsthafte Ton verträgt sich nicht mit den zugegeben manchmal sehr sympathischen Albernheiten (z. B. Ahabs Ahornsirup-Leidenschaft) bzw. Witzeleien, was mehr ermüdet als erheitert. Zum Finale hinarbeitend wirft man das eigene Konzept ohnehin über den Haufen und scheint sich dem Geist von Troma zu ergeben und lässt alles in einer einzigen Blödeleien- und Blutorgie gipfeln. Vielleicht sollte sich die Handlung im Sinne seiner Autoren diesbezüglich ohnehin zuspitzen. Leider haben diese anscheinend übersehen oder ignoriert, dass ihr Film in gemäßigteren Szenen besser funktioniert als auf dem Tromay way of movies.


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Samstag, 28. Januar 2023

In the Cold of the Night

Ich möchte Nico Mastorakis nicht unbedingt als Vorreiter eines kurzlebigen Kinotrends bezeichnen, aber vielleicht leistete der Grieche eine geringe Vorarbeit für Filme wie Paul Verhoevens Basic Instinct. Zwei Jahre bevor der niederländische Kino-Provokateur seinen erotisch aufgeheizten Neo Noir in die Lichtspielhäuser schickte und die Freizügigkeit seines Films zu einem mit dem Abstand von einigen Jahrzehnten mittlerweile als aufgebauscht wahrgenommenen Skandal auslöste, machte Mastorakis mit In the Cold of the Night quasi dasselbe und auf erotischer Ebene noch mehr. Dies führte sogar dazu, dass der Film das kommerzielle unattraktive X-Rating verpasst bekam. Darf man dem Griechen glauben, war dies der ausschlaggebende Grund, dass einige Studios eine neue Bewertung für ihre Produktionen forderten, ohne dass sie wegen des bösen X-Stempels ständig in die Nähe des Erwachsenenfilms gerückt wurden. Zunächst für ein R-Rating zurechtgestutzt, wurde Mastorakis' Film später nochmal mit der neu eingeführten NC-17-Freigabe ungekürzt auf Video veröffentlicht.

Das dieser mit den jeweils höchsten Filmfreigaben versehen wurde, kommt nicht von ungefähr. Was zu Beginn deutlich an frühere Arbeiten eines Brian De Palma erinnern lässt, verliert mit der Zeit den narrativen Fokus auf den Thriller-Plot völlig und verfolgt mit fast voyeuristischer Freude, wie sich die beiden Hauptfiguren auf der Matratze, im Pool und an anderen Plätzen einer Nobel-Villa miteinander vergnügen. Bevor es dazu kommt, lernt das Publikum den Mode-Fotograf Scott kennen, der von rätselhaften Alpträumen geplagt wird, in denen er sich dabei sieht, wie er eine ihm unbekannte Frau auf unterschiedliche Weisen umbringt. Jene Schönheit erkennt er wenige Tage später zufällig als Zeichnung auf dem T-Shirt eines windigen Typen, der ihm zwar nicht ihren Namen, aber den Händler, bei dem er das Kleidungsstück geklaut hat, nennen kann. Die ergebnislosen Rechercheversuche führen spät zum Erfolg, als nach einigen Tagen die Fremde vor seiner Tür steht und sich als Kim vorstellt. Die beiden verlieben sich Hals über Kopf, bis der auf rosa Wolken schwebende Scott zufällig auf die Gründe und Quellen seiner Träume stößt, mit denen seine Angebetete etwas zu tun haben scheint.

So gut und verführerisch In the Cold of the Night mit seinen Hochglanzbildern teilweise aussieht, so schwach ist er in der Ausgestaltung seiner Story. Berauscht von der Erotik-Dauerschleife in der Mitte des Films scheint Mastorakis beim Verfassen seines Scripts völlig vergessen zu haben, wohin er mit Geschichte überhaupt wollte. Was dann als Grund für Scotts Nachtmahre präsentiert wird, ist gleichzeitig aufgesetzt wie deplatziert. Was einem als Erklärung vorgesetzt wird, könnte man fast schon als beleidigend bezeichnen; vermutet man sowas beispielsweise eher in einem frühen auf Cyber- oder Tech-Thematik setzenden B-Thriller und nicht in einem zwar bemühten, aber durch seine flotte Exposition und Erzählart anfangs ausgesprochen unterhaltsamen, auf den Pfaden des Film Noir schreitenden Thriller. Es wirkt, als wäre es im Schöpfungsprozess eilig hinzugefügt worden nicht aus einem erzählerischen Fluss stammend. Bis In the Cold of the Night diesen Punkt erreicht, wälzt er sein Publikum mit einer Sex-Szene nach der anderen platt. Jeff Lester als Scott und Adrienne Sachs als Kim - eine Femme Fatale aus dem Filmlehrbuch - sind unbestritten hübsche Menschen, nur können sie weder die Handlungs- noch die irgendwann einfallslosen Erotikszenen tragen. Dafür ist ihr Schauspiel zu einfältig bzw. einseitig. Es fehlt die schwitzige, glaubwürdige und fühlbare Hitze, die er suggerieren möchte und den Zuschauer leider überwiegend kalt lässt.
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