Mittwoch, 11. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Loreley's Grasp (5/13)

Vielleicht nicht alle Welt, aber zumindest ganz Europa blickt derzeit mit Spannung nach Spanien. Ruft Katalonien wirklich die Unabhängigkeit aus und spaltet sich somit vom Mutterland ab? Die gleiche Aufmerksamkeit, die das Land derzeit für seine politisch angespannte Situation erhält, hätten auch viele spanische Genrefilme verdient. Zu oft bleibt man beim Gedanken an Horror oder ähnlichem aus Europa in Italien oder England hängen. Spanische Horrorfilme fristen leider ein gewisses Schattendasein, was auch Oliver Nöding schön in seiner Besprechung zu Loreley's Grasp bemerkt hat. Dessen Schöpfer Amando de Ossorio ist zum Beispiel Vater einer der bekanntesten Horrorfilm-Reihen Spaniens: man kann seinen hoch zu Rosse agierenden, untoten Tempelrittern nicht gänzlich ihren trashigen Charakter absprechen, ebenso wenig aber den Kultfaktor. Die Nacht der reitenden Leichen ist trotz (oder wegen) seines kruden Mix aus atmosphärischem Gothic-Horror mit sleazigen Spitzen ein sehr unterhaltsamer Film.

Mit der gleichen Rezeptur wagte sich De Ossorio an die deutsche Volkssage der Loreley. In The Loreley's Grasp wird eine am Rhein gelegene, kleine Stadt von grausigen Morden an jungen Frauen in Atem gehalten. Geht man zuerst von einem wilden Tier aus, schürt ein blinder Geiger mit seinen Erzählungen über die Loreley die Angst und Ungewissheit unter den Bewohnern. Abhilfe soll der Jäger Sigurd (!) schaffen, der sich in einem Internat, von einigen knackigen Damen bewohnt, einnistet um zum einen das Internat und seine Bewohner zu schützen, zum anderen das vermutete, mörderische Getier zur Strecke zu bringen. Er macht dabei nicht nur Bekanntschaft mit einem Professor, der mit seinen Forschungen die Sage auf Echtheit überprüft, sondern auch mit einer geheimnisvollen Frau, die leicht bekleidet immer in der Nähe des Rheins zu sehen ist. Sigurd geht der Frage nach, ob es sich hier wirklich um die legendäre Loreley handelt.

In Ossorios Händen wird aus der allseits bekannten Sage ein wildes Leinwandtreiben, angesiedelt zwischen Monster- und Mad Scientist-Horror, der wie auch die reitenden Leichen leichte Ausflüge in den Gothic-Horror unternimmt und dazwischen jede Menge Lifestyle-Klischees der 70er auspackt und bestätigt. Nüchtern betrachtet schafft es der spanische Regisseur die Abläufe dieser Horrorspielarten auf gutem Durchschnitt aneinanderzureihen, deren Regeln einzuhalten und leider leicht spannungslos, da alles recht vorausschaubar ist, abzuspulen. Schön ist, dass De Ossorio diese Limitiertheit von Anfang an bewusst ist. In einem knackigen Tempo peitscht er seine Figuren durch eine Geschichte, die in den richtigen Momenten bei aufkommendem Leerlauf die ganze Bandbreite an Schauwerten ausspielt. Das Internat mit seinen jungen Bewohnerinnen, die wunderhübsche Silvia Tortosa als strenge Lehrerin Elke Ackermann und Helga Liné als Loreley bieten - anders kann man das nicht sagen - ordentlichen Eye-Candy. Dem Gegenüber steht Tony Kendall, sonst eher aus Italowestern bekannt, der in fescher, wunderlich gemusterter 70s-Klamottage meist mit der Flinte im Anschlag durch's Internat oder am Rhein spaziert, Helga Liné hinterherschmachtet oder seinen ganzen Machismo an Frau Tortosa ablässt.

Dazwischen inszeniert De Ossorio die Monsterangriffe - sicher durch das geringe Budget bedingt - beinahe gialloesk, wenn nur die grüne Klaue des Monstrums gezeigt wird, die sich ihren Weg zu den nächsten, leicht beschürzten Opfern bahnt. Am Ziel angelangt, metzelt die Sagengestalt ordentlich rum und präsentiert einfach gehaltene, aber für die damalige Zeit recht blutige Effekte; im Kontrast stehend zur sich langsam anbahnenden Liebesgeschichte zwischen Sigurd und Loreley. Auf den ersten Blick unbeholfen inszeniert, spielt Loreley's Grasp damit seine Qualitäten fern vom Trashfaktor aus: die beinahe in den Kitsch abdriftende Romanze öffnet in der zweiten Hälfte Tür und Tor für schauerlich gotische Bilder. De Ossorio hätte hier seinen Hang dazu ruhig stärker ausleben können. Sigurds Abstieg in die unterirdische Höhle der Loreley zum Beispiel bietet hübsche und atmosphärische Szenen. Die spürbare Überambition, zügellos Elemente einzelner Subgenres in ein fast chaotisches Gesamtbild zusammenzuführen, bremst den Film manchmal leider aus.

Bleibt noch der Charme des Films zu erwähnen, den er auf uns deutschen Zuschauer ausstrahlt. Ein gewisses Schmunzeln über die Bemühungen, alles so deutsch wie möglich aussehen zu lassen (inklusive Stock Footage-Aufnahmen vom Rhein), hat man die ganze Zeit über im Gesicht. Mit dem kernigen Geschlechterbild der damaligen Zeit, mit hilflosen Frauen und vor Testosteron auslaufenden Heroen mit tragisch-romantischer Achillesferse für schöne, geheimnisvollen Frauen ergibt Loreley's Grasp einen Film gewordenen Groschenroman. Einen guten wohl gemerkt mit schundig-schönen, amüsanten und gleichermaßen seichten wie romantischen Szenen. Die durchschimmernde Unbedarftheit, schenkt einem objektiv betrachtet mäßigem Horrorfilm seine liebenswerten Eigenheiten, die mich gute 85 Minuten bestens unterhielten. Frei nach Heinrich Heine kann ich abschließend nur sagen:

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so belustigt bin;
Ein Filmchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.


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Sonntag, 8. Oktober 2017

Es (2017)

Eigentlich ist Maine, im Nordwesten der USA gelegen, ein schöner Flecken des Landes. Trotzdem spielen viele Geschichten von Stephen King in dessen Heimatstaat und lassen das Grauen in diesen einziehen. Normalerweise ist die Familie im Idealfall ein Hort des Rückzugs, der Geborgenheit und ein Kraft spendende Zelle des menschlichen Lebens. Trotzdem lässt King in vielen seiner Geschichten diesen sozialen Bund erschüttern. Schicksalsschläge sind der Ausgangspunkt für seine Art des Horrors, um das Gefüge der Familie weiter auseinander treiben zu lassen. Im amerikanischen Mainstream-Horror ist dies seit vielen Jahrzehnten ein bewährtes Motiv, innere Konflikte in der Familie durch übernatürliche Eingriffe von außen zu steigern, um dann im gemeinsamen Bewältigen der Bedrohung auch diese zu meistern. Überwiegend sind alle Familienmitglieder gleich schwer betroffen oder die schwächsten, die Kinder, Angriffspunkt des Bösen um von ihren Eltern oder anderen Erwachsenen geschützt zu werden.

Kings Es funktioniert anders. Hier lauert das Böse nicht nur in Form einer übernatürlichen Kraft. Auch die Erwachsenen selbst, in der gesamten Geschichte ohnehin Randerscheinungen, sind keine schützenden Heilsbringer. Sei es die übermäßig besorgte Mutter von Eddie, welche ihm einredet, er könnte selbst vom harmlosesten Bazillus schrecklich krank werden oder der Vater von Beverly, der eine sehr eigene Interpretation von väterlicher Fürsorge gegenüber seiner Tochter hat. Einzig Bills Eltern erscheinen normal; die Familie wird dafür vom plötzlichen Verschwinden des kleinen Georgie, Bills Bruder, beherrscht. Das krampfhafte Suchen Bills nach diesem - eine gut gemeinte Geste und Versuch von diesem, mit dem Verlust des Bruders fertig zu werden - bringt nicht nur seine Eltern an ihre Grenzen. Auch dessen Freunde, so beherzt sie versuchen zu helfen, belastet dies. Die Clique, die meist von älteren Mitschülern aufgemischt und von diesen als Verlierer bezeichnet wird und sich deswegen selbst Losers Club nennt, steht dabei unwissentlich noch vor ihrer größten Prüfung.

Alle 27 Jahre kehrt Pennywise, eine fürchterliche Kreatur die großenteils in Gestalt eines Clowns auftritt, nach Derry, dem Ort des Geschehens zurück. Erst langsam dämmert den Freunden, dass Pennywise kein weiteres Gespinst Bills oder keine Einbildung eines anderen Cliquen-Mitglieds ist. Durch Ben, dem Neuen in der Stadt, finden die Freunde heraus, dass Pennywise schuld an einigen schlimmen Katastrophen sowie dem verschwinden von Menschen, Kindern im besonderen, ist. Trotz aller aufkommenden Konflikte in der Gruppe und ihren Ängsten, schwören sich die Kinder, sich dem Monstrum in Clownsgestalt zu stellen und ihn zu bekämpfen. Es sind ebenfalls 27 Jahre her, seitdem Pennywise - damals vom großartigen Tim Curry verkörpert - das erste Mal filmisch auf sich aufmerksam machte. War die 1990 entstandene, erste Verfilmung des Stoffs ein TV-Zweiteiler, so schafft es die Neuverfilmung des über 1000 Seiten starken Romans nun in die Kinos. Für mich war Es unter den vielen King-Verfilmungen neben Friedhof der Kuscheltiere und Misery immer eine der besten Umsetzungen seiner Bücher.

Die Neuverfilmung schickt sich an, dass ich diese künftig ebenfalls dazu zählen werde; selbst wenn er als Horrorfilm beinahe versagt. Seine Jumpscares und überlautes Dröhnen der Tonspur sorgen dafür, dass sorgfältig aufgebaute Spannungsmomente kaputt gemacht werden. Diese Zugeständnisse an Standards des modernen Horrorkinos hätte Es eigentlich nicht nötig. Das Spiel mit den kindlichen Ängsten, deren Bewältigung eines der Motive der Geschichte ist, könnte in subtilerer Herangehensweise weitaus mehr gewinnen. Der effektlastige, schnell hereinbrechende Terror funktioniert selten. Ein Gemälde einer verzerrt dargestellten Dame, die diesem entsteigt, ist einer der seltenen Momente, in denen diese Taktik funktioniert. Die einzelne Konfrontation der Jugendlichen mit Pennywise überzeugt weitaus mehr. Bill Skarsgård verleiht seinem Pennywise eine dämonische Ausstrahlung, die ihn offensichtlicher zu dem werden lässt, was er auch ist: ein durch und durch bösartiges Monster, welches den Clown nur als menschliche Hülle nutzt um seine Opfer anzulocken.

Erinnerungen an das Alter Ego des Serienmörders John Wayne Gacy, Pogo der Clown, werden dann wach, wenn Skarsgårds Augen gierig und böse auf der Leinwand funkeln. Der monströse Clown wird zum Sinnbild für all' den Schrecken, der in auf den ersten Blick harmlosen Kleinstädten lauert. Seien es die typischen Bullys, welche ihre Mitschüler terrorisieren oder das, was hinter den Türen der Häuser schwelt. Es gibt viele Ängste, viele Traumata, denen man sich als Kind stellen muss. Deren Bewältigung bringt der Film fernab seines Horrorbrimboriums sehr schön zur Geltung. Es bezieht seine größte Stärke vor allem durch die erzählerische Dichte und seiner Darstellung des Losers Club in allen Facetten. Die stark gecasteten Kinderdarsteller haben daran einen erheblichen Anteil. Ihr lockeres, unverkrampftes Spiel schafft es, dass die Figuren lebendig werden. Die Verlierer-Clique wächst dem Zuschauer schnell ans Herz und lässt Erinnerungen an Klassiker wie Stand By Me - ebenfalls eine King-Verfilmung - wach werden. Das Gefühl erwächst, ein unsichtbares Mitglied der Gruppe zu sein, die dicht am Geschehen dabei ist.

Regisseur Andrés Muschietti erweist sich als richtige Wahl: der Argentinier hat ein gutes Händchen für klassische Horrorgeschichten mit dramatischem Grundtenor, wie sein Debüt Mama (Review dazu gibt es hier) beweist. Muschietti kann subtil und in wichtigen Szenen schafft es auch das Buch, zurückhaltend zu agieren. Ganz unaufgeregt stellt er die großen und kleinen Dramen der Freunde dar: sei es die Enttäuschung des Vaters über die ungenügende Vorbereitung auf eine Bar Mitzvah, die Trauer um das verlorene Kind bzw. den Bruder oder angedeuteter sexueller Missbrauch. Hier glänzt Es, bevor der Horror wieder alles übertüncht und sinnbildlich auffrisst. Selbst wenn es nicht immer passen mag: die Coming of Age-Geschichte und damit verbundene Emotionalität, die der Film transportiert und die immens dichte Atmosphäre sorgen dafür, dass Es tatsächlich ein Anwärter für den besten Horrorfilm des Jahres ist. Das Gesamtbild ist bis zur letzten Minute stimmig und trägt in den Szenen, die zu übertrieben, zu laut, einfach zu plakativ sind. Das hat Es überhaupt nicht nötig. Seine herausstechenden anderen Stärken lassen ihn zu diesem sehr guten Film werden, der er letztendlich ist.
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Samstag, 7. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Warte, bis es dunkel wird (4/13)

Die Idee von bzw. hinter Warte, bis es dunkel wird ist ja nicht einmal schlecht: im Jahr 1946 wurde die Kleinstadt Texarkana, im Grenzgebiet von Texas und Arizona gelegen, drei Monate lang von einer fürchterlichen Mordserie beherrscht. Sie gingen als Texarkana Moonlight Murders in die Geschichte ein. Der bis heute unbekannte Täter erschoss überwiegend Pärchen; das erste auf einem abgelegenen Weg, auf dem sich Liebespaare ein paar schöne Stunden zu zweit machten. Dreißig Jahre später drehte Charles B. Pierce mit The Town That Dreaded Sundown, in Deutschland mit den äußerst einfachen Titeln Der Umleger (Kino) bzw. Phantom-Killer (Video) versehen, einen Film, welcher inspiriert vom Geschehen äußerst exploitativ die Morde an den Opfern und die Ermittlungen der örtlichen Polizei sowie der Texas Rangers in semidokumentarischem Stil zeigt.

Im Jahr 2014 kam Warte, bis es dunkel wird in die Kinos. Vielerorts wurde dieser als Remake von Pierces' Film bezeichnet, was nur bedingt richtig ist. Vielmehr ist Alfonso Gomez-Rejons Werk alles gleichzeitig: Remake und sogar Sequel. Gleich zu Beginn präsentiert man uns historische Aufnahmen Texarkanas aus der Zeit der Mordserie, danach beginnt der Film mit einer makabren Tradition: seit der Premiere von Der Umleger wird dieser einmal pro Jahr an Halloween in einem Open Air-Kino gezeigt. Das Pärchen Jami und Corey entfernt sich von der Vorstellung, um sich ein lauschiges, einsames Plätzchen zu suchen. Jami mag solche Filme einfach nicht und möchte zudem die Zeit mit ihrem Date alleine verbringen. Kaum an der Lovers Lane angekommen, werden sie von einem maskierten Unbekannten überfallen. Corey wird ermordet, Jami wird laufen gelassen, um "alle daran zu erinnern". In den nächsten Tagen wird klar, dass ein neuer Phantom-Mörder in der kleinen Stadt umgeht. Er bleibt dabei mit Jami in Kontakt, damit - wie von ihm bereits zu Beginn kryptisch vorgetragen - die Stadt und ihre Einwohner nicht wieder vergessen. Dabei versucht Jami, hinter die Identität des Mörders zu kommen.

Warte, bis es dunkel wird treibt die selbstreferenzielle Tendenz des Horrorkinos der letzten Jahre auf die Höhe. Ohne ironische Brechungen erschafft er aus dem im Genre bekannten "Based on true events"-Aufbau einen eigenen Kosmos, in dem auch der Film auf dem er basiert, existiert und mit eingewoben wird. Zum einen greift sch Gomez-Rejon den ursprünglichen Stoff und transferiert ihn in die neue Zeit, zum anderen wird dessen Geschichte weitererzählt. Immer präsent: das Original, welches uns schon zu Beginn gezeigt wird, bevor die Kamera sich von der Leinwand des Open Air-Kinos löst und uns in das neu geschaffene, filmische Universum entlässt. Egal ob in Unterhaltungen oder in irgendwo gerade abgespielten Ausschnitten, bleibt Pierces' Film im Bewusstsein des Zuschauers und der Filmfiguren. Nichts kann ohne das andere existieren: ohne die reale Mordserie keine erste Aufarbeitung aus den 70ern, ohne dieses keine Gegenwart des aktuellen Werks. Nächster Höhepunkt dieser Verwobenheit ist, dass Denis O'Hare den Sohn von Charles B. Pierce mimt, während der reelle Filius einen kleinen Cameo-Auftritt im Film hat.

Das Problem von Warte, bis es dunkel wird ist, dass er sich komplett auf dieser Idee ausruht. Sie ist gut, bis zu einem Punkt faszinierend, doch selbst wenn man - wie in meinem Falle - erst nach schauen des Films recherchiert und diese Informationen nachließt, bleibt das Gefühl bestehen, dass viel Potenzial verschenkt wurde. Gomez-Rejon schwankt zwischen Slasher-Stereotypen, mit denen er merkbar Probleme hat und wirklich famos fotografiertem Arthouse-Kino, der aus seiner Grundidee keine funktionierende Symbiose mit den restlichen Elementen des Films eingehen kann. Was auf visueller Ebene wirklich hübsch anzuschauen ist - eben mitreißt - bleibt narrativ flach. Man ruht sich auf allen Selbstreferenzen und der Meta-Ebene aus; uninspiriert stolpert man ansonsten wie Hauptfigur Jami durch die Geschichte. Mit fortlaufender Zeit ist das immer schwerfälliger. Sein großer Kniff lässt The Town That Dreaded Sundown nicht verbergen, dass er ein spannungsarmer Slasher ist, bei dem man vermuten kann, dass Gomez-Rejon vielleicht kein wirkliches Interesse an einem reinen, traditionellen Horrorfilm hatte. Schade ist einfach, dass bis eben auf die doppelten und dreifachen Selbstrefenzen sonst nichts übrig bleibt. Der Rest ist inhaltliches auf der Stelle treten, reines abspulen einer weniger originellen Geschichte die - begleitet mit einem großen leider - andere Filme packender umsetzen können. Es blieb ein großes Schulterzucken zurück, als der Abspann lief. Warte, bis es dunkel wird ist wirklich anders, könnte eigentlich mehr sein als ein durchschnittlicher Slasher mit toller Ausgangsidee, da sein Potenzial sicht- und greifbar ist. Nur sollte man sich eben nie auf dieser einen, großartigen Idee ausruhen.
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Mittwoch, 4. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Anthony (3/13)

Premiere bei Allesglotzer: da ich in meine Horrorctober-Liste absichtlich einige Filme einbaute, um diese nach längerer Zeit wieder mal zu schauen, wird nun ein weiteres Review zum bereits besprochenen Anthony in die Tasten geklimpert. Laut Datum der damaligen Besprechung sind vier Jahre ins Land gezogen, seitdem ich diesen kleinen B-Horror-Streifen das letzte Mal sah. Bis auf einige Punkte kann ich den alten Text bejahend abnicken. Denn der ebenfalls unter seinem Originaltitel The Kindred bekannte Horrorfilm ist ein netter, kleiner Horrorstreifen, der es teilweise verschläft, wirklich mal zu gruseln. Die Regisseure Stephen Carpenter und Jeffrey Obrow sind sehr bemüht, ihrem gemeinsamen Kind eine hübsche Ausstrahlung bzw. Atmosphäre zu schenken, lassen dabei elementäre Dinge wie einen gut funktionierenden Spannungsaufbau außen vor.

Apropos Kind: so bezeichnet Amanda, die Mutter des Wissenschaftlers John Hollins, von ihrem Krankenbett aus den titelgebenden Anthony. Er solle die Protokolle über die durchgeführten Experimente vernichten, weil sie es versäumt habe. Die aufgeregte, ältere Dame antwortet John auf seine Frage wer denn Anthony überhaupt ist, dass er sein Bruder ist. Weder John, noch Philipp Loyd, der frühere Forschungspartner seiner Mutter, wissen etwas davon. Mit seinem Stammteam, der dazu gestoßenen und geheimnisvollen Melissa, für die Amanda ein Vorbild war und seiner Freundin Sharon macht er sich zum Haus seiner Mutter auf um die Dinge aufzuklären. Die Entdeckung der Gruppe fällt dabei schrecklicher aus, als diese zuerst annimmt.

Nach der ersten Sichtung ist meine Vorliebe für eben solche kleinen B-Filme aus der zweiten Reihe weiterhin ungebrochen, die ab und zu sehr lieb gemeinten Worte aus der ersten Besprechung können nur bedingt wiederholt werden. Die Stärken von Anthony liegen im sorgfältigen Aufbau der Geschichte, der gleichzeitig auch schwerfällig ist. Geduld muss man mitbringen, lassen sich Carpenter, Obrow und ihre Mitautoren Zeit, John und seine Kollegen die chaotische Lage im Haus Amandas zu klären. Als wäre man sich des schleppenden Aufbaus bewusst, baut man zu Beginn eine Szene mit dem dubiosen Dr. Loyd ein, die atmosphärisch hübsch ist, dessen bösen Charakter festigt, aber nicht zwingend für die Geschichte notwendig ist. Auch der erste Mord an einem Teammitglied ist sichtbar nur deswegen im Film, um mehr Tentakel, Schleim und Monstrositäten zu bieten. Dabei scheint die arme Dame, welche während einer Autofahrt traurige Bekanntschaft mit Anthony schließen muss, so unwichtig zu sein, dass auch ihren Teamkollegen ihr dauerhaftes Verschwinden nicht auffällt.

Dazwischen gerät das Drehbuch in einen uninspirierten Leerlauf, der kurz bevor sich die Geschichte völlig in Nichtigkeiten auflöst, immer wieder mit kleinen Effektszenen bei der Stange hält. Seine sicher auch dem limitierten Budget zuzuschreibenden Aussparungen und Steigerungen der Monsteraction, die an jenen Punkten auftritt, ist dem Freund matschiger Effekteskapaden aus den 80ern eine Freude: trotz aller Einfachheit, können einige Tricks die volle Punktzahl landen, gerade die ausufernde Melting Action zum Ende ist wirklich gut gemacht. Das langsame hinarbeiten auf den großen, finalen Knaller mag sicher auch eine Remineszenz an einige Monsterfilm-Vorbilder der 50er sein, kann Anthony aber nicht davor bewahren, dass er trotz einiger netter Einfälle erzählerisch wie insgesamt ordentlicher Durchschnitt ist. Eben Video-Massenware, die in den Erinnerungen schnell wieder verblasst. An vieles konnte ich mich nicht mehr erinnern, als gestern die zweite Sichtung des Films anstand. Die Wiederentdeckung war nett, aber bei weitem nicht so spannend, wie bei der Erstsichtung empunden. Die fehlt dann doch und auch die "I ♥ 80s B-MOVIES"-Fanbrille reicht nicht aus, Anthony, diesen mäßigen, die gängigen Erzählstrukturen klassischer Monsterhorror-Filme abarbeitenden Film dem es spürbar an Elan fehlt, mehr als nur okay bzw. durchschnittlich zu finden. Da gibt es eben viel, viel mehr B-Ware auf dem Horrorwühltisch der 80er, der einfach schmissiger ist.
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Dienstag, 3. Oktober 2017

Horrorctober 2017: Train To Busan (2/13)

Filmisch darf man in Südkorea meiner bescheidenen Meinung nach gerne öfter den Zug nehmen. Nachdem ich vor einigen Monaten von Bong Joon-hos dystopischen Snowpiercer nach anfänglicher Skepsis angenehm überrascht wurde, konnte mich auch Train To Busan (mehr als) überzeugen. Der Film baut seine auf den ersten Blick einfach gestrickte Geschichte zügig und auf den Punkt gebracht auf: Su-An, die kleine Tochter der viel beschäftigten Fond-Managers Seok-Woo, möchte an ihrem Geburtstag mit dem Zug nach Busan zu ihrer Mutter reisen. Am besten alleine, damit sie ihrem Vater nicht die kostbare Zeit stehlen muss. Der über und über in Arbeit steckende Seok-Woo lässt dies nicht zu, zumal er versucht, die voranschreitende Vernachlässigung seines Kindes zu unterbinden. Er schaufelt sich Zeit frei und besteigt mit ihr in den frühen Morgenstunden den Zug Richtung Mutter des gemeinsamen Kindes und Ex-Frau.

Entspannt wird die Zugfahrt keineswegs. Eine schwer verwundete Frau rettet sich kurz vor Abfahrt in das Hochgeschwindigkeitsgefährt, verstirbt in einem Gang und steht kurz darauf wieder auf und ist von rasender Blutgier angetrieben. In dieser fällt sie über die Passagiere her, infiziert und verwandelt diese ebenfalls in nach dem roten Lebenssaft gierende Bestien. Die überlebenden Zuginsassen kämpfen in den schmalen Gängen um ihr Überleben und müssen über Lautsprecher erfahren, das in Korea immer mehr Städte von diesen mordlüsternen Kreaturen überrannt werden. Nur das Endziel, Busan, scheint sich noch erfolgreich zur Wehr zu setzen. Bis die zweitgrößte Stadt Südkoreas erreicht ist, schickt Regisseur Yeon Sang-ho seine Protagonisten, wie für das Subgenre üblich eine Gruppe grundverschiedener Persönlichkeiten, innerhalb des Gefährts auf eine gefahrenvolle Reise, die bei allen Massenszenen und Horden an Zombies, die über die Fahrgäste hereinbrechen, auch immer Zeit für Zwischenhalte mit leisen Tönen findet.

Train To Busan ist nur auf den ersten Blick ein krachendes Filmerlebnis, das gekonnt mit dem beschränkten Raum des Zuges spielt. Die Kamera ist Nahe am Geschehen, hält dabei geschickt auf den (Todes-)Kampf der Passagiere und lässt trotzdem vieles im Kopf des Zuschauers geschehen. Wie einige andere Zombiefilme, wobei genaugenommen die Kreaturen wie in Danny Boyles 28 Days Later im gesamten Film nie so genannt werden und wie dort rasend schnelle, blutdurstig und tollwütig-animalisch agierende Infizierte sind, steht Train To Busan mehr in der Tradition der Katastrophen- als Horrorfilme. Ist die Grenze im Zombiefilm zwischen beiden Genres fließend und springen einige Vertreter dieser Gattung innerhalb ihrer Geschichte hin und her, entschieden sich die Autoren hier auf den schnell über die Menschheit hereinbrechenden apokalyptischen Zerfall der Zivilisation, die hier von den Insassen eines Hochgeschwindigkeitszuges repräsentiert wird. Der von Night Of The Living Dead aufgegriffene Kammerspielaspekt mit dazugehörigen Konflikten innerhalb der Protagonisten-Gruppe ist, wie im großen Vorbild, stellvertretend für die menschliche Gesellschaft.

Für einen Mainstream-Film, was Train To Busan alleine schon trotz aller Zombiemassen- und Kampfszenen durch seine hier angesprochene Zurückhaltung ist, gibt er sich hier äußerst clever. Die benutzten Klischees sind ebenfalls gängige Vorurteile, die von einem werdenden, der wohl einfachen Mittelschicht entstammenden Vater Seok-Woo ständig an den Kopf geworfen werden. Fond-Manager, Finanzjongleure, Geldfresser, Blutsauger: die benutzten Synonyme für Seok-Woos Beruf sind Beschreibungen für seine Berufsgruppe, die sich vom einfachen Menschen ernährt und diese auffrisst. Hier werden klaffende, gesellschaftliche Gräben deutlich, die in der herrschenden Ausnahmesituation nur mit Mühe überwunden werden können. Auch weil (nicht allein) diese Gesellschaft, das bemerkt selbst Su-An, sich immer nur um sich kümmert. In der heutigen Zeit scheint - so der Tenor von Train To Busan - Egoismus und das um sich selbst kümmern auf den ersten Blick überlebenswichtig zu sein, um nicht von der Menschheit aufgefressen zu werden. Auf den zweiten, viel wichtigeren Blick, ist dies der Untergang eines funktionierenden Miteinanders. Wer nur auf sich selbst achtet und die sozialen Scheuklappen nicht ablegt, geht seinen Weg so lange, bis er gefressen wird.

Die Erkenntnis kommt für Seok-Woo und andere Figuren spät bis gar nicht. So ist der "Endboss" für den Vater keineswegs irgendein Zombie-Obermufti, sondern eine besonders unsympathische Erscheinung seines Gesellschaftsstandes, eine Art überzogenes Spiegelbild seinesgleichen, welches er überwinden muss. Das Train To Busan hier im Ende dieser Sequenz äußerst emotional zu Werke geht, ist für das Genre keine Selbstverständlichkeit. Allem aufkommendem Kitsch zum Trotz ist dies so mitreißend, wie die vielen Actionszenen und darin verwendeten Ideen. Übermäßig innovativ ist das nur bedingt, einige Wendungen der Geschichte sind vorauszuahnen und dennoch packt der Film bis zum Ende. In knapp zwei Stunden Laufzeit zeigt uns Regisseur Yeon Sang-ho, dass sein Gespür für gut getimte, spannende Szenen äußerst hoch ist. Nur gegen Ende, wenn eine Wendung nach der anderen dafür sorgen möchte, noch dramatischer, noch packender als die vorausgegangene zu sein, will man zu viel. Ansonsten ist Train To Busan ein gut konstruierter Action-Horrorfilm, der seinen Handlungsort sehr gut für viele spannende Szenen zu nutzen weiß und dazwischen zeigt, dass der steigende Egoismus des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft der falsche Weg ist, seinen Weg in dieser Welt zu gehen. Das sind einfache Werte, andere Filme können das Zombiethema mit tiefer greifender Sozialkritik füllen. Im Gesamten ist Train To Busan allerdings das Beste im Jahr 2017, wenn es um untote Wiedergänger geht.

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Horrorctober 2017: Big Bad Wolf (1/13)

Mein Einstieg in den diesjährigen Horrorctober der Cinecouch ließ nach dem Genuss zwei Gedanken in mir wachsen: es kommt nicht von ungefähr, dass Regisseur Lance W. Dreesen bisher nur drei Filme realisieren konnte und das ich mit Big Bad Wolf wohl gleich das schlechteste Stück in meiner Auswahl erwischt habe. Der kleine Independent-Film möchte einen großen Auftritt hinlegen, eben wie das titelgebende Monstrum so groß und böse wie möglich erscheinen und ist letztendlich nichts weiter als ein kleines, nerviges Stück Zeitverschwendung. Der Anfang war dabei so vielversprechend. Mitglieder einer Studentenverbindung machen sich unerlaubter Weise zur Jagdhütte des Stiefvaters von Verbindungsaspirant Derek auf, der seine gute Freundin Sam überredet, als moralische Unterstützung mitzukommen.

Die vögelnden und saufenden Jugendlichen machen bald die Bekanntschaft mit einem äußerst schlecht gelaunten Monstrum, dass sich als sprücheklopfender Werwolf entpuppt. Nachdem dieser bis auf die fliehen könnenden Derek und Sam die ganze Truppe dezimiert, machen sich die beiden überlebenden Freunde auf, Licht ins Dunkel zu bringen. Glaubt Sam doch bald, dass Dereks ständig schlecht gelaunter und herrischer Stiefvater Mitchell vielleicht der Werwolf ist. Unerwartete Unterstützung bekommen sie dabei von Dereks Onkel Charlie, der nach längerer Abwesenheit wieder auftaucht, nachdem er in den Nachrichten von dem blutigen Massaker in der Hütte hörte. Was Derek und Sam erst recht spät erfahren, kann man als Zuschauer schon wenige Minuten nach dem Intro und dem Massaker erahnen. Big Bad Wolf gibt sich überhaupt keine Mühe, seiner Geschichte Spannung oder kleine Wendungen zu verleihen. Man kämpft sich hinter der Kamera und vor dem Bildschirm durch ein simples Konstrukt gängiger Horrorfilmklischees, die uninspiriert aneinandergeleimt wurden.

Während der Beginn mit einem hohen Tempo, einigen gorigen Spitzen und kruden Ideen (der Werwolf vögelt noch kurz mit einem Opfer, bevor es den Exitus ereilen muss) Lust auf mehr macht, ist das einzige, was dann noch schnell ist, die Ernüchterung, dass Big Bad Wolf eher ein Little Lame Bullshit ist. Den angestrebten Weg, Dereks Konflikt mit Mitchell und dessen Schreckensherrschaft über seine Frau und den Stiefsohn in ein Familiendrama zu drehen, geht gründlich schief. Verglichen mit dem ziemlich guten Late Phases, welcher ebenfalls das Werwolf-Grundthema nutzt um daraus ein eindringliches Drama zu machen, zieht Dreesens Machwerk komplett den kürzeren. Da helfen weder die erst spät wieder eingesetzten, matschigen Effekte, die wenigstens noch ganz nett anzusehen sind, noch die bemüht spielenden Kimberly J. Brown als Sam und Richard Tyson als Mitchell weiter. Da hat sich Big Bad Wolf als angestrengter, einfach gestrickter Horrorfilm geoutet, dem nur daran gelegen ist, dem tumben Splattervolk einen Sprücheklopfer á la spätem Freddy Krueger (oder ähnlichen Schlitzerstars) in Fellform zu präsentieren um hoffnungsvoll einen kleinen Franchise für den schnellen Dollar zu starten. Diese durchkalkulierte Attitüde merkt man dem Film selbst dann an, wenn er doch ganz kurz mal Spaß bereitet. Wenn - und das ist nicht gespoilert sondern in den Formeln des Werwolf-Subgenres klar wie die sprichwörtliche Kloßbrühe - Mitchells Dasein als Bestie in Wolfsgestalt am Ende beendet wurde, atmen nicht nur unsere Protagonisten, sondern auch die Zuschauer auf. Der Mumpitz und sogar als Horrorkomödie beworbene, aber gänzlich unlustige Schmuh ist bis auf den zackigen Beginn eine einzige, quälende Klischeeansammlung der uninspiriertesten Sorte. Da ist keine Leidenschaft, sondern nur verächtliches Kalkül zu spüren.
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Mittwoch, 20. September 2017

Almost Famous

Cameron Crowe begann in den 70ern im zarten Teenager-Alter für den Rolling Stone zu schreiben und begleitete als Journalist unter anderem die Allman Brothers auf Tour. Mit den Jahren widmete er sich dem Leben Jugendlicher und schrieb darüber Artikelserien in seinem Stamm-Magazin, danach weitete er das Thema in Buchform aus, bevor er dazu überging, Drehbücher zu schreiben nachdem sein Buch "Fast Times At Ridgemont High" erfolgreich verfilmt wurde. Almost Famous kann man als Crowes verfilmtes Tagebuch seiner Jugendtage sehen. Der stark autobiographisch gefärbte Film geht mit seinem Protagonisten William auf große Tour. Der überbehütete Teenie reißt sich aus der Obhut der Mutter - zuvor zog schon die rebellische Schwester aus - um mit der Band Stillwater auf Tour zu gehen. Der Rolling Stone wurde auf die Artikel des Jugendlichen aufmerksam, welche im Musikmagazin Creem veröffentlicht wurden. Dessen Herausgeber Les Bangs, der von William immer wieder dessen Artikel aus der Schülerzeitung zugeschickt bekam, fungiert als Förderer und Mentor des Jungen.

Für William gibt es derweil viel zu lernen: ein eigener Platz im Leben will gefunden werden, die Liebe klopft leise das erste Mal an und auch das Musik-Business zeigt sich dem jungen Burschen in allen Facetten. Eigentlich will nur ein Interview mit Russell, Kopf der Band, aufgenommen werden und immer wieder kommt etwas dazwischen. Sei es der hektische Touralltag oder das reizende Groupie Penny Lane, das die Band ebenfalls auf der Tour begleitet. William wächst inmitten des Chaos, welches ihn zuerst überwältigt. Die oberflächlich geknüpften Freundschaften zu den Bandmitgliedern bekommen Risse, zuerst ungreifbare Menschen zeigen hinter ihrer schillernden Persönlichkeit ein verletzliches Ich. Die Lektionen fürs Leben kommen laut; sie poltern einfach so vor Williams Füße. Selbst wenn man ihn im hektischen Treiben hinter den Bühnen, im Hotel oder im Bus verloren und allein sieht: letzteres ist er nicht. Dafür sorgen die regelmäßigen Pflichtanrufe bei seiner Mutter, wie auch die Tipps von seinem Mentoren Les Bangs.

Sie dienen ihm dabei eher als Stütze, eine Art Anregung, wie William verfahren soll. Die Situationen müssen selbst gemeistert werden. Die finale Prüfung wird bestanden und der schon zuvor immer selbstbewusster agierende Junge meistert allein gestellt das, was die anderen, die Erwachsenen, nicht mal mitbekommen. So endet Crowes illuster gecasteter Schwank aus der Jugend versöhnlich, wie es eben in der Traumfabrik so üblich ist. Aller Konflikte und dramatischen Entwicklungen zum Trotz. Das lässt Almost Famous schwammig anfühlen, wie eine weit ausholende Geschichte eines Älteren, die einem eine Moral beibringen soll, diese aber nicht überzeugend darbietet. Der auf technischer und ausstatterischer Seite sehr gute Film, kann erzählerisch nicht hundertprozentig überzeugen. Die gewollte Nachwirkung bleibt aus. Die Analyse über das damals schon gnadenlose Musikbusiness, das Menschen manipuliert und ausnutzt und mit seinen Mechanismen zu Beginn unschuldige Künstler in "goldene Götter" wandelt, Freundschaften zerbrechen lässt und dergleichen mehr, bleibt irgendwo im Hintergrund verborgen.

Schade, dass Netflix einem hier nur die Kinoversion bietet. Von Almost Famous existiert ein gegenüber der Kinofassung gut 40 Minuten längerer Director's Cut. Vielleicht ist diese Intention des Films darin mehr und runder ausgearbeitet. In seiner Kinofassung ist Almost Famous ein filmisches "All you can tell"-Gericht, breit erzählt und im Detail schön ausgearbeitet. Er macht für zwei Stunden die damalige Zeit der 70er wieder lebendig und alle Tour-Eindrücke und -Episoden prasseln wie auf den Zuschauer wie auf William selbst charmant chaotisch ein. Zusammen mit seinem grandiosen Soundtrack zaubert der Film Liebhabern der damaligen (musikalischen) Zeit ein wohlwollendes Lächeln im Gesicht, dessen Nachgeschmack leicht bitter bleibt. Mehr wäre drin gewesen, in Momenen mit ernst gemeintem Hintergrund bleibt Almost Famous einfach eine Spur zu leicht und schwebt wie in der restlichen Zeit auf einer regenbogenfarbenen Wolke an einem vorbei. Es bleibt ein schönes Schweben, auch wenn der Film über die Jahre den überschwänglichen Verehrungen nicht komplett gerecht wird. Das ist hier aber meckern auf hohem Niveau.
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