Dienstag, 4. Januar 2022

X-Tro - Nicht alle Außerirdischen sind freundlich

Strahlend blauer Himmel, alles ist friedlich, ein Junge spielt mit seinem Vater im Garten. Im nächsten Augenblick wird dieser friedliche Moment gebrochen. Das Firmament hat sich schwarz gefärbt, Blitze erhellen den in Dunkel getauchten Schauplatz und ein Sturm wütet. Eine Albtraumszenerie, die der kleine Tony durchlebt und ihn naxh seinem Vater rufen lässt. Seine ins Zimmer geeilte Mutter Rachel beruhigt ihn, dass ihn nur ein böser Traum ereilt hat um ihn im nächsten Moment auf den harten Boden der Realität zu schmettern, als sie hinterher schiebt, dass sein Vater Sam doch verschwunden ist. Tonys Einwand, dass Sam von Außerirdischen entführt wurde, schiebt Rachel mit allen Kräften der erwachsenen Ignoranz ins Reich der Fantasie. Sie scheint sich mehr um sich und ihre neue Beziehung mit dem Fotografen Joe als um ihren Sohn zu kümmern. 

Es ist der Auftakt für einen eigentümlichen Eintrag in der langen Liste der Alien-Rip Offs. Die Tagline von X-Tro, vom deutschen Verleih zum obligatorischen Untertitel befördert, macht unmissverständlich klar, dass die auftretenden Außerirdischen anders als der von Spielberg im gleichen Jahr in die Kinos geschickte E.T. - Der Außerirdische, zu keinen herzerwärmenden Momenten führen. Die bleiben auch aus, als Sam nach drei Jahren wieder auf der Matte steht. Der hat sich während seiner Abstinenz sehr verändert. Neben der Distanz zur Gattin und seinem Nebenbuhler scheint auch das Interesse am Sohn wenig mit väterlichen Gefühlen zu tun zu haben. Einzig Eingeweihter ist der Zuschauer, der die Landung eines extraterrestrischen Wesens beobachten konnte, das mit wortwörtlichem Körpereinsatz zum alten Sam in Menschengestalt mutierte. 

Was die konkrete Mission der Kreatur ist, lässt der Film offen. Sam gibt seine besonderen Kräfte in einem pervertierten Moment väterlicher Zuwendung an Tony ab, was ab dort X-Tro zu einem Horrorfilm zwischen surrealem Albtraum und krudem Alien-Body-Horror werden lässt. Wie bei Norman J. Warrens Samen des Bösen (AKA Inseminoid; hier besprochen) herrscht im Stimmungsbild eine durchdringende Kühle, die von traumartigen Sequenzen durchbrochen wird. Die britische Distanziertheit schenkt dem Film und seiner Ausgestaltung der Geschichte eine höchst interessante, bizarre Atmosphäre. Laut Regisseur Harry Bromley Davenport war dies nicht intendiert. Vermutlich war dies auch nicht der ansatzweise vorhandene Subtext des Films, der Sams Entführung durch Außerirdische als versuchte Trauma-Verarbeitung von Tony lesen lässt. Der Junge kanalisiert die Abwesenheit des geliebten Vaters durch diese Fantasterei und flüchtet sich in eine Fantasie-Welt nach dem Erhalt von Sams Kräften und verbringt seine Zeit mit dem von ihm zum Leben erweckten Spielzeug.

Viel daraus macht X-Tro leider nicht. Es ist ein Erklärungsansatz sowie ein Versuch zu verstehen, warum die vom Film groß beworbenen, unfreundlichen Außerirdischen wie einst Sam eine ganze Weile mit Abwesenheit glänzen. Die wilde Wundertüte, die Bromley Davenport vor uns ausschüttet ist ein Kabinett aus Kuriositäten, durch die sich die Geschichte um die Familie Phillips zwängen muss. Deren familiäres Drama ordnet sich dem unentschlossenen Gesamtbild des Werks unter. Der Film gibt vielen seiner Ideen Raum, von denen einige bedauerlicherweise ins Nichts führen. Auf der Gegenseite besticht X-Tro dadurch mit einer Anti-Attitüde, die ihn zu einem gegen den Strich gebürsteten Horrorfilm macht, der einen Fick auf Konventionen gibt obwohl er sich dieser gleichermaßen bedient. Die Versatzstücke, derer er sich bedient, sind nicht wenige und sattsam bekannt. Großer Pluspunkt des Films ist, wie er diese anpackt.

1982 existierten noch nicht viele Nachahmer von Ridley Scotts Alien. Was der Brite darin definierte, kopierten diese mit unterschiedlicher Anzahl von Variationen und schufen einerseits für nachfolgende Filme gewisse Standards eines Subgenres. Von diesen ausgehend, mutmaßt man als Zuschauer vorschnell, dass auch X-Tro ein Paket bestehend aus Monstren, Schleim, Blut und eventuell etwas nackter Haut ist. Der Film spielt mit den Erwartungen des Publikums, befriedigt diese in den ersten zwanzig Minuten sattsam bevor er genug davon hat und eigene Wege beschreitet. Hätte Bromley Davenport das Potenzial seiner Geschichte um eine absonderliche Art des Familiendramas um einen sich von der Familie entfremdenden und entfernenden Vater erkannt, der dessen schutzbedürftigstes Mitglied tief traumatisiert zurücklässt, eher erkannt, könnte X-Tro ein explosiver Knaller aus Schmodder und Subversion sein. Das Erleben des Films bleibt anders: die Eigenheiten stechen hervor, die der Genre-Welt einen überraschend interessanten Alien-Anarcho schenkten, von dem man sich gerne entführen lässt.

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Mittwoch, 22. Dezember 2021

Cage Fighter + Cage Fighter II - Arena of Death

Ein schmutziger Stadtteil mit vom Wetter und der Zeit gezeichneten Gebäuden, die Schatten werfen, welche sich und die Menschen, die dort leben, immer wieder in ihrem undurchdringlichen Schwarz verschlucken. Kein Normalsterblicher würde sich, zumindest allein, in diese Gegend trauen. Labyrinthe aus schmalen Gängen führen in halb verfallenen Bauwerken zu Kellergewölben, deren Wände durch die vielen in ihm befindlichen Leute unaufhörlich schwitzen. Sie versammeln sich vor einem Käfig, aus klapprigen Maschendrahtzaun-Wänden zusammengebaut, in dem sich zwei Athleten scheinbar ohne Regeln einen Kampf auf Leben und Tod liefern. Eine Szenerie, wie sie nach dem Erfolg von Bloodsport viele B-Filme aufgebaut haben. Illegale Turniere mit Athleten, welche verschiedenste Kampfkünste repräsentieren, um den Champion der Champions unter sich auszumachen.

In den ausgehenden 80ern und den sich ankündigenden 90ern versprühten Videos mit Vale-Tudo- bzw. Free Fight-Kämpfen einen Hauch verlockender Illegalität, die interessierte Menschen in den Underground des Vollkontaktsports sogen. Über die Jahrzehnte hat sich das Ganze stark verändert. Irgendwann entstand der Begriff des Shootfightings, wie in Japan Mixed Martial Arts-Veranstaltungen bezeichnet wurden. Letztere Bezeichnung gilt heute als Überbegriff für einen seit Jahren erfolgreichen Kampfsport, der nicht nur in Deutschland harsche Kritik wegen seiner rohen Brutalität über sich ergehen lassen musste. Geld haben Organisationen wie Ultimate Fighting Championship oder Bellator trotzdem zu Hauf gescheffelt und dort bekannt gewordene Athleten wie Ronda Rousey oder Matt Riddle wechselten zum eher auf Show setzenden Wrestling und begannen durchaus erfolgreiche zweite Karrieren. Entgegengesetzt verbuchten vom Wrestling kommende Fighter wie Brock Lesnar oder Bobby Lashley in ihren MMA-Karrieren beachtliche Erfolge. Der Kreis hat sich längst geschlossen. Shootfight-Pioniere wie Ken Shamrock oder Minoru Suzuki gelten heute in beiden Bereichen - Wrestling und MMA - als Legenden.

Noch einen drauf setzt die in den USA beheimatete Indie-Wrestling-Liga Game Changer Wrestling. Diese veranstaltet - vorausgesetzt das keine Pandemie unser aller Leben aus den alltäglichen Fugen hebelt - einmal im Jahr eine Shoot Style-Wrestling-Veranstaltung namens "Bloodsport". Dort wird auf das herkömmliche Booking - das durchplanen des Kampfverlaufs und Bestimmen des Siegers - verzichtet und lässt in einem Turnier die stärksten der Starken gegeneinander antreten. Die Bereiche verschwimmen an manchen Stellen, obwohl sich MMA und Wrestling ansonsten weiter versuchen voneinander abzugrenzen. Wenn Hauptdarsteller Lou Ferrigno in den Cage Fighter-Filmen im Käfig steht und seinen Kontrahenten die Grütze aus dem Körper hämmert, erinnerte mich nicht nur das mehr an Wrestling- als an Shootfight-Kämpfe. Der als Hulk in der gleichnamigen TV-Serie bekannt gewordene Ex-Bodybuilder hätte in der Entstehungszeit beider Filme schon wegen seiner Körperstatur wunderbar in das Big Men-Universum der damals noch als World Wrestling Federation firmierenden Company von Vince McMahon gepasst.

Die Inszenierung der Kämpfe, Herzstück aller Action-Kloppereien, die illegale Kampf-Turniere als Aufmacher ihrer sonst austauschbaren Story nutzen, mutet schwerfällig an. Mitreisende Dynamik wird in Cage Fighter (1989) nicht entfacht, wenn Ferrigno als ehemaliger Soldat Billy, der bei einem Vietnam-Einsatz eine schwere Kopfverletzung davontrug, im Käfig seine Fäuste benutzt. Die kurz gehaltenen Fights scheinen Beiwerk für den Film zu sein, der eigentlich mit seinen Titel genau für diese wirbt. Bevor Billy in den Squared Circle stapfen muss, widmet sich Cage Fighter für diese Spezies Film überraschend detailliert der Beziehung zwischen Ferrignos Figur und ihrem Freund Scott Brown. Der Prolog führt nach Vietnam bzw. dem, was das schmale Budget uns versucht weiszumachen, dass dies das ostasiatische Land sei. Billy rettet Scott im letzten Monat aus einem verloren geglaubten Gefecht und fängt sich leider einen Kopfschuss ein, der ihn geistig auf den Stand eines Kindes zurückwirft. Mit viel Schmalz im Titellied zeigt uns der Vorspann die mühsame Reha Billys, mit Scott als treuem Freund an seiner Seite.

Hat man dies überstanden, werden in Scotts Kneipe zwei hochverschuldete Schmalspur-Ganoven Zeuge einer Schlägerei, bei denen sie von Billys Kräften beeindruckt werden. Da das Duo es auf normalen Wege nicht schafft, Scott oder Billy davon zu überzeugen, für sie bei illegalen Kämpfen anzutreten, schmieden sie einen niederträchtigen Komplott. Sie lassen Scotts Bar abfackeln und locken Billy mit einer Finte zu sich und überreden ihn, am Turnier teilzunehmen, in dem sie ihm glauben lassen, er kann damit Geld für das abgebrannte Lokal verdienen. Dies ruft Scott auf den Plan, der versucht, seinen Brother from another mother aus den Fängen der Kriminellen zu befreien. Erstaunlich ist daran, dass alles, was Cage Fighter bis dahin präsentiert, so auch in anderen Werken präsent und meist besser inszeniert ist. Regisseur Lang Elliott weist den Weg durch das Script kurzsilbig und grobmotorisch. Szenen strecken sich oder stehen offensichtlich nur deswegen im Drehbuch, um die Laufzeit zu dehnen. Auf optischer Seite sieht es nicht besser aus. Cage Fighter wirkt durchgehend heruntergekommen und zeigt dem Zuschauer damit ohne Scham, dass er für ein paar schmale Taler zusammengezimmert wurde.

Der Shabby Style des Films wirkt optisch wie narrativ Wunder. Diese mögen schmal sein, aber wirksam. Ferrignos Charakter ist nervig wie liebenswert; zumindest in der deutschen Fassung, da dessen Synchronsprecher Thomas Wolff mit seiner hohen, manchmal quäkigen Stimme entgegen den Strich gecastet erscheint, aber für Billys Wesen gut passt. Kumpane Scott wird von Reb Brown verkörpert, dem ich (wie dem ganzen Film) persönlich jedes Mal beim Genuss von Antonio Margheritis Einer gegen das Imperium (hier besprochen) heimliche Luftküsse entgegen schleudere. Beide Hauptdarsteller sind meilenweit von einer Oscar-verdächtigen Leistung entfernt, Brown wirkt nicht nur in den Actionszenen steif, aber die Chemie auf dem Bildschirm stimmt. Sie sind sympathische B-Buddys, die in ein quatschiges Storyumfeld geschrieben worden sind. Wenn man sich dem Film gegenüber öffnet, sorgen auch die wenigen flachen, humoresken Einschübe für eine erhöhte Kurzweil. Objektiv ist das Käse, den man nicht weg diskutieren kann. Die subjektive Ebene bzw. Wahrnehmung des Zuschauers kann Cage Fighter durchaus für sich gewinnen.

Manchmal riecht es gegen Ende etwas offensichtlich nach Bloodsport-Kopie. Der Bolo Yeung-Ersatz für den allmächtigen Champ bleibt bis zum unausweichlichen, letzten Duell leider recht bass. Dessen Darsteller Tiger Chung Lee, der von 1982 bis 1988 in den USA in den Wrestling-Ring, u. a. auch für die WWF (heute WWE), stieg. Mit vielen weiteren bekannten Gesichtern wie James Shigeta, Al Leong oder Al Ruscio fühlt sich Cage Fighter wie ein nicht immer angenehmes Wiedersehen mit alten Bekannten an, dass mit einigem Abstand betrachtet doch wieder okay ist. Der Film wandelt auf dem schmalen Grat zwischen B- und C-Action, von dem seine Fortsetzung Cage Figher II - Arena of Death (1994) stolpert und sich selbst ein T. K. O. verpasst. Darin hat das Cage Fighting einen halben Schritt aus dem Untergrund gewagt und wird im Kabelfernsehen übertragen. Strippenzieher sind weiterhin windige Geschäftsmänner, die es abermals mit Billy und Scott zu tun bekommen. 

Bei einem Überfall auf einen Supermarkt bzw. dem, was das noch schmälere Budget uns weiszumachen versucht, dass dies ein Selbstbedienungsladen sei, wird Scott nach dem Schusswechsel zunächst für tot geglaubt. Abgesehen haben sie es auf Billy, den sie betäubt und entführt haben. Unter Droge gesetzt, zwingen sie ihn wieder auf die Matte und kreieren aus ihm den neuen Undisputed Champ der Liga. Derweil macht Scott die Bekanntschaft zweier Interpol-Agenten, welche ihm helfen wollen, seinen Freund aus den Fängen der Drahtzieher hinter dem Kampfspektakel zu befreien. Dem ungeschriebenen Sequel-Gesetz folgend, schenkt die Rückkehr in die Arena dem Zuschauer mehr von allem. Mehr Fights, mehr Leerlauf, mehr Quatsch. So simpel wie effektiv sich der erste Teil präsentierte, so ärgerlich plump wirkt der zweite. Ferrignos Billy scheint hier zu mahnen, dass auch im sanftesten Riesen eine Bestie steckt und diese hervorgelockt werden kann. Häufig aus der Frosch-Perspektive gefilmt, ist der zugedröhnte Veteran eine Larger Than Life-Version der Figur des Vorgängers.

In seiner Wirkung nutzlos ist dieser Ansatz, da Cage Fighter II es verspielt, abermals die bekannten Konventionen seines Genres mit Charme aufzuwerten. Lang Elliott geht mit seiner Regie noch grobschlächtiger um und kreiert viele dröge Momente, durch die es sich zu kämpfen gilt. Der in die Story eingewobene Ansatz einer Love-Story zwischen Billy und seiner von seinem Boss bestellten,, persönlichen Dienerin schlägt dem Fass den Boden aus. Anstrengende Momente voll angestrengter Emotionalität, die eine leere Hülle an Dramatik zurücklässt und einzig die Laufzeit aufbläst. Ferrigno spielt den gleichen Charakter, der nicht mehr der selbe ist. Was Cage Fighter erschaffen hat, wird im Sequel willkürlich umgekrempelt. Schwerlich möchte man von neuen Perspektiven auf eine Figur sprechen. Dafür wird im Vergleich mit dem Erstling zu wenig variiert. Mehr kopiert man sich beim Versuch Neues zu erschaffen, selbst. Und das nicht mal gekonnt. Die Action mag kompakter erscheinen und lahmt hintergründig sichtbar. 

Die Arena of Death entpuppt sich als schaler Aufguss des ersten Teils mit verschobenen Konstellationen und ist mehr als Cage Fighter ein austauschbarer und dämlicher Actionfilm. Er bietet mehr und gibt dem Zuschauer weniger. Man darf froh sein, dass das halbwegs offene Ende nicht zu einem dritten Film geführt hat. Eventuell wäre das qualitativ nochmal eine oder mehr spuren erbärmlicher gewesen. Sollte man Lust auf simpel gestrickte Action mit viel Muskelpower aus der güldenen, bereits leicht verblassenden Videotheken-Zeit bekommen, darf man gerne einen Blick auf Cage Fighter werfen. Den zweiten Teil wiederum sollte man in einer Gegend, in die man sich zumindest allein niemals traut, verfrachten und in versteckten Kellergewölben in einen Käfig sperren. Und den Schlüssel wegwerfen. Oder sich durch andere der dutzenden Käfigkämpfer-Filme wühlen, welche bis dato produziert werden und zumeist weiterhin kämpferisch fachkundiges Hauptdarsteller-Personal wie z. B. in Cagefighter: Worlds Collide aufstellt. Darin ist der ehemalige AEW-World Champion Jon Moxley, bei WWE dem Mainstream-Publikum unter dem Namen Dean Ambrose bekannt geworden, zu sehen, welcher sich mit einem MMA-Champion ein verbissenes Duell liefert. Nur vom abgeranzten Charme des Untergrunds eines Cage Fighters ist darin leider längst nichts mehr zu spüren.

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Sonntag, 12. Dezember 2021

Klauen des Todes (AKA The Outing AKA The Lamp)

Natürlich ist es nach Jahren oder Jahrzehnten des Buckelns schön, die Früchte seiner harten Arbeit zu ernten. Trotz aller Entbehrungen und des Aufopferns können diese nach all der langen Zeit magerer ausfallen als erhofft. Wenn es richtig schlecht kommt, bleibt der Mammon aus und es hagelt nur anerkennendes Hände drücken oder heuchlerischer Applaus vom Balkon aus. Während in der Realität faule oder waghalsige Gestalten ihre kriminelle Energie abrufen, um schnell zu Geld, Ruhm oder was auch immer zu gelangen, versucht der Mensch in Erzählungen wie dem Märchen "Aladin und die Wunderlampe" oder ähnlichen Geschichten mittels mächtiger Geistwesen, die jeden Wunsch erfüllen können, ihr Begier einzufordern. Die negativen Seiten der verlockenden Aussicht, dass alle Sehnsüchte in Windeseile befriedigt werden können, zeigte uns 1997 der Horrorfilm Wishmaster, welcher schon mit seiner Tagline gemahnte: Be careful what you wish for.

Zehn Jahre zuvor versuchte die kleine, in Texas entstandene Indie-Produktion Klauen des Todes einen weniger gut gelaunten Dschinn in der Horrorwelt auszusetzen. Bis der auf der Bildfläche des Films erscheint, vergeht viel Zeit und man beobachtet zunächst drei Rednecks beim Bruch in eine alte Villa mit einer noch viel älteren Hausbesitzerin, der man eine orientalische Lampe abknüpft, bevor sie vom psychopathisch veranlagten Kopf des Trios in die Arme des Sensenmanns gestoßen wird. Eine unsichtbare Macht, die von der Lampe auszugehen scheint, schickt die drei Rüpel postwendend hinterher und die Story zieht zur Schülerin Alex weiter, die Stress mit ihrem Ex-Freund hat, weil sie diesen für einen anderen sitzen gelassen hat. Zur Ablenkung will sie mit ihrer Clique sich nach einer Schulexkursion in dem besuchten Museum einschließen, in dem ihr Vater als Kurator arbeitet. In diesem ist auch die Öllampe gelandet, deren innewohnende Macht von Alex Besitz ergreift und dem nächtlichen Abenteuer der Jugendlichen eine gefährliche Note verleiht.

Ist in Robert Kurtzmans Saga um einen übellaunigen Flaschengeist eben jener Fokus der Geschichte macht bei Klauen des Todes unter anderem der narrative Aufbau schnell klar, warum diesem nicht nur allein wegen seiner (in Deutschland) schlechten Verfügbarkeit weniger Beachtung vom Horrorfan geschenkt wird. Der Film verplempert sein Potenzial, eine originelle Idee spannend umzusetzen, wenn nach seinem atmosphärischen Einstieg ein großer Teil der Laufzeit damit verschwendet wird, die Exposition festzusetzen. Das aus allen Ecken und Enden triefende 80er-Highschool-Movie-Feeling steht dem Horroraspekt des Films im Weg und lässt die Geschichte im Leerlauf fahren. Man sollte ein generelles Faible für Produktionen aus dem kultisch verehrten Jahrzehnt mitbringen, um den Film komplett durchstehen zu können. Gelangt dieser an den Punkt, an dem der Horror einsetzt, verkommt der auch als The Outing (Originaltitel) oder The Lamp (Alternativtitel, unter dem er vor kurzem auch von Vinegar Syndrome in den USA nochmal auf Blu Ray aufgelegt wurde) zu einer mauen Abfolge verschiedener, durchaus kreativen Todesszenerien.

Der umständlich wie verschlafene Aufbau der Story hat zur Folge, dass diese keinen großen Impact besitzen und trotz der guten Effektarbeit wirkungslos verpuffen. Man lächelt die netten Ideen weg und bedauert viel mehr, wie der Film seine zur damaligen Zeit recht frische Idee größtenteils uninspiriert umsetzt. Hin und wieder punktet Klauen des Todes mit guten Kameraeinfällen oder einer fast argentoesken Ausleuchtung, bevor an der nächsten Ecke die Belanglosigkeit lauert und zuschlägt. Manchen wenigen - mich eingeschlossen - mag der Gesamteindruck des Films dennoch gefallen: er ist eben unübersehbar ein Kind der 80er und für Horror aus dieser Zeit habe ich irgendwo in meinem Herz immer ein kleines Fleckchen frei. Auch dann, wenn es sich wie hier um einen mehrheitlich leider durchschnittlichen Horrorfilm handelt, der viel zu wenig aus seinen Einfällen herausholt, obwohl die Idee zu dieser Geschichte laut Produzent Warren Chaney lange vor der tatsächlichen Umsetzung existierte. Gut ausgereizt wurde diese bedauerlicherweise nicht, da man sich lieber auf bekannte Rezepturen aus der 80er-Horror-Küche verließ.



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Montag, 29. November 2021

Brain of Blood

Blood Island wurde für die Drive-Ins besuchenden, fummelfreudigen Pärchen und Schlock-Liebhaber ein auf der Leinwand gerngesehenes Plätzchen und 1971 hätte Hemisphere Pictures gerne wieder Eddie Romero auf die Blutinsel geschickt. Zu dieser Zeit drehte dieser für Roger Corman Frauen in Ketten (aka Black Mama, White Mama) und es musste nach Ersatz für Romero gesucht werden, um einen weiteren Film in Tradition der Blood Island-Filme zu realisieren. Diesen fand man schließlich in der Person von Al Adamson, dessen Draculas Bluthocheit mit Frankenstein (aka Dracula vs. Frankenstein) selbst mich als hartgesottenen Freund filmischer Obskuritäten vor mehr als zehn Jahren einen Haken hinter Adamsons Namen mit dem Vorsatz, in diesem Leben niemals wieder einen Film des Herren zu sehen, setzen ließ. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt: wer das komplette Paket über das von allerlei Monstrositäten heimgesuchte Eiland haben möchte, kommt an Brain of Blood nur bedingt vorbei.

Der Film gilt als Anhängsel der Trilogie und die Produzenten Kane W. Lynn und Sam Sherman versuchten, den Spirit der auf den Philippinen entstanden Horrorschocker in ihrer Produktion aufkommen zu lassen. Zumindest in der hanebüchenen Story lässt sich dieser kurz blicken. Angesiedelt ist diese im fiktiven Königreich Kalid, dessen todkranker Herrscher Amir seine letzte Chance auf Verlängerung seines Daseins auf unserem Erdenrund in Dr. Trenton sieht. Der zweifelhafte Akademiker soll das Gehirn des beim Volke Kalids beliebten Aristokraten nach dessen Ableben in einen gesunden Körper verpflanzen. Da Trentons geistig auf dem Stande eines Kindes stehengebliebener, aber groß und kräftig gewachsener Gehilfe Gor ihm für die Sache leider "unbrauchbare Ware" beschafft, greift der unter Druck stehende Trenton zu einem Notfallplan. Er verpflanzt das Gehirn mit Hilfe seines kleinwüchsigen Assistenten Dorro kurzerhand in Gor, was Amirs Gefolge in Gestalt seines treu ergebenen Dieners Abdul, seiner Verlobten Tracey und dem befreundeten Arzt Robert sauer aufstößt und zu einigen weiteren Problemen führt.

Darüber hinaus bleibt der den bisherigen Werken anhaftende Touch of exotic aus. Brain of Blood stellt die einzige in den USA gedrehte Hemisphere-Produktion dar, was man ihm jederzeit ansieht und die dem äußerst schmalen Budget geschuldeten, minimalistischen Sets bewirken stellenweise, dass der Film eine kalte Atmosphäre erhält. Dafür erwärmt das von Adamson gezündete Feuerwerk der Unsinnigkeiten schnell das Herz des Liebhabers seltsamer Filme. Wie nicht anders zu erwarten verträgt sich Amirs Denkapparat nicht mit Gors kräftig tumben Körper, was bei diesem zu inneren Konflikten und äußeren Gewaltanwendungen führt, als dieser aufgebracht aus dem Labor Trentons flieht. Was folgt ist die Jagd der verschiedenen Parteien auf den von John Bloom, der wenig später in einer Hauptrolle durch den recht herzigen Der Mann mit den zwei Köpfen stapfen sollte, dargestellten Gor, der in dieser Phase des Films die Rolle des tragischen Monsters geschenkt bekommt. Davor und dazwischen entzückt Adamson mit simpelsten wie blutigen F/X und einem Folterkeller unter Trentons Labor, in dem zwei junge Frauen als Blutlieferanten für den Doktor und Spielzeug für den sadistischen Dorro herhalten müssen.

Brain of Blood ist ganz Kind einer Zeit, in dem sich der US-amerikanische Genrefilm ausprobiert und im Low Budget-Bereich einige wilde Dinge abgeliefert hat. Die Macher haben wortwörtlich Blut geleckt und bevor Ende der 70er der rote Saft in Strömen über die Leinwände und später durch die heimischen Fernsehgeräte floss, birgt diese Prä-Splatter-Phase Filme, die dem damaligen Zeitgeist verhaftet ganz unvoreingenommen mit verschiedenen Formen des Horrors experimentierten. Ungehemmt werfen die Schöpfer des Films Versatzstücke von Mad Scientist- und Gothic Horror-Filmen bzw. der Gothic-Novels des 19. Jahrhunderts mit der offenherzigen Narrative spekulativer Pulp Novels zusammen und würzen dies mit den aufkeimenden Sprösslingen des frühen Splatter- und Exploitationfilms. Diese Filme - und das schließt Adamsons Werk mit ein - gleichen häufiger einem verrückten Trip als einem formell erzählten Film. Paradoxerweise ist Brain of Blood einigen Kritiken aus den USA nach der Adamson-Film, der am nächsten dran ist, einen Sinn zu ergeben.

Über die Jahre habe ich in meinem Dasein als für (fast) alles offener, filminteressierter Mensch gelernt, dass die Suche nach Sinn oder Unsinn eines Films nicht immer nötig ist. Vordergründig mögen als Trash-Regisseure wahrgenommene Menschen wie Andy Milligan, Ted V. Mikels oder eben Al Adamson ein limitiertes Talent als Filmemacher besessen haben. Andererseits kann man sie als Pioniere innerhalb der sich ausbreitenden B- bzw. Exploitationfilm-Industrie sehen. Unabhängige Macher mit einer vielleicht verschwommenen, aber nicht immer uninteressanten Vision, die wilde Filme in wilden Zeiten hergestellt haben. Brain of Blood mag nicht stellvertretend für das Gesamtwerkt seines Schöpfers, aber für diese Zeiten sein, für die natürlich Leute wie Roger Corman bereits in den 50ern den Grundstein legten. Man kann ihm nicht absprechen, dass er narrativ dröge wie auf der darstellerischen Seite stark bemüht ist. Wenn es wie hier aber überdurchschnittlich unterhaltsam ist, selbst wenn dies auf eine absonderlich faszinierende Art passiert, spornt dies zumindest mich dazu an, auch weiter in diese cineastische Parallelwelten einzutauchen. Brain of Blood mag bis auf das "Blood" im Titel und den sich komplett von Mad Doctor of Blood Island (hier besprochen) geliehenen Score mit den "Vorgängern" nichts mehr zu tun haben. Dafür bietet er durchaus unterhaltsam Filmirrsinn aus der unter(st)en Filmschublade, in der ich gerne weiter wühle.


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Freitag, 19. November 2021

Beast of Blood (AKA Drakapa, das Monster mit der Krallenhand)

Das Happy End eines Horrorfilms bedeutet für seine Protagonisten nicht immer den vermeintlich versöhnlichen Schluss nach der psychischen und physischen Tortur, der sie ausgesetzt waren. Das Drehbuchautoren ein Hintertürchen für eine etwaige Fortsetzung offen lassen und in den letzten Einstellungen die Wiederauferstehung der vermeintlich besiegt geglaubten Vertretung des Bösen auf Erden zelebrieren, hat sich über die Jahrzehnte fest als Standard etabliert. Im Slasher leben ganze Reihen von dieser Mechanik und ließen Freddy, Michael, Jason und Co. im Dauertakt ihr Comeback feiern. Auch Mad Doctor of Blood Island (hier besprochen) deutet in seiner letzten Szene an, dass das grünblütige Chlorophyll-Monster, welches darin über titelgebendes Bluteiland wandelte und mordete, das Finale wohl überlebt hat. 

Zwei Jahre sollten in die Lande ziehen, bis Eddie Romero erneut sein Bündel packte und, diesmal ohne seinen Kollegen Gerardo de Leon, zum dritten und letzten Male Richtung Blood Island schipperte. Als Hauptdarsteller stand wieder John Ashley vor der Kamera und seinem Regisseur treu zur Seite. Abermals verkörpert Ashley den Doktor Bill Foster, der sich am Ende von Mad Doctor of Blood Island auf ein Schiff retten konnte. Beast of Blood knüpft direkt an diesen an und konfrontiert Foster mit dem einen sehr lebendigen Eindruck machenden Monstrum, dass sich in einem Rettungsboot des Kahns versteckt hat und nun Radau schlägt. Im Kampf mit dem Ungetüm fängt das Schiff Feuer und versinkt im Meer. Foster kann sich retten und tritt nach dem Vorspann eine erneute Reise nach Blood Island an. Manchmal kommen sie schon wieder.

An seine Fersen haftet sich die Reporterin Myra Russell, die von den Vorfällen auf Blood Island Wind bekommen hat und eine große Story wittert. Dort angekommen, scheint alles wie immer. Stammesführer Ramu nimmt den Besuch gastfreundlich auf und beklagt sich gleichzeitig über vermisste Angehörige. Grund dafür ist, dass neben dem Chlorophyll-Wüstling auch Dr. Lorca überlebt hat und seine Experimente unbehelligt weiterführt. Als der Wissenschaftler Myra in seine Gewalt bringt, bläst Foster Alarm und versucht mit Hilfe der Einwohner die Journalistin aus dessen Fängen zu befreien. Im Vergleich mit seinen beiden Vorgängerfilmen entwickelt sich Beast of Blood zu einem seichten Abenteuer-Film mit leichten Horror-Einschüben. Für diese neuen Impulse sorgte Beverly Miller, ein Kinobesitzer, der unbedingt bei einem Filmprojekt involviert sein wollte und die Story verfasste, als Co-Produzent fungierte und im Film eine kleine Rolle als Schiffskapitän bekleidete.

Das aktionsbetontere Werk, dass ihm dabei vorschwebte, ist Beast of Blood nur bedingt. Der Weg zu unterhaltsamen Momenten ist auf Blood Island steinig und unwegsam und so vergeudet der Film seine Laufzeit häufiger mit wenig relevantem Füllwerk. Foster verliert sein Herz schnell an seine journalistische Begleiterin und wird von Ramus Enkelin Laida bezirzt, was ein kommender Anlass für erotische Momente ist. Bis der Film gänzlich aus den Puschen kommt, wird viel im Dschungel umher gewandert und geredet. Atmosphärisch macht das einen runderen Eindruck als bei Mad Doctor of Blood Island, der schwerfällige Erzählstil bleibt auch im dritten Film bestehen. Der einlullende Hauch von Exotik besitzt im Nachgang eine trübe Note. Spaß stellt sich spät ein und kann planlosere Momente in der Regie und Storygestaltung nicht kaschieren. 

Als einziger der Blood Island-Filme schaffte es Beast of Blood unter dem Titel Drakapa, das Monster mit der Krallenhand in die deutschen Kinos und man kann erahnen, warum nur er es war, von dem sich hiesige Verleiher Potenzial beim Geld einbringen versprachen. Beast of Blood fällt gemäßigter aus, ist weniger krude und bietet geringere Obskuritäten, die ein deutsches Publikum eventuell abgeschreckt und ferngehalten hätte. Der amerikanische Einfluss sticht deutlicher hervor und zeigt in seinen Actionszenen ansatzweise das, was die Philippinen in Co-Produktion mit amerikanischen Studios in den 70ern noch in die Kinos bringen sollten. Wenn auch nicht überzeugender, so war er gefälliger für das damalige westliche Publikum. Das macht ihm zum schwächsten Teil der Blood Island-Filme, der seine Momente besitzt, von denen es gesamt zu wenig gibt, um gleichauf mit dem kruden Unterhaltung von Brides of Blood und Mad Doctor of Blood Island zu sein.

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Sonntag, 14. November 2021

Mad Doctor of Blood Island

Per Definition ist Wiederkäuen das Kauen von teils verdauter, aus dem Magen nochmal ins Maul beförderter Nahrung. Neben Paarhufern versteht sich auch die Filmindustrie darauf, längst als verdaut (und manchmal sogar ausgeschieden) geglaubten Stoff nochmal hervorzuholen und dem Publikum wieder vorzusetzen. Der einfache Gedanke dabei: wenn dieses bereits einmal oder sogar öfter die vorgesetzte Pampe dankend in sich reinschaufelte, muss sie ihm bestimmt noch einmal so gut schmecken. Im Falle von Mad Doctor of Blood Island war dessen Vorgänger Brides of Blood (hier besprochen) gefühlt nicht mal ansatzweise verdaut, als Hemisphere Pictures zum zweiten Mal die Blutinsel ansteuerte. Der Exoten-Monster-Film war ein veritabler Hit an den Kassen der Drive-Ins und das von Betreibern wie Besuchern geforderte More of it! wurde von den Regisseuren Eddie Romero und Gerardo de Leon mit grober Kelle auf die Leinwand geklatscht.

Schielte man für den monströsen Aufhänger des ersten Films noch ganz leicht nach Japan und auf dessen Atombomben-Trauma-Bewältigung Godzilla, kredenzt man dem Zuschauer im Quasi-Sequel den - der Name ist Programm - verrückten Wissenschaftler Dr. Lorca. Eben jener ist davon überzeugt, dass Chlorophyll für den Menschen von medizinischem Nutzen sein kann und scheint mit seinen Experimenten nicht ganz unschuldig daran zu sein, dass auf dem Eiland ein grünhäutiges Monster umgeht und die hiesige Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt. Rettung naht in Form vom Arzt Bill Foster, dessen Auftrag es eigentlich ist, den Gesundheitszustand der Inselbevölkerung zu untersuchen. Wie bereits bei Brides of Blood wird zu Beginn die Destination per kleinem Schiff angesteuert, dessen Kapitän seine Passagiere davon in Kenntnis setzt, dass Blood Island ein verfluchter Ort sei.  

Romero und de Leon realisierten ihre Geschichte unter der Devise "Mehr Gekröse, weniger Sorgfalt!" und knallen einem in den ersten Minuten bereits Full-Frontal-Nudity und simpel umgesetzte Gore-Effekte um die Ohren und geben damit ihre Richtung für den zweiten Blood Island-Film vor. Die in Brides of Blood noch vorherrschende Zurückhaltung im Einsatz von Schauwerten wird bei Mad Doctor of Blood Island fallengelassen; der Übergang zum von Blood Feast eingeleiteten neuen, extremen Naturalismus ist vollzogen. Um die Eskapaden in Nacktheit und Kunstblut auszuschmücken, kleidet man die Story mit den familiären Tragödien der Nebenfiguren Sheila und Carlos aus, welche beide zusammen mit Forster nach Blood Island reisen und Familienangehörige besuchen wollen. Sheila versucht, Bande mit ihrem ständig alkoholisierten Vater zu knüpfen und Carlos sieht seit dem Tod seines Vaters seine nun mit Dr. Lorca zusammenlebende Mutter das erste Mal wieder.

Damals wie heute verlangte mir der Film dabei einiges an Geduld ab. Der Film trägt seine Geschichte starr und steif vor und explodiert einzig bei den mit wilden Zoom-Orgien begleiteten Auftritten des grünen Wüterichs. Nebenhandlungen wie die um Carlos und seine Mutter sollen für dramatische Spitzen sorgen, kommen aber nicht vom Fleck und verpuffen im narrativen Nirgendwo, obgleich dieser Geschichtsstrang für die Gesamthandlung nicht unwichtig ist. Im Vergleich mit Brides of Blood und dem Nachfolger Beast of Blood wirkt Mad Doctor leb- und lieblos. Das Paradoxon des Films: gegensätzlich zu den häufiger eingesetzten Effektszenen ist Mad Doctor of Blood Island ein blutleerer Mad Scientist-Film, der altherkömmliche, etablierte Erzählstile ineffektiv einsetzt und ein Gefühl der Leere zurücklässt. Handwerklich schmalbrüstiger umgesetzt ist der mittlere der Blood Island-Filme ein schnell hervorgewürgtes Produkt um das gierige Zuschauer-Maul zu stopfen.

Mein persönliches Paradoxon mit dem Film wurde mir mit dieser zweiten Sichtung wieder klar. Nachdem ich diesen zu Videozeiten komplett für mich abgehakt hatte und es nicht für möglich hielt, dass ich mir diesen in meinem Leben nochmal anschaue, musste durch meine Neugier auf die gesamten Blood Island-Filme - die Blu-Ray-Veröffentlichungen in den USA durch das Label Severin Films machten es möglich (für Interessierte sei angemerkt, dass diese ausschließlich Regionalcode A besitzen) - natürlich auch dieser nochmal angeschaut werden. Mit vielen Jahren Abstand wurde mir gewahr, warum mich dieses Werk damals abschreckte. Mad Doctor of Blood Island erstickt mit seiner anhaltenden Dauerträgheit den spärlich spaßigen Teil zwischen offenherzigen Gore-Szenerien und kuriosen Handlungsentscheidungen. Die zweite Begegnung mit dem Film ließ ihn mir trotz oder wegen seiner, vergleicht man ihn mit Brides of Blood, variationsarmen Story und billigen Erscheinung auf eine sehr komische Art und Weise ans Herz wachsen. Diese Hassliebe wird meiner Einschätzung nach auf ewig andauern.
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Samstag, 23. Oktober 2021

Brides of Blood

Dank der Mithilfe amerikanischer Co-Produzenten wie u. a. Roger Corman, ihren dort produzierten Filmen und emsige Regisseure wie Cirio H. Santiago oder Eddie Romero sind die Philippinen auf der cineastischen Weltkarte kein gänzlich unbeschriebenes Blatt. Der südostasiatische Inselstaat kann dazu auf eine Jahrzehnte alte und somit lange Tradition in der Filmindustrie blicken und trotzdem haftet den Filmen des Landes immer ein gewisser Exotenstatus an. Neben der Tatsache, dass die Produktionen mancher Länder weniger den gewohnten technischen und kulturellen Standards unserer Hemisphären entsprechen und einer diesbezüglich vorhandenen Arroganz, kommt beim westlichen Publikum leider heute noch Verwunderung auf, wenn sie auf Werke aus filmischen Drittweltländern stoßen. Im besten Falle löst das gleichzeitig Neugier und Interesse aus, sich mit diesen Filmen beschäftigen zu wollen. Es muss ca. 1996 gewesen sein, als ein Katalog des altehrwürdigen Videodrom aus Berlin mich das erste Mal mit Werken aus diesen Gefilden konfrontierte.

Was dort natürlich verkaufsfördernd beschrieben wurde, ließ meine jugendliche Fantasie beflügeln, die Neugier wachsen und bei einer meiner wenigen Bestellungen über den Namen meiner Mutter - auf die Volljährigkeit musste ich noch wenige Jahre warten - schaffte es Mad Doctor of Blood Island in meine Videosammlung. Der entpuppte sich als schräg, anders, aber lange nicht so ausufernd wild, wie es sich mein Gorehound-Ich erträumt hatte. Der Wille, die anderen Werke aus dem Blood Island-Zyklus zu ordern, ließ frappant nach und es sollten über 25 Jahre vergehen, bis ich meine filmische Reise auf die Blutinsel fortsetzen sollte. Laut Beschriftung der anfänglich eingeblendeten Karte, war diese bereits bei Terror Is A Man (hier besprochen) Ort der Handlung. Genannt wurde der Name dort nie und es vergingen neun Jahre, bis Blood Island mit Brides of Blood das erste Mal offiziell auf der Leinwand angesteuert wurde. 

Darin lernen wir als Zuschauer zusammen mit dem dreiköpfigen Gespann bestehend aus dem Ökologen Henderson, dessen promiskuitiver Frau Carla und dem Friedenskorps-Mitarbeiter Jim Farrell die besondere Flora und Fauna von Blood Island kennen. Mutierte Krabben, lebendig erscheinende Bäume mit ausgeprägter Fummellust und zu guter Letzt ein grüner Unhold, dem die Insel-Bewohner ihre Jungfrauen opfern, um dessen Blutdurst und fleischlichen Gelüste zu stillen sind die unheilige Dreifaltigkeit, die mit Schrecken und Verderb auf dem Eiland wütet. Während Jim die Einheimischen im landwirtschaftlichen Bereich up to date bringen soll und zarte Band mit Alma, der Enkelin von Dorf-Bürgermeister Arcadio, knüpft, lernen die Hendersons den mysteriös erscheinenden Großgrundbesitzer Esteban Powers kennen, welcher seit Ende des zweiten Weltkriegs auf der Insel lebt und seine Frau an die Folgen der in der Nähe der Insel durchgeführten Atomtests verloren hat. 

Als hätte das Traumschiff bereits in den ausgehenden 60ern existiert, will der Film den Zuschauer mit seinen exotischen Schauplätzen entzücken und mäandert im gemütlichen Touristen-Schritt, begleitet von ausgedehnten Soundtrack-Eskapaden zwischen anschwellend bedrohlich und vermeintlich folkloristisch, durch die Geschichte. Grob folgt der Plot Mustern des Monsterfilms der 50er Jahre, was nicht nur dem Background über Atomtests und den Folgen der daraus resultierenden radioaktiven Strahlung geschuldet ist. Obgleich fünf Jahre zuvor Herschel Gordon Lewis exzessive Zurschaustellung des roten Lebenssafts im Film salonfähig machte, gibt sich Brides of Blood unentschlossen. Die vorhandenen Gore- und Nacktszenen fallen vergleichsmäßig zahm aus. Es sind einzelne Höhepunkte eines spekulativen Horrorfilms, der seinen konservativen Habitus kaum verbergen kann. Sie erscheinen mehr wie Auflockerungen eines vorrangig ernsthaft ausgelegten, steif vorgetragenen Films. Was zur Befriedigung des Voyeurismus seines Publikums dienen soll, besitzt die Charakteristika eines Kuriositäten-Kabinetts.

Das monströse Melodram der Story ist nicht frei von Kitsch und die Wirkung der Szenen, welche vordergründig schocken sollen, erscheinen mehrheitlich drollig oder amüsant. Dazu kommt, dass Brides of Blood suggeriert, dass ohne den rechtschaffenen, moralisch integren Heilsbringer aus den Vereinigten Staaten - hier in Gestalt des von John Ashley klemmig dargestellten Jim Farrrell - nichts funktioniert. Glücklicherweise will der Film dies seinem Publikum nicht allzu dick aufs Brot schmieren. Mehr ist es eine nervige Randnote eines Films, der um die Ernsthaftigkeit seines inoffiziellen Vorgängers bemüht ist und gleichermaßen versucht, bei den damaligen Entwicklungen im Horrorgenre mitzuhalten. Brides of Blood ist dabei stets bemüht Genre-Moderne und seine Einflüsse aus dem vergangenen Jahrzeht unter einen Hut zu bringen und bietet für Liebhaber des absonderlichen Films einige tolle, obskure Momente. Die aufgesetzte Seriosität, die der Film als Clou ausspielen will, fordert mit dem dabei entstehenden Leerlauf vom Publikum Geduld. Wer bereit ist, diese zu investieren, kann wie ich an der ersten filmischen Reise nach Blood Island durchaus gefallen finden.

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