Freitag, 29. Mai 2020

Cyborg Cop 3

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei: zum Ende der mäßigen Cyborg Cop-Trilogie haut man uns in diesem Film nicht nur einen, sondern gleich zwei B-Action-Stars um die Ohren! Frank Zagarino und Bryan Genesse sollen es diesmal richten und mimen im abschließenden Teil Saint und Max, zwei Bundesmarshalls, welche für ihren Auftraggeber Harvey im Regelfall Steuersünder aufspüren und festnehmen. Bei ihrem neuesten Job sollen die beiden Buddys die Reporterin Evelyn Reed ausfindig machen und dem Technik-Konzern DeltaTech übergeben, gegen die Reed durch einen Informanten handfeste Beweise hat, dass man dort Experimente an Menschen durchführt, um diese immun gegen Radioaktivität werden zu lassen. Bei einem Besuch der Zentrale bekommt sie Wind von einem streng geheimen Projekt, in denen diese Probanden zu Cyborg-Sölndern umoperiert werden. Evelyn kann ihren beiden Jägern glaubhaft versichern, was für böse Buben hinter deren Auftraggebern stecken, was sie auf die Seite der Reporterin wechseln und die richtig großen Probleme für diese beginnen lässt.

Wie im zweiten Teil variiert man die Grundstruktur des Erstlings, was ebenfalls zu Problemen führt, die sich wie ein roter Faden durch die Trilogie ziehen. Bei Cyborg Cop 3 ist man versucht, mit dem Fernglas vor der Glotze zu sitzen und verzweifelt am fernen Horizont nach Eigenständigkeit zu suchen. Doch: Fehlanzeige. Wieder müssen Triple A-Blockbuster als Vorbilder herhalten und Zagarino und Genesse geben ein launiges Paar ab, die mit ihren launigen Sprüchen (zumindest in der deutschen Synchronfassung) und den kleinen Kabbeleien gegeneinander in die viel zu großen Fußstapfen von Action-Buddys á la Riggs und Murtaugh oder Hammond und Cates treten möchten. Der Film wärmt dabei mehr altbewährtes neu auf, anstatt frisch aufzutischen, doch nachdem die diversen humorigen Einschübe in Teil Eins für mich eher eine Geduldsprobe darstellten, ist die Chemie zwischen den beiden B-Action-Hampelmännern soweit okay, dass in deren Szenen durchaus Stimmung aufkommt.

Leider herrscht im restlichen Storyverlauf zäher Leerlauf; die Exkursions-Eskapade von Cyborg Cop (hier besprochen) wird hier noch getoppt und anfänglich mutet Evelyns Spurensuche nach den wahren Absichten von DeltaTech und dessen Besitzer wie ein bräsiger Cyber-Thriller mit 10% Cyber, 0% Suspense und 90% gepflegter Langatmigkeit an. Yossi Weins einschläfernde Regie lässt den Film nie richtig von der Leine; auch die später hinzukommende Action wirkt immer leicht steif und wie eine gefilmte Generalprobe der eigentlich noch zu performenden Szenen. Lieber haken Regie und das Script fleißig die aufgestellten To-Do- und Must-Have-Listen ab ohne eigene Akzente zu setzen. Punktete der erste Teil noch durch einige nette Szenen und seinem Setting, musste schon das erste Sequel gegen sein austauschbares Wesen stark ankämpfen. Teil Drei verliert sich in Belanglosigkeit. Der für Action benötigte Ignition Factor ist eine Fehlzündung von Beginn an.

Gleich ob es sich um die Prügeleien, Schießereien oder das explosive Finale auf einem Schrottplatz handelt: Cyborg Cop 3 ist ein laues, abgestanden schmeckendes Gemisch aus Buddy Movie und Terminator-Versatzstücken, von dessen Szene in der Polizeistation man sich für einige ähnliche Konstruktion sichtlich inspirieren ließ. Schade, dass Zagarino und Genesse, denen es beide eigentlich am gewissen It-Factor mangelt, verheizt werden. Einen Buddy-Actioner mit beiden, der reichlich mehr Dynamik besitzt und mitreißend und spaßig ist, hätte ich mir schon gerne angeschaut. Somit geht meine erste Exkursion auf den staubigen Pfaden von B-Action mit Science-Fiction-Versatzstücken durch diesen letzten Teil der Trilogie zu Ende, doch der Weg selbst ist noch lang und lässt mich weiter nach sparsam produzierten Filmen mit Cyborg oder ähnlichem im Namen Ausschau halten. Nur das mit der Cyborg Cop-Reihe, dass lasse ich der Zukunt lieber, bevor ich nochmal meine Lebenszeit so verschwende.
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Mittwoch, 20. Mai 2020

Cyborg Cop 2

Schließt sich nun ein Kreis? In meinem Text zum Vorgänger Cyborg Cop erinnerte ich mich zurück an meine erwachende Liebe zum Medium Film und daran, dass eben jener Cyborg Cop 2 vor knapp zwanzig Jahren die so ziemlich erste Begegnung mit Low Budget-Action-Werken war und meine Vorliebe für die Melange aus Action und Science-Fiction im B-Film-Bereich auflodern ließ. Viele Jahre gingen ins Land, bis ich nicht nur auf das damals im nächtlichen TV-Programm aufgenommene Sequel sondern die ganze Reihe richtig Lust bekam. Diese wurde mir nach dem Genuss des Erstlings zum Teil madig gemacht. Die Erwartungen auf den Firestarter einer meiner vielen filmischen Vorlieben sanken; im Nachhinein stellte sich dies als durchaus passende Ausgangssituation für die Sichtung der Fortsetzung heraus.

Während andere Sequels darum bemüht sind, vom Erfolgsrezept des vorangegangen Films mehr zu bieten, variiert Cyborg Cop 2 lediglich einen Teil der Story seines Vorgängers und schickt erneut David Bradley als Jack Ryan in den Kampf gegen einen fiesen, halb-humaoiden Blechkameraden. Dieser hört auf den Namen Starkraven, der nach einem bleihaltigen Überfall auf eine verfeindete Drogengang mit seinen Kumpanen von der D.E.A., allen voran Ryan, hinter Schloss und Riegel gebracht wird und dort nach seinem Urteil auf seinen Gang zum Schafott wartet. Zumindest ist das die offizielle Version. Inoffiziell wird er von einer geheimen, staatlichen Organisation dafür genutzt, um aus ihm einen Cyborg für eine Anti-Terror-Einheit zu machen. Durch die Unachtsamkeit eines Mitarbeiters, beginnen Starkraven - der als Mensch-Maschine Spartacus genannt wird - und seine mechanischen Einheits-Kollegen ein fatales Eigenleben zu entwickeln und planen nach ihrem Ausbruch aus dem Firmenkomplex, die ganze Menschheit zu unterjochen.

Leider haben Spartacus und Co. die Rechnung nicht mit Jack Ryan gemacht. Dieses Mal verlor der Blueprint of a Man nicht wie in Teil Eins einen Blutsverwandten sondern - ungefähr genauso schlimm für diesen - seinen Partner im Schusswechsel gegen Starkraven und seine Bande. Auf der Suche nach dem wie vom Boden verschluckten Kriminellen stößt Ryan nach und nach auf die Machenschaften der Organisation und das fiese Upgrade seines Erzfeindes Starkraven. Gänzlich unspannend wird dies in Szenen gepackt, in denen Hauptdarsteller David Bradley mit seinem coolen Fuhrpark, seiner krampfig lässigen Ausstrahlung, seiner hunderteinprozentigen Männlichkeit und der an ihm wohl festgewachsenen, semi-coolen Gürteltasche durch die Wallachei brettert und Spartacus immer dicht auf den Fersen ist. Cyborg Cop 2 bietet sehr wohl mehr von besagten kybernetischen Figuren, deren Design durchaus in Ordnung geht, aber auch mehr Leerlauf, der im Vergleich zu Teil Eins weniger anstrengte.

Die Luft ist raus. Sowohl was meine damalige, jugendliche Begeisterung für diesen Film als auch die Exposition von Cyborg Cop 2 angeht. Würden nicht manchmal die Cyborgs um die Ecke schauen und für technisch routiniert umgesetzte Actionszenen sorgen, hätte ich den Film mehr in die Kategorie Totalausfall verbucht. Bot der erste Teil mit der Karibik einen durchaus interessanten Handlungsort und kleinere Scharmützel zwischendrin, beschränkt man sich fast vollständig auf Standard-Action zu Beginn, ziemlich in der Mitte des Films, die zugegeben im Bezug darauf das stärkste an diesem ist und zum Finale. Wie Bradley als Klischee-Heroe dargestellt wird, was zum Ende der Tankstellen-Szene in eine peinliche wie unfreiwillig komische Rettung eines in die Schießerei zwischen dem Cop und den Cyborgs geratenen Jungen inklusive Zeitlupe und Hall in den Stimmen der beteiligten Figuren gipfelt, ist an schablonenhafter Langweiligkeit nicht zu übertreffen.

Man kommt zum Schluss, dass dieser als Jack Ryan die Welt im Vorbeischlendern noch von OCP oder Skynet retten könnte. Bietet der Film nicht unbedingt eine ironische Brechung zu seinem vor Klischees triefenden Plot oder stereotypen Figuren, tue ich mich merklich schwer damit, sowas durchzustehen. Zumal Cyborg Cop 2 so dröge und austauschbar ist, dass man sich den unpassenden Humor aus seinem Vorgänger zurück wünschte. Zugute kann man ihm halten, dass er bei dem, was er dem Zuschauer eigentlich präsentieren möchte, gut funktioniert. Würde er knackiger und fieser in den Momenten sein, in denen Spartacus und seine Kumpanen das Ruder in die Hand nehmen, wäre der Film dezent spaßiger. Ihm fehlen einfach diese Ecken und Kanten, die mir an Action-Streifen meist Spaß machen. Wie der erste Beitrag der Reihe entpuppt sich auch die Fortsetzung als charakterlose Massenware, die ich wenigstens mit dem nostalgischen Gefühl in Verbindung bringen kann, das ich in meiner Sturm- und Drang-Phase als Filmfan durch diesen zum Freund kleiner B- oder C-Pictures wurde. Für mehr reicht es dann aber nicht.
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Samstag, 16. Mai 2020

Cyborg Cop

Es begann, als ich langsam aber stetig das Medium Film für mich entdeckte und bewaffnet mit der von meinen Eltern favorisierten Programmzeitschrift für mich interessante Werke aufschrieb und aufnahm. Die dortigen Empfehlungen und Wertungen ignorierend, wilderte ich durch sämtliche Genres und bannte das 1994 entstandene Sequel von Cyborg Cop auf Kassette und fand ihn trotz der in der Zeitschrift angegebenen Kürzungen recht kurzweilig. Sam Firstenbergs Werk entfachte in meinem jugendlichen Ich eine noch heute andauernde Vorliebe für Low Budget-Action mit Science-Fiction-Einschlag, deren Sets aussehen, als hätten sich die Gestalter direkt beim örtlichen Schrottplatz bedient. Die Erinnerungen an besagte Fortsetzung verblassten über die Jahre, was mit der gleichzeitig phasenweise auftauchenden Lust, diese wieder zu schauen, ein zunächst wunderbarer Anlass für mich war, mich durch die gesamte Reihe zu kämpfen.

Der 1993 ebenfalls unter der Fuchtel Firstenbergs entstandene Erstling bietet schematisch einfach konzipierte Action um die Brüder Jack und Philip Ryan, beide ehemalige D.E.A.-Beamte, welche nach tödlichem Ausgang eines Einsatzes, in dem sie den durchgedrehten Sohn eines Medien-Clans erschossen hatten, suspendiert wurden. Während Jack eine ruhige Kugel schiebt, kann Philip seinen Hintern nicht still halten und lässt sich für einen Einsatz in der Karibik anheuern. Es soll dem Drogenbaron Kessel an den Kragen gehen, der die Söldner-Einheit in eine Falle tappen lässt und Philip für sein sozusagen zweites Standbein auf der Insel behält und aus diesem einen Cyborg zimmert. Vorausschauend schickte dieser seinem Bruder Jack eine Nachricht, dass etwas nicht stimmen könnte und den großen Bruder dazu bewegt, auf die Karibikinsel zu schippern.

Bis es dort rund geht, muss sich der Zuschauer stark gedulden. Frisch auf der Insel angekommen, brennt Cyborg Cop lieber jegliche Klischees des Genres und im Bezug auf Karibik-Eilande ab. Natürlich wissen die örtlichen Behörden bescheid, jagen Jack im Auftrag Kessels hinterher und bringen ihn unfreiwillig mit Reporterin Cathy zusammen. Beide geben sich ebenso schnell ihrer körperlichen Anziehung hin, wie sie sich zuvor durch wiederkehrende "Zufälle" begegneten und fast in Screwball-Manier anzickten und stritten. Das hier das Drehbuch einen großzügigen Schlenker macht und seiner Exposition viel Raum lässt, komprimiert die restlichen Action nach dem Einstieg mit dem letzten Einsatz des Brüderpaares und dem Einsatz der Söldner auf den Schluss und gibt dafür seinem Hauptdarsteller David Bradley Zeit, seine Alpha-Männlichkeit in jeder Minute, die er im Bild ist, großflächig zu versprühen.

Zwar darf er sich zwischendrin mit einigen bösen Buben kloppen oder kleinere Schießereien vom Stapel lassen, während uns auf der anderen Seite der Anblick vom leicht overactenden Gimli-Darsteller John Rhys-Davies als Oberbösewicht daran erinnern lässt, was dieser doch für eine wechselhafte Karriere hatte. Cyborg Cop orientiert sich sichtbar an Vorbildern aus der Kategorie A-Action und entwickelt sich fast zur Mogelpackung, da titelgebende Menschmaschinen nur am Rande vorkommen. Der stumme Exekutor Kessels und der unfreiwillig dazu aufgemotzte Philip bieten kurze Stelldicheins und zumindest ersterer sorgt obendrauf für deftig blutige Momente. Zwischen Robocop, Terminator und manchen Buddy Movie-Action-Vehikeln versucht Cyborg Cop seine Nische zu finden und stellt einen manchmal leider auf die Probe. Der handwerklich routiniert zusammengezimmerten Action steht eine flache Handlung gegenüber, die bis auf unfreiwillig-komische Momente in der Nutzung von Klischees und unpassenden Humor-Einschüben wenig kurzweilige Momente bietet. Im Gros des damaligen wie heutigen Angebots an kostengünstiger Action-Fertigware geht Cyborg Cop leider heute noch unter.

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Mittwoch, 6. Mai 2020

Todes-Brigade

Bei manchen Filmen, die man dieser Tage dank eines besseren Angebots nachholen kann, weil sie bis dato gar nicht oder nur gekürzt und/oder in schlechter Qualität erhältlich waren, frage ich mich, wie sie vor gut fünf, zehn oder mehr Jahren auf einen gewirkt hätten. Entwächst man einer Vorliebe zu einem gewissen Genre, weil man erwachsener wird und einen anderen Blick auf die Dinge erhält? Sicherlich. Wirkt eine Spielart des Films vielleicht auch gar nicht mehr, weil sich die Zeiten und der allgemeine Blick auf manche Bereiche sich derart geändert haben und die Gesellschaft größtenteils progressiver denkt? Schon. Normalerweise vertrete ich die Auffassung, dass man ein Produkt alter Tage nie komplett losgelöst vom zeitlichen Kontext seiner Entstehung schauen und immer im Bewusstsein behalten sollte, wann ein Film entstanden ist, komme ich beim französischen Sleazer Todes-Brigade selbst etwas ins Straucheln.

Mit Sexploitation-Filmen habe ich beileibe kein Problem; egal ob Bianchi (Mario wie Andrea), D'Amato, Mattei, Franco oder wie die Macher alle heißen: der Genrefilm bietet selbst in der größten filmischen Ansammlung an nackter Haut (lässt man den Pornofilm außen vor) einige Perlen. Sei es, ob es tumbe, aber tatsächlich gute Unterhaltung ist oder fein eingewobene, subversive Elemente bietet. Todes-Brigade ist eher ein derbes Unterfangen; ein alter, weißer Mann von einem Film der grob von einer intensiven Fehde im Gangster-Milieu handelt; zwischen dem Griechen und seiner Gattin, die ihre Pferdchen auf dem Straßenstrich stehen haben, allerdings gerne auch beim Drogengeschäft mitmischen möchten. Als drei transsexuelle Prostituierte aus dem Stall des Griechen von Motorradfahrern ermordet werden, wird der von der Sitte kommende Kommissar Lattuada mit diesem Fall betraut. Bei Recherchen stößt er immer tiefer in das Nest des Kriminellen und schafft es, dessen Frau festzunehmen. Als diese bei einem Fluchtversuch aus der Wache von einem Gerüst stürzt, lässt der Grieche - der zeitgleich in den eigenen Reihen mit Feindseligkeiten kämpfen muss - aus Rache Lattuadas Schwester ermorden. Dies lässt sich der Cop nicht gefallen und bläst zum vigilantischen Gegenangriff.

Bevor Max Pécas Todes-Brigade auf das Publikum losließ, beackerte er zuerst dem Kriminal-, dann den (Soft-)Sexfilm; letztere erhielten mit der Zeit mehr einen komödiantischen Einschlag. Es scheint fast so, als fasse der Franzose in seinem Mitte der 80er entstandenen Werk diese beiden Betätigungsfelder zusammen (den Humor subtrahiert) um gleichzeitig eine Altherrenfantasie der schauerlichsten Sorte abzulassen. Die dargebotenen Ismen könnten Naturen, welche in diesem Feld des Films wenig bis gar nicht zu Hause sind, verstört zurücklassen. Was die Kritik an Pécas' früheren Filmen auszusetzen hatte - in seinem deutschen Wikipedia-Eintrag wird diese kurz u. a. mit Worten wie primitiv, spekulativ und voyeuristisch zitiert - lässt sich auch auf diesen Film anwenden. Die Geschichte ist holprig und verworren; das hin und her zwischen den Gangstern bietet einzig (genug) Anlass, irgendwelche nackte Frauen, Sex- oder Action-Szenen darzubieten. Gleichzeitig ersticken der schmucklose Ton und die trüb schmutzigen Bilder des Films, der in Paris angesiedelt ist, den Glanz der französischen Hauptstadt im Ansatz.

Die Stadt ist dort ein sudeliges Loch, mit schmutzigen Straßen, Gebäuden und Bewohnern; angesiedelt in einem Sudelfilm alter Schule, dessen Sleaze-Appeal keine Gefangenen macht und über die Handlung als Aufhänger hinweg brettert um nackte Haut, billigen Sex, blutige Wunden und tote Menschen zu präsentieren. Abgerundet wird dies in der deutschen Fassung mit einer Video-Synchronisation (nicht zu verwechseln mit der Synchro des Pressetapes, die sehr hölzern und schlecht klingt), die den asozialen Grundton des Film sehr gut trifft. Was wäre das früher alles ein Fest des schlechten Geschmacks gewesen! Heute: Stimmung so trist wie die Fotografie des Films, dessen Dynamik - zumindest auf mich - spät übergreifen konnte. Ist Todes-Brigade bei allen Schauwerten, die er besitzt und die durchaus unterhalten können, ein Opfer seines umständlich erzählten Handlung? Zum Teil. Wenn Lattuada zur Selbstjustiz greift, funktioniert der Film besser; sein fummeliger Aufbau zielt zum Leidwesen seiner Spannungskurve darauf ab, die eindimensionale Geschichte breiter aufzustellen, als sie es ist und bremst sich damit leider aus.

Oder ist man aus dem ganzen Zeug raus gewachsen, offener im eigenen Denken, dass die patriarchalische Darstellung im Film dumm und überholt wirken lässt? Vielleicht. Max Pécas zielt anders als im Vergleich zu anderen (italienischen) Exploitern ausschließlich und offensichtlich stumpf darauf ab, mit Sex und Gewalt gute Laune zu erzeugen. Ein Alibi in Handlung oder Gestaltung, teils rettender, teils charmanter Zusatz solcher Filme, findet man hier einfach nicht. Was früher durchaus für persönliches Pläsier reichte, ist mittlerweile den eigenen Ansprüchen entwachsen. Andererseits ist der Ausflug nach Gangster-Frankreich herrlich schmuddelig. Die Atmosphäre, spürbar von einer dicken Schicht Schmutz bedeckt, lässt tolle Bahnhofskino-Stimmung aufkommen und die gezeigten Härten überraschen in einem französischen Film der damaligen Zeit immer noch; obwohl offensichtlich ist, dass Todes-Brigade weit weg vom Begriff Arthouse ist. Ich möchte ihn gern mögen und eventuell wird er über die Jahre sogar in meinem Empfinden noch etwas wachsen; im Moment ist der Film, der in manchen Szenekreisen Aufgrund seiner asozialen Tonalität über die Jahre einen berüchtigten Ruf erhalten hat, nicht gänzlich uninteressante, aber trotzdem eher mäßige Exploitation. Außerdem nehme ich ihm schon etwas übel, dass Brigitte Lahaie in einer viel zu kleinen Rolle verheizt wird.

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Samstag, 25. April 2020

Man-Eater (Der Menschenfresser)

Wie schnell wird man doch als jugendlicher Jäger des verbotenen Schatzes ernüchtert: mit leuchtenden Augen ließt man in Sekundärliteratur und Fanzines von diesen bösen, verbotenen Filmen mit ihrem auf Anschlag gedrehten Blutzoll, der seine Darstellerinnen und Darsteller in Blut und Gedärme waten lässt, monströse Psycho-Killer, Horden an Untoten, hungrige Dschungelbewohner oder die schrecklichste aller höllischen Dämonenbruten bietet und dann entpuppen sich einige der in diesem Land beschlagnahmten Filme als lahme Krücke. Der alles, was die jugendliche, vor Blutgeilheit strotzende Fantasie wie ein Kartenhaus zusammenfallen und (teils bis heute) am Urteilsvermögen der Richter an den Amtsgerichten aller Provinzen zweifeln lässt. Viele Beschlagnahmen erscheinen in der heutigen Zeit überholt und dank einiger engagierter Heimkinoanbieter wurden einige Filme, heute teils moderne Klassiker des Genrefilms, rehabilitiert. Meine erste Begegnung mit dem berühmt-berüchtigten italienischen Man-Eater war ein Geschichte voller Enttäuschung und Missverständnisse: vom überschaubaren Blutgehalt und der dünnen Handlung angeödet schob ich den Film in die Schublade der "langweiligen Kacke".

Jahre später, gereifter und tiefer in die Ebenen des (italienischen) Genrefilms gestiegen, gab ich ihm eine zweite Chance und fand gefallen an der irreal wirkenden Atmosphäre des auch unter seinem Originaltitel Antropophagus bekannten Werks. Wieder einige Zeit später: wieder etwas gereifter, mit anderem Blick auf manche Filme und ihre Mechanismen, immer noch mit viel Lust auf schundiges Kino, ist man mit seiner Sammlung und auch der Man-Eater im HD-Zeitalter angekommen. Meine größte Frage vor der erneuten Sichtung: funktioniert dieses ranzige Stück Film überhaupt auf Blu-Ray? Seien wir ehrlich: einigen B-, C- oder Z-Grade-Movies tut der Sprung in die High Definition nicht gut und sie verlieren einiges an Charme und Wirkung. Der Film von Aristide Massaccesi, so der bürgerliche Name des Regisseurs, überdauert die Zeit und ist im Kern das, was er immer sein wollte und sollte: auf schnelle Lira, Dollars, Mark etc. ausgelegtes Schockerkino, schludrig und hastig zusammengezimmert. Luigi Montefiori aka George Eastman, Hauptdarsteller und Autor des Scripts von Man-Eater brachte es seiner Aussage nach über das Regie-Talent von Massaccesi auf den Punkt: dieses war kaum vorhanden; mehr hetzte der 1999 verstorbene Italiener durch die Dreharbeiten und gab sich oft mit dem ersten Take zufrieden.

Dennoch birgt Man-Eater eine gewisse Faszination. Der Minimal-Horror der hier geboten wird, nutzt zu seiner Entstehungszeit ausgefranste Klischees und schickt eine Gruppe Urlauber auf ein menschenleeres Eiland, auf dem sich Julie, die sich den jungen Leute angeschlossen hat, die Kinder ihrer Freunde den Sommer über hüten soll. Von der gemischten Truppe dorthin gebracht, wundern sie und alle anderen sich recht schnell über die gespenstischen Straßen und anscheinend von ihren Bewohnern hastig verlassenen Häusern. Dem Grund dafür begegnen sie, als man sich in die ebenfalls verlassenen Villa von Julies Freunden begibt: ein Mann, der mit seiner Familie Schiffbruch erlitten hat und tagelang mit dieser in einem Rettungsboot im Meer trieb, fiel dem Wahnsinn anheim, als er dem immer stärker werdenden Hungergefühl nicht mehr widerstehen konnte und seinen toten Sohn und seine Frau verspeiste. Auf der Insel gestrandet, lebte dieser seine erwachte kannibalistische Neigung weiter aus und ist merklich erfreut, als mit den Urlaubern Nachschub ankommt. Häufig dem Subgenre des Kannibalenfilms zugerechnet, beschränkt sich die Menschenfresserei eigentlich auf ein Minimum. Neben der vom bekannten deutschen Plakatmotiv aufgegriffenen Endszene und dem angedeuteten Vorfall im Rettungsboot ist es nur eine Szene, in welcher der Kannibalismus komplett ausgekostet wird.

Diese bot häufig Anlass in den 80ern während der grasierenden Video-Hysterie, darüber zu diskutieren, wie schädlich Horrorfilme für die al(e)manische Jugend ist und machte sie in der von D'Amato konzipierten plumpen Provakation durch deren Tabubruch zum Gegenstand vieler blutiger Träume früher Gore-Bauern und Splatterkiddies. Seien wir ehrlich: selbst wenn man nicht wissen sollte, dass George Eastman darin in einen gehäuteten Hasen beißt, ohne jetzt näher auf das einzugehen, was dieser eigentlich darstellen soll, wirkt die Szene deplaziert und zu offensichtlich provokant und auf den puren Ekel ausgelegt. Sicherlich besteht das ganze Konzept von Massaccesis Film darauf, möglichst viele Effekte dem Publikum zu präsentieren, der Aufbau der ganzen Szene bis sie zu ihrem Climax angelangt ist und viele andere lassen mich in ihrer Wirkung mehr aufhorchen als dann den letztendlich präsentierten dusseligen Splatterquatsch abzufeiern. Bloß, weil Eastman sich kalten Hasenbraten gönnt und seinem Hintergrund nach seine Familie in einer Ausnahmesituation verspeiste, ist die von den meisten vollzogene Kategorisierung von Man-Eater als Kannibalenfilm meines Erachtens nicht richtig. Das Script orientiert sich - natürlich auch wegen des geringen Budgets - mehr am Slasher und in seiner bemühten Ausgestaltung der Szenerie am klassischen Schauerkino.

D'Amato montiert einen gewissen Anti-Gothic und ordnet die Grundstimmung von Melancholie und Zerfall des gothischen Horrors seinem kommerziellen Mechanismus des Splatterkinos unter. Die Nachlässigkeit der Inszenierung, das Desinteresse an einer künstlerischen Ausgestaltung ist Kontext zu dessen prunkvollen und detailliert ausgemalten Szenerie; der Verfall und Tod ist auch in der Atmosphäre von Man-Eater allgegenwärtig und kann in den ersten Szenen auf der verlassenen Insel und deren Erkundung durch die Freunde mit einer irrealen, gespenstischen Stimmung punkten. Manchmal blitzt sogar ein guter Einfall Massaccesis auf, wenn handwerklich konventionell ausgeführte Bilder kurzzeitig interessante Einstellungen bietet. Mit mehr Sorgfalt hätte der von der Kamera kommende, ehemalige Lehrling Mario Bavas häufiger einige entrückt-hübsche Momente wie in einem seiner künstlerisch besten Filme - Mörderbestien - schaffen können. Wo sich die Handlung mehr dem Zusteuern auf Blutszenen Untertan macht, gewinnt Man-Eater bei mir mehr mit seinen leiseren Szenen, die ohne im Gothic Horror genutzte Romantisierung das kleine Einmaleins des traditionellen Horrorfilms nutzt und bei seinem handwerklichen Simplizismus funktionell entschlacktes und heruntergebrochenes Formelkino bietet.

Fast darf man D'Amato dankbar sein, dass er wenig interessiert am ausgefeilten Arrangement seines Films war und sein handwerklicher Minimalismus dazu führt, dass dieser die Tonalität von Man-Eater zwischen allgegenwärtigem Verfall und dem Bewusstsein über die Endlichkeit der Figuren des Werks verstärkt. Selbst sein tragischer Schreckensbringer, der den schiffbrüchigen Kannibalen zu einem übermenschlich wirkenden Monstrum mutieren ließ, muss zum Ende einsehen, dass der Tod, den er über die Insel, deren Bewohner und die Touristen brachte, auch für ihn keine Ausnahme macht. Wenn alles gefressen ist, frisst das Monstrum sich selbst. Handwerklich und erzählerisch mag Man-Eater allersimpelste Technik bieten und seine narrative zieht sich, für mich diesmal wieder etwas mehr fühlbar wie in meiner zweiten Sichtung, in die Länge. Nach wie vor verliere ich mich aber gerne in dieser filmischen Kloake, welche die idealisierte Präsenz des natürlichen Zerfalls in D'Amatos hier erschaffener, schroffen Realität holt und beinahe demontiert. Gleichzeitig nutzt er einige dieser klassischen Horrorelemente, schafft Grusel von der Stange und kreiert damit gleichzeitig eine leicht alptraumhafte Atmosphäre, in manchen Szenen durch den minimalistischen Score Marcello Giombinis passend untermalt, die die größte Stärke eines handwerklich und narrativ objektiv betrachtet überschaubaren und im Fandom kontrovers aufgenommenen Films ist. Er ist selbst im Rund des italienischen Horror-Cinema ein Außenseiter und für die hab ich seit jeher viele Sympathien.

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Freitag, 24. April 2020

The Greasy Strangler

Bei diesem Film muss ich zum Einstieg tatsächlich etwas auf meine Sehgewohnheiten eingehen. Die derzeit geringere Frequenz an Blogpostings sind neben dem Umstand, dass ich seit einiger Zeit mit meiner Switch und der Playstation 4 wieder intensiver dem Gaming fröne, auch meinen Arbeitszeiten geschuldet. Im Schichtdienst, der auch Arbeit am Wochenende umfasst, ist es mir schlicht mit dem ganzen Gedöns, was daheim noch getan werden muss, einer Beziehung und - blendet man die derzeitigen Einschränkungen mit Social Distancing und Abstand halten aus - Socializing, manchmal nicht möglich, mehr Filme zu schauen, wie man in manchen Phasen selbst gerne möchte. Dazu kommt, das ich - anders als Freunde, die selbst noch totmüde sich einen Film im Heimkino reinziehen und dann vielleicht mehrere Anläufe benötigen, weil sie immer selig wegschlummern - beim geringsten Anzeichen von Müdigkeit darauf verzichte, was zu schauen. Ich kenne mich und weiß, wie genervt ich sein kann, wenn ich gemütlich im Sessel wegnicken würde. Es mag verschroben klingen, nur ist das für mich gegenüber dem Künstler und seinem Werk nicht respektvoll, wenn man sich dieses nicht in vollem Bewusstsein bzw. in guter, fitter Verfassung anschaut.

Was dies mit The Greasy Strangler zu tun hat? Manchmal überkommt auch mich bei aller Abgeschlagenheit der innere Zwang, eher: ein unbändiges Verlangen, das man doch noch gerne was schauen möchte. Als meine Wahl auf diesen fiel, war ich an einem Samstag durch meine Arbeit schon seit 5 Uhr wach, aber wollte Abends, als meine Freundin zu Bett gegangen war, trotzdem noch einen Film schauen. Schon länger auf meiner Watchlist stehend, wählte ich den laut Empfehlung eines Arbeitskollegen "sehr speziellen Streifen" aus und hoffte für mich, dass ich ohne größere Anflüge von spontanem Kurzschlaf die nächsten gut neunzig Minuten durchstehen würde. Der Film lief gerade einmal ca. zehn Minuten, als jede körperliche wie geistige Erschöpfung wie weggeflogen war. Denn das, was ich dort auf dem Bildschirm sah, war eine bizarre Geschichte mit obskuren Figuren und deren irrealem Verhalten in einem vom Glamour befreiten Los Angeles in dem Ronnie mit seinem Sohn Brayden eine fragwürdige Tour durch die weniger glanzvollen Teile der Stadt für Touristen anbieten, in denen sie ihnen angebliche Wirkungsstätten späterer Discogrößen zeigen. Auf einer dieser Touren lernt der mit seinem Vater in einem Haus lebende Brayden die robuste Janet kennen. Die beiden knüpfen zarte Bande, wenn da nicht der nach extra fettigem Essen gierende Ronnie wäre, der in seiner maßlosen Selbsteinschätzung ein Auge auf die junge Dame wirft und ständig wie offensichtlich verneint, der in der Stadt umhergehende Bratfett-Mörder, einem wie der Name sagt über und über mit Küchenfett eingeschmierter Serientäter, zu sein.

Horror, Komödie, Drama: im Kern ist The Greasy Strangler ein Vater-Sohn-Drama um zwei Menschen, die man am Rande der Gesellschaft verorten kann und versuchen, in dieser sich zurecht zu finden. Durcheinander gewirbelt wird das Gefüge durch die angeblich weibliche Bedrohung in Form von Braydens Romanze mit Jane. Ronnie reagiert, nachdem die Mutter die beiden vor Jahren bereits verlassen hat, mit kindlichem Trotz und Eigensinn auf die Invasorin, die im Begriff ist, ihm seinen letzten Bezugspunkt und Halt zu nehmen. Regisseur Jim Hosking wirbelt mit seinem Co-Autoren Toby Harvard die weitere Story mit weniger unerwarteten, mehr abstrusen Wendungen durcheinander, als er Ronnie in die Offensive gehen und Jane seinem Sohn ausspannen lässt. Normal als Begrifflichkeit allgegenwärtiger, kollektiver Wahrnehmung scheint in diesem Film nicht viel zu sein. Absurde Details wie der schweinsnasige Freund Braydens oder Augen, die wie in Cartoons aus den Köpfer der Opfer des Killers herausploppen werden innerhalb des filmischen Mikrokosmos als selbstverständlich verkauft. In seiner grenzenlosen Absurdität schwankt der Film zwischen den Filmen eines John Waters oder Quentin Dupieux sowie einer guten Portion Monty Python.

Übertrieben hervorgehobene Ekeldetails in einzelnen Szenen, betont gewaltig oder winzig dargestellte männliche Genitalien, leichter Einschlag in einen vulgären Humor und allgegenwärtige Hässlichkeit als gewählte Ästhetik des Films: Jim Hosking erstellt in The Greasy Strangler einen Gegenentwurf zur bekannten schillernden Scheinwelt eines Los Angeles mit seinen Stars und Sternchen. Durch die Verbindung mehrerer Genres geht The Greasy Strangler trotz seines vorherrschenden Konzepts vom "Mut zur Hässlichkeit" die klare Linie etwas verloren. Ohne wirklich die Mechanismen des Horrorfilms voll ausspielen zu wollen, schwankt der Film in manchen Szenen unentschlossen zwischen reiner Komödie und Anflügen konventioneller Horrorformeln, die der Groteske eine komplette, klare Struktur verwehren. Mehr nimmt der Film die wankelmütige Persönlichkeit seines Protagonisten Big Ronnie an, der bei all seinen lauten Ausbrüchen, Extravaganzen und diffusen Verhaltensmustern nicht verbergen kann, dass er unter dieser Hülle eine fragile Seite besitzt, die geschützt werden möchte. Ohne in Gefühlsduseligkeit abzudriften, behält Hosking hier den Weg bei und setzt bis zum gleichermaßen seltsamen wie in der Syntax des filmischen Kosmos dennoch völlig normalen Happy Ends auf die größte Stärke seins Films: einer Welt bevölkert von Figuren und deren Aussehen, Handlungen und Eigenheiten die bei geringer repetitiver Handlungsmuster als großes Ganzes soweit funktionieren, dass man meist ungläubig mit offenem Mund, immer leicht verzogen zu einem Grinsen oder sich anbahnenden Lachen - - frei nach dem Motto Seeing is believing - in seinem Heimkino sitzt. Da funktioniert der Film wirklich sehr gut und bot mir, der ein Herz für filmische Absurditäten besitzt, eine nicht enden wollende Flut an verzückenden Unglaublichkeiten.
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Samstag, 18. April 2020

[Rotten Potatoes #5] The Children of Golgotha

Meine einleitenden Worte zum ersten Beitrag meiner unregelmäßigen Streifzüge in den deutschen Genrefilm müssen richtig gestellt werden: Initialzündung für diese war neben eines Berichts der Deadline auch der von mir sehr geschätzte Patrick Lohmeier, mit dem ich mich für seinen Podcast Bahnhofskino über Robert Sigls wunderbar düsteres Horrormärchen Laurin unterhielt. Gleich welches Niveau, welches Produktionslevel; egal ob nun in den Credits die Namen Sigl, Schwenk, Ittenbach, Faltermeier, Herzog oder Brandl erscheinen: in Bayern scheint es gute Voraussetzungen dafür zu geben, dass Filmkreative öfter düstere Geschichten erschaffen. Das Geschwister-Trio der Brandls konzentriert sich nicht ausschließlich auf Horror, legte dafür mit dem Ende 2019 veröffentlichten The Children of Golgotha den inoffiziellen Nachfolger zur Okkult-Gore-Eskapade Unholy Ground - der erste hier unter dem Label Rotten Potatoes besprochene Film - kürzlich einen weiteren wortwörtlich unheiligen Genre-Beitrag nach.

Wie bereits Unholy Ground handelt es sich bei The Children of Golgotha mehr um ein Solo-Projekt von Günther Brandl, dessen Geschwister Monika und Helmut hier eher hinter der Kamera (und in kleinen Nebenrollen auch davor) an der Produktion beteiligt waren. Die darin eingeschlagene Richtung behält Brandl bei und vermengt viel nackte Haut mit einer okkulten Geschichte, welche im Venezuela der 20er Jahre angesiedelt ist. Gebeutelt vom dortigen Bürgerkrieg entschließt sich das gut betuchte Ehepaar de Guzman ihre Tochter Maria in die Obhut eines Klosters zu geben, um sie vor den Gefahren der weiter im Land schwelenden Kämpfe zu beschützen. Einen Platz im Gefüge des Klosters zu finden und zu akzeptieren, dass sie nun ein Leben als Nonne führen muss, fällt Maria, welche als Novizin den Namen Lucita erhalten hat, schwer. Unter der frommen Oberfläche brodelndes, sündiges Treiben verbreitet sich mit dem bei Renovierungsarbeiten Stück für Stück freigelegten, als verschollen geglaubtes Fresko der Kinder von Golgotha innerhalb der Klostermauern unter den meisten der im Kloster ansässigen Schwestern in wahrhaftig teuflischer Geschwindigkeit. Wahn und Wirklichkeit scheinen zu verschwimmen; die Nonnen nehmen dämonische Züge an, zeugen mit Jesus selbst ein Kind und Lucita fällt es immer schwerer, sich den Versuchungen zu erwehren.

Selbst wenn The Children of Golgotha nur lose thematisch mit Unholy Ground zusammenhängt -  hüben wie drüben wird Sex, Gore and Blasphemy geboten - so wird er leicht ein Opfer jener Last, der ansonsten nur reine Sequels anheim fallen. Von allem wird mehr geboten, nur komplett möchte es diesmal leider nicht ganz funktionieren. Manches Mal wird zuviel aufgetischt und die nächste Gore- oder Nacktszene geht zu lasten der an sich gar nicht so uninteressanten Idee und Geschichte. Neues wird darin nicht geboten, aber typisch für die Sippe der Brandls merkt man dem Film an, dass bei deren No-Budget-Methodik eigentlich weniger die Befriedigung niedriger Instinkte der Zuschauer im Vordergrund steht sondern vielmehr die Verwirklichung der eigenen Visionen mit den gegebenen Mitteln. Betrachtet man sich beispielsweise die technische Seite des Films genauer, ist das Trio der eigenen Vorgehensweise leicht entwachsen. Die Kulissen sind weit entfernt vom für deutsche Amateur-Produktionen gewohnten Wald- und Wiesensetting; die bayrische Natur kann nur mit zwei zugedrückten Augen als venezolanischer Dschungel durchgehen, doch die Bemühungen, dies dem Zuschauer als eben jenen zu verkaufen, locken mehr respektvolle Anerkennung als unfreiwillige Komik hervor. Abgerundet wird dies von Drohnenaufnahmen, die dem Film und seinen Look hübsch aufwerten.

Die Art der Arbeit erinnert an die Realisierung der Stoffe im italienischen Genrekino der 70er und 80er Jahre: aus geringsten Mitteln auf kreative Weise das Beste herausholen. Passend dazu erinnert The Children of Golgotha an Vertreter des Nunploitation-Genres wie Joe D'Amatos Kloster der 1000 Todsünden oder andere; es gibt reichlich Anlass um die Peitsche knallen zu lassen oder Nonnen sich der fleischlichen Versuchung hingeben zu lassen; wenn Günther Brandl diesmal in einer Nebenrolle als Eunuch und Bediensteter des Klosters eine Nonne wegen ihrer Verfehlungen auspeitschen muss, erinnerte mich das an Jess Francos Auftritte in einigen seiner Filme als tumber Hilfsgeselle, der ebenfalls gerne sadistische Taten zelebriert. Weil neben reichlich nacktem Fleisch auch reichlich roter Lebenssaft fließt, könnte man The Children of Golgotha mehr noch als bajuwarische Version von Bruno Matteis The Other Hell ansehen, wobei der italienische Trash-Spezialist sich darin mehr auf den Horror konzentriere. Bei den Brandls erhält man Elemente aus beiden Welten und es scheint beinahe überraschend, dass sowas nicht schon vor vielen Jahren von Andreas Bethmann gemacht wurde. Wie in den Sleaze-Bomben vergangener Zeiten lässt man keine Gelegenheit aus, nackte Haut zu präsentieren. Die Schauwerte nehmen überhand und verdrängen leider manchen guten Ansatz in der Geschichte.

Richtig interessant wird diese, wenn Brandl offen lässt, ob das Geschehen im Kloster Wirklichkeit oder nur kollektive Wahnbilder sind. Das Rad erfindet er damit nicht neu, zeigt aber in jenen Szenen ein gutes Geschick für deren Inszenierung. Leider kommt er häufiger von diesem Weg ab, lenkt im weiteren Verlauf kurzzeitig auf diesen ein um doch mehr dem diabolischen Treiben und dessen Verlockungen Raum zu geben. Bei knapp zwei Stunden Laufzeit ufert der Film manchmal aus; die Orgienszene gegen Ende verleitet dazu, gedanklich gänzlich auszusteigen. Zu breit wird das unheilige Treiben der Nonnen dort ausgewälzt. Vielleicht ließ sich der Schöpfer unbemerkt vom teuflischen Charme seiner Story so ablenken, dass er die subtilen Momente so gnadenlos ans Kreuz nagelte wie das Ende ausfällt. Durch den Umstand, dass sowas aus dem katholisch geprägten Bayern kommt, erhält The Children of Golgotha eine ganz dezent subversive Note. Blasphemic Bavarian Nunslaying - das ist filmischer Death Metal der den Zuschauer platt wälzt. Ein Rausch an Exploitation der alten Schule, die man heute manchmal vermisst und hier ohne gänzlich ins schmuddelige abzudriften. Der gewollte diabolische Rausch des Films ist in manchen Augenblicken mehr ein lautes Rauschen, durch das sich die ansprechenden Töne leicht quetschen müssen. Für Freunde von Nunploitation und deftigem Horror ist The Children of Golgotha ein wahres Fest auf vielen Ebenen, der mich nicht komplett überzeugen konnte, mir aber persönlich Lust machte, wieder mal in diesem Genre zu wildern.

Beziehbar über Brandl Pictures
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